Älteste Gipfelbewohner

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r3Von Eduard Frey

Flechten als Pioniere der alpinen Vegetation.. _ Mit 1 Skizze, 2 Karten und 3 Bildtafeln ( 119—125Bern ) Beim Aufstieg zur Klubhütte haben wir den Bergwald durchwandert, wo in der Nebelzone die Tannen und Lärchen mit weisslichgrauen, gelblichen, fahlgrünen und schwärzlichbraunen Barten behangen, wo die Mooskissen auf alten Bergsturzblöcken von allerlei strauchigen oder blattartigen Flechten durchwirkt sind. Im Zwergstrauchgürtel über der Waldgrenze mehren sich diese eigenartigen Pflanzenformen, besonders auf kalkarmem Fels- und Schuttboden, wo auf exponierten Rücken und Felsbuckeln der Schnee im Winter fortgeblasen wird und die Tiere der Hochalp ähnlich wie die Rentiere der nordischen Tundra sich mit den krausen Rentierflechten, dem zierlich gezähnten, glänzend braunen « Isländisch Moos » und andern Strauchflechten als karger Notnahrung begnügen müssen.

In den obersten alpinen Rasen, nahe der Schneegrenze, treten auf ausgelaugten, sauren Böden die Blütenpflanzen allmählich zurück gegenüber den Krusten-, Schuppen-, Blatt- und Strauchflechten, die von Moosen durch-sponnen in allen Farben und in allen Abstufungen von Weiss bis Schwarz den Boden bedecken, denen aber das reine Grün der Gräser und Kräuter fehlt. Ein ähnliches Vegetationsbild bietet sich uns auf den ausgewaschenen, unfruchtbaren Sand- und Kiesrücken der Gletschermoränen im Urgesteins-gebiet ( Abb. gegenüber S. 352, unten ).

Vorspringende Felsen und Blöcke sind mit ganz eigenartig verteilten Flechtengesellschaften besiedelt ( Abb. 119, gegenüber S. 345 ). Es sind die Stellen, wo die durchziehenden Vögel sich häufig niederlassen und die Felsköpfe beschmutzen mit ihrem Kot, der reich ist an Stickstoff und Phosphorsäure. Die oberste Kuppe eines solchen Vogelsitzplatzes auf Granit, Gneis oder einem andern Silikatgestein ist oft ganz kahl, mit weisslichem Kot bedeckt. Bei etwas geringerer Düngung ist sie gekrönt durch weissgraue Krusten von Physcien 1 oder fahlgelbliche oder blassgrünliche Sträuchlein der Ramalina capitata 1, die in Abb. 119 mit ihren rundlichen Kissen die gebleichte Felsspitze umsäumt. Etwas weiter von der Kulmfläche weg gedeihen an den noch weniger gedüngten Stellen graue, braune oder auch orangegelbe Krusten- und Blattflechten, auch braunschwarze Bartflechten ( Abb. 119 ), wie sie sonst im Geäst einzelstehender Wettertannen, Arven und Lärchen hängen. Auf Kalkfelsen dagegen tragen die Vogelsitzplätze eine ganz andere Vegetation. Eine leuchtend orangerote, in feinen, strahlig verteilten Lappen auswachsende, krustig-schuppige Flechte: Caloplaca elegans, lässt den aufmerksamen Beobachter von weitem die Ruheplätze der Vögel erkennen. Es ist die gleiche Art, welche die Gneisplatten der Dächer in den enggedrängten Walliser und Tessiner Dörfern mit einer orangefarbenen Patina überzieht. Die reichliche Ausdünstung der vielen Düngerhaufen in den engen Gässlein bedingt die Häufigkeit dieser stickstoffliebenden Flechte. In niederschlagsarmen Gebieten, so im Wallis und Unterengadin, sind diese Flechtengesellschaften der Vogelsitzplätze häufiger und deutlicher ausgebildet als etwa an der Grimsel, wo die vielen Niederschläge die Düngstoffe rascher wegspülen.

