Auf den Hund gekommen

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Erich Vanit, WienBilder loy bis iod

Mit Langlaufski 250 Kilometer durch Westgrönland Wie kam es eigentlich dazu, dass wir auf den Hund kamen? Es begann vor einigen Jahren, als man komplette Langlaufausrüstungen für 150 Franken anbot. Was konnte da schon hindern, so ein Set zu kaufen und es einmal mit den schmalen Latten zu versuchen; noch dazu, wo mir der alpine Skilauf, zumindest im Hochwinter, wo er sich im allgemeinen auf Pisten beschränkt, immer mehr gegen den Strich ging. Das hat doch längst nichts mehr mit Bergsteigen zu tun, fühlte ich irgendwie, und auch nicht mehr viel mit Sport. Ich empfand es mehr als Rahmenhandlung für den Après-Ski-Betrieb.

Tatsächlich machte mir das rasche Gleiten durch verschneite Wälder sofort wesentlich mehr Spass als das Gedränge und Gestreite bei Lift-schlangen. Wohlgemerkt: das « rasche » Gleiten! Langlauf ist in seiner Bewegung nur schön, wenn aus dem Gehen ein gleitendes, rhythmisches Laufen wird. Es ist für Leute, die gerne schwitzen, die sich aus einem Bewegungsbedürfnis heraus auch gelegentlich plagen, ja sogar quälen wollen. Dazu fanden wir - ich hatte bald alle meine Seilgefährten mit dem Langlaufbazillus angesteckt -bei verschiedenen Volksläufen Gelegenheit. Nur dort hatte man nämlich, zumindest noch vor we-nigenjahren, genügend lange präparierte Loipen, die ein « Laufen » ermöglichten. Ich will hier nur die bekanntesten Volksläufe, wie diese « Amateur-rennen » genannt werden, anführen: Lienzer Dolomitenlauf ( 60 km ), Marcia Longa ( 70 km ), Koasalauf ( 42 oder 72 km ), König-Ludwig-Lauf ( 90 km ), Engadin-Marathon ( 42 km ) usw. Hier läuft der Amateur nicht gegen die Spitzenklasse, die zwar auch oft dabei ist, sondern gegen die Kilometer. Jeder, der die Strecke bewältigt, fühlt sich als Sieger und ist es irgendwie auch, sollte er selbst als Zweitausendster durchs Ziel gehen.

Nachdem diese Volksläufe im alpenländischen Raum von uns einmal absolviert waren, lockte der Gedanke, auch noch an die Wiege dieser Entwicklung, zum Wasalauf ( 85 km ) nach Schweden, zu fahren. Die Idee wurde weitergesponnen: Wenn schon nach Skandinavien, dann sollte man einen grösseren Teil des Landes in Etappen durchziehen, einfach den Norden kennenlernen. Landkarten und Prospekte von Norwegen, Schweden und vor allem von Finnland wurden studiert; doch der Flug nach Lappland erwies sich auf alle Fälle als ziemlich teuer. Dabei tauchte auch der Gedanke an Grönland auf und trat ganz plötzlich in den Vordergrund. Ja, wenn schon in den Norden, dann gleich nach Grönland!

Grönland ist mit 2 175600 Quadratkilometern die grösste Insel der Welt. Es hat eine Nord-Süd-Ausdehnung von 2700 Kilometern und eine Ost-West-Ausdehnung von 1100-und dabei nur rund 50000 Einwohner, welche die 341 700 Quadratkilometer des eisfreien Küstenlandes bevölkern.

85 Prozent der Insel sind von der mächtigen Inlandeiskappe bedeckt, die im Gunnbjörns Fjeld, in Ostgrönland, mit 3733 Metern die höchste Erhebung erreicht.

Bergsteigerisch bietet Grönland noch ungeahnte Möglichkeiten für Generationen. Relativ niedrige, aber sehr schroffe Gipfel erspähten wir auf der Inlandeiskappe tief unter uns auf dem viereinhalbstündigen Flug von Kopenhagen nach Sondre Stromfjord. Da die Zeitverschiebung ebenfalls minus 4 Vi Stunden beträgt, kommt man praktisch in Grönland zur gleichen Zeit an, wie man in Europa gestartet ist.

