8. Landwirtschaft und Gewerbe.

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Der landwirtschaftliche Betrieb der Biaskeser Bauern hat die Allmend zur Grundlage. Ohne Allmend wären fast ausnahmslos alle Betriebe nicht denkbar. Nicht, dass es keinen Privatbesitz gäbe, denn dieser ist ja im Talboden und auf den Maiensässen die Regel, sondern weil sich der Betrieb während eines erheblichen Teils des Jahres auf genossenschaftlichem Boden abspielt und mit diesem stetsfort in Berührung steht.

Fruchtbar und meist topfeben breitet sich bei Biasca die Talebene aus, aber sie ist privatrechtlich so unglaublich zerstückelt26 ), dass die Bebauung für die Besitzer äusserst mühselig ist und sich trotz des guten Bodens die Arbeit oft nur schlecht lohnt. Gross und mit ertragreichen Alpen und Wäldern bedeckt sind die « Beni patriziali », d. i. die Allmend. Aber Alpwirtschaft und auch zumeist die Bebauung der Grundstücke im Talboden liegen in der Hauptsache in den Händen von Frauen, Minderjährigen und gebrechlichen, alten Leuten. Solang diese Verhältnisse bestehen, die selbst die Kriegsjahre nur unwesentlich verändert haben, ist das Dasein einer Biaskeser Bauernfamilie hart und entbehrungsvoll. Hieran hat auch die während der letzten Kriegszeit vorübergehend erwachte Wertschätzung der Landwirtschaft wenig Änderung gebracht. Die Jungmannschaft hält es hier wie andernorts immer noch für klüger, Eisenbahner und Industriearbeiter statt Bauer zu werden. Und doch besitzt der derbe Spruch der Entlebucher aus dem Bauernkriege: « De Buur im Chot erhaltet was riited und good » heute noch seinen vollen Wert. Hoffen wir trotz allem, dass der starke Arm der jungen Biaskesen, geleitet von einer gemeinnützigen Auffassung die Landwirtschaft hier doch wieder einmal zur Blüte bringe. Manches Althergebrachte müsste freilich weichen. Wäre es schade darum, wenn es mit dem Laufe der Zeit nicht mehr im Einklang steht und seinen ursprünglichen Sinn verloren hat? Das Rad der Zeit rollt, und vergeblich wirft sich ihm die Rückständigkeit in die Speichen.

Mit der Landwirtschaft beschäftigen sich ganz ausnahmslos die alteingesessenen Familien. Es sind ihrer 36 Geschlechter, die seit alters her den Boden Biascas bebauen. Einst lag ein grosses Stück desselben in der « Toten Hand » der Stiftskirche27 ). Aber dieses Besitztum ist heute stark zusammengeschrumpft, und dazu ist dem Brenno und dem Ticino ein ansehnliches Gebiet ihrer Spielplätze abgerungen worden. Und trotz allem sind die Wiesen und Äcker so klein, dass man den Eindruck bekommt, es sei zu wenig Boden da für die vielen Leute. Ob dem tatsächlich so ist, mag der Leser aus nachfolgender Beschreibung selber ermessen.

Der Grundbesitz einer Bauernfamilie im Talboden ist selten so gross, dass seine Besorgung die Arbeitskraft eines rüstigen Mannes voll in Anspruch nehmen würde. Selbst bei der hier üblichen Zerstückelung des Grundbesitzes in unglaublich kleine Parzellen trifft das zu. Letzteres erschwert die Arbeit zwar bedeutend, aber das Ganze ist auch, zusammengenommen, immer noch sehr klein. Mehr als zwei Haupt Grossvieh haben nur wenige Bauern im Stall. So kommt es, dass der Mann irgendeinem Verdienst nachgeht und die Frau die Landwirtschaft besorgt. Hat letztere dann noch, wie gewöhnlich, eine grosse Kinderschar um sich und das Hauswesen allein zu besorgen, dann belastet sie eine übermässig grosse Bürde.

Denn nur zu oft liegen die einzelnen Parzellen weit vom Dorf e weg und weit auseinander, und alles muss hin und zurück auf dem Rücken getragen werden, weil Karren und Wagen im landwirtschaftlichen Betriebe des Biaskeser Bauern wenig vorkommende Transportmittel sind.

Wie mir Herr Forstinspektor Schell, dem ich manche wertvolle Angabe verdanke, mitteilt, werden zum Teil in einigen benachbarten Gemeinden grosszügige Güterzusammenlegungen vorgenommen. Es ist also zu hoffen, dass auch Biasca diesem guten Beispiele einmal folgen und damit eine rationellere Wirtschaft Platz greifen wird.

Weil er am wenigsten Arbeit gibt, bevorzugt man den Wiesenbau. Die Matten sind somit vorherrschend. Steinmäuerchen umgeben sie und erwecken den Eindruck, dass die Wiesen und Äcker mit Liebe und Sorgfalt bebaut werden. Jeder Stein wird herausgelesen und auf die Mäuerchen gelegt.

Heute haben fast ausnahmslos alle Bauernfamilien Grundbesitz in der Talebene und verbringen den Winter dort. Es mag vielleicht einmal anders gewesen sein bei den Leuten der Val Pontirone, von denen jetzt noch zehn Familien im Tal oben überwintern. Wahrscheinlich ist es aber doch so, dass die Pontironesen schon vor Jahrhunderten danach trachteten, im Talboden mindestens einen Rebberg zu besitzen, um eigenen Wein zu haben.

Ungefähr Ende Oktober sind fast alle Bauersleute im Flecken oder in dessen Umgebung mit ihren Familien vereinigt, und wer etwa noch in den Bergen oben bleibt, kommt ziemlich sicher auf Weihnachten ins Tal. Die Weihnachtstage sind nicht nur bei uns, sondern auch dem Tessiner sehr wichtig, obgleich er dieses Fest ziemlich anders feiert und den Christbaum sowie die Bescherung nicht kennt. Im Mittelpunkt der « festa » steht hier die Schmauserei. Selbst im ärmsten Bauernhause darf am Weihnachtstage das Fleischgericht ( besonders Geflügel ) nicht auf dem Tische fehlen. Anfang Dezember wird gemetzget und neben dem Braten und anderen guten Sachen gelangen am Weihnachtstage selbstgemachte Luganiche, Salami und Mortadella zur Kostprobe. An und für sich sind das schon grosse Genüsse, dann tritt aber für die Jugend noch als wichtiges Moment hinzu, dass man, ohne sich gegen kirchliche Satzungen zu verstossen, wieder tanzen darf, ein Vergnügen, dem man sich mit aller Inbrunst eigentlich das ganze Jahr hingibt, denn von weltlicher Seite bestehen keine Verbote dagegen.

Der Heuvorrat hilft dem Viehstand über die Wintermonate hinweg. Für die Geissen sorgt man sich nicht, die lässt man in der Nähe des Fleckens, auf dem Gewirr der Buzza oder auf den untern Monti frei ihrer kargen Weide nachgehen.

Schon früh würden um Biasca im Frühling Wiesen und Felder in der Tessinebene zu grünen beginnen, wenn es nicht so oft an Niederschlägen mangeln würde. So erlebt man es gelegentlich auf einer Fahrt über den Gotthard, dass man im Tessin braungebrannte, dürre Wiesen erblickt, während im Urnerunterland drüben schon grüne Matten das Auge erfreuen. Und so kommt es vor, dass der Biaskeser Bauer bisweilen erst später Grünfutter schneiden kann als der Bauer in der Gegend von Altdorf. Geheut wird erstmals Ende Mai, Anfang Juni. Diesen, den ersten Schnitt, nennt man « il Maggengo ». Dann gibt es regelmässig noch zwei andere Heuernten: den zweiten Schnitt « il Redesi », der auf Ende Juli, Anfang August fällt, und dann noch « il Terzev » ( il terzuolo ) im September-Oktober. Gross wird der Heustock nie, steigt doch durchschnittlich, wie bemerkt, der Viehreichtum selten über 2 bis 3 Kühlein hinaus.

Der Heuertrag könnte aber sicher noch erheblich gesteigert werden bei intensiver Bebauung. So ist beispielsweise das Düngen mit dem Jauchefass noch ganz unbekannt.

Neben dieser Arbeit beschäftigt man sich im Talboden in der Hauptsache noch mit der Bestellung der Vignien ( Rebberge ), denen man die grösste Pflege angedeihen lässt. Die grosse Steigerung der Weinpreise macht diese recht zeitraubende Arbeit heute wieder bezahlt, was lange Jahre nicht mehr der Fall gewesen war. Während bei uns die Rebstöcke als unrentabel ausgerottet werden und die Abstinenten im Siegeszuge halbe Weltteile trocken legen, steht der Tessiner Bauer heute vielfach im Begriffe, seine « Vigna » höher einzuschätzen. Diese sind um Biasca sehr klein, arg zerstückelt und noch dadurch charakteristisch, dass ihre Pergole so niedrig und dicht sind, dass man kaum aufrecht unter ihnen stehen kann und der Grund fast ganz beschattet ist. Letzteres scheint aber dem Graswuchs eher förderlich zu sein. Die fleissigen Bauernweiber holen mit der Sichel jedes Gräslein unter diesen engen und niedrigen Pergole hervor und halten dieses mühselige Geschäft, zu dem bei uns jeder Bauernknecht ein saures Gesicht schneiden würde, für eine Selbstverständlichkeit. Man macht die Pergole heute etwas höher als früher, und zwar besonders dort, wo sie öffentliche Wege überspannen. Da hat man sie neuerdings in Biasca so hoch gespannt, dass es keinem Grenadier einfallen würde, die Hand nach Trauben auszustrecken. Trotzdem Biasca von Natur aus kaum eine für den Weinbau günstige Lage besitzt, die Bergschatten lagern zu lang im Tale, waren einst die Vignien noch viel zahlreicher als heute. Die Sage erzählt, dass vor dem Bergsturze die Katzen auf ihren nächtlichen Wanderungen von Biasca bis nach Malvaglia hinein über die Pergole wandeln konnten.

Über Pergole ( die Einheimischen nennen sie « többie » ) gezogene Reben sind in der Gegend von Biasca vorherrschend 28 ). Gelegentlich erblickt man sie auch an freien Spalieren ( a firei ), aber nie einzeln an Stöcken wie in der Ost- und Westschweiz. Eher sieht man noch, wenn auch selten, sich eine Rebe als « rampigna » einen Baum emporranken. Im untern Tessin pflegt man bei einer solchen Pflanze zu sagen, sie sei verheiratet, z.B. mit einem Maulbeerbaum « maritata a gelsi ».

Man hat seinerzeit, als Krankheiten den Weinbau stark schädigten, begonnen, amerikanische Reben zu pflanzen, die gegen Krankheiten fast immun sein sollen, deren Traube sich aber bezüglich Feinheit des Geschmackes mit der einheimischen der « uva nostrana » nicht messen kann, als Tafeltraube aber immerhin beliebt und gut haltbar ist. Ich erinnere mich noch gut aus meiner Jugendzeit, wie man in die « uva americana » grosse Hoffnungen setzte und darauf zählte, diese werde sich in etwa 20 Jahren assimiliert und den Geschmack der einheimischen Traube angenommen haben. Es sind nun seit damals mehr als 20 Jahre vergangen, mehr als 30 sogar, und der « vino americano » ist derselbe windige Geselle geblieben. Immer noch genau wie vor 30 Jahren riecht er nach den Petrolfeldern Pennsyl-vaniens. Darum reisst man heute in Biasca die « uva americana » enttäuscht aus, wie mir ein Bauer versicherte und pflegt wieder das einheimische Gewächs, das bei gutem Willen ebensogut fortkommt. Am verbreitetsten ist bei Biasca die « Bondola », eine Traube mit grossen, feinhäutigen Beeren, welche als die älteste Sorte in der Gegend gilt. Als alt gilt auch die « Rossera », die ziemlich grosse, rötliche Beeren trägt und ebenfalls geschätzt wird. Während diese Trauben den « Nostrano » spenden, geniesst man die « Ostana », die schon an der « Madonna d' agosto » ( Mitte August ) reift, nur als Frucht zum Essen.

Franscini meint irgendwo in seinen Schriften, dass seine Mitbürger nur dort recht rührig und fleissig seien, wo der Weinstock nicht gedeihe ( er war von Bodio ). Ich halte diese Gefahr nicht für gross, man sieht im Tessin nicht mehr Betrunkene als bei uns. Und soll man darum, weil etwa einer über die Schnur haut, darauf verzichten, vor einem Grotto unter dem kühlen Blätterdache einer Kastanie dunkeln Nostrano zu trinken? Nein, wir sind liberi Svizzeri und keine freien Amerikaner, die sich demnächst nicht einmal mehr eine Brissago in ihrem Freiheitslande anzünden dürfen.

An Getreide baut man in der Talebene vorwiegend Mais ( « fromenton » ). Vor dem Kriege war der Maisbau sehr in Abgang gekommen, weil man diese Frucht so billig und bequem aus Italien beziehen konnte. Die Nachfrage und der hohe Preis haben nun der Pflanze wieder zu Ansehen verholfen.

Am meisten pflanzt man gelbes Mais, dann auch das niedrige, dessen Frucht noch mehr geschätzt wird. Selten sieht man weisses Mais und ganz ausnahmsweise rotes, das bis zwei Meter hoch wird. Die niedrige Pflanze scheint nur darum weniger verbreitet zu sein, weil ihre kurzen Stengel weniger Viehfutter ergeben, denn nicht nur die Frucht wird verwertet, sondern auch die Staude, die als Grünfutter sehr geschätzt wird. Die goldgelben Fruchtkolben der Maispflanze zieren im Herbst die Lauben der Bauernhäuser, und das Maismehl ( la polenta ) ist, wie überall im Tessin, ein alteingebürgertes, gutes Nahrungsmittel.

Erdäpfel ( « pomm » ) pflanzt man im Talboden auch, aber man gibt jenen, die auf den Bergen wachsen, den Vorzug. Dort werden die Erdäpfel im Herbst auf dem Acker zu einem Haufen zusammengeschüttet und mit einer dicken Schicht Erde überdeckt. Man holt sie dann erst im März hervor und behauptet, die aus diesem Haufen ( « tone » ) stammenden Erdäpfel seien besser als alle andern.

Roggen ( biave = segale ) sieht man im Talboden selten, während man ihm in der Val Pontirone oft begegnet. In Biasca herrscht der Brauch, dass auf den Roggen, wenn dieser geschnitten wird, Buchweizen angesäht wird. Der Buchweizen ( miglio, « mei » ) wird als Hühnerfutter verwendet. Gebräuchlicher als diese beiden Getreidesorten ist die Gerste ( orzo ). Auch Rüben werden gepflanzt, aber ziemlich selten. Gemüse wird recht wenig gebaut. Erst die Deutschschweizer ( Eisenbahner ) haben dem Gemüsebau etwelches Ansehen zu verschaffen gewusst.

Obstbäume erblickt man, von der Edelkastanie abgesehen, verhältnismässig wenige. Am meisten noch Kirschbäume, die bis weit in die Maiensässe hinauf vorkommen und die einem besonders im Frühling auffallen, wenn man sie oben auf den wilden Bändern des Monte di Biasca ihren Blütenschmuck entfalten sieht.

Um Biasca und noch mehr in der untern Val Pontirone ist der Walnuss-baum verbreitet, der besonders in dieser Gegend trotz der Höhenlage recht gut fortkommt.