Am auffälligsten treten uns die Flechten entgegen, wenn wir die zackigen Grate der Gneis- und Granitgipfel erklettern. Wo die letzten Blütenpflanzen zurückbleiben, wo höchstens noch in einer feuchten Erdnische der Gletscherhahnenfuss mit seinen fein zerteilten, glänzenden Blättern und seinen zartroten Blüten unser Auge fesselt, da sind die Buckel, Türme und Wände bedeckt mit einem bunten Mosaik der Krustenflechten, über diese wachsen schwärzliche oder dunkelbraune, selten hellere Blattflechten. Die häufigsten und auffälligsten unter ihnen sind die Nabelflechten ( Umbüicariaceen, umbilicus = Nabel ), von denen wir einige in Abb. 119 links unten erkennen und in den Abb. 122—125 ( gegenüber S. 353 ) einzeln darstellen. Der Name weist darauf hin, dass sie mit einem in der Mitte der Blattunterseite befindlichen Nabelstrang am Felsen fest « verwurzelt » sind. Bei trockenem Wetter sind sie starr und brüchig, so dass sie unter unseren Händen zerbröckeln, wenn wir den Fels fest anpacken, oder unter unseren Füssen, die nach guten Tritten 1 Die wenigsten Flechten haben Vulgärnamen, die in einer Umgangssprache bekannt sind. Deshalb müssen wir uns der wissenschaftlichen Benennung bedienen.

ÄLTESTE GIPFELBEWOHNER suchen. Bei feuchtem Wetter dagegen sind sie weich und schwammig wie alle Flechten und verraten uns, dass sie ganz merkwürdige Pilze sind.

Pilze auf den höchsten Alpengipfeln? Pilze, die wir sonst als leichtvergängliche, Schatten und Feuchtigkeit, muffige Moderluft liebende Pflanzen kennen, sollen auf den sturmumbrausten Gipfelgraten bald grimmiger Kälte, bald intensiver Sonnenstrahlung, zeitweise langer Schneebedeckung und wieder langen Trockenzeiten trotzen können? Wie ist dies möglich?

Flechten sind Doppelwesen. Es sind Pilze ( Skizze ), die in ihrem Innern grüne oder blaugrüne Algenzellen bergen, mit denen sie in Symbiose ( Lebensgemeinschaft ) leben. Bekanntlich können nur grüne Pflanzen selbständig leben, indem ihre Blattgrünkörner ( Chlorophyll ) die Kohlensäure der Luft assimilieren und mit dem Wasser aus der Erde zu Zucker, Stärke, Zellulose und andern Kohlehydraten aufbauen. Die mikroskopisch kleinen Algenzellen in den Flechten sind wie alle freilebenden Algen dank ihres Chlorophyllgehaltes selbständigere Lebewesen als Tier und Mensch. Kohlensäure, Wasser und Spuren von Nährsalzen genügen zu ihrem Gedeihen. Die Flechtenpilze nützen diese Eigenschaft aus; sie lassen sich mit Sklavenhaltern vergleichen, die ihre Sklaven, die Algen, soweit leben lassen, dass sie ihnen die nötigen Kohlenhydrate und Fette liefern können und sich so stark vermehren, wie es für die Flechtenpilze nötig ist. Vergleichen wir diese mit Sklavenhaltern, so wollen wir damit betonen, dass der Pilz als Genossenschafter mehr Vorteile hat als die Alge. Immerhin schützt der Flechtenpilz mit seinem Rindengeflecht ( Skizze, 1 ) die Algen vor Vertrocknung und zu viel Licht, so wie wir unsere Augen im Hochgebirge mit einer dunklen Brille schützen. Wo die Felswände an den Firnschnee grenzen oder wo in Blockhalden die einen Blöcke länger schneebedeckt sind, fallen die helleren Farben des Gesteins auf. Das kommt nicht nur daher, weil die Gesteinsoberfläche durch die längere Schneebedeckung stärker angewittert ist, sondern auch, weil die an lange Schneebedeckung gewöhnten Flechten eine hellere Skizze, a: Schnitt durch ein Thallusstück einer Blattflechte mit Fruchtschüssel, ca. 50 mal ver-grössert. b: Schnitt durch den Rand eines Thallus-lappens, der sich in Brutkörner ( Soredien ) auflöst, c: ein Brutkorn, d: dieses wächst wieder zu einer Flechte heran, e—f: Kalkflechte, im Gestein wachsend, bei e ein Fruchtbecherchen mit Sporenschläuchen, bei f ist ein solches herausgefallen und bietet der Verwitterung Gelegenheit. 1: Rinde, bei e—f schon in der Gesteinsoberfläche. 2: Algenschicht. 3: Mark, d.h. blosses Pilzgeflecht, das sich bei e—f in das Gestein einfrisst. 4: untere Rinde der Blattflechte.

