Arné Gorret, «der Bär der Berge»

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Charles Gos.

Übertragung von Alfred Graber 1 ) Amé Gorret war in seinem Lande wenig bekannt. Er führte das bescheidene Dasein eines Bergpriesters. Sein Ruhm aber ist es, einer der Vorläufer des italienischen Alpinismus gewesen zu sein, ein Ruhm, den er mit dem Stiftsherrn Carrel von Aosta, dem Abt Chamonin von Cognes und dem Abt Chanoux vom Kleinen St. Bernhard teilte.

1 ) Aus « Près des Névés et des Glaciers », Fischbacher, Paris.

Amé Gorret wurde in Valtournanche am Fusse des Matterhorns geboren, am 25. Oktober 1838. Sein Vater war Führer, und es schien, dass dieser Beruf auch einmal die Bestimmung des Sohnes sein werde. Aber der junge Alpenbewohner war von zarterem Gemüt und von einer poetischeren Veranlagung als seine Kameraden, er träumte von anderen Dingen. Durch einen leichten Anflug von Mystizismus hindurchgesehen, erschien ihm die Natur der Alpen als das Symbol einer höheren Idee. Die Kirche zog ihn an. So widmete er sich der geistlichen Laufbahn, aber er nahm die Liebe zu den Bergen ins Seminar mit sich.

Zu jener Zeit war der Unterricht, den man den Schülern in Aosta gab, nicht sehr kompliziert. Man muss schon sagen, dass die Umstände der mühevollen Aufgabe der Lehrer keineswegs entgegenkamen. Das etwas unklare Auffassungsvermögen der kleinen Bergbewohner konnte nur langsam, mit viel Geduld und Nachsicht verbessert werden. Gorret selbst hat diese Art der Ausbildung beschrieben:

« Nachdem der Vikar sich versichert hatte, dass ich ordentlich lesen konnte, da dachte er auch schon daran, mich sofort und gleichzeitig zwei Grammatikbücher angreifen zu lassen, das französische und das lateinische. Die grosse Schwierigkeit aber bestand darin, dass weder er noch ich die dafür erforderlichen Bücher besassen. Dem Pfarrer gelang es schliesslich, für uns in seiner Bibliothek seine alten Bücher der ersten Klassen auszugraben. Nun konnten wir also endgültig mit dem Studium beginnen. Das Papier aber ist teuer, wird schnell schmutzig und überdauert nur eine kurze Zeit. Deshalb musste man schauen, dass man ohne Papier auskam. Wir entdeckten schliesslich einen schönen Kalkstein mit einem sehr feinen und fettigen Korn, und wir verbrachten mehr als eine Woche damit, diesem Stein den gewünschten Glanz zu geben. Nach jeder Stunde reinigte man den Stein. Als Tinte diente ein Absud von allen möglichen schwarzen Beeren, die ich an Sträuchern entdeckte. Als Schreibfeder genügte mir während dreier Jahre eine ungeheure Adlerfeder.

Es ist für mich jetzt eine fröhliche Erinnerung, wenn ich daran denke, dass ich vier- bis fünfmal am Tage an den Brunnen gehen musste, um mein „ Heft " zu waschen und es nachher trocknen zu lassen — und damit meine kaum gelösten Aufgaben wieder zu zerstören. » Gorret wurde nach der Art aller Alpenkinder erzogen, er verbrachte die eine Hälfte des Jahres im Dorf und die andere auf den Alpweiden. Wenn die Zeit des Alpaufzuges herankam, zog er in Begleitung der ganzen Familie aus. Auf den Weiden gewöhnte er sich daran, über diese heimatliche Erde nachzudenken, sie zu betrachten und sie mit ihren weissen Gletschern und granitenen Gipfeln zu lieben. Die grosse Einsamkeit schmiedete in dem kleinen Hirten eine Poetenseele.