Weitaus vorherrschend und bestimmend für das Landschaftsbild ist die Edelkastanie. Wir erblicken sie im Talboden, aber ganz besonders an den Berg- hängen, wo sie oft grosse, zusammenhängende Bestände bildet. Diesem Baume fällt für den bäuerlichen Haushalt eine grosse Bedeutung zu, sogar heute noch, wo man gewohnt ist, alles so bequem und billig von Italien herauf zu beziehen. Früher war die Kastanie für die Existenz des Bauers so wichtig, dass es schon glaubhaft wäre, dass es anno 1478 wegen eines Kastanienwaldes zwischen den Livinern und den Mailändern zu einem Konflikte kam, wie die alten Geschichtsbücher erzählen.

Heute verkauft der Bauer die Kastanien grün vom Baum weg. Er müht sich nicht mehr damit, sie durch Dörren für den eigenen Gebrauch zu konservieren. Und wohl selten fällt es einem Privaten ein, Kastanienbäume aufzuziehen und zu veredeln. Wo das geschieht, steckt das kantonale Forstamt dahinter, das mit allerlei Mitteln die Bauern an der Aufzucht veredelter Bäume zu interessieren sucht. Und das mit Recht in Anbetracht des grossen Nutzens, den die Kastanie bringt. Vergessen wir auch nicht, wie trostlos kahl und ausgebrannt das Landschaftsbild der Riviera wäre, wenn ihm das kräftige Grün des Kastanienbaumes fehlen würde. Trotz dieser Indifferenz liebt der Bauer den « castagno », er erkennt den Nutzen des Baumes schon, aber er betrachtet ihn als selbstverständlich und meint, er komme ohne jedes Zutun seinerseits. Sogar dem Schatten des Baumes spendet er Lob, und wenn er sagt, kein andrer Baum gebe so kühlen Schatten, so mag er für den Tessin recht haben. Und wer je, wenn die Sonnenglut erbarmungslos über dem Tal zitterte, im Schatten eines Kastanienbaumes rastete, wird diesem Dank wissen. Ein hundertfältiges Summen und Surren hört man dann oft aus der Blätterkrone. Unzählige Bienen holen sich, wenn der Baum blüht, ihre Ernte. Die soll so reichlich sein, dass eine Biene von einer einzigen Blüte vollbeladen zu ihrem Stock zurückkehren kann. So erzählt der um das tessinische Forstwesen hoch verdiente, verstorbene eidgenössische Forstinspektor F. Merz in seiner Broschüre « Die Edelkastanie », der ich hier viele Angaben entnommen habe.

Man kennt in Biasca folgende Arten Kastanien: Die « Settembrine », die Ende September reifen, gut sind, aber nicht lang halten. Die « Vardanès », die als die grössten und haltbarsten Früchte bekannt sind. Die « Bonirei », kleine und gute Früchte, sind sehr selten. Ebenso sind die « Maron », die sehr gute, grosse Art, recht selten. In den Bergen wachsen überall wilde, ungepfropfte Bäume, die nur kleine, wenig geschätzte Früchte hervorbringen.

Die Frucht wird, wie sie vom Baume kommt, gekocht ( a lesso, « far la farü » ) oder der Minestra beigemengt ( castanie in umido con lardo ) und bildet derart beliebte Gerichte. Am offenen Feuer gebraten ( « in brasch » oder « mondei » ), wird die Kastanie hauptsächlich abends viel genossen, und wenn dann dazu der Wein nicht fehlt, ist das ein schmackhaftes Essen, das auch wir Deutschschweizer zu schätzen wissen.

Ein grosser Teil der Früchte wird zur Viehfütterung verwendet, wozu sie sich sehr gut eignen; besonders zur Mast. Ziege und Schwein lieben die Kastanie als Futter sehr.

Früher, als man die Kastanien noch dörrte ( siehe Seite 172 ), gab es noch andere Gerichte, die heute fast mehr bei uns üblich sind. Die gedörrten Kastanien wurden auch zu Mehl vermählen, das, dem Getreidemehl beigemengt, sehr schmackhaftes Brot ergab. Es hatte letzteres den Vorteil, dass es sich sehr lang frisch hielt, was man zu den Zeiten, wo man noch nicht alle Tage backte, als grossen Vorteil zu schätzen wusste.

Die Kastanie gedeiht im Talboden und bis weit hinauf, bis auf 1100 m. Selbst auf den schwindelnden Gesimsen des Monte di Biasca, an oft unglaublichen Stellen entdeckt man den Baum. Die hätten die Tannenhäher gepflanzt, erklärte mir ein Pontironese. Es mag das möglich sein, indem diese Vögel mit Vorliebe versteckte Vorräte anlegen und sie gelegentlich vergessen, wodurch dann ungewollt Samen zu derartigen Bäumen gelegt werden. Neben diesen Wildlingen gibt es aber noch eine ungeheure Zahl anderer solcher, die ihr Dasein Zufälligkeiten verdanken. Veredelte Bäume sieht man am Berge weniger als in der Talebene. Stürme, Steinschlag und der Zahn der Ziegen beeinträchtigen am Berge zu allem noch die Entwicklung, so dass man selten wohlausgebildete Exemplare antrifft. Dagegen solche von bizarrster Form, völlig ausgehöhlte Stämme, so dass es einem rätselhaft ist, wie der Baum dergestalt überhaupt noch leben kann. Und doch sind diese uralten Bäume oft wertvoller als die Jüngern, sie tragen bessere Früchte, indem sie noch unter der sorglichen Obhut der « vece » gross geworden und veredelt worden sind.

Aller Ungunst zum Trotz sieht man viele Kastanienbäume hoch oben an sonnendurchglühten Berghängen ihr Blätterdach ausbreiten, an Stellen, wo weit und breit kein Bächlein rinnt und die Regengüsse scheinbar wirkungslos auf den felsigen Grund fallen. Wie tief müssen da die Bäume wurzeln, bis sie an dem Grund der Felsspalten die nötige Feuchtigkeit aufnehmen können? Denn die Kastanie ist ein Baum, der eines erheblichen Quantums Feuchtigkeit zum Fortkommen bedarf, so unglaublich einem diese Tatsache bei oberflächlicher Betrachtung auch erscheinen mag.

Auch Nutzholz liefert der Kastanienbaum in reicher Menge. Er vertritt hierin die Eiche, deren Holz dem seinen täuschend ähnlich ist. Nur wächst der Kastanienbaum in der Gegend von Biasca ausserordentlich knorrig und astreich. Dafür ist das Holz äusserst dauerhaft. Als Balken, Bohlen und Bretter erblickt man das Kastanienholz viel, und früher gehörten die aus ihm erstellten Telegraphenstangen, von denen keine einzige gerade war, zur Eigenart der Tessiner Landstrasse. Solche Leitungsstangen erwiesen sich aber als aussergewöhnlich dauerhaft, viel dauerhafter als die aus andern Holzarten. Merz sagt in seiner zitierten Monographie, dass Leitungsstangen aus Kastanienholz oft ein Dienst-alter von 40 Jahren und darüber erreichten. So sollen die 1863 das Misox hinauf erstellten Leitungsstangen, die einem durch ihre krumme Form sofort auffallen, noch kerngesund sein, während imprägnierte Tannenholzstangen es im Tessin nicht über 18 Jahre bringen.

Den Brennholzbedarf deckt der Kastanienbaum bis zur Hälfte. Am Kaminfeuer benimmt sich sein Holz zwar gelegentlich ungebärdig, es knallt und wirft gern Funken, was man nicht schätzt. Lieber noch hört man es zischen und pfeifen, denn dann kommt nach dem Volksglauben bald angenehmer Besuch ins Haus.

Nicht nur dies, sondern der Kastanienbaum liefert mit seinem Laub noch eine vortreffliche Streue, die hier der Bauer unmöglich missen könnte.

Und nicht vergessen sei es dem Kastanienbaume, dass er uns zur Kriegszeit den für die Lederindustrie unentbehrlichen Gerbstoff lieferte, als wir aus dem Ausland ( woher ja bekanntlich alles besser ist ) keinen solchen mehr beziehen konnten.

Jahrbuch des Schweizer Alpenclub. 57. Jahrg.. „ Rütimeyer erzählt in seinem so knappen, aber ebenso vorzüglichen Itinerar der Tessiner Alpen, dass sich die Kastanienbäume von Biasca meist in dem Besitze der Leventiner befänden, während Grund und Boden den Biaskesen gehöre. Das erscheint dem, der mit den Eigentümlichkeiten der Besitzverhältnisse in den Tessintälern nicht vertraut ist, recht sonderbar. Es bestehen dergleichen Verhältnisse heute noch genug, nur sind sie für die Biaskesen viel bessere geworden. Die Kastanienbäume, die auf Biaskeser Boden stehen, gehören heute alle den Biaskesen, und selbst weit unten in der guten Lage von Claro nennen diese viele Kastanienbäume ihr eigen. Doch steht in Biasca wie anderswo noch gar mancher Baum, der einem Privaten gehört, auf Allmendboden, mitunter auch, aber viel seltener in Biasca als in der Val Pontirone oben, auch auf anderem Privatland. Man würde meinen, dass derart verwickelte Eigentumsverhältnisse zu langen Prozessen führen würden, der Tessin ist ja durch die Schriften eines Bonstetten und Osenbrüggen, und die waren ja lange Jahre fast die einzigen, zu einem Prozess-land par excellence gestempelt worden. Doch trifft dieses strenge Urteil wenigstens bei Biasca nicht zu, und von Prozessen wie z.B. jener zwischen Airolo und Fusio um die Alp Campo la Torba, der schon ein Jahrhundert dauern soll, weiss man hier gottlob nichts.

Die Forstleute wenden heute dem Anbau des Kastanienbaumes ihre besondere Sorgfalt zu. Immer noch ist ein « Kriegsdekret » in Kraft, welches das Schlagen der Kastanie von einer forstamtlichen Bewilligung abhängig macht.

Im Talboden stösst man ziemlich viel auf den Maulbeerbaum ( il gelso ), der aus den Zeiten stammt, als hier die Seidenkultur noch im Gange war. Ebell bemerkt in seiner « Anleitung, die Schweiz zu bereisen », dass die Maulbeerbäume bei Biasca sehr gut fortkämen und dass die dort gewonnene Seide sehr geschätzt sei. Es ist fraglich, ob die Angabe bezüglich der Seide je stimmte. Auf heute trifft sie gar nicht mehr zu. Die Blätter der Maulbeerbäume werden zum Teil verschickt, zum Teil direkt dem Vieh verfüttert. Der Ertrag ist demnach nicht gerade lohnend zu nennen.

Im Frühsommer, wenn das Heu des ersten Schnittes, das « Maggengo », unter Dach ist, beginnt die Wanderung zur Maiensässe, « sul munt », wie man hier sagt. Munt, mundartlicher Ausdruck für Monte, heisst also Berg, mit welch letzterem Namen man auch in Uri drüben die Maiensässen zu benennen pflegt. Auf diesen verbringt die Bauernfamilie einen grossen Teil des Jahres. Seit Jahrhunderten zieht sie im Sommer regelmässig zu demselben Bergmättelein empor, ohne Aufsehen und bescheiden, und so verhält es sich auch mit der Alpfahrt. Da gibt es keine mit einem Melkstuhl geschmückte Kuh und jodelnde Sennen im Nationalkostüm. Land und Leute sind zu herb und zu hart für solche artigen Sachen.

Wenn wir die zähen wackeren Tessiner Frauen sehen, wie sie mit ihrem Trüpplein Vieh und schwer bepackt die schwindelnden Pfade zur Maiensässe oder Alp emporsteigen, so wissen wir nicht, sollen wir sie bewundern oder bemitleiden. Denn rauh ist das Leben am Berg oben, viel zu rauh für eine Frau, die gewöhnlich ein Schärlein Kinder um sich hat, das meist grosser ist als die Zahl der Kühlein, die sie ihr eigen nennt.

Am vordem Monte di Biasca sei keine einzige Maiensässe, auf der ein Mann wirtschafte, erzählte mir ein Biaskese, dessen Frau ebenfalls am Berg oben waltete. Er, der Gemahl, wohnt indessen im Flecken, wo er bei der Bahn angestellt ist.

Die Jüngern Kinder ziehen mit der Frau auf die Maiensässe, die altern bleiben beim Vater und gehen in die Schule. Bei dem patriarchalischen Familienleben des Tessiners ist dann stets noch eine Grossmutter oder Tante zur Hand, die bei den Kindern, die im Tal unten bleiben, Mutterstelle versieht. Und im übrigen sind die Kinder « in der Freiheit dressiert », ganz anders als bei uns. Ohne dass viel nach ihnen gesehen wird, wachsen sie herrlich heran. Wenn die Ferien da sind, und sie sind hier gottlob noch recht lang, dann wandern die Bauernkinder gern zur Maiensässe oder Alp hinauf zur Mutter, wo sie sich einer noch ungebundenem Freiheit erfreuen als im Tal.

So ruht denn auf der Tessiner Bauernfrau eine schwere Arbeitslast, ein Schicksal, das sie mit allen Geschlechtsgenossinnen der südlichen Alpentäler trägt. Schon vor mehr als hundert Jahren ist das dem Berner Patrizier K. V. von Bonstetten aufgefallen und er schreibt: « Ich und einige meiner Gefährten auf meiner dreyj ährigen Reise in der italienischen Schweiz, erinnern sich nicht, ein einziges Mal einen Mann gesehen zu haben, der auf dem Lande arbeitet. » Gar so schlimm mag es auch damals nicht gewesen sein, denn Bonstetten war ein notorischer Schwarzseher. Heute sind die Verhältnisse entschieden besser, wenn auch immer noch nicht so, wie sie die arbeitsame Tessiner Frau im Gebirge verdienen dürfte. Bonstetten stellt die Männer als Nichtstuer hin, die sich die Zeit mit Herumlungern totschlagen. Dieses Urteil ist oberflächlich und falsch. Die Arbeiten der Burratori ( siehe Anhang im Jahrbuch 58 ) legen beispielsweise ein deutliches Zeugnis von der Tätigkeit und dem Fleisse der Männer der Val Pontirone ab. Die eigentlichen Biaskesen werden zu Bonstettens Zeiten wohl vielfach mit der Säumerei ihren Unterhalt verdient haben. Aber die Säumerei beschäftigte nur eine beschränkte Zahl der Männer, so dass noch genug frei blieben für die landwirtschaftlichen Betriebe. Ganz anders ist es heute geworden, wo die Zahl der aus den alteingesessenen Familien stammenden Männer bei weitem nicht für das vom Verkehr benötigte Personal ausreichen würde.

Betrachten wir das Leben auf einer Maiensässe. Nach dem soeben Gesagten ist es verständlich, dass die Hausfrau die erste ist, welche sich am Morgen vom Lager erhebt. Um sich für das kommende harte Tagewerk zu stärken, begibt sie sich zu allererst an den Herd, facht sich geschickt ein Feuerlein an und braut sich einen schwarzen Kaffee. Also auch hier ist der Kaffee der Trost der Frauenseele. Nur schüttet die Tessinerin keinen Schnaps nach, wie das bei uns drüben, an der Wiege der Freiheit, vielfach vorkommt. Statt Schnaps gelangt ein Stück gute Butter in den heissen Kaffee. Dieser « cafe-büter » ist also ihre Herzensstärkung. Nachdem dann im Stall die erste Arbeit erledigt und auch die « canaglia », so nennt man etwa, aber nicht gerade schmeichelhaft, die Kinderschar, mobil geworden ist, folgt so um 8 Uhr herum das Frühstück ( « la colaziun » ). Polenta ( Maisbrei ) und Cafelat sind das Gewöhnliche. Man sitzt aber nicht zu Tisch wie bei uns, denn einen solchen gibt es auf der Maiensässe selten, er wird sogar im Tal unten beim Bauer nicht immer zu sehen sein. Statt um den Tisch, sitzt man ums Feuer, bei mildem, gutem Wetter aber auch auf die Türschwelle, vors Haus oder ganz ins Freie, wie das einem am besten passt. So ist es bei allen Mahlzeiten.