Rinde haben. Die schwarzen, düsteren Farben der Urgesteinsgipfel sind durch reichliche Bedeckung mit den an stärkste Belichtung gewöhnten Flechten bedingt.

Langsames Wachstum und hohes Alter.

Denken wir an das rasche Wachstum der Schimmelpilze oder der Hutpilze des Waldes, die oft in wenigen Tagen aus der Erde hervorbrechen, sich entfalten und wieder rasch zerfallen, so muss das ausserordentlich langsame Wachstum der Flechten unser Staunen erwecken.

Das Doppelbild gegenüber S. 352 oben stellt zwei Ausschnitte aus einer Flechtengesellschaft auf einem Gneisblock bei Scarl ( Unteiengadin ) dar1. Im Bild links ( mittleres Quadrat links ) und im Bild rechts ( Quadrat 1/3 ) sehen wir vielblättrige, schwarz umsäumte Lager der Nabelflechte Umbilicaria cylindrica ( vgl. Karte 1, S. 350 und den dazu gehörenden Text ). Diese beiden Blattflechten zeigten während 20 Jahren ein Randwachstum von kaum 2 mm. Die nahverwandte Umbilicaria virginis vom Rheinwaldhorn ( Abb. gegenüber S. 353 oben ) misst in Wirklichkeit 12 cm im Durchmesser. Ich sammelte sie in einer nordexponierten Felsnische, umgeben von Firnschnee. Der Standort ist sicher nur wenige Wochen im Jahr schneefrei. Messen wir trotzdem der Nabelflechte vom Adulajoch das gleiche Randwachstum zu wie den bei Scarl in nur 1800 m Meereshöhe gewachsenen Flechten, so würde unsere Adula-flechte ein Alter von mindestens 600 Jahren gehabt haben. Wahrscheinlich war sie aber schon vor 1000 Jahren so gross wie die kleinen Exemplare der gleichen Art, wie ich sie in der Abb. gegenüber S. 353 ( unten links ) von verschiedenen Standorten aus den Alpen und dem Karakorum photographiert habe.

Die erwähnten Abbildungen von Scarl weisen neben den genannten Nabelflechten ein buntes Mosaik von Krustenflechten auf, die von 1922—1942 ein noch geringeres Wachstum zeigten. Besonders auffällig ist die Haematomma ventosum ( Bild links, Quadrat 1 und 2 ). Ihre gelblichgrüne Kruste trägt 1—2 mm breite, hellumrandete Pilzfrüchtchen, deren blutrote Scheibchen wie Blutstropfen aussehen ( Haematomma = Blutstropfen ). Die Lager dieser farbenschönen Flechte bedecken auf windgepeitschten Graten ( ventos = Wind ) oft mehrere Quadratdezimeter und bilden eine bunte Abwechslung im vorherrschenden Grau und Schwarz der übrigen Flechtenvegetation. 1942 waren die älteren dieser Pilzfrüchte noch in gleicher Verteilung wie 1922 vorhanden, die kleinsten Fruchtscheiben ( in der Abb. schwarz auf hellem Grund ) hatten an Grosse kaum messbar zugenommen. Diese Fruchtscheiben entwickeln sich nämlich auch ausserordentlich langsam, obschon sie Sommer und Winter lebensfähig sind und stets reife Sporen ( Vermehrungszellen ) enthalten.

