Ahaggar

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Der Ahaggar, bei uns besser bekannt als Hoggar, ist ein verhältnismässig wenig besuchtes Bergmassiv in der südlichen Sahara. Die höchsten Erhebungen sind im westlichen Teil des Hochlandes zu finden, im Atakor - einem Gebiet, das heute relativ gut zugänglich ist, da es nicht allzu weit von der wichtigen Transsaharapiste entfernt liegt. Der Ahaggar hat eine gewaltige Ausdehnung, die diejenige des schweizerischen Alpenraumes noch übertrifft. Allerdings kann dieses Bergland mit dem unsern - was die bergsteigerischen Möglichkeiten betrifft — kaum verglichen werden. Das dürfte der Grund dafür sein, dass man in unseren Kreisen vom Hoggar verhältnismässig wenig weiss. René Gardi hat in seinen Büchern das Bild dieser Landschaft so meisterhaft gezeichnet, dass man sie eigentlich lesen sollte, bevor man dorthin aufbricht ( siehe auch « Die Alpen » 1968, S. 152 ).

In neuster Zeit beginnt sich der organisierte Tourismus zögernd für diese Saharaberge zu interessieren. Wie weit sich dadurch Vorteile und Nachteile im Gleichgewicht halten lassen, muss die Zukunft zeigen. Das Problem ist hier ähnlich gelagert wie bei der touristischen Erschliessung unserer Alpen, wobei es aber nicht um Seilbahnen geht, sondern um eine durchgehend asphaltierte Strasse bis Tamanrasset, der grössten Oase im Herzen des Ahaggar.

Geologen, Völkerkundler und Archäologen sind in den Saharabergen schon seit vielen Jahrzehnten zu Hause. Ahaggar, Air, Tefedest, Tassili usw. sind für sie bekannte Namen im Zusammenhang mit den aus dem Neolithikum stammenden Felsmalereien und Felsgravuren. Man hörte auch gelegentlich von spektakulären Saurierfunden in der Gegend der Air-Berge. Auf der Suche nach Uranerz ist man auf versteinerte Saurierskelette aus der Zeit des Tertiärs gestossen.

Die phantastischen Türme, Kegel und Dome des Hoggar-Berglandes sind durchwegs vulkanischen Ursprungs. Durch Vulkanausbrüche wurde flüssige Lava durch Spalten und Risse im Urgesteinssockel und in den darüber liegenden Sedimentschichten gepresst und quasi in eine Form gegossen. Nachfolgende Jahrtausende haben die weichen Ablagerungsschichten abgetragen; zurück blieben die bizarr geformten Kegel, die von weitem oft das Aussehen eines überdimensionalen « Gugelhopfs » haben. Unterstützt wird dieser Eindruck noch durch die meist hellrote Farbe dieser Eruptivgesteine. Sie präsentieren sich bei näherem Hinsehen als harte, grifflose Granite, rauhe, griffige Gneise und bröckeliger, kristalliner Schiefer. Das Fehlen von Regen - es fällt hier jahrelang keiner — und die damit wegfallende Erosion durch Frosteinwirkung ( wie sie in den Alpen bekannt ist ) lassen nur eine minimale Abtragung dieser Basaltdome zu. Alles bleibt dem stets wehenden Wind überlassen. So findet man viele Felsformationen, die nur mit grossen Schwierigkeiten zu begehen sind. Knapp daneben aber gewährt eine aus einem einzigen Guss bestehende Schlucht mit bauchigen Rippen einen problemlosen Angriffspunkt. An sandigen « Orgelpfeifen » zieht man sich in die Höhe - hie und da hilft ein Strauch weiter, oder es versperrt ein- Dornenbusch den Weg. Die wenig steilen Schutthalden ungezählter Berge im Ahaggar lassen sich mühelos begehen. Gras findet man nur spärlich und in einzelnen Büscheln, die sich kaum aus der roten oder schwarzen Landschaft herausheben. Vereinzelt tauchen auch immer wieder stachelige Sträucher und niedrige Bäume auf. Es wird in diesen Landstrichen als sträfliches Vergehen betrachtet, die karge Vegetation als Brennmaterial für das Lagerfeuer zu verwenden. Das gilt übrigens für die ganze Sahara. Wasser ist selten, und man sollte vorsichtshalber immer ein gewisses Quantum mitführen. Wir dringen ein in eine Welt voller Gegensätze, in eine Hügellandschaft wie in unseren Voralpen, jedoch praktisch ohne Vegetation: düster und bedrückend, ungewohnt fremd. Nur die Sonne vermag die geschilderten Eindrücke zu verwischen. Wenn die Morgenfrühe oder der Abend lange Schatten über das Hochland legt, ist man immer aufs neue versucht, das prächtige Farbenspiel in den Kamerakasten zu bannen.

