An der Quelle der Aare

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Max Feuz

Mit 2 Bildern ( 120, 121Grimselhospiz ) Die schönste Partie des Grimselsees ist wohl am obern Ende zu treffen, wo der Gletscher bis ins Wasser reicht. Unheimlich steil bäumen sich die kahlen, vom Gletscher abgeschliffenen Granitwände im Norden dem Himmel zu. Im Süden erhebt sich die markante Pyramide des Zinggenstocks, und im Hintergrund bildet die Lauteraarhorngruppe den grandiosen Talabschluss. Ein stilles, weltabgeschiedenes Tal von seltener Naturschönheit!

Die majestätische Ruhe, die hier herrscht, wurde im vergangenen Sommer öfters unterbrochen durch ein dumpfes Dröhnen, wie fernes Donnerrollen. Dessen Ursache war das seltsame Verhalten der Eisschollen in dem Kanal, den die Aare tief unter dem Gletscher ausspülte. An diesem dumpfen Gepolter und Krachen der Eisschollen, die über Felsbänke in tiefe Wasserkessel stürzten und dort Stauungen verursachten, konnte man den Lauf der Aare bis weit über den Gletscher hinauf verfolgen. Die wilden Wasser pressten sich gegen das angehäufte Eis, welches sich aufs heftigste dem normalen Lauf der Aare widersetzte. So entstand ein Kampf zwischen Wasser und Eis, der sich kaum beschreiben lässt. Die Kraft des Wasserdruckes wurde so gross, dass es das Eis in den Wasserkesseln vollständig über den Haufen warf. Alles wurde durchwühlt, und bachab wälzte sich die Eislawine dem Stausee zu. Bei jedem Durchbruch des Wassers hörte man einen beklemmenden Lärm, ähnlich dem Geräusch, das ein schwerer Wagen erzeugt, wenn er über eine holprige Brücke rollt. Die Eismassen samt dem mitgeführten Schutt haben das Gletschertor versperrt und dem Bach einen neuen Austritt aufgezwungen.

Etwa ein Drittel des Zuflusses floss nun durch eine Gletscherspalte über dem Seespiegel aus dem Eise heraus. Dieser Wasserfall, der ungefähr zweieinhalb Meter über der Seeoberfläche aus dem Eise heraussprudelte, bot dem Besucher einen selten schönen Anblick. Es war eines jener zauberhaften Bilder, wie sie nicht schöner gefunden werden könnten. Das Gefährliche wurde auch hier von der Natur mit Schönheit ausgestattet. Das Spiegelbild der Berge wurde vom Wirbel des herabstürzenden Wasserstrahls verzerrt, ohne ihnen die Anmut zu rauben. Im Gegenteil, ihr Abglanz schien vor Freude zu zittern im Spiel der Wellen! Die flimmernde Pracht der Alpenkette, die der See widerspiegelte, dazu die Eisblöcke, die auf dem Wasser herumtrieben, vermochten jeden Naturfreund zu begeistern.

Schon im Herbst vor einem Jahr blieb beim Absenken des Grimselsees ein kleines Seelein zurück, das unmittelbar vor dem Gletscher lag. Rasch aber stieg der Grimselsee im vergangenen Sommer an. Der Gletscher war längere Zeit der Unterspülung ausgesetzt. Die Folge davon waren gewaltige Eisabstürze.

Damit eröffnete sich uns zum erstenmal der totgeglaubte Gletscherabbruch in seiner atemberaubenden Grösse. Fortwährend stürzten unter furcht- barem Krachen neue Teile der Eiswände nach. Jeder grössere Absturz verwandelte den Stausee in ein stürmendes Wellenspiel in weitem Umkreis. Grosse Sturzwellen entstanden, und gigantische Wassersäulen spritzten in die Luft. Den Höhepunkt erreichte dieser Wasser- und Eiskrieg im September. Der Anblick der mit donnerndem Getöse aufgepeitschten Wassermengen war unvergleichlich schön. Die vom zusammenbrechenden Eise erzeugten Sturzwellen erreichten Höhen von über drei Metern. Mit dumpfem Donner brandeten die schäumenden Wellen gegen das Ufer und liessen oft riesige Eisblöcke hoch über dem Wasserspiegel und über hundert Meter vom Gletscher entfernt auf der Moräne zurück.

Prachtvolle Höhlen und Grotten von tiefer, blaugrüner Farbe kamen zum Vorschein. Sie entsprachen den schmalen Spalten an der Oberfläche des Gletschers und entstanden durch Ausspülen durch das eingedrungene Wasser. Mächtige Eiswände von einigen Metern Dicke stürzten auf der linken Seite des Gletschers in den See, während das frühere Gletschertor mit einem gewaltigen Trümmerfeld von Eisblöcken bedeckt war. Auf der rechten Seite bildeten sich bis über die Mitte des Sees riesige Schutthaufen.

Alles in allem war es ein Naturschauspiel, das zum Grossartigsten gehört, was ich hier erlebte. Doch dauerten diese imposanten Erscheinungen nur kurze Zeit. Nach kaum einigen Tagen war das herrliche Bild verschwunden. Die frischen Abbruchstellen hatten ihre blaugrüne Farbe durch die Einwirkung der Luft und des schmutzigen Wassers, das darüber herablief, verloren. Die märchenhaften Höhlen waren eingestürzt. Der Wasserfall hatte sich wieder durch das Eis auf den Grund hinuntergefressen. Einförmige Schuttkegel türmten sich an den Eiswänden auf und verdecken die grandiosen Eisblöcke, die ihrer Grösse wegen vom Wasser nicht weggespült werden konnten. Leise Wehmut beschleicht einen beim Anblick der Schutthaufen. Sie sind ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich Gletscher und Wasser in absehbarer Zeit trennen werden.

Feedback