1 Leider ist bei der Herstellung der Tafelbilder ein arges Missverständnis unterlaufen. Die Aufnahme rechts hätte genau die gleichen Quadrate wie in Aufnahme links zur Darstellung bringen sollen. Statt dessen sind nun im Bilde rechts ganz andere Quadrate aus dem gleichen photographischen Negativ enthalten. Die Vergleichsmöglichkeiten, wie sie in der Bildlegende besprochen sind, fallen leider dahin. Der Verfasser bekam die Drucke der Tafeln erst zur Einsicht, als diese schon komplett ausgedruckt waren. Er bittet den Leser, seine Angaben über das Wachstum auf Treu und Glauben hinzunehmen. Die beabsichtigten und weitere photographische Dokumentationen über das Wachstum von Flechten werden in einer anderen Publikation nächstens erscheinen. Die beiden Bilder sollen in den obenstehenden Zeilen eine andere Auswertung erfahren als ursprünglich beabsichtigt war.

Alteste gipfelbewohner Freilich wachsen nicht alle Flechtenarten so ausserordentlich langsam wie die abgebildeten. Die Rentierflechten ( Cladonia rangiferina sens lat .) wachsen in Lappland pro Jahr ca. 1 cm in die Höhe, so dass der Lappe ca. zehn Jahre warten muss, bevor er mit seiner Herde den gleichen Winterweide-platz wieder bezieht. Den Rentierflechten verwandt sind die kleinen Becherflechten ( Cladonia coccifera ), wie sie auf der Abb. gegenüber S. 352, unten ( vor dem länglichovalen Kieselstein ) erkennbar sind. Ich schätze das Alter dieser drei Becherchen auf ca. zehn Jahre. Die Bartflechten der Bergwälder wachsen wohl einige Zentimeter pro Jahr, so die Usnea longissima ( längste Bartflechte ), deren wenig verzweigte, feinbewimperte, an die Flitterschnüre der Weihnachtsbäume erinnernde Stränge bis drei und mehr Meter Länge erreichen können 1.

Das langsame Wachstum und das hohe Lebensalter lassen eine ausserordentliche Widerstandsfähigkeit und Zählebigkeit vermuten. Daraus ergibt sich weiter, dass die Flechten wichtige Pioniere der Vegetation auf Fels und Schutt sind. Infolge ihres langsamen Wachstums und ihrer grossen Genügsamkeit vermögen sie an Orten zu wachsen, wo sonst keine Pflanze gedeihen kann. Das Stereocaulon alpinum ( Säulchenflechte ), jenes weissliche, korallenähnliche Pölsterchen in der Abb. gegenüber S. 352 unten wächst sowohl in den Schneetälchen auf kalkarmem Boden, wo der Boden oft nur ein bis zwei Monate schneefrei ist, aber auch auf den Sandern der Alpenflüsse. Ich sammelte es von 800 m an bis zu 3400 m auf dem Oberaarhorn und dem Grossglockner. An seinem Standort im jetzt vom Grimselstausee bedeckten Aarboden mass ich im Jahre 1918 am 25. Juli um 13 Uhr bei 16,5° Lufttemperatur 1 cm tief im Sandboden 25,5° und mit dem Schwarzkugelthermometer auf dem nackten Sand, neben Stereocaulon eine Strahlungstemperatur von 59° C. Sicher müssen viele Gesteinsflechten noch grössere Temperaturschwankungen aushalten, wenn wir bedenken, wie vor allem der Kalkfels sich rasch erwärmt und wieder abkühlt.

Kalkflechten und Kieselflechten. Wählen wir in einer alten Moräne oder einem Bergsturz nahe beieinander zwei grosse Blöcke aus, einen Kalkblock und einen ungefähr gleich grossen Gneisblock, und notieren sämtliche Flechtenarten auf den beiden Blöcken, so kann es sein, dass wir je nach ihrem Alter und ihrer Grosse auf jedem 20-50 verschiedene Arten finden, zusammen also 40-100 Arten, von denen kaum ein halbes Dutzend den beiden Blöcken gemeinsam sind. Auch der Anblick ist ein ganz anderer. Der Silikatblock ist vielleicht über und über von einem zusammenhängenden Flechtenmosaik bedeckt, der Kalkblock scheint zum grössten Teil kahl zu sein. Bei näherer Prüfung mit der Lupe erkennen wir aber, dass alle scheinbar nackten Stellen voller Grübchen sind, die sich von blossem Auge als Punkte 1 Diese in alten Wäldern der nördlich gemässigten Zone und Subarktis weitverbreitete, aber nirgends häufige, interessante Flechte ist in der Schweiz sehr selten. Dr. M. Oechslin hat mich auf ihr Vorkommen im Maderanertal aufmerksam gemacht, wo sie an vereinzelten Stellen alte Fichten mit 1-3 m langen Schnüren bekleidet.

