Abseilen - kein Problem?

Ueli Mosimann, Utzigen ( BE )

Das Unfallgeschehen bei Abseilunfällen1 Abb.1 Abseilen im Dülfersitz war während Jahrzehnten die Standardme-thode. Gemessen an den heutigen Möglichkeiten, war deren Handhabung heikel und fehleranfällig, denn die Sitz- und Bremsfunktionen waren nur mit dem um Gesäss und Schultern geschlungenen Seil und der daraus resultierenden Körperreibung gewährleistet.

Zur Fragestellung ( Nur da hinaufsteigen, wo man ohne Seilhilfe auch im Abstieg wieder sicheren Boden unter die Füsse bekommt.Diese alte Bergsteigerregel muss heute, in der Zeit des modernen Freikletterns, in der abgesicherte Routen und vorbereitete Abseilpisten immer mehr zur Selbstverständlichkeit werden, als Relikt einer längst vergessenen Vergangenheit erscheinen.

Ist aber Abseilen wirklich problemlos? Es ist im Grunde genommen keine neue Erkenntnis, dass bei dieser Tätigkeit keine Fehler passieren dürfen. Trotzdem sind solche Ereignisse nicht selten und weisen darauf hin, dass Abseilen keineswegs eine Garantie für einen sicheren Abstieg bietet.

Weshalb es aber immer wieder zu derartigen Unfällen mit zumeist fatalen Konsequenzen kommt, wurde für das Gebiet der Schweizer Alpen und des Jura noch nie systematisch untersucht. Mit einem Überblick über die Entwicklung der Abseiltechnik und einer detaillierten Untersuchung des Unfallgeschehens während der letzten zehn Jahre sollen in diesem Beitrag die spezifischen Risiken beim Abseilen analysiert und dargestellt werden.

Geschichtliches Absteigen ohne technische Hilfsmittel war in den Anfängen des Bergsteigens mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln die Regel.

Wohl erlaubte das um einen Felsblock oder Eispickel geschlungene Seil, gebremst mit roher Kraft oder simpler Körperreibung, durchaus das Überwinden von kurzen Steilstufen im Abstieg. Für eigentliche Abseilmanöver aber waren die Seile zu kurz, zu schwer und zu unhandlich. Wurden Routen im Abstieg begangen, die über grössere Strecken Seilhilfe erforderten, war der zusätzliche Materialaufwand erheblich, und der Abstieg war nur mit entsprechender Planung und Vorbereitung durchführbar. Solche Unternehmungen wurden denn auch nur dann angegangen, wenn es galt, noch ( unbezwingbare ) Geländeabschnitte unbegangener Routen zu erkunden. Auf diese Weise wurden beispielsweise der Mittellegigrat am Eiger und der Furggengrat am Matterhorn erstmals im Abstieg begangen. War aber ein Abstieg oder ein Rückzug nicht vorbereitet, entwickelten sich kühne Vorstösse in Neuland nicht selten zu einer verzweifelten Flucht nach oben. Besonders eindrücklich beschreibt CG. Young ein solches Abenteuer, wie es sich im Sommer 1906 während der Erstbegehung der Täschhorn-Südwest-wand abspielte. Mangels jeglicher Rückzugsmöglichkeit gelang es Franz Lochmatter, dem wohl besten Alpinisten und Bergführer seiner Zeit, nur mit einer beispiellosen Parforceleistung, seinen Gefährten den Weg nach oben zu erzwingen. 27 Jahre später war es der gleiche Franz Lochmatter, der am Weisshorn, seinem Hausberg, im Abstieg 1 Dieser Beitrag entstand mit Unterstützung der Emil Huber-Stockar Stiftung, Löwenstr. 1, 8001 Zürich, welche die Leistung finanzieller Hilfe an die Folgen von alpinen Unfällen, Rettungs- oder Bergungsaktionen sowie an Vorkehrungen zur Vermeidung oder Linderung von solchen Unfällen und für entsprechende Schutzmassnahmen bezweckt.

auf der leichtesten Route tödlich stürzte, weil sich das Seil während eines kurzen Abseilmanövers von der Blockverankerung gelöst hatte.

