Methoden zur Rekonstruktion von Gletscherschwankungen

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135 Methoden zur Rekonstruktion von Gletscherschwankungen 135 1.

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rorwort der Redaktion

Etienne Gross, Bern Die Erforschung und Darstellung des Alpenraumes wurde bereits von den Begründern des SAC vor 125 Jahren als eine ihrer vornehmsten Aufgaben betrachtet. Mit dem jetzigen Jubiläums-Sonderheft soll nun diese auch in den Zentralstatuten verankerte Tradition fortgesetzt werden.

Kunsthistorische Quellen zur Untersuchung der Gletscherentwicklung über eine längere Zeitperiode zu verwenden, erscheint auf den ersten Blick neu und ungewohnt. Es ist deshalb als besonders glücklicher Umstand zu werten, dass zwei Schweizer Autoren diesem Gebiet ihre ganze Aufmerksamkeit gewidmet haben: Dr. Heinz J. Zumbühl ( Universität Bern ) und Dr. Hanspeter Holzhauser ( Universität Zürich ).

Bereits im Verlauf ihrer früheren Arbeiten hat sich bald gezeigt, dass die historischen Bildquellen eine unerwartete Fülle von Informationen über die Entwicklung der Gletscherstände enthalten. Um aber zu gesicherten Schlussfolgerungen zu gelangen, musste zuerst das Bildmaterial in Reisen kreuz und quer durch Europa gesucht, gesichtet und schliesslich in einem minuziösen Analysie-rungsverfahren ausgewertet werden.

Heinz Zumbühl hat sich dabei auf die gletschergeschichtlich äusserst interessante -weil besonders

Im Namen des SAC und der ALPEN-Redak-tion sei an dieser Stelle den beiden Autoren, Dr. Heinz Zumbühl und Dr. Hanspeter Holzhauser, unser allergrösster Dank ausgesprochen. In nun fünfjähriger intensiver Arbeit und mit einem Einsatz, der seinesgleichen sucht, ist es ihnen gelungen, im Rahmen unserer Zeitschrift ein Werk zu schaffen, in dem sich Wissenschaft und Kunst in seltener Harmonie vereinen. Damit richtet sich das Sonderheft sowohl an jene unserer Mitglieder, die sich primär vom Bildmaterial begeistern lassen, als auch an jene, die, von wissenschaftlichem Interesse getrieben, sich intensiver mit der Periode der Kleinen Eiszeit befassen möchten.

rwort der

Autoren

Heinz J. Zumbühl und Hanspeter Holzhauser ( Ein Mensch, der den Gletschern Gesellschaft leistet, erhält allmählich das Gefühl, dass er einigermassen unbedeutend ist.Mark Twain anlässlich eines Besuches des Gornergletschers Ende der 1870er Jahre. Frei übersetzt nach

Gletschergeschichte kann heute bei der Verschiedenartigkeit der Methoden nicht mehr im Alleingang, sondern nur noch interdisziplinär betrieben werden. In der vorliegenden Arbeit liegt das Schwergewicht im jüngsten, im wesentlichen 400 Jahre umfassenden Abschnitt der Gletschergeschichte, d.h. im Bereich der Kleinen Eiszeit, einer Periode, die im 13./14. Jahrhundert begann und zwischen ca. 1600 und 1850/60 kulminierte. Entsprechend stehen die historischen Methoden, also das Sammeln und Auswerten einer grossen Zahl historischer Bild- und Textquellen, basierend auf umfangreichen Museums- und Bi-bliotheksarbeiten, im Zentrum.

Die naturwissenschaftlichen Methoden ( Glazialmorphologie, 14C-Datierung, Dendrochronologie ), verbunden mit zeitaufwendigen Feldarbeiten, ermöglichen die Aufzeichnung der Gletscherschwankungen im Mittelalter und in früheren Jahrtausenden und ergänzen damit in idealer Weise den Zeitbereich, der mit historischen Quellen erforscht werden kann. Der naturwissenschaftliche Teil dieser Arbeit ist gestrafft wiedergegeben. Das gesamte Kapitel musste aus Platzgründen stark gekürzt werden. Die Ausführungen sind daher als Bericht aus einer of- 132 fenen Werkstatt und nicht als abgeschlossenes Werk zu verstehen.

Die Auswahl der Gletscher richtete sich nach dem vorhandenen Datenmaterial, aber auch nach der Wissenschaftsgeschichte ( Un-teraar- und Rhonegletscher gehören dank der Pionierarbeiten von AGASSIZ 1847 und MERCANTON 1916 zu den im 19. und frühen 20. Jahrhundert am besten untersuchten Gletschern ).

Der Rhone-, vor allem aber der Unteraargletscher stehen zur Zeit im Zentrum von Diskussionen über umstrittene Grosskraftwerk-projekte ( Stausee in Gletsch, Aufstauung des Unteraarsees durch das KWO-Projekt Grimsel-West und damit Zerstörung eines Teiles der Gletscherzunge ). Unsere Ausführungen sind deshalb auch als Beiträge zur Erhaltung von schützenswerten und heute gefährdeten Gletscherlandschaften zu verstehen.

