Itinerarium für das Excursionsgebiet des S. A. C., 1876 und 1877. Tödi-Sardona-Kärpfgruppe

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( Von 1876 und 1877. )

( Von 1876 und 1877. )

Tödi-Sardona-Kärpf-Gruppe.

Von Albert Heim.

Excursionsgebiet des S.A.C. für die Jahre 1876 und 1877 sind die Gebiete, welche auf den Blättern Linththal ( Nr. 400 ), Elm ( 401 ), Tödi ( 404 ) und Laax ( 405 ) des topographischen Atlas der Schweiz im Massstab der Originalaufnahmen ( 1: 50,000 für diese Blätter ) oder auf Blatt XIV in 1: 100,000 ( obere Hälfte, die zwei mittleren Viertheile der Länge nach gerechnet ) dargestellt sind. Ein Theil dieser mächtigen Gebirgsmassen, die den Sammelgebieten von Vorderrhein, Reuss und Linth angehören, war schon im ersten Jahre des Alpenclubs unter dem Namen « Tödigruppe » Clubgebiet. Damals und seither ist wohl kaum eine Gruppe der Alpen so systematisch alpenclubistisch ausgebeutet worden, wie diese. Besonders haben Mitglieder der Sektion Tödi eine Menge neuer Zugänge zu den verschiedenen Gipfeln gesucht und unerstiegene zum ersten Male erstiegen. Sehr vieles ist ihnen gelungen, und sie sind immer bestrebt, das noch Fehlende zu ergänzen ( vergleiche Abschnitt über Literatur ). Zahllose Unternehmungen von Clubisten aller Sektionen und Länder und von Nichtclubisten sind in unserm Gebiete geglückt, andere misslungen. Die Jahrbücher des S.A.C. die « Alpenpost », das « Alpine'Journal* etc. arzählen davon. Bereits ist es schwierig geworden, noch unerstiegene Gipfel zu finden, und nicht sehr viel leichter, auf neuen kürzeren Wegen zu schon früher erstiegenen Gipfelpunkten zu gelangen. Allein desswegen bleibt unsere Gruppe doch unendlich mannigfaltig, reich, grossartig und lohnend — mit welchem Zwecke und in welchem Sinne man sie bereisen mag.

Was soll das Itinerarium und was soll es nicht?

Es soll nicht Marschrouten und Excursionen empfehlen, welche dann genau ausgeführt werden sollen, etwa so, wie oft Touristen die Routen ihrer Reisehandbücher befolgen. Es soll und kann nicht zwischen den verschiedenen Gipfeln richten, ob die Aussicht da oder dort lohnender sei. Es kann das Itinerarium unserer so viel beschriebenen und viel durchreisten Gegend nicht eine Geschichte der alpenclubistischen Leistungen sein, um dann anzugeben, was noch neu bleibt, denn sonst müsste es eine Unmasse Literatur ausziehen, die übrigens jedem Alpenclubisten zugänglich ist. Es kann auch nicht der Zweck des Itinerars für eine solche Gegend sein, zu berichten, wo man am besten Unterkunft findet — denn diesen Zweck er- füllen Reisehandbücher ja längst, und übrigens weiss der Alpenclubist, dass er, der einige Unbequemlichkeit nicht scheut, in der Hütte jeder Alp zur Sommerszeit Unterkommen findetfür den Fall, dass die Sennen nicht mehr dort leben, wird er seinen Proviant nicht ausgehen lassen ). Der Alpenclub schreibt das Itinerarium nicht für die Thalsohlenmenschen, sondern für sich selbst, und so hat dasselbe mit an Bergreisen gewöhnten Leuten zu verkehren, die mehr Spass daran haben, unter solchen Umständen sich selbst zu helfen, als am Gängelband geführt zu werden.

Endlich kann auch im Hochgebirge das Itinerarium kein Wegweiser sein. Die besten Wegweiser sind ein guter Führer und die Karte. Ich kann hier nicht unterlassen, den grossen Werth unserer Karten und die Nothwendigkeit, Karten richtig lesen zu lernen, zu betonen. Karte mit Führer führen uns sicherer sum Ziel und sagen uns im Voraus tausendmal mehr Details über unsern Weg, als viele Seiten lange Beschreibungen eines Itinerariums zu thun vermöchten. Man findet noch heutzutage in vielen neueren gedruckten Arbeiten zahlreiche Druckseiten, die es versuchen, die Formverhältnisse und die Lage der Kämme, Thäler und Pässe einer Gebirgsgruppe zu beschreiben, und doch wird dadurch lange nicht das Bild erreicht, das ein Blick auf die Karte gewährt. Das Kartenlesen erscheint noch fremd, und Viele meinen etwas Nützliches zu leisten, wenn sie die Karte in Worte übersetzen, obschon dadurch mit viel Mühe nur etwas sehr Un-vollständiges, Dürftiges gegeben wird, das keinen entfernten Vergleich mit der Karte aushält und auch eine sehr schlechte Karte nicht ersetzt. Unser Itinerarium erscheint so zu sagen als Text zur Excursionskarte und diese gibt uns Bescheid über folgende Dinge:

