Aletschhorn und Wetterlaunen

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VON OTTO KÜNZLER, ZÜRICH

Mit 1 Bild ( IS ) ( Siehe auch Bilder 58/59, Heft 4, 1963 ) Es war im nassen Sommer 1922, gegen Ende Juli, als mir ein fünftägiger Ausreisser ins Gebirge gelingen wollte. Freund Alfred Horeschowsky, schon damals ein « kommender Mann », befand sich bereits im Gebiet des Lötschentals auf Eroberungszügen, hatte sich aber bereitwilligst zu meinem Empfang in Ried eingefunden, während seine Gefährten, kein geringerer als Ingenieur Hans Pfann und ein Herr Widmann aus München, den Reigen ihrer Gipfelsonaten « droben » zu erweitern suchten. Von Zürich hatte ich noch Freund Paul Iltis mitgebracht, der mein jugendliches Stürmertempo, wenn nötig, bremsen sollte; gestatten doch ein paar mühsam erschundene Urlaubstage das so wichtige Vortraining nicht, und es ist eigentlich gefehlt, unvermittelt grosse Bergfahrten zu unternehmen.

Meine Vorstellungen über das Lötschental hatte ich mir hauptsächlich nach dem Titel einer SAC-Jahrbuchbeilage « Sonnige Halden am Lötschberg » zurecht gelegt und fand es deshalb ganz komisch, dass es ausgerechnet dort auch regnete und noch wie! Am Bietschhorn müsste zu viel Neuschnee sein, und für eine Belagerung fehlte mir die Zeit. So wandten wir uns kurz entschlossen der Lötschenlücke zu, bei welchem Anmarsch uns doch Gelegenheit geboten war, über den Ursprung des Namens Langengletscher gründlich nachzudenken. Neuschnee und schwere Rucksäcke trugen das ihrige bei, dass wir erst nach etwa 10 Stunden in der Egon von Steiger-Hütte ( Hollandia, 3240 m ) anlangten. 25. Juli, Zeitpunkt der Hochsaison, aber der Hüttenwart war allein.

