Wohnhaus und Stall im Prätigau

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A. Ludwig ( Sektion St. Gallen ).

Von Den Anstoß zu dieser kleinen Arbeit gab eine in der geographischen Zeitschrift „ Das Ausland " ( 1890, Nr. 24-26, und 1891, Nr. 31-33 ) erschienene inhaltreiche Studie von Gustav Bancalari, betitelt „ Forschungen über das deutsche Wohnhaus ". Es war mir leider nicht vergönnt, dieselbe mit Muße gründlich zu studieren; ich ersah indessen daraus, daß Bancalari eine weite Reise durch die österreichischen Alpenländer und durch Graubünden bis in die oberitalienischen Lande zu Fuß machte, um aus vielseitiger eigener Anschauung urteilen zu können, und es fiel mir auf, daß er das Prätigauer Bauernhaus in seinen Typen nicht erwähnt, obwohl es zu keinem seiner alpinen Häuser recht passen will. Freilich hat er das Prätigau auf seiner Tour auch nicht durchwandert. Wenn ich es nun unternehme, über die Bauart in diesem Thale einiges zu schreiben, so muß ich offen gestehen, daß mir ein Haupterfordernis dazu abgeht, nämlich eine ausgedehnte und intensive Bekanntschaft mit Holzbauten in andern Gegenden, wodurch mir auch die Möglichkeit genommen ist, viele interessante Vergleichungen anzustellen.

Fixieren wir zunächst etwas genauer, womit wir uns eigentlich beschäftigen wollen. Beiseite lassen wir alle untypischen neuen Bauten, seien es Holzbauten oder Steinkasten, also alle „ langweiligen, modernen Häuser ", wie Raphael Ritz sie nennen würde. Aber auch die großen alten, in anderer Hinsicht so interessanten Gebäude, wie z.B. die Junkerhäuser in Grüsch oder die sogenannten „ Sprecherhäuser " in Luzein ( einst der Familie von Sprecher gehörend ), passen nicht in unsern Rahmen. In ihnen spiegelt sich nicht die Bauart des Volkes wieder; sie verdanken ihr Dasein einem gutsituierten Adel, der je nach Vermögen und Geschmack sich eine Wohnstätte mehr individueller Art bereitete. Auch bezieht sich unsere Schilderung nicht eigentlich auf die enggebauten Dörfer des Prätigaus mit ihrem Gewirr von Gassen und Gäßchen, ihrem Gemisch von alten und neuen Bauten, ihren durch Rücksichten auf den Platz bedingten Verzerrungen. Auf sie passen die Attribute „ halb malerisch und halb abstoßend " ebenso gut als auf andere bündnerische Dörfer, die Bancalari so charakterisiert.

Unser Objekt sind die Gebäulichkeiten auf einem Bauern-Heimwesen und also da zu suchen, wo das Hofsystem herrscht. Kehren wir nach Betrachtung derselben ins Dorf zurück, so ist dann leicht herauszufinden, inwieweit dort Rücksichten verschiedener Art das Typische individualisiert haben. Bleiben wir also bei den nebenaus gelegenen Heimwesen, wie wir sie z.B. an den zu Schiers gehörigen Höfen Montagna, Maria, Busserein, Fajauna, Lunden etc. so zahlreich finden. Diese zerstreuten, höchstens in kleinen Gruppen vereinigten Bauten stehen in scharfem Kontrast zu den meisten eigentlichen Dörfern, die, wenn auch noch so klein, doch hinsichtlich der Enge mehr städtisch gebaut sind, um einen etwas euphe-mistischen Ausdruck zu gebrauchen. In diesen verschiedenen Ansiedelungs-weisen, dem Zusammendrängen in den Dörfern einerseits und den zerstreut !legenden Höfen anderseits hat sich gewiß auch der Gegensatz zwischen der romanischen und der allemannischen Bevölkerung dokumentiert. Letztere ist ohne Zweifel ziemlich stark ins Prätigau eingedrungen, wie man denn auch in diesem Thale neben manch stattlichem schwarzem Vollbart öfters Gestalten von germanischem Typus, mit blonden Haaren und blauen Augen, trifft.

Als ein Hauptcharakteristikum des „ Heimets " muß vorerst erwähnt werden, daß die Räumlichkeiten für Menschen, Vieh und Futtervorräte nicht unter demselben Dache liegen, sondern in Haus und Stall getrennt sind. Als zweiter kennzeichnender Umstand ist zu erwähnen, daß Haus und Stall rechtwinklig zu einander stehen. Der First des Wohnhauses ist gegen den Berg gerichtet; die Längsachse des Hauses steht also senkrecht auf der horizontalen Streichungsrichtung des Bergabhanges. Der First des Stalles dagegen läuft parallel der Horizontalen des Gehänges. Selten liegen Haus- und Stallfirst gleich hoch; ihre Verlängerungen würden sich also nicht schneiden, sondern rechtwinklig kreuzen. Diese gegenseitige Lage ist typisch für das Prätigau; sie weicht nur selten einer andern, etwa da, wo Lawinengefahr herrscht. In diesem Falle tritt der Stall hinter das Haus und es stehen die Gebäulichkeiten in einer gegen den Abhang gerichteten Linie ( vergl. Jahrbuch des S.A.C., Bd. XXVII, Seite 72, Fient: Das St. Antönierthal ).

Wenn möglich schaut die Giebelseite des Hauses nach Süden; der Eingang befindet sich auf der östlichen Traufenseite und der Stall steht westlich vom Hause. Selbstverständlich spricht hier die Lage und Beschaffenheit des Geländes mit, wodurch mannigfache Modifikationen veranlaßt werden, deren Aufzählung ermüdend und zwecklos wäre. Aus diesem Grunde, und um Mißverständnissen vorzubeugen, möge man bei den auf die gegenseitige Lage sich beziehenden Angaben dieses Aufsatzes immer ein auf der Sonnenseite stehendes Haus sich vorstellen, dessen First nordsüdlich verläuft. Die beigegebenen Frontansichten und Grundrisse hat Clubgenosse Meisser nach konkreten Fällen aufgenommen. Des Raumes wegen wurde in der Zeichnung der Umstand nicht berücksichtigt, daß der Stall meistens etwas zurücktritt. Es ergibt sich ferner schon aus der Vergleichung zwischen Zeichnung und Text, daß der Prätigauer in Bezug auf Trennung von Küche und Vorhaus, auf Lage des Fleisch-gemaches und der Laube eine gewisse Willkür walten läßt, die natürlich durch bestimmte örtliche Verhältnisse bedingt ist.

