Ueber Korrektion von Gebirgsgewässern

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Ueber Korrektion von Gebirgsgewässern

Von

Albert Heim.

vJar manche Bewegung in der Natur ist ein Bestreben nach Ausgleichung von Gegensätzen. Wenn es blitzt, so gleichen sich die entgegengesetzten Elektrizitäten von Erde und Wolke aus; wenn es stürmt, die kalten und warmen Luftschichten; wenn ein saurer und ein basischer Körper zusammenkommen, so entsteht ein neutraler, und den Schlachtruf bringen die entgegengesetzten Interessen der Fürsten und Völker hervor. So ist auch unsere ganze Erdoberfläche einem ununterbrochenen Prozesse der Verwitterung unterworfen, der dahin zielt, die hervorragenden Theile der Erdrinde zu erniedrigen und mit ihren Trümmern die Thaler, See'n und Meere auszufüllen, die Gebirge zu Hügelland und dieses nahezu zur Ebene umzuwandeln; das wird, wenn nicht neue sich erheben, das endliche Schicksal der Gebirge sein.

Alles sucht unter sich nach einem Gleichgewichts-stande, nach einer Ruhe, nach einem Tode, wenn wir so sagen wollen; denn Leben ist nur, wo Gegensätze, wo beständige Veränderung, Bewegung ist.

Es sind eine Menge Faktoren thätig, die festesten Gesteine nach und nach in ihrem Gefüge zu lockern und stückweise loszutrennen. Hieher gehören chemische Zersetzungen und theilweise Auflösungen durch das Wasser

seine Beimengungen und durch die Bestandtheile der

Luft, dann das Peitschen des Regens, Eindringen von Pflanzenwurzeln und mikroskopischen, noch nicht näher untersuchten Vegetabilien, Stürme, Blitzschläge, beständiger Temperaturwechsel, hauptsächlich aber Sprengen durch das in Spalten und Spältchen gefrierende Wasser.

Im Gebirge ist die Verwitterung viel stärker und sichtbarer als in der Ebene; denn in dieser bilden die Yerwitterungsprodukte eine vor weiteren Einflüssen schützende Decke über dem festen Fels. Im Gebirge bleiben sie nicht liegen, sondern werden durch die Schwere von ihrem Entstehungsorte weggerissen und zum Theil von den Gewässern aus dem Gebirge fortgeschafft. Dann ist der Kohlensäuregehalt der Luft in der Höhe grösser als in der Tiefe; eine vor Regen und Temperaturwechsel schützende Pflanzendecke fehlt auf weite Strecken, namentlich an der Schneelinie, und die Temperatur wechselt in diesen hohen Regionen am häufigsten um 0°. Ueber der Schneelinie zieht der Schutz, den die Schneedecke bildet, den Yerwitterungsbetrag wieder bedeutend herab.

Wer über die stundenlangen Trümmerreviere und Schutthalden der obern Alpenregionen wandert und überall Steine herunterpoltern sieht, dem drängt sich der Gedanke auf: Unsere Berge werden älter als ich, aber auch nicht unendlich alt. Es gibt Gegenden in den Alpen, wo das Gestein wie verfault erscheint, und hierin haben wohl Namen wie „ Faulen ", „ Faulhorn " etc. ihren Ursprung genommen.

Die Produkte der Verwitterung würden einfach in den Thälern enorme Schutthalden bilden, wenn nicht das Wasser, das in Gestalt von Regen niederfällt und sich im Gebirge rasch zu starken Strömen sammelt, ein Transportmittel bilden würde, das nun die Geschiebe aus dem Gebirge hinaus, oft weit weg schafft.

