Alexander Burgener

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Alexander Burgener 1845-1910.

Ein Beitrag zur Geschichte des Bergsteigens.

Von Joseph Braunstein.

Das Jahrbuch des Schweizer Alpenclub für 1914/15 hat dem grossen Melchior Anderegg ein von Heinrich Dübi und Paul Montandon verfasstes Gedenkblatt gewidmet. In dieser ebenso belehrenden wie anziehend geschriebenen Veröffentlichung bezeichnet Montandon das von C. D. Cunningham und W. de W. Abney herausgegebene Sammelwerk « The Pioneers of the Alps » als einen hervorragend illustrierten, modernen Plutarch für die bedeutendsten Schweizer- und Chamonixführer der ersten Bergsteigerperiode. Ohne die Vorzüge des englischen Buches verkennen zu wollen, darf man wohl sagen, dass die Geschichte der grossen Westalpenführer im 19. Jahrhundert noch geschrieben werden muss. Die « Pioneers » bieten nur kurz gefasste Skizzen, und man begreift die Unmöglichkeit, auf drei oder vier Seiten ein sachlich erschöpfendes Lebensbild zu entwerfen, das ohne Herausarbeitung menschlicher Züge doch unbefriedigend bleibt. Beim Erscheinen des englischen Werkes 1888 standen die meisten Führerpioniere noch mitten im bergsteigerischen Leben, und ihren Herren, den Mitarbeitern an den « Pioneers », war wegen der gebotenen Kürze keine Gelegenheit zu einer quellenmässig belegten Darstellung gegeben. Diese Aufgabe verblieb späteren Geschlechtern, die sich nicht mehr auf das Erlebte, sondern nur auf schriftliche Zeugnisse berufen können. Aber oft sind mit dem Heimgang der Führer und Geführten wichtige Quellen der Überlieferung versiegt, denn die berufenen Biographen der Führer sind vor allem die Geführten, da sie in vielen unvergesslichen Stunden ihren Gefährten ( Führern ) menschlich näher treten konnten und deshalb die Lebensbeschreibungen mit menschlichen Zügen auszustatten vermögen.

Kletterkunst und Eistechnik machen einen Mann noch nicht zum grossen Führer. Es kommt auch auf den Menschen an, und gerade die menschliche Eigenart der Alpensöhne hat die Herren aus den Weltstädten an die Bauern und Jäger gekittet und lebenslange Freundschaftsbande geknüpft. Wir Nachgeborenen bewundern die Leistungen der grossen Führer ohne Vorbehalt. Diese Bewunderung entspringt objektiven Betrachtungen und der Kenntnis der äusseren Bedingungen, unter denen diese grossartigen Leistungen vollbracht worden sind. Doch unserem Gefühl treten diese einstigen Meister der Berge näher, wenn wir einen Einblick in ihr Wesen gewinnen, wenn sie in den Berichten, die ihre Grosstaten verzeichnen, auch selbst zu Wort kommen, sei es auch nur in charakteristischen. Äusserungen und kernigen Aussprüchen. Die schriftstellernden Bergsteiger der klassischen Zeit haben es an der Wiedergabe solcher Episoden nicht fehlen lassen, und auch die spätere Literatur kann mit solchen Proben aufwarten. So hat Andreas Fischer mit der Charakteristik des Chamoniarden François Devouassoud und des alten Christian Almer Meisterstücke geboten, und die von Julius Kugy mit wenigen Strichen hingeworfenen Zeichnungen oder breit ausgeführten Porträts seiner Begleitführer aus allen Teilen der Alpen ergeben eine prächtige Galerie.

Das « Alpine Journal » hat die Erinnerung an die Führer immer gepflegt und ihnen Nachrufe aus der Feder bevorzugter Herren gewidmet. Diese vielen, mit besonderer Sachkenntnis und grosser Liebe geschriebenen Seiten bieten ein sehr wertvolles Quellenmaterial zur Geschichte des Bergsteigers. Hiezu auch ein Scherflein beizutragen, fühle ich mich durch das Studium von Alexander Burgeners Führerbuch angeregt. Besitzer war bisher der Wiener M. von Kuffner x ), der sich durch 15 Bergsommer Burgeners Begleitung erfreuen durfte und das von Alexanders Witwe erhaltene Büchlein ebenso treulich gehütet hat wie kostbare Handschriften von Dichtern und Philosophen. Der Beschäftigung mit diesem wichtigen berggeschichtlichen Zeugnis verdanke ich genussreiche Stunden. Gestützt auf dieses Führerbuch und die Literatur will ich versuchen, einen Überblick über das bergsteigerische Lebenswerk Alexander Burgeners zu geben.

