Der Uto

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Der Uto.

Vortrag gehalten in der Aula des Hirschengrabenschulhauses in Zürich für die Mitglieder der Sektion Uto des S.A.C. und ihre Familien und Eingeführten. 20. XI. 1913 von Dr. Alb. Heim, a. Prof.

Wir alle waren einmal noch nicht da, und vieles ist geschehen, bevor wir entstanden sind — und unser Patron Uto war auch einmal noch nicht, und vieles ist vor seinem Werden geschehen. Wir wollen einmal zusehen, wie er geworden ist.

Der Weg, den die Forschung gehen muß, kann nicht in der Richtung der fließenden Zeit laufen, sondern er muß rückwärts vorgehen. Aus dem jetzigen Zustand, dem jetzigen Bau eines Berges können wir rückwärts schließen auf frühere Zustände, denn alles Heutige ist die Folge des Vorangegangenen. Aber ein einzelner Berg hilft uns nicht auf die volle Erkenntnis. Wir müssen weit herum die Umgebung studieren, denn der Berg ist inmitten eines ausgedehnten „ Milieu " entstanden, das ebenfalls erforscht werden muß, um den Berg zu verstehen. Dieser Weg, den die Forschung begangen hat, ist arbeitsreich, ist mühsam und umständlich, führt vielfach um und umschließt ein Jahrhundert angestrengter Arbeit vieler Forscher. Wollte ich auf dem Wege, auf welchem die geologische Wissenschaft getastet hat und gegangen ist, Ihnen die Entstehungsgeschichte unseres Uto ableiten, so brauchte ich dazu mehr als hundert solcher Stunden.

Ich schlage Ihnen für heute einen anderen Gang der Betrachtung vor. Wir nehmen die Resultate der Forschung an. Sie wollen mir dieselben — Sie müssen mir dieselben — glauben, ohne daß ich hier Zeit habe, Ihnen alle die Beweise zu unterbreiten. Ich erzähle Ihnen dafür den Werdegang des Uto, als wäre ich selbst dabei gewesen in der zeitlichen Folge der Vorgänge. So wird er uns verständlich werden.

Wenn wir die Geschichte eines bedeutenden Mannes betrachten wollen, so beginnen wir mit Darlegung der vorangegangenen Zustände, mit Eltern und Elternhaus und Jugend, und so wollen wir es auch beim Uto halten.

Der Uto ist ein Spätgeborener. Vieles isGesteine der inneren Alpen waren schon entstaund durch Metamorphosen. Die Kalkmassenwaren schon gebildet, aber sie lagen noch ineinst gewaltige Gebirge gestanden, sie warenschwunden, abgetragen zur Ebene, und neue G schon vorher geschehen. Alle die den durch Eruption oder Meerabsatz des Tödi, des Glärnisch und Säntis er Tiefe. In Norddeutschland hatten chon wieder durch Abwitterung ver-steine hatten sich in Schichten flach darüber ausgebreitet. Der Schwarzwald und die Vogesen standen schon als ein zusammenhängendes Gebirgsplateau da, der Ketten-Jura aber noch nicht. Von den Alpen standen einige südliche Kämme und davor ein junges Hügelland. Hohentwiel und Hohenstoffeln waren noch nicht ausgebrochen. Schon seit 10 bis 20 Millione Jahren hatte es Tiere und Pflanzen, schon lange sogar höhere Säugetiere auf der Erde, als endlich die Geschichte des Uto einsetzte und vor vielleicht 1 bis 2 Millionen Jahren mit der Bildung seiner Gesteine begann.

Die nebenstehende Tabelle soll Ihnen während des Vortrages die Übersicht besonders für die Namen der Zeitabschnitte erleichtern, in welchen die Entstehungsgeschichte des Uto sich bewegt« Perioden Zeitabschnitte Vorgänge und Produkte Jetztzeit Historische Zeit Prähistorische Zeit Utolehm und Pfahlbauten Postglazial Erosion von Sihl- und Räppischtal Innere Wallmoränen Letzte Eiszeit ( IV )

Letzte Interglazialzeit.

Schieferkohlen Größte Vergletscherung ( III ).

Äußerste Moränen und errat. Blöcke Diluvium Hochterrassenschotter oder Große Interglazialzeit...

Senkung und Seebildung Quartärzeit Haupttalbildung Zweite Eiszeit ( II )

Jüngere Deckenschotter Erste Interglazialzeit.

Erosion Erste Eiszeit ( I )

Oberer Deckenschotter Utokulm Präglazialzeit

Pliocän Hauptaufstauung der Alpen, Pontien Molassefaltung u. Molassehebung Obere Süßwassermolasse Miocän Mola Albisschichten Tertiär Vindobonien Burdigalien ung der Marine Molasse Aquitanien Entstehung der Molasse Untere Süßwassermolasse Oligocän Stampien Unter Oligocän Alpenhebung im Süden beginnend Eocän Flysch der Alpen Die ungeheuren geologischen Perioden der paläozoischen Ära, die Perioden der Trias, des Jura und der Kreide sowie der Eocänzeit, in welcher letzteren im Alpengebiet die Meerabsätze der Flyschschiefer entstanden sind, sind vorüber. Zwischen den Vogesen mit Schwarzwald einerseits und den beginnenden, im Auftauchen begriffenen Alpen anderseits dehnt sich ein großes Wasserbecken aus. Bald steht es nach Westen, bald nach Osten mit dem Meere in Verbindung, bald wieder ist es vom Meere getrennt und süßt sich durch die von den jungen Alpen kommenden Flüsse aus. In diesem weiten Wasserbecken setzt sich Schicht um Schicht der aus den beginnenden Alpen abgespülte und geschlemmte Schutt ab. Geröllschichten, in größter Masse zunächst dem Alpenrande, verkitten allmählich zu Konglomeraten, sogenannten Nagelfluhen; dazwischen und weiter hinaus wird Sand zu Sandstein, Schlammabsatz zu Mergelfels und endlich Kalkniederschlag zu Kalkstein verfestigt. Die Delta der jungalpinen Flüsse rücken vor, berühren sich, süßen aus. In ihren Lücken und Lagunen entstehen kleinere lokale Torflager, die zu Kohlen werden. Schicht um Schicht setzen sich in hundertfältigem Wechsel und tausendfältiger Wiederholung ab. Fast ist das Wasserbecken aufgefüllt, dann sinkt wieder der Untergrund und neue Aufschüttung folgt. Das ist unsere Molasse. So nennen wir diesen geschlemmt abgelagerten Alpenschutt der Miocän- oder Mitteltertiärzeit. 3000 m Dicke wenigstens hat er am Alpenrande, noch etwa 1000 m gegen den Schwarzwald. Am Nordrand der Alpen setzt die Molasse als Randbildung, nur später etwas von den Alpen überschoben, an; sie überdeckte den Jura und lief am Schwarzwalde mit Uferbildungen aus.