Höchster Berg im Ahaggar ist der Tahat, mit seinen 3003 Metern gleichzeitig der höchste Punkt Algeriens. Markante Berggestalten in der Umgebung des Zentralmassivs Assekrem, die auch für den Kletterer einiges bereithalten, sind der Illamane ( 2910 m ), der doppelgipflige Tezouai, der Felszirkus Tidemaine und der kühne Turm des Souinan. Der Illamane im Westen des Assekrempasses, den die Eingeborenen Tuareg als den schönsten Berg im Ahaggar bezeichnen, wurde 1935 erstmals von zwei Schweizern, Hermann Bosshard aus Zug und Walter Hauser aus Zürich, bestiegen - zu einer Zeit also, als es noch sehr viel schwieriger war, an den Fuss dieser Berge vorzudringen.

Obschon man nicht gerade behaupten kann -auch wenn eine Flugreise in Betracht gezogen wird —, dass der Hoggar direkt vor unserer Haustüre liege, sei festgestellt, dass in vier bis sechs Ferienwochen dieses ungewöhnliche Bergerlebnis auf dem « Landweg » möglich ist. Dies gilt jedoch nur für Leute, die abseits des organisierten Touristenstromes reisen wollen und eine Schwäche für das Besondere haben, bereit sind, schon auf dem Weg zum Berg die Mühsal einer Wüstenreise auf sich zu nehmen: von Eingeborenenkost zu leben, auf hartem Boden zu schlafen, Sand in den Kleidern, in den Augen, in den Haaren, im Essen — überall. Dann ist die Anreise ein wirklicher Bestandteil des Unternehmens, ein Abenteuer, das man nie vergessen wird. Auf diese Weise kann es mit erstaunlich geringen Kosten durchgeführt werden, besonders wenn sich ein paar Gleichgesinnte zusammentun.

Steht man dann später vor « seinem Berg », dann ist der ganze Drang nach der Route mit dem höchsten Schwierigkeitsgrad verflogen. Man steht da, vergisst vor lauter Staunen und Schauen, sich ans Seil zu binden, Karabiner und Hammer umzuhängen. Ich kann jedem Besucher des Hog-gar-Berglandes nur empfehlen, die Reise von der Schweiz aus mit einem geländegängigen Fahrzeug ( z.B. Landrover ) zu unternehmen.

Ausgangspunkt für alle Touren im Atakor ist Tamanrasset, 2000 Kilometer südlich von Algier. Tamanrasset oder « Tarn », wie es kurz genannt wird, ist eine interessante Sahara-Oase mit angenehmem Klima - auch im Sommer - und liegt 1390 Meter über Meer. Sie ist in drei Tagen auf der Transsaharastrasse über Ain Salah erreichbar. Das ist reine Reisezeit. Die am Wege liegenden Oasen besichtigt man vorteilhaft erst auf der Rückfahrt, wenn der Zeitplan überblickbar ist. Bis Ain Salah und 80 Kilometer darüber hinaus ist die Strasse asphaltiert und kann auch mit gewöhnlichen Personenwagen befahren werden. Dann beginnt eine Piste in beklagenswertem Zustand, die über 600 Kilometer nach Tamanrasset führt. Auf dem Weg nach Ain Salah hat man Gelegenheit, sich langsam an eine andere Welt zu gewöhnen. Zuerst durchquert man die durchaus noch « schweizerisch » anmutende Gebirgslandschaft des Sahara-Atlas und gelangt später hinein in die Daya-Steppe. Plötzlich ist die Wüste da. Über Hunderte von Kilometern, Stunde um Stunde: nichts - soweit das Auge reicht - nichts. Irgendwann hält man dann überrascht in der Fahrt inne und schaut hinab auf die eng um das Minarett der Moschee gedrängten weissen Häuser von Ghardaia, Beni Isguen und Melika. Wem dieses Erlebnis zum erstenmal widerfährt, glaubt sich von einer Fata Morgana genarrt. Unser Unternehmen lässt keine Zeit zu längerem Verweilen. Am nächsten Morgen ist man wieder früh unterwegs - mitten durch endlose Steinwüsten und Dünenlandschaften, gemäss dem « Bilderbuch » der Sahara. Tagelanges Einerlei. Dann El Goléa: grüne Palmen, duftende Rosen, blendendweisse Häuser, Brunnen mit kühlem Wasser. Man ist auf die neue Überraschung vorbereitet.