Sendre Stromfjord besteht aus einem grossen Flugplatzgebäude mit angebautem Hotel, einem Laden, einigen Tanklagern und vor allem einem NATO-Stützpunkt. Es ist der Verkehrsknoten Grönlands und wird als einziger Zivilflugplatz der Insel ganzjährig angeflogen. Die « Grönlandfly»-Gesellschaft befliegt von dort aus die Orte der Westküste mit Hubschraubern des Typs Sikorsky 61-N, die mit drei Mann Besatzung 22 Passagiere befördern. Dies ist neben dem Schiffsverkehr im Sommer die einzige Verbindung zu den rund ein Dutzend « Städten » an der Westküste, aber auch das nur, wenn es das Wetter erlaubt. Was im Winter sonst noch übrigbleibt, ist der Hundeschlitten.

Unser Aufenthalt in Sondre dauerte damals -es war der 3. April 1978 — nur ungefähr zwei Stunden, dann schwebten wir mit der Riesenlibelle nach Westen, nämlich nach Holsteinsborg. Die Flugroute führt dabei genau entlang dem Schlit-tentrasse, das immerhin alle paar Tage von einem Gespann von Jägern benützt wird und das auch wir in den nächsten Tagen in West-Ost-Richtung begehen wollten. Es ist ein verschwindend kleines Stück dieses gewaltigen Landes, und doch spürten wir schon während dieses 35-Minuten-Fluges den Hauch der eisigen Weite, die uns hier erwarten würde. Baumlose Hügel bis auf 1400 Meter Höhe und langgezogene, fjordartige Seen dazwischen.

Holsteinsborg ist mit 3800 Einwohnern die zweitgrösste Siedlung Grönlands. Sisimiut ist ihr grönländischer Name, was soviel wie « Fuchs-höhlen » heisst; doch die Grönländer, Eskimos, die stark mit europäischem Blut vermischt sind, wohnen in lustigen bunten Holzhäuschen, wie man sie überall auch in Skandinavien findet. Die verschiedenfarbigen Farbkleckse der wie Spielzeug anmutenden Häuser und Holzkirchen sind um das halb zugefrorene Hafenbecken angeordnet, wo einige Fischkutter vor Anker liegen. Eine Unzahl von Schlittenhunden vervollständigen die Impressionen dieses Ortes.

Wir - sieben Zürcher und drei Wiener - wohnen im Seemannsheim und beabsichtigen, am nächsten Tag Proviant, die Hundeschlitten für unseren Tross usw. zu organisieren, doch Preben Schleimann, ein bulliger Däne, der seit Jahren hier lebt und mit dem wir bereits korrespondiert haben, hat all dies schon für uns erledigt. Damit steht uns ein voller Tag für die Erprobung unseres Materials und vor allem zum Ersteigen des die Stadt beherrschenden Berges, des Källingehätten, zur Verfügung.

Zuerst ein Wort zum Material: Die erste Frage bei der Vorbereitung unseres Unternehmens war gewesen: Alpin- oder Langlaufski? Wir hatten uns ganz klar für Langlauflatten entschieden. Frage zwei: Ski zum Wachsen oder Schuppenski? Wir fanden in dem « trak nowax/nordic tour » das ideale Gerät: etwas breiter als meine Rennski, Stahlkanten für die oft recht steilen Abfahrten im harschigen Schnee, Schuppen, die auch bei ausgiebigen Anstiegen ausreichend haften. Würde man auf den Gleitstrecken auch etwas langsamer sein als mit einem gutgewachsten normalen Langlaufski, so bevorzugten wir ihn dennoch, weil wir an das Skiwachsen bei klirrender Kälte dachten. Ich werde meinen « nordic tour » auch künftig bei alpinen Überschreitungen gerne verwenden, ja sogar bei Volksläufen, besonders wenn ungünstige Wachsverhältnisse herrschen. Dazu kam noch neben der normalen Rottefella-Bindung die « Iser Fersenbefestigung », die gewichtsmässig überhaupt nicht zu merken ist und ganz leicht zum Auf- und Abklappen geht, so dass man für Abfahrten einen recht guten Halt am Ski hat. Als Fussbekleidung verwenden wir hohe Langlaufschuhe aus Kunststoff, die wasserdicht und doch atmungsaktiv sind, allerdings zwei Nummern grösser als normal, damit zwei paar Socken Platz finden.

