Aasgeier in den Schweizeralpen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Carl Stemmler.

Neben dem leider seit dem Jahre 1886 ausgestorbenen Lämmer- oder Bartgeier haben wir noch mit drei Geierarten als seltenen Besuchern unserer Hochgebirge zu rechnen. Alle drei sind sonst Bewohner der Mittelmeerländer. Sonderbarerweise ist gerade der Aasgeier, dessen Brutort am meisten gegen Norden zu sich erstreckte, in der Schweiz am seltensten gesehen worden. Nämlich der Schmutzgeier oder schmutzige Aasvogel.

Besonders bei der Feststellung von Arten, die sehr selten ein Land besuchen, ist es dem Uneingeweihten kaum möglich, das Vorkommen eines noch nie gesehenen Vogels in allen Fällen sicher festzustellen. Das kann nur der, welcher diese Vögel in ihrer Heimat, und dazu recht oft, hat beobachten können. Da prägen sich die Form des Vogels, die Art des Fluges und seine sonstigen Bewegungen in die Erinnerung ein. Bei Singvögeln ist ja die Stimme oft das Ausschlaggebende.

Der grösste Geier des Mittelmeergebietes ist der prächtige, bis fast drei Meter Spannweite erreichende Kuttengeier.

Es war Anfang Juni 1924. Unser Besuch bei einem Bartgeierhorst in Sardinien war nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Der Jäger Bastiano, ein alter bewährter Mann, hatte sich geirrt, der Bartgeierhorst war nur vorübergehend von einem alten Weibchen besetzt gewesen. Der dadurch in seiner Ehre gekränkte Führer Meloni wollte sich erkenntlich zeigen. « Ich werde Ihnen eine Stelle zeigen, » sagte er, « wo Sie alle Geier zu sehen bekommen werden. » — An den bienenkorbartigen Hütten der sardinischen Hirten vorbei, unter mächtigen Eichen, an Hühnengräbern vorüber kamen wir in die Nähe der grossen Passtrasse, die an der Carabinieristation Corre-boi vorbeiführt. Vor uns liegt das Gennargentugebirge, im Hintergrund die kaminartige Perda leana, mein Bergsteigerziel, sobald ich wieder einmal den Fuss auf die schöne Insel setzen werde.Von der Station Corre-boi aus steigen wir auf den Nodue Liddipori oder « Monte brutto » der Einwohner. Ein kleiner Hund wurde von Bastiano erschossen und ausgelegt. Für mich bauten wir ein Versteck in einer Felsenspalte.Von früh morgens bis abends spät sass ich darinnen und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Neben mir die Büchse, nicht für die Geier bestimmt, vor mir den Photoapparat. Am zweiten Morgen hörte ich unsern Lockruf, ich solle heraufkommen Der Sardinier, die Gelegenheit der Nähe der Passtrasse benützend, war nach Hause gefahren und brachte mir etwas Wildsaufleisch, eine willkommene Abwechslung in die eintönige Kost von Brot und kalter Milch. Wir sassen auf dem Gipfel des Berges und hatten kaum mit essen begonnen, als ich von dem sonderbaren Felsen von San Giovanne her einen mächtigen braunen Geier daherkommen sah. Mein Begleiter griff nach dem Gewehr. « Bitte, lassen Sie das », war meine Antwort. « Wie Sie wollen », sagte der höfliche Sardinier. Und nun kam der mächtige braune Vogel, breit wie ein Aeroplan, mit gespreizten Fittichen, ohne Flügelschlag langsam zum Felskopf. Deutlich sah ich das dunkle Auge, deutlich jede Feder auf dem Rücken des Riesen. Aber auch er hatte uns gesehen und ohne Flügelschlag, als ob sein Wille allein genügte, schraubte er sich rasch in die Höhe und war in kurzer Zeit ausser Schussweite. Er entschwand in der Richtung auf das nahe Gennargentugebirge. Obwohl ich in meiner Sammlung, ausser einem Skelett, noch keinen Kuttengeier habe, bedaure ich auch heute noch mein Verhalten gar nicht. Es war ein Erlebnis, durch nichts getrübt, und meinem Führer, der sein Leben als Präparator und Bälgehändler fristete, bin ich heute noch dankbar, dass er den für ihn teuren Vogel mir zu Liebe geschont hat.

