Landschaftsschutz und Landesplanung im Gebirge

Die Probleme des Schutzes von Natur, Landschaft und Umwelt des Menschen sind in den letzten Jahrzehnten nicht nur in der Schweiz und andern hochentwickelten Industrieländern, sondern sogar weltweit in ein akutes Stadium getreten.

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Die Probleme der Gewässerverschmutzung sind im Umkreis afrikanischer Städte genau so alarmierend wie bei uns. Viele Tierarten sind von der Arktis und Antarktis bis zum Äquator von endgültiger Vernichtung bedroht. Orang-Utans gibt es nur noch einige hundert Tiere in Freiheit. Indonesien muss eine rigorose Exportkontrolle für diese Tiere verhängen. Wenn der Europarat dazu kam, das Jahr 1970 zum internationalen Naturschutzjahr zu erklären, so ist das nicht nur eine anmutige Laune und freundliche Geste einigen Idealisten gegenüber, sondern bittere Notwendigkeit. Die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft hat im Jahre 1970 die Gründung einer speziellen Kommission zum Studium der « Umwelt » in die Wege geleitet. « Umwelt » ist zu einem integralen Ganzen geworden. Die Probleme lassen sich nicht mehr einzeln, pragmatisch von Fall zu Fall lösen: hier Aufbau einer Ölwehr zum Gewässerschutz, dort Verbot, irgendeine Blume zu pflücken, hier zweihundert-fünfundsiebzig Franken fünfunddreissig als Anteil von x% an die Renovation eines Wirtshaus-schildes, da Ankauf einer Parzelle Seestrand von 800 m2, damit man noch irgendwo an den See treten kann, hier einmal Verweigerung einer Bergbahnkonzession, um bei den nächsten Wahlen auch die Stimmen der Naturschützer zu bekommen, dort Abholzen einer Waldschneise, um den Fremdenverkehr zu fördern.

Die Organisation für Naturschutz, Heimatschutz, Gewässerschutz, Schutz der Luft gegen giftige und radioaktive Immissionen und zum Schutz des Menschen gegen Lärm, und mit ihnen auch der SAC, haben bis heute eine gewaltige Arbeit geleistet. Trotzdem genügt das nicht, wenn es nicht gelingt, das ganze Problem als wichtige und vordringliche Staatsaufgabe im Bewusstsein des Volkes und der Behörden zu verankern. Es gibt immer noch zu viele Menschen, die das Problem bagatellisieren. Es ist auch zuwenig erkannt worden, dass das Umweltproblem nicht nur ein biologisches, technisches und ästhetisches, sondern in hohem Masse auch ein psychologisches Problem ist. Es genügt nicht, einige Blümchen stehenzulassen, damit diejenigen Alpinisten, die mehr Freude haben an den Blümchen als an der sportlichen Leistung, auch noch Blümchen ansehen können. Es genügt nicht, ein Berghotel etwas unterhalb des Gipfels in die Felsen einzulassen, damit es nicht störend wirkt. Es genügt nicht, die Masten einer Seilbahn zu tarnen, um sie weniger auffällig erscheinen zu lassen. Es genügt nicht, im Gebirge Abfalleimer aufzustellen und gelegentlich auch zu leeren. Es genügt nicht, durch Unterschutzstellung einiger Moore und anderer natürlicher Biotope die Weiterexistenz selten gewordener Pflanzen- und Tierarten zu gewährleisten. Es genügt nicht, Wasser und Luft wieder einigermassen rein zu machen, dass wir noch trinken, baden und atmen können. Es genügt nicht, die Flugzeuge mit Schalldämpfern auszurüsten. Das alles soll in seiner Bedeutung gar nicht herabgemindert werden. Aber es genügt nicht. Das psychologische Problem wird dadurch nicht gelöst.