Hat man einen strengen oder kalten Tag vor sich, dann wird « pomm rostii»29 ) bereitet, eine Art Erdäpfelflade, die aber nur in der Val Pontirone und Leventina üblich ist. Mit dieser Speise im Leibe kann man es ruhig Abend werden lassen, ohne Plunger zu bekommen. Für Gewöhnlichsterbliche würde das Gericht fast unverdaulich sein. Aber ein « Puntirun » Holzer und Wildheuer verdaut merklich anders als Städter. Für den Durst gibt es Milch und, wenn man draussen ist, Wasser oder wilde Beeren. Schnaps ( « grappa » ) nimmt auch der Mann höchst selten mit. Als Getränk dient der Schnaps überhaupt nicht, sondern etwa als « medicina ».

Für gewöhnlich wird die Hauptmahlzeit am Mittag eingenommen, und es besteht dieselbe ( « el disnà » ) meist aus « pasta rostita », das sind Teigwaren, die erst gesotten und dann in Butter unter reichlicher Zugabe von Käse gebacken werden. Auch gesottene Erdäpfel mit Zieger und Käse, Wurstwaren und gedörrte Schinken sind beliebt.

So zwischen 6 und 7 Uhr setzt man sich zum Nachtessen ( « la cena » ). Nun gibt es Milchkaffee und Minestra.

Die Leute am Monte di Biasca und in der Val Pontirone leben ähnlich. Niemand muss bei ihnen hungern, obwohl die Tessiner Bauersleute unsere: « z'Nüni », « z'Obig » und « z'Füfi », die sogar während der berühmten Hungersnot 1917/18 weiter existierten, nicht kennen. Und trotzdem lebt man hier froh und munter bis ins hohe Alter, trägt ungeheure Lasten bei Frost und Hitze, hat Zähne wie ein Raubtier und freut sich des Kindersegens.

Im allgemeinen lebt der Tessiner Bergler, wenn auch einfach, eher besser als sein nördlicher Nachbar, der mit verschiedenen Gerichten auf der welschen Seite Anleihen gemacht hat. Das ist insofern schon begreiflich, als der Welsche ein geborener Feinschmecker ist. Dafür ist er in alkoholischen Genüssen massig, und von der Schnaps-Kaffee-Pest weiss man im Tessin nichts. Vielleicht ist es gerade letzterem Umstand zuzuschreiben, dass man dort besser leben kann, denn die Ausgaben für Schnaps, Kaffee und Zucker belasten das Haushaltungsbudget manches Bauern der Innerschweiz in so hohem Masse, dass dann an den Nahrungsmitteln gespart werden muss. Was isst z.B. der Bauer im Schächental für einen Käs! Zu hinterst in der Val Verzasca würde man sich von einem solchen Sohlleder abwenden und ebenso von der fuseldampfenden Zichorienbrühe, welche die normale Zugabe bildet.

Entsprechend den einfachen Speisen sind die Küchengeräte. Ihre Zahl ist gering. Zwei, drei Kessel, eine Pfanne, eine Kelle und einige grosse Kaffee-beckli und Löffel entdeckt man neben dem Herd an der Wand, das ist alles. Von ihrem Kupfergeschirr hat sich die Bauernfrau auch nicht getrennt, als während des Weltkrieges die semitischen Sendlinge Germaniens im ganzen Kanton herumweibelten, um Kupfer aufzukaufen.

Wie unten « nel piang » ( nel piano = in der Talebene ) die Feuerstelle den Mittelpunkt der Wohnung bildet, so ist es auch da oben auf der Maiensässe. An einer Wand, mit Vorliebe aber in einer Ecke, seitlich mit einem Mäuerchen begrenzt, befindet sich « el fögh » ( il fuoco, d. i. der Herd ). Gneisplatten sichern die etwa darunterliegenden Balken vor dem Anbrennen. Von einem pechglänzenden Balken hängt eine grobgliedrige Kette herab. An diese hängt die Hausfrau Topf und Kessel. Auch die Pfannen sind oft zum Hängen eingerichtet. Selten wird ein Dreifuss benützt, erfüllen doch einige zusammengestellte Steine denselben Zweck.

Herrscht schlechtes Wetter oder sind die Tage kürzer und kalt geworden, so sitzt man auf der Maiensässe nach getaner Tagesarbeit gern noch etwas ums Feuer. Es ersetzt Ofen, Tisch und Lampe. Im Halbdunkel, vom roten Scheine der glühenden Scheiter bestrahlt, sitzt jung und alt um das wärmespendende Element. Und da hört man etwa jene alten Geschichten aus fernen, weit abliegenden, alten Zeiten, von denen man dem « Stranier » versichert, sie seien selbstverständlich nicht wahr, und nur die Alten hätten an sie geglaubt. Jene Alten, « i vece », welche als kühne Burratori der Val Pontirone weit im Land herum einen guten Klang gaben. Das waren auch jene « vece », die in kirchlicher Pietät die vielen Kapellen und Kirchlein stifteten, die heute, über gute, alte Zeiten klagend, an Wegen und Strassen stehen und von den « birichini » so eifrig demoliert werden. Nun diese « vece » gefallen mir samt ihren Geistergeschichten, und letztere beeinträchtigen die Poesie des Kaminfeuers ja nicht, sie gehören fast dazu.

In vielen Redensarten des Tessiners widerspiegelt sich die Heimeligkeit des knisternden Herdfeuers. « Un fögh fa già un pò allegria » bemerkte mir einst ein alter Jäger, als wir nächtlicherweise in einer frostigen Hütte Unterkunft nahmen. Mit einer Geschicklichkeit, die mich in Staunen versetzte, entfachte der Alte rasch ein Feuerlein, und zwar ein solches, das anhielt und nicht erlosch. Darin sind die Tessiner Bergler Meister. Selbst Buben und Meitschi schütteln den Kopf, wenn so ein « Tedesch » anfeuern will, das verstehen sie besser. Auf das Feuerlein kommt Scheit auf Scheit, meist vier, das ist das Richtige; sagt man doch:

« Uno non fa fuoco, Due fanno poco, Tre fan'fuocarello, Quattro fan'fuoco bello. » An kalten Tagen, und sie sind auf den Maiensässen im Spätherbst zahlreich genug, erlischt das Herdfeuer nie. Gerade warm wird es darob in dem zugigen Raum, wo der Rauch sich meist den Ausgang zwischen Mauer und Dach suchen muss, selbstverständlich nicht, und der « winterharte » Deutschschweizer hat schon oft darüber geklagt, dass er am Kaminfeuer vorn brate und hinten friere, während der Tessiner lobend seine Hände am Feuer wärmt. So merkwürdig es klingen mag, unsere südlichen Nachbarn sind gegen die Kälte oft abgehärteter als wir an Kachelöfen und Zentralheizungen gewohnte Menschen am Nordfusse der Alpen.

Das Beisammensitzen am Kaminfeuer hat seinen eigenartigen Reiz, und wenn sich der Deutschschweizer der heimeligen Abende seiner Jugend erinnert, wo er im Dämmerlichte auf der « Kunst » gruselige Gespenstergeschichten anhörte, so sind dem Tessiner dafür seine Erinnerungen an das Kaminfeuer teuer. Und wer könnte es je vergessen, einmal bei « ving nöf e castein rostii » am prasselnden Kaminfeuer gesessen zu sein, wenn der Herbst ins Land zieht.

Ausser dem Kaminfeuer birgt das Tessiner Bauernhaus wenig Behaglichkeit. Alles deutet auf eine unglaubliche Anspruchslosigkeit. So verhält es sich nicht nur mit den Maiensässhütten, sondern auch unten im Tal ist die beständige Behausung nicht viel besser, und dementsprechend sind auch die Alphütten hier noch viel primitiver als bei uns drüben.

Diese Anspruchslosigkeit im Wohnen ist italienisch. Dem Haus kommt hier im allgemeinen weniger Wert zu als auf der Nordseite der Alpen, weil das Klima weniger rauh ist ( im Tale wenigstens ). Aber wo letzteres, wie beispielsweise in der Val Bedretto, oberen Leventina und Mesolcina, nicht zutrifft, gibt es auch gemütliche Stuben und heimelige Giltsteinöfen wie bei uns drüben.

Man darf sagen, dass bei uns viele Alphütten bedeutend wohnlicher sind als im Tessin die Maiensässhütten, in denen doch der Bauer etwa ein Drittel des Jahres verbringt. Schon in Uri drüben ticktackt auf so manchem Bergli ein gemütliches steinaltes « Zyt » an der Wand. Ein schieferblattbelegter Tisch lockt zum Jass sogar vom wannen Giltsteinofen weg, wo « derÄhni und d'Ähnimutter » ihre Namen eingraben liessen, als sie seinerzeit auf dem Bergli das Haus hatten neu aufbauen lassen. Und vorn leuchtet durch eine Flucht von niedern, aber vielen Fenstern das Abendrot tief in die dunkle Stube hinein. Das alles gibt es nicht im Tessin, und was würde ein guter Pontironese zu diesem Luxus sagen. Nicht einmal im Talboden unten gönnt er sich eine solche ( ( komfortable » Behausung.

Wer sich die Bergbehausungen unserer Gegend vorstellen will, der muss sich in die Zeiten zurückversetzen, da die Erfindungen der Glasfenster und der Seife noch nicht Allgemeingut geworden waren. Also etwa in die Zeit der Vertreibung der Vögte, als unsere Eidgenossen viel stolzer und rabautziger waren als heute, und wo man schnell vom Leder zog, wenn man als « Schweizerkuh » angeredet wurde. Die Zeiten haben sich geändert, unser löblicher Bundesrat hat ja, es ist noch nicht so lang her, einen ölglatten Germanen, der sich jenes Schimpf-wortes bediente, zur Einbürgerung empfohlen.

Der schon zitierte Karl Victor von Bonstetten schreibt über die Behausung der Tessiner Bauern, speziell von jenen von Gordola, die gegenüber jenen aus der Gegend von Biasca nicht sehr viel abweichen:

« Die Bewohner dieses Paradieses aber sind bleich und nur halb mit Lumpen bedeckt, kein deutsches Schweizerschwein würde in einige dieser Menschenwohnungen gehen. » Das ist dick aufgetragen. So greulich wird es selbst vor hundert Jahren nicht gewesen sein, und man kann die Schilderung Bonstettens nur verstehen, wenn man sich vorstellt, aus welchem Milieu heraus dieser Berner Junker urteilte. Zu seinem Rokokosalon zu Hause bildete der rauchgeschwärzte Wohnraum eines Tessiner Bauernhauses allerdings einen grellen Gegensatz. Und über die Anschauung von Reinlichkeit und Schweinerei gehen bisweilen die Ansichten auch auseinander. So bezeichnet der Tessiner das bei uns übliche « Bschütten » der Gartengemüse als eine « maladetta porcheria ».

Sehen wir uns einmal die Behausung des Biaskesen auf der Maiensässe näher an. Das Haus im Tale beschreibe ich nicht, weil man genug Gelegenheit zu seiner Besichtigung hat.

Die Maiensässhütten am Monte di Biasca sind ausnahmslos aus Stein gebaut. In der Val Pontirone sind sie aus Holz gezimmert, nur die neuen, die zwar bald zahlreicher sein werden, sind auch aus Stein. Oft erblickt man auch gemischte Konstruktionen, wo entweder die oberste Giebelwand oder die Seitenwände aus Holz sind. Diese Ausführung trifft man besonders bei Heugaden an.

Die Konstruktion einer solchen Steinhütte ist einfach und am Monte di Biasca fast überall dieselbe 30 ). Ebenso verhält es sich mit der Aufstellung, die Firstwand des einstöckigen Baues ist fast regelmässig dem Tale zugewendet. Im Erdgeschoss befindet sich der Stall, darüber, durch einen primitiven Knüppel-oder Bretterboden getrennt, das Wohngelass mit der Heubühne. Da die Hütten fast durchweg an steilem Hang stehen, kann man auch in diese obern Räume à niveau hineinspazieren. Der Stall ist nur für das Grossvieh da. Im Wohnraum, wo gekocht, gegessen und geschlafen wird, befindet sich das Herdfeuer ( el fögh ). Eine wackelige Bank und ein lehnloser Stuhl stehen davor, und seitlich schliesst ein Mäuerchen die Feuerstelle ab. Etwa eine Truhe erblickt man noch, schwer und ungefügig und von schmuckloser Form. Statt eines Tisches ragt etwa eine Gneisplatte aus der Wand vor, oder man benützt das Mäuerchen als solchen. Selten erblickt man einen Schrank. Etwas im Hintergrund, gross ist der Raum sowieso nicht, entdeckt man die Pritsche, « la ligera », wie man hier sagt. Ich kann mich gar nicht erinnern, auf einer Tessiner Maiensässe je ein Bett angetroffen zu haben. Auf der niedern « ligera » schlafen Männlein, Weiblein, Kind und Kegel. Wo aber Meitli und Burschen im heiratsfähigen Alter zusammenkommen, und letzteres hebt hier früh an, da gibt es noch so eine Art Damenkabine, etwa jenseits des Heustockes. Dieser nimmt gewöhnlich noch den Rest des Wohnraumes ein. Nur wer es ganz gut hat, leistet sich noch ein Heugädeli.

Die Mauern sind meist roh und ohne Mörtel aufgeführt, was bei dem ausgezeichneten Baumaterial gut möglich ist. Fenster mit Glasscheiben sind selten. Bei geschlossener Türe dient das Kaminfeuer als Beleuchtung. Über dieser ganzen bescheidenen Häuslichkeit ruht auf rauchgeschwärzten, unbehauenen Balken das aus Gneisplatten gefügte, schwere Dach. Die Balkenlage, die Dachsparren, alles ist immer genau nach derselben Art. Der Wind pfeift oft frei zwischen Dach und Mauern durch, und der Rauch findet auch ohne Kamin guten Abzug, denn nur an bessern Hütten sind solche vorhanden. Auch im Innern der Hütte sind die Wände rauh, ohne Verputz, und für unsere Auffassung ist die Behausung dadurch besonders unwohnlich, fehlt doch in der ärmlichsten Maiensässhütte der Innerschweiz selten das heimelige Holztäfer.

Die Türöffnung ins Freie schliesst oft nur ein halbhoher Gatter ( « la portea » ) oder dann eine vielfach in halber Höhe zwiegeteilte Holztüre mit Riegelschloss. So primitiv dieses aussieht, so unglaublich sicher schliesst es, und ein Einbrecher wird es eher versuchen, durch das Dach in das Hütteninnere zu gelangen als durch die Türe, wenn diese abgeschlossen ist.

Wie schon bemerkt, stösst man in der Val Pontirone noch vielfach auf hölzerne Maiensässhütten. Es stammen dieselben ausnahmslos aus früheren Zeiten, und seit etwa 100 Jahren sind kaum derartige Gebäude mehr aufgeführt worden. Die mit der Jahreszahl 1804 datierte Touvra in Santa Anna dürfte eine der letzten sein, die erstellt wurden. So äusserst bescheiden sich dieselben, an den zu ähnlichem Zwecke bestimmten Bauten der deutschen Schweiz gemessen, ausnehmen, so ermangeln sie doch nicht einer gewissen Wohnlichkeit. Überall am Talwege der Val Pontirone stösst man auf diese von Sonne und Rauch fast schwarzgebeizten Hüttchen, die der Pontironese « i touvri » ( plural von « touvra » ) nennt.