Später, vor allem mit der Entwicklung der Klettertechnik in den Dolomiten und in den nördlichen Kalkalpen zu Beginn dieses Jahrhunderts, gewann das Abseilen zunehmend an Bedeutung. Denn die Verwendung von Eisenstiften und Felshaken erlaubte nicht nur eine wesentlich verbesserte Sicherung beim Klettern, sondern auch das Anbringen von Seilverankerungen im Steilgelände, was die Einsatzmöglichkeiten des Seils als Abstiegshilfe wesentlich erweiterte. Aber erst die von Hans Dülfer entwickelte Technik für Seil-zugsquergänge zur Überwindung nicht kletterbarer Passagen im Aufstieg verhalf der Abseiltechnik zum entscheidenden Durchbruch: Der sogenannte Dülfersitz, bei dem das um das Gesäss und die Schulter genommene Seil eine optimale Bremswirkung erhält, ermöglichte eine rasche und unkomplizierte Vorbereitung und Durchführung von Abseilmanövern. Diese Methode wurde zum Standard und vermochte sich bis weit in die siebziger Jahre hinein zu halten. Lange, senkrechte oder wiederholte Abseilmanöver aber waren auch mit dieser Methode weder üblich noch praktikabel. Allein schon der durchgescheuerte Hosenboden limitierte die Zahl der Abseilstellen spürbar und kategorisch. So wurde in der Regel nur abgeseilt, wo es eben nicht anders ging. Kaum einem Alpinisten wäre es in den Sinn gekommen, nach der Durchsteigung einer Wand die ganze Strecke wieder abzuseilen, solange die Möglichkeit eines einfacheren Abstieges bestand. Denn Abseilvorgänge waren, über den sehr beschränkten technischen Komfort hinaus, immer noch heikle Unterfangen: Verankerungen mussten sehr oft von jeder Seilschaft selbst installiert werden, weil allenfalls vorhandene Vorrichtungen materialbe-dingt meistens unzuverlässig waren. Aber auch die eigentliche Abseiltechnik selbst barg vielerlei Tücken. Der Dülfersitz allein war wohl bestechend einfach, erlaubte jedoch ohne Sitzgurt kaum eine wirkungsvolle Selbstsicherung. Andere Verfahren mittels improvisierter Abseilsitze und Bremseinrich-tungen waren umständlich und kompliziert. Entsprechend häufig waren Fehleinschätzun- Abb. 2 bis 4 Das moderne Material mit Sitzgürtel und Bremsgerät erlaubt ein komfortables und sicheres Abseilen. Die heute übliche Technik: Das Bremsgerät wird mit einer Verlängerungsschlinge und der Sicherungsschiebekno-ten kurz vor dem Anseil- geschirr am Doppelseil befestigt. Damit kann der Sicherungsschiebe-knoten auch im Steilgelände jederzeit wieder deblockiert werden. Die Abstände sind so zu wählen, dass das Brems- gen bezüglich der Zuverlässigkeit von vorhandenen Abseilverankerungen wie auch Fehlmanipulationen beim Abseilvorgang selbst. Dies führte immer wieder zu Unfällen, vor denen auch hervorragende Alpinisten nicht gefeit waren. So starb beispielsweise Emilio Comici, der exzellente Dolomitenkletterer der dreissiger Jahre, im Klettergarten, weil er sich einer unzuverlässigen Verankerung anvertraut hatte. Und Giusto Gervasutti, dessen Neutouren in den Ost- und Westalpen auch heute noch begehrte Ziele darstellen, verunfallte während eines Rückzugs am Mont Blanc du Tacul infolge einer Fehlmanipulation mit den Seilen. Während eines dramatischen Rückzuges nach einem Erstbegehungsversuch in der Eigernord- gerät jederzeit mit den Händen erreichbar bleibt und der Sicherungs-schiebeknoten nicht bis in die Bremse hineingezogen werden kann.

wand, als alle Gefährten bereits tot waren, starb Toni Kurz als letzter Überlebender, weil ein Knoten im Seil den Bremskarabiner blockierte.