Die Kraft des Wassers, Geschiebe zu tragen, ist um so grösser, je grösser seine Geschwindigkeit ist, und diese ist wieder um so grösser, je grösser die Wassermasse, je steiler und je weniger ausgebreitet das Flussbett ist. Daraus geht hervor, dass das Wasser im Gebirge mehr Kraft hat als im Tiefland, in der Ebene. Im Gebirge wird es eine Menge Geschiebe fortreissen können, die es im sanft geneigten Thale oder im Vorlande nicht mehr fortzuschleppen vermag. Es wird das Wasser im Gebirge Land wegschwemmen, in der Tiefe legt der ermüdete Strom erst das schwere, grobe, dann nach und nach auch das feinere mitgerissene Material wieder ab. Das sind die beiden Prozesse der Auswaschung oder Erosion und der Anschwemmung oder Alluvion, welche vielfach der Kultur feindlich gegenübertreten. Es ist leicht einzusehen, dass der Geschiebsablagerung in der Tiefe nicht anders abzuhelfen ist, als dass man keine Geschiebe mehr kommen lässt, dass man sie im Gebirge zurückhält, mit andern Worten, dass man die Auswaschung verhindert. Wollen wir dauernde Hülfe schaffen, so müssen wir dem Uebel an der Quelle helfen, und die ist in der Alpenregion. Die Flusskorrektionen in der Tiefe an der Aare, im Rheinthal helfen nur für eine gewisse Zeit; erst wenn oben tüchtig nachgeholfen worden ist, erst dann ist bleibend geholfen. Der Kampf mit der Natur, den wir so aufnehmen, ist ein grossartiger. Der mächtige Alpenkörper will sich nach und nach verflachen zur einförmigen Hochebene, und. wir Menschen wollen das verhindern und müssen es verhindern, wollen wir nicht für Jahrtausende aus unserem Lande zum Theil weichen. Die Berge wanken, und wir sollen sie festhalten. Unser Jahrhundert ist die Zeit, wo man anfängt, mit dem Bewusstsein 1

an diesen Kampf zu gehen, dass es Leben oder Tod gilt, und es soll unsere Aufgabe sein, so gut es in Kürze angeht, zu betrachten, was wir zu bekämpfen haben, und was unsere Waffen sind. Alles Unglück, das Ueber-schwemungen bringen, zu schildern, gehört nicht hieher. Wir haben nicht Menschen zu bekämpfen, und unsere Waffen sind weder Hinterlader noch Pamphlete; wir haben Menschen mit ihren Wohnungen, wir haben das grüne Kleid der Muttererde zu retten. Nicht blinder Yölkerhass wird uns zum Kampfe anspornen, sondern der herrliche Geist, der die Materie überwindet, der gleiche Geist, der uns Kunststrassen und Eisenbahnen durch die Alpen bauen lehrt.

Die Gletscherbäche führen ziemlich regelmässiges Wasser, während diejenigen, die sich bloss dadurch bilden, dass sich das Wasser, das auf ein grösseres oder kleineres Gebiet fällt, in einer Menge von Adern sammelt, die zusammenlaufen, viel unregelmässiger sind, bald sehr viel, bald fast kein Wasser führen. Letztere bilden die eigentlichen Wildbäche. Das Gebiet, wo sich die Wasser sammeln und, wenn sie stark sind, Geschiebe mitreissen, nennen wir das Sammelgebiet. Im Thale, wo das Gefäll sich plötzlich vermindert, lagert sich ein grosser Theil des Geschiebes ab; das ist das Ablagerungsgebiet. Die Rinne zwischen beiden nennt man Sammelkanal. Durch die Ablagerung bilden sich die Schuttkegel, oder, wenn sie in einem Seebecken geschieht, die Delta's, Landzungen ähnliche Vorsprünge.Von der Bildung eines Schuttkegels ( respektive Deltas ) können wir uns leicht eine klare Vorstellung machen. Der Bach erhöht durch Ablagerung von Geschiebe sein Bett. Beim nächsten Hochwasser tritt er aus und nimmt nun seinen Lauf an der tiefern Stelle, z.B. links daneben, und auch hier erhöht er den Boden;

tritt er auf 's neue aus, so geschieht es wieder links, weil rechts der Boden schon erhöht ist. Das Gleiche wiederholt sich, bis der Bach an der Thalwand links angelangt ist. Nun macht er die Bewegung im umgekehrten Sinne, also nach der rechten Seite über den ganzen Schuttkegel hin, dann wieder links. Im Laufe der Jahrhunderte, beschreibt der Wildbach perpendikelartige Schwingungen auf dem Schuttkegel und vergrössert dadurch denselben beständig. Oft sind die Schuttkegel von staunenswerther mathematischer Regelmässigkeit. Sie haben 10 bis 40° Neigung. In den Gebirgen sind sie eine der häufigsten und ausgedehntesten Erscheinungen; denke man an die prächtigen Schuttkegel des Lintthales, es sind ihrer über zwanzig, an diejenigen bei Chur ( „ Lürli-bad " ), Maienfeld, Malans, an die enormen Schuttkegel im Wallis, z.B. gegenüber Leuk, dann an die Delta's am Wallensee, auf denen Mühlehorn, Murg und Fly stehen, und leicht werden den Lesern noch hunderte grössere oder kleinere einfallen. Sie sind zum grössten Theil jünger als die Verbreitung der erratischen Findlinge; man findet solche höchstens in deren Tiefe, wo sie etwa durch Strassen angeschnitten werden. In der Nähe von Yille-ueuve ist ein Schuttkegel durch einen Bahneinschnitt entblösst, und da findet sich 19'unter der Erdoberfläche noch zugedeckter, verschütteter Kulturboden aus der „ Steinzeit ", in 5'Tiefe Ueberreste aus römischen Zeiten. Der ganze Schuttkegel ist dort etwa 23'dick.