In der Touvra 31 ) befindet sich der Wohnraum zu Unterst, dort ist auch das offene Herdfeuer, man wohnt, kocht und isst in diesem Raum, der kaum mehr als 4x4 m misst; man nennt ihn « la cà » ( la casa = das Haus ). Darüber liegt « la chembra » ( la camera = die Kammer ), so zum Unterschied zur « stanza », dem Zimmer im Steinhause, bezeichnet. Meist ist aber der erste Stock in zwei Zimmer geteilt, und diese sind dann winzig klein und vom Berghange her direkt ohne Stiege erreichbar. Die « chembra » ist das Schlafzimmer. Entsprechend seiner geringen Grosse sind auch die Fenster winzig klein. Über der Kammer ist der Raum unter dem Dache noch als Heuboden ausgenützt, zu dem man vom Hange her auf einer Leiter oder Stiege, oft sogar noch ohne eine solche gelangt. Auf dem Heuboden ( « sorent » genannt ) sind die Balken nach aussen durch Luftspalten getrennt. Sonst ist alles, Wände wie Boden, sorglich und dicht gefügt, meist aus altem, steinhartem Lärchenholz. Nur an wenigen Häuschen entdeckt man eine Verzierung, und auch die ist noch bescheiden und schüchtern genug, und doch erweckt so ein Häuschen, das vor vielleicht hundert Jahren ein Borrat in seiner Mussezeit zimmerte, einen wohnlicheren Eindruck als die Steinhütte, wenn es auch dasselbe schwere Steindach trägt. Denn Schindeln ( scandri ) erblickt man hier keine, diese sind nur in der Leventina oben üblich.

Trotz ihrer Dürftigkeit sind die Maiensässdörfchen der Val Pontirone wahrscheinlich die ursprüngliche Heimat der Bauernfamilien. Wir wissen zwar heute nur noch, dass die Familie Jahr für Jahr immer auf dieselbe Maiensässe zieht, und dass z.B. die « Tinetti » alle auf Sulgone gehören, und dass ihnen daher auch der Name anhaftet, mit dem die Leute von Sulgone geneckt werden. Und so sind die « Maggini » auf Cugnasco beheimatet und werden daher mit dem Übernamen « i bascioi » ( Dohlen ) gerufen, wenn man sie gelinde ärgern will 32 ). Derartige Necknamen sind sonst wie bei uns nur von Dorf zu Dorf üblich, und V. Pel-landrini hat in seinem « Tradizioni popolari Ticinesi » eine grosse Sammellese vorgelegt. Diese Necknamen von Maiensässe zu Maiensässe in der Val Pontirone lassen mich vermuten, dass die Maiensässe einst ständige Wohnsitze waren 33 ). Darauf hin deuten übrigens noch ganz bestimmt die « campi », die stufenartigen, mit unsäglicher Mühe den steilen Hängen abgerungenen Äckerchen, die einst aber wohl nur unter grosser Sorgfalt fast alles hervorbrachten, was der Pontironese zum Leben bedurfte: Erdäpfel, Rübli, Wintergerste, Leinen, Hanf usw. Was würden wohl die fleissigen Erbauer der « campi » sagen, wenn sie diese in ihrer heutigen Bebauung sähen, wo, wenn es gut geht, noch Erdäpfel und Gras, vielfach aber auch nur Nesseln oder anderes Unkraut auf ihnen wächst. Es ist den Leuten hier wie anderswo zu beschwerlich geworden in den Bergen, und was man da oben mit Mühe hegte und pflegte, kann man im Tale mühelos kaufen. Darum ist man ins Tal gezogen, dem leichten Gelderwerb nach. Ob man dann glücklicher ist, bleibt eine offene Frage. So haben sich die Maiensässdörfchen der Val Pontirone entvölkert. « Valle » ( Pontirone des topographischen Atlas ), der Hauptort des Tales, ist im Winter fast ganz verlassen. Auf den Maiensässen haust den Winter durch etwa noch ein einsamer, steinalter Mann, und sogar das sonnige Santa Anna ist dann fast wie ausgestorben. Alles zieht nach Biasca hinab.

Heute beschränkt sich die oft oder meist von Frauen geführte Wirtschaft der Maiensässe auf die Viehhaltung in bescheidenster Form. Der Milchertrag reicht wenig über den Eigenbedarf hinaus und wird meist zu Butter und Käse verarbeitet. Daneben bringt der Erlös aus dem Verkauf von jungen Ziegen noch etwas Geld in den Haushalt.

Das wichtigste Geschäft auf der Maiensässe ist die Heuernte. Die Matten, wo man frohgemut die Sense schwingen kann, sind hierherum bald gezählt. Oft sind bei der unglaublichen Bodenzerstückelung die Grasplätze kleiner als ein Sensenzug 34 ), oder dann engen Bäume, Sträucher und Felsblöcke sie ein. Darum erblickt man im Gebirge weit mehr die Sichel ( « seghez » ) in der Hand der Bauersleute als die Sense. Mühselig knieend wird das Gras Armvoll um Armvoll geschnitten und in den Gerlo gestopft, bis dieser mit hochgetürmter Last beladen ist. An oft unzugänglich scheinenden Stellen wird so das Gras geschnitten. Auch das Laub von Birken und Pappeln wird gewonnen.

Wenn es bös steht, « un sücc » ( eine Trockne ) den Heuertrag hat knapp ausfallen lassen, verschmäht man sogar das Farrenkraut ( « bregn » ) nicht, das grün und dürr verfüttert wird und viel vorkommt. Auch zu Erika ( « bregh » ), Waldgras ( « fein de bösch » ) und Wildgras ( « beü » oder « pevu », Nardus stricta ), das hoch oben an den trockenen Hängen und auf den Felsbändern wächst, nimmt man Zuflucht.

Der Heustock soll so gross sein, dass beim Verlassen der Maiensässe im Spätherbst noch ein Monatsvorrat übrigbleibt. Darüber ist man manchmal froh im Frühling, wenn schlechtes Wetter eintritt, Schnee fällt oder wegen der Trockne nichts wachsen will.

Man sieht es den Kühlein an, dass sie ans Darben gewöhnt sind. Gleichwohl sind sie der Stolz der Familie und la bionda, la moro, la cegga, la poma, la grisa und el fogs werden liebevoll mit ihrem Namen gerufen, gut behandelt, und nur für sie ist der Stall da 35 ).

Die unruhige Schar der Geissen geniesst dieses Recht selten, denn Geissen-gädeli fehlen fast überall. So haben denn diese Tiere sich das Obdach also selber zu suchen und ebenso das Futter, und zwar beides zu jeder Jahreszeit. Man bemüht sich um die Geissen eigentlich nur dann, wenn man von ihnen unmittelbar Nutzen ziehen will, beim Melken, Verkaufe und Schlachten. Selten sieht man eine Ziegenherde unter Aufsicht, als es sei denn im Tale, wo man der Kulturen wegen die Geissen und Schafe nicht überall darf frei herumstreifen lassen. Meist vereinigen sich dann mehrere Besitzer wegen der Hut in der Weise, dass jeder abwechslungsweise so lang einen Hütbuben ( rodé ) stellt, als er Ziegen oder Schafe in der gemeinsamen Herde hat 36 ). Bei Sturm, Regen und Schneefall suchen sich die Geissen etwa einen « Sprügh » ( Felsüberhang ) als Obdach oder die wind-abgekehrte Aussenwand einer Hütte, an der der Dachvorsprung etwas deckt. Manche alte, dem Verfall geweihte Kapelle dient dann als Stall. Wenn zufällig eine Hütte offen ist, wird diese selbstverständlich auch nicht verschmäht. Vielleicht noch härter gehalten sind die « Sterli », das sind die jungen Böcke und ver-galteten Geissen, denen man oft in der abgelegensten Wildnis sich selbst überlassen begegnet. Aber gleichwohl kommen die « Chiävri » bei diesem Leben gut fort, und herrscht nicht besonders rauhes Wetter, so fühlen sie sich gewiss in den Felsen und Steilhängen des Monte di Biasca und in der Val Pontirone in einem Paradies, denn eine günstigere Gegend zur Befriedigung ihrer Kletterlust und Nascherei lässt sich kaum ausdenken. Man muss oft schon genau hinsehen, um sich gelegentlich nicht Gemsen vortäuschen zu lassen, denn auch an Stellen, wo man als Bergsteiger nur meint, seinesgleichen oder etwa einem flüchtigen Grattier zu begegnen, trifft man mitunter Geissen an, die einem gewöhnlich mit fröhlichem Meckern begrüssen. Am Monte di Biasca klettern so viel Geissen herum, dass es einem Wunder nimmt, warum der Berg nicht « Monte delle Capre » getauft worden ist, da er ja eigentlich keinen Namen hat. Aber auffälligerweise sind solche Bezeichnungen im Tessin trotz seines Geissenreichtums seltener als bei uns.

Bei diesen Verhältnissen ist es glaublich, dass Geissen und Gemsen bisweilen zusammentreffen. Die letzteren mischen sich unter die Geissen; nie will man dagegen das Umgekehrte beobachtet haben.

In den vielen Namen, mit denen die Geissen gerufen werden, widerspiegelt sich die Bedeutung, welche diesen Tieren im Haushalte der Bauernfamilie zukommt. Da gibt es: una rossa, una negra, una vaira, una nazza, nazzarossa, müscia, varoza, broscia, camossa, blüscia, parüscia usw. Doch ruft man sie wenig mit diesen Namen, sondern mit dem oft weithin hörbaren Lockruf: « Zaaa za za... » Es gibt Bauern, die bis 60 Geissen halten, eine recht grosse Zahl, wenn man bedenkt, dass der grösste Viehbesitzer der Gemeinde nicht mehr als 12 Haupt Grossvieh hat. Nach der Viehzählung im Jahre 1920 gab es in Biasca 1583 Ziegen, so dass es auf die 134 Ziegenbesitzer im Durchschnitt fast 12 Stück trifft. Früher hielt man noch mehr Geissen, vor 60 Jahren zählte man 1800 Stück und stand damit im Kanton an zweiter Stelle, denn Olivone hatte ein Ziegenheer von 3158 Stück.

Man gibt sich die letzte Zeit viel Mühe, eine gute Ziegenrasse heranzuzüchten. Die « Società per l' allevamento della razza caprina » hält sich zu diesem Zwecke wahre Prachtexemplare von Böcken der Verzaskeserrasse. So ein « Bosc », wie man hier die Geissböcke nennt, trägt einen mächtigen Hornschmuck, der dem des Steinbockes ähnlich ist. Das Fell ist pechschwarz und glänzend; es darf nicht lang und zottig sein. Eine Ziege, die derart ist, nennt man « bara ». Man legt hierauf noch besondern Wert wegen der Verwertung der Häute. Die Milchergiebigkeit der Verzaskeserziege ist gut. Zwar behaupten die Bauern, die braunen Geissen gäben mehr und bessere Milch. Beide Rassen sind behornt. Nicht selten sieht man aber etwa Tiere mit verstümmeltem Gehörn ( « a corn motsc » ). Die Eigen-tumsmerkmale werden den Geissen durch Einschnitte an den Ohren angebracht oder dann, aber seltener, in den Hörnern eingebrannt 37 ). Bei den Böcken geschieht das nicht, diese tragen dafür eine silberne Marke im Ohr, wenn sie prämiiert worden sind.

Auch Schafe werden gehalten, die gewöhnliche weisse Rasse. Im Sommer befinden sich auf der Alpe Cerino 500 Tiere und 300 am Monte di Biasca. Die zwei Hirten auf Cerino erhalten pro Tier Fr. 1.80 und haben ein mühsames Amt, da sie nicht von Hunden unterstützt werden bei ihren langen Wanderungen, die bis auf die Gletscheralp Buglione hinüber führen.

Am Monte di Biasca mit seinen vielen Bändern und Schluchten kommt es oft vor, dass Schafe sich von der Herde verlieren und verwildern. Sie werden dann scheu wie die Gemsen und werden auch wie diese gejagt, wenn man ihrer nicht habhaft werden kann.

Schweine, Hühner, Kaninchen und merkwürdigerweise selbst Gänse trifft man auf den Maiensässen an. Selbstverständlich fehlen auch Hund und Katze nicht, und von letzteren wird erzählt, dass es schon vorgekommen sei, dass eine solche ihrer Besitzerin von Biasca nach Mazzorino hinauf nachgefolgt sei, als sie entdeckt hatte, dass diese auf die Maiensässe weggezogen war.

Der Transport der Lebensmittel und anderer Bedürfnisse auf die Maiensässen und Alpen und das Herabbringen der Alpprodukte ist bei der Steilheit der Wege und der Wildheit der Gegend ein recht mühseliges und nicht gefahrloses Geschäft. Das meiste wird auf dem Rücken der Frau spediert. Nur wenige Tragtiere ( Esel ) sind in Verwendung. Man sieht es für so selbstverständlich an, wenn eine Frau unter einem schwerbepackten Tragkorb einherkeucht, dass es einem kräftigen jungen Burschen, der fast unbelastet nebenher schreitet, gar nicht einfällt, die Last zu tauschen. Ich weiss, welch bemühenden Eindruck es mir schon machte, wenn ich bei einem Alpwechsel Frauen, Mädchen sogar und steinalte Weiblein unter turmhoch bela denen Gern bergan steigen sah und daneben junge, kräftige Burschen mit einem Kinderrucksack am Rücken und irgendeinem Schiess-gewehr an der Schulter, das kaum je einem Murmeltier gefährlich wird. Das ist leider nicht allein in der Gemeinde Biasca so. In derValMalvaglia drüben beobachtete ich dasselbe auch und ebenso an andern Orten. Das sind allerdings Allgemeinheiten, Ausnahmen gibt es sehr viele, sonst gäbe es unter den Männern nicht so be-staunenswerte Lastträger. Die Traglast einer Frau ist gewöhnlich 25—30 kg, und sie braucht, um diese beispielsweise von Ponte Leggiuna bis Mazzorino zu bringen, 6—7 Stunden bei 1184 m Höhendifferenz und 6 km Weglänge, wobei unterwegs selbstverständlich da und dort noch eïwas geplaudert und gerastet wird. Doch trägt man gelegentlich auch bedeutend grössere Lasten, Frauen sogar nehmen über 60 kg auf den Rücken, und zwar auf 3 Stunden Entfernung. Und bei welcher mittäglichen Gluthitze sieht man die Leute oft auf schattenlosem, steinigem Pfade den jähen Berghang emporklimmen. Als Traggeräte dienen dabei Tragkörbe ( Hütten ), das Räf und neuerdings auch etwa der Rucksack. Ohne sie kann man sich eine Tessiner Bäuerin fast nicht denken, denn ohne eine Last am Rücken geht sie nie vom Hause weg und kehrt ohne eine solche nicht zurück.

Es sind zweierlei Tragkörbe üblich, die dichtgeflochtene Sciué, die unserer Hutte ähnlich sieht, die aber für die verschiedenen Gegenden des Tessiner Berglandes ganz bestimmte, typische Formen angenommen hat 38 ).

Der Gerlo ( la scierla ) ist mehr zum Transport von Heu, Gras, Laub, Streue, Mist und dergleichen bestimmt. Er ist viel weitbauchiger und weitgeflochtener als die Sciué. Unglaublich hoch türmen die Frauen oft den Inhalt. Man sieht den Gerlo im Tale soviel wie auf den Maiensässen und auf den Alpen. Er ersetzt das in der Urschweiz übliche Heunetz oder Heutuch, wo man ja auch höchstens nur den Graswagen, nicht aber das Heufuder kennt.

