100 Jahre «Alpine Club»

VON LOUIS SEYLAZ

Mit 1 Bild ( 63 ) Wissensdrang bildete den Ausgangspunkt für die Erforschung der Alpen. Geologische und botanische Forschung, Untersuchungen über Temperatur- und Luftdruckschwankung und Gletscherbeobachtung waren die Hauptinteressen von Dr. G. M. Paccard, H. B. de Saussure, Pater Placidus a Spescha und des Mönchs Murith vom Grossen St. Bernhard, welcher schon 1779 die Besteigung des Vélan unternahm. Einige Jahre später, 1811, gelang den Brüdern J.R. und Hieronimus Meyer von Aarau die erste Besteigung der Jungfrau, welche deren Sohn und Neffe Gottlieb Meyer im darauffolgenden Jahr wiederholte. 1828 und 1829 beging Prof. Hugi von Solothurn die Gletscher des Berner Oberlandes und versuchte, die Jungfrau und das Finsteraarhorn zu besteigen. Ungefähr in der gleichen Epoche wagte der Ingenieur Venetz aus Sion die für jene Zeit kühne Hypothese von der prähistorischen Ausdehnung der Alpengletscher aufzustellen, und es währte nicht lange, bis der junge Prof. L. Agassiz, zuerst ungläubig, auf die Theorie einging und sie mit Begeisterung verfocht. Um die Gletscherphänomene zu studieren und die Gegner besser bekämpfen zu können, 11 Die Alpen - 1957 - Lei Alpes161 zögerte er nicht, mit einer ganzen Equipe von Mitarbeitern mehrere Sommer auf dem Aaregletscher zuzubringen, im, oder besser gesagt, unter dem berühmten « Hotel des Neuchâtelois » ( 1840-1844 ).

Aber während sie ihre wissenschaftlichen Aufgaben durchführen, lassen es sich diese Gelehrten nicht nehmen, hin und wieder eine Bergbesteigung zu unternehmen. 1841 erklettern sie die Jungfrau, 1842 das Lauteraarhorn ( das sie als das Schreckhorn betrachten ) und 1844 das Wetterhorn. Man braucht nur den Bericht, den Desor von der Jungfraubesteigung gibt, zu lesen, um sich zu überzeugen, dass es nicht mehr allein um die Wissenschaft geht; eine andere Macht, eine neue Leidenschaft drängt sie zu diesen Besteigungen: «... Als ich auf dem Gipfel stand, konnte ich mich, wie Agassiz, kaum einer heftigen Gemütsbewegung erwehren... Ich blieb nur ein paar Minuten oben und beeilte mich, Agassiz einzuholen... Ich musste die Hand eines Freundes drücken, und ich kann sagen, dass ich mich noch nie in meinem Leben so glücklich fühlte, wie in jenem Augenblick, da ich mich neben ihn setzte. Ich glaube, wir hätten beide geweint, wenn wir uns nicht voreinander geschämt hätten... » 1 Unter den Besuchern und Gästen Agassiz'im « Hotel des Neuchâtelois » befand sich der schottische Professor J. D. Forbes, dessen Name auf der langen Liste der britischen Alpinisten an erster Stelle genannt werden muss. Zweifellos durcheilten jeden Sommer Hunderte von Touristen dieser Nation die Alpen. Aber sie folgten den traditionellen, viel begangenen Wegen der klassischen Routen. Für das Dutzend Briten, die nach Saussure den Mont Blanc bestiegen haben, bedeutete dies nur eine sportliche Leistung ohne Nachwirkung. Sie können nicht als Alpinisten bezeichnet werden. Forbes hingegen weihte jahrelang seine Sommerferien der Erforschung der Hochalpen, den Tälern, Pässen und Bergmassiven des Dauphiné, der Mont-Blanc-Kette, des Berner Oberlandes. Er nahm mit Desor an der Jungfraubesteigung teil. Im folgenden Jahr, 1842, führte er, zum Teil mit unserem Landsmann Bernhard Studer zusammen, eine Bergfahrt aus, die man als Zickzack-Begehung der Haute Route bezeichnen könnte. Er ging von Chamonix aus und gelangte nach Saas, indem er nacheinander den Col du Géant, den Grossen St. Bernhard, die Cols de Fenêtre, de Collon, d' Hérens, den Theodulpass und den Passo Monte Moro überschritt. Über diese grosse Tour erschien 1843 ein ausführlicher Bericht unter dem Titel: Travels through the Alps of Savoy. Dieses Buch, das erste in englischer Sprache, das der Erforschung der Hochalpen gewidmet ist, bedeutete das « Sesam, öffne dich » für den britischenAlpinismus; es trug ausserordentlich viel dazu bei, in England das Interesse und den Sinn für das Hochgebirge zu wecken. « Forbes bildet das eigentliche Band zwischen Saussure und dem Alpine Club », sagt Coolidge. Und der Alpine Club wusste, was er ihm verdankte, als er ihn 1859 zu seinem ersten Ehrenmitglied ernannte.