Das Erdgeschoß des Hauses ist gemauert; der Oberbau gezimmert, und zwar entweder aus Rundholz ( „ trüllets Hus " ) oder aus vierkantigen, mit der Axt zugehauenen oder mit der Säge zugeschnittenen Balken ( „ gstrickts Hus " ). Sowohl beim Rundholzbau als auch beim Strick wird als Zwischenlage Moos verwendet. Da, wo die Bäume ineinandergefügt werden, in den Hausecken sich kreuzend, ragen die Köpfe vor und bilden das „ Gwätt ". Dieses besteht also je nach der Bauart aus cylindrischen oder aus vierkantigen Köpfen ( in letztem Falle „ Kopfstrick " ). Die vorragenden Köpfe fehlen beim sogenannten „ Zapfenstrick ", der neuern Datums und im Vorderprätigau sehr selten ist. Das Haus mit Kopfstrick ist weitaus am häufigsten. Erwähnenswert ist noch eine Mittelform, die im Grunde zu dem rundgezimmerten Haus gehört, aber mehr das Aussehen des Kopfstricks hat, weil hier die Bäume auf der Außenseite „ ab-gschitta " oder „ abgfällt " sind.

Die Hausthüre befindet sich nicht ohne Grund auf der Traufenseite. Wäre sie auf der Giebelseite, so würde der Hausgang einen Teil der Breite in Anspruch nehmen, während so die ganze sonnige Südfront den bewohnten Räumlichkeiten zu gute kommt. Durch die Hausthüre gelangen wir in das „ Vorhaus ", aus letzterm in die Küche, die einen ziemlich bedeutenden Raum einnimmt und zusammen mit dem „ Vorhaus " die hintere, nördliche Abteilung des ersten Stockwerkes von einer Langenseite zur andern ausfüllt. Vorhaus und Küche sind in den Bergen meistens gezimmert, im Thale öfters gemauert, weil hier der Steinbezug leichter ist. Aus dem Vorhaus gelangen wir aber auch in die Stube, die in unserm Falle also die Südostseite dieses Geschosses einnimmt. Die Stube steht in Verbindung mit der Zustube oder untern Zukammer. Stube und Zustube ( Zukammer ) nehmen miteinander ebenfalls den Raum von einer Traufenseite zur andern ein; sie bilden die südliche Abteilung. Um recht deutlich zu sein, bemerke ich nochmals, daß ich die vier erwähnten Räumlichkeiten, die in gleicher Höhe liegen, das erste Stockwerk nannte, von welchem die Stube den südöstlichen, die Zustube den südwestlichen, die Küche den nordwestlichen und das Vorhaus den nordöstlichen Teil beansprucht, jedoch so, daß hinsichtlich der Größe das Vorhaus zu gunsten der Küche etwas benachteiligt wird.

Es muß hier beigefügt werden, daß bei vielen „ bessern " Bauernhäusern quer durch das erste Stockwerk in Ostwestrichtung ein Gang verläuft, auf dessen Südseite Stube und Zustube, auf dessen Nordseite Küche und ein Vorratsgemach liegen. Dies hat natürlich zur Folge, daß die Länge des Hauses in der Firstrichtung etwas bedeutender wird.

Das einfache Haus hat in der Front nur eine Stube ohne Zustube oder untere Zukammer. Bei diesem unansehnlichen Gebäude sind Vorhaus und Küche nicht unterschlagen, sondern man tritt durch die Hausthüre gleich in einen Raum, der auf der Südseite von der Stube, auf den andern drei Seiten von den Hauswänden begrenzt ist und der zugleich als Vorhaus und Küche dient. Stattlicher ist das „ Doppelhaus ", dessen erstes Stockwerk auf der Südfront zwei gleich große Stuben zeigt. Am häufigsten aber ist das Haus mit Stube und etwas schmälerer Nebenstube {Zustube oder Zukammer ). Man könnte es ganz gut „ Anderhälblighaus " nennen, ebensogut, als man von einem „ Anderhälbligstall " redet. Mit dem 1 Vs Haus und dem 1 Vs Stall haben wir uns auch hauptsächlich zu befassen.Über der Stube befindet sich die eigentliche Kammer, über der Zustube die obere Zukammer. Oberhalb der Küche treffen wir in den meisten Fällen ein „ Fleischgemach ". Der übrige Teil dieses Geschosses, in welchem auch der gewaltige Kaminmantel viel Platz beansprucht, führt den Namen „ inwendige Laube " ( über dem Vorhaus liegend ) und ist nach oben nicht mehr abgetrennt, sondern unmittelbar vom Dache bedeckt. Es ist indessen selbstverständlich, daß da, wo das Bedürfnis vorhanden ist, dieser Raum zu Zimmern besser ausgenützt werden kann. Von der „ inwendigen " Laube gelangt man auf die „ auswendige " Laube, die sich der Ostseite des Hauses nach zieht und ausgeschnittene, geschweifte „ Scheien " zeigt.

Der Raum oberhalb der Kammer und der obern Zukammer heißt „ Dilli ". Ich weiß nicht, ob dieser Ausdruck mit „ Diele " etwas zu thun hat; jedenfalls ist er gleichen Ursprungs wie die tirolische „ Dille ". Auf derselben wird häufig das sogenannte Ätzlaub aufbewahrt, d.h. das heruntergefallene Laub der Obstbäume, das in Bünden ebenfalls verfüttert wird.