Die Zeit ging weiter. Amé Gorret begann seine Studien. Immer wenn der kleine Seminarist entwischen konnte, stieg er sein Tal aufwärts und führte seine Leidenschaft zu den Bergen in einsamen Träumereien spazieren. Durch die Entbehrung wurde diese Liebe gereift. Er war besessen von dem Wunsche, diese Gipfel zu berühren. Und während des Sommers von 1857 vollführte er seine erste richtige Besteigung in Begleitung von J. J. Carrel, dem Jäger, und J. A. Carrel, dem Bersagliere.

Guido Rey, der ausgezeichnete Autor des « Matterhorn » zeichnet im Kapitel « Die Eroberer » folgendes Porträt des jungen Gorret:

« Er war ein bartloses Kind von zwanzig Jahren, er glich zugleich einem Geistlichen und einem Hirten, er war lang, knochig und aufrecht wie eine Tanne, in gewissem Sinne schüchtern und entschlossen miteinander, was sich in seiner Haltung und in seinem Gang ausdrückte. Auf jeden Fall war er ein fröhlicher Begleiter, der prompte und scharfe Antworten bereit hielt und der solide Beine besass, die ihm zugute kamen. Sein aufmerksamer Blick und seine klare und nachdenkliche Stirne zeigten an ihm eine Gewohnheit des Prüfens und des Überlegens, das sich bei den zwei andern nicht ausdrückte. Er hatte nicht wie sie ein bronzenes Gesicht, weil er fast das ganze Jahr im Seminar zubrachte und nur während der Ferien in die Gegend kam. » Die drei Gefährten blieben auf dem Kamm der Tête du Lion. Sie konnten von hier aus bequem die Becca ( Matterhorn ) betrachten, die sie neun Jahre später besiegen sollten.

Die Priesterweihe erhielt Gorret im Jahre 1861. Darauf begann seine Laufbahn als Vikar in Champorcher.

Im Jahre 1865 nahmen ihn die Pfarreien von Cognes und Valgrisanche auf. Wenn er seine Pfarrkinder besuchte, durchstreifte Gorret stets die umliegenden Berge, er studierte, beobachtete und notierte dabei alles gewissenhaft. 1865! Ein denkwürdiges Jahr seines Lebens. Am 16. Juli stellte J. A. Carrel in Breuil eine kleine Truppe zusammen, um den Gipfel des Matterhorns zu erklimmen, den Whymper zwei Tage vorher von Zermatt aus erobert hatte.

Abbé Gorret bot sich an, und Carrel nahm ihn mit. Der folgende Tag war ein Tag des Sieges. Das « Feuille d' Aoste » veröffentlichte wenige Zeit nachher die Erzählung dieser ersten Ersteigung des Matterhorns von der italienischen Seite her. Sie entstammte der Feder des Priesters.

Diese kraftvolle Schilderung, voll von einem dichterischen Schwung, war auf eine durchaus originelle Art geschrieben und zog die Aufmerksamkeit Norditaliens auf den Verfasser. Der Bergpriester war damit als Alpinist und Schriftsteller bestätigt.

