Am Fahrweg Chienzig

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von W. Kraiwl

( Wabern ) Bekanntlich übermarchen die Urner fast überall an ihren Wasserscheiden gegen ihre Nachbarn. Der unproduktive Prozentsatz an Boden ist in Uri derart hoch, dass die Bewohner gezwungen waren, auch auf Alpen jenseits der Wasserscheide die Hand zu legen.

1 Fahrweg bedeutet, im Gegensatz zum Sennenweg, der immer nur ein Fussweg ist, den Weg, auf welchem das Vieh auf die Alp getrieben wird. Auf diesen Wegen wird mit dem Vieh auf die Alp « gefahren ».

Am Chienzig ( T. A. 1:50 000, Überdruck Pragel ) sind in dieser Beziehung die Leidtragenden die Schwyzer. Sie sitzen mit ihren Chueli den ganzen Sommer über auf 1200 m im Liplis und sehen zu, wie auf den eigentlich dazugehörigen Hochalpen Chienzertal, Rindermatt, Seenalp und Matten die Urner hausen. Und sie sitzen auf Waldi im hinteren Bisistal und denken, wie schön es wäre, wenn sie im Juli auf Alplen und Ruosalp auffahren könnten, wo leider die Urner sind.

Und man erzählt sich dieselben Grenzgeschichten wie am Urner Boden, die in alemannischem Gebiet allbekannte Geschichte von der friedlichen Grenzfestlegung, bei welcher der krähende Hahn am Morgen das Zeichen für den Grenzläufer abgab. Und wo sich die beiden Läufer begegnen täten, da solle die Grenze sein. Aber die Schwyzer haben eine zusätzliche Auslegung: der Urner sei in ihrem Fall losgeschossen, bevor der « Güli » gekräht habe. Und für Wängi erzählt man, dass die Urner den Schwyzern Geld vorgeschossen hätten und dass der Schwyzer Mann etwas zu spät zur Rückerstattung des Geldes nach Altdorf gekommen sei. Eine Stunde zu spät, lächelte der Urner und behielt die Alpen jenseits des Chienzig für immer.

Da es fast durchwegs Hochalpen sind, fehlt das Holz. Einzig Matten hat seinen Unterstafel, Grund, mit Holz. Dort dürfen die Urner schlagen. Und sie tragen das Holz hinauf nach Seenalp, ins Chienzertal, auf Rindermatt und sogar hinüber auf Galtenebnet. Es soll zwar auf Galtenebnet auch etwas wie ein Recht bestehen, im unten dran liegenden schwyzerischen Wald Holz schlagen zu dürfen; aber es scheint nicht immer alles zu klappen. Als der Galtenebnet-Senn einst am Sonntag ins Bisistal zur Messe ging, da war der Landjäger auch da und hat ihn mitgenommen, uf Schwyz usel Ob der Ärger schuld war an dem Magengeschwür, das der Arzt einige Jahre später operieren musste? Auf jeden Fall hat dem Hirten jene Schwyzer Reise schlecht bekommen, und er ist von Galtenebnet fortgegangen.

Und geht man noch weiter nach Osten, so bilden dort die Jegerenstöcke die Wasserscheide zwischen Uri und Schwyz. Auch hier haben die Jäger und Schäfer immer übermarchet.

Der Viehfahrweg nun für Seenalp, Wängi, Rindermatt und Galtenebnet kommt von Bürglen und Spiringen im Schächental und zwängt sich durch die Lücke am Chienzig. Über die Giriti fährt man dann auf Seenalp, durchs Chienzertal auf Wängi, über den Axen auf Rindermatt und vom Axen oberhalb Rindermatt durch über den Tritt und durch das Tor auf den Sattel der Ganderfur, um von dort sachte auf Galtenebnet abzusteigen. Diese Galtenebnet hat noch zwei Unterstafel, Gantli und Stäfeli; bei welchen zwei die Welt aufhört. Man kann wohl noch weiter und ins Bisistal absteigen, aber es sind schlechte, dreckige Waldwege, die wenig begangen werden.

