Am Peuterey. In der Südflanke des Mont Blanc

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Am Peuterey.

In der Südflanke des Mont Blanc 1 ).

Von Hugo Müller.

Furchterregend strebt wilder Fels zu jäher Höhe. Eine schneebestäubte Mauer zieht von der Noire über die Türme der Dames zum wächten-besäumten Haupte der Blanche. Höher steigt ein blinkender Eisgrat — immer höher ins leuchtende Blau. Steinschlaggepeitschte Flanken, lawinen-gefurchte Gletscher rahmen das Ganze. Tausende von Metern hebt sich der Peuterey ob dem Val Veni zum höchsten Gipfel, zum weissen Berge...

Traumhaftes Erinnern an tiefstes Erleben und Sehnen. Ferne und doch greifbar nahe glitzern Eiskolosse, türmen Mauern, krachen Seraks, tanzen Steine. In den Ohren gellt das Pfeifen und Heulen der Geschosse...

Kurz ist je die Zeit bemessen in kargen Ferien. Sommer für Sommer ein ständig erneutes Ringen. Wolken und Nebel umhüllen Fels und Eis, Sturm und Schnee treiben zurück. Heisser wird das Wünschen, tiefer unser Vertrautsein. In wilden Gletschern, auf jähen Felsmauern schlagen wir Lager. Herrliche Anblicke gibt der Berg, höchstes Erlebnis in seinen Naturgewalten. Grösser wird das Ziel...

Courmayeur.

Vertraut ist uns der schöne Platz und doch wieder fremd. Im Hotel Ange, dessen freundlicher Besitzer uns seit unserem Herkommen eine wahre Heimstätte zu bereiten wusste, sind wir zu Hause. Gegensätze eigener Art schafft der Ort. Nach Stunden der Einsamkeit in den Bergen finden wir hier reges, buntes Getriebe: Autogerassel, Tanz und Negermusik, buntfarbig sejdenrauschende Gewänder und steife schwarze Fräcke, schöne jugendstolze Erscheinungen und schwer bewegliche runde Gestalten. Neben der grossen sich vergnügenden Welt sieht man einfache, arbeitsame Talbewohner. Bescheiden zur Seite stehen ernste Führer und gewandte Träger, ausgezeichnete Gänger in Fels und Eis. Kleine Kreise von Bergsteigern — öfters sind es die besten ihrer Nation — mischen sich unbeachtet unter die Menge. Über all den Menschen ragen gewaltige Berge, thront eine wildschöne Natur. Sie hat die kleinen Menschengeschöpfe hergelockt, die sie in so verschiedener Art verehren...

Freudige Erinnerungen bergen die Tage von Courmayeur. So viele schöne Abende waren uns als Trost beschieden nach missglückten Turen, bei schlechtem Wetter. Frohe Stimmung, reines Glücksempfinden brachten wir mit bei gelungenen Fahrten. Im Kreise von Bergsteigern verschiedener Nationen verstanden wir uns trotz des Sprachengewirres ausgezeichnet. Das gleiche Ideal, dieselben Ziele einten mehr als alles, schufen selbstlose Freundschaft. Dank schulden wir vor allem den italienischen Alpinisten, auch den Führern und Trägern, die ohne Verbindlichkeit uns mit freundlichem Rat zur Seite standen. Besonders aber möchte ich Leone Brons, der uns auf der Blanche-Tur und Clavels, der uns am Peutereygrat begleitete, gedenken.

Herrliche Ausflüge bietet Courmayeur. Auf gutem Wege ist der Mont de 1a Sax zu erreichen. Wer könnte sich dem Eindrucke des gewaltigen Gemäldes entziehen, das sich dort dem Auge entrollt. Schön sind die Spaziergänge ins Val Veni und in das quellenreiche Val Ferret. Überall erhebt sich herrlich die höchste Mauer der Alpen.

Zur Gambahütte.

1400 Meter hoch, eine knappe Stunde ob Courmayeur, führt das Strässchen von der Nôtre Dame de Guerison am Pavillon Pertude vorbei. Durch lichten Fichtenwald blickt man über ein Tobel gerade hinüber zum Ende des Brenvagletschers, von dessen Rande ständig Blöcke niederrollen. Von der 3000 Meter höher gelegenen Brenvaflanke stürzt der zerschlagene Eiskoloss hinunter. Ob seinem Ufer erhebt sich drohend der Peutereygrat. Unbeschreiblich hoch und wild ragt die dunkle Noire, schreckhaft ist der Anblick der Blanche. Eine Stunde zieht der Weg eben durch dünnen Wald, dann überbrückt er die reissende Dora. Jenseits geht es pfadlos an den Hütten von Fresnay vorbei durch lichten Bestand zu einer grossen Trümmerhalde. Ein wilder, vom Fresnaygletscher entspringender Bach muss kühn, nicht immer trockenen Fusses gequert werden. Auf die Geröllhalde folgt gebrochener Fels, darüber steiles Gras, und hoch steht man schon im Winkel der glattgeschliffenen Platten. Vom obern Rande der felsigen Flucht schimmern die Seraks des Fresnay. Ununterbrochen stürzen und zerschellen Eisbrocken. Eine Steilwand westlich der Platten bildet den Weiterweg. Griffarm ist der Einstieg, jäh die Fortsetzung. Zweihundert Meter höher auf geneigter Grasterrasse sprudelt kalter Quell, ladet zur Rast. Schön ist der Blick auf das blaugrüne Chaos des Fresnaygletschers. Über Gras und eine kurze Wandstufe gewinnt man rasch den Châteletkamm und diesem folgend bald die Hütte.

Ein kleiner, fest verankerter Holzbau an der Innominata. Hinter der Hütte ziehen Moränenhalden zum kleinen Châteletgletscher empor, links und rechts des Kammes liegen Brouillard und Fresnay, die wildesten Gletscher der Alpen. Steil, zerschlagen, zwischen jähen Mauern eng gedrängt, stürzen sie aus gewaltiger Höhe.

Erinnerungen tauchen auf Sturm heult wütend um das kleine Obdach, das sich beugt und ächzt. Blitze leuchten taghell, dumpfer Donner rollt im hohen Winkel, mischt sich mit dem Krachen des stürzenden Eises. Tag und Nacht hält uns das Unwetter mehr als einmal gefangen. Fallender Schnee sperrt den Weg zum Peuterey...

Aiguille Joseph Croux, 3221 m.

