Am Neujahrstag auf dem Gipfel des Stromboli

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

René Pellaton, Genf

Als ich letzten Herbst für 24 Stunden auf der Insel Stromboli war, konnte ich wegen mangelhafter Ausrüstung den Vulkan nicht besteigen. An der Küste hörte ich sein Grollen, und nachts bewunderte ich vom Meer aus seine Ausbrüche.

Die Insel bezauberte mich. Ich hatte den Eindruck, in einer abgeschiedenen, vom Tourismus noch nicht berührten Welt gelandet zu sein.

Der Vulkan nimmt die ganze Oberfläche ein. An seinem Fuss, zwischen den grünen Hängen des Berges und dem schwarzen Sand der Küste, gibt es nur ein romantisches Dorf, das aus kubischen weissen, durch enge Gässchen getrennte Häuschen besteht. Keine Autos, keine Paläste, keines jener Krebsgeschwüre, die durch die touristische Ausbeutung hervorgerufen werden. Seine Menschen sind freundlich und einfach, das Leben friedlich, und die Tage fliessen dahin wie in einem irdischen Paradies. Und all das nur ein paar Stunden von der lärmenden und todbringenden Zivilisation entfernt.

Ich hatte mir vorgenommen, wieder herzukommen, hätte aber nie gedacht, dass es so bald sein würde. Dank unvorhergesehener Umstände bin ich mit meiner Frau und meiner ältesten Tochter hierher zurückgekehrt.

Als die«Lipari » in der kleinen Bucht von Ficogrande anlegt, ist das Meer sehr unruhig. Es tagt, und der Himmel ist grau und traurig. Ein vom Ufer ausgesandtes Boot soll uns an Land bringen; es tanzt auf den Wellen hin und her und versinkt manchmal bis zu 2 Meter unter den Bootssteg. Die Matrosen beweisen ein erstaunliches Gleichgewicht, indem sie barfuss auf dem Rand des kleinen Fahrzeuges stehen. Beim Umladen der vom Boot hergeführten Gepäckstücke entstehen einige Schwierigkeiten; darum sind wir von der Aus- sieht, bald selber von einem Boot ins andere umsteigen zu müssen, nicht sehr erbaut.

Aber alles verläuft ganz gut. Wie Schiffbrüchige von den hohen Wellen hin- und hergeschüttelt, fahren wir mit anderen Leidensgenossen an Land.

Nun müssen wir eine Unterkunft finden und gehen nach Scari zu den Romanos, zwei rüstigen Siebzigern, die eine Osteria betreiben und bei denen man sich wie zu Hause fühlt. Während Signora Romano das Frühstück zubereitet, machen wir uns auf die Suche nach Signora Teso-riero, bei der wir im Oktober gewohnt haben. Zum Glück ist ihr Haus frei, und wir können uns darin einrichten.

Es besteht aus zwei Zimmern und einer Küche. Wie bei allen Häusern der Insel ist ein Gärtchen dabei, ein Brunnen und das Mäuerchen, auf dem man abwechslungsweise die Toilette, den Abwasch und die Wäsche macht. Das Brunnenwasser ist lau und weich.

Wirsind nach Stromboli gekommen, um einige nächtliche Stunden auf dem Vulkan zu verbringen, denn in der Nacht ist das Schauspiel am eindrücklichsten. Wir haben mehrere Tage Zeit, um diese Expedition vorzubereiten. Und so machen meine Frau und ich einen Rundgang durch das Dorf, während meine Tochter sich von den schlimmen Reisenächten ausruht. Wir gehen auch zur Kirche San Bartolomeo und noch ein wenig weiter bis zum Observatorium. Das ist ein baufälliges Gebäude in der Nähe des Dorfes, und man kann von dort aus die Krater sehen.

Das Wetter ist besser geworden; ein paar Sonnenstrahlen dringen durch die Wolken. Es ist so schön, dass wir uns sogar entschliessen, die Route zum Gipfel auszukundschaften.