Das Giebelgemach oder die Firstkammer ist selten und verträgt sich nicht mit dem üblichen Flachdach; doch findet sich etwa ein kleines Gelaß für das an der Luft zu dörrende Bindenfleisch.

Das rund gezimmerte Haus hat oben im Giebeldreieck nicht mehr Zwischenlagen von Moos; zwischen den Rundbäumen bleiben Spalten, welche der Oberdilli Licht spenden; bei den „ gestrickten " Häusern findet sich oft ein Lichtloch, das übrigens auch beim „ trülleten " Haus vorkommt.

Unter der Stube befindet sich im gemauerten Erdgeschoß die „ Chem-mata ", die als Aufbewahrungsort der verschiedensten Gegenstände dient, oft aber auch in eine Werkstatt umgewandelt ist. Neben derselben, der Lage nach der untern Zukammer entsprechend, ist eine Art Keller. Der eigentliche gewölbte Keller aber befindet sich auf der Hinterseite und liegt unter der Küche. Aus dem Vorhaus führt eine Treppe hinunter. Die betreffende Treppenöffnung heißt „ Chällertollä " ( Tollä im Prätigau = Mulde ). Der Keller ist also sowohl vom Vorhaus als auch von der Chemmata her zugänglich.

Indem wir nun zum Stall übergehen, betonen wir vorerst, daß derselbe zwei Zwecken dient. Das Erdgeschoß ist der Viehstall, der Oberbau die Scheune.

Der Stall, im Hinterprätigau „ Gaden " genannt, steht, wie schon bemerkt, rechtwinklig zum Hause; sein First verläuft also in dem Fall, den wir immer vor Augen haben, von Westen nach Osten. Er kann so weit nach vorn gerückt sein, daß vordere Stalllangseite und Giebelseite des Hauses nahezu in einer Ebene liegen; meistens aber tritt er etwas zurück, und zwar oft so, daß man von der hintern westlichen Küchen-thüre mit wenigen Schritten auf die „ Stallbruck " gelangt. Letztere, ein 5—6 Fuß breiter Gang, läuft der vordem, südlichen Langseite des Stalles entlang und ist eigentlich im Freien, aber durch den „ Vürschutz ", von dem nachher noch die Rede sein soll, vor dem Wetter geschützt.

Der untere Raum des Stalles, für das Vieh bestimmt, ist beim gewöhnlichen Anderhälbligstall in zwei Abteilungen geschieden, den eigentlichen Kuhstall und den Zustall, der etwas schmäler ist. Die Wände können Blockbau oder Mauerwerk sein. Der Oberbau ist rund gezimmert und enthält drei, genauer genommen, vier Abteilungen, nämlich den Heustall ( „ Heulegi " ), das Tenn, das „ Muntäschiel " und die Talina ( „ Vürschutz " ). Der Heustall nimmt den Raum über dem Kühstall ein, Tenn und Muntäschiel zusammen denjenigen über dem Zustall. Die Talina aber ragt nach vorn ( Süden ) 5 — 6 Fuß über die Viehställe hinaus; ihr Boden ruht auf drei starken „ Schutzbäumen ", die auf den beiden Außenwänden und auf der Mittelwand zwischen den beiden Viehställen liegen und welche eben in der angegebenen Richtung und Länge über die vordere Viehstallwand hinaustreten. Die letztgenannte Wand und die vordere Wand des Heubehälters sind in einer Flucht; aber eine Wand, welche über den vorragenden Schutzbäumen durch Buntwerk, mit Brettern verschalt, aufgebaut ist, entzieht uns den Anblick der Heulegi. Zwischen dieser Bretterwand — wir wollen sie vordere Talinenwand heißen — und der Blockwand des Heustalles befindet sich also ein 5—6 Fuß breiter Hohlraum, der, wie übrigens auch die andern Räumlichkeiten des Ober-stalles, bis an das Dach hinaufreicht. Über diesen „ Vürschutz " mußten einige Worte gesagt werden, denn er ist ein ganz bedeutsames Element, das bei richtigen Ställen nie fehlt. Baulich ist die Talina verwandt mit der auswendigen Laube des Hauses, aber in Bezug auf Breite und Höhe von bedeutendem Dimensionen und durch die vordere Talinenwand zu einem abgeschlossenen Raum geworden. Sie enthält die Öffnung, durch welche man über die einem Schutzbaum aufgelegte Treppe auf das Tenn gelangt; sie schützt die Stallbrack, die Thüren zu den Viehställen und allerlei Gegenstände, welche hier unten an der Stallwand aufgehängt werden. Sie ist aber auch architektonisch von fast künstlerischer Wirkung und macht den Stall geradezu zu einem malerischen Gebäude.

Der Stall tritt mitunter ganz nahe an das Haus; meistens aber ist er durch einen mehr oder weniger breiten Gang vom Hause getrennt. Dieser Zwischenraum heißt „ Streia " und ist nicht von einem Dache bedeckt, aber dennoch ziemlich vor dem Wetter geschützt, weil sowohl Häuser als Ställe beträchtliche „ Vordächer " haben, im Gegensatz zu manchen andern Gegenden. So wird man z.B. in den Grabser Maien-bergen im Bezirk Werdenberg umsonst unter dem Vordach eines Stalles Schutz vor dem Regen suchen.

Im untern Teil folgen von Osten nach Westen Kühstall, dann Zustall; im obern Heulegi, Tenn und Muntäschiel, mit südlich vorragender, die ganze Stalllänge einnehmender Talina. Heulegi und Kuhstall liegen also dem Hause näher. Die Anordnung kann aber auch umgekehrt sein; natürlich bleibt dann das Tenn doch zwischen Heulegi und Muntäschiel. Das Tenn ist von der Bergseite, in unserm Falle also von der Nordseite her durch ein großes zweiflügliges Thor zugänglich, zu welchem ein gemauertes „ Ebenhöch " die Zufahrt vermittelt. Der Doppelstall hat zwei gleich große Kuhställe und oberhalb zwei durch das Tenn getrennte Heuställe, die aber nicht gleich groß sind, weil von dem einen die Tenn-breite wegfällt. Noch stattlicher und ganz symmetrisch ist der Doppelstall mit zwei Kuhställen und einem in der Mitte liegenden Zustall. Über dem letztern befindet sich das Tenn und jederseits des Tenns eine Heulegi in vollen Dimensionen. Dieses unstreitig recht ansehnliche Gebäude hat also drei Thüren, die von der Stallbruck in die Viehställe führen; man könnte es zum Unterschied vom gewöhnlichen Doppelstall ganz füglich „ 2 Va Stall " nennen. Bei beiden fehlt selbstverständlich die Talina nicht.