Dieser mächtige Aasgeier ist nun schon verschiedene Male in den Schweizerbergen gesehen und erlegt worden. Leider! Es ist zwar kaum anzunehmen, dass er hier zum Brüten geschritten wäre. Aber allein der Aufenthalt der mächtigen, vollkommen ungefährlichen Vögel in unserm Lande ist doch für jeden Naturfreund ein Ereignis.

Leider haben unsere Vorgänger an den Museen des öftern es nicht der Mühe wert erachtet, bei solchen Fundstücken Ort und Zeit anzugeben. Mit der Zeit entschwindet das Gewusste aus dem Gedächtnis, und in der folgenden Generation weiss sehr oft niemand mehr etwas von dem seltenen Funde. Der Katalog der Vögel der Schweiz von Studer und Fatio verzeichnet zwei Vorkommen des Kutten- oder Mönchgeiers. Nach Schinz sei der eine bei Pfäfers erlegt worden; darüber wurde berichtet im Jahre 1848. Man kann also annehmen, dass das auch die Jahreszahl für die Erlegung des Vogels sein könnte. Der andere im Katalog erwähnte Kuttengeier wurde nach Stölker Ende der vierziger Jahre bei Sargans erlegt. Wohin sind diese Vögel gekommen? Im Schaffhauser Museum steht ein Kuttengeier, kein sehr grosses Stück, der die Bezeichnung « Aus den Alpen des Kantons St. Gallen, Ragaz » trägt. Das dürfte der bei Pfäfers erlegte Vogel sein. Leider wissen wir nicht, wohin der andere Kuttengeier gekommen ist. Das Winterthurer Museum wie die Sammlung der Zürcher Universität besitzen je einen Kuttengeier älteren Datums, aber ohne jede Zeit- oder Ortsangabe.

Nun haben wir aber zwei Vorkommen aus jüngster Zeit. Die Blätter meldeten, dass im Berner Oberland zwei riesige Aasgeier erlegt und zum Ausstöpfer gebracht worden seien. Ich machte den Bund für Naturschutz aufmerksam, mit dem Erfolge, dass die Berner Polizei der Sache nachging. Der eine der beiden Vögel wurde beim Präparator konfisziert und dem Berner Museum einverleibt. Er war erlegt worden am 18. Mai 1922 am « Hasliberg im Stapf » ob der Aareschlucht. Der andere, nach der Blättermeldung im gleichen Jahre erlegt, steht heute im Neuenburger Museum und trägt als Fundort « Vallée de Gadmen, Mai 1911 ». Das letztere dürfte ein Irrtum sein. Auch Gustav von Burg gibt das Jahr 1912 an. Die Vögel haben eine Spannweite von etwa 270 cm. Also eine ganz gewaltige Breite.

Der zweitgrösste Geier und zugleich der häufigste von allen ist der Gänsegeier oder fahle Geier. Auch er ist ein ganz respektabler Bursche und erreicht eine Spannweite von 240 bis 280 cm. Auch diesen Geier sah ich zum ersten Male auf meiner ersten Reise in Sardinien. Meloni wollte mit mir eine Tagestur machen, mir etwas von der Fauna Sardiniens zeigen und mich zugleich zu einem alten, verlassenen Lämmergeierhorst führen. Von Lanusei aus fuhren wir mit der Bahn nach Villa Franca, einer Station an der Linie nach Cagliari. Durch weissblühende Cistusbüsche stiegen wir bergan. Am Boden rollten die Mistkugeln der Pillendreher, huschten zahllose Eidechsen. Auf den Büschen sassen prächtige Zaunammern und dicke Grauammern, während aus dem Innern der Büsche der Gesang der kleinen sardinischen Grasmücken ertönte. Hoch über uns am Rande des Felsens kreiste ein Kolk-rabenpaar. Singende Misteldrosseln, Zaunkönige, Buchfinken und Fliegen-fänger trafen wir auf unsern Wegen am Fusse der Wand entlang. Auch die schwarze Amsel war sehr häufig. Der Lämmergeierhorst wurde erreicht, und wir sammelten die Knochen, die dem Vogel ( er ist leider ausgestopft in einem Museum ) einst zur Nahrung dienten.