Ausgangspunkt für diese Arbeit bildeten die gletschergeschichtlichen Dissertationen der beiden Autoren. Die Arbeit über den Unteren und Oberen Grindelwaldgletscher ( ZumbÜHL 1980 ) ist mehr den historischen, diejenige über den Grossen Aletsch- und den Fieschergletscher ( HOLZHAUSER 1984 ) mehr den naturwissenschaftlichen Methoden verpflichtet. In-terdisziplinär ergänzen sie sich jedoch ideal. Beide Arbeiten waren im Rahmen von Schwerpunktprogrammen der Geographischen Institute der Universitäten Bern und Zürich entstanden. Die Idee einer Zusammenarbeit ergab sich aus den guten Kontakten zwischen den beiden Instituten. Sie ist auch auf die initiative Tätigkeit der beiden Fachbe-reichsleiter Physische Geographie, Herrn Prof. Dr. B. Messerli ( Bern ) und Herrn Prof. Dr. G. Furrer ( Zürich ), zurückzuführen. Ihnen gilt unser erster herzlicher Dank, begleiteten sie uns doch seit Jahren unermüdlich mit fachlicher Beratung und finanzieller Unterstützung.

Den unmittelbaren Impuls zu dem vorliegenden SAC-Jubiläums-Sonderheft gab jedoch die Ausstellung ( Die Kleine Eiszeit-Gletschergeschichte im Spiegel der Kunst ), initiiert und 1983 realisiert von Herrn Dr. G. Budmiger ( Schweizerisches Alpines Museum Bern ) und Herrn Direktor P. Wick ( Gletschergartenmuseum Luzern ). Diese Ausstellung brachte Herrn Etienne Gross ( Redaktion DIE ALPEN ) auf die Idee, mit uns zusam- men eine Publikation zum 125-Jahr-Jubiläum des SAC zu realisieren. Unser grösster Dank gilt sicher Herrn Gross und damit natürlich dem SAC für die grosszügige Bereitschaft, die Arbeit in dieser reichen Ausstattung im Rahmen der Quartalshefte DIE ALPEN publizieren zu dürfen. Herzlich danken möchten wir Herrn Gross auch dafür, dass er uns trotz zahlreicher ( vorwiegend fachlich bedingter ) Verzögerungen und ständig neuer Ausstattungswünsche immer unterstützt hat. Ohne Etienne Gross gäbe es diese Jubiläumspublikation nicht!

Mehrere Male sind die Projekte der beiden Autoren an den Universitäten Bern und Zürich in verdankenswerter Weise durch den Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanziell unterstützt worden. Einen Beitrag leistete auch die Stiftung für wissenschaftliche Forschung an der Universität Zürich.

Dank der verständnisvollen Haltung von Herrn Rektor Dr. U. Höner und der Schulkommission des Städtischen Gymnasiums Bern-Neufeld ( Präsident Herr Dr. E. Kiener ) gegenüber den verschiedenen Urlaubsgesuchen war der Fortgang der Arbeit nie gefährdet.

Dank Ohne die Mithilfe von Freunden, Kollegen, Fachspezialisten, Mitarbeitern von Museen, Bibliotheken, Universitätsinstituten, Sammlern, Persönlichkeiten und Institutionen wäre die Realisierung dieser Arbeit nicht möglich gewesen. Ihnen allen gebührt unser herzlicher Dank, insbesondere:

den Damen V. Anker ( Bernex ), Dr. Y. Boerlin-Brodbeck ( Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett ), J. Congnard ( Musée d' Art et d' Histoire, Genf ), D. Florin ( GIUB ), Dr. A.E. Gattlen-Frank ( Schweiz. Landesbibliothek ), S. Harrison ( acll ), S. Helliesen ( Nasjonalgalleriet Oslo ), A.de Herdt ( Musée d' Art et d' Histoire, Genf ), F. Heuss ( Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett ), Dr. B. Ita ( ETHZ, Graphische Sammlung ), P. Johnson ( acll ), D. Kim-Frey ( Aarau ), Dr. E. Korazija ( ETHZ, Graphische Sammlung ), E. Rabut ( Directeur des Archives de la Haute-Savoie, Annecy ), U. Rüegger ( GIUZ ), Dr. M.L. Schaller ( Schweiz. Landesbibliothek ), U. Senften ( Bern ), M.C. Velozzi ( Annecy/Paris ); Herrn und Frau Prof. Dr. R. Hüsser ( Muri/ Bern ), Familie W. Rubi ( Schwendi und Stieregg, Grindelwald ); 133 den Herren W. Achtnich ( Schweiz. Landesbibliothek ), M. Aellen ( VAW/ETHZ ), Prof. Dr. K. Aerni ( GlUB ), Dr. K. Ammann ( Botanisches Institut der Universität Bern ), dipi. Geograph S. Bader ( GIUZ ), A. Baumgartner ( Bergführer, Spiez ), Dr. M. Baumgartner ( Schweiz. Institut für Kunstwissenschaft, Zürich ), Dr. U. Bichsel ( Zimmerwald ), U. Bosshart ( GlUB ), A. Brodbeck ( GlUB ), Dr. G. Budmiger ( Schweiz. Alpines Museum Bern ), O. Burkhard ( Bundesamtfür Landestopographie Wabern/Bern ), J. C. Ducret ( Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne ), R. Erne ( 14C-Labor GIUZ ), PD. Dr. M. Gamper ( Küsnacht/ZH ), Dr. S. Gerber ( Fotoflüge, Herzogenbuchsee ), M. German ( Zentralbibliothek Zürich, Kartensammlung ), Dr. J. Glaesemert ( Kunstmuseum Bern ), Dr. U. Groner ( Zürich ), Prof. Dr. G. Grosjean ( GlUB ), PD. Dr. W. Haeberli ( VAW/ETHZ ), U. C. Haldi ( Galerie Stuker, Bern ), J. Helfenstein ( Kunstmuseum Bern ), Dr. H. P. Höhener ( Zentralbibliothek Zürich, Kartensammlung ), Nationalrat Dr. F. Hofmann ( Burgdorf ), A. Holzhauser ( Zürich ), D. Indermühle ( Gymnasiallehrer, Säriswil ), Dr. W. A. Keller ( 14C-Labor GIUZ ), Dr. C. Klemm ( Kunsthaus Zürich ), E. Kuhn ( Schweiz. Landesbibliothek ), L. Kummer ( Riederalp ), R. Kunz ( Gymnasiallehrer, Luzern ), B. Lawford ( Honorary Librarian ACLL ), M. Lehmann ( Stämpfli + Cie AG, Bern ), Dr. M.Mal-manger ( Nasjonalgalleriet Oslo ), Dr. P. Martig ( Staatsarchiv Bern ), M. Mazzi ( G + A, Zürich ), S. Mazzuri ( 14C-Labor GIUZ ), M. Nellen ( Bergführer, Riederalp ), G. Pinault ( Strassburg ), Prof. Dr. C. Pfister ( Historisches Institut der Universität Bern ), B. Rickli ( GlUB ), Prof. Dr. H. Röthlisberger ( VAW/ETHZ ), E. Schär ( EAFV Birmensdorf ), W. H. Schoch ( Adliswil ), PD. Dr. F. H. Schweingruber ( EAFV Birmensdorf ), B. Schwitter ( Schweiz. Landesmuseum Zürich ), Dr. G. Solar ( Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung ), Prof. Dr. H.A. Stalder ( Naturhistorisches Museum Bern ), A. Stapfer ( GIUZ ), A. Stucki ( Gymnasiallehrer, Hinterkappelen ), Dr. B. Truffer ( Staatsarchiv des Kantons Wallis ), H. J. Wäber ( Staatsarchiv Bern ), Dr. C. Warren ( Dunmox Essex ), Dr. B. Weber ( Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung ), Direktor P. Wick ( Gletschergartenmuseum Luzern ), Prof. Dr. M. Winiger ( Universität Bonn ), Direktor B. Wismer ( Aargauer Kunsthaus, Aarau ), Prof. Dr. W. Wolf li ( ETHZ Hönggerberg ), M. Wyss ( GlUB ).

Besonders wertvoll war die Hilfe von Herrn Dr. H. P. Gsell, Gymnasiallehrer in Bern, der sich mit kritischen Anregungen und Korrekturen um die sprachliche Formulierung dieser Arbeit kümmerte. Zur redaktionellen Mitarbeit war in verdankenswerter Weise Frau Dr. R. Beyer, Bern, bereit. Für die nicht leichte und sehr zeitaufwendige Arbeit der Übersetzung ins Französische engagierten sich in vorbildlicher Art und Weise Herr Prof. P. Vaney ( Redaction LES ALPES Pully/Lausanne ) und seine Mitarbeiter Frau A. Rigo sowie die Herren C. Aubert, N. Durussell, D. Girardet, D. Stulz. Danken möchten wir auch den Mitarbeitern der Firma Stämpfli + Cie AG in Bern.

Ganz besonderer Dank gebührt schliesslich Frau R. Zumbühl in Bern für ihr liebevolles Verständnis für unsere Arbeit.

Wir widmen diese Arbeit den Freunden Ruedi, Hanspeter, Luiz und den Söhnen Alain und Christoph Holzhauser sowie allen Lesern: ( La pensée de l' auteur [...] ne se réalise complète que dans l' esprit de ses lecteurs. En eux elle s' achève ), sagt Marcel Proust in

Archives Départementales du Haut-Rhin, Colmar ( Foto C. Kempf ): AU 79; The British Museum, London: RO 05; ESA Paris, Landsat-5 Thematic Mapper, Bildverarbeitung IKT, ETH Zürich: 1; Gletschergartenmuseum Luzern: RO 28; Musée d' Art et d' Histoire, Genf: RL 53; Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne: RL 38; Schweizerisches Landesmuseum Zürich: RO 47; Staatsarchiv des Kantons Wallis ( Foto J.M. Biner ): AL 02.2; The Tate Gallery, London: RL 58; Zentralbibliothek Zürich ( Foto M. Egli ): AL 15, AL 18, AL 19 Die Autoren stellten die folgenden Aufnahmen zur Verfügung: Dr. Hanspeter Holzhauser, Zürich: 4 bis 13, 17, 18, AL 11, AL 13.2; Dr. Heinz J. Zumbühl, Bern: 2, 3, 14, 15, 16, 19 bis 22, ausserdem alle nicht einzeln aufgeführten Aufnahmen von historischen Dokumenten, die ebenso wie das Titelbild mit freundlicher Genehmigung der Besitzer angefertigt werden konnten.

