Alleingang

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Hans Zumbrunn.

Die Nagelschuhe in der Hand, drücke ich mich die knarrende Treppe hinunter, um die Meinen nicht im Schlaf zu stören. Es ist noch recht früh am Tag, das fahle Dämmerlicht hockt in der Dorfgasse, und an den dunklen Bohlenwänden der Bündnerhäuser widerhallt mein einsamer Schritt.

Im werdenden Morgen schreite ich langsam und geniesserisch durch die Matten. Im Osten färbt sich hinter kreppartig gekräuseltem Wolkendunst der Himmel. Im Westen stehen rötliche Föhnpinsel: Wetterwechsel.

Längs des rauschenden Baches stapfe ich durch Alpenrosenbüsche zu den Weiden hinauf. Ein schläfriger, gelb und schwarz gesprenkelter Salamander torkelt über nasses Gestein. Auf der Weide ruht Jungvieh. Ein Kalb glöckelt witternd auf mich zu. Ich biete ihm eine Prise Salz, und aus Dankbarkeit begleitet es mich wie ein lieber Kamerad bis unter die steilen Flühe.

Durch steinige Runsen und über Felsköpfe erreiche ich das Hochtal, welches ich zu durchqueren habe, um zu meinem Berg zu gelangen. Abgeschlossen, eine kleine Welt für sich, liegt es eingebettet zwischen Wänden und Gipfeln. Inmitten von Rasenpolstern, Schutthalden und Lawinenschnee schillert blaugrün der Alpsee. In bezaubernder Farbenplastik spiegeln sich darin die Bergkuppen, und auf dem Wasser begleitet mich mein Ebenbild.

Juhuhui!

In diesem Jauchzer, der sich vor seinem Ersterben in den Flühen verzehnfacht, schwingt die Freude mit, allein zu sein in dieser lautlosen Bergwelt. Es kommt mir vor, als sei ich auf geheimnisvolle Weise mit ihr eng verbunden.

Die Unrast des Lebens ist wie ein nichtssagender Traum verblasst. Vor mir steht das Erzhorn, greifbar und lockend. Über schwärzlichen Schutthalden baut es sich in gewaltigen Steilwänden auf zum formenschönen Doppelgipfel, den eine überhängende Schneehaube ziert.

Ich taste vorsichtig über alten Lawinenschnee, denn unter ihm brodelt dumpf der wilde Bach. Der firnige Schnee ist meterdick und in riesige Würfel gespalten. Die anschliessende Geröllhalde und das Blockgewirr entpuppen sich beim Näherkommen als unübersehbarer Blumengarten. Dunkler Enzian, Glockenblumen aller Art, Alpenastern, Arnika und Nelkenwurz leuchten in satten Farben neben dem intensiven Rot der Steinbrech- und Hauswurz-polster. Himmelsherold, Gemswurz und die zierliche Akelei suchen Schutz an Blöcken. Insekten summen, und ganze Geschwader blauer Schmetterlinge schaukeln sich im Morgenlicht.

Im Bewundern dieses mannigfaltigen Lebens steige ich rastlos bergwärts durch immer steiler werdende Felsen und Schneerinnen, hinauf zur Grateinsattelung. Abseits unter einem Block, als benötige sie eine besonders gute Stube, leuchtet eine zarte Daphne.

Die Alpen — 1941 — hßs Alpes.6 Vor mir bäumt sich der Grat zum mächtigen Doppelgipfel auf. Finstere, klotzige Türme bewachen den Zugang. Doch das schreckt mich nicht. Im Gegenteil, jetzt wird das Erlebnis um so interessanter. Ich stecke rasch einen Apfel in die Tasche und verstaue den Rucksack in den Felsen. Dann geht die Kletterei los.

Der erste Turm muss sich überklettern lassen, und dem zweiten ergeht es nicht besser. Aber der dritte weist mich ab. Seine Flanken sind glatt und grifflos, also gebe ich nach. Zu seiner Umgehung muss ich in die Wand hinaus, in eine unsympathische Rinne. Der Stein ist brüchig, ich strebe darum wieder auf den Grat zurück, was nach einigen Versuchen gelingt. Im Spalt zweier aufrecht gestellten Blöcke stemme ich mich empor und fasse Stand auf einem gangbaren Gesimse. Kaum stehe ich einige Meter weiter oben, so knirscht es unter mir. Ich sehe zu meinem nicht geringen Erstaunen, wie der grössere Block sich gegen den kleineren zuneigt, wie der Spalt sich gleich einem Taschenmesser schliesst und wie die Blöcke, vom Eigengewicht abgedrückt, sich seitwärts neigen und krachend die Wand hinunterpoltern. In der Folge prüfe ich jeden meiner Tritte etwas sorgfältiger.

Durch eine Verschneidung, die famose Griffe bietet, erreiche ich den Vorgipfel. Ganz nahe leuchtet ein selten schönes Edelweiss. Bis auf Armslänge komme ich heran. Wie ich den letzten Griff vorsichtig abtaste, bricht er aus und die lockende Blume fällt in die Tiefe. Wenig später stapfe ich über die Schneehaube zum Hauptgipfel und halte Rast.