Die ganze Molasse kann nach ihrem Inhalt an Versteinerungen und ihrer Lagerung in verschiedene Stufen geteilt werden. Süßwasserablagerungen wechseln mit Meeresbildungen ab. Landpflanzen und Landtiere und Süßwasserformen liegen eingeschwemmt auch im Meeresabsatz. Sie alle geben uns Kunde von dem Reichtum subtropischer Pflanzen und Tiere, die damals das werdende Alpenland und die ihm vorliegenden Deltaflächen bewohnten.

Ein Rätsel blieb uns lange Zeit die Herkunft der Gerölle der Molassenagelfluh. Die Gesteine der nächstliegenden alpinen Talgebiete sind dabei spärlich oder gar nicht vertreten. In den Nagelfluhbänken der Molasse am Ütliberg dicht unter dem Hotel, in den Nagelfluhen von Rigi, Speer, Toggenburg etc. fehlen die Gerölle aus dunkelm Hochgebirgskalk der Alpen, die roten Sernifitkonglomerate und Schiefer

I.

des Walensee- und Sernftgebietes, die Porphyre der Windgälle, die Granite und Gneiße des Oberalpstockes oder der Schöllenen. Fremde Gesteine haben die Gerölle geliefert. Im Schwarzwald fand man sie nicht, dagegen teilweise am Stockhorn, besonders im Süden und Osten. Massenhaft sind Gerölle von Gesteinen jenseits der jetzigen Wasserscheide der Alpen vorhanden wie die schwarzen Spongienhornsteine, roten Radiolarienhornsteine und weißen Kreidekalksteine des Monte Generoso, die hellgelben Triasdolomite von Osten und Süden, die Porphyre aus der Gegend von Lugano, die roten Granite, die an Veltlin und Baveno erinnern. Teilweise stammen die Gerölle der Molassenagelfluh von Gesteinen, die früher als eine Decke, von Süden überschoben, über unsern jetzigen Glarner und Urner Alpen lagen, während diese letzteren noch gar nicht entblößt waren. Von dieser Decke sind nur noch kleine Reste geblieben ( „ Klippen " bei Yberg, Mythen, Buochserhorn, Stanserhorn, Giswilerstöcke etc. ). Teils aber sind viele Nagelfluhgerölle — so besonders viele der kristallinen Gerölle der Nagelfluh — durch Flüsse von der Südseite der Alpen gekommen. Die ersten hohen Alpenketten waren dort entstanden. Die Wasserscheide lag viel weiter südlich, die nördlichen Kalkalpen schlummerten noch in der Tiefe.

Am Schlusse der sarmatischen oder tortonischen Zeit war unser Wasserbecken zwischen Schwarzwald und Vogesen flach aufgefüllt.

Gleich nach Schluß der Molassebildung ging ein gewaltiger S-N gerichteter Schub durch die Alpen. Er ergriff auch den am Nordrande kurz vorher abgelagerten Alpenschutt, die Molasse, und staute seine Schichten in Wellen und Falten auf. Das ist die sogenannte subalpine Zone der Molasse mit den schiefgestellten oder senkrechten Molasseschichten, die Zone, welcher Rigi-Roßberg-Hohe Rhonen - Hirzli-Speer - Stockberg - Appenzell etc. mit Gipfeln bis gegen 2000 m Meerhöhe angehören. Weiter entfernt von den Alpen kam es nur zu einer allgemeinen Hebung der Molasse bei flacher Schichtlage. Was sich im Meere miozän abgesetzt hatte, wurde pliozän bis zu 1000 m emporgehoben. Hebung bringt Gefälle für das Wasser und führt zur Durchfurchung mit Talwegen. Die Verwitterung schrägt die Gehänge der Furchen ab und erweitert sie zu Tälern. Verwitterung und Erosion modellieren nun im Molassematerial das schweizerische Mittelland heraus. Schon jetzt will ich Ihnen verraten: Verwitterung und Erosion haben den Uto herausmodelliert, herausgeschält aus der mächtigen, flach geschichteten, gehobenen Molassebildung. Der Uto besteht also aus geschlemmtem Alpenschutt und ist aus solchem herauspräpariert. Die Alpen haben ihm miozän Fleisch und Knochen geliefert, erst die Diluvialzeit hat ihn geformt und die Neuzeit hat ihn zur Taufe getragen und mit einer Eisenbahn erklettert.

Unsere Figur I stellt einen Schnitt durch das Gebiet des Uto von E nach W dar. Das Land ist hoch aufgefüllt mit flachliegender Molasse. Mergel herrschen vor, Sandsteine sind massenhaft vorhanden, Kalksteinbänke mit Süßwasserschnecken, Charasamen etc. und Spuren von Kohlenschichten fehlen nicht. Nagelfluhbänke liegen in verschiedenen Höhen, besonders oben. Den schönsten Aufschluß über die ganze Schichtreihe sehen wir in der Faletsche. Diese „ Albisschichten " sind durchweg obere Süßwassermolasse, die Meeresmolasse liegt erst etwa 100 m unter Zürich und steigt gegen die Lägern bei Würenlos und Niederhasli an die Oberfläche hinauf. Fig. I gibt das Bild für den Schluß der Molassezeit. Mit der Erhebung in der pontischen Zeit beginnen sofort die alpinen Flüsse wieder von dem abzutragen, was sie vorher aufgeschüttet hatten; es mochten so 100 bis 300 m, an der subalpinen Molasse stellenweise noch mehr, abgespült worden sein. Zum Schluß der Pliozänzeit bildete die flache Molasse eine Abspülungsfläche von den Alpen bis an den Schwarzwald und den inzwischen entstandenen Jura, die ziemlich eben und gleichförmig schwach gegen NW geneigt war und zwischen sanften, wenig erhöhten Bergrücken untiefe breite Talwege hatte. Diese ganze flache Erosionslandschaft lag in der Höhe vom Albis zum Irchelrücken, also 400 bis 450 m über dem Niveau des jetzigen Zürichsees in 600 — 900 m Meereshöhe. Diese Fläche hoch oben war eine wahrhafte präglaziale mittelschweizerische Hochebene, siehe Fig. II.