Die Zeichnungen wurden ausgeführt von:

A. Brodbeck ( GlUB ): Fig.4, 5 und 6; Dr. H. Holzhauser ( GIUZ ): Fig. 1, 2, 3, 7 und die 7 Karten.

M

lethoden zur Rekonstruktion von Gletscherschwankungen

Hanspeter Holzhauser, Zürich 1 Berner und Walliser Alpen mit den untersuchten Gletschern. Aufnahme des Erderkundungssatelliten Land-sat-5, Juli 1984. Falsch-farbenkomposit der Kanäle 2, 3, 4. Flughöhe 716 km, Bodenauflösung 30 m.

2. Die historische Methode Das kritische Auswerten von historischen Quellen ( Schrift-, Bildquellen und kartogra- 135 1. Methoden der Glaziologie Gletscherschwankungen lassen sich auf unterschiedliche Arten nachweisen ( Fig. 1 S. 141 ). Zur Untersuchung von gegenwärtigen Veränderungen der Gletscher dienen folgende Verfahren ( nach HOINKES 1970 ):

- Die geodätische Methode. Darunter sind Messungen der linearen Längenänderung, der Flächen- und der Volumenänderung eines Gletschers mit Hilfe topographischer Aufnahmen ( Karten ) und der Luftbildphotogramme-trie ( Auswerten von Luftbildern ) zu verstehen.

- Die Berechnung des Massenhaushalts ( Massenbilanz)1 eines Gletschers mit der hy-drologisch-meteorologischen Methode. Sie beruht auf der Messung verschiedener Kenngrössen wie Schneerücklage aus dem laufenden Haushaltsjahr ( 1. Oktober bis 30. September ), der Schmelzung und Verdunstung von altem Firn und Eis, dem Gebietsniederschlag und der Gebietsverdunstung sowie dem Abfluss.

- Die direkte glaziologische Methode, mit der die Massenbilanz eines Gletschers aus der Differenz von Akkumulation und Ablation ermittelt wird. Die Messungen werden direkt auf der Gletscheroberfläche vorgenommen.

Zur Rekonstruktion von früheren, weit zurückliegenden Gletscherschwankungen eignen sich diese Methoden nicht, weil Massen-bilanzuntersuchungen erst in den letzten Jahrzehnten durchgeführt wurden. Einzig mit Messungen an der Gletscherzunge, wo Veränderungen am augenfälligsten sind, begann man schon früher. Vom Rhonegletscher liegen Messwerte schon seit 1874 vor. Mit der jährlichen Vermessung weiterer Gletscher wurde unter der Aufsicht von F.A. Forel 1880 begonnen ( s. Variations Périodiques ). Heute umfasst das Beobachtungsnetz 120 Alpengletscher.

Gletscherschwankungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in vorangegangenen Jahrhunderten müssen mit anderen Methoden nachgewiesen werden. Dazu eignen sich - die historische Methode - die geländearchäologische Methode - die glazialmorphologische Methode.

phische Zeugnisse ) hat für die letzten rund 400/450 Jahre ein recht detailliertes Bild der Gletscherbewegungen gezeitigt. So ist es möglich, von einzelnen Gletschern eine mehr oder weniger lückenlose Kurve der Zungenlängenänderungen aufzuzeichnen, die im Falle des Unteren Grindelwaldgletschers bis 1535 zurückreicht ( Zumbühl et al. 1983 und Fig. 7, Falttafel ).

Verständlicherweise liegt historisch auswertbares Material nur von solchen Gletschern in einer befriedigenden Menge vor, die früh schon den erforderlichen Bekanntheitsund Attraktivitätsgrad erreichten, um Reisende, Wissenschaftler und Künstler herbeizulocken. Naturgemäss waren das nur die Eisströme mit weit hinabreichender, spektakulär nahe an bewohntes Gebiet vorgeschobener Gletscherzunge, die zudem noch bequem erreichbar waren ( z.B. die beiden Grindelwald-, der Rosenlaui-, der Rhonegletscher und die Gletscher im Räume Chamonix ).

2. 1. Schriftquellen Schriftliche Hinweise über die Grösse einzelner Gletscher reichen bis in das Spätmittelalter zurück, doch treten sie äusserst isoliert auf und sind schwer interpretierbar, so dass sie mit anderen Methoden bestätigt und ergänzt werden müssen. Die Mehrzahl der auswertbaren Schriftquellen datiert jedoch aus der Neuzeit ( vom 16. Jahrhundert an ). Sie umfassen Chroniken, Auszüge aus Urbarien, Alprechtsverträge und Landbesitzurkunden ( Kauf- und Tauschverträge ), handschriftliche und gedruckte Reiseberichte von wissenschaftlich Geschulten und Interessierten sowie ältere naturwissenschaftliche Werke über Alpen- und Gletscherforschung. Bei den ungedruckten Dokumenten wird unterschieden zwischen solchen mit direktem Bezug zum Gletscher ( Aufzeichnungen über Zerstörung von Kulturland und Bauwerken wie Behausungen, Wegen und Wasserleitungen durch vorstossende Gletscher; Erwähnung von glet-scherbannenden Prozessionen ) und solchen, aus denen Rückschlüsse auf die Gletscherausdehnung nur indirekt gezogen werden können ( z.B. Alprechtsverträge ).

2.2. Kartographische Zeugnisse und Reliefs Erste Versuche, kleinere und grössere Landesteile der Schweiz kartographisch darzustellen, wurden schon an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert unternommen ( BLUMER 1957 ).

