Gebet

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Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen:

woher wird mir Hilfe kommen? Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Wie tröstlich und notwendig ist für uns Bergsteiger die Zuversicht: « Er kann deinen Fuss nicht gleiten lassen! » Ausgleiten auf Fels und Eis ist uns ja tödliche Gefahr. « Der Herr behütet dich vor allen Übeln. » Übel genug: Steinschlag, Lawine, ausbrechender Tritt am Grat oder in der Wand. Tod bringt uns ein Stein von oben, ein Stein nach unten. Ein Fall, ein Unfall, ein « Zufall » bricht uns den Fuss, den Hals. Das strebende Bemühen des Bergsteigers ist nicht zu verachten. Aber was hülfe es ohne die Hilfe von oben? Schon das Streben ist Geschenk von oben, das Ausharren, das Standhalten. Lauter Gnade des erhabenen Geistes ist auch die Kraft, Natur zu fühlen, zu geniessen.

Wir setzen das Leben ein, damit uns das Leben gewonnen sei. Wilhelm Teil freut sich des Lebens nur dann, wenn er es sich täglich neu erbeutet. Auch unsre Beute ist manchmal « das Gefühl siegreichen Lebens » ( Schiller ), also ein Erhabenes. Hüten wir uns vor der Masslosigkeit eines noch « Erhabeneren », das Kleist in einem Brief von seiner Zufluchtsstätte auf der Aareinsel bei Thun preist: « Das Leben hat doch immer nichts Erhabeneres als nur dieses, dass man es erhaben wegwerfen kann. » Das tut der Bergsteiger nicht. Freilich können ihn die Berge dämonisch hinaufziehn: « Zu mächtig, ach, ihr himmlischen Höhen, zieht ihr mich empor » ( Hölderlin).Schluss folgt. )

Gebet

Berge sind Höhen, die uns die Tiefe der Täler immer wieder in ganzer " Weite zeigen.

Und die Tiefe der Täler öffnet die Berge, gross und gewaltig, als des Schöpfers Reigen. Aus des Tales Tiefen wollen wir steigen zu den Bergen, der ewigen Grösse Mäler, dort zu finden die stärkende Stille der Höhe, Kraft unserm Leben aus diesem göttlichen Schweigen.M. Oe.

Das Erhabene und die Ehrfurcht ( Schluss )

Vortrag, gehalten in der 85jährigen Sektion Rätia SAC.

Von M. Szadrowsky ( Chur ) Allzu hoch über menschliche Erhabenheit stösst Nietzsche ins Übermenschliche. Sein Zarathustra liebt den, « der über sich selber hinaus schaffen will und so zugrunde geht ». Seine Erhabenheit über Menschliches, Allzumenschliches führt « in den eisigen Atem des Alleinseins », und « es gibt Gefühle, die den Einsamen töten wollen ». Nietzsche ist kein Bergsteiger. Er meint eigentlich höchste Höhen übermenschlichen Denkens und Wollens. Als Bild dafür braucht er das Hochgebirge und den ganz Einsamen dort oben. Was er darüber weiss und im Bilde verwertet, das geht uns Bergsteiger an, zumal wenn wir uns über Erhabenheit Gedanken machen. Grossartig verkündet Nietzsches Zarathustra: « Im Gebirge ist der nächste Weg von Gipfel zu Gipfel: aber dazu musst du lange Beine haben. » Da kommen wir nicht mit, auch wenn wir « Grosse und Hochwüchsige » sind, wie er sie fordert. « Die Luft dünn und rein, die Gefahr nahe », heisst es weiter. Wir stimmen zu, nicht aber der Fortsetzung: « und der Geist voll einer fröhlichen Bosheit: so passt es gut zueinander. » Bosheit nun gerade nicht, wenn auch Frohmut. « Mut, der die Gespenster verscheucht », jawohl; aber wie unheilvoll überheblich wäre es, wenn wir zugäben: « der Mut will lachen ». Lachen will Zarathustra über die Gewitterwolke, die er unter sich sieht, « diese Schwärze und Schwere ». « Lachen und zugleich erhoben sein », das ist seine übermenschliche Erhabenheit: « Ihr seht nach Oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe hinab, weil ich erhoben bin. Wer von euch kann zugleich lachen und erhoben sein? » Eine unausstehliche Bergsteigerart wäre das, der lachend Erhabene, der erhaben Lachende: Nietzsche selber hätte diesen Bergsteiger nicht ausgehalten. Recht hat er mit dem Verlangen, der Erhabene müsse ein Gehobener sein, und mit dem Wunsch, die Erhabenheit sollte in Schönheit übergehen: « Wenn er seiner Erhabenheit müde würde, dieser Erhabene: dann erst würde seine Schönheit anheben. » Das fällt dem Helden schwer, dem Willensmenschen: « Gerade dem Helden ist das Schöne aller Dinge Schwerstes. Unerringbar ist das Schöne allem heftigen Willen. Ein Wenig mehr, ein Wenig weniger: das gerade ist hier Viel, das ist hier das Meiste. Mit lässigen Muskeln stehn und mit abgeschirrtem Willen: das ist das Schwerste euch Allen, ihr Erhabenen. » Fürwahr: den Willen auch abschirren können, das steht Bergsteigern wohl an, gerade wenn es « Grosse und Hochwüchsige » sind, « rechtwinklig an Leib und Seele ». Aus unserm Herzen heraus klagt und fordert Nietzsche: « Ach, es gibt so viel Lüsternheit nach Höhe! Es gibt so viel Krämpfe der Ehrgeizigenl Zeige mir, dass du keiner der Lüsternen und Ehrgeizigen bist! » Besser als Ehrgeiz ist denn doch das Lachen. Lachen darf der Bergsteiger und soll es können, lachen über sich und sein Bergsteigen, sein Werk nicht zu wichtig werten, sich im Ernste freuen über die Leistung und sie doch lustig finden, mehr Spiel als Sport, erhabenes Spiel. « Zweierlei liebt der rechte Mann:

Gefahr und Spiel. » Das bedeutet für uns niemals ein Spielen mit der Gefahr, kein Spielen mit dem Leben, aber Einsatz von Lebenskraft für erhebende Freude.

Über den Berg lachen wir nicht. Ehrfurcht zollen wir ihm. Wir tun ihm die Ehre an, ihn zu fürchten. Aber das Wort Ehrfurcht greift ja noch tiefer, klingt noch höher. Nie vergesse ich den entrüsteten Einwand einer Basler Dame: « Was? Ehrfurcht vor dem Berg » Tatsächlich: Ehrfurcht vor dem Berg. Kostbarer Bergsteigerbesitz ist sie. Nicht seine letzte und höchste Ehrfurcht ist das. Aber Ehrfurcht ist es, Ehrfurcht vor einem Mächtigen, manchmal oder meistens Übermächtigen. Sparen wir doch die Ehrfurcht nicht! Schenken wir sie dem Gebirge, so haben wir ihrer noch die Fülle erst recht dem uns offenbarten Herrn des Gebirges gegenüber.

Wie kommt Ehrfurcht vor dem Berg mit Erhabenheit des Bergsteigers aus? Erhabenheit fühlt er in sich, und dem Berg schreibt er sie auch zu, dem erhabenen Berg. Dagegen: Ehrfurcht zollt er dem Berg, ohne dass er ihm Ehrfurcht zumutet. Die Sprache bezeichnet keinen Berg als ehrfürchtig. Sie kennt erhabene Natur, aber keine ehrfürchtige. Ehrfurcht ist also ein Besitz, der den Menschen zeichnet, kennzeichnet, auszeichnet. Sie « erhebt » ihn über die Natur, den Bergsteiger über den Berg. Oder doch nicht? Der Berg ist und tut alles, was er seinem Bergwesen nach sein kann. Mehr tut der Bergsteiger auch nicht, wenn er das dem Menschenwesen Wesentliche verwirklicht, die Ehrfurcht. Dankbar sind wir dafür, dass wir Ehrfurcht fühlen dürfen.

Lassen wir uns von Goethe sagen, dass nur durch Ehrfurcht « der Mensch zum Höchsten gelangt, was er zu erreichen fähig ist, dass er sich selbst für das Beste halten darf, was Gott und Natur hervorgebracht haben, ja dass er auf dieser Höhe verweilen kann, ohnejetzt wollen wir Bergsteiger ganz besonders aufmerkenohne durch Dünkel und Selbstheit wieder ins Gemeine gezogen zu werden. » 5.