Im selben Jahr und im Laufe der folgenden vollführte Gorret die Erstersteigung des Pic du Retour 3372 m, des Col de Tleccio 3324 m, der Becca Costazza 3085 m, der Torre di Lavina 3308 m, der Punta Garin 3447 m, des Bec de la Fruidière 3070 m und der Grande Rousse 3608 m. Diese Taten machten seinen Namen vollends populär in den Hochtälern des Piemont. Doch der Abbé, der jetzt die Berge seines Landes gründlich kannte, hatte nunmehr die eigenartige Idee, sie mit den Bergen Frankreichs vergleichen zu wollen. Arm wie er war, konnte er nicht ans Reisen denken. Es gab für ihn nur ein einziges Mittel: den Übertritt zum französischen Klerus. Der Bischof von Grenoble, Monsignore Fava, nahm sein Gesuch in einem günstigen Sinne auf. Im Jahre 1881 wurde der Waldenserpriester zum Pfarrer von Saint-Martin-de-Clettes ernannt, dann von Villard-Reymond und endlich, 1882, gelangte er an die Pfarrei von Saint-Christophe-en-Oisans. Sein Aufenthalt in Frankreich zog sich bis zum Jahre 1884 hin. Er besuchte alle Täler der Region, kletterte auf alle Spitzen der Umgebung, so auf die Meije und auf die Barre des Ecrins. Er verfolgte mit Nachdruck den Plan, einen Führer über das Tal von La Bérarde herauszugeben. Aber dieses Ziel konnte nicht erreicht werden. Ein Zirkular des Kultusministers lud die Bischöfe ein, unter ihrem Klerus keine Ausländer zu beschäftigen. So musste unser Abbé wieder nach Italien zurückkehren. Dort war er ohne Protektion und dazu auch wenig beliebt wegen seiner Wahrheitsliebe und seines beissenden Witzes. Er wurde in die Pfarrei von Saint-Jacques-d'Ayas im Val Gressoney relegiert. Dort blieb er volle einundzwanzig Jahre. Seit Beginn jener Epoche unterschrieb er unveränderlich « Der Bär der Berge ». War das Ironie gegen die Ungerechtigkeit seines Loses oder Stolz? Einundzwanzig Jahre dort oben, das war zuviel für einen Mann seines Schlages. Er hätte ein weiteres Feld der Tätigkeit gebraucht, mehr Leben und nicht ein in einem gewissen Sinne vermauertes Dasein. Er protestierte vergebens. Dann machte er sich die schönen Lehren zunutze, die er im grossen Buch der Berge gelernt hatte, und — schwieg. Sein Opferwille für die kleinen Leute war ungeheuer gross. H. Ferrand, sein Freund und Biograph, hat von Gorret diesen zu Herzen gehenden Brief veröffentlicht:

« Ich werde Sie sicherlich in Erstaunen setzen, wenn ich Ihnen von meinen Beschäftigungen dieses Winters erzähle. Ich musste mich mit der Schule der Umgegend befassen. Die Schule besitzt weder ein Lokal noch einen gesicherten Fundus. Die Regierung und die Gemeinde kommen für nichts auf. Es sind Privatpersonen, die hier zusammenlegen. Die letzten Jahre hindurch kam man auf ein Gehalt von hundert Franken für den Lehrer bei einer Schulzeit von fünf Monaten! Dieses Jahr ist das Elend so gross, dass ich daran zweifle, ob man fünfzig Franken zusammenbringt, und einen Lehrer zu diesem Gehalt zu finden, ist mehr als schwierig. Ich musste mich mit der undankbaren Aufgabe vertraut machen, die Kinder zu schulmeistern, die so lebhaft sind wie ebenso viele Wiesel und Eichhörnchen. Ich bin also dazu verurteilt, das Alphabet zu lehren und Striche übers Papier zu ziehen. Die schöne Literatur ist für mich, den so unabhängig fühlenden Menschen, während fünf Stunden im Tag durch etwa dreissig Gassenjungen vernagelt. » Im Jahre 1902 wurden seine Augen vom Star erfasst. Diese Lähmung machte ihn schwerfällig. Er zog sich in das Hospiz von Saint-Pierre-en-Châtel-Argent zurück, wo er am 4. November 1907 starb.

Vielleicht wäre er lieber gestorben, bevor er das Projekt einer Seilbahn auf das Matterhorn gekannt hatte. Er kämpfte gegen diese 1dee mit Energie an. Die « Revue Alpine » nahm seine Verteidigungsrede « Aegri somnia » auf, die manche Leute auf die gute Seite zog. Ich zitiere hier den Auszug eines Briefes von damals:

« Ich hatte einen richtigen Anfall von Unwillen, von schlechter Laune, ja von Verwirrung, gepaart mit einem verachtungsvollen Mitleid, als ich vom Plan eines Eisenbahnbaues auf das Matterhorn hörte... » Und Guido Rey teilte mir eine Karte mit, die er während eines der ersten Tage der Affäre erhielt:

« Fühlst Du wie ich? Mich überfiel eine heftige Entrüstung, als ich die Ankündigung einer Bahn zum Matterhorn las. Welch eine Entweihung! Meinem geliebten Berg will man seinen Nimbus nehmen, seine Gelassenheit und seine Poesie. Ich werde Dir an einem froheren Tage wiederschreiben.