Unvermutet fegt eine Bö über den Grat, und dann folgt ein dumpfes Rollen. Hinter mir im Westen droht eine dunkle Wolkenwand. Ich steige eilends wieder über den Grat zurück. Wieder ein Windstoss, und fort fliegt mein Hut in stolzem Segelflug über die Flühe hinaus. Schade, er war ein treuer, alter Kamerad!

Weil unten im Gratsattel das Wetter nicht mehr so unmittelbar drohend ausschaut, beschliesse ich, doch noch dem gegenüber liegenden Gipfel des Rothorns einen Besuch zu machen. Der Anstieg bietet keinerlei Schwierigkeiten, und so bin ich bei raschem Steigen in kaum einer Stunde oben. Knapp unter dem Gipfel setzt Hagel ein. Rasch zum Steinmann und Eintrag ins Gipfelbuch. Dann rechtsum und im Laufschritt den Grat hinunter, denn der Hagel prasselt ungemütlich auf meinen ungeschützten Schädel.

Unten am Sattel giesst es in Strömen. In einer schneegefüllten Rinne kann ich stehend abfahren und bin so im Nu unten an der Blockhalde, wo ich Schutz finde.

Das Wetter ist abgezogen. Ich bummle talwärts und lasse mich von der Sonne trocknen. Am Alpsee streut der Schäfer seinen Tieren Salz. Der Mann hat eine frappante Ähnlichkeit mit einem verstorbenen Herrscher. Noch merkwürdiger aber ist, dass sein Hut meinem entschwundenen Filz gleicht wie ein Ei dem andern. Ich gucke näher hin und siehe, mein lieber, alter Deckel ziert das Haupt dieses Herrschers über vierhundert Schafe. Am See unten habe er ihn gefunden. Hoffentlich leistet er ihm noch lange gute Dienste.

Im gleichen Gebiet war mir an einem andern Tag ein Blick in das Tierleben beschieden.

In brennender Sonne durchkletterte ich stundenlang den exponierten Grat. Die Elemente haben das Urgestein unglaublich zerrissen, und die Türme, Blöcke und Platten nehmen sich aus wie Sägeblätter. Nun liegt der letzte Zacken hinter mir, und müde ruhe ich im Schatten und geniesse von meinem Horste aus eindrucksvolle Tiefblicke auf Täler und Seen.

Da tönt von unten herauf stossweises Geblök. Ich gehe mit dem Glas der Schallrichtung nach und sichte unter mir auf eine Distanz von mehr als 100 Metern ein Schaf bei einem Überhang. Wird sich verstiegen oder ein Bein gebrochen haben, denke ich und steige ab.

An den warmen Fels geschmiegt liegt ein Muttertier und leckt sein eben geborenes Kind. Bittende Augen flehen mich an. Benommen bleibe ich stehen. Das Tier versucht sich zu erheben, ist aber zu schwach dazu. Mit ruhiger, leiser Stimme rede ich zutraulich mit ihm. Da legt es sich nieder und... gibt einem Zwilling das Leben.

Still habe ich mich davon gemacht und dem Schäfer Meldung erstattet. Er hat andern Tags Mutter und Lämmer heruntergeholt. Der Blick des leidenden Muttertieres geht mir heute noch nach.

Im Abstieg über die Rasenhänge schreckt mich ein durchdringender Pfiff. Noch einer. Drei, vier Murmeltiere verschwinden in nächster Nähe in ihren Löchern. Einige Sprünge bringen mich hinter einen Felsen. Dort häufe ich Steine übereinander, lasse aber ein Guckloch und werfe mich dahinter ins Gras. Minutenlang ist alles ausgestorben. Doch ich rechne mit der Neugierde der Tiere. Und richtig, da kommt schon eine borstige Schnauze, schnuppert und verschwindet wieder, erscheint von neuem, lässt sich ganz aus dem Bau heraus, äugt argwöhnisch nach dem verhassten Menschen, der spurlos verschwunden ist. Witterung ist unmöglich, der Wind kommt gegen mich.

Zufriedenes Grunzen, worauf die ganze Sippe, alt und jung, vor dem Loch aufmarschiert. Auf dem Bauch liegend, ergötze ich mich an dem fröhlichen Tierleben. Die Jungen raufen miteinander, und wenn es den Alten zu bunt wird, setzt es Hiebe.

Wie bedaure ich da ihre Artgenossen im zoologischen Garten, jene de-generierten Fettsäcke, denen die Atzung ins Maul fällt und die vor lauter Zivilisation den Warnungspfiff verlernt haben. Ein ergrauter Urgrossvater mit grossem Schnauzbart reizt hier meine Lachmuskeln andauernd. Würdevoll wie ein Pascha thront er auf erhöhtem Block und hält Wache. Ab und zu stellt er sich auf die Hinterfüsse, wackelt mit dem Schnauze und nimmt Witterung. Mein Versteck scheint ihm nicht ganz geheuer zu sein, und beharrlich äugt er zu mir herüber. Wie er sich nun einmal abwendet, hebe ich den Kopf und lache tief und kurz. Augenblickliche Erstarrung. Ich habe mich erhoben und lache aus vollem Halse über die nun einsetzende, überstürzte Flucht. Mit Todesverachtung schleudert mir der Alte gellende Pfiffe entgegen. Erst als der letzte Schwanz im Loch verschwunden ist, folgt er mit kühnem Kopfsprung den Seinen nach.

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