Am Rande des Nationalparkes; Skitouren im S-charl

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Skitouren im S-charltal

Von Eugen Wenzel

Skitouren im S-charltal Mit 2 Bildern ( 116, 117 ) und 1 ÜbersichtskarteZürich ) Wenn man in späteren Jahren einmal daran gehen sollte, ein Gebiet, wie man es im Nationalpark zum Schutz von Pflanzen- und Tierwelt schuf, auch zum Wohle des Menschen abzugrenzen, so könnte hiefür sehr gut das S-charltal auserlesen werden. Dort wäre mit kleinen Verzichten auf kulturellen Einrichtungen leicht jener Zustand herzustellen, der dem Ruhe suchenden Menschen das Gefühl des Geborgenseins vermitteln könnte. Auch so, wie sich dieses im östlichsten Zipfel unseres Landes liegende Gebiet heute darbietet, kann, was die Winterszeit anbetrifft, füglich von paradiesischer Stille gesprochen werden.

S-charl, die kleine Sommersiedlung der Schulser, hat unter den zahlreichen Nationalparkbesuchern längst seinen gebührenden Namen. Bedauerlicherweise hat das einheimische Volk vor kurzem selbst dazu Hand geboten, sich die von so vielen Sommergästen geschätzte und von den Tieren des Parks seit Jahren als selbstverständlich hingenommene Ruhe stören zu lassen, indem es seine Einwilligung gab, das Strässchen mit einem Jeep zu befahren und damit auch dieses Tal mit Motorenlärm zu beglücken.

Doch davon soll hier nicht die Rede sein. Wir wollen das S-charltal und die andern in den Nationalpark hineinreichenden Seitentäler im Winter kennenlernen. Wenn das an sich schon abgelegene Gebiet unter einer friedlichen Schneedecke begraben liegt und viel unzugänglicher und stiller geworden ist, wollen wir uns von Schuls aus in die Clemgiaschlucht aufmachen und den Weg nach S-charl antreten.

Wie selten finden sich Gegenden in unserem Land, wo wir noch Arven-und Bergföhrenwälder von solcher Ausdehnung durchwandern können. Wie selten auch sind jene Täler geworden, in denen man nicht auf Schritt und Tritt auf menschliche Ausbeutung und Kultivierung stösst. Und wie selten sind die Berge geworden, auf welchen man die wohltuende Einsamkeit, in der allein der Mensch sich zu sich selbst zurückfindet, geniessen kann.

[; Der gegebene Ausgangsort für alle Skitouren im Bereich des S-charltals ist das 1800 m hoch gelegene Sommerdörfchen S-charl. Während im Sommer mehrere Unterkunftsmöglichkeiten bestehen, ist im Winter nur das « Gasthaus Edelweiss » offen. Dort laufen sämtliche Fäden des im Winterschlaf liegenden Tals zusammen. Bei Nonna Barth erfährt man alles Wissenswerte, sei es, dass man sich Gewissheit über die Wetterlage beschaffen will oder mit den Gewohnheiten des Wildes vertraut gemacht werden möchte. In der heimeligen Arvenstube lässt man sich gelegentlich zu einem Glas Wein ein wenig von ihrem selbstverfertigten Trockenfleisch vorlegen und lauscht dabei ihren launigen Erzählungen. Wenn Frau Barth selbst auch nicht Ski fährt, so kann doch manch nützlicher Tourenhinweis bei ihr erhalten werden.

Der dichtstehende und weit über S-charl hinauf reichende Bergföhren-und Arvenwald lässt vorerst keine grossen Hoffnungen auf lohnende Skitouren aufkommen. Erst wenn man diesen Waldgürtel durchstossen hat und das offene Gelände von Astras betritt, wird man der vielen Tourenmöglichkeiten gewahr, welche sich einem im obersten S-charltal eröffnen.

Mot dal Gaier, 2811 m; Piz Settembrina, 2882 m Diese nördlichsten Gipfelpunkte der Astraskette weisen ausgezeichnetes Skigelände auf. Bei der Alp Schambrina, die auf einer von prächtigen Arvenbäumen umrahmten Terrasse gegenüber dem Eingang ins Cruschetta-Tälchen liegt, setzen die anfangs steilen, weiter oben leichter zu bewältigenden Hänge an, über welche man in die Einsattlung zwischen Piz Schambrina ( Punkt 2882 m ) und Mot dal Gaier gelangt. Dort hat man die Wahl, den einen oder den andern Gipfel zu ersteigen, wobei der Mot dal Gaier das bequemere und ganz auf Ski zu erreichende Ziel darstellt. Die Tour kann in einem halben Tag ausgeführt werden und eignet sich vornehmlich, um sich erstmals im Gebiet umzusehen.