Das psychologische Problem besteht darin, dass das ganze Verhalten des Menschen sich im Spannungsfeld entgegengesetzter Prinzipien abspielt. Es ist kein menschliches Leben gewissermassen nur auf einer Ebene in einer Dimension denkbar. Daher lässt sich menschliches Leben und Verhalten auch nicht in ein System bringen. So entwickelt sich das Dasein des einzelnen Menschen und auch die Geschichte der Menschheit in der Wechselwirkung von Statik und Dynamik. Statische Perioden der Konsolidierung und des Geniessens wohlgeordneter, friedlicher Zustände erzeugen Unruhe und schlagen um in dynamische Perioden der Veränderung, die ihrerseits wieder das Verlangen nach Ruhe, Sicherheit und Stabilität hervorbringen. Ähnlich lebt der Mensch im Spannungsfeld zwischen Natur- und Kulturdasein. Der Mensch ist ein Kulturwesen, das die Erdoberfläche laufend umgestaltet. Dadurch unterscheidet sich der Mensch vom Tier. Zwar gibt es auch Tiere, welche die Erdoberfläche umgestalten; aber sie tun es durch alle Jahrtausende gleich oder nur mit sehr langsamen Änderungen. Die Termiten errichten ihre Bauten, die Schwalben ihre Nester stets gleich. Diese Art Umgestaltung der Erdoberfläche ist ein Stück Naturvorgang. Nicht so der Mensch. Seine Umgestaltung der Erdoberfläche ist steter Ver- änderung unterworfen, führt immer weiter. Dem ganzen Bestreben wohnt ein esoterisches Motiv inne: die Vorstellung, unglücklich zu sein und dieses unglückliche Dasein durch immer neue Erfindungen und Entdeckungen überwinden und in ein vollkommenes verwandeln zu können. Dadurch ist der Mensch zum Kulturwesen geworden, das überall, wo es auftritt, Natur grundsätzlich zerstört. Es kann nicht anders sein. Jeder, der für Naturschutz eintritt, muss sich dessen bewusst sein, dass der Mensch Natur zerstören muss. Sonst wäre er kein Mensch. Zwar töten Raubtiere auch andere Tiere, und Pflanzenfresser zerstören Pflanzen. Aber sie zerstören nur das einzelne Individuum, nicht den Biotop, das heisst, nicht die Lebensgemeinschaft und die Umwelt an sich. Der Mensch aber zerstört die Biotope.

Auf der andern Seite ist der Mensch auch ein Stück Natur. Seine Lebensvorgänge unterliegen den Naturgesetzen, so gut wie das Leben irgendeiner Pflanze oder irgendeines Tieres. Der Mensch hat daher latent oder offen immer wieder das Verlangen, naturgemäss zu leben oder sich mindestens der Illusion hinzugeben, in die Natur integriert zu sein. Je stärker die Zivilisation und damit das naturentfernte Leben voranschreitet, desto grösser wird das Bedürfnis nach Natur. Man streitet das zwar bisweilen ab. Eine gewisse Kategorie von Städteplanern und Städtesoziologen vertreten die Ansicht, dass das nur die Folge « veralteter agrarsoziologischer Leitbilder » sei. Wenn man dem Menschen neue Leitbilder gebe, so werde er in der Stadt und in der künstlich, gewissermassen in der Retorte erzeugten Kulturlandschaft sein ihm adäquates Lebenselement finden.

Diese Problematik geht heute bis in den Alpinismus hinein: Soll das Hochgebirge dem Menschen ein Stück naturgemässes Leben oder mindestens die Illusion eines solchen vermitteln oder soll das Hochgebirge in die technisch entwickelte und künstlich erzeugte Kulturlandschaft einbezogen werden? Von hier aus muss z.B. das Problem der Gebirgsfliegerei beurteilt werden. Wenn ein Mensch sich der Illusion hingeben will, in der Natur zu weilen, dann stört ihn das Flugzeug in höchstem Masse, auch wenn es völlig geräuschlos daherkäme. Es stört nicht durch den Lärm, sondern dadurch, dass es durch seine blosse Anwesenheit oder auch nur die Möglichkeit seiner Anwesenheit eine lebenswichtige Illusion zerstört. Wenn in einem Bericht über die Wünschbarkeit eines Flugplatzes argumentiert wird, die Lärmmessinstru-mente hätten bei der Überfliegung durch ein Düsenflugzeug weniger Phon gemessen als beim Gesang einer Amsel in den benachbarten Bäumen, dann geht das ganz neben der Sache vorbei. Es kommt bei der Beurteilung des physiologischen Problems zwar auf die messbare Lärm-intensität, aber auch auf die Frequenz an; beim psychologischen Problem aber sind die Assoziationen entscheidend, die der Mensch mit dem Geräusch verbindet. Erhöht der Geräuschreiz die Illusion naturgemässen Daseins, so wirkt er erholend und entspannend, zerreist der Geräuschreiz aber die Illusion, indem er die Allgegenwart künstlichen, technischen Lebens in Erinnerung ruft, dann wirkt er der Entspannung entgegen.