Eine schwere Wahl wäre es, wenn zu wählen wäre: Einsatz von Willen und Tatkraft oder genaues, ruhiges Betrachten der Natur oder Gefühl, Begeisterung, Erhabenheit oder Ehrfurcht. Alles zusammen dürfen und können wir. Besser hat es keiner zustande und in Worte gebracht als Goethe. Hinauf-gebildet hat er sich zum ganzen Erleben der Natur, die auch ihn zuerst übermächtig überwältigte.

Als junger Mensch ist er auf der ersten Wanderung durch die Schweiz ( 1775 ) den gewaltigen Eindrücken nicht gewachsen: « Nun steh'ich und schaue diese Wunder, und wie wird mir dabei? Ich denke nichts, ich empfinde nichts und möchte so gern etwas dabei denken und empfinden. Diese herrliche Gegenwart regt mein Innerstes auf, fordert mich zur Tätigkeit auf, und was kann ich tun, was tue ich? Da setz'ich mich hin und schreibe und beschreibe. » Masslos ist seine Begierde nach Natur, masslos sein Anspruch an die Natur: « So wie mich sonst die Wolken schon reizten, mit ihnen fort in fremde Länder zu ziehen, wenn sie hoch über meinem Haupte wegzogen, so steh'ich jetzt oft in Gefahr, dass sie mich von einer Felsenspitze mitnehmen, wenn sie an mir vorbeiziehen. Welche Begierde fühl' ich, mich in den unendlichen Luftraum zu stürzen, über den schauerlichen Abgründen zu schweben und mich auf einen unzugänglichen Felsen niederzulassen! Mit welchem Verlangen hol' ich tiefer und tiefer Atem, wenn der Adler in dunkler blauer Tiefe, unter mir, über Felsen und Wäldern schwebt und in Gesellschaft eines Weibchens um den Gipfel, dem er seinen Horst und seine Jungen anvertrauet hat, grosse Kreise in sanfter Eintracht zieht! Soll ich denn nur immer die Höhe erkriechen, am höchsten Felsen wie am niedrigsten Boden kleben und, wenn ich mühselig mein Ziel erreicht habe, mich ängstlich anklammern, vor der Rückkehr schaudern und vor dem Falle zittern ?» Übermenschlich hoch hinauf will der junge Mensch in der Natur und bleibt ihr doch verfallen.