Anmerkung: Die Figuren I bis und mit X sind untereinander vergleichbar und stellen die aufeinanderfolgenden Zustände an einem ca. EW gerichteten Vertikalschnitte dar. Indessen ist kein bestimmter Maßstab in Anwendung gebracht worden und die Höhen sind etwas übertrieben. Bei genauen Maßstäben hätte man die Figuren viel größer zeichnen müssen, als es der Raum gestattete, um alles sichtbar zu machen. Im Vortrage hatte ich nicht diese einzelnen Figuren zur Verfügung, sondern ich hatte die erste Figur vor dem Vortrage an eine 4 m lange Wandtafel gezeichnet und wischte dann jeweilen mit dem Schwamm ab, was Erosion und Verwitterung entsprach, und setzte neue Ablagerungen mit farbigen Kreiden wieder zu, so daß an ein und demselben Bilde alle Wandlungen im Werdegang des Uto dargestellt werden konnten.

Unterdessen waren die oberen Regionen der mächtig durchtalten jungen Alpen des Rhein-, Linth-, Reuß-, Aare- etc. Gebietes hinaufgepreßt worden zum Hochgebirge, mit ihren jung modellierten Kämmen und obersten Talstufen in die Schneeregion. Sie sammelten den sich immer höher aufschüttenden Schnee, er floß vereisend durch seine eigene Schwere ab, und als Gletscher aus den Alpentälern hinaus auf den Wegen der Flüsse. Die Alpen entsendeten ihre große erste Eisflut über das schweizerische Molasseland, wo die Gletscher der verschiedenen Sammelgebiete sich zu einem zusammenhängenden bis über den jetzigen Bodensee reichenden Eismeer vereinigten.

In der ihnen eigenen Art verarbeiteten die Gletscher den Alpenschutt und lagerten ihn ab als Moränen. Die Gletscherflüsse dagegen verschwemmten End-moränenmaterial zu ausgedehnten Schotterfeldern ( Kiesfelder ). Die vorrückenden Gletscher selbst überkleisterten nachher diese oder unmittelbar das flache Molasse-hochland mit lehmigen Grundmoränen voll alpiner, nach Gletscherart geschrammter Geschiebe. Die Flüsse der wieder zurückschmelzenden Gletscher bildeten nachher neue mächtige Schotterschichten über den Grundmoränen. Oft liegen unten Vorstoß-schotter, darüber Grundmoräne und auf dieser Rückzugsschotter. Die Gletscherbachablagerungen der ersten Vergletscherung haben den Namen Deckensclwtter erhalten, weil sie heutzutage nur noch Decken auf einzelnen Molassebergen bilden. Der Deckenschotter unseres Landes war zu einer nur wenig Lücken aufweisenden, fast zusammenhängenden Geröllplatte von 10 bis 40 m Dicke über der präglazialen Oberfläche ausgebreitet. Die Platte ist heute aufgelöst in kleine Reste, wie Plateau des Irchel, Kohlfirst, Stammheimerberg, Heitersberg, Ütliberg, Albis, Baarburg und andere. Die schöne Nagelfluhkappe des Uto ist ein Rest der Deckenschotterplatte, die einst fast das ganze Land in jener Höhe bedeckte. Siehe Fig. III.

Treten wir an den Deckenschotter des Uto heran: Die Gerölle sind gut und fest verkittet, der Kies fällt nicht auseinander, er hält oder bricht als einheitliche Felswand nach senkrechten Klüften. Die Lücken zwischen den Geröllen sind nicht überall geschlossen. Viele Gerölle sind hohl ausgelaugt. Arnold Escher hatte das Gestein deshalb bezeichnend „ diluviale löchrige Nagelfluh " genannt im Gegensatz zur nie löchrigen Molassenagelfluh. Auch in den Geröllen liegt ein Gegensatz. Der Deckenschotter enthält zwar viele Gerölle, die er aus der Molassenagelfluh durch deren Verwitterung in der subalpinen Zone bezogen hat, aber er enthält auch die Gesteine, die wir bei uns in den Moränen finden und die auch jetzt im Linthgebiet, Eheingebiet, Eeußgebiet anstehen. So enthält der Uto- und Albisdeckenschotter Juliergranite ( via Walenseetal hergebracht ), rote Sernifite, Jura und Kreidekalke der nächsten Kalkalpen. Der Gegensatz in Beschaffenheit, Art der Verkittung und Geschiebearten ist sehr auffallend, wenn man die Molassenagelfluhbank östlich unter der Terrasse vor dem großen Hotel ( jetzt wegen Verwachsung fast nicht mehr zugänglich ) mit der löchrigen Gipfelnagelfluh vergleicht. Beide sind dort durch einige Meter Grundmoräne voneinander getrennt. Vergi, auch Fig. XII.

Die Gletschererosion arbeitet viel langsamer als Flußerosion und der Gletscher beschützt den Untergrund zum Teil vor Verwitterung. Eiszeiten schütten mehr auf. Mit dem Zurückweichen der Gletscher aber kommt die Vertiefung der Talwege durch die Flüsse wieder ins Spiel, siehe Fig. IV. In unserem Gebiete haben immer die Eiszeiten aufgeschüttet, die Zwischeneiszeiten aber die Täler tiefer eingegraben. Nach einer Talaustiefung um 100 bis 150 m, die den ersten Deckenschotter schon in Einzelfelder stark zerlegt hatte, kam eine zweite Eisflut aus den Alpen. Auch sie schüttete Grundmoränen und einen zweiten etwas tieferen Deckenschotter auf. Er ist vielerorts erhalten, er hat sicher auch ca. 300 m über Zürich nicht gefehlt; allein in den Umgebungen des Ütliberges ist er durch die spätere Talbildung wieder ganz weggeräumt worden. Siehe Fig. V.