Aus hartem Urgestein reckt sich dreist die Felsburg ob der Hütte — der Eckpfeiler des Innominatagrates. Zwei Aufstiege führen von der Gamba hinauf. Der kürzere benutzt den Südgrat, doch ist die über 30 Meter hohe Gipfelplatte ungewöhnlich schwierig zu erklettern. Der andere Anstieg gewinnt zuerst den Col de l' Innominata, von dem aus man über den Nordgrat die Bastion erklimmt. Uns schreckt die schwere Gipfelplatte, also wenden wir uns dem Col de l' Innominata zu, der wenig ausgeprägten Lücke zwischen der Croux und der Innominata. Über die rutschende Moräne und den steilen aperen Châteletgletscher erreichen wir die Einstiegfelsen zum Col. Eine 30 bis 40 Meter hohe, griffarme Platte schafft uns auf steilen Firn, der vereist in eine schmale Rinne führt. Auf trittigem, aber oft losem Fels steigen wir zur Scharte. Über die luftigen Türme des Nordgrates, zum Schlusse kurz die westliche Flanke benützend, klettern wir hinauf zum Gipfel.

Gross ist der Eindruck. Lotrecht zu unseren Füssen liegt eingekeilt zwischen den Wänden unseres Kammes und dem Peutereygrat der schmale Fresnaygletscher. Vom oberen Becken stürzt er in fast senkrechtem Eisfalle Hunderte von Metern zum unteren Eistale. Jäh sind die Eismassen gestaut, haben sich in ohnmächtigem Schaffen zerschlagen. Keine zusammenhängende Fläche erblickt das Auge, nur Türme und Grate von seltsamen Formen in glasigem Leuchten, ein wildes Chaos. Uns gegenüber, erdrückend in ihrem gewaltigen Aufbau, stotzt die Peutereymauer. In spiegelnder Glätte reckt sich die Noire. Unsagbar grazile Türme, die Dames Anglaises, reihen sich ihr an. Zwei enge, eiserfüllte, von Steinschlag ausgehöhlte Rinnen stürzen von der Nord- und Südbresche der Dames zum Fresnay hinunter. Mächtige Schründe, deren Fuss grosse Streukegel von Geschossen aufweist, scheiden sie vom Gletscher. Ob der Brèche Nord erhebt sich in einem Aufschwung der Südostgrat der Blanche, zieht über den Pic Gugliermina wächtengeschmückt zu ihrem so selten betretenen Gipfel. Furchtbar ist der Fall der Fresnayflanke.

Über uns blaut ein tief dunkler Himmel, um uns heisses, lebenswarmes Sonnenlicht. Wir sinnen...

Spät am Nachmittag verlassen wir den Gipfel, um über den Südgrat zur Hütte abzusteigen. Über die hohe, glatte Platte des obersten Gratstückes lassen Avir uns am doppelt genommenen Seile hinab in die Scharte. Schon sind die Seile eingeholt, da zwingt mich ein vergessener Rucksack, wieder auf den Gipfel zu steigen, die böse Stelle ohne Seilhilfe zu begehen. Vielleicht hat mir diese ernste Arbeit erst die rechte Befriedigung gegeben. Der folgende Abstieg ist zum Teil heikel.

Am Abend in der Hütte steht traumhaft das Gewaltige vor uns, die Peutereymauer, grösser, höher, unerreichbar!

Anderen Tags kämpfen wir im Fresnay. Der Gletscher ist dieses Jahr fast ungangbar zerklüftet. Stunden turnen wir über Blöcke, klimmen tiefe Eisschluchten. Nach einem Biwak am jenseitigen Ufer folgt der Rückzug... Das war im August 1921.

Aiguille Innominata, 3717 m.

In der Nacht mühen wir uns im Fresnaygletscher, wollen hinüber zum Couloir des Dames, über die Brèche Nord zur Blanche und zum Mont Blanc ansteigen. Eine Eismauer wirft uns endgültig zurück.

Wieder auf der Gamba fassen wir 9 Uhr vormittags den Entschluss, über den Brouillardgletscher und die Fresnayflanke den Aufstieg zum Col Peuterey zu erzwingen. Wenige Stunden später entrinnen wir mit knapper Not einer schrecklichen Eis- und Steinlawine am Schrunde unterhalb des Col Fresnay. Beängstigt flüchten wir in die Felsen der Innominata, klettern mit vielen Rasten bis hart unter den Gipfel. Es ist ein selten heisser Tag. Vom gegenüberliegenden Col Emile Rey, der Brouillardmauer stürzen schmutzige Steinlawinen, von der Nordwestwand der Innominata prasseln Trümmer, fegen über einen Eisschild zum Schrunde hinab. Unter uns liegt der Gletscher, zerborsten, mit sturzbereiten Türmchen, von denen Eislawinen brechen. Wir rasten... bleiben, haben keine Lust, die Innominata heute noch zu überschreiten. Zum Zeitvertreib bauen wir ein bequemes Lager aus, das wir mit Einbruch der Nacht beziehen. In unserem Sacke liegen wir besser als in einer Hütte.

Eine gewisse Ermüdung ob der gestrigen Anstrengung ist am anderen Morgen noch in uns, lässt uns spät und wenig unternehmungslustig aufbrechen. Der Gipfelbau ist Eis und glatter Fels, kostet etwas Mühe, dann stehen wir auf der Spitze, auf der Aiguille Innominata.

Gleich einer Rippe schiebt sie sich in den Südwinkel des Mont Blanc ein, in den jähen Winkel, der vom wilden Peutereygrat und vom stolzen Brouillard-kamm begrenzt wird. Glatt stürzen zu unseren Füssen die Wände zum Fresnay hinunter, steil brechen sie zum Brouillardgletscher ab. Zermahlt, eingeengt winden sich die Eisströme. Nordwärts fällt unser Kamm zum Col Fresnay, erhebt sich in einer Steilmauer zum Pic Eccles, von dem der Col du Mont Blanc zum letzten riesigen Aufbau des Monarchen leitet. Noch an die 1000 Meter hoch strebt die Wand, in schwindelnd glattem Aufschwung. Rotgelb schimmernder Fels türmt sich; glänzende, unsagbar steile Eisrinnen steigen aus dem Fresnay supérieur in die Riesenmauer empor. Ein Kamm sinkt vom Mont Blanc längs des Brouillardeises südwestlich ab. Eine Eisgasse führt vom Gletscher zu ihm hinauf, zum Col Emile Rey am Fusse des glatten Pic Luigi Amedeo. Schon jetzt stäuben dort Geschosse und Trümmer, Lawinen fegen die Bahn.

Südwärts des weissen Berges zieht der Peuterey. Ein dünner Eisgrat säumt den dunklen Himmel, leitet zu dem Eckpfeiler, dem grauen Abbruch, dessen Trümmer vor kaum 10 Jahren 2000 Meter tiefer das Tal der Dora beim Pavillon Pertude füllten. Eine Lücke klafft, der gefürchtete und so schwer zugängliche Col Peuterey — unerfülltes Wünschen!

Über den Glacier supérieur des Fresnay eilen unsere Blicke, haften an den schwarzen Flecken, die den Fuss der jähen Eiszungen grenzen — todbringende Trümmer, die sich ununterbrochen häufen. Ständig brechen Eislawinen über den mehr als 500 m hohen, fast senkrechten Eissturz des Fresnay.

In riesigen Tromben steigt der Eisstaub wieder aufwärts. Leben ist mit der Sonne in diese gigantische Fels- und Eiswildnis gezogen.