Auf den Karten, auch auf der Dufourkarte, sind die Schuttkegel meist falsch angedeutet, gewöhnlich wie Fig. 1 zeigt, statt wie Fig. 2.

Die Schuttkegel zeigen eine sehr günstige Boden-mischung für Kulturland. Die schönsten Dörfer haben sich darauf angesiedelt. Dabei laufen sie aber sehr Ge-

bäche über bebaute Theile des Schuttkegels, wie sich nicht leugnen lässt, an den meisten Orten häufiger geworden, als sie früher waren, und sie zerstören an vielen Orten auf denselben nach und nach alle Kultur. Ist lange Zeit kein Hochwasser eingetreten, so häuft sich im Sammelgebiet eine Menge Material an und bleibt dort liegen; das erste starke Hochwasser schwemmt alle Trümmer die Schlucht hinaus und wirft sie über den schönen Schuttkegel. Oberhalb des Ablagerungsgebietes im ganzen Sammelgebiet schneidet sich dann der starke Bach immer tiefer ein. Ist nun das Ufer nicht fester Fels, sondern erdig oder schiefrig, so rutscht oder gleitet von den Thalhängen die Masse immer nach; auch das Nach-rutschende wird vom Bach hinausgeschafft. Durch dieses Nachrutschen der Thalhänge entstehen die grässlichen Schluchten, wie das Laaxertobel, das Tobel der Nolla und viele andere. Sie erweitern sich immer mehr, reissen immer weiter die Gehänge an, verzweigen und verlängern sich nach oben. Ganze Dörfer, die über solchen Gehängen gebaut sind, können dadurch in Gefahr kommen. So ist das Dorf Riein am Segnina in bedenklicher Lage, indem bei jedem Hochwasser der Gebirgshang, auf dem es steht, langsam tiefer gleitet, wodurch die Gebäude krumm geschoben werden und im Boden Bisse entstehen. Ebenso Tschappina über der Nolla und andere mehr. Die geringste Menge von Flussgeschiebe stammt wirklich von den obersten Kämmen; die grösste kommt durch das Nachrutschen der Ufer beim Einschneiden des Baches in denselben.

Diesen Uebelständen abzuhelfen, gibt es verschiedene Mittel.

Damit das Material nicht auf dem Schuttkegel abgelagert werde, kann man das Bachbett glatt ausschalen,

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Heim.

auspflastern. Durch diese Einengung ist der Bach in vielen Fällen stark genug, das Geschiebe ganz hinunter zu schaffen. Der Schuttkegel ist gerettet, aber nun das Uebel in den Hauptfluss geschoben.

" Wird der Schuttkegel unten von einem See bespült, so lagert sich in diesem das Geschiebe ab, und es ist der Sache für längere Zeit geholfen, nämlich bis der See sich zu sehr an jener Stelle auffüllt. Gilt es, Bäche über wunde Stellen des Gebirges und über bebaute Abhänge zu leiten, so ist die Schale das beste Mittel.

Nun müssen wir aber hauptsächlich der Yertiefung der Thalsohle Einhalt thun und das Geschiebe im Gebirge zurückhalten.