Wenn dann spätabends das berüchtigte Plateau du Tademait hinter einem liegt und in Ain Salah der Staub von den Schultern geklopft ist, beginnt man langsam mit der Wüste zu leben, wird von ihr gefangen, wie einer den Bergen verfallen sein kann. Man ist vorbereitet auf das Kommende.

Der Zustand der Piste nach Tamanrasset lässt sich kaum in Worte fassen und kann am besten mit dem Bett eines ausgetrockneten Bergbaches verglichen werden. Dabei ist man bestimmt aus seiner Bergsteigerpraxis an einiges gewöhnt. Zwar I lAinSalah / 1 Hirafok Tahat ( 3003 m ) Assekrem ./ ( 2780 mAouknet ^ Souinan j Marnane., ( 2910 mTaessa x " y* y^ FY x Tezouai VxTidemaine \

\ X Hadeou \ p 1 II Aman InBorian X x Assekensas

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lharen y/^*. Adaouda xyr. ° Tahabort y^ o Adriane Tamanrasset G ) ( 1390 m2Okm kann ich aus Erfahrung berichten, dass es in Afrika weit schlimmere Pisten gibt und, so gesehen, der Weg nach Tamanrasset eher als mittelmässig zu bezeichnen ist: etwa ein schwacher Dreier, um beim Alpinistenjargon zu bleiben.

Wenn alles gut gegangen ist, stehen wir am Abend müde und abgekämpft in Tamanrasset. Man mache sich also keine falschen Vorstellungen, dass es sich hier um eine Art Spritztour für Sonntagsfahrer handle. Dieser « Hüttenweg » von 6oo Kilometer Länge fordert auch dem guttrainierten Bergsteiger einiges ab. Darum meine eingangs gemachte Empfehlung, den Landweg zu benutzen.

In Tamanrasset gibt es ein ideales Camping-areal mit Strohhütten, das etwas ausserhalb des Ortes liegt. Eine geeignete Basis für mehrtägige Exkursionen in den Atakor. Um in den « cirque central » zu gelangen, hat man auf einer verhältnismässig guten Piste, die durch das ganze Hochland führt, 50 bis 70 Kilometer zurückzulegen. Für den Bergsteiger ist der Landrover das ideale Transportmittel. Leute, die eher die Sehenswürdigkeiten des Hoggar besuchen wollen, z.B. Felszeichnungen, neolithische Grabstätten, Nomadenlager usw., engagieren oft einen Führer mit Kamelen.

DURCH DIE WÜSTE Nach dieser etwas umfangreichen Einleitung möchte ich nun über persönliche Eindrücke und Erlebnisse berichten. Dabei wird zwangsläufig auch von der Wüste die Rede sein. Von der Sahara, deren Spuren wir ab und zu auf hochgelegenen Firnfeldern der Alpen zu Gesicht bekommen. Welcher Alpinist kennt nicht das Phänomen des roten Schnees? Verwundert sucht man nach einer Erklärung, die aber in den wenigsten Fällen stimmt. Es handelt sich in Wirklichkeit um roten Wüstensand, der in gewaltigen Tornados der Sandstürme emporgetragen und über Tausende von Kilometern nach Norden verfrachtet wurde. Staub der Sahara in seiner unwirklich scheinenden Pastellfarbe.

