Alleingang am Cerro Mercedario

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Toni Spirig, Celerina

Der Mercedario befindet sich etwa 100 Kilometer nördlich des Aconcagua und zählt zu den höchsten Bergen der Anden. Die Süd- wie auch die Ostwand sind stark vergletschert und stellen interessante Expeditionsziele dar.

Die I ioo Meter hohe Ostwand war im Januar 1981 Ziel einer Kleinexpedition mit Rogelio Rol-lan aus Argentinien sowie den beiden Schweizern Daria Vezzoli und Toni Spirig. Diese Wand wurde 1975 erstmals von Italienern aus Padua angegangen. In der Folge scheint ebenfalls einer argentinischen und einer deutschen Bergsteigergruppe der Durchstieg gelungen zu sein. Ob aber eine dieser Expeditionen je den Gipfel des Mercedario erreichte, konnte mir der Club Andino in San Juan nicht mit Sicherheit sagen. Es herrschen hier ähnliche Verhältnisse wie am Aconcagua, und immer wieder sind Unglücksfälle zu verzeichnen.

DER AUFBRUCH Ausgangsort ist das argentinische San Juan. Eine abenteuerliche Fahrt steht uns bevor. Bald wird die Strasse zur holperigen Piste. Eine riesige Staubfahne hinter uns herziehend, bewegen wir uns allmählich auf die Berge zu. Der Weg führt während Stunden durch trockenes, menschen-feindliches Ödland, durchsetzt von einzelnen dornigen Büschen. Beim Einsetzen der Dämmerung kommen wir nach El Molle, dem letzten Aussenposten der Zivilisation.

Am folgenden Morgen geht es auf der nun steil ansteigenden Piste weiter. Da, plötzlich bleibt unser Fahrzeug, ein geländegängiger « Guanaque-ra », hoffnungslos im Sand stecken. Es hilft alles nichts, und wir müssen die schweren Lasten auf unseren Rücken weitertragen. Erst gegen Abend erreichen wir, unterstützt vom Fahrer, die Laguna Blanca auf 3200 Meter.

DER ANMARSCH Zwei Tage lang mühen wir uns mit den schweren Rucksäcken ab, bis wir endlich unter der mächtigen Mercedario-Ostwand stehen. Der Weg leitet uns durch eine herbe Landschaft mit äusserst spärlicher Vegetation. Die Farbwechsel der Berghänge, immer höher werdender Büsser- schnee und ein stark zerklüfteter Gletscher schüren unsere Begeisterung für diese wilde Gegend. Die Sonne brennt ungnädig auf uns herab. Alsbald rötet sich überall dort, wo wir keine Schutzmittel einrieben, die Haut. Handrücken, Hals und Ohren beginnen zu schmerzen. Auf 4900 Meter erreichen wir eine Hütte. Beim Öffnen der Türe staunen wir nicht schlecht: blankes Eis, wohin man blickt. Lediglich die Ecken einiger Möbelstücke ragen noch daraus hervor. Wir bauen unser Ein-Zelt-Basislager auf. Kaum versinkt die Sonne hinter dem Mercedario, wird es empfindlich kalt. Die Bäche gefrieren und werden erst von der Wärme des folgenden Tages wieder zum Leben erwachen. Als Folge der Höhe klagen meine beiden Begleiter über leichte Kopfschmerzen. Da ich mich wohlfühle, festigt der folgende Ruhetag nur meinen Entschluss, die Wand allein anzugehen.

DER AUFSTIEG Der Weg zum Wandfuss ist kalt und düster. Unter klarem Himmel und im Lichte eines unvergesslichen Sternenhimmels taste ich mich über das Geröllfeld. Bei jedem Schritt blitzen die Steine unter meinen Schuhen. Verwundert suche ich nach der Erklärung für dieses Phänomen. Beim Gletscher angelangt, montiere ich die Steigeisen. Immer wieder knackt es unheimlich im Eis. Erst als ich den eigentlichen Wandfuss erreiche, legt sich die Spannung etwas, wenn auch das hier ansetzende Blankeis einige Vorsicht verlangt. Bald ändern sich die Verhältnisse. Harter, leicht zu Büsserschnee geformter Firn erlaubt mir ein gleichmässiges und kräftesparendes Steigen. Allmählich verfliegen meine Zweifel wegen der ungenügenden Akklimatisation. Sorge bereitet mir lediglich der inzwischen gefrorene Inhalt meiner Wasserflasche. Für die kommende Biwaknacht werde ich sie wohl als unangenehm kühlenden Bettgefährten im Schlafsack dulden müssen.

Gegen Mittag bin ich auf der Höhe des « Cabal-lito », einer markanten Felsformation, angelangt.

Hier scheint das Eis härter und spröder zu werden. Einen Mittelweg zwischen den gähnenden Spalten ganz rechts und den blanken Stellen links suchend, werde ich erneut in die Blankeiszone abgedrängt. Mit ganzer Kraft schlage ich den Eishammer und die Frontzacken der Steigeisen in das spröde Material. Die Wand hat hier eine Steilheit von etwa 50°. Ungesichert klimme ich höher. Meine Nerven sind gespannt. Bloss ein Gedanke beherrscht mich: nur nicht ausrutschen! Dies hätte fatale Folgen, da bereits über goo Meter teils vereister Wand unter mir liegen. Die Höhe lässt mich keuchen und den Puls rasen. Endlich bemerke ich mit Erleichterung, wie die Wand sich allmählich zurücklegt. Damit entschwinde ich dem Blickfeld meiner Kameraden und erreiche auf 6100 Meter ein von verschneiten Spalten durchzogenes Gletscherplateau. In einem der Schrunde errichte ich mein Biwak. Mit der Nacht erhebt sich gleichzeitig ein orkanartiger Sturm, der Erinnerungen an Patagonien weckt. Feiner Schnee wird in meinen Biwaksack gepresst und beschert mir in der Folge eine unge-

Feedback