1963 den Mont Blanc für uns allein

Zum Leserbrief Den Mont Blanc für uns allein, «Die Alpen» 02/2019

1982 haben Herr Roth und seine Freunde es geschafft, allein auf dem geschichtsträchtigen Gipfel zu sein. Mein Mont-Blanc-Moment war 1963 an einem herrlichen Junitag mit zwei Freunden. Wir hatten im Refuge des Cosmiques geschlafen, wo wir von den Wissenschaftlern des Glaziologielabors herzlich empfangen worden waren. Im Jahr davor hatten wir einen ersten Versuch unternommen. Aber wir waren in einen Sturm geraten, der uns zwang, auf dem Gletscher des Mont Blanc du Tacul auf 3800 m zu biwakieren. Also haben wir 1963 einen zweiten Versuch unternommen. Das Wetter spielte uns in die Hände. Mit den Ski machten wir uns von Les Cosmiques aus auf den Weg nach Süden. 1963 waren Lederschuhe, Golfhosen und Wollsocken die normale Ausrüstung, ein Handy gab es natürlich nicht. Unsere alpine Ausrüstung bestand aus Steigeisen, Eispickeln und Seilen. Vom Gipfel des Tacul ging es in südwestlicher Richtung zum Col Maudit über einen schwindelerregenden Gletscherhang und dann hinauf zum gleichnamigen Gipfel. Wir waren in bester Verfassung, ich kam gerade aus einem dreiwöchigen Bergsteigerkurs und meine Freunde waren ebenfalls topfit. Ich erinnere mich, dass die letzten Hänge anstrengend und schwierig, aber nicht gefährlich waren und schliesslich kam der Gipfel. Ein aussergewöhnlicher Moment, wir waren drei Schweizer allein auf dem Mont Blanc. Im Bann von Raum und Leere war die Müdigkeit vergessen. Gut eine Stunde verbrachten wir auf «unserem» Berg. Die Abfahrt mit Ski war mühsam. Während der mehr als fünf Stunden mussten wir uns auf schwierige Passagen konzentrieren und uns mehrmals anseilen. Die Ski von 1963 hatten nichts mit denjenigen von heute zu tun. Erschöpft erreichten wir Plan de l’Aiguille, gerade noch rechtzeitig, um mit der Seilbahn zurück nach Chamonix zu fahren. Es regnete, und wir waren völlig durchnässt. Aber der Mont Blanc hatte uns allein gehört. Heute muss man dafür Schlange stehen!

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