Diese frühen Kartenwerke fielen aber, wie auch spätere Werke aus dem 17. und dem 18. Jahrhundert, noch ungenau und skizzenhaft aus. Die abweisenden und sagenumwobenen Gletscherregionen wurden peinlichst gemieden und sind entweder nicht eingezeichnet oder nur in vagen Umrissen angedeutet. Pläne wie beispielsweise derjenige aus dem Aletschgebiet, datierend aus dem 18. Jahrhundert ( AL 02.1 und AL 02.2* S. 148/149 ), sind für die Gletscherforschung glückliche Ausnahmen.

Exakte Aussagen über Gletscherausdehnungen vermitteln erst die Originalmesstischblät-ter zum Dufouratlas, die im Alpenraum während des letzten Gletscherhochstandes in den Jahren um 1850 im Massstab 1:50000 aufgenommen wurden. Diese kartographischen Unikate sind allerdings von unterschiedlicher Qualität; je nach Kartograph treten zum Teil erhebliche Ungenauigkeiten auf. Mit den später erschienenen Siegfriedkarten ( Alpenraum ebenfalls im Massstab 1:50000 ) kann der Gletscherschwund nach dem letzten Hochstand mit Unterbrüchen von einigen Jahrzehnten gut nachgezeichnet werden.

Vereinzelt sind auch Reliefs gletschergeschichtlich auswertbar, wie beispielsweise dasjenige vom Engelberger J. E. Müller, entstanden in der Zeit von 1812-1819 ( AL 09; RO 28*S.189).2 2.3. Bilddarstellungen aus Malerei und Graphik, Fotografien Vereinzelte Bilddarstellungen von Gletschern datieren bereits aus dem 17. Jahrhundert. Gehäuft treten sie aber erst mit der aufkommenden Mode der Schweizerreisen im 18. Jahrhundert auf.

Drei Voraussetzungen müssen ( sollten !) erfüllt sein, um optimale Vergleiche der Gletscherausdehnungen auf den verschiedenen Bildern vornehmen zu können ( vgl. ZUMBÜHL 1980: 13, 14 ):

1. Die Abbildung muss genau datierbar sein, d.h. der Zeitpunkt, zu dem der Gletscher vom Künstler abgezeichnet worden ist, muss bestimmt werden können. Diese Voraussetzung ist ideal erfüllt, wenn datierte Reiseskizzenbü-cher oder Naturstudien vorliegen. Bei Ölgemälden stimmt das Herstellungsjahr oftmals nicht überein mit dem Aufnahmejahr der Skizzen im Gelände.

2. Der Gletscher und seine Umgebung müssen topographisch korrekt abgebildet sein. Im allgemeinen, aber nicht immer, steigt mit der künstlerischen Qualität auch die topographische Genauigkeit.

3. Der Aufzeichnungsstandort des Künstlers muss bekannt sein. Häufig ist diese Voraussetzung nicht erfüllt, weil es die Künstler einerseits liebten, dem Motiv eine Vordergrundstaffage beizufügen, und andrerseits häufig unästhetische Formen wie Stirnmoränen wegliessen, um den Gletscher besser zur Geltung bringen zu können.

Wesentlich erleichtert wird eine Auswertung der historischen Bildquellen, wenn das Gletschervorfeld durch topographische Be-zugselemente ( markante Felsstufen oder Hügel ) gegliedert wird. Entsprechend genau lassen sich die Gletscherausdehnungen rekonstruieren. Fehlen solche Punkte, wie beispielsweise am Unteraargletscher und teilweise auch am Rhonegletscher, wird die Bestimmung der Gletscherdimensionen stark erschwert.

Als Dokumente von unschätzbarem Wert sind ferner Fotografien zu nennen. Das bis jetzt bekannte erste gletschergeschichtlich auswertbare Foto datiert von 1849 und zeigt den Rhonegletscher ( RO 62* S.217 ). Dank der grossen Formate ( Daguerreotypien, Talbo-typien usw. ) sind die Aufnahmen von einer bestechenden Qualität und entsprechend gut auswertbar.

3. Die geländearchäologische Methode Wo Kulturland in enger Nachbarschaft mit einem Gletscher liegt, können Spuren anthro-pogener Tätigkeit oft in Verbindung mit der Gletschergeschichte gebracht werden, so beispielsweise Fundamente von Behausungen oder heute nicht mehr begangene Wege: Führt ein Weg nur bei grosser Gletscherausdehnung über das Eis, zwingt ein Gletscherschwund zur Aufgabe des Weges. Umgekehrt kann ein Gletschervorstoss Teile eines Weges unbegehbar machen, wie das in historischer Zeit bei Pässen vereinzelt der Fall war. Oft lebt die Erinnerung an solche Übergänge in den Blümlisalpsagen weiter ( s. RÖTHLISBERGER F. 1976 ).

Speziell im Wallis sind vereinzelt Überreste aufgelassener Wasserleitungen gletschergeschichtlich auswertbar; dort nämlich, wo Wasser in unmittelbarer Nähe eines Glet- schers geschöpft wurde. Das Funktionieren einer solchen Leitung war abhängig von der jeweiligen Gletscherausdehnung. Aufgrund der noch vorhandenen Relikte ( Mauerreste ) lässt sich der frühere Verlauf der Wasserleitung rekonstruieren, und damit sind Rückschlüsse auf die einstmaligen Gletscherdimensionen möglich.