Unsere Gebäulichkeiten sind mit Legschindeln gedeckt und es ergiebt sich daraus mit Notwendigkeit, daß das Flachdach üblich sein muß, wenn auch die „ Dachröspi " ( Dachschiefe ) etwas variiert. Der Neigungswinkel beträgt 20—-25°. Die Schindeln werden nur der „ Spor " nach genagelt ( Spor = Dachrand der Traufenseite, daher „ Sporkennel " ), im übrigen mit Latten und Steinen beschwert ( „ Schwardach " ). Solch ein Schindeldach hält im Thale bis 30 Jahre, auf hochgelegenen Vorwinterungen, Maiensässen und in den Alpen bis 40 Jahre, weil hier die schützende Schneedecke länger liegt. Nach diesen Zeiträumen werden die Schindeln so gekehrt, daß die bisher unten liegende Seite nach oben kommt, und daß derjenige Teil, welcher bisanhin von andern Schindeln bedeckt war, nun frei wird. Allfällig schadhaft gewordene, wozu namentlich die unter den Steinen liegenden gehören, werden durch neue ersetzt, und nun kann das Dach nochmals 10 Jahre und darüber halten. Der Verbrauch an Schindeln ist naturgemäß ein bedeutender; für sie sucht man das schönste, spältigste Holz; man redet von „ Schindeltannen " und es finden besondere Schindelholzzeichnungen statt. Das „ Schindelidach " oder „ Nageldaeh " aus kleinen Schindeln ist modern und wahrscheinlich aus dem Montafun importiert, ebenso das Einschindeln der Außenwände des Hauses. In den Dörfern und deren Umgebung kommt das Flachdach mit Legschindeln immer mehr in Abnahme, hauptsächlich wegen der Feuergefährlichkeit. Ein frappantes diesbezügliches Beispiel konnte man beim Brande in Seiners im April 1893 beobachten. Von einem brennenden Hause flogen feurige Trümmer über ein Haus mit Ziegeldach hinweg zu einem mit Schindeln gedeckten; das letztere fing sofort Feuer; das Holzhaus mit Ziegeldach aber stand lange, dem wütenden Element Trotz bietend, buchstäblich zwischen zwei Feuern, bis es endlich auch zum Opfer fiel.

Die Konstruktion des Dachstuhles, die im Prinzip bei Haus und Stall die nämliche ist, läßt sich besonders leicht von der Heulegi aus betrachten. Wir sehen durchgängig sechs ( jederseits drei ) Firstbäume, die ihre besonderen Namen haben. Auf jeder Langseite des Gebäudes liegt ein „ Wandfirst " ( beim Stall in Ostwestrichtung ). Auf den Wandfirsten ruhen die ersten „ Zughölzer ", auf den letztern die mittlern Firsten ( „ Hüllifirsten " ). Die Hüllifirsten tragen die zweiten Zughölzer und diese die nun schon nahe zusammentretenden „ Vogelfirsten " oder Giebelfirsten. Im rechten Winkel zu den Firsten, in der Richtung der durch die Firstbäume und Zughölzer gegebenen Dachschiefe, werden die „ Raven " gelegt, deren Zahl nicht so konstant ist, da verschieden weit „ geravnet " wird. Beim Hause zählt man gewöhnlich 10 Paar, beim Doppelstall bis 14 Paar Raven. Auf den Raven werden die Dachlatten befestigt und nun folgen die Schindeln. Die oberste Latte, welche der Firstlinie nach über die Scheitel-punkte der Raven gelegt ist, heißt „ Vogellatte ".

Es ist nun, bevor weiter auf Einzelheiten eingetreten wird, wohl am Platze, den Blick nach einer andern Thalschaft des Kantons zu richten. Wir denken dabei an das Engadin, namentlich weil ein Teil desselben zum jetzigen Clubgebiet gehört und weil das Engadinerhaus sowieso zu einem Vergleiche herausfordert. Wir müssen hier Sererhard citieren, einen Mann, der mit Unrecht etwa mitleidig belächelt wird. Er ist der touristische Entdecker und gewiß überhaupt einer der ersten Besteiger der Scesaplana; von ihm schon datieren Notizen über Gletscherbewegung; eine Stelle über die „ zwey oder drey Säz, oder um etwas erhöchte Porter ob einandern " bei Jenaz zeigt, daß er auch schon Verständnis für die Wirkungen der Erosion besaß. Er war ein guter Be- obachter und so dürfen wir uns nicht verwundern, wenn er sich auch über die Bauart der Häuser in dem ihm wohlbekannten Engadin verbreitet. Er schreibt in seiner anno 1742 abgefaßten „ Einfalten Delineation ", Seite 56 des „ Gotts-Haus-Bunds ":