< oprino. ► subaprma liaumaniana Zahlbruckneri X cilindrica, Areal in.N^Ameri.k3.£yrgasn.

Auf Kieselgestein vermögen die Flechten natürlich nicht so einzudringen wie im Kalkfels. In meiner Grimselarbeit ( 1922 ) habe ich beschrieben, wie die Krustenflechten den Feldspat und Glimmer kaolinisieren, d.h. in ein weisses Pulver zerlegen. Das liess sich auf den glatt polierten Gletscherschliffen besonders deutlich erkennen. Freilich braucht es zu dieser Zerstörungsarbeit Jahrzehnte, Jahrhunderte. Der Erfolg dieser Pionierarbeit ist gesichert durch die Langlebigkeit der Flechten.

ÄLTESTE GIPFELBEWOHNER a. decussata, v polaris J* » Leiocarpa.1 I rigida. ) fi reale von-, decussatatleioc arpa.latms.cU ne.rascens,mic= \b 4 Darrowii microphyllOLuliginosa.

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K Krascheninnikouti 30 Mend«n OdcGrearrwich 30 Karte 2: Anthracinae Die Verbreitung der Gipfelflechten, speziell der Nabelflechten.

Obschon die Flechtenpilzsporen meist keimfähig sind, wenn sie ausgeworfen werden, ist damit die weitere Existenz der Flechten nicht gesichert. Die Sporen müssen das Glück haben, geeignete Algen als Partner zu finden. Das ist nicht so einfach. Man hat im Experiment nachgewiesen, dass sozusagen jeder Flechtenpilz seine besondere Partnerin hat. So wie der Flechtenpilz nicht ohne die spezifische zugehörige Flechtenalge leben kann, sind wahrscheinlich die meisten Flechtenalgen auf besondere Arten oder Rassen von Flechtenpilzen angewiesen und können nicht frei leben. Die Natur hat auch hier einen nützlichen Weg gefunden. Die meisten Flechtenarten verbreiten sich durch kleinste Bruchstücke, die mikroskopisch klein sein können, die aber beide Genossenschafter enthalten, einige Algenzellen, umsponnen von einem Pilzfaden. Diese Brutkörner ( Skizze S. 347 cd ), Soredien genannt, können durch Wasser und Wind weithin verbreitet werden. Der Pilz hat dann immer die Alge bei sich, die Existenz der Flechte ist gesichert.

Beschränken wir uns auf die Verbreitungsverhältnisse der Nabelflechten, weil diese den Alpinisten am meisten interessieren dürften. Die Verbreitungskarten 1 und 2 zweier Artgruppen der Gattung Umbilicaria zeigen uns allgemein die weltweite Verbreitung einiger dieser sonderbaren Gipfelflechten. Die Karte der Polymorphae ( 1 ) zeigt zunächst, dass die Umbilicaria cylindrica ( vgl. Abb. 2 und 3 gegenüber S. 352 ) auf der nördlichen Halbkugel ein geschlossenes Areal besiedelt, natürlich überall nur, wo kalkarmes Gestein vorkommt. Aber sie findet sich auch in Abessinien, auf dem Kilimandscharo, in Tasmanien, Neuseeland und Grahamland ( Antarktis ). Diese weite Verbreitung lässt sich einigermassen damit erklären, dass diese sehr anpassungsfähige und variable Art von den tiefsten Gebirgstälern bis auf die allerhöchsten Gipfel vorkommt. So hat sie sich im Lauf der Erdgeschichte über weite Gebiete verbreiten können. Anders Umbilicaria virginis. Ihre weite Verbreitung in der Nordhemisphäre ist schon weniger verständlich, wenn man weiss, dass sie eine ausgesprochene Hochgipfelflechte ist. Bis jetzt habe ich sie in der ganzen Alpenkette nie unter 2700 m gefunden. Allerdings reicht sie in den spanischen Pyrenäen bis auf 2200 m herab, ebenso in den Kordilleren Nordamerikas. Aus dem Himalaya ist sie zwischen 5000 und 6300 m gesammelt worden. Dr. Rudolf Wyss brachte sie mir aus dem Karakorum von Standorten zwischen 4000 und 5300 m. Sogar in Nordostgrönland meidet sie die meeresnahen Küsten-zonen, steigt dagegen bis 1350 m, mit Umbilicaria cylindrica dringt sie polar bis Franz-Joseph-Land ( 81° ) vor. Auf den antarktischen Gipfeln scheint sie zu fehlen, doch konnte ich mit M. Lamb eine Umbilicaria antarctica var. subvirginis beschreiben, die unserer Umbilicaria virginis nahesteht1.