Dazu dienen einmal die Thalsperren. Man baut quer durch die Schlucht oberhalb des Schuttkegels eine feste Quermauer ( Trock'enmauer ), welche halbbogenförmig nach oben gekrümmt und sehr solid ist. Man bringt sie da an, wo sich auf den Seiten günstige Stützpunkte darbieten. Wo Steine vorhanden sind, baut man die Thalsperren aus möglichst grossen, roh zugehauenen Blöcken; kleinere können auch aus gutem Holz erstellt werden. Man gibt den steinernen 10 bis 16 m Höhe. Am Fusse der Thalsperre muss noch gut gepflastert werden, damit dort keine Unterhöhlung stattfindet. Solche Thalsperren können mit verhältnissmässig geringen Kosten erbaut werden; der Bau sollte aber immer von Jemand geleitet werden, der die Sache gründlich versteht. Eine schlechte Thalsperre ist weit gefährlicher als keine, weil sie plötzlich beim Hochwasser einbrechen und Alles entleeren kann; eine gute soll für ungemessene Zeiten dauern. Hinter der Thalsperre bildet sich erst ein kleiner'See. In diesem lagert sich alles Geschiebe, das der Bach führt, ab, und oben läuft das blösse " Wasser weg. Dieses, wie

stark es auch sei, schadet in ordentlichem Bette nichts; wo etwa es ausbrechen sollte, läuft es wieder ab und verdeckt nicht die Wiesen und Gärten mit Geschiebe. Hat sich der ganze Raum hinter der Thalsperre mit Geschiebe aufgefüllt, so baut man eine zweite Thalsperre etwas weiter oben, dann eine dritte, vierte etc. Haben wir so den ganzen Wildbach möglichst verbaut, so gelangt nur noch das Trümmermaterial von den höchsten Kämmen in den Bach; das Einschneiden der Thalsohle und Nachgleiten der Thalwände ist durch die Befestigung der erster en aufgehoben, und wo letztere vegetationslos waren, können sie jetzt wieder bewaldet werden. Thalsperren sind schon an sehr vielen Orten erstellt worden und überall, wo sie gut gebaut waren, haben sie ausgezeichnete Dienste geleistet. Als Beispiele mögen die mustergültigen Thalsperren im Münsterthal ( Graubünden ), in der Guppenruns, der Molliserruns, der Niederurnerruns ( Glarus ) gelten * ).

Fig. 3 stellt im Massstab 1:500 Grundriss und Länge-profil einer Thalsperre der Guppenruns dar.

Ein zweites Mittel, das herrliche Resultate liefert, die Faschinen oder Flechtzäunen, wollen wir an einem Beispiele kennen lernen. Niederurnen ( Glarus ) liegt auf dem Schuttkegel eines Baches, der in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts das Dorf wiederholt gänzlich mit Geröll überführt hat, so dass die Bäume bis zur Krone vergraben sind. Dort war etwa Dreiviertel Stunden hinter dem Dorfe ein jäher Absturz, in dem sich eine Menge Einschnitte gebildet hatten, die immer tiefer wurden und das meiste Material des Baches lieferten. Richter Jennv, Tagwenvogt von Niederurnen, ein ächter Naturingenieur,

* ) Näheres in Culmann's « Wildbäche der Schweiz. » Schweizer Alpenclub.22..

Heim.

wandte folgende Mittel eigener Erfindung an. Er schlug eine Menge von starken Flechtzäunen an festen Pfählen, eine über der andern, quer durch die Schlucht ein. ( Siehe in Fig. 4 einen Grundriss. ) Kam nun das Hochwasser mit dem Geschiebe, so wurden vielleicht die paar ersten Reihen geworfen, das Geschiebe dabei aber schon aufgehalten, die folgenden hielten es vollends zurück und das Wasser floss unbelastet ab.

letzt zu sanften, muldenförmigen Thälchen. Sobald dieser Punkt eingetreten war, schalte Jenny das erhöhte Bachbett aus und baute nun Faschinen in umgekehrter Richtung, so dass sie nun allem etwa noch kommenden Material den Weg in die Schale weisen. ( Siehe hievon den Grundriss in Fig. 5. ) So verhinderte er nicht nur das weitere Einschneiden des Baches, sondern er füllte in kurzer Zeit die vorhandenen Einschnitte aus, pflanzte dann Wald dazwischen an, und jetzt würde Keiner mehr vermuthen, dass jemals jene Stelle so wüste ausgesehen hat. In Fig. 6 ist das Querprofif einer solchen wilden

Fig. 6.

Schluchtrinne vor der Korrektion durch doppelte Schraffur ausgezeichnet, die aufeinanderfolgenden Ausfüllungen, durch die punktirten Linien angegeben, und endlich das jetzige Profil, das uns die Schale und den jungen Wald zeigt, dargestellt. ( Merke in Fig. 4, 5 und 6 auf die einander entsprechenden Stellen a, b und c. ) Seitdem diese Bauten vollendet sind, ist schon manches Hochwasser eingetreten; aber Niederurnen hat nié mehr Schaden gelitten.