Man kann das alles als unbewiesen und als subjektive Meinung hinstellen. Das ist bis zu einem gewissen Grade richtig. Wer sich zur Technik oder zu moderner Erholungsbetriebsamkeit in-nerlicn positiv einstellt, der wird an der Allgegenwart der Technik Vergnügen finden. Auf der andern Seite aber sind doch gerade in den letzten Jahren in den hochzivilisierten Ländern des Westens und sogar des Ostens gesellschaftliche Krankheitssymptome aufgetreten, die möglicherweise zeigen, dass jede Einseitigkeit in der Verfolgung eines Prinzips - in diesem Falle der Entwicklung des hochtechnisierten und unter den Zwang der Wirtschaft gestellten Lebens - zu krankhaften und unkontrollierbaren, scheinbar unerklärlichen Reaktionen führt. Das Hippytum, ein fast kindlich-naives Begehren nach Freiheit, ein wirtschaftsfeindlicher Zug in der Jugendbewegung, eine seltsame Renaissance der Rousseauschen Vorstellungen vom « guten Menschen », der von selbst gut wird, wenn man ihn nur machen lässt, dürfte ahnen lassen, dass der Mensch sich nicht ungestraft ausschliesslich dem künstlich-technischen Leben in der Zivilisation ohne angemessene Kompensation hingeben kann. Darüber kann keine noch so schöne Stadtplanung, Freizeitplanung, Erholungsplanung, keine politische Reform und keine Verbesserung des Reallohnes hinwegtäuschen. Das Postulat, dem Menschen die Möglichkeit zu periodischem Aufenthalt in natürlicher Umgebung zu bieten, bleibt bestehen und wird um so grösser, je grösser die Menschheit, je dichter die Besiedlung und je komplizierter die Zivilisation wird.

Die Räume, in denen noch einigermassen natürliche Umwelt geboten werden kann, sind Meeresküsten, Wüsten, Steppen, Heidegebiete, Wälder und Hochgebirge. Alle sind heute bereits in dieser Eigenschaft weltweit bedroht. Die Frage, ob sie in dieser Funktion erhalten werden können, ist eine Menschheitsfrage, nicht nur eine Frage der lokalen Bevölkerung. Deshalb ist im Schosse der CIPRA ( Commission internationale pour la protection des régions alpines ) bereits das Ansinnen gestellt worden, die Alpen gesamt unter Schutz zu stellen. Das ist nicht übertrieben. Wir werden in solchen Grössenordnungen zu denken anfangen müssen. Vor dreissig Jahren hat man auch noch alle Warnungen über Gewässerverschmutzung als Zweckpessimismus einiger interessierter Fanatiker angesehen. Heute muss man bereits daran denken, das Meer vor Verunreinigung zu schützen. Zum mindesten müssen wir uns mit dem Gedanken vertraut machen, grosse Räume, nicht nur kleine Parzellen und Reservate, unter Schutz zu stellen. In der Schweiz kommt, zufolge des hohen Wirtschaftswertes des gesamten Bodens tieferer Lagen, praktisch nur noch das Hoch-und beschränkt das Mittelgebirge in Frage.