Die Methode der Geländearchäologie setzt Feldarbeit voraus, bezieht aber auch die Suche nach schriftlichen Dokumenten mit ein. Indizien im Gelände ( Wegspuren, Mauerreste und Fundamente ) sollten, um aussagekräftig zu sein, mit entsprechenden Schriftquellen oder 14C-Datierungen kombiniert und abgesichert werden. Allzuviel Spielraum bleibt sonst für Spekulationen offen.

4. Die glazialmorphologische Methode Die Anwendung der historischen und der geländearchäologischen Methode beschränkt sich auf den Zeitraum des Spätmittelalters und der Neuzeit. Das Aufspüren von Gletscherschwankungen in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden erfordert andere Methoden.

Während ihrer Vorstösse überdeckten die Alpengletscher häufig vegetationsbedecktes Gelände; einzelne Eisströme drangen sogar in den Wald vor, drückten Bäume um und überfuhren sie anschliessend.

Mit dem Zurückschmelzen der Gletscher nach dem letzten Hochstand um die Mitte des 19. Jahrhunderts und dem damit verbundenen Eisfreiwerden grosser Teile der Vorfelder kamen einstmals vom Eis überfahrene Baumreste, aber auch vom Gletscher überschüttete Bodenhorizonte ( ehemalige Vegetationsflächen ) zum Vorschein. In diesem Zusammenhang spricht man von fossilen Hölzern und fossilen Böden.3 Lange konnte man das Alter von fossilem organischem Material ( Holz, Holzkohle, Torf, Humus u.a. ) aus archäologischen Grabungen sowie aus Gletschervorfeldern nicht bestimmen. Erst die Entdeckung der Radiokarbonmethode [kurz 14C-Methode genannt ) durch LlBBY ( 1952 ) brachte den entscheidenden Fortschritt in der Datierungstechnik.

Ein Radiokarbonalter ( 14C-Datum ) wird mit Jahre vor heute ( yBP: years before present ) angegeben. Mit ist das Jahr 1950 n. Chr. gemeint. Hinter dem Datum steht die Abkürzung des 14C-Labors und die laufende Probennummer ( z.B. UZ-962: Geographisches Institut der Universität Zürich, Probe 962 ). Das Datum ist mit einem FehlerX Jahre ) behaftet. Häufig ist das Alter von jungem Material nicht genau bestimmbar und muss deshalb mit modern ( jünger als 200 Jahre ) bezeichnet werden. Überhaupt sind 14C-Daten aus dem Neuzeitbereich, wo es darum geht, zeitlich nahe beieinanderliegende Vorstösse zu trennen, wegen ihres grossen Fehlers nicht befriedigend interpretierbar.4 Grundlage der glazialmorphologischen Untersuchungen ist eine genaue Kartierung des Gletschervorfeldes mit seinen Moränenwällen. Nur so können die Fundorte von fossilen Hölzern und Böden aufgrund ihrer Lage im Vorfeld auch in Beziehung zur jeweiligen Gletscherausdehnung gebracht werden.

4. 1. Fossile Böden Fossile Böden sind im Bereich der Gletschervorfelder entweder durch natürliche, erosiv entstandene oder durch künstliche Aufschlüsse ( Grabungen ) zugänglich. Einerseits findet man sie als dunkle Horizonte im anerodierten Teil der steil abfallenden Ufermoränen; andererseits liegen fossile Böden unter angelagerten, nebeneinanderliegenden Ufermoränen oder unter Endmoränen verborgen ( vgl. SCHNEEBELI 1976 und RÖTHLISBERGER F. 1976, 1986 ). Mit der Datierung solcher Bodenhorizonte werden Gletscherhochstände belegt; der Gletscher erreichte, bezogen auf die Vorfelddimension, maximale Ausdehnung. Fossile Böden können aber auch im Innern des Vorfeldes flächenhaft aufgeschlossen sein ( vgl. Unteraargletscher, S.288 ). In diesem Falle bestimmt die Lage des Fundortes die Gletscherausdehnung zum Zeitpunkt der Überschüttung ( Gletscher erreichte Ausdehnung wie um... ); wie weit der Gletscher nachträglich darüber hinaus vorgestossen ist, bleibt ungewiss. Das organische Material eines fossilen Bodens wird bei der 14C-Datie-rung aufgetrennt in eine Huminsäure-Fraktion und in die organische Restsubstanz.B.eide Fraktionen werden datiert. Mit dieser Auftrennung bezweckt man, über die Entwicklungs- dauer des Bodens und den Zeitpunkt der Überschüttung Näheres zu erfahren, aber auch über mögliche Verunreinigungen durch infiltrierte jüngere Huminsäure des heutigen Bodens ( s. dazu GAMPER 1985 ).

4.2. Fossile Hölzer Sowohl in den steilen Ufermoränen, in Endmoränenwällen als auch innerhalb des Vorfeldes sind Reste fossiler Bäume zu finden.

Für eine exakte Rekonstruktion der Gletscherschwankungen eignen sich nur fossile Baumreste, die am Wuchsort ( in situ ) gefunden wurden. Häufig findet man fest verankerte Wurzelstöcke - teilweise mit Stamman-satz - an geschützten Lagen im Bereich von grossen Felskörpern. Das Eis vermochte hier nur die den Fels überragenden Baumteile wegzudrücken.