Stunden liegen wir auf unserem Gipfel, wagen nicht an unsere Pläne, den Weiterweg zu denken, heisser brennt die Sonne dieses unbarmherzigen Föhntages, wilder wird das Leben, hoffnungslos unser Wünschen!

Spät am Tage verlassen wir die Spitze, klettern über den SO-Grat und die Flanke hinab, zurück zur Hütte.August 1923.

An der Brenva.

Vor drei Tagen haben wir in Begleitung Bikoffs unter dem Gipfel des Pic Eccles ( bei 4050 m ) auf einer ausgehauenen Eisbank keine gute Nacht verbracht. Im Aufstieg konnten wir wegen lawinengefährlichen Schnees das Band am Eccles nicht benutzen, mussten schwere, vereiste Felsen klettern, verloren Zeit und Kraft. Schlechtes Wetter am folgenden Tage, das italienische Bergsteiger am Peuterey zwei Tage gefangen setzte und zwei beste französische Kletterer am Brouillard zurücktrieb, nötigte uns zum Rückzug nach Courmayeur. Unlustig mochten wir nicht wieder zur Gamba ansteigen und entschlossen uns, die Brenvaflanke zu versuchen.

Undeutlich ist der Pfad, der von der Brenvaalp zu einer kleinen Schulter führt. Von dieser steigt man über eine steile, aber gutgriffige Platte hinab und überschreitet den Brenvabach. Jenseits führen von Geröll und Grasstufen durchsetzte Platten hinauf zu Moränen. Lange folgt man diesen, quert den Bach erneut und steigt auch jenseits über Moränenkämme und Geröllhängen entlang zum untern Biwak an der Brenva an. Es ist ein wilder Weg durch Einöden, bedroht von stürzenden Moränenblöcken. Vor wenigen Jahren brach ein gewaltiges Stück des Col Peuterey nieder. Eis und Steine stürzten den Gletscher hinunter und füllten das Tal Veni.

Der Biwakplatz liegt auf einem Grasflecken. Einige Meter tiefer breitet sich der zerklüftete Gletscher aus. Am jenseitigen Ufer stotzt der Peutereygrat. So verschieden ist das Bild von der Fresnayflanke, aber nicht weniger wild und furchterregend. Wohl ist die Mauer der Blanche etwas gegliedert, aber ihre tiefen Steinschlagfurchen, Firn- und Eisterrassen schrecken.

Wieder geht es über Moränen und Halden aufwärts. Fast gegenüber dem Fusse der Gîte, der Felsinsel im Brenva, wird der Gletscher betreten und mühelos gequert. Ein Schneehang führt in die Felsen, die hier überall lose einen langen widrigen Anstieg bieten. Schön sind die Ausblicke auf den gewaltigen Sturz des Brenva. Ein mühsamer Kamin leitet auf festes Gestein, und bald stehen wir am Beginn eines scharfen Firngrates. Eine ebene Felsplatte davor ist unser Biwakplatz.

Mondhell zieht die Nacht herauf. Eigenartig unsere Umgebung: die eisglänzende Brenvarinne, durch die noch einzelne Blöcke poltern, die unbegreiflich hohe, zum grössten Teil aus hängendem Eis getürmte Ostwand des Mont Blanc, durch die sich Frank Smythe und Brown in den folgenden Jahren die kühnsten Mont Blanc-Aufstiege bahnten, der dunkle Aus- schnitt des Col Peuterey, von dem jetzt in der Nacht ständig Steinlawinen brechen... alles vom ruhigen, weissglänzenden Mondlicht überflutet.

Noch im Dunklen klimmen wir den Firngrat, steigen hinab ins obere Brenvabecken. Eine Steinsalve stürzt über die östliche Brenvarippe, gleich einer Feuerschlange leuchten die Aufschläge. Bei Tagesdämmern betreten wir das Güssfeldtcouloir. Der Anblick der teilweise erst vor kurzem herabgestürzten Eisklötze lässt ein banges Gefühl kaum erwehren. Dieser hohe Eiskanal, an warmen Tagen von heulenden Geschossen erfüllt, ist ein ernster Zugang. Wir arbeiten uns höher, stehen bei Tagesanbruch hart unter dem Eisgrate, dem Bollwerk. Ein heftiger Wind ist aufgesprungen, Wolken decken den Himmel und verhüllen alle Spitzen.

Vorbei ist unsere Buhe, dahin der stolze Plan. Die Vernunft gebietet schleunigst Umkehr. Noch herrscht Totenstille im Couloir, der Abstiegweg scheint unbedenklich. Zurück steigen wir die Eiswand, springen die Güss-feldtrinne hinunter.

Auf der Gîte zeigt das Wetter eher Neigung zum Bessern. Wir können nicht warten und morgen wieder ansetzen, denn unsere Ferien gehen zu Ende. Wir eilen hinunter nach Courmayeur und treten die Heimreise an. Freund Bikoff mit neuen Gefährten, Jara und Gratzer, setzt zwei Tage später erneut an und erreicht sein Ziel. Heute weilen zwei dieser drei Bergsteiger nicht mehr unter den Lebenden. Die Berge, denen sie lebten, haben sie gefordert.August 1926.

Aiguille Noire, 3780 m.

Im August 1922 — noch stand keine Hütte auf dem Fauteuil des Allemands — steigen wir hinauf zum Biwakplatz. Der Weg ist nicht leicht zu finden. Um uns unfreiwillige Forscherarbeit zu ersparen, nehmen wir einen ortskundigen Träger mit. Über zum Teil glatte Platten und Steilstufen, durch häufige Duschen abgekühlt, erreichen wir das wilde Kar, den Fauteuil.

In der Nacht setzt Begen ein, der erst am Morgen aufhört. Nach 7 Uhr brechen wir auf. Wir benützen der Kürze halber das verrufene Couloir. In rascher Kletterei über steile rauhe Platten geht es aufwärts, immer aufwärts. Schliesslich erreichen wir den Grat. Abwechslungsreicher gestaltet sich jetzt die Fahrt, nirgends treffen wir grössere Schwierigkeit. Kurz vor 12 Uhr stehen wir auf dem Gipfel.

Ein eisiger Wind empfängt uns, doch blaut ein tief dunkler Himmel. Im herrlichen Glanze ragt neuschneebedeckt der Mont Blanc. Ein Leuchten und Gleissen, ein Meer von Licht ist um uns. Zu unseren Füssen im blauen Dunste lauert Tiefe. Über furchtbare Wände fällt der Blick. Vor uns strebt noch riesengross die Südflanke, zieht der Peuterey über die schimmernde Blanche und den weissbestäubten Eckpfeiler im letzten Eisbaue höher, immer höher.

Die Kälte und die vorgerückte Zeit treiben uns hinunter von dieser stolzen Warte, die, nicht furchterregend wie der Ausblick von der Innominata, uns nur Grosses gibt, fester denn je unser Wollen und Wünschen härtet.