Das Räf, la gadola, in der Val Pontirone « la ghiädrä » benannt, ist viel weniger üblich. Man braucht es nur zum Tragen von Gegenständen, die man in den beiden andern Traggeräten nicht gut unterbringen kann. So sah ich einmal in der Val Malvaglia drüben eine stramme Bäuerin ihr Kind in einer Wiege, die an einem Räf festgebunden war, ins Tal hinabtragen. Ein mächtiger, roter Schirm, der ebenfalls am Räf befestigt war, schützte Mutter und Kind vor den sengenden Sonnenstrahlen.

Wer sich nicht gewohnt ist, diese Traggeräte zu benützen, wird bald ein jämmerliches Gesicht machen, wenn er auch nur eine kurze Strecke mit einem beladenen Gerlo, einer Sciué oder einer Gadola am Rücken einherwandert. Denn abscheulich schneiden die aus Weidenruten erstellten Tragriemen in die Schultern. Bei der Sciué liegt zu allem noch der Schwerpunkt der Last so unglaublich hoch, dass man wie ein Betrunkener wankt und es kaum begreifen kann, wie die Frauen auf oft sehr schlechten und schwindligen Pfaden mit diesem merkwürdigen Traggerät todsicher einhergehen.

Und mit diesen schweren Lasten auf dem Rücken sieht man die Leute gar oft barfuss ( « a pe biott » ) auf den mit scharfkantigem Granitgeröll bedeckten Wegen ihrem Ziele entgegenstreben. Man ist sich nicht klar, wie man so etwas aushalten kann. Doch trägt man auch viel die bekannten Zoccoli, von denen es zwei Arten gibt. Die hohe, gewöhnliche Form, deren zierlichere Ausführung die Tessiner Meitschi benutzen und auf ihr so stolz und siegesgewiss einhergehen. Und tanzen können sie auf ihren Zoccoli auch, so dass sie manche unserer Schönen darum beneidet, weil ihr diese Grazie trotz rhythmischer Gymnastik und Tanz-kursen nicht in die Glieder fahren will. Warum den schmucken Tessinerinnen diesen Vorzug missgönnen? Mögen sie ihre Jugend in Fröhlichkeit ausleben, das Alter ist dann hart genug, wie es uns manches gebeugte, alte Weiblein, das mit schwerem Gerlo am Wege ruht, erzählt.

Die « zocchri ferrei » ( ferrato = eisenbeschlagen ) gleichen den urnerischen Holzböden. Sie sind, wie diese, ausgehölt und mit Nägeln beschlagen 39 ).

Eine für den Tessin typische Fussbekleidung sind die « padü », d.h. Finken mit Stoffsohlen oder, wenn man will, sind es auch Kletterschuhe, denn sie dienen demselben Zweck, nicht auszugleiten. Wer je einmal in den Tessiner Bergen mit Nagelschuhen einen steilen, ausgewaschenen Felsenweg hinabgeschritten ist, wird sich erinnern, dass das just kein Vergnügen bereitet und wie man da gelegentlich ganz unversehens unsanft auf den Boden zu sitzen kommt. Davor bewahren einem die « Padü ». Sie verleihen den schwerbeladenen Leuten einen sichern Tritt. Auf nassen, grasbewachsenen Hängen und auf nassen, erdigen Pfaden verliert diese Fussbekleidung ihre Vorzüge, und darum hat sich ihre Verbreitung bei uns auf den sonnigen Tessin beschränkt.

Wenn die Bekleidung der Leute aus der Val Pontirone je etwas Eigenartiges besessen hat, das sie von den Nachbarn abhob, so ist das ganz verloren gegangen. Es besteht mit heute kein seit alters hergebrachter Unterschied mehr. Höchstens fällt es einem auf, und zwar nicht angenehm, dass in der Val Pontirone Leute in abgelegten Uniformstücken der Eisenbahner herumlaufen. Man kann es also im Zauber der Bergeinsamkeit erleben, dass ein Hüterbub auftaucht, der die « Tunica » eines Kondukteurs trägt, an der versilberte Knöpfe glänzen. Biasca, an einem der grössten Verkehrswege unseres Landes gelegen, war wohl von jeher nicht ein Boden, auf dem sich alte Eigenart in Kleidung und Behausung lang zu erhalten vermochte. Selbst bei den Frauen, die am Althergebrachten am zähesten halten, hat sich die Tracht ganz nivelliert. Die weisse, schmucke Haube, « la scuffia », ist seit Jahren aus Biasca, wo man sie « baretta » nannte, und aus der Val Pontirone verschwunden. Ich sah sie einst noch viel, als ich in meiner Jugendzeit in jenem Tal herumstreifte. Aber es waren schon damals alle Anzeichen ihres Aussterbens da. Nur alte, verhutzelte Weibchen trugen sie. Wie hübsch wären sie den Jungen gestanden. Ich habe zu Hause ein Bildchen, das eine Calanchina in der alten Tracht zeigt, und zu der gehört auch die Haube, die sehr schmuck kleidet. Heute erblickt man bei Regenwetter etwa Frauen, welche Teerhüte der S. B. B. Streckenarbeiter tragen. Das mag praktisch sein, schön ist es sicher nicht. Anders in der Val Malvaglia drüben, da tragen die Frauen die Scuffia heute noch und wie sauber und mit peinlich exakt gebügelten Fältchen. In der Gemeinde Malvaglia steht eben der Bauernstand trotz allem noch auf einer höhern Stufe als in Biasca, und dieser ist heute noch die Hauptverdienstquelle und noch nicht zu einer Nebenbeschäftigung herabgesunken, um etwa so betrieben zu werden wie bei uns auf dem Lande die Hühnerzucht, die der Frau überlassen wird. Gewiss mangelt es in der Val Malvaglia wie in der ganzen Val Blenio herum auf den Alpen an kräftigen, jungen Männern, aber so wie in der Val Pontirone sieht es noch lange nicht aus, von der Val d' Osogna gar nicht zu sprechen. Der Übelstand, dass die Leute dieser Gegend eine allzu grosse Auswanderungssucht zeigen, ist schon alt. Schon im Lexikon Leu ist darüber zu lesen. Die Männer scheinen aber in jenen Zeiten nicht das ganze Jahr von Hause fort gewesen zu sein. Zur strengen Zeit kehrten sie in ihr Tal zurück und halfen ihren geplagten Frauen beim Heuen und beim Alpauftrieb. Das Lexikon Leu bemerkt über die Val Blenio: « die Güter werden von den Weibspersonen gebaut, die Männer aber gehen den Sommer durch in fremde Länder, sonderheitlich hin und wieder in Italien, so dass man in eint und anderm Dorf bald keine erwachsene Manns Person, als den Pfarrer und Sigrist antrifft; und ergwinnen innert solcher Zeit mit Kochen, Giocolata arbeiten, Kestenbraten, Säckträgen etc. ein ziemlich Gelt, welches sie dann gegen dem Winter nach Haus bringen. » In der Val Pontirone herrschten damals ganz ähnliche Verhältnisse 40 ). Die Männer zogen als Burratori aus und arbeiteten weit weg vom heimischen Herd in für die damalige Zeit fern zu nennenden Gegenden. Das aber wohl nur zu gewissen Zeiten des Jahres. Noch lange nicht alle Burschen brachten es zum Burratore. Dazu musste einer schon ein fixer Geselle sein. Viele blieben im Tal zurück. Die Darstellung im Leuschen Lexikon ist in dieser Hinsicht irreführend, die Burschen, welche auf den Maiensässen und Alpen tätig waren, die sah man allerdings um die betreffende Zeit nicht im Tale, wo dann die leichtere Arbeit von den Frauen besorgt wurde. Heute fehlen diese jungen Leute, leichter Verdienst im Tale, Industrie, Bahn und überseeische Auswanderung halten sie dauernd von der Landwirtschaft fern.

J. G. Ebell, der 1810 in seinem Reisehandbuch schrieb, man rede in den obersten Tessintälern eine schwer verständliche Sprache, die mit dem Italienischen nichts gemein habe, stand mit seiner Auffassung wohl nicht allein. Heute noch wird ein Fremder bei oberflächlicher Beobachtung zu diesem Eindruck kommen. Tatsache ist, dass auch derjenige, welcher die italienische Schriftsprache beherrscht, aus einem Gespräch, das die Einheimischen untereinander führen, anfänglich fast gar nichts verstehen kann. Anders verhält es sich, wenn sich die Einheimischen mit einem Fremdsprachigen verständigen wollen. Dann bemühen sie sich in ihrer angeborenen Freundlichkeit sofort zu ihrer Schriftsprache, die sie besser beherrschen als wir die unsrige.

In Biasca hört man meist die allgemeine Tessiner Mundart, denn die Zahl der aus andern Gemeinden des Kantons und aus Italien zugewanderten Einwohner ist gross. Dieser Umstand und der Verkehr haben die ursprüngliche Biaskeser Mundart abgeschliffen und den neuen Verhältnissen angepasst. Trotzdem besitzt dieselbe noch Eigenart, wenn auch nicht in dem Masse wie jene der Leute aus der Val Pontirone.

Auch alte schweizerdeutsche Ausdrücke haben sich in diesen beiden Mundarten erhalten und erinnern an den früher wohl viel innigeren Kontakt mit den Urkantonen. Solche zum Teil schon an anderer Stelle erwähnten Ausdrücke sind: « Zwich » « Zwick » = vergaltete Kuh, « Fogs»«Fuchs » = Kuh oder Pferd mit braunrotem Fell, Gotthard End.

« Cegga»«Schägg » = gefleckte Kuh, « Scilligh»«Schilling » = altes Geldstück, « Biozar»«Blutzger » = altes Geldstück, « Bronn»«Brunnen » = Springquell, « Nar»«Narr » und närrisch, « Sniz»«Schnitz » = gedörrte Birnenschnitze, « Tuner»«Thuner » = Handbub auf der Alp, ( « fa el tuner » den Handbub machen ), « lobbia»«Laube ».

Andere Ausdrücke haben grosse Ähnlichkeit mit dem Romanischen oder sind diesem gleich:

« Perse»Schwein, « Tiarm » ( oder « tiarn » ) Arve, « Froda»Sturzbach, « Giop»Alpenrosenstaude, « vidrecc»Gletscher.

Gewisse Ausdrücke scheinen sprachverwandt mit unsern schweizerdeutschen Gebirgsmundarten:

« Ganna»Gand = Geröllhalde, « Dros»«Drosstude » = Erlenstauden, « Cazzora»Gätzi = Schöpflöffel für Milch, « Ghiäscia»Käsen, « biott»«blut » = nackt, « seghez»«Segesse » = Sense ( gilt aber für Sichel ), « Grebel»«Grebel » = roher Mensch, « Madei»Mahd ( anda in Madei = ins Wildheu gehen ), « Runscia»Runse ( gilt als Kanal ).

Diese Beispiele sind hier nur ihrer Merkwürdigkeit wegen berührt worden. Wer sich mit ihnen näher befassen will, sei auf die Publikationen des verdienten Romanisten Dr. Carlo Salvioni verwiesen.

Diese Monographie kann die Eigentümlichkeiten der Mundart nur streifen, und sie verzichtet darauf, die Aussprache nach wissenschaftlichen Regeln zum Ausdruck bringen zu wollen. Es wird letzteres überhaupt sehr schwierig, vielleicht sogar unmöglich sein, denn die Nuancen und der Tonfall werden sich kaum durch Buchstaben wiedergeben lassen.

Die Sprache der Leute aus der Val Pontirone ist auffallend weich und gleitend und steht somit in einem seltsamen Kontrast zu dem wilden Tal, in dem sie gesprochen wird. Wohl am reinsten hat sie sich bei den Frauen bewahrt, weil diese nicht in die Welt hinaus und mit Ortsfremden wenig in Berührung kommen. Vielleicht wurde im Flecken Biasca früher die gleiche oder eine ganz ähnliche Mundart gesprochen wie in der Val Pontirone oben, denn eine Beeinflussung der letzteren durch die Val Blenio scheint nicht wahrscheinlich zu sein.

Die Bauernfamilie führt in der Val Pontirone und am Monte di Biasca ein Nomadenleben. So mindestens sechsmal im Jahr ändert sie den Wohnort. Sie zieht zur Maiensässe, und auf dieser wechselt sie sogar. Grosser ist der Wechsel, wenn sie zur Alp zieht, wo man auch nicht lang an ein und derselben Stelle ver- Biasca und Val Pontirone.

harrt. Besser als eine weitschweifende Beschreibung erläutert die zeichnerische Darstellung eines Beispiels darüber, wie herumgezogen wird ( siehe Anhang ).

Die Alpen sind mit ganz geringer Ausnahme fast alle Allmendbesitz. Laut dem « Gli Alpi nel Cantone Ticino » vom Jahre 1911 stellen die Alpen des Patriziates Biasca folgende Werte dar:

Wert Totale Fläche Produktive Weide Wald Grossvieh Ziegen, Schafe, Schweine Sciengio Cava

50,000 30,000 12,000 20,000 40,000 4,000 40,000 ha 500 350 150 230 350 180 350 ha 250 200 100 115 200 90 140 Im 16 10 25 20 20 m. Fontajo m. Stabiello 80 96 14 74 59 56 378 424 73 390 347 350 370 Biasagno... Giumella... Albeglia Cerino.

Carigiolo.... Total 196,000 2110 1095 91 379 2332 Etwa 300 Familien nutzen das Erträgnis dieser Alpen. Weitere 160 Haushaltungen der « patrizi » befinden sich ausserhalb der Gemeinde und beziehen folglich nichts. Die 460 Familien des Patriziates Biasca entstammen folgenden Geschlechtern: Caprara 12, Caprioli 7, Carletti 1, Casoli 4, Ciardi 1, Delmuè 31, Delrè 3, Fogliani 19, Fovini 22, Ganna 1, Gianola 6, Gianora 1, Guidotti 7, Jaco-melli 1, Magginetti 10, Maggini 25, Maiocchi 2, Monighetti 17, Papa 26, Pellanda 9, Pini 6, Ré 13, Rivera 20, Rodoni 69, Rossetti 39, Rossi 18, Scesco 3, Sciarioni 12, Sprugasci 2, Strozzi 19, Tatti 5, Tinetti 12, Totti 4, Vanina 17, Vanza 9, Vanzetta 5. Vorläufig bleibt es bei diesen Familien, denn neue dürfen keine in das Patriziat aufgenommen werden. Auch ist es nicht gestattet, dass ein Patrizio seine Rechte verkaufen kann; er muss diese selbst ausnützen.

Alle 40 Jahre werden den Familien die Alpen durch Auslosung zugewiesen. So alpnen gegenwärtig auf:

Alpe Albeglia: Carletti, Caprara, Delmuè 2, Fovini ( 2 ), Pini, Rodoni 5, Rivera 3, Ré 2, Vanina 2, Fovini. Die Alp ist belegt mit 66 Kühen und 15 Kälbern; Alpe Biasagno: Papa 1, Rodoni 2, Ré ( 12 Kühe und 4 Kälber ); Alpe Carigiolo: Strozzi4, Guidotti,Rossetti5,Tatti,Monighetti2,Delmuè, Rivera ( 56 Kühe und 6 Kälber ); Alpe della Cava: Rodoni 2, Fogliani 2, Caprara 1, Delmuè 3, Maggini 3, Totti 2, Maiocchi 1, Vanina 1, Fovini 1, Papa 1, Monighetti 1, Rossi 1, Strozzi ( 82 Kühe und 9 Kälber ); Alpe di Giumella: Gianola 3, Fogliani 1, Papa 2, Magginetti 1, Rodoni 2, Strozzi 2, Caprara 1, Rossi 1, Ré l ( 42 Kühe und 5 Kälber ); Alpe di Sciengio: Rossi 3, Caprioli l, Papa 2, Ré 2, Caprara 3, Strozzi 2, Magginetti 1, Rodoni 6, Maggini 4, Vanina, Vanzetta 2, Vanza 2, Fovini 2, Scesco 1, Fogliani 1.