In der Tat erscheinen die Engländer von 1850 an auf der Bildfläche und werden tonangebend. Dank ihrem Unternehmungsgeist übertreffen sie bald alle Konkurrenten. Durch die Übersiedlung Agassiz'nach Amerika, wo er ein aussichtsreicheres Arbeitsfeld fand, hatte die Equipe seiner Mitarbeiter ihren Initianten verloren, und man hörte, wenigstens was den Alpinismus betrifft, nichts mehr von ihnen. Es blieben Bernhard und Gottlieb Studer, Melchior Ulrich, Coaz, Weilenmann und der Abbé Imseng von Saas; aber diese waren zu wenig zahlreich, zu verstreut und in ihren verschiedenen Wohnorten zu isoliert; ihre Mittel waren beschränkt, und sie wagten auf die Länge nicht, ihre Bergsteigertätigkeit, den Vorurteilen der öffentlichen Meinung zum Trotz, durchzusetzen. Als sie sich 1863 zusammenfinden, um den SAC zu gründen, ist es zu spät: die Engländer haben einen beträchtlichen Vorsprung. Die beste Zeit der alpinen Ernte ist vorüber.

1 Excursions et séjours dans les glaciers, Neuchâtel 1844, S. 395. 162 Der Bergsteiger von heute kann sich beim Studium jener Epoche, die mit der Eroberung des Monte Rosa beginnt und mit der Besteigung des Matterhorns endet ( 1855-1865 ) und die man das goldene Zeitalter des Alpinismus nennt, eines Gefühls grosser Bewunderung, aber auch eines leisen Neides, nicht erwehren. Bis 1850 hat die Geschichte keine einzige Erstbesteigung zugunsten der Briten zu verzeichnen. Und dann auf einmal wird fast plötzlich das Bergsteigen für die jungen Leute jener Zeit zur Offenbarung; es öffnet ihnen eine Quelle ungeahnter Erlebnisse und intensiver Freuden, ein Tor zum Abenteuer. Und sie stürzen sich in Massen hinein, mit Ungestüm und unwiderstehlicher Begeisterung, und führen es unvergleichlich planmässig und mit unbeugsamer Energie und Hartnäckigkeit durch. Sie sind spät angetreten zu diesem Wettrennen auf die Gipfel, und nun lassen sie sofort alle Rivalen hinter sich und vollenden in zehn Jahren die Eroberung der Alpen, von einem Ende der Kette bis zum andern. Jeder Bezirk wird durchwandert und erforscht, und von den grossen Gipfeln wird einer nach dem andern bezwungen. Im Sommer gibt es kaum einen Tag, ohne dass Siegesrufe von den Gipfeln erschallten und ohne dass auf einem der gezackten Grate ein Steinmal errichtet würde.Nach den Vorläufern Forbes, John Ball und Alfred Wills sind es Tuckett, die beiden Kennedy, Birkbeck Vater und Sohn, die Brüder Parker, die Smyth, John Tyndall, Leslie Stephen, W. Moore, die Mathews ( von denen noch die Rede sein wird ), H. Walker, Ch.Hudson und Lord Douglas, um nur die wichtigsten zu nennen. Denn ausser ihnen gibt es noch Dutzende weiterer Bergsteiger, ebenso begeistert, ebenso unternehmend und kühn. In der Mehrzahl sind es Akademiker, zum Teil noch Studierende, oder freie Berufe Ausübende: Professoren, Theologen, Juristen, Künstler und Schriftsteller, die von ihrer Schulzeit her sportlich trainiert sind und keine Strapazen scheuen und denen ihre sozialen Verhältnisse lange Ferien erlauben. Dieser glänzenden Kohorte hat die Schweiz nur die wenigen, schon genannten Namen entgegenzustellen.