Da andern Tags die Partie Pfann in der Hütte einrücken sollte, stampften wir uns zum herrlichen Aussichtsgipfel der Ebnefluh ( 3964 m ) hinauf, wo uns ein bissig kalter Nordwind einen längeren Aufenthalt verwehrte, aber wenigstens besseres Wetter erhoffen liess. Gegen Abend kamen unsere Bekannten auch wohlbehalten an sowie noch zwei Basler. Im Kriegsrat wurde als nächster Angriffs-ort das Aletschhorn bezeichnet, das ich von einer winterlichen Begehung über das Sattelhorn kannte, welchen Anstieg ich den beiden SAC-Herren aus Basel glaubte empfehlen zu dürfen. Freund Paul wollte diesmal nur passiv, d.h. vom Standort der Hütte aus, mittun, so dass mit Tagesanbruch die junge Firnschicht unter der Last von 3 Zweierpartien zu knirschen begann. Die Route der Basler führte diese sofort an den Berg, während wir einen unsympathischeren Anstieg auf uns nehmen mussten, nämlich zuerst den grossen Aletschfirn hinunter, wobei ungefähr 240 m an Höhe verlorengehen. Im Eifer der Gefechtseröffnung will so etwas unerhört scheinen, und es ist deshalb verzeihlich, dass wir die rechtwinklige Abzweigung viel zu kurz nahmen, im Glauben, Freund Pfann mache sich die Sache doch etwas zu umständlich mit seinem weit ausholenden Bogen. Doch nur zu bald folgte unserem billigen Glücksgefühl die Ernüchterung, als wir einsehen mussten, dass nicht wir, sondern die andern die richtige Anstiegsrippe zu Punkt 3739 des Aletschjoches erwischt hatten, während wir, durch einen Hängegletscher getrennt, parallel westlich zu ihr in den vermeintlichen Felsen, uns bereits im Vorsprung wähnten. Also waren wir falsch daran, und sehr ungewiss schien das Besteigen der faulen Felsen nach oben und vor allem eine Art Firnabbruch, dessen wahres Gesicht wir weder genau sehen noch beurteilen konnten. Einen blamierten Rückzug suchten wir auf alle Fälle zu vermeiden, und mit einer genügenden Dosis « österreichischen Leichtsinns » ausgerüstet, meinte Alfred: « S'wird eh'gehn » und kletterte mit dem Tastsinn einer Katze sorglos weiter, so dass ich mir alle Überlegungen sparen durfte. Herrlich versprach dieser Tag zu werden, und da wir rasch an Höhe gewannen, lohnte es sich, von Zeit zu Zeit unsere Aneroide zu befragen. Plötzlich zeigten diese aber so gewaltige Schwankungen, dass ich eher an einen Fehler unserer Instrumente als an eine Wetterstörung glaubte, wofür ich auch keinerlei Anzeichen gewahrte. Nach Dr. Dübis Führer mussten wir uns zudem auf einer neuen Variante befinden, was uns den Willen absoluten Durchhaltens stählte, möge kommen, was da wolle. Und sie kam auch wirklich, die kritische Sperre in Form einer überhängenden Firnlippe, die fein säuberlich angegangen werden musste, und wobei man sich dann gewöhnlich in allen Ausmassen als zu « kurz » vorkommt. In solcher Stellung Stufen und Griffe schlagen, und sich mit dem Pickel gleichzeitig an der Stirn verletzen, war auch ein Mittel zur Verlängerung von Atempausen. Doch unsere Bresche wurde gründlich, führte zum glücklichen Durchbruch und ungehinderten Anstieg gegen den breiten Nordostrücken unseres Berges, wo wir im Voll-bewusstsein dieses Zufallsieges den Anschluss der Partie Pfann erwarteten. Gemeinsam ging es dann den nordwärts ansteigenden Fels- und Firngrat hinauf, welchen ich wie einen Kreuzgang unter meine Füsse nahm, im Gefühl tiefsten Miterlebens jener unvergesslichen Tragödie dreier heldenhafter Bergsteiger. Fühlen und Rede galten der erlösten Seele eines Andreas Fischer, während unsere Blicke ehrfurchtsvoll hinunterschweiften über die Gletscherwände jener sturmerschütterten Todesstunde. So war für mich auch diesmal wieder der letzte Gipfelanstieg zum Aletschhorn wie der feierliche Gang zu Gottes Hochaltar, wo ich mit jedem Schritt die Knie tiefer biegen mochte vor diesem einen Etwas, das wir Menschen nur ahnend ewig suchen.

Im Banne dieses königlichen Gipfels war unsere Gipfelrast ein Weiheakt.