Obige Verteilung stimmt mit der ursprünglichen nicht mehr überein, die alle 40 Jahre erfolgt ( das nächste Mal 1928 ). Denn fortwährend kommen Ände- rungen vor, indem Familien wegziehen, der Viehstand sich vermindert und dergleichen. Für gute Alpen, wie Sciengio, finden sich dann immer Bewerber. Diese werden wiederum ausgelost.

Jede Alp steht unter der Aufsicht eines Alpmeisters ( il console ), der die für die Nutzung notwendigen Anordnungen trifft. Es ist das um so eher notwendig, als die Alpen hier nirgends genossenschaftlich bewirtschaftet werden. Hier herrscht noch überall Familienbetrieb, darum die grosse Zahl kleiner Hütten auf den Alpen. Bald ist es eine Familie allein, bald sind es mehrere solche, die in einer Hütte käsen. Sind mehrere Eigentümer vereinigt, so muss der Ertrag selbstverständlich verteilt werden. Als Massstab dazu dient der Milchertrag, der Ende Juli durch Abwägen festgestellt worden ist. Auf Alpe di Sciengio zählt man beispielsweise nicht weniger als 47 Hütten. Es hat nicht an Bemühungen gefehlt, in der Gemeinde Biasca den genossenschaftlichen Käsereibetrieb einzuführen. Auf der Alpe della Cava hatte man sogar einst damit begonnen, und der verstorbene Forstinspektor Merz, dem die Verbesserung der tessinischen Alpwirtschaft besonders am Herzen lag, war befriedigt von den « Boggesi » ( Alpknechten ) von Cava. Aber es blieb beim Versuch. Die Boggiada auf Alpe della Cava ist verschwunden, aus mir nicht bekannten Gründen. Während man in Biasca den rationellen, kräftesparenden genossenschaftlichen Alpbetrieb nicht aufnehmen will, ist dieser auf den schönen Alpen der Leventina stark verbreitet und bringt dort viele Vorteile. Es scheint mir wahrscheinlich, dass trotz den heutigen Verhältnissen und Anschauungen in alten Zeiten auch in Biasca der genossenschaftliche Alpwirtschaftsbetrieb üblich war. Daraufhin deuten wenigstens Aufzeichnungen in alten Bestimmungen über die Nutzung der Alpen. Im Volke fehlt aber jede Erinnerung hiervon. Der Familienbetrieb gilt als das Althergebrachte, und mit Misstrauen wird j ede Änderung hieran betrachtet. Und doch wäre der genossenschaftliche Betrieb nirgends eher am Platze als in den wilden, mühsamen Bergen Biascas. Wieviel von der zu harten Arbeit könnte den überlasteten Frauen abgenommen werden, wenn die vielen Zwergbetriebe zusammengeschlossen würden. Einige kräftige Burschen könnten da bei gutem Verdienst mehr herauswirt-schaften als alle die geplagten Weiblein zusammen. Ob man einmal zu dieser Einsicht kommen wird?

Die Alphütten sind klein und primitiv. Dürftiger noch als die Hütten auf den Maiensässen. Ähnlich wie dort begegnet man auch hier einer sich fast stets wiederholenden Bauart. Diese Alphütten gehören zu den dürftigsten unseres Landes. Meist, mit wenig Ausnahmen, sind sie aus Stein aufgeführt, in Trockenmauerwerk ohne Mörtel, ohne Fenster, niedrig und klein. Das Licht dringt durch die nur auf halbe Höhe durch eine Tür oder Gatter verschlossene Türöffnung. Ein schweres Steinplattendach spannt sich über das Ganze. Zwischen Dach und Mauern streicht der Wind ungehindert durch und sorgt derart für den Rauchabzug. In einer der dem Eingang nächstgelegenen Ecken liegt die Feuerstelle zum Käsen. Gegenüber oder in der Nähe ist der für die Sennereigerätschaften bestimmte Platz, und im Hintergrund befinden sich die niedern Schlafstätten. Ein Unterschied gegenüber der Behausung auf den Maiensässen besteht, wie schon bemerkt, höchstens darin, dass auf den Alpen alles noch, soweit überhaupt möglich, primitiver aussieht. Die Alphütten stehen vielfach am Hang, und man benützt diese Lage, um unter dem eigentlichen Hüttenraum einen Stall einzubauen. Oder man hängt der Sennhütte in der Verlängerung talabwärts einen solchen an 42 ). Diese kleinen Ställe reichen bisweilen nicht aus, alles Grossvieh zu fassen, und so hat man daher begonnen, Schirmhütten zu bauen, wo das Vieh zusammengetrieben wird und gegen das gröbste Wetter geschützt ist. Das ist sehr notwendig, denn auch in den Tessiner Bergen kommt es gelegentlich vor, dass im Sommer hochgelegene Alpen eingeschneit werden. Eine solche Schirmhütte, « Sosta », steht auf der Alpe di Sciengio di sotto.

Auf grössern Alpen begegnet man oft den Milchkellern, die, so primitiv sie auch angelegt sind, ihren Zweck, die Milch und ihre Produkte kühl und rein aufzubewahren, gut erfüllen. Dieselben « Cantine » trifft man auch auf den Maiensässen unten, sogar schon in Pontirone an. Schweineställe sind meist vorhanden, denn fast auf keiner Alp fehlen die « perse ». Vorherrschend ist die grosse, spätreife Tessiner Rasse, mit langen Ohren und grossem Rüssel, die sich zur Zucht und zum Weidgang sehr gut eignet. Daneben ist auch noch die Luzerner Landrasse eingeführt, und es gibt auch Kreuzungen zwischen beiden Rassen.

Leider gibt es aber fast gar keine Alp, auf der nicht Ruinen von Hütten herumstehen, die nicht nur einen widerwärtigen Eindruck machen, sondern auch die Weide schmälern. Selten fällt es jemandem ein, diese Trümmer wegzuräumen oder die vielen Steine zu einer Wegverbesserung oder einer Einfriedigung zu verwenden.

Wie die Hütten, ist auch das Sennereigerät unglaublich einfach, und nur das Allernötigste ist vorhanden. Man erblickt Geräte von gewohnter, althergebrachter Form, wie wir sie auf der Nordseite der Alpen auch haben, und einige tragen Benennungen, die uns bekannt klingen. So heisst hier beispielsweise die Milchmutte = la mutta, und das ganze Sennereigerät, welches der Urnerbauer « d' Alprustig » nennt, trägt hier dieselbe Bezeichnung: « la rüstig ».

Mit der « rüstig » zieht man von Alp zu Alp und schliesslich wieder zur Maiensässe zurück. Fast nichts bleibt auf den Alpen. Zur Aufbewahrung wären die Hütten zu primitiv. Auf der Maiensässe, wo man diese Geräte übrigens auch noch braucht, sind dieselben weit besser aufgehoben.

Das Haupterzeugnis der Alpwirtschaft ist ein magerer Käse ( la majocca ), der in kleinen Laiben von 4% bis 5 kg hergestellt wird. Die jährliche Produktion beträgt 90—100 Zentner. Dieser Käse, der zwecks Gewinnung von Butter so mager gehalten wird, kommt fast ausnahmslos in den Haushaltungen der Biaskesen zum Verbrauch. Ebenso der Zieger ( mascarpa ), von dem jährlich etwa 70 Zentner erzeugt werden. Zur Konservierung wird der Zieger gesalzen und gepfeffert. Er hält derart den ganzen Winter durch. Das Beimengen von « Erba livia » ( achillea moscata = Moschusschafgarbe, Iva ) zur Erzielung eines angenehmen Geschmackes ist in jüngster Zeit aufgegeben worden.

Die Butter dagegen, deren Jahresproduktion zirka 50 Zentner ausmacht, wird verkauft.

Bei diesen Milchprodukten kommt selten ausschliesslich Kuhmilch zur Verwendung, immer ist Ziegenmilch beigemischt, die sich durch ihren eigenartigen Geschmack schnell verrät. Ebenfalls aus Kuhmilch und Ziegenmilch werden die kleinen Hauskäse von 200 bis 300 Gramm erzeugt, die auch ausschliesslich nur für den Eigengebrauch bestimmt sind 43 ).

Jahrbuch des Schweizer Alpenclub. 57. Jahrg.,, Für die meist rauhen und zum Teil gar nicht gut zugänglichen Alpen eignet sich nur ein leichter Schlag Grossvieh. Meistens ist es die Braunviehrasse(Schwyzer-rasse ). Die « Nostranarasse » ( einheimische Rasse ), schwarz, genügsam, aber wenig ergiebig an Milch und Fleisch, ist selten vertreten. Diese Tiere werden nur zur Milcherzeugung gehalten, gezüchtet wird wenig, höchstens für den Eigenbedarf.

Dürftig und mager sieht vielerlei aus in den Bergen von Biasca, und doch sind diese für einen grossen Teil der alten, eingesessenen Familien von sehr grossem Wert. Sie schützen sie vor Verarmung trotz der unrationellen Nutzung. Wohl sind die Anhänger der volksbeglückenden neuen Weltordnung eifrig daran, die Patriziate zu zerstören, um alles gedankenlos nach einer fremden Schablone zu verebnen, und man denkt nicht daran, dass heute manche Familie sich unter diesen Verhältnissen über Wasser halten kann. Wird alles gleichmässig verteilt, ist alles arm und niemand reicher. Ist damit viel erreicht? Und ungewollt drängen die derzeitigen Verhältnisse zum Überlegen und Sparen, denn niemandem fällt es ein, auf die kleinen, zerstückelten Grundstücke in den Bergen Geld zu leihen, und so ist denn der Boden dort immer schuldenfrei. Schlimm steht es übrigens in dieser Hinsicht auch mit den Grundstücken im Talboden nicht, und gegen früher ist hierin sogar eine bedeutende Verbesserung zu konstatieren, wie mir Bauern mehrfach versicherten. Wenn etwas nottut in der Landwirtschaft, so ist es das Zusammenlegen der zersplitterten Grundstücke, der genossenschaftliche Sennerei-betrieb und vor allem die Entlastung der geplagten Frau.

So wie die Alpweiden, sind auch die Wälder Allmendbesitz, und es bilden Wald und Weiden den wertvollsten Teil der « Beni patriziali ». Die Waldungen des Patriziates Biasca werden heute zu einem Werte von etwa Fr. 460,000 geschätzt. Wenig Bauern besitzen hierherum Wald wie etwa bei uns, fast alles ist Allmendbesitz, nur die Kastanienbäume machen da, wie schon erwähnt, eine Ausnahme, und Niederwald von Erlen, Birken, Eschen etc.

Im Talboden, wo der Wald überhaupt selten ist, am Bergfusse und bis auf 1000 m Meereshöhe, erblickt man ausser der Kastanie wenig Bäume in zusammenhängenden Beständen. Eine Ausnahme hiervon machen die Aufforstungen auf dem Trümmerkegel der Buzza und auf dem Mündungsdelta der Leggiuna, die mit unendlicher Sorgfalt und Mühe vom kantonalen Forstamt grossgezogen worden sind. Dass diese Experimente allen Schwierigkeiten zum Trotz gelungen sind, sollte für die Einheimischen ein deutlicher Fingerzeig dafür sein, dass es sich wohl lohnt, Gemeinsinn zu pflegen, und dass es billig ist, nicht nur an die lebende, sondern auch an die kommenden Generationen zu denken. Manches Flussufer, manche Berglehne liegt im Tessin öde und kahl. Ein Wald würde solche Landschaftsbilder nicht nur verschönern, sondern noch manchen Nutzen bringen und vor mancher Gefährdung schützen. Das Volk erkennt zwar den Wert des Waldes und weiss, dass es dieser an vielen Stellen vor Lawinensturz, Erdschlipfen und dergleichen bewahrt. Schon in längst vergangenen Zeiten wusste man das, es sei nur an die « Favra sacra » ob der Val Nadro hingewiesen ( siehe Kapitel 9 ), die zwar ihre heutige Existenz in der Hauptsache nur ihrer Unzugänglichkeit verdankt 44 ).

In seinen obersten Lagen beginnt der Kastanienwald sich mit Buchen zu mischen, und schliesslich lösen ihn diese dann ganz ab. Auf die Buchen folgt das " î ,Nadelholz. Der Wechsel dieser Holzarten tritt einem am auffälligsten entgegen, wenn man am Monte di Biasca auf dem Weg durch die Val Scura ansteigt. Erst sieht man fast nichts als Kastanienbäume, bei einer Maiensässe etwa einen Kirschbaum und Birken, deren weisser Stamm sich von dem bronzebraunen Hintergrund, den die Granitwände bilden, auffällig abhebt. Über dem Dunkel der Schluchten, nur den Vögeln und Buben erreichbar, wiegen sich mit gelben Beeren beladen « i Timei » ( Vogelbeerbäume ). Seine Beeren sind aber auch für Buben nicht geniessbar, wohl aber werden jene des etwas ähnlichen Mehlbeerbaumes von der Jugend hochgeschätzt. Die Ulme, deren Vorhandensein sich im Namen « in Olmo », einer Maiensässe, bekundet, erblickt man am Monte di Biasca höchst selten, eher noch die Eiche, die im Namen verschiedener Örtlichkeiten auftritt ( Rovere della guardia am Scene del pass, Rovrin ob Pontirone ). Geschlossenen Eichen-wäldern begegnet man in der Gemeinde Biasca und in der ganzen Riviera nirgends. Das scheint nach einer alten Aufzeichnung von jeher so gewesen zu sein, waren doch schon im 15. Jahrhundert in dieser Gegend Eichenwälder recht selten. Auch der Ahorn ist selten geworden. Es soll einmal ob der Val Scura ( « Böcc del agro » ) eine ziemlich grosse von solchen Bäumen bewachsene Halde gegeben haben, die aber vor einem Jahrzehnt radikal abgeholzt worden sein soll. Längs Flussläufen und Bächen stösst man viel auf die Esche, Erle und Pappel. Auch die Linde wächst viel mehr wild als bei uns und überrascht einem bisweilen mit ihrem Blütenduft an wilden Talhängen, wo man nicht vermuten würde, diesem Baume zu begegnen.

Unter dem Nadelholz, das die obersten Lagen der Bewaldung bildet, ist die Rottanne, hier « Peccia » genannt, weitaus vorherrschend. Weisstannen ( abete bianco sing .) erblickt man viel weniger, und ganz selten sind die Arven geworden. Ich weiss nicht, ob in den Steilhängen ob Pontirone, wo zwischen den Maiensässen Sulgone und Cugnasco ein Vorsprung die Bezeichnung « Motta di tiarni » trägt, tatsächlich noch Arven wachsen. Nächst der Rottanne ist die Lärche unter dem Nadelholz am meisten verbreitet. Man erblickt sie in den höhern Lagen sehr viel, und selbst weit unten kommen vereinzelte Bäume vor. Früher muss dieser Baum noch viel verbreiteter gewesen sein. Weit oben, wo heute kahle Halden sich ausbreiten, entdeckt man gelegentlich steinalte Baumleichen. Bis über die Seen der Alpe della Cava hinauf seien einst die Lärchen gewachsen, erzählen die Älpler, die heute dort das Holz aus der Tiefe heraufschaffen müssen, und zwar ziemlich weit herauf, indem unterhalb der Alp dem Kalkbrennen viel Holz zum Opfer gefallen ist. Der Name « Lares » ( Dialekt für larice ) tritt uns in vielen Namen in den Tessiner Bergen entgegen, oft genug an Stellen, wo die Lawinen und menschlicher Unverstand diesen schönen Baum schon vor hundert Jahren und noch früher vertilgt haben und wo heute nur noch der Name an sein einstiges Vorkommen erinnert.