Was hier mit grossem Erfolg angewendet worden, kann auch an zahlreichen andern Orten eben so gut ausgeführt werden. Wer diese Stelle besucht, thue es nicht, ohne Jemand bei sich zu haben, der ihm genau zeigen kann, wie früher die Schlucht ausgesehen hat. Kommt Gebirgsgewässer.«341

Alle her, die ihr noch an der Hülfe, die solche Bauten leisten, zweifelt, und seht selbst zu!

Auf steilen Abhängen, wo leicht Rutschungen entstehen, bis hoch in die oberste Alpenregion können Flechtzäunen, auf ähnliche Weise angebracht, dem Boden Halt geben und das Herunterrollen von Material verhindern, also recht eigentlich das Geschiebe an seinem Entstehungsorte festhalten.

Wald ist natürliches Faschinenwerk. Um schlimme, kahle Gehänge wieder zu bepflanzen, muss man vorerst den Boden durch künstliche Faschinen befestigen, hernach dazwischen Wald pflanzen, so hat dieser Zeit, gross und stark, dienstfähig zu werden, bis die Faschinen zu Grunde gehen.

Ueber den Wald als Waffe gegen Wildbäche will ich nicht näher eingehen; es ist vor ein paar Jahren von sachverständigerer Seite hierüber berichtet und jener Vortrag auch in unserm Jahrbuch gedruckt worden; nur das will ich noch bemerken: Es ist gegenwärtig Mode'geworden, leichthin bei allem Ueberschwemmungs- oder Bergsturzunglück zu sagen: „ Es ist vom Abholzen. " Das ist gerade so unrichtig, wie wenn man das Gegentheil behaupten wollte. Im Forstwesen ist viel gefehlt worden, und in vielen Fällen hätte der Wald wenig am Unglück geändert, z.B. überall da, wo die schlimmen Gebiete des Wildbaches in der obern Alpregion liegen.

Ausser den besprochenen Mitteln können in einzelnen Fällen noch eine Reihe anderer zum Ziele führen, z.B. einfache Holzschwellen. Ein einfaches und sehr gutes Verfahren, einen Bach einzudämmen, besteht darin, dass man die grossen Steine regelmässig aus dem Bachbette hinausschafft und an den Rand legt. Wir begnügen

, diese hauptsächlichsten Waffen erwähnt zu haben,

und wollen nun tiefer steigen, von der Wildbachschlucht an den Fluss des Hauptthales.

Die Schuttkegel zwingen den Fluss des Hauptthales zu vielfachen Biegungen und verringern dadurch sein Gefälle. Oft sperrt ein Schuttkegel so sehr den Hauptfluss, dass im obern Theil des Thales Versumpfungen entstehen. Dem ist nun freilich bleibend nur zu helfen durch zweckmässige Verbauung der seitlichen Wildbäche, so dass sich die Schuttkegel nicht mehr vergrössern können.

Ein Theil der Geschiebe der Wildbäche, vorab die kleinern, gelangen in den Fluss des Hauptthales, und werden von diesem noch ein Stück weit geführt. So füh-ren'Reuss, Linth, Rhone, Rhein oberhalb ihres Eintritts in die Seen gegenwärtig noch massenhaft kleineres Geschiebe. Kommen diese Ströme in die Ebene, so verlieren sie wieder von ihrer Stosskraft, lagern auch dieses Geschiebe zum Theil ab und erhöhen dadurch ihr eigenes'Bett. So erhöhte die alte Linth in 50 Jahren ihr Bett um 12 Fuss. In solchem Falle müssen die Dämme immer erhöht werden, und das Umliegende Land kommt immer tiefer zu liegen. Bricht Hochwasser an einer Stelle den Damm durch, so stürzt sich der ganze Strom über das Land hin, den tiefern Stellen nach. Das ist die grosse Gefahr, in der bei Hochwasser das Rheinthal, das Thal der Reuss unterhalb Erstfeld, das untere Rhonethal etc. schweben. Und im Herbst des Jahres 1868 ist es nicht nur bei der Gefahr geblieben, das Unglück ist wirklich ausgebrochen.