„ Die Häußer im obern und untern Engadin sind bald alle groß gemauret, daher sagt man, es sey kein Hauß im Engadin, daß nicht seine tausend Gulden koste, masen durchs ganze Land Ilauß und Stall under einer Tach-First stehet. An jedem Hauß ist vornen ein großes Portal, dardurch ein geladener Wagen mit Heu oder Korn kan hinein geführt werden durch ein weites porti cum oder Vorhauß auf den Heustadel. An der einen Seite dieses portici ist gemeinlich in jedem Hauß ( dann in der Baukunst sind sie beynahen alle gleich ) eine mit arvenem oder fohrenem Holz sauber getäflete Stuben, neben derselben eine gewölbte Kuchen und hinder derselben ein gewölbtes Fleischgemach, darin das geräucherte Fleisch und andere Victualien aufbehalten werden. An der andern Seite des portici ist der Platz zur Holzlege, neben der großen Porte ist auch eine andere kleinere Thür, die in der Tiefe under dem größern portico oder Vorhauß hin einen andern Durchpaß giebt in den undern s. h. Viehstall. Diese underste Stelle oder Durchpaü nennen sie la cuort sutt, und an der einten Seite dieses understen Gangs stehen gemeinlich in allen Häußern zwei oder drei gewölbte Keller an der andern Seite. Dieser Durchpaß ist die Lege zu ihrer Streue, die sie dem Viech under streuen, und gemeinlich in Griß-Nadlen, die sie aus den Tann- und Lerch-Wäldern nemmen, bestehet, dann das Stroh streuen sie nicht wie die Teutschen, sondern veräzen es mit ihrem Viech. Ob der Wohnstube ist in allen Häußern eine Schlaf-Kammer allso gemachet, daß man auch, wann man will, die Stuben-Wärme hinauflassen kann. In den mehresten Häußern dieses Lands findet man auch ob der großen Porte eine schöne obere Stube, ein Behältniß ihres Brods und Kleidern. Die Tacher der Häußer bestehen nicht wie an andern Orten aus kleinen tannenen Schindlen, sondern aus größern lerchenen Brettern, deren jedes an einem holzern Nagel an einer Tachlatten hanget, und von solcher Dauer ist, daß wann ein Tach recht gemachet, kan es hundert Jahr halten. Aus dem obern Vorhauß gehet in jedem Hauß auch hinder dem Fleischgemache ein Stiegen hinab in den Vorhof des undern Stalls, daß sie beides in ihre Keller, oder in den Viechstall kommen können, und allso ihrs.h. Viech versorgen, ohne so zu sagen, ein Fuß zu netzen, danachen in diesem Land üblich ist, daß mehrentheils nur die Weibs-Persohnen das Viech versorgen; da hingegen die Männer indessen zusammentreten, eine Pfeife Tabak zu rauchen, oder alla mura zu spielen um den Brantenwein. "

Dieser anschaulichen Schilderung Sererhards habe ich nichts beizufügen, da ich aus eigenei1 Anschauung nur einen kleinen Teil des Engadins und auch diesen nicht genügend kenne. Die maßgebenden Unterschiede, darunter namentlich der Gegensatz zwischen dem Einheits-hause des Engadins und dem Heimwesen des Prätigaus mit seiner Trennung in Haus und Stall unter verschiedenen Firsten, sind genügend her -vorgehoben.

Wenn wir nun zu unserm eigentlichen Thema zurückkehren und in den noch folgenden, etwas unzusammenhängenden Bemerkungen öfters Dialektnamen bringen, so mag dies seine Entschuldigung darin finden, daß gerade Dialektausdrücke oft Licht in eine Sache zu bringen vermögen und behufs Vergleichung mit den Bezeichnungen in andern Gegenden nicht ohne Interesse sind.

Doppelthüren ( Hausthüren ) in der Art, daß die untere Hälfte zum Schutz gegen Schmalvieh etc. mit einem Riegel geschlossen werden kann, während die obere der Helle wegen offen bleibt, kommen vor, aber selten.

Bancalari bringt die Notiz, die Italiener pflegten die Misoxer also zu verspotten: „ Die Misoxleute als Bauherren pflegen dem Maurer mit geworfenen Steinen die Stellen zu weisen, wo sie die Fenster eingesetzt wünschen. " So schlimm steht es nun allerdings im Prätigau nicht; aber dennoch finden wir auch hier in der Verteilung eine den Häusern nicht zum Vorteil gereichende Schwäche. Der Prätigauer ist sowieso in Bezug auf die Fenster nicht so verschwenderisch wie der Appenzeller; dazu herrscht aber noch die unglückselige Manier, den obern Räumlichkeiten weniger Fenster zuzuweisen, als den gleich großen untern. So erhält z.B. die Kammer auf der Front nur einen Kreuzstock, während die darunter liegende Stube deren zwei hat; oder es hat die obere Zukammer nur ein sogenanntes „ einliches " Fenster, während die untere einen Kreuzstock besitzt etc. Es kann also etwa folgende Kombination vorkommen:

Stube:Zwei Kreuzstöcke nach Süden, einer nach Osten.

Zustube:Ein Kreuzstock nach Süden, einer nach Westen.

Kammer:Ein Kreuzstock nach Süden, einer nach Osten.

Obere Zukammer: Ein „ einliches " Fenster nach Süden, dito nach Westen, oder es fehlt hier die Fensteröffnung ganz.

Jeder Fremde wird gestehen, daß diese Art der Verteilung einen entstellenden Einfluß ausübt. Ich beobachtete dieselbe auch in Gargellen; im ganzen aber zeigen die Häuser des Montafuns in dieser Beziehung Regelmäßigkeit, und machen schon deshalb, abgesehen von andern Umständen, einen gefälligem Eindruck.

Die Fenster haben nicht kleine Flügel, sondern „ Läufer ", groß genug, um einen Kopf von mittlern Dimensionen nicht stecken zu lassen. Der große Küchenkasten heißt „ Schgaffä ". Das Staatsstück in der Stube ist das „ Buffet ". Diesen Namen trifft man auch in st. gallischen Gegenden. Es hat oberhalb ein Gestell für Tischgeschirr; der untere Teil hat entweder zwei „ Schgäffli " oder er gleicht mehr einer Kommode.

Hinter dem gewaltigen Ofen führt eine schmale Treppe durch eine mit dem „ Falli " verschließbare Öffnung direkt aus der Stube hinauf in die Kammer. Auf der einen Seite des Ofens befindet sich das „ Cutschi ", ein unentbehrliches Heiligtum jedes Bündners, das auch Bancalari der Erwähnung wert findet, denn er redet von einer Ruhebank, „ die in Graubünden oft zum weichen Sopha wird ", und meint damit offenbar das Cutschi. Nun, ein weiches Sopha ist es gerade nicht, aber doch ein bequemes, dem Kanapee vorzuziehendes Ruhebett, ohne das man sich eine Bündner Bauernstube kaum denken kann. Wie manche Stunde wird da, behaglich das Pfeifchen schmauchend, des „ dolce far niente " gepflegt. Im Werdenbergischen führt das Möbel den bezeichnenden Namen „ Ful-lenzer ".

