Aiguille de Blaitière

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Claude und Yves Remy, Vallorbe

Westwand - englische Route Eines Abends - wir sind soeben von einer Bergtour zurückgekehrt - kommt meinem Bruder und mirdie Idee, die WestwandderAiguillede Blatière, die von unserem derzeitigen Standpunkt aus ungeheuer interessant wirkt, zu versuchen. Zwar 4 Die Westwand der Aiguille de Blaitière: Aiguille de Blaitière, les Ciseaux und le Fou. Im Vordergrund der Blaitière-Gletscher Pholo Claude Rfmv, Rendis erweist sich nach den Angaben eines Freundes, der in der Gegend von Chamonix schon « alles gemacht hat », und auch nach dem Vallot-Führer die Besteigung als äusserst " schwierig, ja sogar schwieriger als die Drus-Westwand, doch ist man darin dank den Fontaine-Bändern weniger « verloren ». Es ist eine i ystündige anspruchsvolle Kletterei, der Rückweg über die Nantillons nicht mitcinberechnet - also ein saftiger Brocken! Wir verschieben darum die Behandlung des Problems auf morgen, dann werden wir in Musse diese Wand studieren und den richtigen Schluss ziehen können.

Am nächsten Morgen betrachten wir denn auch ganz aus der Nähe unseres am Ufer des blauen Sees des Plan de l' Aiguille aufgeschlagenen Zeltes die verlockende Wand und versuchen, die Route von weitem auszukundschaften. Durch unsern kleinen Feldstecher können wir sogar zwei junge Alpinisten in voller künstlicher Kletterei begriffen sehen. Wie unendlich winzig sie sich in dieser 800 Meter hohen Flucht ausmachen! Und auf der Stelle beschliessen wir, da drin nicht zu biwakieren, wenn wir uns schon auf den Weg machen wollen, sondern so schnell als möglich zu klettern, mit « Leichtgepäck ».

Die Entscheidung, die Besteigung zu wagen, ist also gefallen, und am folgenden Morgen stehen wir bereits um 3 Uhr in der Frühe auf Das Morgenessen wird die einzige richtige Mahlzeit des heutigen Tages sein; also lassen wir uns Zeit und brechen um 5 Uhr auf. Zuerst geht es auf der Moräne stramm voran, dann queren wir, die Route des Peigne-Nordgrates verlassend, den unteren Blaitière-Gletscher. Schon hier seilen wir uns an. Yves schlägt ein paar Stufen mit dem Kletterhammer längs eines Schrundes; dann ist es an mir, die Führung zu übernehmen, und wir überschreiten eine winzige Schneebrücke wie zwei Seiltänzer. Nach einer nicht sehr steilen Abdachung und dem Bergschrund stossen wir auf Granit. Der Text des Führers, von dem wir uns eine Kopie gemacht haben, gibt an, dass man hier einem Couloir folgen muss, das sich durch Stein- schlag aus der Wand gebildet hat. Dies gelingt uns ohne allzu grosse Schwierigkeiten, und wir gelangen auf eine schöne Terrasse, wo wir Stimmen von oben herab vernehmen. Es sind sechs Italiener, die eben daran sind, mit einer « speziellen » Technik artifizieller Kletterei einen schönen Riss zu bezwingen: den Brown. Eine kleine, ziemlich giftige Verschneidung führt uns an den Fuss dieses Risses, der rund zwanzig Zentimeter breit ist und dessen Kanten senkrecht und absolut glatt sind. Da sich die Italiener ordentlich Zeit lassen, nützen wir die Gelegenheit, die aussergewöhnliche Aussicht auf die Aiguilles, besonders auf die Aiguille nord du Plan, die uns wie eine grossartige Bastion erscheint, zu geniessen. Hier müssen wir mehr als eine Stunde warten, speziell wegen des Seilletzten der Italiener, der den Riss von allem, was seine Kameraden eingetrieben haben, « enthakt » und « cntholzt »! Es werden also nur die zwei Originalhaken wie in unserm Text erwähnt und zwei Holzkeile übrigbleiben.

Nun mache ich mich ans Werk, das sich gleich von allem Anfang an als wenig bequem erweist; aber es begeistert. Meine linke Hand tastet den Fels ab, während die rechte, blutend, den Rei-bungskontakt mit dem Gestein zu halten sucht. Endlich am ersten Holzkeil gesichert, gelingt es mir, zum nächsten vorzustossen; beim Haken bin ich ganz ausser Atem, verschnaufe einen Moment und bringe es dann fertig, mich an etwas, was so halbwegs als Stand gelten könnte, festzumachen. Nun kann mein Bruder nachkommen; er schliesst auf, und ich gehe wieder voran, überhole zwei Südländer und gelange zu einer Art Höhlung. Von hier führt die Normalroute rechter Hand zu einem Vierzig-Metcr-Riss, in dem die vier andern Italiener beschäftigt sind: Sie geben mir zu verstehen, dass es gescheiter ist, uns nicht darauf einzulassen. Da nehme ich unmittelbar über mir einen Riss wahr, einen Super-Brown, könnte man sagen. Eine um einen kleinen Block geschlungene Reepschnur, mit einem Karabiner, deutet an, dass ein Pendelschwung notwendig ist, den ich zum Entsetzen der Italie- ner, die eben dabei sind, den Berg zu « behäm-mern », ausführe. Ich befinde mich auf diese Weise wieder im Riss, wo ich die Kletterei mit dem nun zwanzig Meter unter mir gelegenen Block als einzigem « Sicherungspunkt » fortsetze. Nachdem ich so die Italiener « überrundet » habe, vollführe ich eine Traverse unter einem Überhang und richte mit einem Stück Seil und mit Haken einen Standplatz ein. Yves schliesst auf. Dann zwingen uns verkeilte, wackelige Felsblöcke zu einer heiklen Passage; nun noch ein Überhang, und der Riss führt mich auf eine geräumige, schneebedeckte Plattform. Ich sichere Yves, der unterwegs auf Ersuchen der Italiener ihre Steigbügel an den ersten Nägeln befestigt hat. Er erkennt sie: Es sind dieselben, die wir am Grand Capucin sich abmühen gesehen haben.