Von 1865 bis 1881.

Alexander Burgener ist am 10. Januar 1845 in Saas-Fee geboren und in Saas-Grund getauft worden ( Franz Joseph Alexander ). Er war ein Altersgenosse von Alois Pollinger, Johann Petrus und Ferdinand Imseng. Im Vergleich zu den klassischen Stätten des Berner Oberlandes, des Engadins und Zermatts war Saas lange ein Stiefkind des Turistenverkehrs geblieben. Wohl-bekannt waren zwar der Übergang nach Macugnaga und einige Gletscherpässe nach Zermatt, aber im grossen und ganzen wurden trotz der erfolgreichen Bemühungen Melchior Ulrichs und des Saaser Pfarrers Johann Joseph Imseng, der in seinem Knecht Franz Andermatten einen vorzüglichen Führer besass, die ausserordentlichen bergsteigerischen Möglichkeiten des Ortes nicht nach Gebühr gewürdigt. Der Ruf der Führer war für den Besuch eines Gebietes von grosser Bedeutung. Im Saastal einen starken Wandel der Dinge mit herbeigeführt zu haben, war auch ein Verdienst Alexander Burgeners.

Wie die besten seines Berufes hatte Burgener die nähere Bekanntschaft mit den heimatlichen Bergen als Gemsjäger gemacht. Er war noch nicht einmal 20 Jahre, da galt er, wie Dent erzählt, als der erfolgreichste und kühnste Jäger des Tales. Die Jagd war seine Schule für das Bergsteigen, und der ausgezeichnete Ruf, den er als Jäger genoss, war die beste Bürgschaft für seine glänzende bergsteigerische Veranlagung. Die Anfänge von Alexanders Führerlaufbahn liegen sozusagen im Dunkeln und lassen sich aus dem von dem Walliser Justiz-und Polizeidepartement am 16. Juni 1882 ausgestellten Führerbuch nicht entnehmen. Aus einer freundlichen Mitteilung der Walliser Polizeibehörde erhellt, dass 1882 die erste Prüfung abgehalten worden ist und dass 71 Männer aus dem Bezirk Visp das Führerbuch erhalten haben, darunter Alexander Burgener, sein Bruder Franz, Alois Pollinger, Franz Andermatten ( Anthamatten ), August Gentinetta, Peter und Nikolaus Knubel. Und so ergibt sich das Kuriosum, dass der Leiter bei den Erstbesteigungen der Lenzspitze ( 1870 ), der Aiguille du Dru ( 1878 ), der Charmoz ( 1880 ) und des Grepon ( 1881 ), der Bezwinger des Zmuttgrates ( 1879 ) und des Col du Lion ( 1880 und 1881 ) als berühmter Führer, der auf etwa zwei Dutzend grosser Neufahrten zurückblicken konnte, nun « in Übereinstimmung mit dem Polizeireglement vom 1. Februar 1882 auf Antrag der Prüfungskommission ermächtigt worden ist, den Führerberuf auszuüben. » Nach Auskunft der Walliser Polizeibehörde war das 1882 ausgefolgte Führerbüchlein das einzige, das Burgener besessen hatte. Diesem amtlichen Bescheid widerspricht aber das Büchlein mit zwei später zu erörternden beweis- Kuffner ist letzten Winter in Zürich gestorben.

kräftigen Zeugnissen von M. Conway und G. T. Dent. Der Widerspruch löst sich auf die einfachste Weise. Beide Teile haben recht: Burgener hatte zwei Führerbücher besessen, das behördlich ausgestellte von 1882 und vordem eines, das wohl vom Zermatter Führerverein ausgegeben worden war und somit des amtlichen Charakters entbehrte. Wie Conway in einem Nachruf auf P. I. Truffer erzählt, waren die neuen Bücher jedoch sehr unpopulär, weil die alten viele grosse Fahrten bezeugten, auf die ja die Führer sehr stolz waren. Deshalb traten mehrere Kämpen an Conway mit der Bitte heran, dem neuen amtlichen Führerbuch ein Vorwort mit einer Übersicht über die wichtigsten im alten Buch verzeichneten Fahrten zu geben. So auch Burgener. Den Verlust seines ersten Büchleins kann leider Conways Einführung im neuen nicht wettmachen, daher muss eine Darstellung der ersten 15 Jahre von Burgeners Führertätigkeit lückenhaft bleiben.

