Abschied vom Schilthorn

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VON OTTO BUCHI, JUN., BERN

BildViele glauben, nur wenn man mit dem Wagen bis vors Hotel oder das Chalet fahren könne, biete ein Ferienort alles, was man von ihm erwarten dürfe. Und doch sind gerade Skiberge, die abseits der grossen Zufahrten und der vielbefahrenen Pisten liegen, für den Gebirgsskifahrer von besonderm Wert. Das Schilthorn habe ich zu diesen besondern Skibergen gezählt. Nun soll auch es mit einer Luftseilbahn erschlossen werden! Was wollen wir Bergsteiger und Bergskifahrer uns dagegen auflehnen? Man stempelt uns zur Minderheit, auf die man kaum mehr hört.

Wie oft war ich auf dem Schilthorn. Vorab im Winter. Nun heisst es von ihm Abschied nehmen.

MärzWechselvolles Wetter herrschte während unserer Skiferien. Auch heute lässt ein erster Blick in die Runde noch keine Schlüsse zu über die Wetterentwicklung für den Tag. Nebel umwogt unser Heim über Mürren am Eingang zum Wintertal. Später sinkt die Nebeldecke ab. Über uns blauer Himmel mit den letzten verblassenden Steinen. Ein goldener Saum über dem Rottal lässt die aufsteigende Sonne ahnen Flink den Rucksack an den Rücken, die Skibindungen geschlossen, und in schneller Fahrt rattern die Bretter über die gefrorene Piste nach Mürren hinunter. Eile tut not, möchten wir doch noch den ersten Kurs der Allmendhubelbahn erreichen. Die Seilbahn nimmt uns die erste Stunde des Aufstieges ab und führt uns aus dem Nebel hinaus an die Sonne. Während wir die Felle aufziehen, landen hinten im Blumental zwei « Piper », die « Sitztouristen » nach dem Petersgrat fliegen. Wo liegt die vernünftige Grenze des mechanisierten und motorisierten Aufstieges? Unsere Vorfahren begannen den Anmarsch zum Berg an ihrem Wohnort. Für unsere Generation ist es selbstverständlich, die nun vorhandenen Verkehrsmittel zu benutzen. Man fährt wenigstens bis ins Bergdorf. Wir fuhren heute aber gar über das Dorf hinaus und betrachten dies als eine selbstverständliche Erleichterung, sehen aber dem Bau der Schilthornbahn mit gemischten Gefühlen entgegen und befürworten wohl die Gletscherfliegerei, aber nur zu Rettungszwecken oder für Materialtransporte, nicht aber auf der Basis des kommerziellen Personentransportes!

Für uns beginnt die Tour nun richtig, ist doch die Spur in der steilen Plattwang hart gefroren und leider teilweise durch Fußstapfen zerstört. Auch wir müssen zeitweise die Bretter tragen, bis der Eingang ins Engetal gewonnen ist und das geruhsame Vorsichherschieben der Ski beginnen kann. Still ist es hier! Längst sind die Flugzeugmotoren verstummt; die Flieger haben sich nach ihrem Standplatz beim Männlichen-Hotel begeben und ziehen von dort aus, für uns meist unsichtbar und unhörbar, ihre weiten Runden. Wir erfreuen uns der Einsamkeit, doch ganz allein sind wir nicht. Dunkle Tupfen bewegen sich an den Steilhängen vor uns, verschwinden im schwarzen Fels und erscheinen wieder auf einem Schneeflecken. Ein Blick durch den Feldstecher zeigt uns, dass es Gemsen sind. Sie haben uns auf ihrer Morgenwanderung offenbar noch nicht gewittert, nähern wir uns doch stetig ihrem Revier, ohne dass sie fliehen. Erst als wir ihr Treiben von blossem 1 Die Alpen - 1962 - Les Alpes1 Auge gut beobachten können, schrecken sie auf und verschwinden endgültig in den Felsen. Bei der Schilthornhütte halten wir Rast. Sie ist von den hier nächtigenden Touristen längst verlassen; wir sehen die ersten Frühaufsteher schon im Gipfelhang. Uns eilt es nicht, der ganze Tag liegt vor uns, und unser Tagesziel wird wieder Mürren sein. So steigen wir gemütlich das Engetal hinauf, wissend, dass die eigentlichen Anstrengungen erst ob dem Grauseelein beginnen werden. Schade, dass bei der Traverse ob dem See, in den Hängen, von denen der lockere Oberflächenschnee in ungezählten Bahnen bereits abgerutscht ist, wieder etliche Höhenmeter verlorengehen, denn heiss brennt die Sonne in diesen Kessel. Einzige Abwechslung bietet die Nebeldecke, die sich wieder gehoben hat und unter uns die Wasenegg bald freigibt, bald wieder in ihren Mantel hüllt. Obschon es abwärts geht, ist nicht die Rede von Fahren. Es ist bald ein Stolpern über Lawinen, bald ein Kampf gegen das seitliche Abrutschen. Erst wie die Route wieder zu steigen beginnt, wird die Spur besser. Eine weite Mulde, die zum eigentlichen Gipfelaufbau führt, nimmt uns auf. Hier ist der Schnee pulverig und verspricht für die Abfahrt hochwinterliche Genüsse.Vorerst heisst es aber noch mühsam steigen und schwitzen! Der Hang wird steiler und steiler, die Kehren der Spur werden enger und enger. Endlich betreten wir die Gratschulter, deren Abflachung das sichere Deponieren der Bretter erlaubt. Eine kurze Folge von tief ausgetretenen Stufen führt zum Gipfel, wo schneefreigeblasene, sonnenerwärmte Platten zur Rast einladen. Nur wenige Menschen haben sich aus den nebelfeuchten Tiefen hier oben eingefunden. Die meisten lassen sich nur auf den Schiltgrat « baggern », dessen Bergstation ab und zu über dem wallenden Nebel erscheint. Wir strecken die Beine, legen den Kopf zurück auf den Sack und staunen: bald geht der Blick in den blauen Himmel, bald bleibt er an einem der ungezählten Gipfel hängen. Bevor wir scheiden, spähen wir ins Saustal hinab, wissend um die schöne Abfahrt, die von hier talaus führt, die wir aber heute der fortgeschrittenen Zeit wegen nicht befahren können. Wir wählen den Weg zurück durch das Engetal.