Wir steigen nach dem Grate das Couloir zurück. Endlos ist die Tiefe dieser mehr als 1000 Meter hohen Rinne. Grau und steil zieht sie hinunter — immer hinunter — ohne Grenzen, ziellos. Hie und da klatschen Steine, eilen schneller hinab...

Wieder in Courmayeur lässt uns die Erinnerung an den herrlichen Anblick des Mont Blanc keine Ruhe. Eine Begehung der Südflanke ist aber bei dem Neuschnee ausgeschlossen. So steigen wir zum Rifugio Torino empor und gewinnen den Gipfel über den Mont Blanc de Tacul und Mont Maudit.

L' Isolée ( Dames Anglaises ), ca. 3600 m.

Durch das märchenhafte Eislabyrinth des Fresnay haben wir uns beim ersten Versuche im Jahre 1922 geschafft. 30 Meter unter dem Gipfel sind wir umgekehrt. Die schwierige Plattedes Mont Blanc-Führerswar unersteiglich. Rechts in der Brenvaflanke, wo ich Ausweg suchte, fand ich nur eine lotrechte vereiste Mauer. Warum prüfte ich nicht die Fresnayseite?

Diesmal queren wir den Col de l' Innominata. Schwer ist der vereiste Abstieg auf den Fresnay. Der Quergang durch das Blockgewirr verlangt peinliche Arbeit. Ein über 30 Meter hoher Schrund am Beginn des nördlichen Couloir des Dames lässt sich am südlichen Ende über anliegende grosse Eislamellen ersteigen. Darüber steuert man, einen tiefen Steinkanal überschreitend, zu den nördlichen Randfelsen. Über diese gelangen wir bis unter die Verzweigungsstelle der Rinne. Eine vorher nicht bemerkte Partie steigt unter uns zum Bergschrund an. Wir müssen bleiben, lange warten, um die andern nicht zu gefährden... Nach langen Stunden erreichen alle gemeinsam die Brèche Centrale. Die Hitze macht träge und unlustig. Ich habe kein Verlangen, den Turm der Isolée noch heute anzupacken, will alles auf den folgenden Tag verschieben. Doch unsere neuen Bekannten, zwei junge italienische Alpinisten ( Lucini und Ferrero ) rüsten zur Fahrt auf die Punta Casati. Das Beispiel wirkt. Ich raffe mich auf, klettere die sehr schwere Ein-steigplatte der Isolée. Darüber folgt ein 3—4 Meter langer leichter Quergang gegen die Fresnayseite. Ein von links nach rechts ansteigender schiefer Riss führt in einen senkrechten Kamin. Dieser muss 20 Meter hoch an weit auseinanderliegenden Griffen mühsam erklettert werden. Nun wird auf gebrochenem Gestein eine Schulter 15 Meter hoch erstiegen. Hier konnten wir vor zwei Jahren nicht mehr weiter vordringen. Eine vollkommen senkrechte und glatte Platte wehrte. Heute suche ich links. Mein Turengefährte, der sich nicht wohl fühlt, bleibt zurück. Ich nehme das Seil als Hilfsmittel für den Abstieg mit. Ein unschwerer, ausgesetzter Quergang bringt mich in wenigen Schritten um eine Ecke zu einer eingesenkten Platte.Von der Höhe des Plattenwinkels steigt ein mehr als 3 Meter hoher Kamin an, der kein Stemmen erlaubt, nur durch Sprung an seine obere Kante überwindbar ist. Darüber folgt ein etwas leichterer Riss, und bald bin ich auf der schmalen, luftigen Spitze.

Ein sonnenwarmer Abend — tief leuchtet der Himmel. Gegen Westen ziehen feingoldene Fäden durch das Blau. Um mich das gewaltige Bild der Südseite des Mont Blanc: die Grate und Kuppen wolkenlos, scharf gezeichnet, die Wände und Mauern greifbar nahe, zu Füssen wilde Gletscher, von denen wie aus einer andern Welt fern das Krachen der berstenden Türme tönt. Vereinzelte Steine prasseln durch die Wände und Rinnen. Hier auf der Spitze Ruhe — Schönheit. Weitab liegt das Treiben des Lebens, ja selbst die Mühe und Sorge des Anstieges, der Gedanken an das Morgen...

Ich seile mich den Anstieg hinunter zu meinem Gefährten, der schon lange harrt. Gemeinsam klettern wir zur Brèche hinab, können aber nicht weiter das Couloir hinuntersteigen, da unsere Bekannten, die immer noch an der Punta Casati sind, uns bei ihrem Abstieg durch das Lostreten von Steinen gefährden würden. Wir schaffen auf der schmalen Lücke ein Lager, das wir nach ihrer Rückkunft gemeinsam beziehen. Die Nacht ist hereingebrochen. Weiss leuchtet vor uns im Vollmondschein der Turm der Isolée, die Gletscher ruhen silberglänzend zu unsern Füssen. Die Kuppen und Berge zeichnen sich scharf als dunkle Silhouetten ab, die weiten Räume sind mit mildem Lichte durchtränkt.

Trotz dem kargen unbequemen Lager sind wir glücklich, befreunden uns mit den neuen Bekannten, helfen gegenseitig. Nach Mitternacht ziehen schwere Wolken über den Mont Blanc, Blitze zucken in der Ferne. Nebelschlangen kriechen langsam aber unabwendbar, drohend über die Gletscher.

Bei Anbruch des Tages setzt starker Regen ein. Eiligst steigen wir ab und stecken bald im Nebel. Der Steinfall wächst, unheimlich pfeifen die kleinen Geschosse. Fast am Ausstieg wird das Seil zwischen mir und meinem Kameraden durch fallende Steine glatt durchschnitten. Auf dem Gletscher sind wir vor Steinen, nicht aber vor Eislawinen sicher. Dichter Nebel und Schneefall macht die Orientierung im Blockeis fast unmöglich. In der Nähe bersten Eismassen, mahnen zur Eile. Über den vereisten Col de l' Innominata klettern wir in grösster Eile. Nochmals überschüttet uns jenseits eine Steinsalve. Aus grauer Hülle schiessen schwarze Geschosse... Keiner wird verletzt. Bald sind wir in der Hütte, steigen in strömendem Regen ins Tal hinunter.

Tagelang währt der Regen. Gewaltige Massen Schnee liegen am Peuterey, vereiteln wieder unsere PläneAugust 1924.

Aiguille Blanche, 4109 m.