Rechterhand vom Fahrweg, gleich nach dem Kulm am Chienzig, hat die Natur versucht, ein Karrenfeld zu machen. Es ist ihr aber schlecht gelungen. « In den Chrächen » ist lediglich eine grosse Sauerei von Löchern, Chänneln, Felsen, niederen Studen. Ostwärts, am Glatten, auf der Märe, auf der Gcharretalp und an der Silberen ist es ihr dann allerdings besser, AM FAHRWEG CHIENZIG sogar glänzend geraten. Man versucht sich eben zuerst im kleinen Maßstab und hat dann im grossen so recht Erfolg!

Ob den Chrächen ist das Geissgrätli. Grätli, Grätli und nochmals Grätli heisst es hier in Uri. Auch der Sennenweg von Rindermatt über das Dirrseeli « nach Hause » ( Bürglen ) geht über ein Grätli. Und über das Seegrätli geht man zum Alplensee, über das Rossgrätli zum Alplenoberstafel, und über das Horengrätli von Alplen nach Galtenebnet. Fast alle die Grätli sind begehbar, sogar teilweise weidbar, deshalb das Interesse an ihnen und die Namengebung überhaupt.

Seenalp, Matten, Chienzertal, Rindermatt, alles das bildet zusammen ein mächtiges grosses Kar. Man sehe sich diesen prächtigen Quelltrichter einmal auf einer Photographie des Perronreliefs 1:100 000 der Schweiz an x! Er entwässert sich ins Muotatal. Und für Trichter und Mündungsschlucht hätte man als Geograph gerne einen Namen, begreiflich. Aber es gibt keinen, man müsste ihn schon selbst fabrizieren. Wie Chienzertal der Name der Alpsiedlung, so bedeutet Hürital die Siedlung ob Hintertal im Muotatal. Und die Schwyzer gehen in den Liplis, reden von Seenalp und Matten, aber einen Sammelnamen haben sie keinen.

Muotatal; du sagst Müetta. Geh'hin, hör'zu, die Leute sagen Muet-Aa; ganz deutlich! Ob das keltoromanisch oder mittelhochdeutsch ist, bleibt sich für mich gleich, die Leute sagen einfach heute noch so.

Wild kommt sie daher, diese Muet-Aa. Ihr Ursprung liegt im Grosskar des hinteren Bisistales. Der Oberstafel von Alplen gehört auch dazu. Man ersteigt diese obere Treppe von Alplen vom unteren Wohnstafel aus über den Sennenweg der Tanzplatte ( Fussweg ) nördlich des Stocks. Dieser untere Wohnstafel heisst das Vorleibli. Ein treffender Name; wie ein Läubli hängt es am Alplerstock. Um vom unteren Weidstafel, der im selben Horizonte liegt wie die Ruosalp, auf den Oberstafel zu gelangen, geht man am kürzesten durchs « Loch » ( Leiterli ) oder übers Schnäbeli ( Drahtseil ) die Wand hinauf. Der Fahrweg seinerseits geht zwischendurch übers Brett.

Dieses ganze obere Kar von Alplen ist wiederum gestuft. In einer Seitenmulde der See, im Hintergrund Teif-, Hech- und Rund-Windgällen. Zwischen Rund-Windgällen ( S.A.C. Alpentorstock ) und Schwarzstock die chlyne Terli, während das Alpentor zwischen Rund- und Hech-Windgällen Durchlass gewährt.

Rund-, Hech-, Teif-Windgällen, Bänderhechi-, Chanzel-, Mattnerstock; Hinder-, Midst- und Vorder-Chienzerberg; warum da so häufig dieser Dreiklang!

1 Z. B. in Früh, Geographie der Schweiz, Bd. 1, wodne verkleinerte Photographie dieses Reliefs wiedergegeben ist.

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