Piz a"Astras, 2983 m, P. 2920 m Die beiden nächsten Erhebungen in der Kette sind etwas steiler und felsiger im Aufbau, können jedoch als sehr lohnende Skiberge angesprochen werden. Die Aufstiege erfolgen von der Alp Praditschöl über die sehr steilen Hänge der Munt d' Astras, wobei sowohl die Gratsenke zwischen Piz Schambrina und dem nördlicheren Astrasgipfel als auch diejenige zwischen den beiden Astras-Gipfelpunkten angespurt werden können. Eine weitere, weniger steile Route führt von der Alp Schambrina auf der Südseite des Piz Schambrina zum gleichen Ziel. Alle diese Routen können, im Frühling bei Sulzschnee befahren, höchste Genüsse vermitteln.

Piz Vallatscha, 3023 m Südlichster und zugleich höchster Punkt der Astraskette, ein Skiberg von Format und Rasse. Er ist vom S-charltal und vom Ofenberg aus auf mehreren Routen erreichbar. Beim Aufstieg von S-charl her durch die Vallat- scha d' Astras ist der Gipfel auf der Nordseite ganz mit Ski zu machen. Bei den Routen vom S-charlpass oder vom Ofenpass über Munt da la Bescha wird derselbe über die Südseite bezwungen, wobei die Ski etwa 50 Meter unter dem höchsten Punkt zurückgelassen werden müssen. Der Piz Vallatscha vermittelt lohnende Rundsicht ins Nationalpark- und Ofenpassgebiet. Seine Steilhänge bergen äusserst schnelle Abfahrten, welche den verwöhntesten Ansprüchen gerecht werden.

Minschuns, 2526 m Diese an der Fuorcla Funtana da S-charl liegende Rasenkuppe ist leicht zugänglich. Trotz geringer Höhe bietet sie dank ihrer nach Süden vorgeschobenen Lage gute Aussicht, besonders ins Münstertal hinab. Am kürzesten ist der Anstieg von Süsom Give am Ofenpass über Plaun dal Aua. Das offene, weiträumige Gelände am S-charlpass eignet sich vorzüglich zu leichten Abfahrten gegen den Talboden von Astras.

Piz Terza, 2911 m Zuhinterst in der Val S-charl, im Quellgebiet der Clemgia, erhebt sich der Grenzgipfel des Piz Terza. Er kann unter die besten Skiberge des Gebietes gezählt werden. Nach dem flachen Talstück von Astras führt die Route, zuletzt wieder stärker ansteigend, in die Mulde von Costainas, aus welcher der Gipfel von Norden her mit Ski erreicht wird. Man befindet sich direkt über dem untersten Münstertal. Gegenüber sieht man die Umbrailstrasse, und dominierend erhebt sich darüber der Ortler. Der Besteigung des Piz Terza kann sehr leicht eine solche des Piz Cotschen oder des Muntet angereiht werden. Alle Abfahrten führen durch die weite Mulde von Costainas in den flachen Talboden zurück. Bei der Alp Tamangur-dadaint kann die Abfahrt durch eine kleine Gegensteigung mit einem Besuch des Tamangurwaldes bereichert werden.

Piz Murtera, 2998 m; Piz Starlex, 3077 m Diese, von S-charl betrachtet, als Talabschluss wirkende Gruppe schliesst ebenso rassige wie schöne Skitouren ein. Der Munt Falain, der gegen S-charl gerichtete Ausläufer, kann in lohnender Halbtagestour von Valbella oder vom Cruschettatälchen aus bestiegen werden. Die Abfahrt über den bewaldeten Rücken ins S-charltal ist sehr abwechslungsreich. Die weite Talmulde von Valbella eignet sich besonders gut zum Skifahren. Die beiden Hauptgipfel, der Piz Murtera und der Piz Starlex, sind nicht so leicht zugänglich und müssen zuletzt aus der zwischen ihnen liegenden Hochmulde zu Fuss erstiegen werden. Die Abfahrten können sowohl ins Costainastälchen wie auch in dasjenige von Valbella gemacht werden.