Wir rüsten zur Fahrt auf den Mont Blanc. Über den Südgrat der Blanche soll der Weg zum Gipfel führen. Das Wetter ist zweifelhaft. Erst um 7 Uhr verlassen wir die Hütte in Begleitung Leone Brons. Zwei italienische Kletterer, Binel und Cretier, schliessen sich an. Mit einer langen Stange bewaffnet, wollen sie den unerstiegenen Ostgipfel der Dames Anglaises stürmen — erobern ihn auch in den folgenden Tagen. Rasch und mühelos überschreiten wir den eisfreien Col de l' Innominata. Schwieriger ist der Quergang durch den Fresnay. Den hohen Schrund am Fusse des Nord-Couloirs der Dames brücken wir südlich, queren darüber zu den nördlichen Randfelsen. Noch fällt kein Stein. Dafür kracht Steinlawine auf Steinlawine im südlichen Couloir, das Rivetti mit Führer Adolfo Rey wenige Tage später, freilich in früher Morgenstunde, zum Aufstieg auf die Brèche Sud benützte.Von dieser Lücke aus erklommen die beiden glänzenden Steiger die Noire, bewältigten das fast Unmögliche. ( Erster Aufstieg auf die Aiguille Noire von Norden. ) Unschwere, aber steile und lose Felsen bringen uns rasch höher. Das Seil löst einen grossen Stein, der meinen Kameraden August am Kopfe verwundet. Der Vorfall drückt auf die Stimmung. Es liegt wie ein Ahnen der kommenden schweren Stunden in uns. An der Verzweigungsstelle nehmen wir Abschied von unsern italienischen Bekannten. Sie steigen den südlichen Ast zur Brèche Centrale hinauf. Wir suchen neuen Weg, benutzen die zur nördlichen Scharte hinaufsteigende Rinne nicht. Weiter links zieht ein unbedeutendes schmales Couloir hinauf. Äusserst schwer ist der Einstieg über einen hohen Überhang. Nur wenige Schritte folgen wir der Rinne, ersteigen dann in ihrer nördlichen Begrenzung 40—50 Meter hoch, fast senkrechte, klein- und rundtrittige Platten. Damit haben wir die Normalroute erreicht, den Quergang von der Brèche aus abgeschnitten. In leichten Bogen von rechts nach links klettern wir in festem, steilem Gestein aufwärts. Über eine kleine Kante wenden wir uns wieder ostwärts, gewinnen über plattig-griffigen Fels einen sekundären Grat, der zu einem roten Turme zieht. Über und neben dieser Rippe klimmen wir zum Hauptgrat empor.

Der Ausblick in die Brenvaflanke ist charakteristisch. Stumpfe Rippen gliedern sie. Auf diese folgt ein relativ kurzer Kamm, der viel stärker hervortritt. Hinter diesem liegt der Sekundärgrat, der den Aufstieg zur Blanche vermittelt. Der Weg ist gegeben: ein aufsteigendes Queren in blockigem Gestein über Rippen und steingefährdete Rinnen. Unschwer ist die Kletterei, aber lange und eintönig. Eine knappe Stunde unterhalb des Gipfels bauen wir einen guten Lagerplatz. Wir können alle drei im Schlafsack ruhen, zwar enggepresst, aber in horizontaler Lage. In der Nacht springt ein starker Wind auf, der Himmel deckt sich zu.

Am Morgen brechen wir zufolge des unsichern Wetters unschlüssig und spät auf. Bald sind wir auf dem Sekundärgrat, nicht achtend einzelner Steine, die beim Queren der letzten Rinne hinunterpfeifen. Über guten Fels und kurze steile Firnkämme geht es rasch aufwärts. Schon stehen wir an der Firn-mütze der Blanche, queren längs derselben unter die Spitze und hacken uns hinauf. Die Verhältnisse sind hier schlecht. Tiefer lockerer Schnee liegt auf hartem Eis. Heftiger Wind bläst, Nebel hüllt uns ein — das Wetter verschlimmert sich zusehends. Die Fortsetzung des Ganges über den Peutereygrat ist unter diesen Bedingungen ausgeschlossen, und doch ist jede Umkehr eine Drohung. Den Aufstiegsweg zurück zu klettern, scheint uns zeitraubend und gefährlich. Der Kürze wegen entschliessen wir uns für die Brenvaseite in Unterschätzung der Steingefahr. Der Berg ist dieses Jahr trocken, kein Schnee bindet die losen Trümmer. Immer stärker wird der Wind. Dieser und der zu erwartende Regen müssen schreckliche Steinfälle bringen.

Wir klettern vom Gipfel die anfangs steile, plattige NO-Rippe abwärts. Bald wird sie zum stumpfen Kamme, weniger geneigt, mit losen Steinen be- deckt. In der Flanke tanzen schon einzelne Steine. Wir kommen tiefer, gelangen zu einem Lagerplatze. Hier findet mein Freund in einer verrosteten Blechbüchse die Karte der Partie Amstutz-Richardet-von Schumacher vom Jahre 1925, mit der kurzen Bemerkung: « Wegen schlechten Wetters Rückzug nach Courmayeur ». Richardet ist auf diesem Abstieg durch Steine getötet worden.

Unsere eigene schlimme Lage wird uns klarer bewusst. Werden wir alle oder einer von uns dem gleichen Schicksal entgegengehen? Ein feiner Regen hat eingesetzt, der dichter und dichter wird. Wir sind tiefer gestiegen und suchen uns unter einem Blocke zu schützen. Vor uns in den Wänden hallt ein beständig Krachen und Prasseln, hinter uns in der vom Col Peuterey abfallenden Eisschlucht toben Lawinen. Hart nördlich neben unserer Rippe zieht ein Eiskanal direkt hinunter zum Gletscher. Ein Gedanke gewinnt Oberhand: Sollte in der weiteren Verfolgung unserer Rippe mit Ausstieg durch die Eisrinne ein gerader Abstieg nicht möglich sein und sich so der Quergang durch die Wand vermeiden lassen?

Wir rasten lange, werden arg durchnässt. Vorerst versuchen wir den üblichen Weg durch die Brenvaflanke. Unangeseilt durchspringen wir eine 50 Meter breite Felsrinne — hinter uns fegt eine Steinlawine den Weg. Trostlos ist der Ausblick auf die Fortsetzung. Ununterbrochen prasseln Geschosse auf die ganze Flanke nieder. Hier gibt es kein Durchkommen! Keuchend eilen wir zurück, stehen wieder auf der NO-Rippe. Zögernd klettern wir über Blockfelsen und Platten tiefer. Die Rippe wird zur äusserst schmalen, fast senkrecht abfallenden Kante. Mühsam und schwer ist die Arbeit, weit auseinander liegen Griffe, oft wackeln zentnerschwere Platten. Geschosse aus der Wand, aus dem Eiscouloir überborden zeitweise die Rippe. Endlich erreichen wir eine Stelle, wo auf der Kante eine durch Platten gebildete winklige Nische Schutz gewährt. Zur Not trotz des engen Raumes ein Biwakplatz, den wir uns vormerken. Vorerst denken wir aber an ein Entrinnen, klettern schwierig 30 Meter tiefer hinab. Hier müssten wir die Kante verlassen, nördlich einige Meter auf ein sekundäres Grätchen queren, welches das Eiscouloir flankiert. In diesem Augenblicke schlägt ein riesiger Block auf jene Stelle auf. Wir schützen uns mit den Säcken vor den splitternden Geschossen. Auch hier, wenigstens heute, kein Durchkommen!