Die Gletscher der zweiten Eiszeit sind wieder bis in die Alpen hinauf verschwunden. Lange, lange bleibt nun unser Land eisfrei. Das ist unsere sogenannte vorletzte oder große Interglazialzeit, das ist die Zeit der mächtigsten lalbildung im schweizerischen Molasselande. Da wurde das ganze Molasseland bis auf spärliche Beste in die Tiefe hinab einmodelliert unter die präglaziale Oberfläche und unter die Aufscliüttungsflächen der beiden ersten Eiszeiten. Da wurde das Zürichseetal erst als Sihltal ausgespült, die Linth ging erst über den Riken, später durch das Glattal, dann wurde sie durch die letzten Hebungen am Rande der subalpinen Molasse ins Zürichseetal abgelenkt. Da schwankten die einschneidenden Flüsse hin und her. Perioden des Einschneidens wechselten ab mit Perioden der Talverbreiterung durch Serpentinisieren. Die neu eingeschnittenen Gehänge wurden dadurch, unabhängig von der Schiebtlage, oft ausgezeichnet schön terrassiert ( beiderseits des Zürichsees ). Im Nordosten senkte sich ein Erdstreifen, der Rheintalgraben, zwischen Vogesen und Schwarzwald etwa 1800 m tief ein und bildete so eine tiefe Erosionsbasis für unsere Flüsse, die dorthin gezogen wurden. Das schuf Neubelebung der Talerosion. Dem „ Rheintalgraben " verdanken wir den Formenunterschied unseres Landes im Vergleich zur bayrischen Hochebene ( Umgebung- von München ), wo die Molasse ( dort Flinz genannt ) nur ganz untief durchtalt ist.

Bis 300 m, 400 m, ja um den Ütliberg herum bis 500 m vertieften die Flüsse ihre Talwege unter die präglaziale Oberfläche. In der zweiten Hälfte der großen Interglazialzeit hatten die Talwege im schweizerischen Mittellande ihre größten Tiefen erreicht. In Zürich stehen wir jetzt auf sicher über 60 m späterer Wiederauffüllung. Der Albis lag breit und mächtig zwischen der im Zürichseetal fließenden Linth und der Reuß, und der Uto erhob sich ca. 520 m über den damaligen jetzt untergetauchten Talgrund bei Zürich. Das war die größte relative Höhe, die der noch massige Uto je erreicht hat. Sein Höhentriumph fällt in das letzte Drittel der großen Interglazialzeit. Siehe Fig. VI.

Am Schluß dieses diluvialen Zeitabschnittes folgt eine ausgedehnte Senkung der Alpen und ihrer Bandgebiete bis weit in das Molasseland hinaus. Das bringt Gefällsverminderung und Ablagerung, Aufschüttung von Schottern. 30 bis 200 m mächtig wurde in manchen der tiefen Rinnen der „ Hochterrassenschotter " abgelagert,, andere Teile der versenkten Talwege ertranken unter ihrem eigenen Wasser. So entstanden die großen Seen in den aus den Alpen ins Molasseland reichenden Tälern. Das Wasser stieg im Tale bei Zürich noch ca. 60 m hoch über den früheren Talboden. Der Zürichsee reichte bis gegen Baden und bis Linthtal. Der Uto ist dadurch um so viel niedriger geworden, er ragt nur noch ca. 460 m über die Seefläche hinauf. Vielleicht werden manche unter Ihnen mir einwerfen: Man hat uns aber doch gelehrt, die Seebecken seien durch Gletscher ausgepflügt worden, und das steht sogar in Schulbüchern! Ich kenne diese Lehre wohl, allein ich halte sie aus hundert Gründen für eine Irrlehre. Hier ist nicht der Ort, kritisch auf dieselbe einzutreten, dagegen werde ich mich über dieses Urteil in meiner demnächst erscheinenden „ Geologie der Schweiz " zu rechtfertigen haben.

Unterdessen hatte sich eine Eisflut aus den Alpen vorbereitet und sie entwickelte sich zur ausgedehntesten, größten Vergletscherung, Fig. VII. Diesmal rückten die-Gletscher nicht über ein Plateau vor, wie diejenigen der beiden ersten Eiszeiten, sondern über ein tief durchtaltes Gebiet, die Täler füllend bis an die Rücken der Berge, über Sättel von beiden Seiten zusammenfließend, fast alle Berge des Molasselandes bedeckend, hinaus bis an und über den Jura. Diese Eisflut brachte Moränen und erratische Blöcke, die äußersten und höchsten des Landes beiderseits der Alpen. Von dieser größten Vergletscherung stammen die Moränen und erratischen Blöcke am Albis und oben auf dem Deckenschotter, die Moräne bei der Bahnstation Ütliberg, die höchsten Moränen auf dem Zürichberg. Kaum daß der Uto noch aus dem Eise als „ Nunatak " vorragte, wie manchmal jetzt im Winter aus dem Nebel; Albis und Zürichberg waren vom Eise bedeckt. Die größte Vergletscherung dauerte nicht lange, sie vermochte nicht große Endmoränenwälle aufzutürmen. In einem Rückzugsstadium derselben setzte der Gletscher eine Moräne an den Albisabhang und bannte einen Abfluß für einige Zeit zwischen den Albis und den Gletscher oder seine Seitenmoräne. Dadurch entstand eine Terrasse oder sogar eine schwache Furche dem Albisabhang entlang — das ist der Vorläufer des Sihltales, den wir in einzelnen Resten von Kalbisau bei Sihlbrugg über Rengg und in der Vertiefung zwischen Albis und Wildpark Langenberg noch erkennen können.