Der Källingehätten ist nur goo Meter hoch, steigt aber direkt von der Meereshöhe an. Auf deutsch heisst dieser Name « Weiberkapuze » ( nach dem Eskimo-Anorak ), und so spitz ist auch seine Form. Es ist allerdings der einzige bizarre Gipfel in weitem Umkreis hier an der Westküste. Der Anmarsch besteht aus 7 bis 8 Kilometer Langlauf, gefolgt von einem immer steiler werdenden Spitzkehren-Anstieg. Schliesslich können wir nur noch zu Fuss aufwärts stapfen, und die letzten 200 Meter bestehen aus einer Kletterei über tief verschneite Platten. In Langlaufschuhen und mit Skistöcken als Ausrüstung - wir haben natürlich keinen Pickel oder sonstiges Klettermaterial dabei — und bei der dort herrschenden Kälte wird es sogar ein recht anspruchsvolles Unternehmen.

Eigentlich hätten wir noch zwei Tage in Holsteinsborg bleiben sollen, denn das Leben in dieser Grönländer Siedlung ist unerhört interessant. Andererseits aber müssen wir das günstige Wetter nützen, um von der Küste, wo das Klima entsprechend maritim feucht ist und es häufiger Niederschläge und Nebel gibt, wegzukommen. Im Landesinneren sollte es zwar kälter, aber trockener sein. Unser Alptraum all die Wochen vorher ist nämlich gewesen, wir könnten in Sondre Stromfjord oder Holsteinsborg infolge Schlechtwetter festgehalten werden.

Der Aufbruch am nächsten Morgen gestaltet sich wie immer, wenn sich eine Karawane erst zu formieren hat, egal ob im Himalaya oder eben hier in arktischen Zonen, ziemlich zeitaufwendig. Drei Schlitten stehen bereit, doch das gesamte Gepäck erweist sich als zu schwer dafür; also muss ein vierter aufgetrieben werden.

Ein Schlitten wird hier im allgemeinen von zwölf Hunden gezogen, und sein Gewicht be- Egedesmind' Kangâtsiaq Preven Juli Nanortalik Holsteinsb icg Sukkertoppen Godthâb'Frederikshab Kap Farvel Holstein: borg1.

Källingehätten trägt mit der Nutzlast bis zu 1200 Kilo. Wir wollen aber beweglich bleiben; also dürfen sie nicht so schwer beladen werden, zumal unsere Route auch ganz beträchtliche Steigungen aufweisen wird. Ip, ein dänischer Zimmermann, besitzt genau das richtige vierte Gefährt für uns: Er hat normalerweise neun Hunde, von denen zwei in der Nacht zuvor Junge geworfen haben. Mit den verbleibenden sieben « Grön-länder-Spitzen » ist er der Mann für uns — nämlich halbe Last für halben Lohn. Ihm ist egal, wieviel er verdient - Hauptsache, den Winter über nicht in die Fischfabrik arbeiten gehen zu müssen, sondern « unterwegs » sein zu dürfen. Übrigens macht einen Grossteil der Schlittenlast das Hundefutter aus. Die Hunde, die im Sommer, wenn sie nichts zu « arbeiten » haben, bestenfalls dreimal wöchentlich gefüttert werden, fressen im Winter ganz beachtliche Mengen an gefrorenen Fischen.

Man liest oft von der Gefährlichkeit dieser Hunde, dass sie Kleinkinder, ja sogar ihren Herrn, wenn dieser betrunken ist ( was bei Grönländern nicht eben selten vorkommt ), anfallen. Nun, das scheinen mir Ausnahmefälle zu sein, die nur bei übergrossem Hunger der Hunde gelegentlich vorkommen.