Ermüdet und verstimmt, stemmen wir uns wieder zur Nische empor, beziehen das Biwak. Im knappen Raume an die Felsen gedrückt, jeder Bewegung beraubt, ist die Nacht peinlich. Ununterbrochen hören wir den Steinfall. Die Aufregung lässt uns nicht schlafen. 150—200 Meter tief zu unsern Füssen liegt der rettende Gletscher.

Noch in der Nacht um 3 Uhr rüsten wir zum Aufbruch. August ist bereits etwas abgestiegen, ein banges Gefühl in mir lässt ihn zurückrufen. Meine Erklärung: « es scheint mir noch zu dunkel für die schwere Kletterei », ist kaum ausgesprochen, als wir von oben ein dumpfes Rollen spüren und hören. Steine — über unsWir pressen den Körper in die Nische und versuchen die Säcke auf den Kopf zu bringen. Dann bricht die fürchterliche Lawine herab. Es ist ein Pfeifen und Heulen, als ob eine Hölle losgelassen sei. Riesige Blöcke und Platten fliegen um uns und über unsere Köpfe hinweg. Einige kleinere Trümmer kippen am Rande der Nische, fallen auf uns. Noch folgen kleine Steine, dann wird es unheimlich stille. Nun wissen wir, dass unsere jäh zum Gletscher abbrechende Kante zum Todesweg werden kann — doch haben wir keine Wahl! Bei beginnender Dämmerung brechen wir auf, ernst aber entschlossen. Die senkrechten 30 Meter sind in unserer Erregung rasch bewältigt. Im Sprunge queren wir auf das Sekundärgrätchen, klettern eilig 70 Meter tiefer und stehen an der vollständig glatt und lotrecht abfallenden Kante. Im Zwielicht der Dämmerung scheint der Abbruch bedeutend. Die Kante fusst im Bergschrund, der aber, ungewöhnlich breit und tief, von den Felsen aus nicht brückbar ist. Seitlich legt sich die blanke Eisrinne an, die ansteigend gequert werden muss, da nur von deren Mitte aus der Schrund, zufolge eines vom Gletscher herauf reichenden Lawinenkegels, im Sprunge überwindbar aussieht. Das doppelt genommene Seil schafft uns 24 Meter tiefer auf einen kleinen Absatz. Einzelne Steine schiessen die Eisrinne hinunter, zerschellen an unserer Wand oder fliegen in hohem Bogen pfeifend über den Schrund. Ein stumpfer Felshöcker auf dem kleinen Absatz dient zum erneuten Abseilen. Die Steigeisen werden angezogen. Ich kniee auf das Seil, um ein Abgleiten zu verhindern. Meine beiden Schicksalsgenossen seilen sich nacheinander im Schenkelsitze die letzten 26 Meter hinab. Ansteigend queren sie vom Fusse der Felsen aus in Eilschritten das jähe Eiscouloir, springen über den Schrund und die Eishalde hinunter zum Gletscher. Sie winken mir fern, in Sicherheit.

Ein frohes Gefühl fasst mich. Stundenlang hat mich die Sorge, die Verantwortung gedrückt. Ruhiger seile ich mich hinab, sachte jeden Ruck vermeidend, um ein Abgleiten des Seiles zu verhindern. Einmal im Couloir ziehe ich das Seil nach, doch verklemmt es sich in einer Spalte, bleibt hängen. Atemlos zerre ich, aber nicht lange, rette auch mich im Sprunge über den Schrund. Kaum bin ich bei meinen Kameraden, fegt die erste grosse Eis- und Steinlawine die ganze Breite der Eisrinne. Schrecklich ist der Anblick, furchtbar der Gedanke!

Wir stehen auf dem Brenvagletscher in einer ziemlich geraden Linie unterhalb des Col Peuterey, queren ohne Seil den breiten Eissturz gegen die Gîte hin. Längs dieser Felsen und zum Teil über dieselben steigen wir tiefer, gewinnen das andere Gletscherufer und das untere Biwak.

Wir schauen zurück. Vor uns stotzt der Peuterey wieder im Sonnenglanze. In unsern Ohren aber tönt immer noch der Schrecken der Blanche!

August 1928.

Peuterey-Mont Blanc, 4810 m.

Schürf- und Quetschwunden nötigen zur Ruhe. Doch am 5. Tage nach der Blancheschlacht treibt es uns wieder hinauf zum Peuterey. Am 10. August um 1 Uhr verlassen wir in Begleitung des Trägers Clavel die Gambahütte. Beim Laternenscheine wird die Überwindung jäher, rutschender Moränen zur Qual. Schon stehen wir an der Ecke der Innominata, ziehen die Eisen an und beeilen uns, in den Brouillardgletscher einzusteigen. Düster ist der Ort und steingefährdet, das Eis mit Trümmern übersät. Am jenseitigen Ufer, vom Brouillardkamm her, krachen beständig Geschosse. Der Gletscher ist schlecht, fast aper. Zahlreiche Spalten sperren ihre Mäuler. Steiler schwingt sich bald das Eis empor. Drei Schlünde fordern harte Arbeit. Beim flackern den Laternenlichte hackt der Pickel an senkrechten Wänden. Im Dämmerschein stehen wir am grossen Bergschrund unterhalb des Col Fresnay. Die Mauer ist über 10 Meter hoch, lässt sich schwierig überlisten. Jähe, mit dünnem Firn bedeckte Eishänge führen zum Col.

Der Tag ist angebrochen. Von den Felsen der Aiguille Innominata senkt sich ein Eisgrat. Über eine nahe Lücke und einen Eisbuckel erreicht er die Scharte, den Col Fresnay. Seine Wände sind senkrechtes Eis, von mächtigen Zapfen geziert. Darüber strebt eine kurze Firnhalde zum Fusse des Pic Eccles. Längs der Wand des Eccles zieht ein stotziges Firn-und Eisband aufwärts, überdacht eine zum Fresnay abfallende riesige Felsmauer.

Heikel ist die Überwindung der Scharte, der Schrund und die Eiswand heischen Vorsicht. Über die steile Halde steigen wir zum Firnband. Lockerer Schnee liegt auf dem Eise. Dank unserer scharfen Eisen gewinnen wir trotz der beträchtlichen Neigung rasch an Höhe.Vom Ende des Bandes bringt uns plattiger Fels auf den Pic Eccles. Eine 20 Meter lange Platte wird zum Teil trittlos an der Kante hangelnd bewältigt. Jenseits führt ein äusserst luftiger Eis- und Firngrat bald zum Col du Mont Blanc. Wir stehen unmittelbar am senkrecht erscheinenden Aufschwung des Innominatagrates — dem Wege der Guglierminas und Bavellis zum Mont Blanc.