Wir erkennen in der Karte die ganz genaue Form, Grösse, Lage und Höhe der Thäler und Berge. Nicht nur jedes Haus, selbst jede kleine Sennhütte in den höchsten Regionen ist angegeben, ferner jede Brücke, alle Wege bis zu den kleinsten Fusswegen. Die Karte zeichnet uns alle Wasserläufe und Seen an, sie enthält eine Menge von Namen. Die Terraindarstellung ist durch Horizontalcurven von 30 Meter = 100 Fuss Vertikalabstand gegebenes sind also alle Punkte der gleichen Curve gleich hoch und jeder Punkt einer Curve liegt 30 Meter höher, als irgend ein Punkt der zunächst tieferen Curve. Wo die Curven auf der Karte sich dicht drängen, ist somit der Abhang steil, je weiter sie aus einander liegen, desto weniger geneigt ist das Gehänge; wo die Curven in den Abhang eine Einbiegung machen, ist eine Schlucht oder eine Nische, wo sie auswärts biegen, ein Grat oder Vorsprung ). Ob wir auf der Karte in einer gewissen Richtung aufwärts oder abwärts gehen, ist immer leicht aus dem Lauf der Flüsse oder den zahlreichen Höhenzahlen, sowie aus denjenigen Zahlen zu erkennen, welche auf je die 8te durch Punktirung hervorgehobene Curve eingezeichnet sind. Das Gebiet def Vegetation ist durch braune Höhencurven gezeichnet, und innerhalb desselben der Wald durch feine schwarze Punkte und Kreise hervorgehoben. Die Karte bezeichnet uns kahle Geröllhalden durch schwarze Curven mit Punkten und gibt durch schwarze Schraffur die Felsmassen mit ihren Formen wieder. Schnee und Gletscher werden durch blaue Curven dargestellt, und sogar die Moränen der letzteren, die breiten Geschiebeböden der Flüsse etc., sind in der Karte zu erkennen.

Aus der Karte lässt sich ganz genau die Länge der Wege messen und ihre Neigung berechnen. Bei ruhigem Gehen gebraucht man auf einem ziemlich steilen Alpwege für etwa 300 bis 400 Meter Vertikaldistanz eine Stunde Zeit. Durch grobes oder feines Gerolle, Schnee, Gletscher oder Fels und je nach der Zahl der Begleiter werden die Marschgeschwindigkeiten modinzirt und zwar in ungleichem Sinne bei Auf- und Absteigen. Nach einiger Uebung ist es jedem einzelnen Berggänger leicht, sich auf der Karte den ganzen Plan einer Hochgebirgstour selbst auszuarbeiten. Er findet hier nicht nur die einzuschlagende Richtung, er findet auch die dazu erforderliche Zeit, und den Bergführer gebraucht er nur gewissermassen für das Detail in den weglosen Gebieten, damit er für alle Fälle nicht allein sei, namentlich zur gegenseitigen Hülfe mit Seil und Beil, wo ein Tourist allein, der kaum je im Stande ist, die Uebung der Bergleute zu gewinnen, nicht ohne grosse Gefahr, oder überhaupt gar nicht durchzukommen vermöchte. Eine auf diese Weise selbst auf der Karte entworfene Tour wird den Alpenclubisten mehr freuen, als den längst gewohnten Wegen nachzugehen, und er wird durch seine strategische Selbstständigkeit mehr zur eigenen Beobachtung geführt werden und mehr montanistische Erfahrung gewinnen.

Selbst noch weiter vor hilft uns die Karte: Wer eine solche Karte zu lesen versteht, kann auch in den meisten Fällen durch einen Blick auf dieselbe eine Vorstellung von der Aussicht gewinnen, welche man von dem betreffenden Punkte aus geniesst; ein Bild, das ihm unendlich sicherere Auskunft gibt als die Frage an Jemand, der oben war, und dessen Eindruck von vielen Zufälligkeiten wie Wetter und Stimmung beeinflusst worden ist. Es ist selbst mit einfachen mathematischen Hülfsmitteln möglich ( freilich sehr zeitraubend und mühsam ), sich ein für die nicht allzu nahe gelegenen Theile der Aussicht vollkommen genaues Panorama in der Stube zu entwerfen, ohne jemals den Gipfel selbst besucht zu haben.

Somit lässt sich also Nachtquartier, Marschroute, die dazu nöthige Zeit, die Aussicht, das Quantum der Anstrengung, in gewissem Grade auch die Schwierigkeit der Tour aus der Karte lesen, und was uns noch fehlt, weiss der Führer oder die im Folgenden angeführte Literatur. Wenn der Alpenclubist erst gelernt hat, Karten zu lesen, so bleibt nur ein wichtiger Faktor bis jetzt durch alle Hülfsmittel unaufgeklärt, trotz Mond- und anderem Aberglauben: Die Vorausbestimmung des Wetters!

Dem Itinerarium bleibt noch übrig, aus den Karten nicht Ersichtliches mitzutheilen, was zum Verständniss der Gegend und dadurch zur Erhöhung des Genusses der Reise dient, und endlich die Beigabe eines Verzeichnisses der Literatur etc.

I.

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