Die Situation heute Die gegen Ende der siebziger Jahre einsetzende Entwicklung im Freiklettern brachte vieles in Bewegung. Neue Anschauungen, die konsequente Anwendung von leistungssportlichen Trainingsmethoden und bedeutende Innovationen im Materialsektor haben das sportliche Niveau im klettertechnischen Bereich in höchstem Masse beeinflusst.

So wurden auch bei der Erschliessung von neuen Routen neue Wege gesucht und gefunden: Denn die Elite, die die Entwicklung Abb. 5 und 6 Fester und steiler Fels prägt den Charakter moderner Klettergebiete. Abseilen, um den Einstieg zu erreichen, oder Abseilen, um zum Ausgangspunkt zurückzukehren, werden vielerorts durch eingerichtete Abseilstellen erleichtert.

vorantrieb, begnügte sich nicht lange damit, klassische Extremrouten, die zuvor mit Hakenhilfe erschlossen worden waren, frei zu begehen. Zusätzlich entstanden in rascher Folge neue Routen an Wandfluchten, die nicht in Kulminationspunkten enden, von wo ein einfacher Abstieg die Rückkehr ermöglicht. Abseilen über die zuvor erkletterte Route oder über eigens eingerichtete Abseilpisten wurde so vielerorts zur Regel, oder ein Abstieg war gar nicht anders möglich. Dazu waren aber neue Abseiltechniken notwendig. Der Dülfersitz wurde abgelöst durch Seil- bremsen, die sich problemlos mit den nunmehr üblichen Sitzgurten verwenden liessen. Vor die Alternative gestellt, für den Abstieg über die Normalroute die Bergschuhe im Rucksack mitzutragen oder aber ohne Ballast leichtfüssig emporzuturnen und mit Abseilen über die Aufstiegsroute zum Materialdepot zurückzukehren, setzte sich der Trend ( Abseilen statt Absteigen ) auch in klassischen alpinen Kletterrouten immer stärker durch. Dies bot anfänglich wenig Probleme. Einerseits war das alpintechnische Rüstzeug der ersten Freiklettergeneration in der Regel breit genug, um abschätzen zu können, wo ein Abstieg mittels Abseilen sinnvoll und sicher war. Andererseits waren die neu entstandenen Routen in der Regel recht kühn abgesichert, so dass auch die Begehungsfrequenzen verhältnismässig bescheiden blieben.

Steigende Sicherheitsansprüche, neue Anschauungen und nicht zuletzt die Verfügbarkeit von leistungsfähigen Bohrmaschinen, die das Anbringen von Bohrhaken wesentlich erleichtern, führten während der letzten Jahre dazu, dass bei Routenerschliessungen oder bei Sanierungen älterer Routen auch im mittleren Schwierigkeitsbereich perfekt abgesicherte Routen eingerichtet wurden. Als Folge davon entstand in vielen Klettergebieten ein Boom. Diese Entwicklung ist noch keineswegs abgeschlossen, und deren zukünftige Auswirkungen können gegenwärtig noch nicht in allen Konsequenzen überblickt werden. Abseilen oder Absteigen nach dem Durchsteigen einer Route ist heute kaum mehr ein Thema: Abgeseilt wird selbst dann, wenn der Ausgangspunkt rascher mit einem Fussabstieg erreicht werden könnte.

Besonders in vielbegangenen Klettergebieten führt dieser Trend zu unerfreulichen Komplikationen, wenn sich gleichzeitig aufsteigende und abseilende Seilschaften in die Quere kommen: Ein Gedränge an den Standplätzen ist aber nicht nur lästig. Mit der oftmals damit verbundenen Hektik entsteht für alle Beteiligten ein nicht zu unterschätzendes Risikopotential. Zudem ist meistens auch im festen Fels auf Bändern und Absätzen loses Gestein vorhanden, wodurch besonders beim Seileinziehen Steinschlag ausgelöst werden kann. Mehrere derartige Zwischenfälle, wie zum Beispiel an der Mittagfluh im Grimselgebiet, hatten nur mit viel Glück für die Betroffenen keine tödlichen Folgen.