Mit Interesse, aber voll Respekt sehen wir beim Hundeanspannen und Schlittenbeladen zu. Wild knurrend stürzen sich die Hunde, vor allem jene der verschiedenen Gespanne, aufeinander, wenn sie nicht weit genug auseinander angepflockt sind. Aber auch die Leithunde der einzelnen Schlitten tyrannisieren ihre Meute. Dies kann sogar dazu führen, dass die heranwachsenden Rüden, wenn sie sich stark genug fühlen, ihren Leithund tot-beissen. Bei unseren 43 Hunden wird auch gezankt und gerauft, aber gleich darauf sind sie wieder friedlich und lecken dem Gefährten das soeben blutig gebissene Ohr. Ich finde Gefallen an diesen Tieren und vertraue meiner alten Erfahrung, dass mir Kinder und Hunde immer wohlgesinnt sind. Und siehe da — die als blutrünstig geschilderten « Bestien » sind zahm und liebesbedürftig wie Schosshunde; legen sich auf den Rücken, um sich den Bauch kraulen zu lassen, und stupsen mich mit dem Schädel, wenn ich aufhören will. Das Zusammenleben mit den Schlittenhunden macht für mich schliesslich das Wesentliche am Erlebnis Grönland aus; wir sind während der nächsten Tage nicht nur Weggefährten, sondern werden zu Freunden. Nebenbei habe ich immer das Gefühl, dass die Hunde richtig mit Begeisterung ihre Schlitten ziehen und sich förmlich zur Arbeit drängen. Das merken wir vor allem schon hier in Holsteinsborg, wo jene Hunde, die nicht zum Anspannen geholt werden, traurig wirken, während man unseren Tieren förmlich den Tatendrang ansieht.

Endlich, gegen to Uhr, fährt das erste Gespann los, und ich versuche ihm zu folgen. Schon nach kurzer Zeit muss ich aber dieses Vorhaben aufgeben und einsehen, dass man mit einem Rucksack, auch wenn er nicht ganz zehn Kilo wiegt, und vor allem ohne gespurte Loipe mit den Hundeschlitten nicht Schritt halten kann. Meinen Gefährten vorauseilend, ziehe ich meine eigene Skispur neben den tiefen Schlittenrillen und den Pfotenstapfen. Die erste Etappe beginnt mit einem sanften, langgezogenen Anstieg zu einem 400 Meter hohen Pass, in der t :25ooooer-Karte « Majoriaq » genannt. Leichter Nebel zieht vom Meer herauf, beengt die Sicht mit seinem Schleier auf wenige hundert Meter und lässt mir dieses ohnehin gewaltige Land unendlich erscheinen. Ich geniesse die Einsamkeit in vollen Zügen und lasse mich erst auf der Passhöhe von den Freunden einholen. Den Spass der recht alpinen Abfahrt mit den Langlauf-Ski auf der anderen Seite nach Nordwesten hinab will ich mit meiner Filmkamera einfangen. Es ist wirklich zu komisch, wenn Leute, die zum Teil als Skilehrer tätig sind, wie betrunken hinuntertorkeln. Zwei unserer Schlittengespanne überholen uns hier. Leicht und elegant fliegen sie förmlich an uns vorbei, hinab zu einem Fjord mit dem für mitteleuropäische Zungen ungewohnten Namen « Sarfa Kangerdlurssuk ».

Unten, am zugefrorenen Fjord, wo sich die Hunde zu einer wohlverdienten Rast hingelegt haben, machen auch wir Mittagspause. Lauwarmer Tee, den wir vor vier Stunden noch brennend heiss in die Thermosflaschen gefüllt haben, und tiefgefrorene Sandwiches, deren Eiskörner, der Landschaft vortrefflich angepasst, zwischen den Zähnen knirschen, sind unser Lunch. Den Hunden werden von ihren Führern noch mit einer Kombizange die Zehenkrallen und die Haarbüschel zwischen den Sohlenballen geschnitten, damit sich dort kein Eis festsetzen kann - und weiter geht die Fahrt über den Ostteil des Fjordes, der « tugdleq » genannt wird.