Vier Jahre später ist er imstande, Natur ruhig zu schauen und gerade dadurch erhoben zu werden. Er wandert von Basel durch den Jura südwärts. Jetzt zuerst das aufmerksame Schauen einer Juraschlucht: « Bald steigen aneinanderhängende Wände senkrecht auf, bald streichen gewaltige Lagen schief nach dem Fluss und dem Weg ein, breite Massen sind auf einander gelegt, und gleich daneben stehen scharfe Klippen abgesetzt. Grosse Klüfte spalten sich aufwärts, und Platten von Mauerstärke haben sich von dem übrigen Gesteine losgetrennt. Einzelne Felsstücke sind herunter gestürzt, andere hängen noch über und lassen nach ihrer Lage fürchten, dass sie dereinst gleichfalls hereinkommen werden. Bald rund, bald spitz, bald bewachsen, bald nackt sind die Firsten der Felsen, wo oft noch oben drüber ein einzelner Kopf kahl und kühn herüber sieht, und an Wänden und in der Tiefe schmiegen sich ausgewitterte Klüfte hinein. » Könnte man die Schlucht sachlicher schauen und schildern? Und gerade durch die Sachlichkeit wird ihm beim Zug durch die Enge « eine grosse ruhige Empfindung » zuteil: « Das Erhabene gibt der Seele die schöne Ruhe, sie wird ganz dadurch ausgefüllt, fühlt sich so gross, als sie sein kann. Wie herrlich ist ein solches reines Gefühl, wenn es bis gegen den Rand steigt, ohne überzulaufen. » Durch erhabene Natur « wird die Seele in sich grösser ». Goethe wünscht: « Hätte mich nur das Schicksal in irgendeiner grossen Gegend heissen wohnen, ich wollte mit jedem Morgen Mahnung der Grossheit aus ihr saugen, wie aus einem lieblichen Tal Geduld und Stille. » Am Ende der Schlucht kehrt er allein ein Stück zurück, gewinnt noch einen erhebenden Gedanken dazu: « Ich entwickelte mir noch ein tiefes Gefühl, durch welches das Vergnügen auf einen hohen Grad für den aufmerksamen Geist vermehrt wird. Man ahnet im Dunkeln die Entstehung und das Leben dieser seltsamen Gestalten. Es mag geschehen sein, wie und wann es wolle, so haben sich diese Massen, nach der Schwere und Ähnlichkeit ihrer Teile, gross und einfach zusammengesetzt. Was für Revolutionen sie nachher bewegt, getrennt, gespalten haben, so sind auch diese noch nur einzelne Erschütterungen gewesen, und selbst der Gedanke einer so ungeheuren Bewegung gibt ein hohes Gefühl von ewiger Festigkeit. Die Zeit hat auch, gebunden an die ewigen Gesetze, bald mehr, bald weniger auf sie gewirkt. » Noch weiter und höher hilft ihm dann das Betrachten mit Auge und Geist: auch in der Verwitterung des Gesteins und im Aufkommen des Pflanzenwuchses « ist nichts Willkürliches, hier wirkt ein alles langsam bewegendes, ewiges Gesetz. » Immer wieder dürfen wir uns mit Goethe vom klar geschauten Naturhaften zum Ewigen erheben. Der Montblanc im Sonnenuntergang ist ihm « so ein grosser Anblick, dass ein menschlich Auge nicht dazu hinreicht », eine erhabene Schau dann das höchste Gebirge über einem Nebelmeer. Im Aufsteigen auf einen Berg hatte man von den Herrschaften der grossen Landstrecken gesprochen, « und in solchen Gedanken betraten wir den Gipfel; allein uns war ein ander Schauspiel zubereitet. Nur die hohen Gebirgsketten waren unter einem klaren und heitern Himmel sichtbar, alle niedern Gegenden mit einem weissen wolkigen Nebelmeer überdeckt, das sich von Genf bis nordwärts an den Horizont erstreckte und in der Sonne glänzte. Daraus stieg ostwärts die ganze reine Reihe aller Schnee- und Eisgebirge, ohne Unterschied von Namen der Völker und Fürsten, die sie zu besitzen glauben, nur einem grossen Herrn und dem Blick der Sonne unterworfen, der sie schön rötete. » Das Schwinden des Nebels konnten die Wanderer nicht abwarten, das tiefere Land nicht sehen; es « musste, damit der Genuss vollkommen werde, noch etwas zu wünschen übrig bleiben. » Tags darauf ist ihnen dann von der Dole der ganze weite Ausblick gegönnt. Was Goethe darüber schreibt, das ist die berühmteste und hoffentlich bekannteste Schilderung einer Bergaussicht. Uns geht der Blick auf die Eis- und Schneeberge besonders an: « Und immer wieder zog die Reihe der glänzenden Eisgebirge das Aug'und die Seele an sich. Die Sonne wendete sich mehr gegen Abend und erleuchtete ihre grössern Flächen gegen uns zu. Schon was vom See auf für schwarze Felsrücken, Zähne, Türme und Mauern in vielfachen Reihen vor ihnen aufsteigen! wilde, ungeheure, undurchdringliche Vorhöfe bilden! wenn sie dann erst selbst in der Reinheit und Klarheit in der freien Luft mannigfaltig da liegen; man gibt da gerne jede Prätension ans Unendliche auf, da man nicht einmal mit dem Endlichen in Anschauen und Gedanken fertig werden kann. » Er empfindet die Erhabenheit der Eisberge über alle menschliche Nutzung: « Vor uns sahen wir ein fruchtbares bewohntes Land; der Boden, worauf wir standen, ein hohes, kahles Gebirge, trägt noch Gras, Futter für Tiere, von denen der Mensch Nutzen zieht. Das kann sich der einbildische Herr der Welt noch zueignen; aber jene sind wie eine heilige Reihe von Jungfrauen, die der Geist des Himmels in unzugänglichen Gegenden, vor unsern Augen, für sich allein in ewiger Reinheit aufbewahrt. » Beim Sonnenuntergang schienen Eisberge « in einen leichten Feuerdampf aufzuschmelzen; die nächsten standen noch mit wohlbestimmten roten Seiten gegen uns, nach und nach wurden jene weiss, grün, graulich. Es sah fast ängstlich aus. Wie ein gewaltiger Körper von aussen gegen das Herz zu abstirbt, so erblassten alle langsam gegen den Montblanc zu, dessen weiter Busen noch immer rot herüber glänzte und auch zuletzt uns noch einen rötlichen Schein zu behalten schien, wie man den Tod des Geliebten nicht gleich bekennen und den Augenblick, wo der Puls zu schlagen aufhört, nicht abschneiden will. » Dankbar dürfen wir Bergsteiger sagen: solche Erhabenheit, « fast ängstlich », ist uns auch schon geschenkt worden; wir kennen sie, wenn wir sie auch nicht ausdrücken können.