Das „ Banktrögli " auf der andern Seite des Ofens dient zwei Zwecken, einmal als Trog zum Aufbewahren verschiedener Gegenstände, der Deckel sodann als Sitzbank.

Auf der Laube wird etwa Wäsche aufgehängt; Rosmarin und namentlich Nelkenstöcke, deren prachtvolle Blüten die Lieblingsblumen der Bündner sind, reizen mitunter die ledigen Burschen zu Kletterkünsten, bei denen die vorragenden Köpfe am „ Gwätt " willkommene Stutzpunkte bieten. Sehr oft befindet sich auf der Laube eine „ Turraderri ", auch „ Schwingderri " genannt. Ein senkrecht stehender, um seine eigene Axe drehbarer Baum, oben durch ein Eisenband umschlossen, unten meist in einer Schüssel laufend, trägt an starkem, wagrechtem Seitenast ein Brett, auf welchem die zu dörrenden Sachen ( Obst, Beeren etc. ) liegen, und so durch Aus- oder Rückwärtsdrehung der Maschinerie nach Belieben der Sonne ausgesetzt oder entzogen werden können. Von der „ Schwingderri " ist die „ Stoßderri " zu unterscheiden, die man mehr in der Herrschaft und den Fünf Dörfern trifft ( vergl. Stebler und Schröter, Jahrbuch S.A.C. XXVI, Seite 79 ). Eine der Schwingderri analoge Vorrichtung ist der „ Chessiturra " in den Alpen. Hier hängt an dem Seitenast das mächtige Alpkessi, das, mit seinem Inhalt ein sehr bedeutendes Gewicht repräsentierend, natürlich eine starke Schrägsperre notwendig macht.

Mit der Laube ist das bei etwas höher gelegenen Hausthüren vorkommende „ Läubli " nicht zu verwechseln. Da, wo zur Hausthüre nur einige steinerne Tritte auf eine große Steinplatte führen, redet man vom „ Schorli ". Im Schanfigg dagegen scheint der Ausdruck „ Schorli " die gleiche Bedeutung zu haben, wie unser „ Vürschutz ".

Im Kamin sind zwei wagrechte Latten befestigt, über welche dünnere Holzstäbe gelegt werden. An letztere hängt man das zu räuchernde Fleisch. Eine solche Vorrichtung heißt „ Asmätäso redet man z.B. auch von einer Asmätä Türkenzapfen ( Maiskolben ), die man übrigens im Prätigau immer seltener zu sehen bekommt.

Das „ Chemiheli " ist eine Art Kette mit Haken, im Kamin an einem Sparren befestigt, so daß an dem Haken ob der Feuerplatte ein Kessi aufgehängt werden kann. ( Heli, althochdeutsch hachela, von „ hachen ", einer Nebenform des Zeitwortes hangen. ) Die „ Brodhanga " ist ein starker, hängender Klotz Holz, mit wagrecht verlaufenden Holznägeln gespickt, auf welche die Brote gelegt werden. Mäuse können so denselben nicht beikommen.

Die über die Wand vorragenden Enden der Firstbäume geben Gelegenheit zu einer allerdings nicht weit gehenden Entfaltung des künstlerischen Sinnes. Im Giebeldreieck erblickt man sehr oft die Jahrzahl der Erbauung und die Namens-Initialen des damaligen Eigentümers, bald eingeschnitzt, bald gemalt. Die vollen Namen der Ehegatten findet man häufig auch ob der Stubenthüre oder der Verbindungsthüre mit der Zustube. Dem Geschlechtsnamen der Frau wurde früher allgemein ein „ y " beigefügt. Auch vergaß man nicht das „ Hauszeichen ", eine Art Stempel und Wappen des bündnerischen Bauers. Meistens ist es eine einfache, aus geraden Strichen zusammengesetzte Figur.

Sprüche, die der Wanderer „ verweilend liest und ihren Sinn ( zur Seltenheit auch etwa Unsinn ) bewundernd ", sind sehr häufig. Meist sind sie religiösen Inhalts; andere predigen derbe, mitunter etwas spottlustige Lebensweisheit, oder sie enthalten Anspielungen auf persönliche Erfahrungen des Besitzers.

Licht für die Küche, Licht und Lüftung in den Viehställen lassen oft zu wünschen übrig. Das Tenngeschoß mit den Heuställen hat beides in genügendem Maße, weil die Blockwände hier luftig gezimmert sind, so daß zwischen den Rundbäumen Spalten bleiben. Zugleich findet sich in der vordem Talinenwand eine große Lichtöffnung in Form eines stark in die Länge gezogenen Rechtecks, oder es thun mehrere kleine rundliche Lichtlöcher den nämlichen Dienst. Bei den großen rechteckigen Öffnungen kann auch eine Schwingderri angebracht werden.

Der vollständig eingerichtete Kuhstall enthält Raum für 12 Kühe. In der Mitte ist ein Gang, senkrecht zur Längsrichtung des Gebäudes laufend; zu jeder Seite entstehen durch zwei „ Underschlachten " drei Abteilungen für je zwei Kühe, im ganzen also für 2 X 3 X 2 = 12 Kühe. Der Kuhstall besitzt „ Bruggen " ( Holzbödenletztere fehlen dem Zustall, der für Galtvieh, Schmalvieh, auch etwa für Schweine benutzt wird. Übrigens ist fast immer nur die eine Seite des Kuhstalles wirklich für Kühe eingerichtet, ( bei altern Ställen sogar recht oft nur für fünf Kühe ) und beim Doppelstall finden wir nie überall Bruggen und Underschlachten; denn es giebt im Prätigau wohl Bauern, die bis 40 Haupt Vieh, aber nicht solche, die 24 Kühe besitzen. Die Krippe heißt „ Barmen ". Im Kuhstall befindet sich auch das „ Borbett ", nach Art einer Hürde eingerichtet. Es dient als Lagerstätte für Menschen.