Zusammen mit meinem Reisebegleiter fuhr ich am 25. November 1975 nach einer stürmischen Schiffsreise in Algier los. Wir machten uns ein paar nette Tage in den am Wege liegenden Oasen und besuchten einige Freunde, die ich im vergangenen Sommer hier kennengelernt hatte. Wir wollten irgendwann im Januar in Nairobi sein. Eile schien darum nicht geboten. Am Abend des 30. November bezogen wir unser Etappenquar-tier in Tamanrasset. Alles spielte sich bisher programmgemäss ab; es gab weder Pannen, noch machte uns die Hitze zu schaffen. Es ist zu bemerken, dass ich im vergangenen Sommer dieselbe Strecke bereits einmal zurückgelegt hatte und mir gewisse « Schlüsselstellen » einigermassen bekannt waren. Wir waren damals von Marrakech her über den Hohen Atlas gekommen und mit dem Landrover über Béchar hinunter nach Reggane gefahren, wo die berüchtigte Tanesrouft-Piste beginnt. Hier war mein Reisebegleiter am Ende. Die zunehmenden Schwierigkeiten durch die mehrmalige Überquerung des Hochwasser führenden Oued Souara, die hohen Temperaturen bis 500 im Schatten hatten ihm so sehr zu schaffen gemacht, dass eine schnelle Rückkehr dringend geboten war. Von Algier aus war mein Begleiter einige Tage darauf in die Schweiz zurückgekehrt.

Tags darauf war ich allein gegen Süden gefahren, auf derselben Route, auf der wir uns nun wieder unterwegs befanden, nach Süden, bei mörderischen Temperaturen... Tamanrasset, Agades, Tahoua. Niamey, Lomé, Douala. Ich lag tagelang der Verzweiflung nahe unter dem Fahrzeug im heissen Sand, um eine Antriebswelle und diverse Lager auszuwechseln, trank kanisterweise Wasser, io bis 15 Liter im Tag. Ein unablässiger Kampf gegen den Sand, gegen Durchfall, Hitze, Mosquitos und Läuse. Der geneigte Leser wird also die Bedeutung verstehen, die ich der Feststellung beimesse, dass diesmal alles programmässig verlaufen ist. Es gehört immerhin eine Portion Glück dazu, wenn man am Etappenziel mit sich und der Welt zufrieden in seinen Schlafsack kriechen kann.

Wrüste und Berge haben für den, der sich mit ihnen auseinandersetzen will, vieles gemeinsam. Irgendwann kommt der Moment, wo man sich fragt: Wie komme ich da wieder hinaus? Ich kenne dieses Gefühl am Berg und in der Wüste. Auf meiner Rückreise von Douala in die Schweiz im vergangenen Herbst, auf der sich mir ein holländischer Tramper angeschlossen hatte, durchfuhren wir ein riesiges Sandmeer an der Ostgrenze der spanischen Sahara. Wir fuhren nach Kompass und übten das bis zur Bewusstlosigkeit wie bei einer Gletschertour im Nebel. Jeder Orientierungsläufer wäre vor Neid erblasst. In Mauretanien ist die Sahara die wirkliche Wüste: nichts als Sand, soweit das Auge reicht. Kein Leben, kein Strauch, kein Grashalm. Die Stille der Nächte ist so perfekt, dass man nicht einschlafen kann, weil das Herzklopfen einen ohrenbetäubenden Lärm macht. Ich lernte dort alle Gesichter der Wüste kennen: die guten und die bösen. Wer kann sich das Gefühl vorstellen, das einen beschleicht, wenn man erkennt, dass man sich verfahren hat? Wenn das Fahrzeug bis zum Chassis im Sand steckt und langsam die Erkenntnis kommt, die Orientierung verloren zu haben. Ringsherum Sand - Sanddünen bis zum Horizont. Und wenn man später beim Sandschau- 10 El Goléa, eine Oase an der Transsaharapiste nach Tamanrasset 11Trident-Massiv von Südwesten. Rechts die Pyramide des Hadeou fein feststellt, dass das Getriebegehäuse gerissen ist.