Die dürftigen Nachrichten über die Anfänge seiner Laufbahn verdanken wir Thomas Clinton Dent, der den Namen Alexander Burgener in die Literatur eingeführt hat. Dent war ein Jüngling von 18 Jahren, als er 1868 mit Alexander zusammenkam. Drei Jahre zuvor hatte Heinrich Dübi auf einer Schülerreise die Bekanntschaft Alexanders und seines Bruders Franz gemacht. Die Burgener geleiteten Dübi und seine Gefährten auf das Mittaghorn und auf das Mattwaldhorn und erheiterten sie, indem sie auf dem Weg zum Mattwaldhorn auf der ersten Alp mit einem Stierkalb eine kleine Corrida aufführten. Der Monte Moro bildete das letzte Ziel der Jugend. Die Besteigungen des Mittaghorns und des Mattwaldhorns vom Jahr 1865 sind die ersten belegten Bergfahrten Alexanders und bleiben auch die einzigen bis 1870.

Franz Burgener wird im zweiten Jahrbuch des S.A.C. ( 1865 ) in der von A. Roth gegebenen Zusammenstellung der « Gletscherführer » genannt. Er zählte damals 23 Jahre, war des Italienischen und ein wenig des Französischen kundig und konnte auf Besteigungen wie Weissmies, Alphubel, Allalinhorn, Monte Rosa ( 3 ), Täschhorn, Zwillingspass und auf 7 « Reisen » im Wallis, Berner Oberland, Tessin und Italien hinweisen. Vielleicht sind diese Angaben nicht ganz stichhaltig, denn so tüchtig Franz Burgener als Führer auch war, an Ehrlichkeit liess er es ziemlich fehlen. Er hatte so manches auf dem Kerbholz, musste schliesslich flüchten und soll um 1893 in Genua gestorben sein. Dieser bösen Geschichten wegen hatte Alexander sehr zu leiden. Ein anständiger und braver Mann war Alois, der dritte Burgener ( 1850—1934 ), der als der schnellste Geher galt. Mit J. Aichinger lief er einmal in 33 Minuten vom Riffelhaus nach Zermatt und bestieg den Mont Blanc in einem Zug von Chamonix innerhalb 17 Stunden ( ab 23 Uhr, Gipfel 10 Uhr, trotz Zeitverlust bei der Überschreitung des Bossonsgletschers in der Finsternis, Chamonix an 16 Uhr ). Kugy sah einmal alle drei Burgener als Begleiter Kuffners in Courmayeur. « Die drei waren prachtvoll anzusehen. Alexander dominierend, Franz eine Abenteuerererschei-nung, Alois bescheiden, gediegen. » Von Franz konnte Alexander einige Berufs-kniffe abgucken, und als Dent ihn 1868 kennen lernte, hatte der junge Führer bereits « die derben Methoden der Gemsjäger niedergekämpft » und war zum leitenden Mann für Dents Unternehmungen geeignet. Wie Dent in den « Pioneers » erzählt, begleitete ihn Alexander von 1868 bis 1878. Dies ist insofern zu berichtigen, als Dent 1876 und 1877 nicht in den Alpen gewesen ist x ). Nach seinem Zeugnis2 ) galt Alexander 1870 als brillanter und unerschrockener 1 ) « Alpine Journal » IX, 187. a ) « Alpine Journal » XI, 389.

IG ALEXANDER BURGENER 1845—1910.

Führer. So ein Ruf konnte nicht auf wenigen, sondern nur auf zahlreichen Bergfahrten erworben werden.