Auf dem Weg nach Chamouni fühlen die Wanderer, dass sie « einem stärkern und mächtigern Satz von Bergen immer näher rückten ». « Die Massen werden hier immer grösser, die Natur hat hier mit sachter Hand das Ungeheure zu bereiten angefangen. » « Das Ungeheure », immer wieder « Ungeheures » erlebt Goethe in der Natur mit Schaudern und Staunen, erlebt das Ungeheure als Erhabenes. « Es wurde dunkler, wir kamen dem Tale Chamouni näher und endlich darein. Nur die grossen Massen waren uns sichtbar. Die Sterne gingen nach einander auf, und wir bemerkten über den Gipfeln der Berge, rechts vor uns, ein Licht, das wir nicht erklären konnten. Hell, ohne Glanz, wie die Milchstrasse, doch dichter, fast wie die Plejaden, nur grösser, unterhielt es lange unsere Aufmerksamkeit, bis es endlich, da wir unsern Standpunkt änderten, wie eine Pyramide, von einem innern, geheimnisvollen Lichte durchzogen, das dem Schein eines Johanniswurms am besten verglichen werden kann, über den Gipfeln aller Berge hervorragte und uns gewiss machte, dass es der Gipfel des Montblanc war. Es war die Schönheit dieses Anblicks ganz ausserordentlich; denn da er mit den Sternen, die um ihn herum stunden, zwar nicht in gleich raschem Licht, doch in einer breitern und zusammenhängendem Masse leuchtete, so schien er den Augen zu einer höhern Sphäre zu gehören, und man hatte Müh ', in Gedanken seine Wurzeln wieder an die Erde zu befestigen. Vor ihm sahen wir eine Reihe von Schneegebirgen dämmernder auf den Rücken von schwarzen Fichtenbergen liegen und ungeheure Gletscher zwischen den schwarzen Wäldern herunter ins Tal steigen. » Goethe fügt diesem Bild der Erhabenheit bescheiden bei: « Meine Beschreibung fängt an, unordentlich und ängstlich zu werden; auch brauchte es eigentlich immer zwei Menschen, einen, der 's sähe, und einen, der 's be-schriebe. » Beide vereinigt Goethe in sich. Darum ist er uns ein herrlicher Führer ins Reich des Erhabenen.

Vor dem Abschied « von diesem geliebten Tal » Chamouni erlebt er bei Nebel und Wolken « an dem Himmel eine herrliche Erscheinung: die Nebel, die sich bewegen und sich an einigen Orten brechen, lassen, wie durch Tagelöcher, den blauen Himmel sehen und zugleich die Gipfel der Berge, die oben, über unsrer Dunstdecke, von der Morgensonne beschienen werden. Auch ohne die Hoffnung eines schönen Tags ist dieser Anblick dem Aug'eine rechte Weide. Erst jetzo hat man einiges Mass für die Höhe der Berge. Erst in einer ziemlichen Höhe vom Tal auf streichen die Nebel an dem Berg hin, hohe Wolken steigen von da auf, und alsdann sieht man noch über ihnen die Gipfel der Berge in der Verklärung schimmern. » Wir merken uns: auch Wolken können Auge und Herz ins Erhabene hinaufführen.