Der Sand der mauretanischen Wüste ist fein wie Puderzucker. Der Landrover ging « down » wie ein Sack. Wir plagten uns Meter um Meter vorwärts, schaufelten uns die Hände wund. Wir schaufelten wie die Wilden - es müssen Kubikmeter gewesen sein; doch der Sand floss in die Löcher wie Wasser. Was übrigblieb, waren kleine Mulden: ein Hohn der Arbeit! Wir tranken, tranken literweise warmes Wasser. Es schmeckte bitter, sandig, aber es war herrlich: es war das Leben...

Am Abend standen wir wieder auf der Piste. Im Wagen türmten sich die Sandhaufen. Wir waren schwach, so schwach, dem Umfallen nahe. Aber wir sind wieder einmal herausgekommen, gemessen die Einsamkeit, die unendliche Weite, den einmaligen Sonnenuntergang im Westen.

Wenn man dann Tage später zwischen Kamelen und Eseln am Brunnen von Bir Moghrein steht, um die Wasserkanister nachzufüllen, froh ist, dass nichts schiefgegangen ist, und sagt: « Nie mehr! » dann meint man in Wirklichkeit: Ich komme wieder.

Doch zurück nach Tamanrasset. Den ersten Tag verbrachte ich damit, das Fahrzeug zu überholen, derweil mein Reisebegleiter ziemlich angeschlagen in der Strohhütte des Campings lag. Dabei kam ich mit einemjungen Amerikaner ins Gespräch, der mir bei der Arbeit ein wenig behilflich war. Joe beabsichtigte, wie ich, einige Tage in die Ahaggar-Berge zu ziehen, und so war es bald abgemachte Sache, dass wir am kommenden Morgen gemeinsam aufbrechen würden.

TIDEMAINE - ASSEKREM In der Morgendämmerung des 2. Dezember sind wir unterwegs auf der Bergpiste, die ins Ata-kor-Massiv hinein führt. Es ist recht kalt, und ein trockener Wind weht wie üblich von den Bergen herab. Unser Fahrzeug bringt uns schnell ins Steppenvorgclände, das vom ausgetrockneten Flussbett des Oued Tamanrasset beherrscht ist.

12 Blick vom Assekrem ( 2j8o m ) nach SE zu den Bergen der Koudia. Rechts vorne die kühne Eelsnadel des Souinan, darüber die Türme des Trident; links die beiden massigen Tezouai; im Hintergrund die Pyramide des Hadeou 13 Die pastellroten Türme des Tezouai. Sein Südgipfel ( 2830 m ) wurde von Ed. Wyss-Dunant ( Genf ) im Jahre'937 erstbestiegen Der Verlauf der Piste ist mir auch hier von einer Assekrem-Besteigung im vergangenen Sommer bekannt.

Langsam wandelt sich das Gesicht der Landschaft: die Oasenvegetation bleibt zurück und geht nach und nach in eine Steinwüste über. Imposant schiesst der Iharen als vertikal gefurchter Turm unmittelbar aus der Hochebene heraus. Ein kurzes Stück weiter des Weges zweigt ein schlechter Weg, der zu den Chapuis-Quellen bei Tahabort in den Adrar-Hoggaren-Bergen führt, nach rechts ab. Diese Abzweigung ist erwähnenswert, weil sich dort eine Unterkunft befindet, die für Bergsteiger von Interesse ist. Es handelt sich um einen Steinbau, nach dem Namen des Besitzers « chez Cho-Cho » benannt. Die roten Adrar-Hoggaren-Berge sollen gemäss Angaben von Cho-Cho ein interessantes Klettergebiet sein. Dem Gästebuch von Cho-Cho habe ich entnommen, dass der französische Alpenclub hier oft Touren unternimmt. Die roten Berge sind von der Unterkunft aus nicht zu sehen, da sie durch vorgelagerte Hügelzüge verdeckt sind. Cho-Cho, der Wirt, ist ein freundlicher und unterhaltsamer1 Mann, der eine hervorragende Gastfreundschaft praktiziert.