Landschaftsschutzgebiete in den bayrischen Alpen. Vor allem die Seelandschaften des Ammersees, Starnbergersees, Walchensees, das ganze Tal des Tegernsees und ein breiter Streifen des Inntals sind unter Schutz gestellt, dazu weite Teile des Hochgebirges,. ( Quelle: Deutscher Planungsatlas, Band Bayern. ) Wir sind bis jetzt fast ausschliesslich vom Menschen ausgegangen. Damit ist aber bereits eine Konfliktsituation zur Natur angelegt. Denn wir haben gezeigt, dass der Mensch, wo er hinkommt, die Natur zerstört - auch dort, wo er selbst sich in die Natur integrieren will. Seltsamerweise ist dieses Problem in der Schweiz noch kaum bewusst geworden. Der Naturschutz in der Schweiz, vorwiegend von naturwissenschaftlicher oder forstlicher Seite ausgegangen, denkt von der Natur aus. Auch dies ist eine sehr berechtigte Betrachtungsweise. Es liegen ihr letztlich ethische Motive zugrunde, die Über- zeugung, dass jedes Lebewesen seine aus ihm selbst stammende Daseinsberechtigung hat, die nicht an der « Nützlichkeit » für den Menschen gemessen werden darf; dass der Mensch folglich vor der Natur nicht das Recht hat, zur schrankenlosen Ausdehnung seiner eigenen Population andere Populationen zum Verschwinden zu bringen. Das erfordert die Erhaltung von Biotopen, in denen der Mensch sich überhaupt nicht oder höchstens auf wenigen gebahnten Wegen aufhalten darf. Das Problem kommt in der unterschiedlichen Konzeption des Begriffs Nationalpark in verschiedenen Ländern zum Aus- Landschaftsschutzgebiete in Mittelbayern. Interessant ist, dass die Autobahnstreifen als Landschaftsschutzgebiete erklärt sind, damit der Reisende einen schönen landschaftlichen Eindruck erhält. In der Schweiz spriessen längs den Autobahnen Industrieanlagen, Lagerhäuser, Verteilzeniren, Kiesgruben und Schrottdeponien wie Pilze aus dem Boden... ( Quelle: Deutscher Planungsatlas, Band Bayern .) druck. In der Schweiz ist ein Nationalpark ein Naturreservat, das der Mensch nicht stören darf. In den USA, in Kanada, Finnland, Polen, der Tschechoslowakei, der Sowjetunion, neuerdings auch in Frankreich wird der National-parkbegriff für sehr grosse Gebiete verwendet, in denen der Mensch sich dem einfachen Leben in der Natur hingeben kann. Das setzt voraus, dass diese Gebiete hergerichtet und gewartet werden. Es müssen Zeltplätze, Hüttenunterkünfte, Kochstellen, Geh- und Reitwege, an den Zugängen grosse Autoparkplätze errichtet werden, es müssen die Kehrichtabfuhr und in Waldgebieten die Brandbekämpfung organisiert werden. Die Gebiete müssen bewirtschaftet werden, zum Jagen und Fischen müssen Wild gehegt und Fische ausgesetzt werden. Das hat mit einem Nationalpark nach unseren Begriffen wenig zu tun, wird aber mit der Zunahme der Menschheit notwendig. Es gibt nicht ein Ent-weder-oder, sondern nur ein Sowohl-als-auch. Aber auch in einen « Nationalpark », in welchem der Mensch Robinson sein kann, gehören keine technischen Erschliessungen, keine Stras- sen, keine Bahnen, keine Landeplätze für Flugzeuge, keine Hotels, keine Feriendörfer, höchstens primitive Unterkünfte.

Daneben ist es selbstverständlich und darf nicht einfach übergangen werden, dass im Gebirge wirtschaftliche Interessen bestehen. Es steht mir - als Wirtschaftsgeographen - durchaus ferne, sie zu ignorieren. Doch wird die Zielsetzung oft geflissentlich verwischt. Es gibt hier grundsätzlich zwei Zielsetzungen: eine gesamt-volkswirtschaftliche und eine, die sich von der wirtschaftlichen Erstarkung der Gebirgsbevölkerung herleitet. Gesamt-volkswirtschaftlich ist es eine Tatsache, dass die jährliche Aussenhan-delsbilanz der Schweiz, nicht trotz, sondern gerade wegen der hohen Industrialisierung um mehrere Milliarden passiv auszufallen pflegt. Die wichtigste Position im Ausgleich der Er-tragsbilanz ist der Fremdenverkehr. Dieser Tatsache darf sich keiner, der für den Schutz der Natur eintritt, verschliessen. Doch ist es eine weitere Tatsache, dass der einträgliche Gross-fremdenverkehr am besten in der Konzentration gedeiht. Er erfordert sehr kostspielige Sportanlagen und auch eine entsprechende Infrastruktur, nicht nur in Trinkwasserbeschaf-fung, Abwasserklärung, Kehrichtbeseitigung, Strassenbau, Parkplätzen, sondern auch in kulturellen Anlagen, Musik- und Kongressälen, Frei-luft- und Hallenbädern, Schulen für die Bedürfnisse der zahlreichen Beschäftigten. Der Konzentrationsprozess vollzieht sich heute im Fremdenverkehr so gut wie in der Industrie. Es hängt mit der föderalistischen Struktur der Schweiz zusammen, dass man sich vielerorts dieser Tatsache verschliesst und das Heil immer noch in der Pulverisation der wirtschaftlichen Tätigkeiten bis in die hintersten Dörfer und Täler hinein sieht. Das führt aber zu nichts. Wenn wir fordern, dass weite Teile des Gebirges, insbesondere des Hochgebirges, von intensiver technisierter wirtschaftlicher Tätigkeit freigehalten werden, so geschieht es aus dem Wissen heraus, dass damit der schweizeri- schen Volkswirtschaft und derjenigen einzelner Kantone nur minimster Schaden zugefügt wird.