Felsabsätze, eine herrliche senkrechte Verschneidung, eine Linkstraverse, schwere Blöcke -und wieder Stand. Eine grosse Zahl von in die Wand eingelassenen Haken beunruhigt mich etwas, denn diese beweisen, dass die nun folgende Strecke schwierig ist: Hier beginnt die künstliche Kletterei. Ich mache die Steigbügel bereit. Ein schöner, immer schwieriger werdender Riss hält mich eine Zeitlang auf; doch da hilft mir ein Nagel unmittelbar neben einem meiner Knie -Yves hat mich darauf aufmerksam gemacht -weiter. Es geht wieder voran, und linker Hand folgt eine eisenbewehrte Stelle. Ich bewerkstellige eine Traverse, bringe, um nicht allzusehr zu ermüden, eine Strickleiter an, umgehe einen Überhang und steige in einer Rille weiter; dann schaue ich zurück: Yves ist seinerseits bereits am Klettern! Er wollte mich keine Zeit verlieren lassen. Noch zwei Tritte im Steigbügel - und ich erreiche schöne Terrassen, die falschen Fontaine-Bänder. Mein Bruder folgt mir laufend ohne Steigbügel und Sicherung. Erst II Uhr. Nun genehmigen wir uns die einzige « Mahlzeit » während der Besteigung: gesalzene Erdnüsse und ein Stück Schokolade. Dann setzen wir unsern Anstieg rechter Hand im Schnee und auf Platten, die zur Genüge mit Haken versehen sind, fort. Ich steige schnell, sogar zu schnell nach der Meinung meines Bruders.

Nach einer überhängenden Stelle, wo man die Leere unter sich fühlt bis zum Couloir am Fuss der Wand, führt uns ein brüchiger Grat zu den Fontaine-Bändern, auf schöne Terrassen, deren Ausgang leicht scheint. Eine Reepschnur weist uns den Weg, und über ein kleines Band erreichen wir einen acht Meter weiter oben mit zwei Holzkeilen versehenen Riss. Nun brennt die Sonne. Der Riss kostet einen Haufen Kraft, und nachdem ich mit Müh und Not bei den Holzkeilen angekommen bin, befällt mich die Angst vor dem Kommenden. Ich mache kehrt und bin drauf und dran, zu verzichten und die Tour über die Ryan-Führe zu beenden - wenn mich Yves nicht ermutigen würde. « Kommt nicht in Frage aufzugeben », ermahnt er mich, « diese Route wird zu Ende gemacht und über die Nantillons abgestiegen! » Also steige ich wieder auf, ergreife hastig die Holzkeile und bewältige mit zunehmender Mühe eine Verschneidung. Uff! Endlich ein Nagel, an dem ich stöhnend einen Karabiner einhake! Eine Terrasse über mir erahnend, ziehe ich mich bäuchlings hinauf. Nach diesem Stand gilt es noch einen Überhang zu überwinden. Die ungewöhnlichen Anstrengungen bis hierher haben mich ausgepumpt; die Kletterei wird merklich langsamer. Es gibt nun nur noch wenige Nägel, denn nur vereinzelte Kletterer machen diese Route ganz. Zwei Haken in einem weitern Überhang sind schwer zu erreichen; ich muss mich richtig in die Länge ziehen, um sie zu erhaschen. Dann wieder eine Verschneidung und Stand in einem vereisten Kamin, dessen Kühle wir zu schätzen wissen.

Doch noch ist die Kletterei nicht zu Ende. Sie ist immer noch sehr anspruchsvoll, besonders in einer Art Kamin, wo ich bedenklich krabble. Mit Hilfe des Seils steigt Yves relativ leicht nach, ausser bei den Engpässen, wo ihn sein Rucksack stört. Da entdecken wir unvermittelt weiter unten die Italiener; sie sind im Begriff, die falschen Fon- taine-Bänder zu verlassen. Ein zweites Biwak wird somit für die unumgänglich sein.

Für uns aber scheint nun alles leicht; in Wirklichkeit dauern die Schwierigkeiten wegen des Schnees, den wir hier vorfinden, an. Endlich kommen wir aber auf den Grat und steigen in alten Spuren zum Gipfel. Sieg! Das könnten wir nun rufen, wäre nicht der Gedanke an die Rückkehr. Glücklicherweise ist mir die Route gut bekannt, weil ich des öftern über die Bregeault abgestiegen bin, einmal sogar bei Nacht.

Yves, vierzig Meter voraus, steigt bei gestrecktem Seil ab und hinterlässt mir gute Spuren. Alle zwanzig Meter schlingt er entweder einen Steig-

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