Wenn die Wissenschaft das ursprüngliche Motiv war, das die Menschen in die Berge trieb, so war sie für die neuen Eroberer nur noch ein Alibi, die Rechtfertigung einer Leidenschaft, die man noch nicht beim Namen nennen will. Es ist nicht mehr der Wissensdrang, der Tyndall antreibt, das Weisshorn zu besteigen und sich ans Matterhorn heranzuwagen. Die meisten Kletterer kümmern sich überhaupt nicht mehr um die Wissenschaft, wenn sie sich nicht sogar darüber lustig machen. Als einmal Leslie Stephen im Club die Beschreibung seiner Zinalrothorn-Besteigung vorlas, erlaubte er sich einen Scherz über das Ozon, das Tyndall auf den Gipfeln festgestellt haben wollte: « Was das Ozon betrifft, wenn es dieses wirklich in der Atmosphäre gibt, so ist es etwas noch Dümmeres, als ich mir vorgestellt habe. » Worauf Tyndall aufsprang und die Türe zuschlagend das Lokal verliessNein, diese jungen Männer gehen einfach in die Berge, weil sie sie lieben um ihrer selbst willen, weil sie die Gemeinschaft mit dieser wilden, ursprünglichen Natur erleben wollen, mit all den bisher ungekannten Freuden, die sie ihnen bietet; aus Freude am Abenteuer und aus Lust am Kämpfen und Ringen, um diesen Instinkt, der in den geheimsten Tiefen der Seele jedes zivilisierten Menschen schlummert, zu befriedigen; aber auch, weil sie im Bergsteigen eine Schule der Energie, eine unvergleichliche, berauschende Form von Spiel und gesunder Erholung gefunden haben. Wenn man ihnen lauscht, so glaubt man sich in die Zeit der Kreuzzüge oder in die italienische Renaissance versetzt.

Hören wir den Bericht Ch. Hudsons über seine Eindrücke und Empfindungen, als er am 14. August 1855 mit seinen Kameraden auf dem Gipfel des Mont Blanc stand. Sie hatten den Gipfel von St- Gervais her, ohne Führer, auf einer neuen Route über die Aiguille und den Dôme du Goûter erreicht.

« Es war nicht in erster Linie das Rekognoszieren der Route über alle Hindernisse hinweg, noch die Genugtuung, unabhängig und mit Ausdauer ein Unternehmen durchzuführen, das andere für unmöglich hielten, was uns die Besteigung zur Freude und zum Vergnügen machte; auch nicht der unbeschreibliche Glanz des tiefblauen Himmels, nicht einmal das unermessliche Panorama, das vor unseren Augen ausgebreitet lag, der Anblick der endlosen Aneinanderreihung von Fels und Schnee und Eis: Auch wenn während der ganzen Tour die Aussicht verdeckt gewesen wäre, wenn uns auf dem Gipfel düstere Regenwolken eingehüllt hätten, so wäre für jeden einzelnen von uns doch noch das einfache, animalische Wohlbehagen geblieben, welches das langandauernde Spiel der Muskeln bewirkte. Für den einen mag die körperliche Anstrengung langweilig oder sogar äusserst schmerzhaft sein, beim andern bewirkt sie erhöhtes Lebensgefühl und Tatkraft, eine Quelle der Freude: Labor ipse voluptas!1 » Anstrengung an sich ist Genuss. » * Nichts kann Menschen stärker verbinden als eine gemeinsame Leidenschaft, und es gibt wohl keine festeren Bande als die Kameradschaft, die die Glieder einer Seilschaft verbindet, die zusammen Augenblicke des erregenden Kampfes erlebt haben, die die harten Strapazen des Bergsteigens miteinander geteilt haben, seine vielfachen Freuden und Gefahren. Diese gemeinsamen Erlebnisse schufen von Anfang an herzliche Beziehungen zwischen den britischen Kletterern der fünfziger Jahre, die sich in Grindelwald, in Zermatt, in Courmayeur und Chamonix begegneten und wieder begegneten. Es entstanden echte Bergfreundschaften. Man teilte sich gegenseitig seine Erfolge mit, tauschte Erfahrungen und Ratschläge aus, man schmiedete zusammen Pläne, arbeitete Projekte aus.

