Naturschutz als Planungselement

Das Wort « Naturschutz » weckt in verschiedenen Menschen die verschiedensten Vorstellungen; sie reichen vom romantischen Waldweiher bis zum total verschmutzen Industriegewässer, die es zu retten gilt.

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Noch heute besteht die weitverbreitete Meinung in der Öffentlichkeit, es sei die Aufgabe des Naturschutzes, beispielsweise eine ehrwürdige Linde auf dem Dorf hügel zu erhalten, um den Fortbestand der traditionellen Erstaugustreden zu gewährleisten, oder der Naturschutz müsse sich eines kleinen Teiches wegen mit ganzer Kraft einem unbedingt nötigen Strassenbau widersetzen. Die Erhaltung von Naturschönheiten ist zwar seine Aufgabe, jedoch längst nicht die einzi-ge- Erst im letzten Jahrzehnt ist in einem Teil der Allgemeinheit die Einsicht durchgedrungen, dass der Naturschutz Ziele verfolgt, die für das Wohl der Öffentlichkeit unbedingt nötig sind. Bei unsern Gewässern ist diese Notwendigkeit geradezu augenfällig. Vergiftetes und stinkendes Trinkwasser aus der Leitung, eine trübe Brühe am Seeufer an Stelle klaren Badewassers haben sogar hartnäckige Skeptiker überzeugt. Einsicht oder auch nur pure Angst vor den Folgen der Gewässerverschmutzung haben manchen Souverän bewogen, die Kredite für eine Kläranlage zu bewilligen. Die sichtbaren Notzustände unserer Gewässer sprachen so deutlich für sich selbst, dass der Naturschutzgedanke doch langsam zum Allgemeingut wurde. Mit andern Worten: der Naturschutz wird heute zunehmend als Notwendigkeit erkannt; das sentimentale Moment tritt zurück.

Mit einer Verspätung von Jahrzehnten also hat sich die Idee des Naturschutzes Achtung verschaffen können, und wir wollen ehrlich bleiben - nur mit Hilfe der Angst vor den Folgen unserer oft so schwerwiegenden Eingriffe in die Natur.

Ursprünglich beschränkte sich der Schutz vornehmlich auf bedrohte Landschaften und Objekte. Die Erhaltung einer Sehenswürdigkeit stand im Vordergrund. Die starke Entwicklung der Technik, der steile Anstieg der Baugrundnachfrage, der Ausbau des Strassennetzes usw. zwangen den Naturschutz in einer zweiten Phase, direkt gegen lebensbedrohende Zustände ( siehe Gewässerverschmutzung ) zu kämpfen.

Es gilt nun, durch Erhaltung und Schaffung von Erholungsgebieten auch die Aufgaben der dritten Stufe zu lösen, also über die direkt lebensnotwendige zweite Stufe hinauszugehen und etwas zu schaffen, was vielleicht eher dem kulturellen Bereich zugehört. Unpopulär, zugegeben. Wenn jemand eine Idee verwirklichen will, die keinen sichtbaren Gewinn abwirft, bekommt er meist recht deutliches Befremden zu spüren. Ein Scheitern bei der Lösung dieser Aufgabe wird uns zwar nicht in erster Linie materiell schaden, sondern seelisch. Es gibt aber keine stichhaltigen Gründe dafür, dass wir wohl eine körperliche Hygiene gutheissen und pflegen, die seelische aber als überflüssig zurückweisen. Diesen Schritt müssen wir heute tun, denn für die folgende Generation wird das Fehlen von Erholungsräumen wieder unmittelbar lebensbedrohend sein.

Es bietet sich uns heute die Gelegenheit zu zeigen, dass wir aus den begangenen Fehlern, nämlich dem viel zu späten Einsetzen der zweiten Stufe, gelernt haben. Wir können jetzt die Probleme der Erholungsräume noch planend in die Hand nehmen, was uns ungleich mehr Möglichkeiten lässt; denn später könnten wir nur noch reparie-rend eingreifen. Wesentlich ist, dass diese Erkenntnis sich beim ganzen Volk durchsetzt und nicht nur die Idee einiger weitblickenderNatur-schützer und Wissenschafter bleibt - genau wie auch die zweite Stufe erst wirksam realisiert werden konnte, als die Idee von der Mehrheit des Volkes getragen wurde, genauso wird diese Zukunftsaufgabe in unserem demokratischen Land erst zu verwirklichen sein, wenn jeder einzelne sie zu seiner Aufgabe gemacht hat.

Am Beispiel des bedrohten Teilstückes des KLN-Gebietes Piora-Lucomagno-Dötra möchte ich darstellen, wie wir praktisch vorgehen könnten( Blatt Nr. 266 der LK 1:50000 ). Mitte Juni 1969 bot sich folgende Ausgangslage: Naturschutzkreise wehrten sich gegen den geplanten Bau der neuen Lukmanierstrasse, die von Campra der rechten Talseite folgen, bei Pian-Segno gleichfalls dem rechten Hang entlangführen soll, um knapp unterhalb Acquacalda wieder die alte Strasse zu erreichen. Die gleichen Kreise wenden sich gegen den geplanten Aushub zur Schottergewinnung in Pian-Segno, da die tiefen Löcher das Bild der Hochfläche einschneidend verändern werden. ( Abb. 2. ) Die Durchsetzung dieser Ziele, zusammen mit der Schaffung eines ausgedehnten Naturschutz-Gebietes, wie es im KLN angegeben ist, wäre vom Naturschutz her wohl ein Ideal, entspricht aber heute nicht der Realität. Ich möchte sogar so weit gehen und sagen, dass wir hier ein klassisches Beispiel für das zu späte Eingreifen des Naturschutzes vor uns haben. Die Verhinderung des Projektes der rechtsseitigen Trassee-Führung der neuen Lukmanierstrasse scheint aus drei Gründen kaum möglich: Bereits sind viele Millionen Franken auf der Bündner Seite und von Olivone bis Campra verbaut worden. Ausserdem sprechen die geologischen Gründe für die Verlegung des Strassen-trassees, und die linke Talseite ist stärker lawinengefährdet.