Auf dem Tenn wird das wenige Korn gedroschen, das jetzt noch gepflanzt wird. Das „ Muntäschiel " oder „ Muntischiel " ist vom Tenn nicht durch eine Blockwand abgetrennt, wie die eigentliche Heulegi. Es ist ziemlich schmal, da es mit dem Tenn zusammen nur die Breite eines Zustalles einnimmt, und kann bei reichlicher Heuernte natürlich auch zum Bergen des Futters in Anspruch genommen werden, während es gewöhnlich andern Zwecken dient.

Die Blockwand zwischen Tenn und Heulegi ist von einer Öffnung ohne Thor durchbrochen, durch welche man über einen mitunter ziemlich hohen „ Tritt " in jenen Raum gelangt, den der Bauer nach mageren Heu-jahren mit sorgenvollem Blick betrachtet. Die senkrecht stehenden Seiten-pfeiler dieser Öffnung heißen „ Pistei als Nasallaut ); die Rundbäume, welche von den Pisteln wagrecht zum Gwätt gehen, nennt man „ Mürgga ". Letzterer Name wird auch auf das dahinter liegende Heu übertragen, so daß man von einem Bauern etwa die Redensart hören kann, er habe noch eine „ Mürgga Heu ".

An hochgelegenen Orten, in den sogenannten Wildenen, kann das Heu direkt durch eine Öffnung, die „ Rüschla ", in den Viehstall hinabbefördert werden. Im Thale dagegen und an den untern Bergabhängen füttert man mit der „ Zumma ", einem tragbaren Heubehälter von großem, elliptischem Querschnitt.

Den Boden der Heulegi bilden „ Palangga " ( Planken ?). Darunter versteht man vorzugsweise halbe Rundbäume, über deren gewölbte Rücken man schreitet. Ein Schnitt quer zu der Laufrichtung der Palanggen ergiebt also eine Reihe aneinanderliegender Halbkreise. Statt halber Rundbäume werden auch sehr dicke Bretter verwendet.

Der Talinenraum dient zu allen möglichen Zwecken, zur Aufbewahrung von Streue, Korn, Sacklaub, Laub und Gras für Ziegen etc.

Auf der Rückseite des Stalles werden unter dem Vordach die „ Hain-zen " aufbewahrt. Es sind dies für die Heuernte bestimmte Trockengestelle, bestehend aus einem Pfahl mit drei durchgehenden Quersprossen. Sie sind in stattlicher Anzahl vorhanden; so zählte der Mayerhof in St. Antönien früher auf dem Heimwesen allein über 800 Hainzen. Nach Bancalari führen sie im Salzburgischen den Namen „ Hiefelnin Reute ( Tirol ) wechseln sie plötzlich den Namen und heißen nun „ Hoanz'n " oder „ Hainzen ". Von den östlichen Nachbarn sind sie ins Prätigau gekommen, nach St. Antönien nachweislich im Anfang des vorigen Jahrhunderts ( vergl. Jahrbuch S.A.C. XXVII, Seite 72 ). Sie haben auch in andern Gegenden der Ostschweiz, z.B. im Werdenbergischen, das Terrain erobert.

Allerlei Nebengebäude, wie Streueschopf oder Schweinestall, sind fast überall entweder am Stall hinzugeflickt oder sie stehen nicht weit entfernt. Abseits liegt auch das „ Buchiloch ", ein für ein ziemlich großes „ Kessi " berechneter Feuerherd. Die „ Buchig vornehmen " oder „ buhen " heißt so viel als große Wäsche machen mit Anwendung von Aschenlauge, im Gegensatz zu „ calankära ", welches eine kleinere Wäsche ohne Verwendung von Lauge bezeichnet. Wenn ich eine vielleicht ungereimte Vermutung aussprechen soll, woher das letztere sonderbare Verbum komme, so geht sie dahin, es rühre dieses Wort von den Auswanderern des Calancathales her, dessen Söhne oft in andern Kantonsteilen als Spengler, Wasen-meister etc. ihr Dasein fristeten. Diese Berufszweige, bei den Prätigauern als. entehrend verachtet ( „ Spengler " ist noch heute fast eine Injurie ), wurden niemals von Einheimischen versehen, sondern eben von den „ Calankern ", die übrigens, um der Wahrheit die Ehre zu geben, größtenteils aus dem St. Jakobsthaie zwischen Chiavenna und Splügen stammten.

Im Buchiloch werden auch die Blätter von Rumex 1 ), Beta, Spina-cia etc. eingesotten. Gehackt, kompakt und haltbar gemacht, dienen sie als Schweinefutter und werden in der „ Maßstande " aufbewahrt.

Daß früher das Holz weniger gespart wurde, als heutzutage, ist allbekannt und hatte seinen Grund nicht nur im Waldreichtum, sondern gewiß auch in weiter Entfernung von Sägen. Den größern Holzverbrauch mögen folgende Bemerkungen illustrieren.

Früher wurde die vordere Talinenwand rund aufgezimmert, während man sich heute mit Riegelwerk und Brettern behilft. Man beobachtet noch recht oft alte Ställe mit Rundbäumen auf dem Vürschutz, so z.B. auf Montagna einen mit der Jahrzahl 1601, am gleichen Ort einen andern, der auf einer Stallthüre ein eingeschnitztes Kreuz zeigt und also wahrscheinlich aus der Zeit stammt, da das Prätigau noch katholisch war.

Der Boden der Heulegi besteht bei alten Ställen aus ganzen un-gespaltenen Rundbäumen ( jedoch nicht von allzu großem Kaliber ); bei den neuern hingegen aus halben Rundhölzern ( Palanggen ) oder aus dicken Brettern.