Weil Umbilicaria virginis also eine ausgesprochen alpin-nivale Flechte, kurzweg eine typische Gipfelflechte ist und zudem wenig Tendenz zur Bildung von Brutkörnern oder andern vegetativen Vermehrungsorganen zeigt, so ist es schwer zu verstehen, wie sie sich von einer Gebirgskette zur andern durch weite Tieflandräume hat verbreiten können. Es müssen ungemein lange Zeiträume und wohl auch langdauernde Eiszeiten diese weltweite Verbreitung ermöglicht haben.

Neben diesen weitverbreiteten Arten gibt es auch solche mit einer — vielleicht scheinbaren — beschränkten Verbreitung. So wurden mir die von mir als neue Arten beschriebenen Umbilicaria Haumaniana, Umbilicaria subaprina und Umbilicaria Zahlbruckneri bis jetzt nur aus den in der Karte 1 bezeichneten Gebieten zugeschickt, die erste vom Ruwenzori, die zweite von dort und von Abessinien, die dritte von Neuseeland. Aber es ist leicht begreiflich, dass die Kenntnis von der Verbreitung dieser Arten noch 1 Diese Umbilicaria virginis hat übrigens eine interessante Entdeckungsgeschichte. Ums Jahr 1840, als die Neuenburger Forscher Agassiz ( nach dem das Agassizjoch am Finsteraarhorn getauft ist ), Désor, Vogt u.a. die klassischen Gletscherforschungen am Aar- und Aletschgletscher betrieben, brachte einer von ihnen diese Nabelflechte vom Gipfel der Jungfrau und übermittelte sie dem ersten schweizerischen Flechtenforscher, E manuel Schaerer, damals Pfarrer in Belp. Dieser taufte die neuentdeckte Art dem Fundort zu Ehren Umbilicaria oirginis ( zu deutsch: Nabelflechte der Jungfrau ). Später wurde unter den verschiedensten Namen die gleiche Flechtenart von verschiedenen Gegenden neu beschrieben, so vom finnischen Forscher Nylander als Umbilicaria rugifera, d.h. die Runzeln tragende ( vgl. Abb. gegenüber S. 353 oben rechts I ). Als ich ein reiches Material von Nabelflechten aus europäischen und nordamerikanischen privaten und Universitätssamm-lungen zur Einsicht bekam, konnte ich die Identität aller Funde dieser Art feststellen. Da aber Schaerer der erste war, der sie richtig beschrieben hat, was aber von den späteren Lichenologen übersehen wurde, so musste ich den von ihm gewählten Namen als gültig erklären. So kommt es oft, dass auch die lateinischen, wissenschaftlich präzisen Namen einer Art wechseln müssen.

Flechten

2. Scarl 1922 3. Scarl 1942 Flechtengesellschaft auf einem Gneisblock bei Scarl, 1800 m, N-Expos ., in natürlicher Grosse. Links 1922, rechts 1942, je am ersten August aufgenommen. Quadrat 1 und 2 oben: Haematoma ventosum mit vielen weissberandeten Fruchtscheiben. Im Q 2 untere Hälfte, teilweise auf dem nackten Fels, eine schollige Flechte; darüber wächst eine dunkle. Q 3 mit Umbilicaria cylindrica alt, 0 4 mit mehreren schwarz berandeten Krusten, deren Wachstum von 1922 bis 1942 sehr deutlich gemessen werden kann. Q 5 ( links unten ) mit mehreren jungen U. cylindrica. Q 6 und zum Teil Q 5: eine helle Kruste mit vielen noch helleren Fruchtscheiben ( Lecanora sordida ), darin kleine dunkle Krusten, deren Wachstum ebenfalls leicht messbar ist.