Unser Weg verläuft diesmal geradeaus, an einer kleinen Hütte vorbei, in das sich verengende Tal hinein. Steilstufen wechseln mit steinigen Hochflächen. Man zieht vorbei an markanten Felstürmen, die wesentlich zur besseren Orientierung beitragen. Nach einer weiteren Steilstufe wird der Blick frei ins Zentralmassiv des Atakor: breitspurig vorgelagert die Steilwände des Akar-Akar ( 2132 m ). Als feines Band windet sich die Piste durch die mit Eruptivgesteinen übersäte Hochebene und entschwindet fern im Dunst.

Der Hoggar ist nicht mit der Wildheit unserer Alpen vergleichbar. Vielmehr ist das Landschaftsbild geprägt durch die Wellen weiträumiger Hügelketten, durch steppenähnliche Hochflächen, zerfurcht von ausgetrockneten Flussläufen aus der Pluvialzeit, die hier über 2000 Jahre zurückliegen dürfte. Wo der Fels zutage tritt, ge- 14 Begegnung in der Wüste 15 Eine Wasserstelle in der Sahara, Treffpunkt von Wüstenreisenden, Bergsteigern, Lastwagenchauffeuren und Nomaden. Das Wasser muss oft aus einer Tiefe von to bis 40 Metern heraufgeholt werden, und an seine Qualität darf man keine hohen Ansprüche stellen schieht dies mit unheimlicher Wucht. Hellrote Basaltdome schiessen aus dem schwarzen Hügelzug. Rostigen Schiffen gleich scheinen sie auf den dunklen Wellen eines Meeres zu gleiten. Düster und abweisend stehen sie vor uns. Man scheint auf dem Mond unterwegs zu sein.

Später rutschen wir auf einem miserablen Pfad in das Trockenbett eines Oued1'hinunter, wo uns eine überraschend grüne Vegetation empfängt. Doch die Talsole geht bald wieder in eine unwirkliche Mondlandschaft über. Und dann mühen wir uns über tiefschwarze Hänge hinauf, so steil, dass es ohne Geländegang nicht mehr geht. Eine turmbewehrte Festung tritt aus der schwarzen Kulisse hervor: der Tidemaine oder « Trident2 », wie er treffend auch genannt wird. Später stehen wir an seinem Fuss und beraten die Aufstiegsroute zu unserem heutigen Ziel. Vom Berg selber kennen wir nichts als den Namen. Touristische Angaben über die Berge des Ahaggar sind nur spärlich zu erhalten. Mit wenigen Ausnahmen sind Höhenkoten unbekannt, und die Namengebung beschränkt sich auf einige wenige Gipfel. Einheimische, vorweg Tuareg-Vasallen vom Stamme der Dag Rali, die im westlichen Teil des Atakor ansässig sind, wissen zwar für jede Erhebung einen wohlklingenden Namen, doch sind diese in keiner Karte verzeichnet. Ich hatte im vergangenen Sommer das Glück, in der Nähe eines Noma-denlagers bei II Aman zu übernachten und mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Leider kam aber dabei wegen Verständigungsschwierigkeiten nicht viel heraus.

Nun, wir stehen also vor dem Tidemaine und suchen - wie so oft andernorts — einen bequemen Durchschlupf. Einige Photos, die ich vorsorglicherweise am Morgen eingesteckt habe, gehen von Hand zu Hand. Von einer schwierigen Route ist nicht die Rede, dieweil die ganze Schlosserei 1 Oued = Flusslauf, der nur bei sehr seltenem Regen Wasser führt.

2 Trident = Dreizahn. Von Westen gesehen gleicht der Tidemaine einem Zahn mit 3 Spitzen. Der Name stammt scheinbar von den Touristen.

16 Alter Ziehbrunnen in der Mazbiten-Metropole Beni Issugen Photos Hansruedi Faessler, Walchwil, zur Zeit in Rhodesien im Werkzeugkasten des Landrovers bereitliegt. Ich stimme denn auch spontan zu, als Joe den Vorschlag macht, den denkbar einfachsten Aufstieg zu wählen, die « Normalroute », von der wir zwar nicht wissen, ob es sie überhaupt gibt.