Nach dem Gletscherrückzug von der größten Vergletscherung zeigte sich das Relief des Molasselandes im großen ganzen eigentlich wenig verändert. Manche Unebenheit war mit Moräne ausgekleistert, mancher Felskopf etwas abgeschliffen, und gerundet, manche Rinne durch vorübergehende Gletscherwasser neu ausgespült, aber die Linth verblieb dem Zürichseetal: Das mächtige Eis hatte nicht vermocht,, den geraderen Weg nach dem Greifensee wieder auszutiefen. In mit Grundmoränen dicht ausgekleisterten Becken wuchsen Torfe, die zu Schieferkohlen wurden ( Wetzikon, Dürnten, Uznach etc. ).

Und endlich kam die leiste Eisflut. Sie erreichte nicht die Höhe der größten, sie überflutete nicht mehr alle die Bergrücken zwischen den Tälern, sie stieg nicht mehr bis an die Albiskante hinauf, sie ergoß sich in einzelnen Gletscherzungen in die Täler und war wohl lange anhaltend, denn die jeweiligen Gletscherenden haben sich mit gewaltigen Endmoränenwällen umgeben. Im Zürichsee-Limmattale liegt die äußerste Endmoräne bei Killwangen, eine zweite, einem Stillstand im Rückzug angehörig, bei Schlieren-Fahr, eine dritte zieht durch Zürich und umkränzt den Zürichsee. Die Gletscherzunge war hier der große Finger, der zeigte, wo die Moränenstadt Zürich sich dereinst anzusiedeln habe. Das kleine Seestück unterhalb der Zürcher Moräne wurde durch den Gletscherbach mit „ Rückzugs-Niederterrassenschotter " ausgefüllt, das Wasserbecken oberhalb Zürich dagegen wurde durch den Gletscher vor Ausfüllung geschützt. Das Gletscherende bildete noch eine kleine Moränenhügelland-schaft am Grunde im untersten Teile des Sees ( „ Hafner " etc. ) und wich dann rasch und unaufhaltsam zurück bis zur Au, und bis Hurden-Rapperswil, wo wieder Stillstände eingetreten sind. Siehe Fig. VIII.

Die Moränen von Zürich und die Endmoränen von Bonstetten sind talwärts ansteigend, auf den beidseitigen Flanken des Albis als zusammenhängende gewaltige Seitenmoränen aufgesetzt worden. Sie liegen auf Felsterrassen des Albis oder ziehen schief über deren Kanten und Flanken. Im Zürichseetal ist dies die gewaltige oft doppelte Moräne von Kirche Enge über Kilchberg, Horgeregg, Zimmerberg, Hirzel, Schönenberg, Hütten, Schindellegi. In Schindellegi dämmt sie die aus den Alpen kommende Sihl ab und zwingt sie, hoch am Hohe Rhonen vorbei und dann dem Albis entlang zu gehen. Erst wo diese Moränenleitlinie in die Endmoräne von Zürich umbiegt, kann die Sihl wieder in ihr angestammtes Zürichseetal eintreten. Westlich des Albis bannt die Seitenmoräne Hausen-Äugsterberg-Bonstetten einen zeitweiligen Ausfluß des Reußgletschers und später das Wasser des Albis, die Bäppisch, an die Westseite des terrassierten Albis-Gehänges. Diese beiden Moränenzüge, symmetrisch beidseitig am Albis angekleistert, bilden nun während und nach der letzten Vergletscherung die Leitlinien für Sihl und Bäppisch. Beide Flüsse schneiden in die Albisflanken junge Längstäler symmetrisch ein. Sie zerstückeln den langen sanften Rücken in drei schmalere Bergketten. Das Sihltal mit dem ihm gebliebenen kräftigen Zufluß aus den Alpen hat sich schon stärker ausgetieft; die Räppisch, als der schwächere Fluß, bleibt höher zurück; beide Flüsse beginnen zu serpentinisieren und ihre Talböden zu verbreitern. Unsere zwei Täler, die den Albis durchteilen, sind jünger als der Mensch, der in der Wildkirchliliöhle lebte. Es können damals auch hier Menschen gewohnt haben, da es noch kein Sihltal gab. Und die Höhlenbewohner bei Thayngen haben im gleichen Zeitabschnitt gelebt, in welchem Sihltal, Räppischtal und der Rheinfall erst begannen, sich auszubilden. Noch vor etwa 20,000 Jahren gab es sicher kein Sihltal, kein Räppischtal und keinen Rheinfall, und der Albis und Uto waren noch breitere Rücken ähnlich dem Zürichberg. Vergl. Vili und IX.

Im Naturbild der Umgebungen von Zürich ist das Merkwürdige der Gegensatz von Zürichberg und See einerseits mit Sihltal, Albis und Ütliberg anderseits: Der Zürichberg, ein alt geformter, wenig mehr veränderlicher, durch die Eiszeiten ausgeglichener breiter Rücken, der scharfe Formen nur lokal durch einige jung eingeschnittene Schluchten erhält. Daneben der See, ein altes ertrunkenes Tal, ein Tal, dessen Austiefung längst aufgehört hat und das in langsamer Rückbildung, in Auffüllung begriffen ist. Alles ist fest und ruhig geworden. Auf der andern Seite das Sihltal, ein junges Tal mit wildem, wechselvollem Fluß, der stellenweise sich Dr. Alb. Heim.

noch nicht fertig ausgetieft hat, der in Bogen die Gehänge untergräbt und Seiten-anrisse erzeugt. Im Albis ein Bergrücken mit Gehängen, die viel zu schroff sind, um dauernd halten zu können, die in scharfen Formen jugendlich modelliert und beständigen Veränderungen unterworfen sind. Der Albiskamm selbst ist ein Rest, eine Ruine zwischen den beiden Flankentälern. Sein Kamm hat hie und da noch einen Rückenrest vom ursprünglichen breiten Berg behalten, hie und da aber ist er durch die beidseitig hinaufgreifenden Nischen zum schmalen Grate zusammengeschmolzen oder zur Kerbe ( Schnabellücke ) eingerissen. Schon aus großer Entfernung fallen die jugendlich scharf und frisch modellierten Formen von Albis und Uto im Gegensatz zum Zürichberge in die Augen. Am Zürichberg und Zürichsee ausgeglichenes, ruhiges Alter, am Albis—Ütliberg, Sihltal und Räppischtal neue unausgeglichene Jugend der Formen mit stetigen, verhältnismäßig sehr raschen Veränderungen. Vergl. Fig. XI.