Schnell, nur allzuschnell endet die Fahrt; jauchzend legen wir Schwung an Schwung durch den stiebenden Schnee, bis wir im Kessel den Sulz treffen, durch den die Ski zischend gleiten. Der Gegenaufstieg zum Engetal ist kurz. Gegen den Grat des Birg zieht einsam ein Gemsbock, während wir zügig der Hütte und damit dem zweiten Gegenanstieg zustreben. Kaum haben wir nachher die ersten Schwünge im Sulz hinter uns, nimmt uns der Nebel wieder gefangen. Tastend nur kommen wir durch das Engnis zur Plattwang. Erst im letzten Steilhang vor der Einsattelung hinter dem Allmendhubel durchstossen wir die Nebeldecke. Es bleibt die Fahrt über die Piste ins Dorf. Während wir glücklich über den schönen Tag die Bretter für den Anstieg zu unserer Behausung zusammenbinden, strömt das Volk vom Skilift zurück. In « unserem » Hüttchen knistert bald das Holzfeuer in Herd und Ofen, mit einem gemütlichen Hock bei Petrollicht lassen wir den Bergtag ausklingen.

September Samstag nachmittag. Verhältnismässig spät rollen wir Richtung Stechelberg. Dann steigen wir über den Saumweg nach Gimmelwald. Steinig ist er und steil. Wir begreifen, dass die Bauern eine Luftseilbahnverbindung mit dem Tal wünschen. Aber die Kosten sind für sie zu gross. So müssen sie sich einer « Grossbahn » einordnen. LeiderVorläufig heisst es aber noch: marschieren. Wir gewöhnen uns an die Steigung, und wie wir so richtig warm gelaufen sind, bekommen wir Freude am Wandern in den frischen Abend hinein. Munter fällt die Sefinenlütschine durch die Schlucht zu Tal. Von der Abzweigung des Weges nach Gimmelwald weg begegnen wir niemandem mehr.

Einsam und still ist es im Sefinental. Keine Viehglocken tönen; die Senntenstadel sind verlassen. Wo sich der Weg wieder gabelt, wenden wir uns nach rechts, der Boganggenalp zu. Langsam fällt die Dämmerung ein. Im letzten Licht des scheidenden Tages beobachten wir auf einer Weide noch äsende Rehe. Sie hören unsere Schritte und fliehen in den Schutz des nahen Waldes. Es wird endgültig Nacht. Unbemerkt überzieht sich der Himmel. Die Sterne sind verschwunden. Es fällt ein feiner Regen. Im Gras verlieren sich die Spuren, und wir finden den Weiterweg nicht. Ein Graben trennt uns vom Tagesziel. Wir stolpern aufwärts, bis wir auf den Weg stossen, der von Mürren zur Rotstockhütte des Skiclubs Stechelberg führt. Gastfreundlich werden wir aufgenommen Bald dampfen Suppe und Tee auf dem Tisch. Auch der nachfolgende Wein schmeckt.