Gegen 14 Uhr löst sich das Nebelgespinst wie von Zauberhand wieder auf, die Sonne dringt blass durch und lässt uns plötzlich diese Landschaft gar nicht mehr so unwirklich erscheinen. In breiter Dwarslinie rennen die Hunde über das Eis des nur mit etwa 20 Zentimeter Schnee bedeckten Meeresarms dahin. Im Gegensatz zu Alaska und Skandinavien, wo die Hunde hintereinander angespannt werden und in Kiellinie formiert sind, werden sie hier einzeln vor den Schlitten gebunden und laufen in fächerförmiger Anordnung nebeneinander vordem Gefährt. Dies ist hier landschaftsbedingt, da in Grönland das Gelände viel offener ist und der Baumwuchs höchstens 30-40 Zentimeter erreicht.

Nach etwa 15 Kilometern ebener Fjordstrecke führt am Ostende der Bucht die Route noch fünf Kilometer ein gewundenes Tal bergan. Hinter einer Wegbiegung - um vor einem eventuellen Weststurm etwas geschützt zu sein — wird gegen 16 Uhr das erste Lager errichtet. Drei kleine Schlafzelte und ein grosses Küchen- und Wohnzelt ohne Boden bieten Unterschlupf. Im Küchenzelt kann man also gleich am « Fussboden » Schnee zum Wasserschmelzen sammeln. In der anderen Zelthälfte sorgen auf den Boden gebreitete Karibu-Felle ( von Wildrentieren ) für Wärme und Behaglichkeit.

Die Hunde bleiben, wie immer und überall im Norden, draussen, kuscheln sich in den Schnee, legen die Rute über die Schnauze und schlafen friedlich dem nächsten Tag entgegen. Dabei ist es schon abends -25 °C draussen und —io °C im Schlafzelt, aber gemütliche -2 °C im Küchenzelt, was einem bald als « überheizt » vorkommt. Ich bin erstaunt, wie schnell man sich an die Kälte gewöhnt.

In der Nacht schlägt das Wetter um, und das Thermometersteht bei- 30 °C; es ist also noch kälter geworden. Am Morgen sind unsere Hunde total eingeschneit und scheinen auch gar nicht ans Aufstehen zu denken; unter dem Schneemantel halten sie die Körperwärme beisammen. Es stürmt nun auch so stark, dass wir vorerst zu bleiben beschliessen. Das Gehen mit dem Westwind im Rücken wäre zwar möglich, aber das Abbauen und später Wiederaufstellen der Zelte könnte zu Erfrierungen an den Händen führen. Ich möchte hier Amundsen zitieren: « In der Arktis ist sowohl zu wenig wie zuviel Mut falsch am Platz. Sie verlangt Ausgeglichenheit. » Gegen Mittag lässt der Sturm etwas nach, die Hunde beginnen sich zu regen, und wir entschliessen uns, um mit unserem Zeitplan nicht in Verzug zu geraten, doch wenigstens noch eine halbe Etappe in Angriff zu nehmen. Dieser Wegabschnitt misst also nur 20 Kilometer und führt das Tal « Nerumaq » aufwärts bis knapp unter einen Pass. Wie wir dort ankommen, lösen sich die Nebel wieder auf, und wir geniessen einen herrlich windstillen Abend. Solches Wetter ist überhaupt die Norm hier, so dass man im Gegensatz zum Bergsteigen eher spät aufsteht, beim Frühstück bummelt und erst am Vormittag bei eher noch trübem Wetter aufbricht und mit nur einer ganz kurzen Mittagsrast in den späten Nachmittag hinein wandert, weil dann fast immer die Sonne durchbricht.

Der Höhepunkt, wenn man den neuen Lagerplatz erreicht hat, ist jeweils die Hundefütterung. Die Tiere der vier Gespanne werden in gehörigem Respektabstand voneinander angepflockt, dann schleppen die Fahrer gleichzeitig je einen Sack gefrorenen Heilbutt oder einen Karton kleiner Fischchen, die wie Sardinen aussehen, zu ihren Tieren. Nun wissen alle Gespanne, dass sie Futter bekommen; sonst könnte es geschehen, dass ein Gespann seine Anpflockung ausreisst, um über Hunde und Futter der « Konkurrenz » herzufallen. Die zweite Schwierigkeit für den Fahrer besteht darin, die eigenen Hunde untereinander friedlich zu halten. Ein bis zwei Meter vor den Hunden werden die Heilbutt mit einer Holzhacke in grosse Brocken zerlegt, damit die Tiere sehen, dass für alle genügend da ist. Das alles geht unter lautem Gebell und Gewinsel der Schlittenhunde vor sich, die ja nur einmal täglich, gegen Abend, gefüttert werden. Erst bei der eigentlichen Fütterung, die streng nach der Rangordnung verläuft, nämlich vom Leithund über sein Weibchen usw. bis zu den Jungtieren, wird es ruhiger, indem das Gewinsel in ein genüssliches Schmatzen übergeht. An warmes Futter sind die Tiere überhaupt nicht gewöhnt und würden damit wohl gar nichts anzufangen wissen.