Wir können die noch lebhaften Formveränderungen an den Gehängen von Sihl- und Räppischtal und am Albiskamm von Jahr zu Jahr verfolgen. Die Böschungen sind unhaltbar steil ( „ übermaximal " ). Es findet ein beständiges Abbröckeln statt. Der Frost lockert das Gestein, das Wasser laugt den Kalkzement der Sandsteine aus, Sandsteinstücke springen ab und zerbrechen beim Sturz, Mergel lösen sich in ein Schuttgeriesel oder eine Art langsamen Schlammstrom auf. Bald entsteht da, bald dort ein kahler Anriß. Ältere sind durch Vegetation wieder vernarbt, aber stets bilden sich wieder frische Anrisse.

Von einer Stelle aus, wo ein kleiner Wildbach sich sammelt, der das aufgelöste Schuttgeriesel bei großen Hochwassern ausspült, findet ein Nachbrechen in den vorläufig maximal möglichen Böschungen nach hinten und oben statt. Dadurch entstehen halbtrichterförmige Nischen, sogenannte Talschlüsse, Talzirkus, Wildbach-talschlüsse. Die gewaltigste derartige frische Auswitterungsnische oder Wildbach-nische am Albis ist die Fallätsche. Der obere Steilrand des halbkreisförmigen Trichters hat 400 m Durchmesser bei 200 m Tiefe, was einer mittleren Böschung der Trichtermantellinien von 45 ° entspricht! Der obere Rand ist an zwei Beobachtungsstellen innerhalb meines Gedenkens um etwas mehr als l1/^ m zurückgewichen. Am lebhaftesten sind die Veränderungen unten in der Spitze des Trichters, wo durch das Zusammenstürzen des Wassers bei starken Regen sich fast auf einen Schlag ein ausspülender Wildbach bildet, der die vorher heruntergerieselten Schuttmassen in kurzer Zeit wieder ausfegt. Auch alle die kleineren Nischen beiderseits vom Albis—Uto, eine neben der andern gelegen, erweitern sich und greifen sich verzweigend bergeinwärts. Dadurch treffen sie sich vielfach und schneiden sich an, so daß nur noch schmale Gräte dazwischen bleiben, die dann nach außen gewöhnlich in pyramidalen Ecken endigen ( Bild S. 197 ). Die Nischen können auch hinter den Hauptgrat greifen und ihm eine tiefe Kerbe beibringen. Bei der Schnabellücke ist dabei sogar ein gegen Osten gehender Bergsturz entstanden. Ein anderer Bergsturz hat sich durch Untergrabung der Räppisch am Äugsterberg abgelöst und hat den Türlersee als Bergsturzsee gestaut.

Das Nachbrechen nach hinten und oben gibt der Außenfläche jeder Schicht die ihr mögliche Maximalböschung. Dadurch wird das Profil der Abwitterungs- oder Nachbruchsböschungen stets treppenförmig gebrochen, es wird steiler an den festeren Nagelfluh- oder Sandsteinbänken, flacher an den brüchigeren vorherrschenden Mergel- Photographie nach einem nach Horizontalkurven aufgebauten Relief von F. Brüngger in natürlicher ( von SW kommender ) Beleuchtung, die reine Terrainform ohne Orte, Verkehrswege, Wald etc. darstellend. Zu beachten:

1. Die milden gealterten Formen des Glattales, Zürich-seetales, Reusstales und des Zürichberges; die einzigen Schärfen darin sind aufgesetzte Moränen des letzten Gletscherrückzuges und nachglazial eingeschnittene Bachschluchten.

2. Im Gegensatz dazu die scharf gegliederten, jungen Formen der beidseitigen Gehänge des Sihltales und Räp-pischtales und des zwischen ihnen herauspräparierten Albis-Uto-Kammes.

Jahrbuch des Schweizer Alpenelub. 49. Jahrg.

3. Weitere aus* denv Bilde sprechende Einzelheiten: Das alte Tal Bonstetten-Urdorf ist schief durchschnitten von dem jüngeren Bäppischtal, der Bergrutsch vom Äugsterberg staut den Türlersee, Moränenwälle ziehen an den Kanten über den Aussenrändern von Räppisch- und Sihltal. Wallmoräne quer durchs Tal in Zürich und bei Fahr-Schlieren, Abdämmung der Glatt durch die Moräne am Katzensee, totes ehemaliges Glattal von Seebach über Katzensee bis Würenlos, diluvial aufgeschüttete Plateaux ( Hochterrassenschotter ) im Glattal, flacher Abschwem-mungskegel vom Ütliberg gegen Zürich, Limmat durch den Schuttkegel der Sihl gegen rechts gedrängt, Endmoräne Zürich die Sihl vom See abhaltend.

1-1 schichten. Die festeren Bänke zeichnen sich, von weitem auch durch ihre geringere Bewachsung sichtbar, als Steilstufen an den steilen Gehängen aus und laufen im Grundriß wie Horizontalkurven in konkaven Bogen durch die Nischen und in spitzen Zacken über die Grate. So erkennt man an den frischen Abrissen der Nischengehänge von weitem — besonders deutlich in laubfreier Zeit nach frischem Schneefall — die am Albis und Ütliberg flache, ca. 2,6°/o NNW fallende Schichtlage.

Der Berg ist nur noch die stets zusammenschwindende Buine, die zwischen den Talfurchen und Nischen bis auf den heutigen Tag gnädig von der Zerstörung verschont geblieben ist. Vergl. Fig. X.

Im Grunde der Nischen häuft sich ein sandiger Lehm als Verwitterungsrückstand an. Derselbe kommt in nassen Zeiten in langsam kriechende oder wälzende Bewegung oft nur einige Centimeter, oft einige Dezimeter oder auch Meter im Jahr ( „ Solifluction " ). Aus den Nischen wachsen die wulstartigen, oft mehrere Meter dicken, mit Schilf und anderen Sumpfpflanzen bewachsenen Bodenwellen heraus. Weiterhin werden sie bei starken Regen abgespült, und am Fuße der Gehänge entstehen, in den Wiesen sich häufend, dadurch flache sandige Lehmkegel.