Die Bereitschaft zum Abseilen beschränkt sich aber nicht allein auf reines Kletterge- Abb.7 Im alpinen Gelände sind meistens keine festen Abseilstellen vorhanden. Ob eine sichere Verankerung installiert werden kann oder bereits vorhandene Einrichtungen genügend stabil sind, muss richtig eingeschätzt werden können. Im Zweifelsfall sollten keine Kompromisse eingegangen werden: Abklettern anstatt unsicher abseilen ist in solchen Situationen meistens sicherer.

lande. Selbst auf klassischen Hochtouren wird mehr und mehr das Seil als Abstiegshilfe eingesetzt. Vor allem Alpinisten, deren Ausbildung und Erfahrung vorwiegend aus gesichertem Klettergelände stammen, haben vielfach Probleme, ihr Verhalten dem alpineren Gelände anzupassen: An sichere Verankerungen gewohnt, wird auf einer Hochtour bei jeder Gelegenheit am erstbesten Haken oder an der nächstliegenden Schlinge abgeseilt. Zudem ist das gestufte Gelände mit oftmals schlechter Felsqualität, wie es bei vielen Normalabstiegen von alpinen Touren anzutreffen ist, zum Abseilen ganz allgemein wenig geeignet. Allein die Möglichkeit, dass das Seil beim Abziehen hängenbleibt oder Steinschlag auslöst, gestaltet Abseilen zu einem heiklen Unterfangen. Derartige Zwischenfälle führen nicht selten dazu, dass anstelle eines Sicherheitsgewinns zusätzliche Risiken und Zeitverluste entstehen.

Zum Unfallgeschehen im allgemeinen Zunächst einige Bemerkungen zu den zur Verfügung stehenden Grundlagen: Zuverlässige Informationen über das gesamte Unfallgeschehen in den Schweizer Alpen und im Jura sind erst seit Mitte 1992 nach einer Neugestaltung des Meldewesens der Rettungsorganisationen vorhanden. Damit stehen allgemein bessere Hintergrundinformationen zur Verfügung. Allerdings können auch weiterhin nur diejenigen Ereignisse erfasst werden, die aufgrund eines Rettungseinsatzes bekanntgeworden sind. Die im folgenden genannten Unfallzahlen stützen sich deshalb auf die Statistik der tödlichen Bergunfälle ( vgl. dazu den aktuellen Beitrag über das Berichtsjahr 1993 im Junibulletin dieser Zeitschrift ).

Dieser Statistik zufolge sind in den vergangenen zehn Jahren von 1984 bis 1993 in den Schweizer Alpen und im Jura insgesamt 32 Personen beim Abseilen tödlich verunfallt. Der grösste Teil dieser Unfälle mit 24 betroffenen Personen ereignete sich anlässlich von Abb. 8 Eine klare Verständigung vor dem Abseilvorgang ist eine wichtige Voraussetzung für einen sicheren Ablauf.

Klettertouren oder im Klettergartengelände gemäss den Definitionen jener Statistik. Abseilunfälle sind damit beim Klettern im engeren Sinne die zweithäufigste Unfallursache mit tödlichen Folgen ( vgl. Graphik 1 ). Demgegenüber sind auf Hochtouren im gleichen Zeitraum 8 Personen beim Abseilen ums Leben gekommen. Diese Gegenüberstellung darf aber keinesfalls dahingehend interpretiert werden, dass Abseilen anlässlich einer Hochtour sicherer ist. Für eine eigentliche Risikobewertung müsste die Häufigkeit der Tätigkeiten einbezogen werden, worüber aber- nicht nur beim Abseilen - kein gesichertes Datenmaterial vorhanden ist. Immerhin kann angenommen werden, dass beim Klettern wesentlich häufiger abgeseilt wird, womit die kleineren Unfallzahlen im klassischen Hochtourengelände deutlich zu relativieren sind.

Welches sind nun die eigentlichen Unfallursachen? Berücksichtigt man alle Tätigkei- ten, die zu einem Abseilvorgang gehören, können Umfeld, Fehlmanipulationen und Materialversagen als Ursachengruppen unterschieden werden ( vgl. Graphik 2 ).