Auf Salfsch existiert ein Haus — es ist dies nicht das einzige Beispiel — das seiner Zeit gewiß einen ordentlichen Wald verschlang. Zu jedem Brett, das in demselben sich befindet, mußte ein halbes Blockholz verwendet werden. Denn da für diesen hinter „ Gotterbarm " gelegenen Weiler keine Säge zur Verfügung stand, wurde der Stamm in zwei „ Hälblig " gespalten, die dann zubehauen werden mußten. Auch das gewaltigste Rundholz ergab so nur zwei Bretter, da ein weiteres Spalten nicht mehr anging.

Die Tritte der Treppen, welche von der Stallbruck auf den Oberstall führen, sind bei alten Ställen oft massiv; d.h. es liegen auf den Schräg-balken „ Spalten " von der Form eines dreiseitigen Prismas.

Ein merkwürdiges Häuschen steht auf Fajauna bei Schiers. Die Jahrzahl 668 ob der Hausthüre kann unmöglich richtig sein, und man hat daraus schon 1668 machen wollen, obwohl von einer 1 sich keine Spur findet. Älteren Datums als 1668 wird es wohl sein. Die Rundbäume wurden bei diesem Bau nicht abgesägt, sondern mit der Axt abgeschroten; dazu sind die Vorköpfe an den Hausecken ungleich lang; kurz, ein solches „ Gwätt " wird man nicht leicht wieder finden. Es ist mir rein unerfindlich, warum hier, in der Nähe des Dorfes, die Säge nicht verwendet wurde, während man doch die dazu erforderlichen gewöhnlichen zweigriffigen Waldsägen bis in die entlegensten Alpen mitnimmt.

Zwischen dem Längenmaß der Wohnräume und der Länge der Blöcker, die in Bretter gesägt werden, herrscht selbstverständlich eine gewisse Beziehung. Die Stube bildet ein Quadrat von cirka 16 lk'Seite. Die Blöcker werden zwar fast durchgängig 18'lang gemacht; doch geht bei der Verarbeitung und beim Legen etwas verloren, so daß für die freie Länge der Bodenbretter das angegebene Maß von ca. 5 in resultiert. Die Höhe der Wohnräume variiert von 6V2 bis 7'Die Zustube hat, bei gleicher Länge wie die Stube, eine Breite von 9 bis 11 '. Das Haus hat also, die Wände mitgerechnet, eine Breite von 28 bis 30 ' .Fast dieselbe Länge, oft auch etwas mehr, in seltenen Fällen bis 35 ', hat es in der Firstrichtung; sein Grundriß ist also beinahe quadratisch.

Der Kuhstall ist ebenfalls ein Quadrat, und zwar von cirka 20'Seite; der Zustall ist etwas schmäler. Der Grundriß des Anderhälblig-Stalles ist also ein Rechteck von cirka 35'Länge und gut 20'Breite. Der Doppelstall ist natürlich länger. Die Talina ist hier nicht in Betracht gezogen.

Bei allen diesen Angaben sind auch die beträchtlichen Vordächer nicht mitgerechnet. Sie sind nicht ohne Wert, z.B. als Schutz für den oft um das Haus herum aufgebeigten Holzvorrat.

Wenn das Heimwesen ordentlich im Stand gehalten wird, so machen die kurz beschriebenen Gebäude gar keinen Übeln Eindruck. Wo aber die Umgebung mit allen möglichen Gegenständen verbarrikadiert ist, der Zaun des Gärtchens halb am Boden liegt, auf der Laube eine Anzahl Scheien fehlen, da und dort ein Brett nur noch an einem Nagel oder ein Fensterladen nur noch an einem Kloben hängt, die Scheiben entweder blind oder durch Fetzen und Papier ersetzt sind, die Jauche sich unter dem Stall in unbenutzten Lachen sammelt, da ist 's eben auch halb malerisch und halb liederlich. In neuerer Zeit bessert 's in dieser Beziehung ganz bedeutend, und es wächst in erfreulicher Weise der Sinn für Ordnung und Sauberkeit.

Es wären noch eine Anzahl anderer Holzbauten zu nennen, so z.B. Häuschen und Hüttchen bei dem Stall auf den Vorwinterungen, dann der Bargaun, ein Blockbau mit einem einzigen für das Zugheu bestimmten Raum, die Ställe auf den Maiensäßen, ferner die „ Schaf- und Geis-jahrbuch des Schweizer Alpenclubs. 29. Jahrg.16 schärra ", die oft dörfchenartig beisammenstehen, sowie auch die eigentlichen Alphütten und Alpställe. Ein eigenartiges Gebäude ist der „ Spicher ", dessen Oberbau allseitig über den Unterbau vorragt. Es wäre endlich noch der „ FlüglerFügler " im Hinterprätigau ) zu erwähnen, der nur notdürftig dem „ Pfander " ( Alpwächter ) oder auch dem Hirten „ Unter-schlauf " gewährt, letzterm namentlich an solch entlegenen Stellen der Alpen, von welchen die Herde zum Melken nicht zu den Hütten getrieben wird, sondern von den Sennen aufgesucht werden muß.

Wo nicht Wald, großblockige Trümmerhalden, Rufen, Tobel oder Felsen das Terrain einnehmen, sind die Bergabhänge des Prätigaus bis in eine Höhe von 1800 m, ja auf den Heubergen bis auf 2200 m mit so zahlreichen Gebäulichkeiten besäet, daß dadurch der Charakter der Landschaft wesentlich beeinflußt wird.

Genauere Nachforschungen über die Frage, ob und was für Modifikationen der Bauart sich im Laufe der Jahrhunderte geltend gemacht haben, dürften nicht ohne Interesse sein. Wir haben aber den Raum des Jahrbuchs und die Geduld allfälliger Leser schon gebührend in Anspruch genommen, und verabschieden uns von den sonn- und windgebräunten Holzhütten, die bei aller Einfachheit doch dem in der Fremde weilenden Prätigauer in unauslöschlicher Erinnerung bleiben und mit Schuld tragen an jenem Heimweh, das ihm Paläste Särge sein läßt und das seinen ergreifendsten Ausdruck in dem Salisschen Liede von der trauten Heimat gefunden hat.

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