Alpendohlen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Willy Zeller.

Ein glühender Spätjulitag. Gläsern wuchtet die wolkenlose Himmelskuppel über den Zacken und Köpfen ringsum. Gletscherstürze gleissen heimtückisch und lüstern. Indigoschattenwürfe rücken die Schründe nah. Wundervoll gerundet leuchtet eine Firnmulde. Weiche Dunstschleier ziehen über die Ferne, verwischen das Fundament und heben die Spitzen himmelwärts. Wie eine Vision schwimmt in erdentrückter Höhe die Monte Rosa-Gruppe. Kein Lüftchen, kein Laut. Wir schlürfen mit halbgeschlossenen Augen die herbe Schönheit. Plötzlich ein Ruf: « Krü-krü-küri ». Ein leichter Schatten zittert über den Gipfelblock. Lautlos und frei von Erdenschwere spiralt ein Vogel um die Felsbastion. Jetzt ein zweiter, ein dritter. Im Purpurglanz schimmern die schwarzen Gefieder; die gelben Dohlenschnäbel leuchten, die angepressten Korallenbeine bluten bei jeder Wendung. « Küri-küri. » Mit flüssiger Eleganz wenden sich die Gestalten. Hell und fröhlich durch-klirrt der Ruf die starre Wildnis. Von nahen Steilwänden echot es verwischt und weich. Wieder und wieder umschweben die Alpendohlen unseren Hochsitz, dann gleiten ihre Spiralen fernab und verlieren sich in dem heimischen Felszirkus. Wie ferne Seufzer armer Seelen, die im Gletschereis büssen, weht der leise flackernde Bergwind einen Ton herzu: « Küri-krüi ».

Erst um 7 Uhr sind wir aufgebrochen. Die Wagschale des Wettergottes schwankt. Durch Pappschnee stampfen wir aufwärts, immer noch mit leiser Hoffnung auf Sonne. Doch, wie wir den Palügrat betreten, irrt unser Blick in ein brodelndes, wild brandendes Meer, das über dem jenseitigen Firnkessel wallt. Aufwärts! Noch durchsticht ein giftfahler Strahl ein bleiern umrandetes Wolkenloch. Vom Gipfel aus ist kaum die erstarrte Berninawand zu sehen. Und jetzt sausen die ersten Körner. Brausend und tosend umschlingt uns ein Südorkan, vor dem wir vergeblich in den ersten Felsen des beginnenden Grates Schutz suchen. Fern ein unterirdisches, dumpf grollendes Murren.

« Verdammt, auch das noch! » Leise, doch klar vernehmbar das teuflische Summen der Pickelspitzen. Klirrend prasseln scharfe Schlossen wagrecht heran. Wutschnaubend heult Stoss um Stoss von Mittag herauf. Völlig machtlos harren wir des Kommenden. Da — durch das Toben der rasenden Fetzen ein Laut: « Küri-krüi ». So müssen die Höllengeister lachen! Der windgeschützten Nordwand entlang wirbeln flügelschlagend zwei Alpendohlen und verschwinden im tosenden Schneesturm. « Küri-krüi. » Ist's das Ende?

Siesta über der Bovalhütte. Schimmernd prangt die Palüflanke. Ihr schmeichlerisch weiches Ebenbild, die Bellavista, glitzert in himmlischer Reinheit. Wohlig räkeln wir uns auf sonndurchglühtem Block. Die mondänen Hüttenbummler haben uns vertrieben. Wir schlürfen langsam den flimmerheissen und doch so kühlherben Bergduft. Durch die Bernina-Ostwand sickern schon die Abendschatten. Da werden plötzlich schwarze Wirbel-kreuzchen über den Grat geschleudert und segeln in vollendeten Voluten heran. Tiefer und tiefer senken sie sich, bis sie hinter einem mächtigen Block einfallen. Und wie wir uns geduckt hinpirschen, gewahren wir die Dohlen auf einem Berg leerer Konservenbüchsen, denen sie ihre gärenden Überreste zu entnehmen suchen. Drei der schmarotzenden Gäste fliegen nachher sogar zur Hütte und fahnden dort nach Leckerbissen. Echt stadtdohlenhafte Dreistigkeit und Neugierigkeit treibt sie in die nächste Nähe der pick-nicken-den Hotelgäste, die sich an den scheinbar dummdrolligen Bewegungen der schwarzen Gesellen belustigen. Mit schiefgehaltenem Kopf blinzeln die Gelbschnäbel gespannt nach den weggeworfenen Leckereien und klirren begehrlich und heiser: « Küri-küri-krüi ». Hart ist das Bergleben und kurz der freigebig spendende Bergsommer.

Dem verklärten Herbsttag ist eine feuchtschwere Nacht gefolgt. Jetzt wallen vor der Hütte gespenstische Nebelfetzen, umgarnen die nächsten Felsköpfe und ziehen ihnen in schleichendem Tanz höhnische Schleier um Schleier über das Haupt. Gedämpft, wie in erschrockener Erwartung des Unbekannten, rauscht der Gletscherbach. Es ist nicht der fröhlich drollige Sommernebel, der mit Fels und Hütte Versteckens spielt und gut gelaunt einen strahlenden Tag verheisst. Breite, wulstige Schwaden wogen über Grat und Hang, ballen sich immer fester und ersticken Licht und Fröhlichkeit. Verzweifelt ringt ein todwund geschossener Gemsbock in der Mulde unter dem grossen Schneefeld um sein versickerndes Leben. Entsetzt irren seine Seher zu den schwarzen Flatterteufeln, die kreischend durcheinander wirbeln. Jeder Windstoss schleudert sie ins Nichts, aber gleich sind sie wieder da, und das unbarmherzige Spiel beginnt von neuem. In rasendem Sturzflug sausen sie hernieder, doch bevor sie an den splittrigen Kanten zerschellen, breiten sie die metallisch schimmernden Flügel und wirbeln in den Nebel. Schrill und gellend zer- reissen heisere Stimmen die angsterstarrte Stille. Erst wie der herrliche Körper des Gefallenen erstarrt und seine Lichter gläsern werden, beruhigt sich die unbarmherzige Schar. Träg und gefühllos schleppen sich die regengrauen Schwaden über die Tragödie.

Ein strahlender Bergwintertag. Über den Tälern trostlos trübsinniges Nebelgrau. Wir schwelgen hemdärmelig in Schnee und Sonne, hier oben in gottnaher, weltferner Einsamkeit. Da gleitet ein leichter Schatten über unsere treuen Hölzer. In rascher Folge schwingen sich schimmernde, glitzernde Gestalten von der besonnten Wand los, sammeln sich und kreisen hinein in die diamantene Winterpracht. Hell klirren tropfende Silberschreie. Die blendendweisse Bergflanke hebt das herrliche Schwarz der graziösen Flieger. Der Zeiss rückt die grünviolett schimmernden Vögel nah und zeigt den edlen Farbendreiklang: schwarz-gold-rot. In vollendeter Einheit fliegen die Alpendohlen dahin, umkreisen spielend Zacken und Türme, und immer ferner verweht ein herber und doch so siegesfroher Ruf: « Küri-küri-krüi ».

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