Zweifellos bildete die Umrahmung des heimatlichen Saastales Alexanders Tätigkeitsfeld. Unerstiegen waren damals ( 1870 ) noch Dürrenhorn, Stecknadelhorn, Lenzspitze und Portjengrat. Ziele gab es immerhin genug. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass Burgener wiederholt über die wichtigsten Pässe ins Nikolaital gekommen ist und auch den Dom und den Monte Rosa bestiegen hat. Das Matterhorn war ihm damals noch fremd. Das besagt gar nichts, denn wir wissen aus der von Whymper angelegten Zusammenstellung der ersten 17 Besteigungen ( bis 1870 ), dass für die Schweizerseite die Brüder Peter und Nikolaus Knubel und J. M. Lochmatter eine Art Monopol ausübten, und sogar Coolidge verstärkte am 5. September 1870 seine glänzende Seilschaft ( Christian und Ulrich Almer ) durch Nikolaus Knubel. Wie Burgener 1870 über das Matterhorn dachte, lehrt eine Episode, die sich bei der Erstbesteigung der Lenzspitze abspielte. Auf dem Gipfel besprach Dent mit Burgener den Plan einer Matterhornfahrt für das nächste Jahr, doch der « unerschrockene » Alexander riet seinem Herrn, sich auf einigen weniger gefährlichen Bergen zu üben, ehe er das zaubervolle Matterhorn angreife. Freilich konnte Dent erst ( I ) auf sechs « seasons » in den Alpen zurückblicken, und das Matterhorn war noch nicht in Ketten gelegt. Immerhin, der Versuch gelang im nächsten Jahr, und vielleicht hat damals Alexander die Bekanntschaft mit dem Matterhorn geschlossen, die fast vier Jahrzehnte währte. 1873 bis 1877 hat er den Berg von Zermatt aus siebenmal bestiegen und einmal von Breuil nach Zermatt überschritten.

Neben diesen Unternehmungen lassen sich von 1870 bis 1878 kaum ein Dutzend Fahrten belegen. Für 1870 Balfrinhorn, Lenzspitze ( neu ), Alphubelpass und vielleicht auch Dom, für 1871 Portjengrat ( neu ) und vermutlich Matterhorn, für 1872 die High level route von Chamonix nach Zermatt ( nur Col de Mont Rouge und Ruinette belegt ), Monte Rosa und Zinalrothorn, für 1873. 1874 und 1875 Versuche auf die Aiguille du Dru und auch auf die Grands Charmoz, durchwegs mit Dent. Im « Alpine Journal » 1873 von der Eröffnung des Zermatter Weges auf das Zinalrothorn erzählend, stellt Dent unsern Alexander als Verkörperung von Kraft, Mut und Ausdauer vor, und im nächsten Band rühmt er im Bericht über die Versuche auf die Aiguille du Dru besonders seine Kletterkunst.