Eine dieser Begegnungen, nämlich diejenige zwischen E. S. Kennedy und den Brüdern Mathews im August 1857 im Haslital, gewann historische Bedeutung. Damals schloss sich Kennedy der Partie der Brüder Mathews an, und man brach gemeinsam zum Finsteraarhorn auf. William Mathews hatte schon im Februar dieses Jahres einem Freund, Rev. Hort, folgenden Brief geschrieben:

« Ich bitte Sie, zu erwägen, ob es nicht möglich wäre, einen Alpenclub zu gründen. Die Mitglieder könnten einmal im Jahre zusammen dinieren, sagen wir in London, und gegenseitig ihre Erfahrungen austauschen. Am Ende jeder Saison, die er in den Alpen - oder anderswo zugebracht, müsste jeder dem Präsidenten einen kurzen Bericht über seine ausgeführten Neutouren abliefern, der dann in einer Zweijahres-Publikation veröffentlicht würde. Wir könnten so eine Summe von Erfahrungen sammeln, von denen jedes Mitglied profitieren würde. » Am 13. August, als die drei Bergsteiger von der Finsteraarhorntour zurück waren, wurde dieses Thema lange und eingehend diskutiert, und noch im selben Jahr nahm die Idee endgültig Gestalt an. Es war in Leasowes, dem Landhaus der Brüder Mathews, deren Gast Kennedy war. Von nun an leitete Kennedy die Bewegung. Mit einem Rundschreiben gelangte man an alle Bergfreunde, von denen man annahm, dass sie sich für die Sache interessierten. 28 Zustimmungen ermutigten die Initianten, und am 22. Dezember fand im Hotel « Ashley » in London eine erste Zusammenkunft statt, gefolgt von einem « Dinner », welches in der Folge zur Tradition wurde, und die Statuten des zu gründenden Clubs wurden ausgearbeitet. Das Problem der Aufnahmebedingungen gab Anlass zu lebhaften Diskussionen. Der Artikel, der von jedem Kandidaten forderte, dass er einen Gipfel von 13 000 Fuss ( 3965 m ) bestiegen habe, rief einer heftigen Opposition. Man einigte sich schliesslich auf eine weniger strenge Formulierung: Der Kandidat hat eine Liste seiner ausgeführten Touren vorzulegen oder seinen Beitrag zur alpinen Literatur. Der Vorstand prüft diese Vorlagen und ent- 1 Hudson and Kennedy: Where there 's a Will, there 's a Way, 1856, S.81. 164 scheidet, ob das Aufnahmegesuch der Versammlung zur letzten Begutachtung vorgelegt und zur Annahme vorgeschlagen werden kann.

Die ersten Sitzungen des jungen Clubs wurden bei T.W. Hinchliff abgehalten, dem Verfasser des ersten ganz dem Alpinismus gewidmeten englischen Buches: Summer Months in the Alps, welches wie dasjenige von Forbes sehr viel beigetragen hat, in Grossbritannien das Interesse für die Berge zu wecken. Denn wie bei uns in der Schweiz, mussten auch dort die Bergsteiger gegen die Vorurteile der öffentlichen Meinung ankämpfen. Sir Alfred Wills erinnerte am Jubiläumsfest im Jahre 1907 daran: « Wir waren eine kleine Gruppe von Tapferen, die der Verachtung Ruskins trotzten und dem beissenden Spott der Presse, welche uns für mondsüchtig hielt. » Die Geisteshaltung des Volkes in jener Epoche drückt sich in einer Stelle des Guide Murray, einer gewichtigen Veröffentlichung, aus: « Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, dass die meisten derjenigen, die den Mont Blanc bestiegen haben, unzurechnungsfähig waren. » 1 Die Organisation der Vereinigung ist einfach; der « Alpine Club » bildet eine unteilbare Einheit Sein Vorstand kennt und regelt alle seine Angelegenheiten. Die einzige Befugnis der Dezember-Generalversammlung besteht in der Wahl des Vorstandes, in eventuellen Statutenänderungen und in der Genehmigung der vom Vorstand nach strenger Prüfung ihrer Gesuche vorgeschlagenen neuen Mitglieder. Dieses letztgenannte Recht hat sie sich immer eifersüchtig vorbehalten.