Am Fuße des Uto hinab bis an die Sihl erstreckt sich ein großer sanft ge-böschter Lehmschuttkegel, entstanden aus dem Verwachsen der Sand- und Lehmaus-spülungen aus den verschiedenen Nischen. Er ist geologisch das jüngste Glied am Uto, seine Bildung fand vorherrschend in der Postglazialzeit statt. Oberhalb dieser regelmäßig sanft geböschten Fläche am Fuße des Uto treten unvermittelt und plötzlich die gegliederten Grate und Nischen hervor. Der Formengegensatz ist sehr auffallend ( S. 197 ). Der Utolehmkegel ist im höheren Teil näher dem Berge mehr sandig, im tieferen mehr lehmig. Große Ziegeleien haben tiefe Gruben geschaffen, in welchen man in allen Höhen im Lehm eingeschlossen aufrecht stehende ca. 1 m hohe und darüber abgebrochene Strünke von Birken und Rottannen sieht. Alexander Wettstein hat aus denselben abgeleitet, daß der Utolehmkegel durchschnittlich in 60 bis 100 Jahren um 1 m in einen damaligen Wald hinein aufgeschwemmt worden ist. Die Bildung geht in historische Zeit hinein, wie Funde von Pfahlbau- und von römischen Gegenständen in den oberen Lehmschichten gezeigt haben, und sie dauert auch jetzt noch verlangsamt fort. Der Lehm ist ein Ton „ auf dritter Lagerstätte ": Ein Lehm-partikelchen mag ursprünglich einem Granitfeldspat am Südabhang der Alpen angehört haben. In der Miozänzeit wurde es nach Norden geschwemmt und als Molassemergel abgesetzt. In der Postglazialzeit wurde unser Partikelchen durch die Verwitterung wieder aus dem Molassemergel herausgelöst und wanderte mit dem Regenwasser aus der Bergnische auf den Lehmkegel hinab. An einigen Stellen hat bereits wieder die wilde Sihl den Lehmschuttkegel in Steilborden angeschnitten ( unterhalb Leimbach ). Es gibt gleiche, nur weniger ausgedehnte Lehmkegel an der Räppisch-seite des Ütliberges. Diese Lehmkegel umhüllen seinen Fuß und wachsen um denselben herum. Noch weitere junge Ablagerungen entstehen ringsum: Torfe in den Grundmoränenbecken ( Bonstetten ), Seekreiden am Grunde des Zürichsees, Kiesallu-vionen im Talwege der Sihl.

Der Uto ist ein Bergtypus von der Formel: „ ErosionsreUM in flach geschichtetem Gebirge11. Es gibt im schweizerischen Molasselande noch viele solche Berge — eigentlich gehören dieselben alle mit Variationen zu dieser Klasse. Ein Uto in noch Der Uto.

früherem Stadium mit noch breiter Deckenschotterplatte ist der Irchel, ähnlich der Kohlfirst. Der Irchel wird einst utoförmig zusammenschwinden zwischen Thur, Rhein und Töß. Ein in der Abwitterung weiter vorgeschrittenes gealtertes Stadium, wo der Deckenschotter schon spurlos verschwunden ist, stellen der Zürichberg und der Lindenberg dar. Ruinen zwischen den Tälern, Erosionsrelikte in flach geschichtetem Molassegebirge, sind auch das Tößstockgebiet und das Napfgebiet. Allein in diesen Regionen gibt es keinen Deckenschotter, und das Gebirge selbst ist viel mächtiger und viel reicher an festen miozänen Nagelfluhbänken, die dann die flach laufenden Bergkanten erzeugen.

Wir kehren zum Utogipfel zurück ( Fig. XII ):

Während der Fuß des Berges von den Verwitterungsresten umhüllt wird, schwindet der Grat zu einer immer feineren, schmaleren Gestalt zusammen. Ein Glück ist es, daß auf dem Utogipfel noch ein schützendes Käppchen von Deckenschotter geblieben ist! Wir haben hier den merkwürdigen Fall, daß die oberste Schichtplatte die festeste des ganzen Berges ist. Der Deckenschotter an sich ist sehr widerstandsfähig gegen die Verwitterung. Letzthin kletterte ich an den Felszähnen des „ Leiterli " und an zwei Stellen der Westwand hinauf, wo ich noch jeden Griff in der Utonagelfluh wieder erkannte, den wir als Knaben beim Klettern benutzt hatten. Der Deckenschotter verwittert nicht aus sich heraus, hingegen zerreißt der Gipfelfels in großen Klötzen durch annähernd vertikale Risse infolge des langsamen Weichens der darunter liegenden und stellenweise nassen tonigen Grund-moräne.Von Zeit zu Zeit neigt sich ein solcher Block zum Absturz. Vor wenigen Jahren hat sich ein großes Stück an der SE-Ecke des Gipfels abgelöst, und fast rings um den Gipfel findet man im Walde die Trümmer des Deckenschotters in mächtigen Blöcken ( „ Kindlistein " etc. ).

Die Utobahngesellschaft und ich haben uns verbündet, den Zerstörungsvorgang des Ütogipfels zu hemmen durch künstliche Bewachsung der kahlen Molasseabrisse und der Grundmoräne unter dem Gipfel, durch Vermauern der schlimmen Grund-moränenentblößungen unter der löchrigen Nagelfluh, durch untermauern zu schlecht gestützter hohl stehender Klötze des Deckenschotters, und wo in der Deckenschotter-kappe ein drohender Riß sich zeigte, da haben wir mit Eisenstangen und Zement zusammengenäht. Man muß entstehende Wunden bestmöglich vorweg verpflastern, damit sie nicht weiterreißen. Ich bin auf Grundlage vieler Erfahrungen davon überzeugt, daß man den Vorgang des Zusammenbruches des Ütogipfels durch Verwitterung Dürler-Denkmal Uto-Staffel Leiterli J Turm 1882 abgetragener -, Turm Hügel, darunter Qt,,Heer'atB16 Bahnhof 816,30 rössteD SAC4-9 Molasse mit Nagelfluhbk.