Für das Jahr 1876 wissen wir nur von Besteigungen des Fletschhorns und des Täschhorns über die Ostflanke ( neu, mit Watson und Wethered, Venetz und L. Proment ). Es ist nicht verwunderlich, dass Burgener die Ersteigung der Mischabelhörner von Saas aus ins Auge gefasst hat. Diese Probleme mussten sich ihm aufdrängen, und so hat er Dent schon 1869 den Dom vorgeschlagen und -damit grosse Gegenliebe gefunden. Um die Ausführung dieses Planes zu erleichtern, stellte Dent Geldmittel für die Erbauung einer kleinen Hütte an der Eggfluh zur Verfügung. Franz Burgener hatte die Arbeit übernommen und ein jämmerliches Bauwerk erstellt, das, früher als « Burgeners Schlafplatz » bekannt, dem Baumeister eine Summe einbrachte, die den Wert der Leistung um ein Vielfaches überwog. Die Ersteigung des Doms ist damals zugunsten der Lenzspitze unterblieben. Der schneidige Saaser Johann Petrus löste das Problem 1875 mit den Engländern Puckle. Burgener war auch der Anreger zu Wethereds und Watsons Täschhornfahrt. Die Gedanken der Briten standen nach dem Dom, doch Alexander trat für die jungfräuliche Ostflanke des Täsch- I horns ein, deren Felsen er im vergangenen Winter sorgfältig geprüft hatte. Die bemerkenswerte Fahrt gelang im ersten Anlauf, und Wethered bemerkt hiezu im « Alpine Journal » ( IX, 208 ): « Burgener, der denHauptanstoss zu dieser Tur gegeben, war über den durchgreifenden Erfolg natürlich mehr erfreut als jeder andere von uns, doch ist es recht und billig, einzugestehen, dass er glänzend ohne einen Verhauer zur Spitze führte. Trotz seiner jüngsten Heldentat an der Dru ist es unwahrscheinlich, dass die Erinnerung an die zwei Jahre früher erfolgte Ersteigung des Täschhorns vom Feegletscher je vergehen wird. » Die Heldentat auf der Aiguille du Drul Ja, es war eine bergsteigerische Glanzleistung, denkwürdig im höchsten Grad. Hatte Whymper sein Matterhorn, so war Dent ganz der Aiguille du Dru verfallen, um die er 1873, 1874, 1875 und 1878 mit leidenschaftlichem Eifer und nie erlahmender Zähigkeit warb, im Verein mit guten Bergfreunden und ausgezeichneten Führern, Alexander Burgener obenan. Doch alle Kletterkunst und Erfahrung fruchteten nichts. Den Feldzug von 1878 konnte Burgener nicht mitmachen. Da erschien er in einer durch Schlechtwetter und den Mangel an einem erstrangigen Führer erzwungenen Pause, vom Col du Géant kommend, unvermutet auf der Bildfläche. Das Auftreten des erprobten Gefährten empfand Dent als wahren Sonnenstrahl, und Burgener erklärte sich bereit, sofort den Oberbefehl zu ergreifen. Damit nahm die Sache ein entschiedeneres Aussehen an, denn Alexander hatte jede Gelegenheit zur Prüfung der Aufstiegsmöglichkeiten benützt. Er versprach sich den Sieg und entfaltete einen Eifer, der alle mitriss. Nach verschiedenen Zwischenfällen erreichte die aus Dent, Hartley, A. Maurer und Burgener bestehende Gesellschaft die leidenschaftlich umworbene Zinne. « Und noch heute » — so sagt Dent 10 Jahre später in den « Pioneers » — « kann sich der Schreiber genau Burgeners Blick entsinnen, als die Spitze erreicht war, kann die Tränen der Freude und des Stolzes sehen, die in seinen Augen glänzten, ja er vermag beinahe noch den schrecklichen Druck seiner Hand zu fühlen. » Diese Fahrt, die letzte mit Dent in den Alpen, eröffnete die Reihe von Burgeners glanzvollen Leistungen im Mont Blanc-Gebiet.

Für die nächsten Jahre fliessen die Quellen nicht mehr so spärlich. Im Juli 1879 reiste Burgener mit dem Wiener J. Meurer ( Mont Blanc, Matterhorn bis zur Echelle Jordan, Monte Rosa ). Über die nächsten Wochen wissen wir nichts, aber um den 25. August stellte ihm Alois beim Hotel Monte Rosa einen jungen Engländer vor, der es auf nichts anderes als den Zmuttgrat abgesehen hatte. Es war Alexander Mummery. Mit einen Unbekannten den Zmuttgrat anzugehen, bezeichnete Burgener als « verfluchte Dummheit », und so verstand sich der Bewerber zu einem Probegalopp. Sie gingen über den Alphubelpass nach Saas, dann über den Laquinpass, überschritten das Fletschhorn mit neuer Aufstiegsroute, erstiegen das Portjenhorn und kehrten über den Riedpass nach Zermatt zurück. Diese Tur ist wirklich in einen Galopp ausgeartet, denn sie währte nur fünf Tage. Mummery hatte jedenfalls die Prüfung bestanden. Dies lehren die Ereignisse, die sich zwei Tage später auf der Westseite des Matterhorns abspielten. Saas triumphierte auf der ganzen Linie: Burgener und Petrus mit Mummery, Ferdinand Imseng und L. Zurbrücken aus Macugnaga mit Penhall. Nur August Gentinetta, Mummerys dritter Mann, vertrat Zermatt. Burgener und Imseng, diese ebenbürtigen Rivalen, massen damals gegeneinander ihre Kräfte.Vereint waren sie bei wichtiger Gelegenheit nur einmal am Werk, 1872 auf dem Zinal Rothorn. Dent hat unumwunden erklärt, dass bei der Eröffnung des Zermatter Weges ohne Zweifel ein wenig Parteigeist und der Gedanke, den Zermattern den Ruhm zu nehmen, Burgener, Imseng und F. Andermatten zu grösseren Anstrengungen angeeifert haben mochten, da die Zermatter « mit traurigem, der Chamonix-Clique würdigem Unglauben », die Möglichkeit des Anstieges geleugnet hatten. Der Beweis dafür, dass es im Saastal so tüchtige Leute gebe, wie man sie in der Schweiz überhaupt finden konnte, ist ihnen nach dem Urteil Dents auch vollkommen gelungen.

