Rund um die Monte-Rosa-Hütte

Die Hütten-Monographien, die wir in zwangloser Folge erscheinen lassen, sind als Ergänzung der Angaben im Clubhütten-Verzeichnis aufzufassen. Und zwar sollen vor allem die Tourenmöglichkeiten, die im genannten Verzeichnis nur summarisch erwähnt sind, charakterisiert werden. Sie können als Verbindung zwischen Clubhütten-Verzeichnis und Clubführer gelten und dürften vor allem dem Bergsteiger nützlich sein, der eine Hütte besuchen will, deren Tourenmöglichkeiten seinem Können und seiner Ausdauer entsprechen. Sie könnten auch als Anregung aufgefasst werden, in einer späteren Auflage des Clubhütten-Verzeichnisses die Gipfelangaben durch kurze, prägnante Angaben über den Charakter, die Länge und die Schwierigkeiten der Besteigungen, unter Hinweis auf die ausführlichen Routenbeschreibungen in den diesbezüglichen Clubführern, zu ergänzen.

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

Das erste Objekt, das die Ausflügler auf dem Gornergrat am grossen Fernrohr oder mit dem eigenen Feldstecher ins Visier nehmen, ist die Hütte am Fusse des Monte Rosa. Nachher peilen sie die schon von blossem Auge erkennbare Spur an, die sich durch die weissen Hänge des Berges zieht. Sind sie, die Ausflügler, am Vormittag zugegen, so wird es ihnen bei schönem Wetter fast immer gelingen, auf der Spur ein paar Menschen zu entdecken, die den höchsten Punkt der Schweiz bestiegen haben und sich nun im Abstieg zur Hütte befinden. Einige werden auch die Feststellung machen, dass es kein Kunststück sein dürfte, die Hütte mehr oder weniger wandernderweise zu erreichen. Auch wenn ihre Meinung einer Präzisierung bedarf so haben sie doch recht. Die Monte-Rosa-Hütte ist in der Tat ein dankbares, ein aussergewöhnliches Ziel einer Bergwanderung.

Nimmt man bis zur Station Roten Boden die Gornergratbahn zu Hilfe, so ist der Ausflug eine Angelegenheit von viereinhalb bis fünf Stunden. Davon entfällt etwa die Hälfte auf die Überschreitung des Gletschers — des Gornergletschers. Und hier ist die Präzisierung am Platze, die angedeutet worden ist. Die Markierung der einzuschlagenden Route durch Stangen nimmt uns die Sorge ab, die besten Übergänge an den Spalten und an den Wasserläufen selbst zu suchen. Trotzdem ist es ein Unfug, die Wanderung in Halbschuhen und in Minis zu unternehmen. Auch wenn wir uns im regenarmen Wallis befinden, ist es durchaus möglich, dass wir auf dem Rückweg von einem Gewitter oder von Nebel überrascht werden. Dann ade Halbschuhe und Mini!

Sind wir aber ordentlich bekleidet und beschuht, so ist der Besuch der Monte-Rosa-Hütte eine der grossartigsten hochalpinen Wanderungen. Viertausender an Viertausender. Und was für Viertausender: Monte Rosa, Liskamm, Castor, Pollux, Breithorn. Das Matterhorn zeigt sich in seiner elegantesten Form. Um nicht hin und zurück den gleichen Berg gehen zu müssen, kann man auf einem ordentlichen, wenn auch steilen Weglein den Gornergrat in den Ausflug einbeziehen. Es führt etwa 300 Meter östlich des Gipfels, unweit des Gletschers, zum Weg von Roten Boden hinunter.

Neben den vielen Ausflüglern, die an schönen Sommertagen die Monte-Rosa-Hütte besuchen, erhält das stattliche Haus nicht selten Besuch von Leuten, die ihre Hüttenwanderung mit Gipfelbesteigungen verbinden wollen. Ich erinnere mich der Bemerkung eines früheren Hüttenwartes, es sei unglaublich, wie viele Touristen nach der Monte-Rosa-Hütte kämen, in der Meinung, sie könnten von hier aus den einen oder anderen Hüttenberg besteigen. Die Bemerkung war keineswegs abfällig. Der Mann war sich der Gründe für die falsche Beurteilung der Tourenmöglichkeiten bewusst. Die meisten voralpinen Hütten, vor allem auch diejenigen in den Ostalpen, liegen nicht nur in wesentlich tieferen Regionen, sondern auch in einer Umgebung, die dem Touristen und mittelmässigen Bergsteiger für sie erreichbare, leichte Gipfel bietet. Diese Art von Hausbergen besitzt die Monte-Rosa-Hütte nicht. Sie ist ein exklusiver Hochtouren-Stützpunkt.