Flechtenvegetation auf der linken Seitenmoräne des Aletschgletschers am untern Rand des Aletschwaldes. Im Moosrasen von Rhacomitrium canescens links unten Becherchen von Cladonia Coc-cifera, rechts unten das weisse Sträuchlein von Stereocaulon alpinum, dazwischen Frucht-becher einer Krustenflechte ( Psoroma hyp-n o r u m ). Die zwei längs-ovalen Kiesel und die Gneisschieferplatte umsäumt von Stereocaulon tyroliense.

120/12Photos Ed Fiev IMS Art. Institut Orell Füssli A.G. Zürich Di« Alnon - 1047 - I.o« Ali-.o=

Flechten

Umbilicaria virginis. Rheinwaldhorn, Adulajoch 3200 m, N-Exp. leg. Ed. Frey 28. 7. 1928. Links Unterseite mit deutlichen Nabelsträngen, rechts Thallusoberseite mit vielen Fruchtscheiben.

Abb. 6. Umbilicaria virginis. Schaer.

Obere Reihe 1 und 2. Stück: Grossglockner 3780 m, leg. E. Frey 4. 8. 1931, Thallusober- und -Unterseite. 3. u. 4. St. ( untereinander ): Karakorum, Chardungpass 5300 m, leg. Dr. Rud. Wyss 1931. Untere Reihe 1. St.: USA, Wyoming, Shoshone Mts. 2300 m. 2. u. 3. St.: Combin du Meitin 3550 m, leg. E. Frey 1943.

Abb. 7. Umb. glauca var. Ruven-zoriensis Frey. Aequatorialafrika. Ruvenzori 4000 m, leg. Hauman 1932. Oberseite mit zahlreichen Fruchtscheibchen, Unterseite rauh, aber ohne Wimpern.

122/125 Aufnahmen Ed. Frey 1937 Art. Institut Orell Füssli A.G. Zürich Die Alpen - 1947 - Les Alpes recht lückenhaft ist und dass sich viele der bis jetzt nur in einem beschränkten Gebiet bekannten Arten mit der Zeit auch anderswo finden lassen.

Die Karte der Polymorphae ( Karte 1 ) wie auch die andere der Anthracinae ( Karte 2 ) zeigen grosse Lücken. So ist z.B. das Gebiet der Kordilleren, auch der Rocky Mountains, weitgehend eine lichenologische Terra incognita. Und gerade dieser längste Nord-Süd sich erstreckende Gebirgszug wäre am besten geeignet, Verbreitungsfragen zu lösen. Im ganzen Himalayagebiet sind bis jetzt keine Anthracinae bekannt, sicher aber dort zu erwarten, da ja die häufigste und verbreitetste Art dieser Gruppe ( Karte 2 ), die Umbilicaria decussata, in der Arktis und Antarktis bekannt ist, aber auch im Kaukasus, in Kleinasien und im Atlasgebirge. Auch Umbilicana decussata ( Abb. gegenüber S. 345 ) ist eine ausgesprochene Gipfelflechte, die in den Alpen, in Skandinavien und anderwärts nirgends unter die Baumgrenze herabsteigt.

In unseren Alpen und den übrigen europäischen Gebirgen ist aber auch noch vieles zu entdecken. Eine Umbilicaria Ruebeliana 1, die ich im Jahre 1923 zusammen mit Prof. Du Rietz ( Upsala ) neu beschrieben habe, konnte ich seither in der ganzen Alpenkette von den Alpes Maritimes bis weit in die Ostalpen hinein feststellen. Und das kleine Sfereocaulon tyroliense, das auf der Abb. gegenüber S. 352 unten mit seinem zierlichen Filigran die zwei ovalen Kieselsteine und die flache Schieferplatte umsäumt und das bis vor kurzem nur aus dem Tirol bekannt war, habe ich in vielen grösseren Gletscher- und Flussalluvionen der Schweizer und Ostalpen feststellen können.