Kehren wir nun zum Zmuttgrat zurück. Es gab damals keine Sieger und keine Besiegten. Mummery und Burgener bewiesen die besseren Nerven und sicherten sich so den nicht mehr einzuholenden Vorsprung. Es ist wohl am Platz, hier vom geschichtlichen Standpunkt aus ein wenig auf diese Fahrt einzugehen und die Tatsachen zu beleuchten, die es dem Geschichtsschreiber ermöglichen, im Sinne Rankes festzustellen, « wie es eigentlich gewesen ». Andreas Fischer berichtet von dem Erkundigungsvorstoss, den Melchior Anderegg 1863 allein auf den Zmuttgrat unternommen hat. Anderegg war, mit beispielloser Kühnheit über die fürchterlichen Abgründe aufwärts klimmend, über die schwierigsten Stellen hinaus, vermutlich bis in die Nähe der Galerie gelangt und auf dem gleichen Weg wieder zu Tal gestiegen und hatte seinen Herren gemeldet, dass er die Route « für sehr probierenswert » halte. Die Gangbarkeit des Grates war bewiesen, wenn auch nicht vor aller Bergsteigerwelt. Die Frage ist nun: Warum wurde damals dieser sehr probierenswerte Anstieg nicht versucht, da es doch galt, dem Matterhorn den Ruf der Unersteiglichkeit zu nehmen? Noch bildete der Weg nicht das Ziel. Warum wurde die Route später nicht probiert, wo doch mit der Eröffnung des italienischen Weges das oberste Stück des Zmuttgrates erkundet worden war, was ja Anderegg wusste. Nun, Melchior, der wohl ebenso wie seine Herren das Geheimnis zu bewahren verstand, hatte seine Ansicht geändert. Darüber belehrt uns ein Aufsatz aus dem Nachlass E. W. Davidsons. Ende der siebziger Jahre wurde von britischen Bergsteigern das Zniuttgrat-Problem erörtert. Conway sprach darüber mit Burgener, Passingham verfolgte es, ebenso auch Davidson, der, einmal mit Anderegg auf der Dent Blanche sich befindend, einen Versuch vorschlug. Ohne seine Erkundung von 1863 zu erwähnen, lehnte Melchior energisch die Mitwirkung wegen der Steingefahr ab und erklärte, dass man einen Kopf von Eisen haben müsse, um dort gehen zu können. « Das ist etwas für Middlemore. » Damit ist alles gesagt, denn Middlemores Wege und Melchiors Auffassung des Bergsteigens sind nicht treffender zu charakterisieren, als durch Andereggs bekannte Worte: « Es geht, aber ich gehe nicht. » Um diese Zeit etwa hatte ein anderer Engländer von der Dent Blanche aus die Nordwestseite des Matterhorns genau betrachtet und den Eindruck gewonnen, dass ein Durchstieg möglich wäre. Es war William Penhall, damals noch keine Grösse, sondern ein Talent, das sich in der Stille bildete. Er vernahm, dass auch Conway diese Unternehmung plane, und so machten sie gemeinsame Sache und verpflichteten für den August 1878 den richtigen Mann: Ferdinand Imseng. Sie konnten kaum einen Geeigneteren finden als den kühnen, ehrgeizigen Führer, der die Ostwand des Monte Rosa durchstiegen und auch das Nordend von Macugnaga gemeistert hatte. Er widmete sich mit Eifer seiner neuen Aufgabe, konnte sie aber der ungünstigen Witterung wegen im Sommer 1878 nicht lösen. Damals aber erstritt sein Jugendfreund Burgener an der Aiguille du Dru seinen grössten Bergsieg. Mit G. A. Passingham, den Imseng wiederholt begleitet und am 13. August 1879 über die Zinalflanke auf das Weisshorn geführt hatte, trat ein sehr ernster Bewerber um den Zmuttgrat auf den Plan. Penhall hörte davon und kam, von Angriffslust beseelt, am 29. August nach Zermatt, ohne zu wissen, dass sich ein Aussenseiter am Zmuttgrat ernstlich zu schaffen machen wollte und dafür Burgener gewonnen hatte.