Auch unsere - allerdings warme - Hauptmahlzeit findet am Abend statt, und zwar erst nach der Hundefütterung. Anschliessend sitzen wir oft noch lange beisammen bei Tee und Keksen und lassen uns von Titus grönländische Sagen über Tupilaks und andere Unheilboten berichten, an die der Grönländer, bei aller Aufgeschlossenheit für alles Technische und Moderne, bestimmt noch irgendwie glaubt.

Am dritten Tag wollen wir die verlorene Halb-etappe einbringen, indem wir 45 statt der sonst üblichen 30 bis 35 Kilometer vorrücken. Dies dauert von 9.30 Uhr bis i 17 Uhr, wobei die Strecke im grossen und ganzen einer Seenkette entlang verläuft. Höhepunkt ist eine steile Abfahrt, auf der die Hunde hinter den Schlitten zum Bremsen gespannt werden. Dieser Bremsvorgang wird noch unterstützt, indem zusätzlich zwei dicke Taue um die Schlittenkufen geschlungen werden. Dass ein Schlitten trotzdem umkippt und den Hang hinunterkollert, wobei die sich überschlagenden Hunde mitgeschleift werden, führen wir auf die dort geladenen « Tupilaks » zurück. Der Tupilak wird durch einen meist aus Walrosszahn geschnitzten Dämon versinnbildlicht; man hat solche früher seinen Feinden ins Gepäck geschmuggelt, um ihnen Unglück zu bringen. Heute verkaufen sie die Eskimo-Schnitzer als Souvenirs.

Allmählich wird das Klima kontinental trockener und von uns kaum mehr als unfreundlich empfunden. Sogar ans Eisknirschen beim mittäglichen Sandwichkauen habe ich mich schon gewöhnt. Überhaupt wird vieles zur Routine — und doch empfinde ich alles als grossartig, denn trotz einer gewissen Gleichförmigkeit der Landschaft und des Tagesablaufs gibt es doch immer Neues zu sehen und Neues von unseren grönländischen Freunden zu lernen. Nach dieser und auch der vierten Etappe nächtigen wir am Eis zugefrorener Seen. Wie verankert man aber da ein Zelt? Mit Eisschrauben liesse es sich bewerkstelligen, doch die haben wir nicht dabei. Ist auch gar nicht nötig: etwas Schnee auf das zu befestigende Ende der Zellschnur, heisses Wasser darüber gegossen -und binnen Sekunden ist die Zeltschnur an der Eisdecke festgefroren.

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, am Morgen immer einige Stunden lang allein vor der Kolonne her zu gleiten und erst vor der Mittagsrast auf die Freunde zu warten. Dabei wird der Eindruck der Weite noch durch das Phänomen des « white out » erhöht. Wenn man längere Zeit angestrengt in das diffuse Weiss aus Schnee und Nebel starrt, um den richtigen Weg zu suchen, kann man allmählich weder Entfernungen noch Erhebungen erkennen. Die Augen schmerzen und verursachen Kopfweh; anderseits wird auf diese Weise die Wirkung von Weite und Einsamkeit noch erhöht, und ich werde fast « süchtig » danach.