Im Gegensatz zum SAC, dessen Einrichtung auf dem föderativen Prinzip basiert, lässt der Alpine Club keine Lokalgruppen oder Sektionen zu. Er erstrebt keine grosse Mitgliederzahl, im Gegenteil! Es war sogar die Frage, den Bestand auf 500 zu begrenzen. Das sichert ihr eine Einheitlichkeit in den Grundsätzen und im Stil, die in keiner analogen Vereinigung des Kontinents anzutreffen ist. Trotzdem scheint es, dass das Verlangen nach persönlicher Unabhängigkeit lebendiger ist als bei uns, was hin und wieder zu Konflikten führen muss. Der Alpinist ist immer und überall, wo er auch leben mag, eine stark ausgeprägte Persönlichkeit. Wenn er auch bereit ist, gewisse Traditionen zu akzeptieren, so verstehen es doch die jüngeren Leute immer wieder, sich von einem Teil derselben zu befreien und, ihrer Abenteuerlust folgend, neue Wege zu gehen, wie es zu ihrem Daseinsrecht gehört.

Der erste Präsident des Alpine Club war John Ball, Alpinist, Forscher und Wissenschafter. Nach einer Wahlniederlage hatte er der Politik den Rücken gekehrt und widmete seine ganze Zeit und Kraft fortan den Bergen. Er war es, der im November 1858 durch Abstimmung einen Antrag gutheissen liess, welcher den Mitgliedern des Clubs vorschrieb, einen genauen schriftlichen Bericht über ihre wichtigsten Touren in den Alpen oder anderswo vorzulegen. Diese Beschreibungen lieferten das Material für den ersten Band der berühmten Peaks, Passes and Glaciers ( 1859 ), welcher grossen Erfolg hatte und ungeheures Aufsehen erregte, wie auch die beiden nachfolgenden Bände ( 1863 ). Das Erscheinen dieser Touren-Bücher ( das im Anschluss an eine Vorführung des Dioramas vom Mont Blanc durch Albert Smith erfolgte ) rief einer ausserordentlichen Begeisterung für das Bergsteigen: « Kein Werk über irgendeine Sportart », schreibt Cunning2, hat je seinen Lesern so viel Freude bereitet, wie diese Bücher über Peaks, Passes and Glaciers. Tausende von Menschen haben nach ihrem ermüdenden, langweiligen Arbeitstag im Büro beim Lesen dieser lebendigen Beschreibungen einen Hauch der Gletscher verspürt und den Geruch von Lärchenwäldern! » Und ein halbes Jahrhundert später sagt ein Veteran, der sich seine Jugendeindrücke nochmals ins Gedächtnis ruft: « Wieviele leben wohl noch von denen, die sich an den tiefen Eindruck erinnern, den der erste Band der Peaks, Passes and Glaciers hinterliess? Es war für uns etwas wie die Ent- 1 Handbook for Travellers in Switzerland and the Alps of Savoy, Edit. 1854/1856.

2 The Pioneers of the Alps, S. 23.

deckung Amerikas. Das Buch offenbarte uns eine neue Lebensfreude, die reinste, die es geben kann. Es öffnete unseren Energien eine neue Bahn. Uns jungen Menschen von damals erschienen die ersten Kletterer wie Übermenschen, ihre Führer, die Anderegg, Almer, Croz und andere, waren Götter1. » Herausgeber war William Longman, einer der Gründer des Clubs. Bei ihm erschienen auch alle andern Bergbücher jener Epoche, von Hinchliff, A. Wills, Hudson und Kennedy, Tyndall und besonders das berühmte Playground of Europe von L. Stephen. Er war es auch, der den ganz jungen Whymper ( er war 20jährig ) nach der Schweiz schickte mit dem Auftrag, Zeichnungen von den wichtigsten Gipfeln der Alpen anzufertigen. Und endlich war er während eines halben Jahrhunderts der treue Herausgeber des Alpine Journal, der ältesten und bis heute unübertroffenen AlpenZeitschrift. Das AJ erschien seit 1863 an Stelle der Peaks, Passes and Glaciers.