Es bleibt das Problem der Bevölkerung jener Gebiete, in denen wir eine Zerstörung der Landschaft durch Technisierung und wirtschaftliche Ausbeutung verhindern möchten. Auch dieses Problem besteht. Die Ursachen sind seltsamerweise heute kaum mehr bewusst. Die schwache wirtschaftliche Position vieler Bergtäler ist eine Folge des Zusammenbruchs des Saumverkehrs durch den Eisenbahnbau, der Verlagerung der Käseherstellung ins Unterland, des Verschwindens von ausgedehnter Heimarbeit durch das Aufkommen der Fabrik-industrie im Mittelland, der Aufhebung der fremden Kriegsdienste und anderem mehr. Die Existenzbasis hat sich zugunsten des Unterlandes verschoben. Das ist eine Tatsache, die mit allen möglichen Hilfsmassnahmen, Pflästerchen und Symptomtherapien nicht verändert werden kann. Es geht nicht anders, als gegen Ende des 20.Jahrhunderts die Konsequenzen zu ziehen aus einer Entwicklung, die sich im t g. Jahrhundert bereits vollzogen hat. Die Sicht für die Realitäten darf nicht länger durch eine an die Blut-und-Boden-Theorie streifende Verherrlichung einer imaginären Schollentreue des Gebirgsbewohners getrübt werden, indem man die Verminderung der Wohnbevölkerung in Berggebieten als ein Landesunglück hinstellt. Wenn — konkrete Beispiele stehen hier vor Augen - ein Berglandwirtschaftsbetrieb von über t 50 Parzellen, die über mehr als 200 Meter Höhendifferenz streuen, im Erbgang unter i Kinder verteilt wird, damit jedes ein Stück der väterlichen Scholle hat, dann ist das einfach Unsinn. Jedes muss dann einem andern Erwerb nachgehen und will nichts, als seine paar Parzellen als Bauland für Ferienhäuser verkaufen. In wenigen Jahren ist das Geld weg, wie bei Hans im Glück; es streuen sich Ferienhäuser wild über eine ganze Berglehne, und eines Tages stellen sich der Gemeinde die Probleme der Strassenerschliessung und Anlage einer Kanalisation, die Millionen kosten, ohne dass der Gemeinde aus den Ferienhäusern namhafte Einnahmen erwachsen. Das sind nur einige Streiflichter auf die Planungs-probleme im Berglandwirtschaftsgebiet. Wenn die Berglandwirtschaft noch eine Zukunft haben soll, dann muss sie auf dem Wege der Güterzusammenlegung und Aufstockung auf einige wenige leistungsfähige und technisch gut ausgerüstete Betriebe reduziert werden. Die überzählige Bevölkerung muss dort Erwerb suchen, wo die Arbeitskräfte mangeln - das braucht heute nicht Australien und nicht einmal Zürich zu sein, nur die nahegelegene Sohle des Haupttales. Es setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, dass der Berglandwirtschaft besser gedient ist, wenn man die Mittel dafür einsetzt, der überzähligen Berglandwirtschafts-bevölkerung im Tale eine neue Existenz aufzubauen und ihre Erbansprüche abzugelten, statt unwirtschaftliche Zwergbetriebe am Leben zu erhalten und die Bevölkerung mit allen Mitteln in den Hochtälern festhalten zu wollen, indem man vom Bau von Skiliften und Seilbahnen oder der Bewilligung eines Gebirgslandeplatzes Wunder erwartet. Es stellt sich dann allerdings die Frage, ob die an sich sanierten und in ihrer Bevölkerung ausgekämmten Berglandwirt-schaftsgebiete politisch noch lebensfähig sind, noch Schule, Kirche und Gemeindeverwaltung aufrechterhalten können. Dazu ist zu sagen, dass auch hier in andern Massstäben gedacht werden muss. Praktisch alle unsere Bergtäler sind heute durch Strassen erschlossen, die auch im Winter offengehalten werden. Eine finanziell erstarkte Gebirgsbevölkerung, die über Motorfahrzeuge verfügt, ist auch in der Lage, grössere Distanzen bis zu den Dienstleistungszentren in Kauf zu nehmen. Im übrigen ist dieses Problem ein Problem eines zweckmässigen Finanz-und Steuerausgleichs zwischen Gemeinden und Kantonen. Die Lösungen so zu suchen ist wesentlich sinnvoller, als einem unzeitgemässen Partikularismus und Autarkiedenken zu huldi- gen, die sich nicht selten noch mit schädlichem Prestigedenken verbinden.