Die Landschaftsnamen sind übrigens nach wie vor unaussprechbar: Iluliumanerssûp portornga, Itivneq, Kangerdluatsiarssuaq usw. Vom See « Amitsorssuaq » führt am Nachmittag des fünften Tages ein Anstieg nach « Qardtigssuit ». Das ist für unsere braven Hunde die Schlüsselstelle der Reise. Das Trasse führt einen breiten, gefrorenen Bach aufwärts. Immer wieder rutschen die Hunde aus, kommen die Schlitten zum Stehen. Die Hundeführer helfen ihnen, so gut es geht; aber das ist zu wenig wirksam, denn diese rutschen in ihren See-hundsstiefein, den Kamiken, selber aus. Keuchend legen sich die Tiere in die Gurten, um die Last gelegentlich doch einige Meter weiter zu bekommen. Da kann man sich gut vorstellen, dass diese wunderbaren, starken Hunde nach 7 bis 8 Jahren « ausgebrannt » sind. Länger lassen sie sich nicht als Zugtiere verwenden, und wenn sie bis dahin nicht von allein sterben oder in Hierarchie-kämpfen totgebissen wurden, werden sie zumeist erschossen. Ja, das Leben ist hart hier im Norden, sowohl für die Menschen als auch für die Tiere. Doch Ip erzählt, dass er seine Hunde auch später noch weiter füttert; aber er ist eben Däne. Titus, ein typisch grönländisches Mischblut, der seine Tiere auch sehr liebt — er gab ihnen vor besonders kalten Nächten sogar Walspeck als Zusatznahrung - trug stolz eine Hose aus den Fellen seiner Lieb-lingshunde. Ganz begeistert sind Ip und Titus, als wir ihnen Steigeisen erklären und versprechen, solche als Geschenk zu senden. Inskünftig werden sie die Hunde besser unterstützen können. Es wird also mehr ein Geschenk an die Hunde sein.

Am Abend dieses Tages erreichen wir den Sondre Stromfjord; ich meine den Fjord, den zweitlängsten der Westküste, nicht die gleichnamige Flugplatzanlage. In der Abenddämmerung auf einem Felskopf sitzend, nehme ich Abschied von diesem grossartigen Land und von den Hunden. Wohl haben wir am nächsten Tag auch noch 15 Kilometer bis zur Hafenanlage zurückzulegen; doch was ist das schon gegenüber den i i oo, die ich bis dahin in dieser Saison mit den schmalen Hölzern schon hinter mir habe! Vom Flugplatz würden wir dann auch noch einen Tag die 25 Kilometer zur Inlandeiskappe ziehen; doch das eigentliche « Erlebnis Grönland » mit den Zelten und Hunden klingt aus. Ich stibitze noch einige Fische von den Schlitten und verfüttere diese Sonderration quasi als Abschiedsgeschenk an die wohl nie ganz satten, treuen Vierbeiner, ehe ich in das für meine Begriffe viel zu warme und laute Küchenzelt schlüpfe.

Es ist ein lächerlich kleines Stück dieser riesigen Insel, das wir kennengelernt haben, höchstens 250 Kilometer — und doch bin ich ganz in den Bann dieses Nordlandes geraten. Eigentlich hätte diese kleine Durchquerung nur ein Vortasten in die arktische Welt sein sollen. Als Ziel schwebte mir für später eine Durchquerung des Inlandeises von der Ost- zur Westküste vor. Doch ich werde sie nicht durchführen, denn mit Motorschlitten erschiene es mir als ein frevelhafter Eingriff in die Natur, und mit Hundeschlitten schon gar nicht, weil dies den Tod meiner Reisegefährten bedeuten würde. Ein Hundeleben zählt hier nichts und fünfzig nicht viel mehr. Alle Tiere, die von der Ostküste herüberkommen, werden erschossen, damit sie, wie man uns glaubhaft zu machen versuchte, keine Krankheiten einschleppen. Man stelle sich vor -jene treuen Gefährten, die einem eine Überquerung erst ermöglichen, denen man vielleicht das Leben verdankt, führt man also in den sicheren Tod. Dieser Preis scheint mir für eine sportliche Leistung zu hoch.

Trotzdem hoffe ich wiederzukommen; es gibt ja so viele Ziele auf dieser Rieseninsel am Rande der Arktis...

Januar

Woljgang AHendoyi D-Wittlensweiler Der Schneemonat liegt mir im Sinne, wo tief die Sonne, klamm und bleich, das Eis in seiner Schattenrinne zerspringen lässt und überm Teich der Weidenstrauch den Reif verstreute wie Saat, die weisse Früchte trägt, und wo der Bussard seine Beute aus der granitnen Scholle schlägt.

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