- Umfeld: Ereignisse ausserhalb des eigentlichen Abseilvorgangs; zum Beispiel Sturz während der Suche oder Vorbereitung einer Abseilstelle, Sturz beim Versuch, ein verklemmtes Seil nach dem Abseilen zu bergen, oder Steinschlag, der durch einen Abseilvorgang ausgelöst wurde.

- Fehlmanipulation: Mangelhafte Anwendung der Abseiltechnik; zum Beispiel un-korrektes Anbringen des Seils oder fehlerhafte Bedienung der Abseilbremse.

- Materialversagen: Bruch der Verankerung.

- Unbekannt: Ereignisse, deren Ursachen nicht eindeutig rekonstruiert werden konnten.

Ereignisse im Umfeld Es mag auf den ersten Blick erstaunen, dass sich nicht, wie meistens vermutet, beim eigentlichen Abseilvorgang selbst die meisten Unfälle ereignen. Hält man sich aber vor Augen, dass sich Abseilstellen in der Regel in oder unmittelbar über exponiertem Steilgelände befinden und dass sich die Seilschaftspartner spätestens beim Befestigen Graphik 1:

Primäre Ursache von tödlichen Kletterunfällen von 1984-1993 in den Schweizer Alpen und im Jura des Seils an der Verankerung vom Partieseil lösen müssen, werden die spezifischen Risiken sichtbar. Häufigste Unfallursachen in diesem Bereich sind:

- Seilfreies Suchen und Erreichen der Abseilstelle, fehlende oder mangelhafte Selbstsicherung beim Vorbereiten an der Abseilstelle.

- Sturz beim ungesicherten Versuch, nach dem Abseilen ein verklemmtes oder hän-gengebliebenes Seil zu lösen.

- Steinschlag, verursacht durch unsorgfälti-ges Abseilen oder Abziehen des Seils nach dem Abseilen.

Graphik 2:

Ursache aller tödlichen Abseilunfälle von 1984-1993 in den Schweizer Alpen und im Jura Anzahl Opfer A Umfeld:

Ereignisse ausserhalb des eigentlichen Abseilvorgangs ( Sturz bei der Suche oder Vorbereitung einer Abseilstelle, Sturz beim Versuch, ein verklemmtes Seil zu lösen, Steinschlag, der von einem Abseilvorgang ausgelöst wurde ) Fehlmanipulation:

Mangelhafte Anwendung der Abseiltechnik ( Anbringen des Seils, Bedienung der Bremse ) Materialversagen: Bruch der Verankerung Abb. 9 und 10 Abseilen über die Seilenden hinaus ist eine Unachtsamkeit, die fast immer zu einem fatalen Sturz führt. Besonders gefährlich ist das Abseilen mit einem unsymmetrisch eingezogenen Seil, weil das nahende Seilende nicht ohne weiteres erkannt werden kann.

Abb. 11 Manipulationsfehler sind auch bei modernen Bremsgeräten nicht ausgeschlossen. Wird während des Abseilvorgangs entlastet, kann sich die Bonaitibremse unter ungünstigen Voraussetzungen aushängen. Mit einem zusätzlichen Karabiner kann diese Fehlerquelle eliminiert werden.

Auch ein Sicherungs-schiebeknoten kann bei solchen Situationen nicht mehr funktionieren. Allein das Verknoten der Seilenden bietet einen wirksamen Schutz.

13 Ein signifikantes Merkmal ist die Tatsache, dass bei allen Ereignissen, die zu einem Absturz führten, keine Sicherung vorhanden war. Damit ist ausdrücklich darauf hinzuweisen, wie wichtig im ganzen Bereich einer Abseilstelle eine zuverlässige Selbstsicherung ist. Diese sollte unbedingt solange vorhanden sein, bis diese Funktion vollständig auf die eingehängte Abseilbremse und einen zusätzlichen Sicherungsschiebeknoten übertragen worden ist. Zudem sollten im Zusammenhang mit Abseilvorgängen grundsätzlich Schraubkarabiner verwendet werden.