Ein bequemer, ebener Lagerplatz ist hier geschaffen worden. Der Ort lockt zum Verweilen. Herrlich sind die Ausblicke. Hinunter schauen wir zum klaffenden Brouillardgletscher. Über die Aiguille Innominata eilt der Blick, taucht hinab zu dem 1000 Meter tiefer liegenden unteren Fresnay, gleitet aufwärts über den furchtbaren Sturz des obern Gletschers. Fast 300 Meter zu Füssen liegt das schmale, jähe obere Fresnaybecken, grenzt den Fuss der rot schimmernden höchsten Steilwand des Mont Blanc. Hinüber zieht das kalte Eis zum Col Peuterey, zum Eckpfeiler. Lotrecht und hoch scheint uns die Wand des Pfeilers, durch klaffenden Schrund vom Gletscher geschieden. Ein langer Eisgrat steigt von der Mauer hinauf hoch gegen den Himmel, verliert sich in Wolken. Hinüber schauen wir zur Blanche, die uns vor Tagen so Schweres und Grosses gab — furchtbar bricht ihre Wand zum untern Fresnay ab.

Das Wetter ist warm und wolkig. Noch steht der ganze Tag zur Verfügung. Erreichen wir wohl heute den Mont BlancNach 8 Uhr verlassen wir den Col. Ein grosser Riss bringt uns in eine Rinne. Unschwere Felsen und hartes Eis, das aber kaum 20 Stufen erfordert, schaffen uns an den nördlichen Rand, zu einer Ecke.Von dieser führt eine hohe, stumpfe Rippe aus losem Gestein hinab zum Gletscher. Der Einstieg erfolgt gerade am Rande des gewaltigen Fresnaysturzes über einen 20 Meter breiten, wasserberonnenen Eiskanal. Wir queren schnell, eilen über das steile, steinschlagbedrohte obere Gletscherbecken und stehen um 10 Uhr im Col Peuterey. Ein breiter Schneekamm füllt den Col, keine Steinspur ist zu sehen. Ein Gefühl von Ruhe und Sicherheit weckt dieser so schwer zugängliche Ort inmitten der drohenden grossen Umgebung.

Wir rasten, das einzige Mal auf unserer langen Fahrt, rasten und schauen. Eigenartig sind die Ausblicke auf die Ketten der Verte und Géant. Sonnen-beglänzt reihen sich die Berge; die Felsen leuchten in blaugrünen, dann wieder violetten Tönen. Über uns hüllen die Wolken den Mont Blanc dichter ein. Nebel verschleiern den Eckpfeiler, in dessen Wänden einzelne Steine fallen und den Schrund im Bogen überfliegen. Wie jäh ist unser Abstieg vom Pic Eccles gewesen!

Um 11 Uhr brechen wir auf. In der nördlichen Ecke scheint der Schrund begehbar, doch stürzen dort die meisten Steine. Gerade jetzt bricht eine Steinlawine nieder. So versuchen wir weiter südlich einen Übergang. Erst nach langer und harter Arbeit gelingt die Überwindung der hohen Mauer. Eiszapfen und muschlig-brüchiges Eis erschweren in hohem Grade das Stufen. Weit über eine Stunde geht verloren. Rascher gelangen wir über eine kurze steile Eishalde zu den Felsen. Wir klimmen wenig aufwärts, queren dann ein Bächlein, das einer höher gelegenen Schneerinne entspringt. Wir erreichen eine rote Rippe, die nördlich des Eckpfeilers und seines horizontalen Eisgrates weiter hinaufzieht. Fest und gutgriffig ist der Fels. Lange klettern wir mühelos, dann wird die Arbeit ernster. Plattiges Gestein, ein schwerer Kamin, darüber bessere Felsen führen hinauf zum Firn und Eisgrat, der im Nebel stotzt. Lockerer Schnee liegt auf dem Eise. Meist fassen unsere scharfen Zacken, hie und da aber gleitet der Fuss. In der Nachbarschaft eingestreuter kleiner Felsrippen finden wir ganz hartes Eis, müssen stufen.

Ich habe mich auf ein Wandern hinauf über diesen Kamm im Sonnenlichte gefreut und herrliche Blicke erhofft. Nun hüllt uns kalter Nebel ein. Nur bei vorübergehenden kurzen Aufhellungen erkennen wir die Steilheit der eisigen Flanken, sehen wie durch einen Schleier den furchtbaren Eissturz der Brenvamauer. Unser luftiger Eiskamm zieht in harmonischer Linie jäh hinab zum Eckpfeiler, dann ist er wieder ausgelöscht in hässlichem Grau. Durch plötzlich klaffende Lücken der farblosen Decke blitzen für Augenblicke besonnte Flecken auf. Mehr als 2000 Meter senkrecht unter uns glänzt das Eis im Brenva- und Fresnaygletscher wie aus einer andern Welt. Westwärts neben uns taucht zeitweise der Innominatagrat aus den Wolken; riesige rote Türme, furchtbare Plattenschüsse ragen und verschwinden.

Allmählich macht sich Ermüdung und Kälte geltend. Der Anstieg scheint uns endlos, immer mehr verlangsamt sich unser Gang. Vor uns schimmern grellweiss gewaltige Wächtenmassen fern und hoch durch den Nebel, spotten unserer Mühe. Eine Täuschung, denn schon stehen wir am Fusse, ersteigen mühelos die Wächte.

Ein eisiger Wind empfängt uns. Augenblicklich gefrieren die nassen Handschuhe, wird das feuchte Seil zur Stange. Wie mit einem Schlage sind die Nebel verschwunden. Tief dunkelt der Himmel ob dem blendenden Weiss. Die Wolken zu unsern Füssen treiben zu Fetzen gepeitscht. Die Kälte ist unerträglich, raubt Atem und Genuss, nimmt die Freude am Gelingen.

Rasch ziehen wir alles Wärmende an. Gebückt vor dem Sturme steigen wir im kalten Sonnenglanze zum höchsten Gipfel hinüber. Abends 630 Uhr stehen wir auf dem Mont Blanc. Ohne Rast eilen wir im Sprunge über den Bossesgrat hinab und erreichen vor 7 Uhr die Cabane Vallot. In der überfüllten Hütte will man uns nicht aufnehmen. Schliesslich überlässt man uns im Vorraum über dem Eise einen mit Kochabfällen und Konfitüren verschmierten Laden. Ich gehe sofort wieder ins Freie, um sauberes Eis zur Teebereitung zu holen. Seit über 10 Stunden haben wir nichts getrunken, leiden unter dem Durste.

Vor der Hütte nimmt mich das Bild gefangen... Der Wind hat sich gelegt. Vor mir formen die gewaltigen Schnee- und Eismassen den weissen Berg. Leicht rosa sind die riesigen Gebilde angehaucht. Zu Füssen ein Meer von Wolken, deren Kämme im hellen und dunklen Rot aufleuchten, schimmern. Weit in der tiefen Ferne stehen Berge in matten Dämmerfarben. Über allem der unendliche Himmel, dunkel und doch von zartem Lichte erfüllt. Raumlos...