Es ist ein wunderbarer, mit Platten belegter Weg, der in breiten Windungen durch hohe Macchien führt. Er könnte gut von politischen Häft-lingen der Mussolini-Zeit angelegt worden sein. Als der Plattenweg endet, müssen wir durch Gestrüpp einem schlecht markierten Fusspfad folgen, der an zahlreichen Stellen kleine Sturzbäche quert. Der Hang steigt an und wird noch steiler, wo die Vegetation aufhört und wir in ein Geröllfeld hinaufkommen.

Gerade als wir die Schulter über uns erreichen, speit der Krater unter einem Höllenlärm seine Geschosse aus. Schwarzer Rauch steigt auf und wird sogleich gegen das Meer abgetrieben.

Das Weglein verzweigt sich. Es führt linker Hand über einen breiten Rücken; bald steigt es den Hang hinauf, bald schlängelt es sich durch die Lavasteine. Gerade da überrascht uns der Nebel. Er ist zeitweise so dicht, dass wir nur mit Mühe die Spur erkennen und nicht mehr wissen, wie weit wir noch vom Gipfel entfernt sind. Mein Höhenmesser, den ich beim Weggehen leider nicht eingestellt habe, zeigt an, dass wir da seien, obwohl es noch ziemlich weit sein muss.

Meine Frau bleibt hinter einem Schutzmäuerchen stehen. In einem Moment halber Aufhellung glaube ich weiter oben den höchsten Punkt zu erkennen. Ich steige hinauf und gelange an den Anfang eines langgestreckten horizontalen Kammes. Ich zögere weiterzugehen, denn ich kann nicht feststellen, wo im Falle eines ernsthaften Aufflackerns der Auswurf hinfiele.

Plötzlich treibt der Wind den Nebel nach unten, wo ich die Krater vermute. Jetzt sehe ich das andere Ende des Kammes und einen letzten Hügel. Gerade will ich hingehen, als vor mir, zu meiner Linken, in einer ohrenbetäubenden Explosion ein Schwall schwarzen Rauches aus dem Nebel emporschiesst. Da begreife ich, dass ich heute nichts mehr entdecken werde und es besser ist, zu meiner ängstlich gewordenen Frau zurückzukehren. Nun ist genug ausgekundschaftet.

Drei Tage lang ist das Wetter für die Verwirklichung meines Planes nicht günstig. Der Wind bläst von Osten und peitscht das Meer so auf, dass das Boot eines Morgens seine Passagiere nicht an Land bringen kann. Die Spitze des Vulkans ist von zerzausten, um seinen Kegel herumschleichenden Wolken eingehüllt. Jede Nacht hellt sich der Himmel auf, und die Sterne funkeln, aber dann ist es zu spät aufzubrechen. Bei den Romanos haben wir zwei Genfer kennengelernt, mit welchen wir angenehme Stunden verbringen. Auch sie warten darauf, den Gipfel zu besteigen.

Am 3i.Dezember hat sich der Wind gelegt; das Meer ist ruhig wie ein grosser See. Aber der Vulkan ist von Wolken umhüllt. Dort oben windet es noch stark. Franzosen, die am Nachmittag hinaufstiegen, sind zurückgekehrt, ohne etwas gesehen zu haben. Am Neujahrstag scheinen dann endlich die Bedingungen ideal zu sein. Der Rauch des Vulkans steigt senkrecht zum Himmel auf. Wir machen uns bereit, um gegen 14 Uhr aufbrechen zu können. Aber während wir bei den Romanos zu Mittag essen, bedeckt sich der Himmel erneut nach und nach, und als wir gegen 13.30 Uhr starten, ist er vollständig grau. Dafür ist nun der Vulkan freigeworden.

Unsere Genfer Freunde finden es vorteilhafter, die Abkürzungen zu nehmen, aber sie gewinnen nicht viel Vorsprung. An der Stelle, wo der Plattenweg aufhört, machen wir einen kurzen Halt. Weiter oben im Gestrüpp holen wir vier Franzosen ein. Sie plaudern mit einer Gruppe, die sich auf dem Abstieg befindet. Weiter vorn erreichen sie uns wieder und überholen uns.