So möchte ich am Schluss meiner skizzenhaften Ausführungen alle Alpinisten, die sich nicht nur für neue Aufstiegsrouten interessieren, sondern auch mit wachsamem Auge die Lebewelt der Alpennatur bewundern, auf die seltsamen Gipfelflechten aufmerksam machen. Gewiss wollen wir während der Gipfelrast in erster Linie die Rundsicht geniessen. Aber das eine und andere Mal wird noch Zeit bleiben, um das Farbenmosaik und die eigenartigen Formen der Flechten zu bewundern, diese altehrwürdigen, zählebigen Doppelwesen, die in jahrhundertelangem stetem Kampf mit Kälte, Sonnenglast, Sturm und Schneegebläse durchhalten.

Ich hoffe gezeigt zu haben, dass uns die Flechten viele reizvolle Probleme stellen und dass besonders die Verbreitung der Gipfelflechten noch viele Fragen zu lösen aufgibt. Da wäre es sehr verdienstlich, wenn Alpinisten, die in bis jetzt wenig erforschten Gebieten Besteigungen ausführen, durch Sammeln von Flechten gelegentlich bei diesen Forschungen mitwirken würden. Die Nabelflechten sind nicht nur am leichtesten zu erkennen, sondern auch am bequemsten zu sammeln. Mit einem Messer lässt sich der Nabel leicht vom Gestein lösen. Sind die Flechten allzu trocken und spröde, so verwahrt man sie in einer Schachtel oder legt sie einen Moment in den Schnee"und nachher zwischen trockenes Papier. Es ist vorteilhafter, an einem Standort, der reich an Formen zu sein scheint, diese möglichst vollständig zu sammeln, wenn möglich mit den schwarzen Fruchtscheiben ( Abb. gegenüber S. 353 oben rechts ). So erhält man eher Vollständigkeit, als wenn man bald da, bald dort die auffälligsten Stücke nimmt. Da ich mich seit Jahren mit einer monographischen Bearbeitung dieser Flechtengruppe beschäftige, wäre ich den Klubkameraden, besonders wenn sie in fernen Gebirgen wandern, für Zusendung von Umbilicarien dankbar. Bitte Meereshöhe, Exposition, Gesteinsart und vor allem genaue Ortsangabe mitzuteilen. Wer 1 So getauft zu Ehren von Prof. Dr. Ed. Rubel, Zürich, dem ich an dieser Stelle danken möchte für die finanzielle Unterstützung meiner lichenologischen Forschungen.

Die Alpen - 1947 - Us Alpes28 sich besonders für diesen Forschungszweig interessieren würde, findet in den folgenden Arbeiten eine weitere Literatur:

Frey, Eduard. Die Vegetation der Grimselgegend im Gebiet der zukünftigen Stauseen. Mitteil, der Naturforsch. Ges. Bern 1921, Heft VI. Bern 1922. Mit 1 Karte, 9 Bildtafeln, 2 Profiltafeln und Textfiguren.

— Die geographische Verbreitung der Umbilicariaceen und einiger alpiner Flechten. Berichte der Schweiz.B.otan. Ges. Bd. 46 ( Bern 1936 ). Mit 8 Verbreitungskarten.

— Die Flechtenvegetation des Aletschreservates und seiner Umgebung. Bulletin de la Murithienne, soc. valaisanne sc. nat. Vol. 54, St. Maurice 1937. Mit 2 Bildtafeln.

— in Zahlbruckner und Hauman. Les Lichens des Hautes Altitudes au Ruwenzori. Résultats botan. de l' Expéd. Belge 1932. Mém. Inst. Royal Belge. T. 5 ( Bruxelles 1936 ).

— und M. Lamb. A new species of Umbilicaria from the Antarctis. Transact, of the Brit. Mycolog. Soc. Vol. 22. Cambridge 1939. Mit 2 Bildtafeln.

Schröter, C. Das Pflanzenleben der Alpen, 2. Aufl. S. 758—765. Zürich 1926.

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