Grutidmoräne, erste Vergl.

Dr. Alb. Reim.

mit relativ geringen Mitteln bei beständiger Wachsamkeit zwar nicht aufheben, aber sehr wesentlich verlangsamen kann.

Der Deckenschotter ist allüberall ein herrlicher Quellenbildner. Aus den Deckenschottern des oberen Sihl- und Lorzegebietes fließen uns nach Zürich etwa 15,000 Minutenliter des besten Quellwassers zu, und der kleine Utogipfel liefert in 3 Quellen etwa 10 Minutenliter. Der Deckenschotter fängt das Wasser auf. Auf der Grundmoräne als undurchlässige Unterlage tritt es gesammelt als filtrierte ausgeglichene Quelle hervor.

Unser alte Patron Uto ist also ein junger, sehr junger Berg. Sein Leib besteht aus mitteltertiärem verschwemmtem und nachher felsig verkittetem Alpenschutt, der Molasse. Die erste Vergletscherung der Diluvialzeit hat ihm eine Schicht von Grundmoräne und darüber eine Kappe von Deckenschotter ( Diluvialnagelfluh ) aufgesetzt. Die große Interglazialzeit hat ihn als breiten plumpen Bergrücken 520 m hoch aus dem miozänen Felsgrunde herausgeschält zwischen den Talwegen der Linth und der Reuß. Die größte und besonders die letzte Vergletscherung haben durch Eis und Randmoränen die einsägenden Flüsse, Sihl und Räppisch, an seine Flanken gebannt und dadurch veranlaßt, daß zwischen zwei sich einschneidenden Tälern aus dem Rücken eine schmale Mittelrippe herauspräpariert wurde. Die letzte Vergletscherung hat ihm außerdem den Fuß mit Wallmoränen verziert und die Ansiedelung der Stadt Zürich an diese Stelle gewiesen. Und die junge noch fortschreitende Wildbacharbeit und Verwitterung, ausgehend von den beidseitigen jungen Tälern, haben eine junge steile Formung mit fein gegliederter Modellierung der Gehänge bedingt, die auf den ersten Blick die geologische Jugendlichkeit des Berges verrät. Der Fuß des Uto umhüllt sich mit seinem eigenen Schutt. Die Umbildung und Formung dauert fort.

Wir stellen uns in Gedanken auf den Gipfel des Uto und schauen hinab auf die tief zu Füßen liegende Stadt am moränenumkränzten See. Alle diese gewaltige Formung von hier oben bis dort unten ist das Werk der Erosion in den Zwischeneiszeiten der Diluvialperiode — hier oben die Reste der ersten, dort unten die Reste der letzten Vergletscherung! Es ist ein Grat, erst in der Diluvialzeit 460 m tief aus dem Molasseschutt der Alpen herausgeschält — eine gewaltige Leistung der letzten kurzen Periode der Erdgeschichte, derjenigen, in welcher schon Menschen auf der Erde lebten.

Was wird aus dem Uto werden? Er wird von der Verwitterung geschleift, mehr und mehr. Die Nischen werden weiter in den Berg greifen, die Gratlücken werden an Zahl und Ausdehnung zunehmen; der Berg ist viel zu steil, um ewig so bleiben zu können. Zunächst werden die jugendlichen Formen sich noch schärfen, dann werden die Böschungen und Schärfen abnehmen. Die Deckenschotterkappe wird in Trümmern abstürzen. Der Berg wird stumpf. Vielleicht kommt abermals Eiszeit, vielleicht ruft neue Hebung neuer Erosion und neuem Angriff am Fuße mit neuer Zuschiirfung der Formen, von unten nach oben zurückwandernd. Schließlich hüllt sich der Berg wohl allmählich ein in einen stumpf geformten, von unten heraufwachsenden Mantel seines eigenen Schuttes und taucht mit seinem Gipfel unter denselben hinab. Es können die Schicksale noch mannigfaltig wechseln, es kann noch länger oder kürzer gehen.

Also auch darin besteht Ähnlichkeit im Schicksal unseres Patron Uto mit demjenigen von uns Mitgliedern der Sektion Uto des S.A.C.: Wir wissen bestimmt, daß die Ereignisse den üto und uns einst verwischen werden, daß wir einst nicht mehr sein werden. Aber wir wissen nicht, wie lange wir noch am Leben bleiben werden, und nicht, was alles für Schicksale noch vor unserem Erlöschen über den Uto und uns ergehen werden. Wir wissen auch, daß die Substanz und die Energie, die in uns — in uns und dem Uto — aufgespeichert ist, nicht verschwinden können, sondern die Wirkung unseres Daseins wird bleiben, wenn auch alles neue Formen annimmt. Denn das ist unser Trost, der Uto und wir sind ein Stück aus dem Weltall und wir gehören seinem Gangwerk an.

Sicher ist, daß unser Patron Uto langsamer lebt als wir, und daß er uns überleben wird. Wir altern von innen heraus, er altert nur von außen nach innen. Er lebt sorgfältig, er raucht nicht und er trinkt nur das reine Wasser des Himmels. Der Uto wird uns alle überleben! Es ist möglich, daß sein Deckenschotterkäppchen — besonders jetzt, da wir, und unsere Nachfolger gewiß noch mehr, jeden Defekt sofort flicken — den Wetterstürmen noch ein oder gar einige Jahrtausende guten Stand hält. Er wird also gewiß noch vielen Generationen von Menschen eine herrliche Warte bleiben, von der aus sie die Alpen schauen können. Sein elegant geformtes Haupt wird noch lange im Winter über den Nebel emporragen, so daß die Menschen dort die Sonnenstrahlen genießen können. Gewiß war es vor 50 Jahren ein trefflicher Gedanke der Gründer der zürcherischen Sektion des S.A.C., sich zu nennen nach dieser herrlichen Alpenwarte, von wo ausblickend schon mancher Jüngling sich Bergsehnsucht und Bergfreude für das ganze Leben geholt hat. Der Uto hat es uns angetan. Dank und Heil dem Uto!

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