Gegen eine neue Lukmanierstrasse hätten wir allenfalls vor fünfzehn Jahren Stellung beziehen müssen. Heute ist es zweifellos zu spät. Könnte dies aber überhaupt je ein Ziel des Naturschutzes gewesen sein? Kaum; der Lukmanierpass als tiefster transalpiner Übergang ist verkehrstechnisch zu wichtig. Naturschutz heisst letztlich Schutz der Natur für den Menschen, zum Wohle des Menschen. Dass Naturschutz heute oft ein Schutz vor dem Menschen sein muss, liegt in der Zeit und dem Hintennachhinken der ganzen Idee zur Zeit begründet. Wir wollen uns hüten, Naturschutz um des Naturschutzes willen zu betreiben.

Um zu unserem Beispiel zurückzukehren: Wesentlicher als die Bekämpfung und heute angebracht dürfte es sein, die Folgen dieses grossen Ausbaues unter Kontrolle zu bekommen. Heute müssen wir nach Lösungen für die Zukunft suchen, nicht morgen; morgen ist es wieder zu spät!

Es ist anzunehmen, dass mit dem Ausbau und damit der Verbesserung der Zufahrtsbedingungen der Bau von Weekend- und Ferienhäusern stark zunehmen wird. Leider ist der lichte Arvenwald im Pian di Casascia durch eine « wilde » Überbauung mit Wochenendhäuschen bereits stark gefährdet. Weiter ist anzunehmen, dass auch Hotellerie und Bergbahn-Unternehmen kräftig an der Anheizung eines Touristenbooms mithelfen werden.

Obschon das Gebiet es an sich wert wäre, vollständig geschützt zu werden, erachten wir dies für die Zukunft als unmöglich. Vielmehr scheint eine «geordnete, beschränkte Erschliessung» als für die Landschaft erträglich und für die Allgemeinheit wünschenswert. Daraus ergibt sich folgender Lösungsvorschlag:

1. Vollständiges Bauverbot für Ferienhäuser im Gebiet oberhalb Acquacalda.

2. Schaffung einer Weekendhaus-Zone in Pian-Segno. Eventuell Projektierung eines kleinen Ferienzentrums. Pian-Segno hat bereits viel von seinem ursprünglichen Charakter verloren, so dass hier ein solcher Eingriff am ehesten zu verantworten wäre. EineLösung,die denStrassenbauund seineFol-gen in positiver Weise verbinden könnte, wäre die Errichtung von Ferienhäusern im geplanten Kies-Aushubraum von Pian-Segno. Zweifellos wird es einem geschickten Architekten möglich sein, hier eine für alle befriedigende Lösung zu finden.

3. Errichtung eines Zeltplatzes im Arvenwald des Pian di Casascia (Abb. 3). Damit wäre dem « wilden » Camping mit all seinen Nachteilen die Spitze genommen und gleichzeitig doch einer relativ grossen Zahl von Menschen die Gelegenheit gegeben, sich die Schönheiten der Gegend zu erwandern. Eine Toiletten-Anlage mit Frischwasserver-sorgung, eine Klärgrube, eine natürliche Abgrenzung mit Koniferen und eventuell ein kleines Empfangsbüro, kombiniert mit einem Kiosk, sollte genügen. Bewusst soll auf Komfort verzichtet werden.

4. Erwirkung eines Bauverbotes für Bergbahnen.

Sollte den Tessinern am Lukmanier als einem neuen Skigebiet sehr viel gelegen sein, müsste eventuell ein kleiner Skilift zugestanden werden. Diese Frage muss speziell abgeklärt werden, da im Wander- und Skigebiet von Dötra die Entwicklung schon weiter fortgeschritten ist.

Ich bin mir voll bewusst, dass so etwas leichter zu schreiben als zu verwirklichen ist. Weniger in technischer als in rechtlicher Hinsicht wird manche Hürde zu nehmen sein. Es wäre aber grundfalsch, die Idee einfach als Höhenflug der Ideale abzutun! Wer das tut, und nur das tut, ergeht sich in negativer Kritik. Damit ist der Sache nicht gedient. Der Lösungsvorschlag ist als Diskussions-Grundlage gedacht. Die Verwirklichung des Planes will allein die im jetztgen Zeitpunkt belassenen Möglichkeiten voll ausschöpfen.

Dieser Beitrag soll ein Aufruf sein an interessierte Planer, Architekten und weitere Fachleute, dem Gedanken des « realistischen Naturschutzes » mit einer pionierhaften, für weitere Gebiete wegweisenden Tat zum Durchbruch zu verhelfen.

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