Versuche, ein blockiertes Seil im Anschluss an ein Abseilmanöver zu lösen, können gefährliche Folgen haben, wenn unüberlegt und hastig gehandelt wird. An einem verklemmten Seil mit aller Gewalt zu ziehen, ohne dass man die Ursache der Behinderung kennt, verschlimmert die Situation in vielen Fällen zusätzlich. Entweder verklemmt sich das Seil noch stärker, oder es wird Steinschlag ausgelöst, wenn sich ein Seilende im lockeren Gestein verfangen hat. Ungesichert hinaufklettern, um ein Seil zu lösen, ist eine Notlösung, die nur dann erwogen werden sollte, wenn man die Situation wirklich überblicken und beherrschen kann.

Abb. 12 und 13 Besonders bereits vorhandene improvisierte Verankerungen mahnen zur Vorsicht.

Schwachstellen können in vielen Fällen mit einer visuellen Überprüfung erkannt werden.

Unfälle durch Fehlmanipulationen Die häufigste Ursache bei solchen Ereignissen ist Abseilen über die Seilenden hinaus. Entweder wurde das Seil nicht symmetrisch eingezogen, so dass ungleich lange Seilenden resultieren. Wird in einer solchen Situation über das kürzere Seilende hinaus abgeseilt, wird das Seil aus der Verankerung gerissen. Oder es wurde - trotz gleich langen Seilen - über die Enden hinaus weiter abgeseilt. Beide Situationen sind im Grunde genommen auf triviale Fehler zurückzuführen, die aber nicht nur Anfängern zum Verhängnis wurden. Einen einfachen und wirkungsvollen Schutz vor solchen Unachtsamkeiten bietet das Verknoten der Seilenden, wie dies bereits im Zeitalter der Dülfersitztechnik üblich war und auch heute noch als unbestrittene Lehrmeinung gilt. In der gegenwärtigen Praxis aber wird diese einfache Rückversicherung kaum angewendet. Dies dürfte vorwiegend darauf zurückzuführen sein, dass die heute am meisten verbreiteten Siche-rungs- und Bremsgeräte ( Halbmastwurfsicherung und Abseilachter ) eine starke Krangelbildung an den Seilen verursachen, die beim Abseilen tatsächlich sehr lästig sein kann.

Nur ein tödlicher Abseilunfall kann eindeutig auf eine fehlerhafte Bedienung der Abseilbremse zurückgeführt werden. Es wurden aber mehrere Unfälle bekannt, bei denen die Betroffenen mit zum Teil sehr schweren Verletzungen einen Sturz infolge einer Fehlmanipulation mit dem Abseilgerät überlebt haben. Insbesondere Zwischenfälle bei Ab-bremsmanövern weisen darauf hin, dass diese sehr sorgfältig ausgeführt werden müssen: Dies einerseits dann, wenn die abseilende Person die Bremse nicht selbst bedient, sondern vom Partner mittels des an der Abseilverankerung befestigten Gerätes abgebremst wird. Bei fehlender oder nicht Abb. 14 und 15 Auch eingerichtete Abseilstellen verlangen eine überlegte Seilhandhabung. Wird bei massiven Abseilringen so eingefädelt, dass beim Abziehen das hochgezogene Seilende unter den Ring zu liegen kommt, kann das Seil im letzten Moment blockieren.

eindeutiger Verständigung kommt es immer wieder vor, dass die Bremse zu früh losgelassen wird. Dies geschieht meistens dann, wenn sich das Seil entlastet, da die abseilende Person eine Geländeverflachung erreicht und dies vom Partner irrtümlicherweise als Ende der Abseilstrecke interpretiert wird. Ähnliche Situationen ergeben sich beim sogenannten Top-Rope-Klettern, bei dem von unten über eine Umlenkung gesichert und mit der gleichen Methode wieder abgebremst wird. Eine kurze Unachtsamkeit, wie etwa das Nichtbeachten des Seilendes, wenn der oder die Sichernde nicht angeseilt ist, führt fast immer zu einem Sturz des plötzlich nicht mehr gebremsten Partners.