Was wir befürchteten, trifft schliesslich ein: der Nebel kommt herauf und verschlingt uns. Wir gehen am Gipfel vorbei und ein wenig den anderen Abhang hinunter und glauben, dass alles vergebliche Mühe gewesen sei und wir nichts sehen könnten. Nichtsdestoweniger richten wir uns ein. Der Wind wird zum Sturm. Wir sind auf mehr als goo Meter, und es ist furchtbar kalt. Um uns zu schützen, ducken wir uns hinter eine Mauer aus Lavasteinen und harren der Dinge, die da kommen sollen - die Photoapparate zwischen den Beinen und das Aufnahmegerät bei der Hand.

Zuerst erkennen wir nichts. Die Wolkenschwaden ziehen vorbei und vermischen sich mit den Vulkandämpfen. Wir hören das Gurgeln der flüssigen Lava. Mit einbrechender Nacht verringert sich der Nebel und löst sich für Augenblicke auf. Dann sehen wir den Gürtel der Krater, den grössten ganz in unserer Nähe. Nach und nach röten sich die entweichenden weissen Dämpfe an ihrer Basis, und sobald es völlig dunkel wird, steht alles in Flammen.

Viel weiter rechts öffnet sich der brennende Schlund eines kleinen Kraters. Die schon lange im Hauptkrater kochende Lava explodiert krachend und schiesst in Feuergarben empor. Die glühenden Massen fliegen nach allen Seiten und stürzen dann zur Erde, wo sie noch lange wie feurige Kohlen glimmen. Alle zehn bis fünfzehn Minuten wiederholt sich das Schauspiel.

Pause. Während langer Zeit geschieht nichts. Fast am Horizont leuchtet im Süden der Komet Kohoutek, dessen Glanz wir bewundern. Der Nebel kommt und geht. Die Kraterrachen sind weissglühend. Die Dämpfe nehmen verschiedene Farbtöne an, bald purpurrot, bald orange oder ocker. Wir warten gespannt auf den Ausbruch des kleinen Kraters. Oft haben wir den Eindruck, jetzt sei es soweit, aber es geschieht nichts.

Plötzlich erschüttert eine Explosion die Luft. Die ausgeworfene Masse ist weniger gross als beim Hauptkrater, aber die Eruption viel heftiger. Unter einem Höllenlärm wird das feurige Lavabündel hochgeschleudert. Es ist fast zum Fürchten: man könnte glauben, am Eingang der Hölle zu stehen. Einige Minuten später, früher als erwartet, lässt uns ein neuer Ausbruch auffahren.

In diesem Moment erklärt einer von uns, ein leidenschaftlicher Vulkanologe: « Jedesmal, wenn ich hier bin, gibt es einen Augenblick, in dem ich mir sage, dass sehr leicht alles explodieren könnte, und das macht mich etwas ängstlich. » Es besteht kein Zweifel, dass wir uns auf dem Deckel eines ungeheuren Kochkessels befinden, der ständig siedende Materie enthält. Die Naturwunder, die wir vor Augen haben, wiederholen sich nicht nach einem strengen Gesetz. Die Krater sind die Ventile dieses inwendigen Siedepro-zesses. Sie führen ihre kleine Arbeit sehr brav und regelmässig, aber etwas beängstigend aus. Sie müssten nur aus irgendeinem Grunde verhindert sein, und alles um sie herum würde zerspringen und dem unterirdischen Magma Auslauf gewähren. Das ist am Ätna mehrere Male geschehen.

Es ist so bitter kalt geworden, dass wir aufzubrechen beschliessen. Seit mehr als drei Stunden durchdringt uns der eisige Wind. Wir stopfen unser Material wieder in die Säcke und verlassen mit Bedauern den Anblick dieser entfesselten Naturkräfte. Beim Aufstieg zum Gipfel zittere ich wie Espenlaub: ich habe sogar im Hochgebirge noch nie derart gefroren, und trotzdem werde ich morgen in der Wärme des Tages, nach dem Abstieg ins « Unterland », im Meer baden können.

( Übersetzung E. Busenhart )

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