Das Jahr 1858 war dem Ausbau der Organisation des Clubs gewidmet: die Aufgaben und Ziele zu präzisieren, die Statuten zu ergänzen, die « Regeln des neuen Spiels » aufzustellen, ein Brevier der Kunst des Bergsteigens. Die Grundsätze sind von John Ball festgelegt und später von G.D.Abra-ham in seinem Buche The Complete Mountaineer entwickelt und dargelegt worden. Sie können mit zwei Worten charakterisiert werden: Kühnheit und Sicherheit.

Die Periode von 1855-1865 ist die glorreiche Zeit des britischen Alpinismus. Die ausserordentliche Liste der Erstbesteigungen durch Mitglieder des Alpine Club im Laufe dieser zehn Jahre, unter welchen die Bezwingung des Matterhorns ( 14. Juli 1865 ) einen Höhepunkt darstellt, verschaffte dem AC einen Nimbus und die unbestrittene Autorität in Bergsteigerkreisen. Zu dieser « heiligen Phalanx » zugelassen zu werden, war für viele eine sehnsüchtig erträumte Ehre. Das diskrete Bronze-Abzeichen mit den bedeutungsvollen Initialen AC, das die Auserwählten am Revers ihres Gewandes trugen, war etwas wie das « Blaue Band » der Berge.

Dieser Nimbus hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Er beruht einzig und allein auf dem persönlichen Wert und der Tätigkeit seiner Mitglieder. Die Leistung des Alpine Club an sich ist, ausser den oben erwähnten Publikationen, eher beschränkt. Während die alpinistischen Verbände auf dem Kontinent dahin gearbeitet haben, den Zugang zu ihren Bergen zu erleichtern durch Erstellung von Hütten und Pfaden, durch Herausgabe von Führer-Handbüchern, durch die Schulung eines Führercorps, durch die Institution der Versicherung und die Organisation des Rettungsdienstes bei Unfällen, hat der Britische Club die Beteiligung an diesen Aufgaben immer abgelehnt. Um ihre Dankbarkeit dem SAC gegenüber zeigen zu können, haben die englischen Alpinisten eine spezielle Vereinigung gründen müssen, um das nötige Kapital für den Bau der Britannia-Hütte zusammenzubringen, die sie dem Schweizer Alpenclub übergeben wollten. Jedoch hat der AC seit einigen Jahren die Expeditionen nach dem Himalaya patroniert.

Das Wirken des AC war immer mehr moralischer und intellektueller als materieller Art. Um 1860 wurde eine Kommission mit der Prüfung der Bergseile beauftragt und der günstigsten Form des Eispickels. Es resultierte daraus ein umfänglicher Rapport, welcher an der natürlichen Entwicklung der Sache aber nicht viel änderte. In letzter Zeit hat jedoch der Club ernsthafte Untersuchungen über die Haltbarkeit der Bergseile erneut aufgenommen.

Ein Grundsatz hat im Schosse des Alpine Club, wie übrigens in allen alpinen Vereinigungen, immer seinen vollen Wert behalten: die Solidarität unter den Gliedern einer Seilschaft. Das Gesetz der gegenseitigen Hilfe ist dem Bergsteiger so heilig wie dem Seemann. Der AC hat nie gezögert, solche, die dieses Gesetz missachteten, öffentlich zu brandmarken; denn es ist doch das erste und 1 J. Stogdon, Random Memories, A.J.1916. 166 selbstverständlichste Gebot des Alpinismus: dass sich der Kletterer unter allen Umständen auf die unbedingte Opferbereitschaft seiner Kameraden verlassen kann.