Den Weg von Chamouni über den Col de Balme traten die Wanderer « keck gegen die dunkle Nebel- und Wolkenregion » an, stiegen « auf rauhen Matten und schlecht berasten Flecken » den Quellen der Arve entgegen, hinein in den Nebelkreis, dann aus den Wolken heraus, sahen über der Wolkenfläche ferne Berge im Sonnenschein, wurden von aufwärts streichendem Nebel aufs neue eingehüllt, stiegen stärker den Berg hinan, und ein Gegenwind vom Berge kam ihnen zu Hilfe; öfter wiederholte sich « der wundersame Streit », den die Geister der Luft » miteinander führten. Vom Pass ins Wallis hinunter stieg man, wirklich nicht ohne Mühsal, bei scharfem Wind und Schneegestöber « einen sehr rauhen und wilden Stieg abwärts, durch einen alten Fichtenwald, der sich auf Felsplatten von Gneis eingewurzelt hatte.Vom Wind über einander gerissen, verfaulten hier die Stämme mit ihren Wurzeln, und die zugleich losgebrochenen Felsen lagen schroff durch einander. » Bei dem berühmten Wasserfall zwischen Martinach und St. Maurice mit seinen Regenbögen möchte Goethe nicht nur stunden-, sondern tagelang verweilen: « Auch hier wieder, wie so oft auf dieser Reise, fühlten wir, dass grosse Gegenstände im Vorübergehen gar nicht empfunden und genossen werden können. » Gönnen wir Bergsteiger uns doch Zeit zur verweilenden Hingabe an das Erhabene!

Unaussprechliches auszusprechen, bemüht er sich dann an einem Novemberabend im Wallis, im Leukerbad: « Es ist eine unaussprechliche Einsamkeit hier oben, in so grosser Höhe doch noch wie in einem Brunnen zu sein, wo man nur vorwärts durch die Abgründe einen Fusspfad hinaus vermutet. Die Wolken, die sich hier in diesem Sacke stossen, die ungeheuren Felsen bald zudecken und in eine undurchdringliche, öde Dämmerung verschlingen, bald Teile davon wieder als Gespenster sehn lassen, geben dem Zustand ein trauriges Leben. Man ist voller Ahnung bei diesen Wirkungen der Natur... die ewige innerliche Kraft der Natur fühlt man sich ahnungsvoll durch jede Nerve bewegen. » Dauernder Gewinn ist, dass sich selber « gleichsam grösser fühlt », wer « solche grosse Gegenstände der Natur gesehen und mit ihnen vertraut geworden ist. » Goethe spürt auch das Unheimliche der schon fast winterlichen Gebirgseinsamkeit, jenes « Wehesein », das oft zum Erhabenen gehört: « Der Gedanke, dass man immer enger und enger zwischen ungeheuren Gebirgen eingeschlossen wird, gibt der Imagination graue und unangenehme Bilder, die einen, der nicht recht fest im Sattel sässe, gar leicht herabwerfen könnten. Der Mensch ist niemals ganz Herr von sich selbst. Da er die Zukunft nicht weiss, da ihm sogar der nächste Augenblick verborgen ist, so hat er oft, wenn er etwas Ungemeines vornimmt, mit unwillkürlichen Empfindungen, Ahnungen, traumartigen Vorstellungen zu kämpfen, über die man kurz hinterdrein wohl lachen kann, die aber oft in dem Augenblicke der Entscheidung höchst beschwerlich sind. » Man könnte an beiden Seiten von Bergen eingeschlossen, von Wolken zugedeckt und in einer Nacht eingeschneit sein, « so flüsterte die Sorge, die sich meistenteils des einen Ohrs bemeistert. Auf der andern Seite sprach der gute Mut mit weit zuverlässigerer Stimme, verwies mir meinen Unglauben. » « Der Ausgang wird entscheiden, ob unser Mut und Zutrauen, dass es gehen müsse, oder die Klugheit einiger Personen, die uns diesen Weg mit Gewalt widerraten wollen, Recht behalten wird. So viel ist gewiss, dass beide, Klugheit und Mut, das Glück über sich erkennen müssen. » So erhebt sich auch heute noch der Bergsteiger mit Vertrauen und Mut über den Kleinmut, worein die ungeheure Erhabenheit des Gebirges ihn hinunterdrücken kann. Dankbar weiss Goethe, als er sich nach dem winterlichen Wagnis in Realp geborgen fühlt, dass die zwei Walliser Führer entscheidend geholfen haben: « Die Geschicklichkeit der Leute und die Leichtigkeit, womit sie die Sache traktierten, erhielt auch unsern guten Mut. » Wie grossen Dank für erhabene Bergerlebnisse schulden wir den Bergführern!