Es sind nicht nur Anfänger, denen die ungenügende Vertrautheit mit der Materie zum Verhängnis werden kann. Gerade in bekanntem Gelände müssen auch sehr erfahrene Kletterer daran denken, dass ihnen jederzeit ein Missgeschick passieren kann, das sich nicht mehr allein mit reaktionsschnellem Handeln korrigieren lässt. Ein Sicherungs-schiebeknoten oder eine zusätzliche Seilsicherung während des Abseilvorgangs bildet einen wirkungsvollen Schutz, wenn irgend etwas Unerwartetes geschieht, das das Manöver gefährden kann. Auch wenn Seilkrangel durchaus lästig sein können, sollten zumindest bei unübersichtlichen, unbekannten oder sehr exponierten Abseilstellen die Seilenden vor dem Auswerfen des Seils verknotet werden.

Materialversagen Alle bekanntgewordenen Unfälle, die auf Materialversagen zurückzuführen sind, ereigneten sich infolge eines Bruchs der Abseilverankerung. Bei drei Ereignissen mit insgesamt sechs Opfern brach ein einzelner Normalhaken aus. Bei einem Unfall mit einer betroffenen Person riss das zur Verankerung dienende Schlingenmaterial. Ein weiterer Unfall mit einem Opfer ereignete sich, weil der verwendete Felsblock zuwenig stabil gewesen war. Ältere Unterlagen weisen darauf hin, dass solche Unfälle in früheren Jahren häufiger waren. Mehrmals hatten solche Ereignisse auch vieldiskutierte strafrechtliche Konsequenzen, wenn die Justiz bei der Sorgfaltspflicht beim Abseilen im allgemeinen und bei der Prüfung der Zuverlässigkeit einer Abseilverankerung im besonderen einen strengen Massstab anlegte.

Heute zeigt sich bei solchen Unfällen ein differenziertes Bild:

Unfälle im klassischen Tourenbereich Alle bekanntgewordenen Abseilunfälle mit tödlichen Folgen innerhalb dieser Ursachengruppe ereigneten sich im klassischen Tourenbereich. Obwohl auch hier in zunehmendem Masse Abseilstellen mit stabilen Sicher-heitsbohrhaken ausgerüstet werden, sind vielerorts noch Installationen von höchst zweifelhafter Qualität anzutreffen. Es ist geradezu alarmierend, wie unkritisch solche Einrichtungen immer wieder verwendet werden: Wer sein Leben ohne Not einem einzelnen rostigen Haken oder alten Schlingen anvertraut, die bereits jahrelang allen Witterungseinflüssen und Abnutzungen ausgesetzt sind, geht zu grosse Risiken ein. Dabei sind es nicht nur unerfahrene Bergsteiger, die im Abstieg die erstbeste Schlinge mit einer richtigen Abseilstelle verwechseln. Auch erfahrene Alpinisten lassen sich nicht selten dazu verleiten, alte Einrichtungen nach der Devise

Wie aber prüft man die Festigkeit einer Verankerung? Ein echter und aussagekräftiger Belastungstest ist in der Regel nicht praktikabel. Kritische Schwachstellen können aber auch in den allermeisten Fällen mit einer gründlichen visuellen Kontrolle erkannt werden: Ist nur ein Fixpunkt vorhanden, bieten allein genügend dimensionierte und qualitativ einwandfreie Einrichtungen genügend Sicherheit. Einzementierte Abseilringe älterer Bauart, moderne Klebankersysteme ( im deutschschweizerischen Sprachraum unter dem Begriff bekannt ) oder sehr stabile, natürliche Felsstrukturen wie Zacken, Blöcke oder grosse Sanduhren sind zuverlässige Einrichtungen. Bereits vorhandenes Schiingenmaterial ist grundsätzlich vorsichtig zu beurteilen. Verschleiss und Alterung sind hier nicht ohne weiteres erkennbar. Nie sollten Bandschlingen verwendet werden, da die Abnützung an den Rändern beim Seilab-ziehen extrem gross ist.