Der weitere Verlauf der Begebenheiten ist bekannt. Bei der Beurteilung des Ausganges dürfen wir keinesfalls übersehen, dass Penhalls Vorstoss am 1. September für Mummerys Seilschaft von grossem Vorteil war, da sie Spuren fand und bis zu den Zmuttzähnen Imsengs Stufen benützen konnte. Es ist ferner zu beachten, dass Johann Petrus, der Mann der Dom-Ostflanke, eigentlich als Träger gedungen, unangeseilt meistens vorangegangen ist und zwei Tage später die Besteigung mit Mr. Baumann und Emile Rey wiederholt hat. Seine Bereitwilligkeit, kaum zu Tal gekommen, abermals zu dieser ausserordentlichen Fahrt aufzubrechen, bezeugt, dass Petrus technisch und moralisch über der Sache stand. Alexander hatte, nachdem er auf der erwähnten Probe-tur Mummerys Fähigkeiten erkannt, ohne zu zögern die Gelegenheit ergriffen, seine Meisterschaft auf dem Zmuttgrat zu erproben. Penhalls voreiligen Rückzug zu ihrem Vorteil ausnützend, hatte die Mummeryseilschaft den zugunsten der Dent Blanche bereits aufgegebenen Angriff auf den Zmuttgrat unverzüglich wieder aufgenommen, und diese Wendung verleiht dem Unternehmen den Anstrich einer genialen Improvisation. Mummery war scheinbar zu spät gekommen, hatte gewartet, gesehen und gesiegt.

Burgener war natürlich stolz auf das gute Gelingen dieser grossen Fahrt, und die Freude über den ausserordentlichen Erfolg hat ihm die Feder in die starke Hand gedrückt. Er verfasste eine Wegbeschreibung für die von Meurer geleitete « Österreichische Alpenzeitung ». Die Anregung dürfte von Meurer ausgegangen sein, der damit von seinem Grundsatz abwich, « nur stilgewandten Federn den Eintritt in die Spalten der Ö.A.Z. zu gewähren ». Alexanders Darstellung der Vorgeschichte ist zum Teil unrichtig und lückenhaft. Er behauptet, Mummery zu dieser Fahrt angeregt zu haben, und erwähnt mit keinem Wort die Erkundung Imsengs und die daraus gezogenen Vorteile. Über die Route sagt er unter anderem:

« Mehrere Stellen waren sehr gefährlich und schwierig zu überwinden, und diese Exkursion ist jedenfalls viel schwieriger als jene von Zermatt und selbst schwieriger als jene von Breuil, besonders solange keine befestigten Seile da sind. Wenn der Berg nicht gut schneefrei ist, so ist die Tur überhaupt nicht zu unternehmen, da man zuweilen über sehr glatte Felsen, die man bei uns Platten nennt, hinweg muss. Sind diese mit Schnee bedeckt, so ist es zu gefährlich, auch wohl gar nicht möglich, somit kann diese Besteigung gewiss nicht jedes Jahr ausgeführt werden. Ein schöner und interessanter Aufstieg ist es aber. » Bei der Erstbesteigung des Dürrenhorns wirkten die Rivalen um den Zmuttgrat, Herren und Führer, erfolgreich zusammen. Zu Beginn des Sommers 1880 stand Burgener in Mummerys Diensten. Sie überschritten den Col du Lion vom Tiefenmattengletscher nach Breuil, eilten, verstärkt durch den ausgezeichneten Kletterer Benedikt Venetz, nach Courmayeur und versuchten sich an der Aiguille du Géant. Der Versuch endete 100 Meter unter der Spitze. Die Stelle heisst heute Place Mummery, doch der Steinmann, der Mummerys Karte mit den so berühmt gewordenen Worten barg, ist mit dem Namen Burgener verknüpft. Graham erwähnt den Sack voll Kristalle, den Burgener zurückgelassen hatte, und Hartley spricht 1883 ausdrücklich vom Steinmann Burgeners. Den Misserfolg nahmen Mummery und die Saaser nicht zu tragisch. Sie siegten mit « fairen Mitteln » auf der Aiguille des Grands Charmoz und begaben sich dann wieder zum Matterhorn, um den Furggengrat anzugehen. Ungefähr in 4300 Meter Höhe wurde ihnen Halt geboten, doch durch eine kühne Querung zum Hörnligrat wurde der Weg zum Gipfel gebahnt und die Ehre des Tages gerettet. Von weiteren Turen in diesem Sommer sind nur Besteigungen des Doms und Weisshorns mit dem Österreicher Lendenfeld bekannt.