Schnee und Eis herrschen auf allen Touren vor. Es fehlt deshalb auch nicht an Spalten. Erfahrung im Umgang mit den hochalpinen Gegebenheiten sind unbedingt notwendig, andernfalls ist die Begleitung durch einen Führer unerlässlich. Die Länge der Touren setzt auch Ausdauer voraus, wenn der Genuss des Tages vollwertig sein soll. Da alle Gipfel 4000-4600 Meter Höhe aufweisen, ist schliesslich auch der Faktor Wetter keine Nebensächlichkeit. Niederschlag bedeutet also immer Schnee und Kälte.

Hausberg Nr. 1 der Hütte ist, wie schon ihr Name verrät, der Monte Rosa, und zwar in erster Linie sein höchster Punkt, die Dufourspitze, 4634 Meter. Ihre Besteigung bietet, mit einem erfahrenen Seilersten und bei normalen Verhältnissen, keine besonderen Schwierigkeiten. Unter diesen Voraussetzungen erreicht man den Gipfel in fünf bis sechs Stunden. Die Normalroute führt bis zu den Gipfelfelsen über Schnee. Der östliche Nachbar der Dufourspitze ist das Nordend, 4609 Meter. Seine Besteigung ist weniger lohnend, da ihr die Gipfelfelsen der Dufourspitze, der hübsche Abschluss, fehlen.

Die übrigen Gipfel des Monte-Rosa-Stockes sind kaum als eigene Ziele von Besteigungen zu betrachten. Hingegen verdienen sie im Rahmen einer grosszügigen Hochgebirgsüberschreitung Beachtung. Die Viertausender fallen dem ausdauernden Berggänger « nur so in den Schoss ». Was kein Grund für ihre Besteigung ist, sondern andeuten soll, in welcher Höhe sich die Tour abwickelt. Nach dem Erreichen der Dufourspitze nimmt man nacheinander den Grenzgipfel, die Zumsteinspitze und die Signalkuppe in Angriff. Dort besteht im Rifugio Regina Margherita Gelegenheit, die Nacht auf 4554 Meter Höhe zu verbringen. Anderntags geht es über die Parrotspitze, die Ludwigshöhe, den Corno Nero und das Balmenhorn weiter zur Vincent-Pyramide -sofern man nach der Ludwigshöhe nicht über den Grenzgletscher nach der Monte-Rosa-Hütte zurückkehren will. Von der Vincent-Pyramide erreicht man in einer Stunde das neue, prächtige Rifugio Gnifetti und von dort in gleicher Zeit die Monte-Rosa, vom Gornergletscher aus. Links Nordend, rechts Dufourspitze Monte-Rosa-Hütte rechts, Mitte Bildrand Bergstation der Seilbahn Indien, die einen nach Alagna hinunterbringt.

Noch vollkommener, aber auch entsprechend anstrengender ist die Überschreitung, wenn man von der Monte-Rosa-Hütte zum Silbersattel aufsteigt, einen Abstecher auf das Nordend macht und, zum Silbersattel zurückgekehrt, über den Grenzgipfel die Dufourspitze auf den selten begangenen nördlichen Felsen angeht.

Der Liskamm ( 4527 und 4480 m ), der walfischähnliche, mächtige weisse Berg, der die Umgebung der Monte-Rosa-Hütte beherrscht - wegen zwei schweren Wächtenunglücksfällen einst als « Menschenfresser » verrufen -, ist eine grosse Tagestour. Er wird von Osten nach Westen, vom Lisjoch zum Felikjoch, überschritten ( 13-15 Std. ). Weniger lang und weniger anstrengend ist dieBesteigung seiner beiden Gipfel in Verbindung mit dem Monte Rosa, entweder von der Margheritahütte oder vom Rifugio Gnifetti aus, indem man die Tour nicht auf 2800 Meter, sondern auf 4554 bzw. 3647 Meter beginnt und » distanzmässig nur etwa die Hälfte des Weges über den Grenzgletscher zurücklegen muss. Je nach Beschaffenheit des schmalen Schneefirstes verlangt die Überschreitung beträchtliches Können, Trittsicherheit, vor allem auch die richtige Einschätzung der Wächtengefahr. Auch der Abstieg vom Felikjoch über den stückweise zerklüfteten Zwillingsgletscher zur Monte-Rosa-Hütte erheischt Vorsicht und kluge Wahl der Route.