Wo diese Flüsse in Seen münden, schwemmen sie rasch Deltaland an, verlängern dadurch ihren Lauf und verringern ihr Gefälle noch mehr, so dass das Uebel sich immer steigert. Es sind Messungen gemacht worden über Gebirgsgewässer.34S

die Anschwemmungen der Flüsse. Die Reuss hat in 1472 Jahren eine Million Kubikmeter grobes Geschiebe an ihrer Mündung in den Yierwaldstättersee abgelagert, .und ungezählte Mengen Schlamm liegen weiter draussen im Seegrund. Auf den ganzen Kanton Uri macht das in 63 Jahren einen Abtrag von einer Linie.

Seit Römerzeiten ist der Genfersee 1800 Fuss abwärts gedrängt worden. Walenstadt war früher am See; jetzt ist es ein weites Stück davon entfernt. Vom 12. bis 16. Jahrhundert rückte die Pomündung jährlich durchschnittlich 25 Meter vor, vom 16. bis 18. Jahrhundert jährlich um 70 Meter und in der letzten Zeit sogar um 132 Meter jährlich. Noch weit grossartiger sind diese Erscheinungen am Mississippi, Nil und den Strömen des Himalaja.

Treten wir in vorgeschichtliche Zeiten zurück, so finden wir in unserm Land Beispiele in Menge. Früher hingen der Zürichsee, Walensee und Bodensee zusammen; durch die Delta's und Schuttkegel der Linth und des Rheins sind sie getrennt worden. Der Vierwaldstättersee ging einst bis Amsteg, der Thunersee bis zur Clus bei Hof, der Genfersee bis über St. Moritz etc. Lago di Como und Lago di Mezzola waren früher Ein See; aber das Delta der seitlich einmündenden Adda rückte immer weiter gegen das jenseitige Ufer vor und hat so den See in zwei getrennt. So sind Thuner- und Brienzersee getrennt worden etc. Immer finden wir im obern Theile solcher Anschwemmungen das gröbere, im vom Gebirge entferntem Theile das feinere Geschiebe.

Eine Erscheinung, der wir noch zu erwähnen haben, sind die Schlangenwindungen oder Serpentinen und Verzweigungen, welche diese Flüsse bilden, wenn man sie sich selbst überlässt. Solche Serpentinen sehen wir am

-

Hettn.

*

Rhein unterhalb Basel, am Rhein im Rheinthal ( jetzt freilich grösstenteils korrigirt ). Wir finden sie oberhalb des Corner- und Langensees. Wir finden sie auch im Gebirge in den ebenen Hochthälern, die der Bündner Oberländer „ sutt " oder „ sura ", der deutsche Aelpler „ Boden " nennt, ( Segnes sura, Segnes sut, Limmernboden, Frisalboden, Unteraarboden etc ). Diese letzteren Hochebenen sind meistens durch Ausfüllung von Alpseen mit Flussgeschieben entstanden.

Die Serpentinen entstehen auf folgende Weise. Denke man sich einen geradlinigen, Geschiebe führenden Strom ( Fig. 7 ). Bei a bleibe ein grösserer Geschiebsblock

liegen. Unter demselben ist die Geschwindigkeit des Wassers sehr klein; dort setzt sich weiteres Geschiebe an, hinter diesem wieder, und es bildet sich eine ganze Sandinsel. Diese gibt den beiden Flussarmen eine etwas andere Richtung, so dass sie bei b und e das Ufer angreifen; dieses wirft den Strom b nach d, d wirft ihn nach e. In jedem der Stromarme können: wieder Inseln entstehen

Fig. 8.

und so der Lauf des Flusses ein vielfach gewundener und getheilter werden ( Fig. 8 ).

Die Serpentinen, weil sie Umwege bilden, verlängern das Flussbett und vermindern dadurch das Gefäll, erleichtern die Geschiebsablagerung, die Erhöhung des Flussbettes, und ein solcher Strom nimmt eine Menge Land ein, das sonst der Kultur gegeben werden könnte. Statt eine der schönsten und grössten Alpenweiden zu sein, ist der Aarboden ein kahles Trümmerrevier, und ebenso die andern allé.