Wie ein Stein saust ein schwarzes Etwas in die Wand, und schön ertönt der Ruf: « Diödi, diöda ». Es ist die wundervoll gefärbte Blaudrossel, ein Vogel, der früher am Vierwaldstättersee zu Hause war, leider aber, wie so viele Seltenheiten, für die Museen abgeschossen wurde.

Wir marschierten weiter. Vor uns in weiter Ferne sahen wir das blaue Meer und den schönen Golf von Tortoli. Plötzlich erschien über dem Felsrand ein gelber Geier. Breit sind seine Schwingen, abgestutzt an den Enden, kurz der Schwanz, aber lang vorgestreckt der weisse Hals. Wie vom Wind getrieben schiesst er vor ins Blaue und doch ohne jede Bewegung der riesigen Flügel. Wir staunen ihm nach, bis er im Blau des Himmels verschwunden ist. Während wir uns Gesprächen hingeben, in welch kurzer Zeit wohl der Gänsegeier den Weg ans Meer geflogen sei, ein Weg, der uns manchen Tropfen Schweiss kostet, ist der Vogel schon wieder über uns und verschwindet hinter dem Felsrand der überhängenden Wände. Aber er kommt wieder hervor und verschwindet wieder. Noch manchen dieser auch in Kolonien horsten-den Geier sah ich auf meiner ersten Fahrt, aber keiner ist mir so in der Erinnerung geblieben wie dieser erste Aasgeier, den ich in der Freiheit gesehen hatte.Vor einiger Zeit erschien eine Blätternotiz, dass auf der Kurischen Nehrung ein Adler Kinder angefallen habe. Die Erkundigung ergab, dass spazierende Kinder den Vogel an der Erde hocken sahen und fortliefen.

Männer kamen, das Ungetüm zu schauen, und erschlugen den Adler. Es war ein todkranker Gänsegeier, der vermutlich aus dem Balkan nach dem Norden verschlagen worden war. Auch in Schlesien sind schon etliche Gänsegeier erlegt worden. Der Katalog von Studer und Fatio verzeichnet allein dreizehn Vorkommnisse des Gänsegeiers, die sich alle auf die Alpengebiete erstrecken. Auch er schreibt, dass es meist kranke Stücke waren, die man mit Steinwürfen getötet hatte. Die Fundorte sind Uri, Waadt, Bern, Graubünden, Luzern, Freiburg und Wallis Ein im Schaffhauser Museum stehender Gänsegeier soll im Jahre 1848 bei Sargans erlegt worden sein. Das könnte auch mit dem Datum des schon erwähnten Kuttengeiers übereinstimmen. Dass ein Kuttengeier fälschlich als Gänsegeier bestimmt worden ist, darf uns nicht irrig machen. Wenige Museumsleiter waren in der Lage, diese Vögel zu bestimmen, und unrichtig bestimmte Vögel sind noch heute oft in unsern Museen zu finden. Nun klappt aber die Geschichte wieder nicht, denn der im Schaffhauser Museum aufbewahrte Gänsegeier trägt die Aufschrift: « Walliser Alpen, Jahrgang 1805. » Man sieht, wie notwendig eine genaue Bezeichnung der Objekte ist und wie wenig auch die Museumsleiter in frühern Jahren darauf acht gegeben haben.

Das Berner Museum hat einen sehr schönen Gänsegeier, ein Weibchen, das am 4. Juni 1826 bei Münsingen von Oberamtmann von Erlach erlegt worden ist. Ein zweiter Gänsegeier im gleichen Museum ist im Jahre 1884 in Corcelles bei Moudon erwischt worden. Hier handelt es sich um einen alten Vogel.