In unserem Schlafsack verbringen wir trotz des schlechten Lagerplatzes eine gute Nacht. Vor 8 Uhr verlassen wir die Hütte im hellen, warmen Sonnenlichte. Über den Dôme du Goûter gewinnen wir den Bionnassaygrat, steigen abwärts. Unbeschreiblich schön ist der fortwährende Tiefenblick. Unmittelbar neben der gewaltigen Eislandschaft leuchtet das Grün der lebenden Natur: welch eigenartig Farbenspiel! Ringsum, immer noch tief, Berge in unfassbarer Weite. Hinter uns im reinsten Weiss und in gigantischer Grösse der Mont Blanc.

Hinab geht es über den zerschrundeten Dômegletscher. Die Spalten ermangeln oft der Brücken, verlangen kühne, ja gewagte Sprünge. Um 10 Uhr sind wir bei der Dômehütte und steigen nach Courmayeur zurück...

In uns ist ein tiefes Glück. Das Streben und Ringen in all diesen Jahren hat das Ziel grösser gemacht. Das gleiche Bild, das wir leuchtendgross in seiner Einsamkeit, seinem eisigen Schweigen sahen, erlebten wir sturmgepeitscht, nebelerfüllt — im Krachen und Heulen der Stein- und Eislawinen. Das Toben der Naturgewalten ward Erkenntnis.

So ist meinem Gefährten und mir die Erfüllung — der weisse Berg ge-worden.August 1928.

Zum Schlusse der Schilderung meiner Fahrten und Eindrücke in der Südflanke des Mont Blanc möchte ich kurz einige turistische und wegleitende Bemerkungen anfügen.

Vor allem ist zu betonen, dass vielleicht wie kaum anderswo die Schwierigkeiten und Gefahren nach den jeweiligen Verhältnissen in hohem Grade wechseln. So kann beispielsweise die Überwindung des Fresnaygletschers, wie im August 1921, fast unmöglich sein, viele Stunden härtester und schwerster Arbeit erfordern, während unter günstigen Bedingungen der Quergang kaum mehr als eine Stunde benötigt. Ähnlich verhält es sich mit der Eis- und Steinschlagsgefahr, die zeitweise furchtbar, unter andern Verhältnissen wieder gering sein kann. So begingen wir die Rinne der Dames Anglaises ohne einen Stein zu hören, ein andermal steckten wir mitten in einem ständigen Steinhagel. Den stärksten Serakszusammenbruch erlebten wir im Fresnay kurz vor Mitternacht.

Ich will im besonderen nur vom Peutereygrat, dem schönsten Aufstieg von der Südseite, sprechen. Bis vor kurzem war diese Besteigung eine seltene Tat, doch in den letzten drei Jahren wurde die Peutereyroute häufiger begangen. Früher wählte man gewöhnlich den Zugang über den Brenvagletscher. Die Brenvaflanke der Blanche ist aber, sofern man den Durchstieg nicht in der Nacht vollzieht, und dazu sind nur ganz hervorragende Steiger fähig, äusserst steingefährdet. Besser nimmt man die Gambahütte als Ausgangspunkt, überschreitet in der Nacht ( schwierig ) den Col de l' Innominata, quert den Fresnay und gewinnt in den frühen Morgenstunden die Brèche Nord und damit den SO-Grat der Blanche. Diese ungewöhnlich lange Tur, die Begehung des Peuterey über den SO-Grat der Blanche, für die man früher mindestens ein Biwak einsetzte, ist schon in einem Tage ausgeführt worden. Die Partien verliessen die Gambahütte um Mitternacht. ( Eustave Thomas mit Führer Knubel, später Kunze mit Führer Leryen, vielleicht auch noch von Führerlosen. ) Der beste, sicherste und etwas kürzere Zugang zum Peuterey ist aber in der Ecclesroute gegeben. Entweder geht man in einem Tage von der Gambahütte über den Brouillardgletscher zum Col Fresnay und über den Pic Eccles hinauf zum Col du Mont Blanc ( Col Fresnay supérieur ), von dort hinab auf das obere Fresnaybecken und zum Col Peuterey. Vom Col über die SW-Flanke des Eckpfeilers hinan und schliesslich über die oberste Steil- und Eiswand aufwärts zum Mont Blanc de Courmayeur und hinüber zum Mont Blanc ( 15—18 Std. ). Oder man steigt am ersten Tag zu einem Biwak am Col du Mont Blanc auf und setzt am zweiten Tag den Aufstieg zum Gipfel fort. Vom Col du Mont Blanc dürfte der Rückzug bei Wetterumschlag am ehesten möglich sein, wie man auch bei einem Wettersturz am Peutereygrat oder auf der Blanche wohl am besten die Ecclesroute als Rückzugslinie wählt.

Was die Ausrüstung anbetrifft, braucht kaum gesagt zu werden, dass ausgezeichnete Steigeisen, ein Schlaf- oder Zeltsack, Proviant für 3—4 Tage unbedingt mitgenommen werden sollten. Sofern jemand die Begleitung von Führern wünscht, sind, abgesehen von Schweizer Führern, unter denen Joseph Knubel, der gründlichste Mont Blanc-Kenner, in erster Linie steht, auch die allerbesten Courmayeurführer zu empfehlen.

Wer mehr aus landschaftlichen Gründen einen Einblick in die furchtbare Südwand des Mont Blanc gewinnen möchte, ohne die eigentliche Tur selbst durchzuführen, der steige auf die Aiguille Innominata und lasse dort das unvergesslich wilde und grossartige Gemälde auf sich einwirken. Kletterern, die schwere und wenig begangene Pfade sehnen, bieten die Türme der Dames Anglaises hohes Erleben.

Die Südflanke des Mont Blanc ist ein Gebiet, das, zurzeit noch wenig begangen, dem Steiger Gewaltiges und Ursprüngliches gibt. Die wechselnden Verhältnisse bedingen ein beständig neues Planen und Pfadsuchen. Unabhängig von Hütten, ist man oft auf Freilager angewiesen, kann den Alpinismus, den Drang nach grossem Erleben und Handeln im reinsten Sinne erfüllen.

Ich selbst war wohl zufolge Mangels eines guten Trainings, kurzer Ferien wenig geeignet, diese grossen Fahrten anzugehen. So blieben Erfolge oft aus, und doch wurde mein Harren belohnt. Durch die wiederholten Versuche war mir das Gelände vertraut, Heimat, gab mir gerade in den Versuchen alles. Nicht die glatte und rasche Durchführung dieser oder jener Fahrt wurde höchstes Ziel. Nein, das Wandern zu zweit, unabhängig von allem, nur auf uns angewiesen, das Vertrautsein mit dem Berge, den wir trotz seiner Schrecken und Gefahren lieb gewannen, der uns unauslöschliche Bilder, tiefstes Erleben gab, war das Wertvolle, Bleibende.

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