Zusammengefasst ergibt sich:

Die Probleme des Natur- und Landschaftsschutzes wie auch die Probleme der Berglandwirtschaft und des Fremdenverkehrs lassen sich heute und in Zukunft durch pragmatische und unkoordinierte Einzelmassnahmen nicht mehr lösen. Sie erfordern auf dem Wege einer demokratischen Willensbildung auf Grund objektiver Unterlagen und Studien die Aufteilung des Gebirgsgebietes in grosse Räume, die je im Hinblick auf eine bestimmte Funktion zielstrebig zu entwickeln sind. Bei absoluten Naturschutzgebieten muss die Erhaltung natürlicher Biotope unter möglichster Fernhaltung des Menschen angestrebt werden. Relative Naturschutzgebiete dagegen sollen dem Menschen eine möglichst naturnahe Umgebung sichern. Als relative Naturschutzgebiete kommen auch im Gebirge weitgehend nur unproduktive, wenig produktive und Waldgebiete in Frage. Als Landschaftsschutzgebiete dagegen sind Räume zu erklären, die einen schönen und er-haltenswerten Bestand an traditioneller Kulturlandschaft, Ortsbildern und Einzelhäusern aufweisen, der nicht zerstört werden soll. Dies lässt sich in der Regel mit der Modernisierung und Rationalisierung der Berglandwirtschaft vereinbaren. Moderne Hofe werden ausgesiedelt, besonders wertvolle Gebäude in Dörfern können einer anderen Zweckbestimmung zugeführt werden. Industrieräume sind in den Sohlen der Haupttäler zu konzipieren, wo gute Verkehrsverhältnisse und ein ausreichendes Angebot an Dienstleistungen vorhanden sind. Fremdenverkehrsgebiete sollen konzentriert und modern, in angemessener städtischer Bauweise entwickelt werden unter Beseitigung der bisherigen Vermischung von Dorfcharakter mit Palastbaustil. Überall ist das Problem der Verkehrserschliessung und der einwandfreien Beseitigung von Abwasser und Kehricht zu einer vordringlichen Planungsaufgabe geworden. In den Fremden- Verkehrsgebieten wie in den Landwirtschaftsge-bieten haben die Gemeinden dem Problem der Ferienhäuser alle Aufmerksamkeit zu schenken. Das Abwasserproblem und das ästhetische Problem können nur durch Zusammenfassung dieser Bauten in Gruppen und gemeinsame Kanalisation gelöst werden, wobei die Kosten von den Interessenten zu tragen sind.

Die Forderung nach grossräumiger Planung und grosszügiger Ausscheidung von Natur- und Landschaftsschutzgebieten erscheint zur Zeit dem Schweizer noch fremd. Zwei Kartenausschnitte nach dem deutschen Planungsatlas, Band Bayern, zeigen, wie man sich im Ausland bereits auch mit solchen Gedanken vertraut gemacht hat. In der Schweiz gibt es Ansätze. So hat der Kanton Neuenburg praktisch sein gesamtes Berggebiet durch ein vom Volke angenommenes Gesetz unter Schutz gestellt. Die sogenannte KLN-Liste der zu erhaltenden Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung geht in dieser Richtung, sofern sie vom Bundesrat zum amtlichen Inventar und Richtinstrument erhoben wird. Der SAC hat hier auch eine grosse Aufgabe - vor allem als Wegbereiter der öffentlichen Meinung. Die Schaffung und clubinterne Inkraftsetzung des SAC-Richtplans zum Schütze der Gebirgswelt durch das Zentralkomitee Zürich im Herbst 1969 dürfte von der Nachwelt als eine entscheidende Tat in Richtung auf eine grossräumige Planung des schweizerischen Alpengebietes gewertet werden. Ein Modell ist geschaffen, und die Zeit wird kommen, da solche Gedanken bei Bund und Kantonen und vor allem im Schweizervolke Eingang finden werden. Möge es dann nicht zu spät sein.

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