Das Aufforsten der Bäume in den höhern Lagen ist mit ausserordentlichen Schwierigkeiten verbunden, und vermag nur mit grosser Mühe den gegenwärtigen Rückgang der obern Waldgrenze auszugleichen. Den frühern Rückgang einzuholen, mag ihm wohl nie gelingen. Schon Untergrund und Witterung allein erschweren das Aufziehen, dazu Schneedruck und Lawinengang. Aber wohl noch schlimmer als das ist der Zahn der Ziege. Dieses, im Tessin meist ganz auf sich angewiesene Tier setzt den jungen Bäumchen scharf zu, bald aus Hunger, bald aus Naschhaftigkeit. Am besten ist es, wenn man, wie es bei den Wäldern im Talboden geschehen ist, dieselben mit einem Drahtverhau umgibt, doch ist das in den höhern Lagen oft unmöglich oder dann viel zu teuer und rascher Zerstörung ausgesetzt. An das radikale Mittel, wie es in der obern Mesolcina üblich ist, wo man es verbietet, Ziegen auf die Alpen zu treiben, ist in der Riviera nicht zu denken. In der Val d' Osogna drüben hatte man begonnen, den Ziegen die Schneidezähne auszubrechen, um sie von ihrer Untugend abzuhalten, doch fand das keine Nachahmung bei den Biaskesen und wird wohl neben der Quälerei auch andere Unzukömmlichkeiten hervorgerufen haben.

Von Waldbränden, die im Tessin so oft auftreten und grossen Schaden anrichten, im Jahre 1921 beispielsweise einen solchen von 200,000 Franken, weiss man in Biasca und überhaupt im obern Tessin viel weniger als im südlichen Kantonsteil. Immerhin ist auch schon ein stattliches Stück Wald ob der Alpe Leggiuno seinerzeit dem Feuer zum Opfer gefallen. Absicht lag aber keine zugrunde, man wollte nicht wie anderswo das Weidland vergrössern. Der Brand entstand durch Kinder, die zur Kurzweil einen alten, dürren Baum angezündet hatten.

Schlimmer als das Feuer setzen die Lawinen den Waldungen zu. Grossen Schaden verursachte vor einigen Jahrzehnten eine solche, die unter Alpe d' Albeglia niederging und eine mächtige Bresche in den Wald riss.

Ohne Zweifel waren die Waldungen früher überhaupt mehr verbreitet in der Val Pontirone und am Monte di Biasca. Aber es mögen viele Menschenalter zurückliegen, seitdem sich das Landschaftsbild aus diesem Grunde stark verändert hat. Doch alte Ortsbezeichnungen wie « Pe dru Gualt » ( d. i. am Fusse des Waldes, siehe Kapital 9 ) erinnern daran, dass es einst Waldungen gab an Stellen, wo heute weit und breit kein Baum mehr zu sehen ist.

Die grossen Nadelholzwaldungen des Patriziates liegen in der Val Pontirone, und zwar in der Hauptsache am linken Talhange, weniger am rechten, wo felsiges Gelände vorherrscht, und ferner am Monte di Biasca gegen Osogna hin.

Die Nadelholzwaldungen steigen im allgemeinen nicht über 1900 m Meereshöhe hinaus und setzen sich durchschnittlich aus 63 % Rottannen, 24 % Weisstannen und 13 % Lärchen zusammen. Meist wachsen die Bäume auf kargem Untergrund. Die Lage der Wälder und ihre zum Teil grosse Entfernung von der Talebene erschweren die Nutzung in hohem Masse. Die Löhne für das Rüsten und Abtransportieren des Holzes übersteigen den Nettowert des Holzes ganz bedeutend. Im Jahre 1914 wurde in der Val Pontirone ein Schlag einiger tausend Kubikmeter Holz bewilligt. Dabei ergab sich pro Kubikmeter ein Nettopreis von Fr. 14. Dazu kamen die Kosten für das Rüsten und den Abtransport zu Fr. 40, so dass sich also der Bruttoertrag pro Kubikmeter auf Fr. 54 stellte. Heute würden nach Mitteilung von Herrn Forstinspektor Schell in Biasca, dem ich diese Angaben verdanke, nur noch Fr. 6 netto für den Kubikmeter zu erwarten sein.

Man hat schon schönen Nutzen aus den Waldungen des Patriziates gezogen. Schon die Burratori waren in ihrem heimatlichen Tale tätig, wie die noch erhaltenen Spuren der Soveneda am linken Talhang der Val Pontirone bezeugen. Von ungefähr 1895 an wurde in einem Zeitraum von 20 Jahren durch den Holzschlag in der Val Pontirone ein Gesamterlös von 200,000 Franken erzielt. Es wurden dabei im ganzen Tal herum Bäume gefällt, aber stets nur nach stammweiser An- Zeichnung. Dieser Abholzung ist ein allgemeiner Schlag in den Jahren 1851—1854 vorangegangen, so dass also ein Zuwachs von 45 Jahren genutzt werden konnte.

Der Patrizio hat das Recht, das zu seinem Bedarfe nötige Holz zu schlagen und Wildheu zu sammeln. Die Erlaubnis hierzu kann sich auch der Niedergelassene gegen eine Entschädigung von Fr. 10 pro Jahr erwerben. Selbstverständlich steht es nicht im freien Ermessen des einzelnen, Holz zu schlagen, wo und wieviel er will. Er hat sein Begehren an den Unterförster ( « guardaboschi » ) zu richten, der dann nach Genehmigung des Kreisforstinspektorates die betreffenden Bäume oder andere, die ihm geeigneter erscheinen, zum Schlagen anzeichnet ( far la bollare ).

Hat der Bauer Holz geschlagen, so bezeichnet er es mit seiner Hausmarke ( la marca ), die sich aus einfachen Kerben zusammensetzt und ohne weiteres mit dem Beil eingeschlagen werden kann. Die « marca » sichert das gefällte Holz unbedingt als Eigentum 45 ).

Wenn auch, äusserlich wenigstens, im Volke jeder Aberglaube verschwunden zu sein scheint, so bekennt sich der Bauer auch heute noch fest zu der Auffassung, dass das Holz unbedingt im Zeichen des Mondes geschlagen werden müsse, wenn es dem vorgesehenen Zweck voll entsprechen soll. So wird das Bauholz im abnehmenden Monde ( ca lüna = luna calante ) geschlagen, es soll dann vom Wurm verschont bleiben. Das Brennholz dagegen wird im wachsenden Monde ( cres lüna = luna crescente ) geschlagen 46 ).

Die Wälder unterstehen der Aufsicht des kantonalen Forstamtes, und das hat seine Gründe. Handelt es sich doch darum, nicht nur dem Raubbau vorzubeugen, sondern auch dessen Folgen zu verhüten, den Lawinengang, Erdschlipfe und Steinschlag. Viele alte Sünden wären noch gutzumachen, und es ist bei der zähen Energie, die die tessinischen Forstleute entfalten, zu hoffen, dass noch manches besser wird. Wie gross sind die Fortschritte, die ich seit meinen Jugendjahren im Tessin beobachtet habe!

Die Gewerbe.

Wie vor vielen hundert Jahren schon, so ist heute noch den Bewohnern Biascas der Verkehr über die Alpenpässe Gotthard und Lukmanier die bedeutendste Erwerbsquelle, die heute noch viel reichlicher fliesst als in früheren Zeiten. Denn nicht nur die Bürger Biascas allein profitieren jetzt vom Verkehr, wie es einst bei der Säumerei der Fall war, sondern viele Zugewanderte, in überwiegender Zahl Nichtbiaskesen.

Im Jahre 1919 war die Zahl der Eisenbahnbeamten noch recht gross; mit den Familienangehörigen waren es 1500 Personen. Heute soll infolge der Einführung des elektrischen Betriebes die Zahl der Eisenbahner auf unter 100 herabgesunken sein.

So wie früher schon die beiden Alpenpässe Biascas Eigenart bestimmten, ist das auch in der Neuzeit der Fall. So hat die Bahnanlage die Entwicklung und das Aussehen der Ortschaft am stärksten beeinflusst, zum Teil im schlimmem Sinne.

Von der Säumerei, einst dem wichtigsten Gewerbe Biascas, war hier schon an anderer Stelle die Rede. Weniger alt als sie, aber im 18. Jahrhundert und bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts hinein war noch ein anderes Gewerbe in Biasca, d.h. besonders in der Val Pontirone, stark entwickelt und brachte viel Verdienst. Das war die Ausbeutung abgelegener Gebirgswälder. Die damit beschäftigten Leute nannte man die « Burratori », in der Mundart « i Borrat ». Der Name stammt von « borra », d. i. der Abschnitt eines Baumstammes, den wir auf Schweizerdeutsch als « Trämel » bezeichnen.

Diese Burratori verstanden es, durch sinnreiche, kühne Anlagen von Gleitbahnen, die oft über tiefe Schluchten wegführten, das Holz unzugänglich scheinender Wälder zu verwerten. Diese Gleitbahnen, die man Sovenede ( sing = Soveneda ) oder Strusoni nannte, sind ein glänzendes Beispiel bäuerlicher Ingenieurkunst, und es durften sich diese Bauten den so viel bestaunten Bewässerungsanlagen des Wallis zur Seite stellen, oft übertrafen sie diese sogar noch. Die alten Reisebücher erwähnen daher die Soveneda fast immer, wenn vom Tessin die Rede ist. Am eingehendsten und genausten hat sie Hs. R. Schinz in seinen « Beiträgen zur nähern Kenntnis des Schweizerlandes » ( 1787 ) beschrieben, wo er den « Burratori » ein ganzes Kapitel mit Abbildungen widmet.

Die Sovenede sind heute alle verschwunden. Nur Spuren ihrer einstigen Anlage und die Namen einiger Örtlichkeiten erinnern noch an sie. Das Aufkommen der Schwebebahnen hat sie verdrängt. Die letzte Soveneda in der Gegend von Biasca war jene der Val Pontirone, deren Spuren an der linken Talseite zwischen Santa Anna und Pontirone noch gut erkennbar sind. Wenn der Kastanienwald unbelaubt ist, sieht man, dass diese Soveneda von « in Piena » gegenüber Santa Anna auf Sass Carnon hinabführte. Diese Anlage wurde in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts von einem Sciarioni aus Biasca zwecks Ausbeutung des Waldes am linken Talhang erstellt.

Die Kunst der « Burratori » verdient es, hier festgehalten zu werden, die kulturgeschichtliche Bedeutung rechtfertigt dies. Ich gebe daher im Anhange im Jahrbuch 58 die Darstellung von Hs. R. Schinz vollinhaltlich wieder. Er sah die Burratori zu seinen Zeiten noch in voller Tätigkeit, und er hat dieselbe und die kühne Technik mit der ihm eigenen Gründlichkeit ausgezeichnet beschrieben.

Die Soveneda war eine geniale Ausbildung der im Gebirge überall üblichen Holzreisten, die nur an Hängen mit starkem Gefälle möglich sind. Man kennt diese Art der Holzbeförderung auch im Tessin, und hier beispielsweise am Monte di Biasca. Aber zur Ausbeutung von Wäldern, die weit hinten in wilden Gebirgstälern lagen, wie in der Val Pontirone, kam das « Reisten » nicht in Frage, da Weganlagen zum Abführen des Holzes mangelten.

Nun sind an die Stelle der Sovenede die Schwebebahnen getreten. In allen Tälern und oft an den unglaublichsten Stellen erblickt man deren Drähte. Am verbreitetsten sind einfache Anlagen, die « funi a sbalzo », die nur zum Talabwärts-transporte dienen. Daneben kommen aber auch die für grössere Lasten bestimmten « funi a freno » vor, mit denen das Transportgut auch bergaufwärts befördert werden kann.

Diese Anlagen dienen in der Hauptsache dem Abtransport von Holz und verdanken daher ihre Entstehung in den meisten Fällen der Ausbeutung eines Waldes oder Waldstückes. Man kann also sagen, dass sie an die Stelle der verschwundenen Sovenede getreten sind. Auch die Bezeichnung « borrat » ( burratori ) ist von den Sovenede auf die Bedienungsmannschaft der Schwebebahnen übergegangen. Doch ist auch hier eine Änderung eingetreten, indem diese Leute jetzt vielfach Italiener ( vorzugsweise Bergamasker ) sind 47 ). Ebenso waren die Unternehmer der Holzschläge, welche diese Schwebebahnen bauen liessen und so zu deren Verbreitung viel beitrugen, zu einem grossen Teil Italiener.

Das Aufkommen der Schwebebahnen fällt zeitlich genau mit dem Verschwinden der Sovenede zusammen, woraus sich das Verdrängen der letztern durch die Schwebebahnen deutlich ergibt. Die erste Schwebebahn, die im Tessin im Betriebe stand, war jene von Riva San Vitale, die schon 1849 existierte. Etwas später war eine solche in der Val d' Arbedo im Betriebe. Bei diesen beiden Anlagen kamen noch Hanfseile zur Verwendung. Diesen hafteten grosse Nachteile an, starke Abnützung, grosse Empfindlichkeit gegen Witterungseinflüsse u.a. m ., so dass die Verwendung der Schwebebahnen eine recht beschränkte geblieben wäre, wenn an Stelle der Hanfseile nicht die Eisendrähte und Drahtseile getreten wären. Die Einführung der letztern steigerte die Verbreitung der Schwebebahnen dann ausserordentlich. Im Jahre 1900 gab es im Kanton Tessin 131 einfache Schwebebahnen ( funi a sbalzo ), die sich im darauffolgenden Jahre um weitere 34 Anlagen vermehrten. Doppelte Schwebebahnen ( funi a freno ) zählte man im Jahre 1900 19. Seither wird sich die Zahl solcher Anlagen noch bedeutend erhöht haben, und nur die Kriegszeit 1914—1918, mit der Unmöglichkeit, sich Drahtseile zu verschaffen, hat ihre Entwicklung unterbrochen, die in keinem andern Kanton auch nur annähernd in einem solchen Masse wie im Tessin zu beobachten ist. In der Gemeinde Biasca gibt es sieben funi a sbalzo, von denen die längste Anlage ( 1500 m ) dem Patriziato gehört.

Während die Soveneda, wenigstens in ihrer Anpassung an schluchtartige Täler, höchst wahrscheinlich als eine Erfindung bäuerlicher Ingenieurkunst des Tessiners angesprochen werden darf, sind die Schwebebahnen fremder Herkunft. Diese sollen aus den österreichischen Alpen stammen, woher sie moderne Burratori, die Bergamasken, als ehemalige österreichische Staatsangehörige ins Land brachten.