Eine tiefe und verhältnismässig gut gegliederte Schlucht, die den ganzen südlichen Vorbau des Tidemaine durchzieht, bringt uns schnell auf eine breite Terrasse hinauf. Hier schiesst mit unheimlicher Wucht eine vertikal gefurchte Wand in den Himmel. Wir umgehen das Bollwerk rechts und steigen an einem Gendarmen vorbei in den Sattel zwischen den beiden markanten Gipfeln empor. Der Fels ist überraschend gut, was in der recht steilen Flanke beruhigend wirkt. Das Seil hängt immer noch aufgerollt über der Schulter. Wir gemessen die leichte Kletterei wie selten auf einer Tour, halten an und blicken hinaus ins weite Land, wo man im Süden die Berge des Air vermutet - wo wir in wenigen Tagen wieder im heissen Sand unterwegs sein werden.

Im Sattel binden wir uns ans Seil. Die Steilheit nimmt merklich zu, ohne aber ausgesprochen ausgesetzt zu werden. Dann klettern wir Zug um Zug vergnüglich zum südwestlichen Gipfel des Tidemaine empor. Kaum 200 Meter tiefer verläuft die Piste. Ein bescheidener Berg, was die Höhe betrifft; wir schätzen die Höhenkote auf etwa 2600 Meter. Und doch fühlen wir uns am Ziel aller Wünsche. Der Einblick in die unmittelbare Nachbarschaft ist eindrücklich. Gegenüber imponiert der schwarzrote Ostturm, dessen Besteigung nach unserem Ermessen die grössten Schwierigkeiten machen dürfte. Im Westen erblickt man die ebenmässige Silhouette der beiden Tezouai, die mich immer ein wenig an die Mythen erinnern. Wir stehen inmitten eines überdimensionalen Klettergartens, in dem man sich -wie es scheint — nach Herzenslust austoben könnte. Wer hieher kommt, um zu klettern, wird sich beileibe nicht über mangelnde Gelegenheit zu beklagen haben. Besonderen Reiz bietet die Tatsache, dass man immer auf « eigenen » Routen unterwegs sein wird, sich den Weg durch Schluchten, Kamine und Rinnen selbst suchen muss. Man tut dies gelassen; der Rückzug ist kurz, das Wetter braucht man nicht einzubeziehen, weil einfach jeden Tag die Sonne scheint.

Später, während wir den Abstieg beginnen, die Sonne im Westen steht, ist jeder voll des Lobes über diesen Tag. Die Nacht verbringen wir im Freien neben der Piste. Man kann im Hoggar tagelang umherziehen, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Eine Nachtruhestörung ist also kaum zu befürchten.

Der nächste Morgen, klar und blau wie eh und je, sieht uns mit leichtem Gepäck unterwegs zum Assekrem-Pass. Diese aussergewöhnliche Bergwanderung wollen wir uns nicht entgehen lassen, obschon das Ziel mit dem Fahrzeug in kurzer Zeit erreichbar wäre. Hier kann man wirklich am Land « Ahaggar » schnuppern, was auf der Piste und vom Fahrzeug aus nie so richtig gelingt. Wir folgen der allgemeinen Pistenrichtung querfeldein über schwarze Hügel, auf und ab über ausgetrocknete Flussbetten hinweg, theoretisieren über mögliche Routen am schlanken Felszahn Souinan, den wir auf der Südseite umwandern, und stecken hie und da einen besonders bizarr geformten Stein in die Tasche. Nach zwei Stunden lassen wir uns auf dem Assekrem-Pass ( 2500 m ) zu einer kurzen Rast nieder. Hier steht das Refuge Assekrem - zwei einfache Steinbauten. Sie eignen sich vorzüglich als Standquartier für Bergsteiger. Das Refuge ist unbewartet und enthält weder Nachtlager noch Wasser noch Holz. Aber zumindest ist man hier vor Kälte geschützt. Obschon man sich hier bereits jenseits des südlichen Wendekreises befindet, kann es gelegentlich beissend kalt werden. Man wird dies punkto Kleidung bei Touren in diesem Gebiet berücksichtigen müssen.