Ganz entgangen war uns das Schleichen naher Wolken. Nun aber hiess es den Abstieg schleunigst vorbereiten. Ich riet, den Westgrat und zum Sattelhorn hinüberzugehen. Aber als wir den Gipfel etwa 20 Minuten verlassen hatten, tauchten plötzlich unsere Basler Herren aus dem Nebel vor uns auf und rieten dringend, auf keinen Fall diesen Abstieg zu wählen. Das Sattelhorn trage einen Eispanzer mit stellenweise trügerischer Schneeauflage, so dass die Route dort gemeingefährlich wäre. Aber sonderbar, ich glaubte, dass es nicht schlimmer als im Winter sein könne, und redete in meiner ehrlichen Überzeugung auf die andern ein. Die Basler erklärten ihrerseits, den Aufstiegspuren Pfanns hinunter folgen zu wollen und verschwanden bald unseren Blicken. Die Felsen des Westgrates böten sonst eine ganz nette Kletterei, aber weniger jetzt, wo ein Eiltempo eingeschaltet wurde. Auf einmal bemerkten wir, dass Pfann und Widmann nicht mehr folgten und weit zurück wieder aufwärts kletterten. Was ich nicht verstehen konnte, erklärte Alfred mit den Worten: « Die trauen der Sache nicht und nehmen sicher wieder ihre Aufstiegsroute. » Aber diesen zaghaften Entschluss eines so erfolgreichen Alpinisten konnte ich zu jener Stunde noch nicht begreifen, sondern erst nach dem abenteuerlichen harten Abstieg, an dessen glimpflichem Ausgang wir nicht allein das Verdienst trugen. Ein längeres mühevolles Auf und Nieder bietet der oft stark verwächtete Verbindungsgrat zum Sattelhorn, den wir erst erreichten, nachdem luftiges Schneetreiben eingesetzt hatte. Hier nun hätte uns vor allem Orientierung Not getan; jedoch kaum, dass wir endlich drei brave Stufen jener Auf-stiegspartie fanden, war es mit Sehen und Hören vorbei, und unsere nächste Welt glich einer Höllen-orgel, an der ein satanischer Sturm alle Register aufgezogen hatte. An steiler Eiswand hiess es, ohne Stufen, nur mit guter Steigeisentechnik hinuntertänzeln, wobei man sich jeglichen Zuruf über Sicherung oder Richtlinie ersparen konnte, weil sturmgepeitschter Hagel direkt in unser Gesicht schnitt. War es da verwunderlich, wenn ich mich an diesem Sattelhorn nicht mehr auskannte und wir etwas seitwärts in noch steileres Eis gerieten? Plötzlich riss ein Loch durch die Hagelwolke und gab uns für kurze Zeit den Blick gerade zur Hütte hinunter frei. So hatten wir auch schon das Schwerste überstanden und kamen fast mit jedem Schritt in geschütztere Tief läge, wo unsere Windsbraut sich überhaupt viel schwächer ausgetobt haben musste. Denn Freund Paul und der Hüttenwart hatten uns von ihrem Standort aus deutlich in jenen jagenden Wolken verschwinden sehen, und sie erwarteten klopfenden Herzens unsere Rückkehr. Fast gleichzeitig mit uns kamen auch die beiden andern Partien vom Aletschfirn herauf, und diese Schlaueren waren im geschützten Gletscherkessel mit der blossen Vermutung davongekommen, dass es weiter « oben » wieder einmal ganz lustig zu und hergehen müsse.

Also hatte unser Barometer diese ganz ausserordentlichen Wettersprünge durch sein ebensolches Froschhüpfen richtig angedeutet. Und noch die weitere Lehre ist mir dabei zuteil geworden, wie klug gerade diejenigen Alpinisten handeln, deren Erfolge sie verwegen machen könnten. Bekennen will ich unsern Fehler gerne, aber nicht bereuen jene Minuten zähneknirschenden Kampfes, wo sich der Mensch über sich selbst hinaushebt und wirklich hart ringen darf. Aber auch die Strafe ist meiner Sünde raschen Schrittes gefolgt, denn solchem Sonnenbrand mit beissendem Hagel war meine zarte Haut nicht gewachsen und rächte sich in schmerzendem Fieber. Von gerechtem Schlaf konnte diese Nacht keine Rede sein, und ich sehnte mich nach des neuen Tages Mühen. Doch jetzt herrschte heftiges Schneetreiben von Westen her, als wäre mein ganzes Vorhaben stets nur gegen den Wind gerichtet; denn heute musste ich mit Freund Paul wieder zurück, das Lötschental hinaus, während Alfred und Gefährten in wohliger Hüttenrast zu neuen Plänen rüsten durften.

Bei Nebel und Schneegestöber zu zweit den aufgeweichten Langengletscher hinunter, war auch kein Kinderspiel, wenn der Kopf fiebert und die Augen elend schmerzen. Bis aber der ganze Kelch bitterer Erfahrung zur Neige ging, wurden noch so manche Halte im Spaltengewirr des fast endlosen Gletschers nötig, wegen meiner völligen Schneeblindheit, deren Qual glücklicherweise wohl wenige kennen. Wie Balsam träufelte es nachher über meine brennenden Augen, als nur noch Fels und saftig grüne Matten mich umgaben und des Gletschers Blendwerk ausgeschaltet hatten.

Und heimwärts zog es uns mit Riesenschritten durch das lange Lötschental, um vieles reifer, glücklicher, wenn auch das ehrenwerte Antlitz seine Menschenähnlichkeit erst nach geraumen Tagen wieder zurückerlangte.

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