Fossile Hölzer in situ sind gletschergeschichtlich sehr aussagekräftig: Einmal lässt sich die Lage des Eisrandes zur Zeit, als der Baum vom Gletscher umgedrückt wurde, äusserst präzise festlegen. Falls Stammquer-schnitte vorliegen, kann durch Auszählen der Jahrringe ermittelt werden, wie lange der Baumstandort mindestens eisfrei war, bevor der Gletscher darüber hinaus vorstiess. Mit der 14C-Datierung der äussersten Jahrringe erhält man das ungefähre Sterbedatum des Baumes, und damit ist auch der Gletschervorstoss zeitlich festgelegt.

Werden dicht vor der heutigen Gletscherzunge Wurzelstöcke oder Wurzeln in situ entdeckt, so belegen diese Funde eine frühere kleinere Gletscherausdehnung als heute. Es lassen sich so minimale Gletscherausdehnungen feststellen.

Bei der Auswertung von Streufunden - an der Oberfläche herumliegende Hölzer- ist Vorsicht geboten, da es sich auch um Lawinenholz handeln kann. Eine gletschergeschichtliche Interpretation ist nur dann sinnvoll und zulässig, wenn die Baumreste altersmässig in Zusammenhang mit fossilen Böden und Hölzern in situ gebracht werden können.

Zur Datierung fossiler Holzreste verfügen wir heute neben der 14C-Methode über ein weiteres Verfahren, das viel genauere Altersangaben liefert. Es handelt sich um die Dendrochronologie ( Jahrringanalyse ). Diese Methode erlaubt in günstigen Fällen jahrgenaue Datierungen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass ganze Stammscheiben oder Teile davon vorliegen. Mit Hilfe der Dendrochronologie sind, neben der Auswertung von historischen Quellen, die präzisesten Datierungen in der Gletschergeschichte möglich.5 5. Zum Begriff der ( Kleinen Eiszeit ) Die häufig verwendete Bezeichnung

Allgemein versteht man unter der Kleinen Eiszeit den Zeitraum vom ausgehenden 16. Jahrhundert bis um 1850/60, der sich durch ein kräftiges Anwachsen der Alpengletscher auszeichnet, verbunden mit Hochständen 6 um 1600, im 18. Jahrhundert, um 1820 und um 1850; kurz, die Gletscherhochstandsphase der Neuzeit.

Über das Ende der Kleinen Eiszeit herrscht allgemeine Übereinstimmung: Als Zeitpunkt gilt das Einsetzen der ausgeprägten Schwundphase nach dem letzten Hochstand um die Mitte des 19. Jahrhunderts ( um 1850/60 ).

Nicht eindeutig im klaren ist man sich jedoch über den Beginn der Kleinen Eiszeit; aufgrund neuerer Arbeiten kann dieser in etwas verschwommener Weise mit angegeben werden.7 Ursprünglich umfasste die Kleine Eiszeit einen viel grösseren Zeitraum als nur die letzten paar Jahrhunderte. Um die Entstehung dieses Begriffs zu erklären und zu verstehen, müssen wir etwas weiter ausholen.

Nach dem letzten bedeutenden Gletschervorstoss innerhalb der Würm-Eiszeit vor rund 20000-18000 Jahren setzte ein allmähliches Abschmelzen der grossen, weite Teile des Mittellandes bedeckenden Eisströme ein, das unterbrochen war von verschiedenen klimabedingten Wiedervorstössen ( sog. Stadien wie beispielsweise das Zürich-Stadium des Linthgletschers oder das Bern-Stadium des Aaregletschers ). Dieses etappenweise Zurückschmelzen während des als Spätglazial bezeichneten Zeitraumes führte allmählich zur Auflösung des Eisstromnetzes in einzelne Talgletscher, welche die Alpentäler noch auszufüllen vermochten. Auch diese nun schon merklich kleiner gewordenen Gletscher schmolzen nicht kontinuierlich zurück, sondern stiessen als Folge von Klimarückschlägen mehrmals vor und hinterliessen weitere spät-glaziale Gletscherstände in Form von zum Teil mächtigen Moränenwällen, so beispielsweise der Rhonegletscher bei Bellwald oberhalb Fiesch und in Obergesteln, der Grosse Aletschgletscher im Räume Brig, der Rosenlauigletscher bei den Reichenbachfällen und der Aaregletscher im Räume Meiringen.8 Ein Klimaumschwung in Form einer ausgeprägten Erwärmung vor rund 10000 Jahren markiert das Ende des Spätglazials - der Eiszeit schlechthin - und zugleich den Beginn eines neuen, als Postglazial bezeichneten Kli-maabschnitts ( auch Nacheiszeit oder Holozän genannt ). Die Gletscher schmolzen dadurch kräftig ab und erreichten Dimensionen, wie sie uns aus der Neuzeit vertraut sind. Die veränderten Klimabedingungen führten auch zu einem starken Ansteigen der Waldgrenze.

Heute weiss man, dass innerhalb des Postglazials die Gletscher mehrere Male vorgestossen und wieder zurückgeschmolzen sind ( ). Teilweise wuchsen sie zu Hochständen an, doch stirnten sie dabei nie mehr wesentlich weiter vorne, als dies innerhalb der Neuzeit der Fall war, wie beispielsweise um die Mitte des letzten Jahrhunderts, um 1850/60. Bei einigen Gletschern können den Moränenwällen der neuzeitlichen Hochstände Wälle vorgelagert sein, die bedeutend älter sind ( vgl. Rhonegletscher, S.225-233 ). Die entsprechenden Gletscherdimensionen unterscheiden sich jedoch von den neuzeitlichen nicht wesentlich. Vereinfachend verwendet man deshalb, um postglaziale Gletscherhochstände zu charakterisieren, die Wendung ( Vorstoss in der Grössenordnung von 1850 ).