Der Gotthard hat für Goethe « den Rang eines königlichen Gebirges über alle andere », weil von ihm aus « Gebirge und Flüsse in alle vier Himmels- gegenden auslaufen » —, ein erhebender Gedanke, der über unermessliche Weiten hinaustragt.

Auch ein Gestein hat in Goethes ehrfürchtigem Gemüt fast königliche Hoheit. Über den Granit schreibt er ein paar Jahre später, « die Würde dieses Gesteines » bestehe darin, « dass diese Steinart... die Grundfeste unserer Erde sei, worauf sich alle übrigen mannigfaltigen Gebirge hinaufgebildet. » Und er selber wird auf einem hohen, nackten Granitgipfel « zu höheren Betrachtungen der Natur hinaufgestimmt »; seine Seele « wird über sich selbst und über alles erhaben ». Er überlässt sein Gemüt einer « schweifenden Betrachtung » des Weltbaus, kehrt dann aber zum Anschauen zurück: ich « sehe die Felsen selbst an, deren Gegenwart meine Seele erhebt und sicher macht ». Eine wunderbar wirklich wirkende Welt: die gegenwärtige Tatsache der Felsen erhebt und macht sicher.

Auf der dritten Schweizer Reise ( 1797 ) nimmt Goethe mit Auge und Ohr und Geist den Rheinfall bei Schaffhausen auf. Da zeichnet er sich « erregte Ideen » auf; es sind Züge ungeheurer Naturerhabenheit: « Gewalt des Sturzes. Unerschöpfbarkeit als wie ein Unnachlassen der Kraft. Zerstörung, Bleiben, Dauern, Bewegung, unmittelbare Ruhe nach dem Fall. » Er beobachtet, bei längerem Betrachten scheine die Bewegung zuzunehmen; er erklärt sich das so: « Das dauernde Ungeheure muss uns immer wachsend erscheinen »; er stellt eine Tatsache fest, die uns Bergsteiger besonders angeht: « Das Vollkommne muss uns zuerst stimmen und uns nach und nach zu sich hinaufheben. » Die erregte Phantasie gibt ihm den Einfall: « Das Meer gebiert das Meer. Wenn man sich die Quellen des Ozeans dichten wollte, so müsste man sie so darstellen. » Dann findet er sich zum einfach Naturhaften zurück, das doch auch ins Weite führt: « Nach einiger Beruhigung des Gemüts verfolgt man den Strom in Gedanken bis zu seinem Ursprung und begleitet ihn wieder hinab. » Die sinnenhafte und sinnende Bewältigung des Ungeheuren geht weiter vom andern Ufer aus: « Der Rheinfall von vorn, wo er fasslich ist, bleibt noch herrlich, man kann ihn auch schön nennen. » Später zeigt sich der Regenbogen auf dem Gischt « in seiner grössten Schönheit »; « er stand mit seinem ruhigen Fuss in dem ungeheuren Gischt und Schaum, der, indem er ihn gewaltsam zu zerstören droht, ihn jeden Augenblick neu hervorbringen muss ». Es folgt das Stichwort: « Betrachtungen über die Sicherheit neben der entsetzlichen Gewalt. » Seien wir dankbar: wer uns Bergsteigern oft mit dem Gefühl der Sicherheit zum Erhabenen verhilft, ist der Freund oder der Bergführer.

Von Goethe lernen wir immer wieder, dass man sich « durch vieles und reiches Gewahrwerden emporhebt » zu Hohem und Erhabenem und dabei die wichtigste menschliche Fähigkeit nicht verliert, « das Unerforschliche ruhig zu verehren ».

Zum Schlusse ermutige uns auch Schiller noch einmal zum Erhabenen: « Das Erhabene, wie das Schöne, ist durch die ganze Natur verschwenderisch ausgegossen, und die Empfänglichkeit für beides in alle Menschen gelegt. » Als Bergsteiger haben wir reichen Anteil an diesen Gottesgaben.

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