Wird das Geschiebe in der Höhe zurückgehalten, so ist damit all' diesen Uebelständen in den ebenem Theilen auch abgeholfen; da aber das nur theilweise geschehen kann, und gegenwärtig noch lange nicht genügend geschieht, so muss auch da der Mensch die Natur zwingen. Es ist ein grosses Glück für unser Land, dass es eine Menge See'n birgt. Sie sind die natürlichen Ablagerungsplätze für das Geschiebe. Wo die See'n etwas weit draussen im ebenen Land liegen ( Bodensee und Genfersee für Rhein und Rhone etc. ), gilt es, dem Flusse die Geschwindigkeit zu ertheilen, die nöthig ist, damit er das Geschiebe nicht unterwegs ablagert, sondern bis in den See spült. Mittel hiefür sind Gefällsvermehrung. Diese kann dadurch hervorgebracht werden, dass man dem Fluss vermittelst eines Kanals den kürzesten, also auch steilsten Weg weist; er ist der geradeste. Ferner soll man ihn gut eindämmen, so dass die Wassermasse sich nicht ausbreiten kann, dass sie beisammen bleibt. Dadurch gewinnt der Strom an Geschwindigkeit und Tragkraft für Geschiebe. Glatte Wände im Flussbette ziehen die Reibung herab. Durch Anwendung dieser Mittel hat man es an der Reuss dazu gebracht, dass sie nicht nur ihr Bett nicht mehr erhöht, sondern auskolkt, vertieft und das Material in den See schwemmt, so dass in einiger Zeit das Reussbett wieder tiefer als das umlie-

gende Land sein wird, wodurch gefährliche Ausbrüche für lange unmöglich gemacht sind.

Ein Fluss, der kein Geschiebe führt, braucht nicht viel Gefälle zu haben; wenn wir also das Gefälle eines Flusses so brechen könnten, dass wir ihn mit starkem Gefälle in einen nahen See leiten und dort ihn abklären lassen, so kann dann dem klaren Abfluss ohne Schaden ein ganz geringes Gefälle gegeben werden. Diese Art der Korrektion ist schon wiederholt mit grossem Erfolg angewendet worden. Früher lief die Lütschine in den Thunersee und staute durch Anschwemmung von Geschiebe den Ausfluss des Brienzersees so, dass die Gegend ringsum versumpfte. Zuerst kam man im Jahre 1400 im Frauenkloster bei Interlaken auf die Idee, die Lütschine in den Brienzersee zu leiten; das Werk wurde von den Nonnen ausgeführt, und der Erfolg stund nicht aus. Auf ähnliche Weise wurde 1712 die Kander in den Thunersee geleitet. Die Linth floss früher in vielen Krümmungen in den Zürichsee und erhöhte den langen Schuttkegel von Netstall bis Schanis so sehr, dass der Ausfluss des Walensees gestaut, das Land rings unterWasser setzte. 1807 leitete der alte Linth-Escher den wilden Fluss in den Walensee; dort klärt er sich und geht nun gefahrlos und ruhig von dort in einem Kanal in den Zürichsee.

Es gelang dann, den Walenseespiegel um 12'zu fällen, dadurch der obern Linth ein so starkes Gefälle geben, dass sie jetzt all' ihr Geschiebe in den Walensee führt und ihr Bett nicht mehr erhöht.

So wurde das schöne Land ringsum gerettet. Nachdem sich dieses Prinzip der Flusskorrektion so herrlich an drei Orten bewährt hatte, zweifelte man unbegreiflicher Weise noch lange Zeit, ob man es an der Aare anwenden waöa, Endlich aber hat das Gute doch durch- geschlagen und das Werk, die Aare in dem Bielersee sich klären zu lassen, ist in Arbeit.

Freilich ist jeder See am Ende ein beschränktes Ablagerungsgebiet und wird sich endlich auch ausfüllen, weil wohl kaum alles Geschiebe im Gebirge zurückgehalten werden kann. Unser Jahrhundert erlebt das nicht mehr, auch nicht das nächste — und was wird dann kommen? Dann sind Menschen da, denen Mittel zu Gebote stehen, von denen wir noch nichts wissen — kommt Zeit, kommt Rath.