Unfälle in modernen Klettergebieten In Klettergebieten mit modernen Sportkletterrouten und vorbereiteten Abseilpisten wurde in der beobachteten Periode kein tödlicher Unfall bekannt, welcher auf den Bruch einer vorbereiteten Abseilstelle zurückzuführen ist. Dies stellt der Qualität dieser meist noch neueren Installationen ein gutes Zeugnis aus. Solange die Erschliesser von neuen Routen und Gebieten ihre Werke mit Verantwortungsbewusstsein unterhalten, dürften hier auch keine gravierenden Probleme auftreten. Mit der weiterhin zunehmenden Verbreitung solcher Routen ist es aber absehbar, dass das Sanieren von , die mit den Jahren durch Korrosion und Abnützung entstehen werden, für die Sicherheit in Klettergebieten von grosser Bedeutung sein wird.

Vorwiegend bei Klettergartenrouten stellen vorhandene Schlingen in Zwischensicherungen oder in Umlenkpunkten,die zum Top-Rope-Klettern verwendet werden, ein besonderes Gefahrenmoment dar. In den letzten Jahren haben sich mehrere ernsthafte Unfälle ereignet, wenn solche Schlingen während eines Abseilvorgangs gerissen sind. Es ist eindringlich darauf hinzuweisen, dass solches Material zum Abseilen nicht geeignet ist. Wurde nämlich an solchen Vorrichtungen bereits mehrmals unter Last abgebremst oder wurden bei Kletterversuchen Stürze gehalten, ist der Verschleiss in der Umlenkung derart gross, dass die Festigkeit in Kürze auch geringen Belastungen nicht mehr standhalten kann.

Schlussbemerkungen Gemessen an den früheren Möglichkeiten ist Abseilen heute, rein technisch gesehen, im Grunde genommen unproblematisch. Abgeseilt wird praktisch ausschliesslich mit mechanischen Bremsen, die sich mit dem 2 zum Beispiel Sommerbergsteigen/Sportklettern oder Gebirgsrettung Sommer ( SAC-Verlag ) Klettergürtel kombinieren lassen. Verlässt man sich dabei auf die allgemein anerkannten und in der Alpintechnikliteratur2 ausführlich beschriebenen Methoden, sind, allein aus dieser Optik betrachtet, alle Unfälle vermeidbar, wenn im Bewusstsein der kleinen Fehlertoleranz sorgfältig vorbereitet und konzentriert abgeseilt wird. Beim Abseilen gilt es aber - über die technischen Faktoren hinaus -, für die Sicherheit noch weitere Aspekte zu beachten:

- Abseilen gibt nicht nur im hochalpinen Gelände keine Garantie für einen problemlosen Abstieg. Auch in eingerichteten Klettergebieten werden Abseilmanöver in einem Wettersturz oder nach eingebrochener Dunkelheit eine sehr ernsthafte Sache und können rasch zu unberechenbaren Abenteuern eskalieren.

- Wer nur aus Bequemlichkeit rücksichtslos über eine Route abseilt, auf der sich noch Seilschaften im Aufstieg befinden, zeigt nicht nur wenig Stil, sondern kann Unbeteiligte in unverantwortbarem Masse gefährden.

- Bei der Erschliessung von Klettergebieten und bei der Sanierung von bestehenden Routen sollten Abseilpisten nicht über oder im unmittelbaren Bereich von Aufstiegsrouten angelegt werden. Zudem sollten in Routenbeschreibungen auch vermehrt alternative Abstiegsmöglichkeiten aufgezeigt und empfohlen werden.

- Wer während einer Basisausbildung nur mit eingerichteten Standplätzen konfrontiert wird und nur gesehen hat, dass der zuletzt erreichte Standplatz zugleich die erste Abseilstelle ist, wird kaum über das notwendige Rüstzeug verfügen, bei unerwarteten Situationen eine richtige Entscheidung zu treffen. Das Thema Absteigen sollte sich deshalb auch bei reinen Kletterkursen nicht allein auf die technischen Aspekte des Abseilens konzentrieren.

- Abseilen oder besser Absteigen? Letztlich eine Frage, die man sich auch im gegenwärtigen Trend zum Abseilen immer wieder zu stellen hat. Möglicherweise wäre ein gemütlicher Abstieg zu Fuss auch heute noch hier oder dort eine nerven- und seilschonende Alternative und würde den Ballast von einem Paar Bergschuhen im Rucksack bei weitem aufwiegen.

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