Nicht alle Artikel des « sittlichen Gesetzes der Berge » sind so unberührt geblieben wie dieses. Der Artikel, der führerlose Touren verbietet, und derjenige, der vorschreibt, dass zur Traversierung eines Gletschers mindestens drei am Seil sein müssen, wurde von Anfang an nicht eingehalten. Girdlestone, dann Gardiner und die Brüder Pilkington setzten schon vor Mummery ihren Willen durch und bewiesen durch Leistungen ihr Recht, sich von der Vormundschaft der Führer zu befreien. Diese Frage stellt sich heute nicht mehr; aber während mehr als 50 Jahren hat sie Anlass zu heftigen Diskussionen gegeben. Mummery hat übrigens die Forderung von drei Seilgefährten in scherzhafter Weise an einem Beispiel verspottet: Zwei der berühmtesten Bergführer jener Zeit, Emil Rey und Alexander Burgener, würden beim Abstieg vom Col du Géant nach Chamonix in grosse Verlegenheit geraten. Um die Vorschrift der Dreier-Seilschaft nicht zu missachten und in « vorschriftsmässiger » Sicherheit absteigen zu können, müssten sie nun irgendeinen Schwächung oder ein zartes junges Mädchen ans Seil nehmen!

Für jeden Engländer bedeutet der Begriff Club eine gesellige Vereinigung, in der jeder den andern kennt und wo man nicht Gefahr läuft, einem Unbekannten oder gar einem Lästigen zu begegnen. Eines der Ziele des AC, dessen Geschichte wir uns hier vor Augen führen möchten, besteht also darin, Kontakte herzustellen und Freundschaften zu knüpfen zwischen Männern, die sich zu den Bergen hingezogen fühlen. Das berühmte jährliche « Dinner » und die Monatsversammlungen, welche die Bergsteigerelite vereinigen, um irgendeinen topographischen Punkt oder ein Detail einer Route bis ins kleinste erschöpfend zu besprechen, sollen dazu beitragen. Jedenfalls hat ein Chronist mit Humor darauf hingewiesen, dass die dauerhaftesten Freundschaften vor allem nach der Sitzung geboren werden, wenn die Pfeifen rauchen und auf dem Tisch « Erfrischungen » erscheinen, die der Clubkassier unter der Rubrik « Thee etc. » aufführt. ( Eine reizende Verschleierung, die den britischen Respekt vor schicklichem Betragen zeigt. ) Die Matterhornbesteigung vom 14. Juli 1865 bedeutet die Krönung dieser glorreichen Periode. Die Katastrophe, mit der sie endete, wurde aber in Grossbritannien hart empfunden, und die Gipfelstürmer wurden scharf verurteilt. Anderseits betrachteten viele mit diesem letzten Sieg die Erforschung der Alpen als beendet. Viele traten aus dem AC aus. Es gab sogar einzelne, die die Aufhebung des Clubs vorschlugen, da sein Ziel erreicht und seine Aufgabe beendet sei. Die Depression ging jedoch vorüber, und bald zeigten sich Anzeichen einer Wiederbelebung. Vom Jahre 1867 an wurden durch A. W. Moore im Berner Oberland und im Dauphiné Winterbesteigungen durchgeführt, dann 1868 die erste Expedition nach dem Kaukasus, mit der Besteigung von zweien seiner höchsten Gipfel, des Kasbek und des Elbrus. Von 1874 an folgten mehrere weitere Expeditionen. Im Jahre 1871 erschienen zwei klassische Werke der alpinen Literatur, die Scrambles amongst the Alps von Whymper und The Playground of Europe von L. Stephen, welche ein lebhaftes Wiedererwachen des Interesses für die Berge zur Folge hatten. Im Jahr darauf begann die Besteigung der Ostwand des Monte Rosa durch die Brüder Pendlebury andern die Augen zu öffnen über die reichen Möglichkeiten, die die Alpen noch zu bieten hatten. Eine neue Generation kühner Kletterer erschien auf dem Plan, begierig, ihre Kräfte an diesen neuen Problemen zu messen. Wir haben Gardiner und die Brüder Pilkington schon erwähnt. Th. Dent machte sich bekannt, als er nach 17 vergeblichen Versuchen den Gipfel des Dru erreichte. 1879 begann Mummery eine der glänzendsten alpinen Karrieren mit der Besteigung des Zmuttgrates, einer Leistung, welcher bald der Col du Lion folgte, dann die Aiguille Verte über zwei neue Routen, die Charmoz, der Grépon, der Requin usw. Mummery wird mit Recht als Vater des modernen Alpinismus bezeichnet. Er hat die Auffassung desselben erneuert, nicht ohne die Vorstellungen, die damals im Alpine Club herrschten, etwas aus dem Geleise zu bringen. Dieser liess es ihn denn auch merken. Trotz bester Qualifikation und trotz der erlauchten Patenschaft von Dent und Freshfield, wurde er bei der engeren Wahl für die Mitgliedschaft in der Sitzung vom April 1880 fallengelassen 1.