Blicken wir wieder in vorgeschichtliche Zeiten, so finden wir eine Menge Stellen, die wir als ausgefüllte Seen betrachten müssen. Hieher gehören die oben schon erwähnten, flachen Stellen hinter einem Thalquerriegel, einer natürlichen Thalsperre ( die „ sura " und „ Boden " ). Wird ein Querriegel eines Thales vom Flusse tiefer durchsägt, so erhält der Fluss oben auch mehr Gefälle, und schneidet sich in seine eigenen frühern Ablagerungen wieder ein, wobei sich oft sehr schöne Terrassen bilden. Ausgezeichnete Beispiele der Art bieten der Mittelrhein bei Curaglia, der Vorderrhein bei Disentis, in den tiefern Partieen die Aare bei Bern, der Rhein bei Eglisau. Ein Fluss hat gewissermassen ein Bestreben, sich gleich-massiges Gefälle herzustellen.

Betrachten wir die Erscheinungen der Erosion und Alluvion im Grossen am Alpenkörper, so müssen wir sagen, sie sind es, die den Alpen ihre jetzige Gestalt angewiesen haben. Wenn auch durch Schichtenbiegungen, Spalten etc. im grossen Ganzen das Thalsystem vorgeschrieben ward, so sind sie doch durch das Wasser in ihre jetzige Form gebracht worden. Das Material, das unsere Thäler füllte, " wurde zur Tiefe geschwemmt und bildet mächtige Anschwemmungen. Die Niederlande sind das Schwemmland des Rheines.

Damals bildeten noch Gletscher eine Brücke über unsere Seebecken, so dass diese nicht ausgefüllt wurden. Das Poland von Turin bis an 's adriatische Meer ist ein Geschenk der Alpen etc. Die Kräfte, welche früher umbil-dend gearbeitet haben, sind die gleichen wie die, welche es jetzt noch thun und in Zukunft thun werden. Der gleiche Vorgang, welcher Länder in die Meere hinausgebaut, See'n ausgefüllt, Berge geschleift hat, wirkt ununterbrochen fort; er ist es, den wir bekämpfen. Ihn einigermassen kennen zu lernen, konnten wir uns daher nicht mit der Gegenwart begnügen; es war ein flüchtiger Blick in die Vergangenheit und in die ferne Zukunft nöthig.

Wollen wir unsern bedrohten Brüdern dauernd helfen, so geschieht dies am besten dadurch, dass wir ihre Schutzbauten unterstützen. Ohne Hülfe in dieser " Weise ist nach einigen Jahren überall wieder das gleiche Elend. Es ist eine bedauernswürdige Kurzsichtigkeit der Geber, wenn sie Alles an die geschädigten Privaten vertheilt wünschen. Ist es nicht mehr im Sinne der Geber, wenn uns die Geschädigten nach einigen Jahren sagen: „ Seht, das und das haben wir mit eurer Hülfe, mit eurem Gelde gebaut und nun sind wir bleibend vor gleichem Unglück gesichert, " als wenn das Elend wieder in derselben Weise einbricht, und Niemand mehr genau weiss, was eigentlich aus den Unterstützungen geworden ist. Was kann der Einzelne an Schutzbauten errichten, was eine einzelne Gemeinde? Die Schutzbauten sollten nach einem durchgehenden Plane vom Bunde geleitet werden; sonst entsteht nur Stückwerk. Schon wiederholt hat eine kleine Korporation Schutzbauten aus ungenügenden Mitteln mangelhaft ausgeführt — sie verfehlten die Wirkung und vernichteten den Muth zu weitern Anstrengungen. Es ist hier wie überall. Gemeinsames Arbeiten, das Haupt- privilegium des Menschen, vollführt, was hundert Einzelne nicht zu Stande bringen können.

Möchten Alle einsehen, dass der Fortschritt auch hier in der Association liegt. Der Staat könnte nebenbei vielen, durch die Ueberschwemmungen fast brodlos gewordenen und jetzt in grosser Zahl auswandernden Bürgern durch die Schutzbauten Arbeit bei gutem Lohn geben.

Freuen wir uns, dass das Hülfskomite für die Wasserbeschädigten von 1868 mit einem Theil der Liebesgaben in diesem Sinne den Anfang gemacht hatwäre es mit mehr geschehen! Und suchen wir selbst mit Rath und That nach Kräften unermüdlich überall zu solchen Werken aufzumuntern, zu Werken im Sinne des grossen Wohlthäters und Menschenfreundes, an dessen Denkstein am Linthkanal es heisst:

„ Ihm danken die Bewohner Gesundheit, der Boden die Früchte,

Der Fluss den geregelten Lauf.

Natur und Vaterland hoben sein Gemüth.

Eidgenossen,

Euch sei er ein Vorbild !"

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