Als Grossvater auf der Bianco-Tour

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W. Kirstein, London

Im Sommer i 969 waren es 42 Jahre, seit ich das Engadin zum erstenmal gesehen hatte. Damals war es Winter, Februar, und wir freuten uns, von der Diavolezza über Pers- und Morteratsch-Glet-scher nach Morteratsch zu fahren - eine Skiabfahrt, die mich immer wieder lockte, sooft ich sie auch wiederholt habe. Die Rundsicht von der Diavolezza ist nach meiner Meinung eine der schönsten in den Alpen, und von allen Bergen am eindrucksvollsten finde ich natürlich Palü und Bernina mit dem Spallas-Grat und dem Bianco.

Damals war ich nur ein Skitourist; Alpengipfel sahen mich nur, wenn ich die Ski dicht darunter deponieren konnte. Nach dem Kriege suchte ich dann die Schweiz auch im Sommer auf; doch auf die hohen Engadiner Gipfel kam ich erst in den sechziger Jahren; damit meine ich nicht nur diedes Jahrhunderts, sondern auch meine eigenen. Nur den Palü erstiegen wir schon im Winter 1935 mit der Sektion Uto in einem sehr langen Aufstieg von der Coazhütte; wir liessen damals die Marinellihütte rechts liegen - einfach aus Zeitmangel; eine Übernachtung würde uns einen Tag mehr gekostet haben, und der war im Programm nicht vorgesehen. Nach dem Kriege sah ich den Bianco vom Tschierva, vom Roseg und vom Mor- teratsch aus, schliesslich auch vom Piz Bernina selbst, den wir auf der Normalroute begingen. Aber an den Bianco traute ich mich nicht mehr heran.

Erst als Paul Nigg, Eigernordwand-Bezwinger und Leiter des Bersteigerzentrums und der Skischule in Pontresina, unsere englische Skitouring-Gruppe auf einige Gipfel geführt hatte, wagte ich ihn diesen Winter zu fragen, ob er mich wohl noch auf den Bianco mitnehmen würde. Im stillen hoffte ich wohl, dass er diese Idee, einen Mann von beinahe 73 Jahren auf eine solche Tour zu begleiten, unter irgendeinem höflichen Vorwand ablehnen würde. Statt dessen überraschte mich Paul: « Wann kommen Sie diesen Sommer? Wir wollen jetzt schon ein Datum festlegen. » Je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit. Bald war der Sommer da. Von Paul hatte ich nur gehört - und auch das nur durch Zufall-, dass er inzwischen geheiratet hatte. Anfangs August betrat ich das Führerbüro in Pontresina, fand aber nur ein sehr junges und hübsches Mädchen vor, ein offenbar sehr tüchtiges im Arrangieren von Touren, das auch die passenden Führer zu besorgen wusste. Herr Nigg sei im Moment zwar nicht da, lautete die Auskunft; er befinde sich im Bergell, habe mich aber nicht vergessen; meine Tour stehe für Mitte nächster Woche auf dem Programm. Darauf rückte ich mit der Frage heraus, ob sie vielleicht wisse, mit was für einem Geschenk ich der jungen Frau Nigg eine Freude bereiten könnte. Erst in diesem Augenblick ging mir ein Licht auf: Die junge Frau Nigg stand leibhaftig vor mirNun, Bianco oder nicht; zu etwas bin ich wenigstens gekommen: zu einem sehr unterhaltsamen Nachtessen in ihrer Gesellschaft.

Die nächsten Tage benützte ich zum Trainieren, indem ich mit Freunden im Bergell kletterte. Das Wetter war gut, beinahe zu gut, wollte es mir scheinen; denn es könnte ja ausgerechnet dann umschlagen, wenn es ernst gelten sollte. Ich bin im allgemeinen nicht abergläubisch; aber als ich sah, dass das Datum der Tour auf den Dreizehn- 3Im « Loch », etwas oberhalb der Stelle, wo « Loch » und « Buch » zusammentreffen 4Blick vom Bernina-Gipfel. Nähere Bergkette von links nach rechts: Cambrena, Palü, Bellavista. Im Hintergrund links die Ortler-Gruppe Photos W. Kirstein, London ten fiel, hatte ich doch ein ungutes Gefühl. Am Ende dieser ersten Augustwoche traf ich Paul, und er schlug vor, am Abend des Zwölften in der Tschiervahütte zu sein. Natürlich hatten wir den ersten Regen seit Wochen an diesem Abend; doch Paul war Optimist. Der Wetterbericht sei gut, tröstete er mich.

Um 02.30 Uhr wurde ich geweckt, rutschte von meinem oberen Schlafplatz hinunter, verfehlte, noch halb im Schlaf, die Bank am Fussende des unteren Matratzenlagers und fing mich, ein wenig benommen, auf dem Boden auf. Das war nochmals glimpflich abgelaufen!