Ohne die Alpen aufzugeben, wo G. Winthrop Young, Ryan, Finch, Frank Smythe, Graham Brown glänzende und grossartige Routen eröffneten - es genügt, die drei Routen der Sentinelle Rouge, der Poire und der Via Maior am Mont Blanc zu erwähnen -, dehnen die Mitglieder des AC ihr Tätigkeitsfeld auf die Berge der Welt aus. Whymper und Fitz Gerald klettern in den Anden, Rev. Green in Neuseeland, MacKinder in Kenya, Slingsby in Norwegen, Convay, Freshfield und Longstaff überhaupt überall, wo es Berge gibt. In den letzten Jahren des Jahrhunderts werden die ersten wichtigen Expeditionen nach dem Karakorum ( Convay ) und zum Himalaya ( Freshfield ) unternommen, wo Longstaff die Besteigung des Trisul ( des ersten 70O0ers ) gelingt.

Aber die Briten sind nicht allein auf der « Rennbahn ». Der Alpinismus ist weltweites Allgemeingut geworden. Fast alle westlichen Nationen und die Japaner nehmen daran teil. Von 1920 an, nach dem Weltkrieg, finden die entfesselten « Kampf und Sieg »-Instinkte im Berg ein geeignetes Objekt, um sich auszuleben. Es zeigt sich bedauerliche nationale Eigensucht. In den Alpen ist es die Zeit der Nordflanken und anderer letzter grosser Probleme; aber mehr und mehr wenden sich die Bergsteiger dem Himalaya und den Anden von Peru zu. Die britischen Bergsteiger nehmen in diesem Wettstreit einen vorderen Rang ein: Odell, Shipton, Tilman haben schöne Siege zu verzeichnen, ehe der Everest erreicht wurde. Schon am Jubiläumsbankett vom 6. Dezember 1907 hatte Freshfield die Frage gewagt: « Wird unter denen, die in 50 Jahren wieder hier beim Festmahl vereinigt sein werden, der Bezwinger des Everest sein? Warum nicht?... » Während langer Zeit wurde in einer Art stillschweigenden Abkommens der höchste Gipfel der Erde als für die britischen Alpinisten reserviert betrachtet. Die zahlreichen Versuche seit 1921, von Tibet her und über den Nordsattel, stiessen bis 300 m unter den Gipfel vor. Dann kam der zweite Weltkrieg, und damit war Tibet für den Europäer verschlossen, aber dafür öffnete sich der Weg durch Nepal. 1950 entdeckten Tilman und der Amerikaner Ch. Houston den Khumbugletscher und wiesen auf die Möglichkeit einer Route über die Westseite und den Südsattel hin. Jedermann kennt die Fortsetzung: Die Schweizer haben die Route geöffnet, und die Briten haben das Werk vollendet.

Die Voraussage Freshfields hat sich früher, als er dachte, verwirklicht. Er hatte jedoch beigefügt: « Die Zukunft des Alpinismus ist ein zu erregendes Thema, das mich zu weit führen würde... » Ich halte es mit ihm! Niemand kennt die Zukunft. Sufficient unto the day... Aber solange Berge ihre Eisgrate zum Himmel erheben und solange es junge abenteuer- und tatenfrohe Männer gibt, werden sie ihre Kraft an den Gipfeln messen, um dort die schönsten Augenblicke ihres Lebens zu erleben. Und der Alpine Club wird weiterbestehenÜbersetzung F. Oe.

1 Diese Ablehnung ging so weit, dass Mitglieder des AC die Führer Mummerys nicht engagierten. Um diesen Boykott zu beenden, war Mummery nach langem Zögern bereit, sich 1888 noch einmal um die Mitgliedschaft zu bewerben.

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