Das Jahr 1881 vereinigte Burgener mit Paul Güssfeldt. Nach seinem Zeugnis bestand zwischen ihm und Alexander ein gegenseitiges Vertrauen, das auf der Junireise im Dauphiné, besonders bei der wechselvollen Besteigung der Barre des Ecrins auf teilweise neuem " Wege so erhärtet wurde, dass Alexander in seinem unbändigen Tatendrang die Überschreitung des Col du Lion von Breuil zum Stockje vorschlug. Das steht in der ursprünglichen Lesart von Güssfeldts glänzendem Aufsatz « Col du Lion ». Es ist für Burgener in höchstem Mass bezeichnend, dass er diese Fahrt wiederholen wollte, zumal da er die Schwierigkeiten und Gefahren nur zu gut kannte und sogar einem ungünstigen Ausgang ins Auge sah. Welchen bangen Tag die beiden Männer im Abstieg durch die wilde « feindselige » Schlucht durchlebten, wie nahe sie dem Verderben waren, ist bekannt. Und deshalb zeugt es für Alexanders starken Glauben an sich selbst, dass er sich bereit fand, noch ein drittes Mal diesen ernsten Weg zu gehen ( 1885 ). Burgener bestieg dann mit Güssfeldt noch das Täschhorn und stiess etwa drei Wochen später ( Quellenlücke ) mit Venetz zu Mummery. Der Feldzug führte in die Mont Blanc-Gruppe und brachte die Ersteigungen der Aiguille Verte vom Charpouagletscher und des Grépon ( zuerst des Süd- und zwei Tage darauf des Nordgipfels ). In den nächsten fünf Wochen führte Burgener den Leipziger Professor Karl Schulz. Dessen Persönlichkeit war einst sehr umstritten, jedenfalls hat ihm Alexanders Meisterschaft eine stattliche Reihe grosser Erfolge beschert. Die vermutlich letzte Fahrt dieses Sommers war die Besteigung des Strahlhorns mit neuem Abstieg über den Nordostgrat in Gesellschaft Lendenfelds und dessen Gattin.

Hier wollen wir nun ein wenig Rückschau halten, denn mit dem Jahr 1882 betreten wir bei der Darstellung von Burgeners Laufbahn den durch das Führerbuch gesicherten festen Boden. Für die 17 Sommer zwischen Dübis Besteigung des Mattwaldhorns 1865 und Lendenfelds Strahlhornfahrt 1881 sind bloss etwa 60 Bergfahrten belegt. Man macht sich wohl kaum einer Übertreibung schuldig, wenn man für diese Zeit bei einem so tatendurstigen und kraftstrotzenden Führer wie Alexander Burgener das Dreifache annimmt. Bis 1881 haben wir nur von 7 Matterhornbesteigungen auf dem Zermatter Weg und einer von Breuil sichere Kunde. Es ist möglich, dass Alexander in jenen Zeitläuften das Hörn öfters bestiegen hat. Man hörte von Jahr zu Jahr seinen Namen häufiger nennen, er wurde ein berühmter Führer, dessen Ruf sogar nach Amerika drang. Wir erfahren durch ein Zeugnis Conways, dass Burgener vor Empfang seines Führerbuches auch schon in den Grajischen Alpen, im Berner Oberland und im Engadin gewesen ist, worüber wir im einzelnen gar nichts wissen, weil eben die Quellen verschüttet sind.

( Fortsetzung folgt. )

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