Das Churer Museum enthält ebenfalls zwei Stücke aus dem Kanton Graubünden. Der eine Vogel wurde geschossen am 1. August 1912 bei Remüs im Unterengadin, ist vermutlich ein Männchen, der andere stammt von Scanfs, den Massen nach ein Weibchen, aus dem Jahre 1866.

Schösse man diese mächtigen Vögel nicht bei jedem Besuch weg, so wäre nicht ausgeschlossen, dass sie brüten würden. Auch in Sardinien liegen die Tierkadaver nicht so herum, wie man sich das vorstellt von Gegenden, in denen die Aasgeier zu Hause sind. Auch unsere Alpen könnten ganz gut einige Paare der stolzen Flieger beherbergen, genau wie der leider ausgestorbene Lämmergeier heute noch leicht sein Futter finden könnte. Die Wiedereinbürgerung dieses letztern wurde leider von den massgebenden Instanzen abgelehnt. Bis eine neue Generation herangewachsen ist, die vielleicht mehr Verständnis für diese Sache aufbringt, ist der Bartgeier in den wenigen Ländern, die ihn noch beherbergen, schon so in der Zahl herabgemindert, dass es Mühe haben wird, welche für die Wiedereinbürgerung zu bekommen Zu sehr sind die Tierhändler hinter diesen Seltenheiten her. Rücksichten kennt weder der Handel noch die Wissenschaft.

Der dritte Aasgeier, der kleinste von allen, aber auch der schönste, ist der Schmutzgeier, auch schmutziger Aasvogel genannt. Er ist bis auf die schwarzen Handschwingen vollkommen weiss. Der Schwanz ist wie beim Lämmergeier keilförmig zugespitzt. Ein schöner Vogel und ein hässlicher Name.

Im Juni 1930 war ich in der Camargue. Eben legte ich mein Gepäck auf den salzigen Boden des Etang de Badon, um meine Apparate auszupacken, denn in den Tamarisken hing das Nest der Beutelmeise.Vor mir riefen die weissen, mit unmöglich langen Beinen versehenen Stelzenläufer. Wie es so geht, wenn man Beobachter ist, man streckt seinen Kopf auch mal in die Höhe, und da fliegen über mir zwei nie vorher gesehene Gestalten. Es waren zwei weisse Geier mit dem langen dünnen Hackenschnabel und dem zugespitzten Schwänze.

Mit dem zehnfachen Leitz vor den Augen lag ich auf dem Rücken am Boden und schaute dem Kreisen der zwei Vögel zu. Deutlich erkannte ich das etwas grössere Weibchen. Der lange Schnabel wurde bald hierher, bald dorthin gewendet, ich sah, die Vögel suchten etwas. Die Stelzenläufer stiegen in die Höhe zur Verfolgung der Vögel.

Obwohl dieser Vogel in der Nähe Genfs gewohnt hat, ist er doch wenigstens nach den Angaben des Kataloges sehr selten in der Schweiz erlegt worden. Der Katalog von Studer und Fatio gibt nur vier Vorkommen innerhalb der Grenzen der Schweiz an. Drei fallen auf den Genfersee, eines auf den Lac de Joux.

Der Aasgeier oder Schmutzgeier horstete ganz in der Nähe Genfs am Salève. Seine für Sammler sehr wertvollen Eier wurden regelmässig geholt, der Vogel selbst beschossen. Alfred Vaucher, der Mitarbeiter des Kataloges, berichtet darüber wie folgt: Jedes Jahr kommen ein bis zwei Paare zum Nisten. Im Jahre 1874 oder 1875 nistete er oberhalb Veyrier und wurde dort von Vigny gefangen. 1876 und 1877 horstete er links von Chavardon an einer unzugänglichen Stelle. Der Forstwart Pilet schoss zu wiederholten Malen vergeblich auf die Vögel. Ohne bestimmte Zahlen nennen zu wollen, schätze ich die Zahl der in den Sammlungen aufbewahrten Vögel und Eier aus dem Becken des Léman auf nicht mehr als 15, die während der letzten zwanzig Jahre gesammelt wurden. Seit etwa 40 bis 50 Jahren ist nun der vollkommen unschädliche und harmlose Vogel ausgerottet.

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