Bald folgte ich Paul in die Dunkelheit hinaus. Aber der « Dreizehnte » machte sich wiederum bemerkbar: Schon nach fünf Minuten streikte meine Taschenlampe, und die nächste Stunde wurde recht ungemütlich. Vier weitere Partien hatten die Hütte erst eine halbe Stunde später verlassen; aber ihre Lichter kamen immer näher und näher, und bald waren wir nicht mehr an der Spitze. Paul stieg langsam, aber regelmässig, gerade richtig für mich. Beim ersten Tageslicht erreichten wir das steile Eisfeld, das zur Fuorcla Prievlusa hinaufführt. Unsere Steigeisen griffen gut, so dass wir ohne Stufenschlagen vorankamen. Auf der Fuorcla konnten wir Palü und Bellavista in der Sonne sehen über einem Wolkenmeer, das den Morteratsch noch zudeckte. Hingegen im Westen sah es gar nicht rosig aus; schwere Wolkenmassen wurden von dort aus auf uns zugetrieben.

Nun folgte eine Stunde unschwierige Kletterei. Paul hatte meinen Rucksack so « erleichtert », dass wir sogar eine der andern Partien wieder überholten.

Viereinhalb Stunden nach unserem Abmarsch von der Hütte standen wir vor dem eigentlichen Bianco. Die elegante Linie des Eisgrates lag in leuchtendem Sonnenschein; in scharfem Kontrast hoben sich die dunkeln Punkte von zwei Seilschaften vom weissen Hintergrund ab. Die Verhältnisse waren gut, die alten Tritte noch nicht vom Wind verblasen, der zu immer heftige- ren Stössen ansetzte. Ich musste von Zeit zu Zeit anhalten und Luft schnappen; Höhe und Wind setzten mir doch etwas zu. Nach zweieinhalb Stunden hatten wir es geschafft: Der Eisgrat war zu Ende, und der Gipfel, soweit wir ihn im zunehmenden Nebel gewahren konnten, schien nicht mehr allzu fern.

Doch mit dem Bianco ist nicht zu spassen. Die Scharte, die aus der Entfernung, sei es von der Fuorcla Surlej im Westen oder von der Diavolezza im Osten, so unbedeutend aussieht, macht aus der Nähe einen ganz anderen Eindruck. Dazu waren die Felsen hier, wenn auch nicht mit Eis, so doch mit Schnee bedeckt. Und nun sollte man nach sieben Stunden Aufstieg erst noch mal ab-wärtsklettern, nur, um auf der andern Seite der Scharte den Grat, der sich jetzt bereits vollständig im Nebel verlor, wieder hinaufzuturnen!

Doch auch das ging vorüber, und nach nochmals zweieinhalb Stunden standen wir auf dem Gipfel.

Schön war 's droben; nur plauderte Paul zuviel über mein Alter aus, als wir uns im Windschatten hinsetzten und in Gesellschaft anderer Gipfelstürmer unsern Lunch verzehrten. Etwa ein Dutzend Touristen, die über den Spallas-Grat gekommen waren, gratulierten mir darauf in allen Sprachen.

Aber als ich aufstand, machte sich der ominöse « Dreizehnte » wieder bemerkbar: Wahrscheinlich als Folge meines nächtlichen « Bettsturzes » in der Hütte konnte ich plötzlich meinen linken Fuss kaum mehr aufsetzen, ohne einen gehörigen Schmerz zu verspüren. Das machte mich sehr unsicher auf dem Spallas-Grat und sehr langsam beim Gehen im Schneefeld oberhalb der Marco-e-Rosa-Hütte.

Dort trafen wir etwa 40 Personen an, die alle wunderschön sangen unter Leitung Giovannis, des Hüttenwarts. Ich muss allerdings gestehen, dass ich viel zu müde war, um den Liederabend zu geniessen, und bestimmt gute drei Stunden schlief, ohne etwas davon zu hören.

Als ich aufwachte, hatte ich zwar immer noch Schmerzen in meinem Fuss; aber eine Schweizer Alpinistin verordnete mir eine Wundersalbe, die ihn völlig kurierte.

Wie wir die Nacht verbrachten: unter dem Tisch, auf dem Tisch, vier auf Matratzen für zwei usw., das wollen wir lieber vergessen...

Der nächste Morgen war klar, und um 5 Uhr verliessen Paul und ich die Hütte Richtung Crast'Aguzza. Ein herrliches Morgenrot kündigte zwar schlechtes Wetter an, doch auf dem Gipfel standen wir noch bei Sonnenschein; erst als wir schon wieder unten bei den Steigeisen waren, gerieten wir in ein Schneetreiben.

Dieser Berg - ein etwas kindlicher Gedanke -war der einzige der hohen Gipfel, sichtbar von der Diavolezza, auf dem ich noch nicht gewesen war.

Paul führte dann etwa eine Stunde die Bellavi-sta-Terrasse hinauf, nicht der Versuchung nachgebend, durch das kürzere « Buch » hinunterzugehen. Später hörten wir im Tal, dass zwei Touristen dort zwei Tage vorher zwischen eingebrochenen Brücken gefangen worden waren und mit dem Helikopter hatten geholt werden müssen.

Im « Loch » schien zu unserer Freude wieder die Sonne, die prachtvolle Eisbilder hervorzauberte. Um i Uhr erreichten wir die Bovalhütte, und gerade, als ich meinen Kaffee im Garten der Station Morteratsch bestellt hatte, brach ein schweres Gewitter los.

Erst als ich hörte, dass am nächsten Tag die Partien, welche von der Tschiervahütte zum Bianco aufgebrochen waren, an der Fuorcla Prievlusa hatten umkehren müssen, erkannte ich, wie gnädig der « Dreizehnte » mich in Wirklichkeit behandelt hatte.

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