Piz SesDenna, 3207 m; Piz Plazèr, 3106 m Der Piz Sesvenna mit seinem nach Norden gerichteten Gletscher ist der gegebene Skiberg. Auch hier ist wie bei den Touren im eigentlichen S-charltal zuerst ein Waldgürtel zu durchstossen, den man in der Gegend der Alp Sesvenna verlässt und dann über die Talstufen der oberen Val Sesvenna ins Gletschergebiet gelangt. Ein letztes kurzes Stück am Ostgrat muss zu Fuss gemacht werden. Als Grenzgipfel gegen Italien und als höchster Berg des Gebietes gewährt der Piz Sesvenna prächtige Rundsicht. Diese ist auf dem westlich des Piz Sesvenna sich erhebenden Piz Plazèr etwas beschnitten, aber die Abfahrt durch die Gletschermulde ist ebenso schön und trifft am Fuss des Gletschers mit der Sesvennaroute zusammen.

Montpitschen, 3162 m; Fernerspitz 2954 m; Schadler 2968 m Im Grenzkamm gegen die Fuorcla Sesvenna liegen noch ein paar Gipfel, welche zwar selten aufgesucht werden, dem Skifahrer und Bergsteiger aber allerlei zu bieten haben. Der Mont Pitschen kann nur zu Fuss bestiegen werden, während der Fernerspitz und der nördlich der Fuorcla Sesvenna stehende Schadler wieder bis zuoberst mit Ski begangen werden können. Zudem bieten diese Trabanten des Piz Sesvenna Gelegenheit, sich einen besseren Überblick über das Massiv zu verschaffen, und warten überdies mit genussreichen auf den Sesvennagletscher führenden Abfahrten auf.

Piz Cristannes, 3045 m; Piz D' Immez, 3033 m Diese beiden, die Val Sesvenna nördlich begrenzenden Berge haben vom skifahrerischen Standpunkt aus vielleicht geringeres Interesse, können aber im Frühling bei sicheren Schneeverhältnissen gut mit Ski gemacht werden. Wenn der überaus steile Graben der Val dal Aua und derjenige zwischen Piz D' Immez und Piz Cornet fahrbar sind, kann dort der alpine Fahrer auf seine Rechnung kommen.

Piz Lischanna, 3109 m; Piz Madlain, 3101 m Selbst diese beiden zu den felsigen Dolomitgipfeln des Unterengadins gehörenden Berge können in den Bereich von S-charl einbezogen werden. Der Anstieg erfolgt durch Val Sesvenna und von der Alp weg durch den steilen Graben der Val dal Aua, wodurch man direkt auf das Plateau des Lischannagletschers kommt und leicht an den Fuss des Piz Lischanna oder des etwas weiter östlich liegenden Piz Triazza gelangt. Der Piz Lischanna muss im obersten Teil natürlich zu Fuss erstiegen werden. Da dieser Berg das ganze Unterengadin beherrscht, geniesst man eine einzigartige Aussicht. Schwieriger und nur bei guten Schneeverhältnissen ist der Piz Madlain zu erreichen. Man rückt ihm entweder von Nordosten über den Grat zu Leibe oder aus dem obersten Trigl-Tälchen durch die Nordwestflanke, wo man sich ziemlich weit hinauf der Ski bedienen kann. Von diesem, direkt über S-charl stehenden Gipfel hat man aufschlussreichen Einblick in sämtliche Täler des ganzen Gebietes. Der Abgang durch das Trigl-Tälchen ist nicht zu empfehlen.

Die Alpen - 1949 - Les Alpes36 Piz Tavrü, 3170 m Dieser an der Grenze des Nationalparks liegende Gipfel ist der felsigste der S-charler Berge und am schwersten zugänglich im Winter. Durch Val Tavrü gelangt man zwar unschwer an den Fuss des Berges, muss ihn aber nördlich umgehen und westlich umfahren, um ihn von Südwesten durch ein Couloir besteigen zu können. Der Anstieg vom Ofenpass her führt durch Parkgebiet und ist untersagt. Die Abfahrt gegen S-charl bietet, da sie nordwärts gerichtet ist, meistens guten Schnee.

Neben diesen Gipfeltouren können noch manche Pässe und Übergänge gemacht oder auch nur eine der sonnigen Alpen besucht werden. Der aufmerksame Beobachter wird auf diesen Wanderungen einer Vielfalt von Naturschönheiten begegnen, wie er sie in solcher Fülle und Unberührtheit vielleicht nur noch in wenigen Gebieten der Alpen geniessen kann. Hoffen wir, dass uns die S-charler Berge und das waldreiche Gebiet am Rande des Nationalparks in ihrem jetzigen Zustand erhalten bleiben.

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