Für die Elite der Bergsteiger bieten die verschiedenen Nordrippen des Berges zum Teil aussergewöhnliche Aufstiegsmöglichkeiten, wobei mit Zeiten von acht bis fünfzehn Stunden, z.T. auch mit Biwaks zu rechnen ist.

Die westlichen Nachbarn des Liskamms, die Zwillinge, sind Gipfel, die mehr Ausdauer als technisches Können, vor allem aber auch Spürsinn im Um- gang mit Gletschern erheischen. Über den Zwillingsgletscher erreicht man zuerst - in fünf bis sechs Stunden - den Castor, 4228 Meter, dann via Zwillingsjoch den Pollux, 4092 Meter. Vom Westfuss des Berges, dem Schwarztor, sucht man sich den Rückweg über den Schwärzegletscher, entweder zur Monte-Rosa-Hütte oder direkt hinaus zum Weg, der vom Gornergletscher zum Roten Boden hinaufführt. Eine lange, bei schlechtem Schnee mühsame Rundreise in einer imposanten Gletscherlandschaft mit all ihren Schönheiten und Tücken!

Im Frühling und Vorsommer ist die Monte-Rosa-Hütte einerseits Etappe der Haute Route, anderseits Stützpunkt für grosse Skihochtouren. Wer die Durchquerung der Penninischen Alpen in Saas Fee beginnt, in der Britanniahütte oder auf Langfluh erste Station macht, wird sie als nächstes Etappenziel über den Adlerpass ansteuern. Dient sie als Stützpunkt für hochalpine Skitouren, so stehen dafür alle ihre Hausberge zur Verfügung. Beste Zeit, je nach Schneeverhältnissen, anfangs Mai bis Juni. Man geht gut, wenn man die Dufourspitze, das Nordend und die Signalkuppe in sechs Stunden erreicht. Die Signalkuppe ist bis in unmittelbare Gipfelnähe mit den Ski zu erreichen, an der Dufourspitze lässt man sie am Sattel ( 4359 m ), am Nordend auf dem Silbersattel, eventuell schon unterhalb der oberen Gletscherbrüche. Über den Zwillingsgletscher zieht man seine Spur, wenn man den Westgipfel des Liskamms oder den Castor besteigt. Bei beiden lässt man die Ski auf den Vorgipfeln. Bei günstigen Schneeverhältnissen erübrigt sich die Verwendung von Steigeisen auf den Schlusspartien. Sie sollten aber « für alle Fälle » mitgenommen werden, es sei denn, man folge einem Führer, der den Zustand des Schnees an den Gipfeln schon zu Beginn der Tour zu beurteilen weiss.

Für die Abfahrten ist sicheres und beherrschtes Fahren unerlässlich. In den spaltenreichen, vor Liskamm-Nordflanke, vom Grenzgletscher aus Monte-Rosa-HüHe Photos Walter Schmid, Bern allem unteren Zonen ist die Benützung des Seils ein Gebot der Vernunft, was bekanntlich eine gewisse Erfahrung, zusammen mit skitechnischem Können voraussetzt - sofern der Tag ein genussvoller sein soll.

Es gibt nur wenige hochalpine Hütten, die so leicht erreichbar sind und doch sowohl für den Bergsteiger als auch für den alpinen Skifahrer so hochgesteckte, lockende Ziele aufweisen wie die Monte-Rosa-Hütte. Was ihr aber gänzlich abgeht, in ihrer grossangelegten weissen Umgebung abgehen muss, sind die im Volksmund als Hüttenberge bezeichneten leichten und mit geringer Anstrengung erreichbaren « Berge für jedermann ».

 

Feedback