Als Mass für die räumliche Bandbreite der postglazialen Gletschervorstösse dient das Gletschervorfeld, kurz auch Vorfeld genannt: Die Gletscher hinterliessen als Zeugnis ihrer Schwankungen innerhalb des Postglazials im näheren Umfeld der Gletscher Moränenwälle, sogenannte Hochstandswälle, die das Vorfeld begrenzen. Die Vorfelder der Gletscher — diese schuttreichen und häufig nur spärlich bewachsenen Areale zwischen Gletscher und Hochstandsmoränen - kontrastieren bei tief hinabreichenden Gletschern besonders deutlich zu den dichter bewachsenen Talhängen und dürften den meisten Lesern bestens vertraut sein.

Noch vor wenigen Jahrzehnten betrachtete man die neuzeitliche Gletscherhochstandsphase als die ausgeprägteste Klimaver- schlechterung innerhalb des Postglazials. Zudem war die Annahme einer

Die Entstehung des Begriffes ( Kleine Eiszeit ) ist nun eng verbunden mit dieser früheren Annahme einer ( Postglazialen Wärmezeit ).

Erstmals tauchte in diesem Zusammenhang die Bezeichnung ( Kleine Eiszeitlittle ice-age ) ) bei MATTHES ( 1939: 520 ) auf und umfasste den gesamten Zeitraum der letzten 4000 Jahre, in dem eine neue Generation von Gletschern entstanden sein soll.9 Die Hochstandswälle in der näheren Umgebung der Gletscher deutete Matthes, bestärkt durch die Arbeiten von KlNZL ( 1929, 1932 ), als Bildungen von Gletschervorstössen der letzten Jahrhunderte und betrachtete diese neuzeitlichen Hochstände nicht nur als Kulmination der Kleinen Eiszeit, die nach ihm vor rund 4000 Jahren begann, sondern auch als grösste Vorstösse innerhalb des Postglazials überhaupt. In einem späteren Artikel bezeichnete Matthes dann die rund 300 Jahre dauernde neuzeitliche Gletscherhochstandsphase als ( lesser ice agegeringere, kleinere Eiszeit ) ), nicht aber als ( little ice-age).10 Der Begriff ( Kleine Eiszeit ) ist in der Folgezeit dann für einen viel kürzeren Zeitabschnitt, für den Zeitraum von Ende des 16. Jahrhunderts bis um 1850, verwendet worden und hat sich in dieser Form sowohl im deutschen als auch im englischen Sprachraum bis heute hartnäckig halten können. Offensichtlich zu Unrecht, denn wie wir heute wissen, ereigneten sich innerhalb des Postglazials mehrere Hochstandsphasen, die aufgrund ihrer Aus- masse die Umschreibung Kleine Eiszeit ebenso, wenn nicht gar mehr, verdienten.11 PATZELT ( 1980: 16 ) schlägt deshalb die Bezeichnung ( Neuzeitliche Gletschervorstoss-periode ) vor. Die Umschreibung ( Gletscherhochstandsphase der Neuzeit ) ist ebenfalls denkbar.

Auch in anderer Hinsicht ist die Bezeichnung Kleine Eiszeit nicht glücklich gewählt: Das Wort Eiszeit assoziiert die Vorstellung von weit vorgestossenen und weite Teile des Mittellandes bedeckenden Eisströmen, an deren Rande sich Mammute tummeln. Dieses Bild einer Eiszeit hat aber mit der sogenannten Kleinen Eiszeit nur eines gemeinsam, nämlich dass in beiden Fällen die Gletscher ausgedehnter waren als heute. Doch weder in der zeitlichen, der räumlichen noch in der klimatischen Dimension sind Ähnlichkeiten vorhanden. Der Vergleich mit der grossen Eiszeit verleitet aber auch dazu, den Zeitraum der Kleinen Eiszeit mit einer durchwegs kalten Periode zu verbinden, was nach den Untersuchungen von PFISTER ( 1984, 1 ) nicht zutreffend ist.

Wieso steht nun im Titel trotzdem Kleine Eiszeit? Ganz einfach: Weil der Terminus Kleine Eiszeit als Synonym für die Gletscherhochstandsphase der Neuzeit nicht mehr auszurotten und inzwischen zu einem festen Begriff geworden ist, der häufig in den Medien auftaucht und den meisten Lesern deshalb in dieser Form bekannt sein dürfte.

6. Abkürzungen im Text Sowohl für Bildquellen als auch für Grabungen gelten folgende Abkürzungen:

AL = Grosser Aletschgletscher, RO = Rhonegletscher, AU = Unteraargletscher, RL = Rosen la uigletscher.

Zum Beispiel steht für Bilddokumente des Rhonegletschers RO 77 ( nicht abgebildet ) oder RO 18* S ( abgebildet auf Seite... ).

Natürliche oder künstliche Aufschlüsse ( Grabungen ) sind mit einem zusätzlichen ( A> gekennzeichnet, wie z.B. RO A2 ( Grabung 2 Rhonegletscher ).

Bei fossilen Böden bedeutet: OR = organische Restsubstanz, H = Huminsäure.

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