Die Besteigung des Berges Assekrem ( 2780 m ) vom Pass aus kommt einer mühelosen Bergwanderung gleich. Ein guter Fussweg windet sich im Zickzack steil hinauf und endet bei der Ermitage Foucould, einem herrlichen Aussichtspunkt hoch über den umliegenden Felsbastionen. Die knapp 300 Höhenmeter bringen wir in gemütlicher Gangart in einer Stunde hinter uns.

Die Einsiedelei trägt den Namen des französischen Pater Foucould, der in der neueren Geschichte der Tuareg eine bedeutende Rolle gespielt hat und im Jahre r g i 1916 von Angehörigen des feindlichen Senussi-Stammes ermordet wurde. Foucould war ein Missionar ungewöhnlicher Art. Nie hat er versucht, die Tuareg des Ahaggar zum christlichen Glauben zu « bekehren ». Vielmehr lagen seine Bestrebungen in der Entwicklung hygienischer und medizinischer Belange und der Verbesserung der Lebensbedingungen seiner Schützlinge. Bei den Tuareg stand er in hohem Ansehen. Foucould hat sich auch um die Erforschung der Tuareg-Sprache, des Tamassek, verdient gemacht. So ist es nicht verwunderlich, dass die Felsnadel Souinan auch den Namen Pic Foucould trägt.

Auf dem Assekrem hat der französische Tou-ringclub eine grosse Panoramatafel angebracht, mit deren Hilfe es uns gelingt, etwas Ordnung in unseren angeschlagenen Orientierungssinn zu bringen.

Um die Mittagszeit verlassen wir die hohe Warte und steigen über steile Blockhänge direkt hinunter ins Trockental, das unterhalb des Passes südwärts zieht. Während die Sonne im Westen verschwindet und den Horizont in ein unwirkliches Violett taucht, sitzen wir in der Ebene des Akar-Akar am Lagerfeuer und braten eine wohlverdiente Portion Schaffleisch. Wir haben den Rest des Tages damit verbracht, Felszeichnungen zu suchen, von denen es in dieser Gegend einige geben soll. Leider war unseren Bemühungen ein kläglicher Misserfolg beschieden. Kamele sollte man haben und einen Führer, der damit umzugehen versteht. So dreht sich denn unser Gespräch an diesem Abend um diese launischen und griesgrämigen Biester. Joe kann aus reicher Erfahrung berichten, und ich bin nahe daran, seinem Vorschlag zuzustimmen, Kamele und Führer zu mieten, um in den kommenden Tagen erneut in den Ahaggar zu ziehen.

Am 5. Dezember verabschieden wir uns von unseren Freunden in Tamanrasset und fahren südwärts ins Desert hinaus: Agades - Kano - Maidu-guri — Ngaoundéré. Gegenüber dem Polizeiposten von Tarn gibt es einen Wegweiser, worauf diese Orte mit den zugehörigen Distanzen verzeichnet sind. Ich betrachte die Tafel oft nachdenklich und versuche, sie in europäische Lesart zu übersetzen. Joe begleitet uns bis Agades, wo sich unsere Wege leider trennen müssen. Dann sind wir wieder zu zweit unterwegs nach Süden. Der Weihnachtstag überrascht uns im tropischen Bangui, das Neujahrsfest irgendwo auf dem mühsamen Weg ostwärts über Juba ( Sudan ) nach Lodwar ( Kenia ), dort, wo die Zeit seit Jahrhunderten stillzustehen scheint. Wo man den letzten Rest gewohnter Zivilisation hinter sich lässt - und trotzdem ( oder gerade deshalb ) freundlichen und zufriedenen Eingeborenen begegnet. Eindrücke, die man nie vergisst!

Und dann eines Tages schimmert die weisse Kuppe des Kilimandscharo durch den Dunst am Horizont. Neue Entscheidungen stehen bevor, ein neues Kapitel beginnt...

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