Arné Gorret. » Ich selbst hatte ihm die Hoffnung nicht verborgen, die wir hegten, den Siegen gegen dieses Bahnprojekt davonzutragen. Ich schreibe hier getreulich die Antwort Gorrets ab, die voll ist von Humor und von gesundem Menschenverstand.

« Priorei Saint-Pierre-en-Châtel-Argent, den 7. September 1907. Lieber Herr!

Ich kann Sie wohl gleich als Freund behandeln, den Freund meines Freundes Guido Rey.

. Ich war glücklich, zu vernehmen, dass die Unterschriftensammlung, die die Verhunzung unseres geliebten Matterhorns verhindern und seine Reize, die es zum kostbarsten Schmuckstück der Alpen machen, erhalten soll, schon die Zahl von 40,000 erreicht hat. Ich möchte aber trotzdem noch etwas anderes beifügen. Das Matterhorn gehört ebensogut Italien wie der Schweiz; es ist eine Grenze, wenn Sie wollen, noch besser aber ein Bindestrich zwischen den beiden Nationen. Jetzt frage ich mich, wieso die schweizerische Regierung einigen geborenen Feinden der Poesie, der Philosophie und des Gefühls die Erlaubnis hat geben können, dass diese wirtschaftlichen Spekulanten und Ingenieure nach ihrem Belieben mit diesem gemeinschaftlichen Besitztum umgehen können. Sie sehen hier die grosse internationale Frage zwischen zwei doch befreundeten Nationen.

Ich lasse die anderen praktischen Fragen beiseite: die so plötzlich auftretenden Stürme, den Blitz und das Eisen, den Bruch der Drahtseile usw. Aber es gibt auch sonst noch manches Traurige und Komische zu bedenken. Man könnte sich vorstellen, dass die Opfer eines unheilvollen Unglücks, das sich auf der durch die Luft führenden Strecke ereignen würde, kaum Mitleid oder Beileid von denen erwarten dürften, die diese Neuigkeit erfahren. Sie haben es ja so gewollt! Oder: Ein Herr und eine reiche Dame würden ihre Hüte auf den schönen Berg schicken, ohne sich selbst die Mühe zu nehmen. Später würden sie auf ihren winterlichen Abendgesellschaften ihre Hüte zeigen: « Dieser da ist auf dem Matterhorn gewesen », wie wenn das Individuum mit seinem Kopf den Hut begleitet hätte! Das wäre die komische Seite der Affäre.

Sie werden sicherlich von meinem langen Geschwätz ermüdet sein. Für heute bin ich zu Ende. Dank nochmals für das Interesse an unserem geliebten Matterhorn. Man entweihe es nicht, und man lasse ihm seine Gloriole und seine Schönheit. Wenn Sie mir wiederschreiben, werde ich Ihnen antworten trotz meines schwachen Augenlichts und meiner Gebrechlichkeit eines alten Alpinisten.

Ihr sehr ergebener Abbé Amé Gorret, « Der Bär der Berge ».

Alle Veröffentlichungen von Gorret sind französisch geschrieben, der damals sozusagen offiziellen Sprache der Waldenser und des Klerus von Aosta. Man empfindet bei der Lektüre die Freude, einen eigenartigen Schriftsteller vor sich zu haben. Gewiss ist er romantisch, aber auf seine Art. Eine Romantik etwa wie die Rousseaus, durchflutet von Gefühlswärme. Der Stil klar, scharf und bündig mit einer frischen Bildhaftigkeit. Sein umfangreicher Briefwechsel zeigt einen lebhaften Intellekt und eine einfache, mit Stoizismus durchtränkte Lebensweisheit.

Wäre er besser unterstützt worden, dann hätte dieser kultivierte Priester, dieser Apostel der Berge, ein Werk erschaffen können.

Gorret verkörperte die heroische Generation des Alpinismus. Er war Bergsteiger aus Liebe zu den Bergen und nicht aus irgendeiner Mode heraus.

Feedback