Die ersten Anlagen waren einfache « funi a sbalzo », die im Kanton eine gewaltige Verbreitung gefunden haben, so dass man schon sagen kann, sie seien fast unzählbar geworden. Die Installation der funi a sbalzo ist, wenn auch nicht unschwierig, gewissermassen einfach und wird daher meistens von den Bauern selber ausgeführt. Am meisten Mühe bereitet die Verlegung des Drahtes ( Bor-dione ), der für die funi a sbalzo gewöhnlich eine Dicke von 8 bis 12 mm hat. Der Draht wird bei der obern Station an einem kräftigen Baume, Felsblock oder ähnlichem befestigt. Etwa 10 Meter tiefer wird er über ein bockartiges Gestell geführt, von wo er direkt zur untern Station verläuft. Dort wird er wiederum von einem solchen Gestell aufgenommen, hinter dem in einiger Entfernung der Draht um eine horizontale Welle ( currlo oder torno ) gewickelt ist. Diese Welle ermöglicht es, die Spannung des Drahtes bzw. dessen Durchhang ( il sacco ) zu regulieren. Vor dem unteren Gestell befindet sich eine Bühne aus Faschinen, welche den Anprall der herabgleitenden Transportstücke zu mildern bestimmt ist. Die funi a sbalzo sind nur für starke Gefälle verwendbar. Ist dieses zu gering, so entsteht ein grosser Durchhang ( sacco ), in welchem das Transportgut stecken bleibt.

Das Transportgut wird an einem hakenförmigen Ast ( la cadola ) aus hartem Holze wie Buche oder Kastanie, befestigt. Die Hauptsache ist, dass der Haken die beim Herabgleiten durch die Reibung entstehende Abnützung erträgt und nicht stark bremst. Aus letzterem Grunde werden Äste aus dürrem Holz vorgezogen. Für grosse Lasten gelangen S-förmige, eiserne Haken, sogenannte « rampini » zur Verwendung. Bisweilen sogar solche mit Rollen, die « carrucole » oder « girelle ». Die Rollen sind hauptsächlich auf Anlagen mit geringem Gefälle im Gebrauche. Die Rampini und Carrucole müssen nach der Talfahrt wieder zur Aufgabestation hinauf geschafft werden, was mitunter eine sehr mühselige Arbeit ist. Günstiger steht es in dieser Hinsicht mit den « cadole », bei denen dieser Nachteil wegfällt.

Den « funi a sbalzo » werden Transportlasten von 1 bis 2 Zentner anvertraut. Eine Anlage von beispielsweise 1 km Länge kann bei einer Bedienung von 4 Mann täglich bequem 200 bis 300 Zentner befördern. Diese einfachen Anlagen bringen eine gewaltige Ersparnis an Zeit und Geld. Man hat schon vor dreissig Jahren festgestellt, als die Löhne viel niedriger waren als heute, dass der Transport auf den funi a sbalzo sich um das 20- bis 25fache billiger stellt als bei der Beförderung auf der Schulter. Zudem würde es für letztere Beförderungsart bei der starken Auswanderung vielfach an den notwendigen Leuten mangeln.

Bedeutend grössere Lasten befördern die « funi a freno », deren Bau aber komplizierter ist und ausnahmslos von Spezialisten oder von den mit diesen Arbeiten vertrauten Waldarbeitern ausgeführt wird. Im wesentlichen besteht eine solche Anlage aus zwei parallel verlaufenden « funi a sbalzo », von denen der eine, dickere Strang, « il filo di porto », zur Talbeförderung der Lasten dient, während der etwas dünnere Strang, il « filo di ritorno », für die Bergbeförderung bestimmt ist. Die Förderung selbst regelt bzw. besorgt ein endloser Draht ( « la cordina » ), der mit der Last gekuppelt wird. Die Cordina läuft an beiden Stationen über Rillenräder, von denen das obere mit einer Bandbremse versehen ist. Dabei liegt die Cordina derart, dass ihr talwärts wandernder Teil sich senkrecht unter dem filo di porto und der bergwärts wandernde unter dem filo di ritorno befindet. Beide, filo di porto und filo di ritorno, müssen auf Entfernungen von 300 bis 500 m gestützt werden, damit kein zu grosser Durchhang entsteht. Je steiler die Anlage ist, um so grosser kann die Zwischenentfernung der Stützen gewählt werden, doch geht man nicht über 700 m. Die aus rohem Rundholz errichteten Stützen tragen an einem Querbalken eiserne Traghaken ( « pipe » ), auf deren untern Ende der filo di porto oder filo di ritorno lagern.

Auf den filo di porto und filo di ritorno laufen die « carrucole », an welche die Lasten angehängt werden und die anderseits mit der Cordina gekuppelt sind. Wird die Bremse gelöst, also die Cordina freigegeben, so bewegt sich die Last bergab. Je nach der Anlage genügt eine einzelne Last bisweilen nicht, um die Anlage in Bewegung zu setzen. Man muss dann in Abständen von 100 bis 300 m weitere Lasten anhängen, bis das Übergewicht so gross ist, dass es die Reibung und das Beharrungsvermögen der Cordina und Carrucole überwindet und zu laufen beginnt. Ist die Cordina auf der Strecke des filo di porto genügend belastet, so kann ihr bergwärts wandernder Teil zum Transporte über den filo di ritorno benützt werden. Vor allem werden auf dieser Strecke die « carrucole » wieder zur obern Station zurückbefördert. Aber es werden auch andere Sachen, wie beispielsweise Lebensmittel und Baumaterialien transportiert, wodurch die Anlage in doppelter Hinsicht Nutzen bringen kann. Funi a freno, die dem Bergtransport allein dienen, also keine zu Tal gleitende Lasten als bewegende Kraft verfügbar sind, erfordern, dass die Cordina durch motorische Kraft bewegt wird. Derartige Anlagen sind im Tessin selten.

So ein « impianto a freno » fördert im Mittel 200—400 Zentner im Tag. Zur Bedienung braucht es pro Station 2—3 Mann und weitere 1—2 Mann zur Überwachung und Besorgung ( Schmieren ) der Strecke, wenn diese nicht ganz übersichtlich angelegt ist.

Man baut die « funi a freno » meist geradlinig, d.h. derart, dass sich diese in einer Vertikalebene befinden. Auch zieht man es vor, das Gefälle möglichst gleichmässig zu halten. Doch kommen hiervon bedeutende Abweichungen vor, besonders bei ganz grossen Anlagen, wie beispielsweise bei jener in der Val Pontirone. Diese Anlage wurde im Jahre 1897 von einer Biaskeser Gesellschaft ( « Società Cristallina » ) zur Eisausbeutung des untern Buglionegletschers gebaut, mit einem Kostenaufwand von 58,000 Franken. Hiervon entfielen auf die Installationsarbeiten allein 25,000 Franken. Die Anlage hat 9 km Länge und förderte im Jahre 1900 10,000 Zentner Eis. Ein Modell dieser Schwebebahn war 1903 an der schweizerischen landwirtschaftlichen Ausstellung in Frauenfeld zu sehen. Heute ist die Anlage demontiert und zerfallen, und das grosse Eismagazin unten bei der Leggiunabrücke ist eine Ruine. Die Eisgewinnung am Buglionegletscher erwies sich als eine verfehlte Spekulation. Man transportierte das Eis als Tafeleis nach Lugano, Mailand und Turin. Doch glückte der Verkauf nur im Anfange. Die modernen Eismaschinen lieferten das Eis billiger, rascher und bequemer und brachten das Unternehmen dadurch zum Zusammenbruche.

Das erste « fune a freno » wurde im Tessin im Jahre 1878 in der Val d' Arbedo erstellt und soll direkt aus Österreich eingeführt worden sein. Inzwischen haben sich diese Anlagen im Kanton stark verbreitet. Schon 1900 gab es 19 solche von 44,4 km Totallänge, die in jenem Jahre insgesamt 173,000 Zentner förderten.

Bei der Unwegsamkeit der wilden Seitentäler der Tessiner Berge sind die funi a sbalzo und die funi a freno von unschätzbarem Werte. Sie allein ermöglichen die Verwertung abgelegener Gebirgswälder, zu denen die Anlage von Strassen der enormen Kosten wegen nicht in Frage kommen könnte.

Die Installation dieser Schwebebahnen, die sich über oft unglaublich hohe Felsabstürze und tiefe Schluchten spannen, erfordert grosse Geschicklichkeit, Erfahrung und Kühnheit. Wenn man sieht, wie beim Bau keine Techniker mitwirken, keine Pläne vorliegen, sondern alles so gewissermassen nach dem Augenmass und Gefühl bestimmt wird, so hat man alle Ursache, diese Anlagen und ihre Ersteller zu bewundern. Wer aber das Volk kennt, ist nicht überrascht, steckt doch in manchem einfachen Tessiner Bauer oder Italiener Holzarbeiter das Zeug zum Ingenieur. Gar oft löst er technische Aufgaben mit seinem klaren Blick rascher und sicherer als der mit allen Wissenschaften vollgepaukte Akademiker.

Ein interessantes Beispiel einer durch bäuerliche Ingenieurkunst errichteten Schwebebahn ist in der Schweizerischen Bauzeitung ( 12. Mai 1900 ), « Die Richters-weiler Holzriese », beschrieben. Über die im Tessin aufgestellten Schwebebahnen beider Bauarten finden sich im « 3. Annario 1899/1900/1901 della Società degli Ingegneri ed Architetti nel Cantone Ticino » von Frankenhauser und in der Broschüre « Funiculari Aeree » von Mansueto Pometta sehr wertvolle Angaben, die ich bei obiger Darstellung zunutze gezogen habe.

Zur Erstellung einer Schwebebahn bedarf es einer Konzession von der Kantonsregierung, welche dieselbe gestützt auf eine Begutachtung durch das betreffende Kreisforstinspektorat erteilt.

Obwohl die Ausbeutung der Wälder in der Gemeinde Biasca zurzeit gering ist, gelangen doch alltäglich noch etwa fünf Wagenladungen Holz zur Spedition. Doch handelt es sich dabei in der Hauptsache um Holz aus der Val Blenio.

Bis in die jüngste Zeit hinein wurden in der Umgebung von Biasca Granitbrüche ausgebeutet, in denen eine grosse Zahl von Arbeitern beschäftigt war. In Biasca und seiner nächsten Umgebung arbeiteten 800 Mann. In Iragna und Pollegio sollen es 500 gewesen sein, und alles zusammen mit der weitern Umgebung, also Osogna inbegriffen, zählte man insgesamt 3000 Arbeiter. Dieses Gewerbe ist nicht alt, es verdankt seine Entstehung dem Baue der Gotthardbahn, wo man es freilich versäumt hat, dieses ausgezeichnete Baumaterial für die vielen Brücken zu verwenden und eiserne baute, die man schliesslich doch durch Steinkonstruk-tionen ersetzen musste. Der erste Granitbruch in der Gegend war jener von Osogna, der anfänglich in bescheidenen Rahmen exportierte. Dann entstand in den 90er Jahren allmählich längs der Gotthardbahn, soweit diese Granit durchfährt, Steinbruch an Steinbruch, bis nach Gurtnellen hinüber. Die grösste Zahl der Steinbrüche gruppierte sich um Biasca. Es gibt solche in Pasquerio, Iragna, Lodrino, Osogna und bei Biasca selber, wo der Abbau der geringste war. Überall an den Berglehnen erklang der helle Meisselklang des « picchetta ». Das waren fast ausnahmslos Italiener, verwegene, braune Gesellen, mit weiten Manchesterhosen und mächtigen, roten Leibbinden und ebenso mächtiger, roter Gesinnung, wie mir ein Tessiner Bauer einst klagte. Denn « sti maladetti padolitt » ( diese verfluchten Italiener ) hätten den Socialismo ins Land gebracht. Das schien so handgreiflich, wenn am « primo Maggio » ein Umzug von Hunderten von Steinhauern mit Musik und roten Fahnen durch den Flecken zog. Derartiges und anderes, Erscheinungen, wie sie jede Industrie gelegentlich hervorbringt, war den am Althergebrachten hängenden, sparsamen Bauern ein Dorn im Auge. Es sei in den Steinbrüchen in den guten Jahren ein schönes Stück Geld verdient worden, versicherte man mir. So viel, dass es mancher « picchetta » nicht für nötig fand, die ganze Woche durch zu arbeiten und den Rest bei Mora- und Bocciaspiel verbrachte. Und dann sei zuletzt noch das Streikfieber in die Leute gefahren, das sie so weit getrieben hätten, bis die Bestellungen auf Granit immer mehr zurückgegangen seien. Man verwende jetzt in der deutschen Schweiz draussen lieber Kunststein, als dass man auf Granit warte, der wegen der ewigen Streiks den Steinbruch nicht verlassen könne. Ich will diese Sachen ununtersucht lassen. Dass der Kunststein dem Granit Abbruch tut, mag sehr wohl möglich sein. Den Todesstoss empfingen die Steinbrüche aber, deren Blütezeit allerdings damals schon vorüber war, durch die bei Kriegsausbruch entstandene Baukrisis, die heute noch anhält. Dazu verteuern gegenwärtig die hohen Frachten den Export so ungeheuer, dass an ein Wiedererwachen aller Betriebe kaum mehr zu denken ist. Zur Zeit der regen Bautätigkeit rollte von Biasca alltäglich ein Eisenbahnzug Granit ( 30 Wagen ) nach Norden. Jetzt sind es kaum mehr 3—4 Wagenladungen.

So ist es still und leer geworden in den Steinbrüchen. Wo mag der Krieg alle die vielen braunen Gestalten, die einst hier zum hellen Meisselschlage zwischen den sonnendurchglühten Steinblöcken so fröhlich sangen, alle hingeweht haben!

Ich horchte manchmal den lustigen, derben Liedern, in denen « amare, una bella bionda » oder « una morettina bella » immer vorkamen, oft gern. Für zarte Mädchen-ohren passten nie alle Strophen. Ich sage das darum, weil so manches Tessiner-liedli, das aus Italien auf dem Wege durch den Steinbruch in den Tessin gelangt ist, heute in der deutschen Schweiz selbst von jungen, braven Mädchen zur Laute gesungen wird. Selbst den Vers « ho girato l' Italia ed il Tirol » hörte ich schon aus reinem Frauenmund klingen — im Tessin aber nicht, aus begreiflichen Gründen.

Während des Krieges entstanden im nahen Bodio elektrochemische Fabriken von bedeutendem Umfange, die viel Arbeit ins Land brachten und mancher Familie bis nach Biasca hinab über die teuren Kriegsjahre hinweg halfen. Die unschönen Gebäude, die sich im Antlitz der Leventina wie ein brutaler Faustschlag ausnehmen, mochte man in Anbetracht des grossen Nutzens, den sie der Gegend brachten, schliesslich noch hinnehmen, sie waren doch nicht so scheusslich wie die Rauchschwaden, die ihnen entstiegen und als gelbe oder graue Nebel das enge Flusstal deckten. Oft krochen sie talabwärts und verhunzten bis weit in die Riviera hinab den schönsten, blauen Himmel. Das Kriegsende bereitete dieser Industrie einen raschen Niedergang. Der Betrieb setzte sich in nur stark reduzierter Form fort. Schliesslich vernichtete die Katastrophe vom 21. Juli 1920, wobei die Gebäude und Installationen in der Hauptsache zerstört wurden, diese Industrie vollends, und es ist schwer zu sagen, wann und wie sie sich wieder aus den Trümmern erheben wird.

Noch wäre des Handels zu erwähnen. Er bezieht sich in der Hauptsache auf Holz. An den zwei Hauptmärkten, 4. Mai und 5. Oktober, wird aber auch lebhaft mit Vieh gehandelt, das in stattlicher Menge aufgetrieben wird. Die Bahn hat jeweüen 50—60 Wagen Vieh zu verfrachten, und nicht gering ist die Menge, welche auf der Strasse befördert wird.

Sonstige Märkte finden jeden zweiten Montag des Monats statt und ein grosser am 13. November ( « San Martino » ).

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