Früh bin ich aufgewacht und mache einen Gang über die im Morgennebel liegende Alp. Verwundert äugt das wiederkäuende Vieh nach mir. Ein Hirt kommt, um das zerstreute Vieh zu den Hütten zu treiben. Wie ich zur Unterkunft zurückkomme, ist hier das Leben erwacht. Das Herdfeuer brennt, und es duftet nach Kaffee. Der Tag ist vollends angebrochen, wie wir über die Alp schlendern, den Sefmenweg bald verlassen, über Steine, ungezähmte Rinnsale und Rasenteppiche Richtung Roten-Herd, zwischen Hundshorn und Schilthorn, ansteigen. Im etwas unübersichtlichen Gelände erleichtern rote Wegzeichen das Einhalten der besten Route. Wir sind allein. Nur weiter rechts versucht ein Einzelgänger den Schilthorngipfel möglichst direkt zu erreichen, wobei er aber einzusehen scheint, dass in den Bergen die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten nicht der schnellste und beste Weg ist. Immer mehr wird er abgedrängt, bis er schliesslich weit unter uns in die normale Route einschwenkt. Über den Boganggenflühen erreichen wir die Schieferzone. Bevor wir uns weglos in diesen rutschigen Steilhang wagen, halten wir Rast. Gegenüber zeigt sich uns das Gspaltenhorn, an dem wir im Sommer mitten im Anstieg Umkehr halten mussten, weil die Firnverhältnisse schlecht waren und wir selbst schlecht disponiert, so dass wir dann frohgemut durchs Kiental hinaus bummelten. Und so wollen wir heute Geniesser sein, wandern und unbekümmert um die Uhrzeiger verweilen, wo es uns gefällt. So dauert der Znünihalt auch unverhältnismässig lange! Erst vom Spiggengrund über den Roten-Herd kommende Wanderer erinnern uns daran, dass der Weg nach Stechelberg noch weit ist, auch wenn unser Wagen dort ja nicht allein davonfährt. In der Flanke des Gipfels liegt Neuschnee, denn gestern nacht hat es hier geschneit. Heute brennt die Sonne aber wieder heiss, und der Weg in Schiefer, Geröll und Schnee wird immer nässer und rutschiger. Doch wir nähern uns im guten Steigen dem Gipfel. Und dann geniessen wir einmal mehr die Gipfelrast voll Freude. Es hat etwas mehr Platz als im Winter, dafür sind aber die Besucher auch zahlreicher. Trotzdem herrscht kein Rummel Noch haben alle anwesenden Bergfreunde gewisse Anstrengungen hinter sich. Sie wurden nicht mühelos hier hinauf gefahren. Jeder Wanderer hat aber nicht weniger, sondern mehr gesehen, hat den Aufstieg Stück um Stück erlebt und hat den Gipfel mit einer gewissen Spannung erreicht, ihn still und staunend betreten und schaut nun hinaus in die Weite und hält dankbare Rast. Er sah die Blumen, seltene, ihm vielleicht unbekannte Pflanzen, die in kargem Boden wurzeln; er sah Schmetterlinge, Käfer und anderes Kleingetier, ungezählte Kleinigkeiten, die ihm die Grösse der Natur vor Augen führen.

Allmählich entvölkert sich der Gipfel. Auch für uns wird es Zeit, aufzubrechen. Die Schneeresten im nordöstlichen Gipfelhang laden zum Abrutschen ein. Hier stechen wir jeweilen im Winter hinab. Doch folgen wir heute vom Gipfel aus dem Grat zum Vorgipfel und geniessen so den Ausblick auf die « Grossen des Berner Oberlandes » viel länger. Das Grauseelein zeigt sich nur als ausgetrockneter Tümpel. Wir folgen seinem Ufer zu dem direkt ins Schilttal hinabführenden Steilhang, der mit seinen dreihundert Metern Höhenunterschied uns etwas « in die Knie haut ». Doch an dessen Fuss beginnt wieder das geruhsame Wandern zum Tal hinaus, zu den braungebrannten Hütten der Schiltalp, wo wir uns noch vor wenigen Monaten im Sulzschnee tummelten und in Mulden Sonnenbäder genossen. Jetzt weidet hier Vieh. Doch bald wird wieder der erste Schnee fallen. Der sommerliche Bewohner und Eigentümer unserer « Winterklause » bringt eben das letzte Emd ein, wie wir aus dem Wintertal hinaustreten und das Dorf Mürren zu Gesicht bekommen Im sinkenden Abend wandern wir über Gimmelwald nach Stechelberg zurück und beenden unsere Rundtour.

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