Auf den Spuren Eduard Imhofs in Osttibet

den Spu-

den Eduard Imhofs in Osttibet

Martin Ryser1, Bern

Minya Konka von Südwesten Endlich lichtet sich der tropfende und dampfende Stecheichen- und Rhododen-drenwald, und gleichzeitig lichten sich auch die Regenwolken. Mit den ersten Sonnenstrahlen leuchtet im Tal unten ein Regenbogen auf, ein Blutfasan trippelt vertraulich über den Weg, und blendend weiss erscheint plötzlich das langersehnte kleine Kloster Konka Gompa vor der dunklen, blaugrauen, sich oben in den Wolken verlierenden Wand des 7556 m hohen Minya Konka, dem als heilig geltenden Göttersitz. Der Einritt auf meinem kleinen, tapferen Schimmel könnte nicht feierlicher sein. Der einzige Mönch empfängt mich herzlich, weist mir das ehrenvolle zentrale Zimmer zu und bie- tet mir Buttertee und Tsampa am wärmenden, rauchenden Feuer an. Dass sich am nächsten Morgen mein Pferdeführer ohne Abschied, dafür aber mit meiner Reiseapotheke empfiehlt und sich meine Darmgrippe eher verschlechtert hat, tut meiner Hochstimmung kaum Abbruch: Bei strahlendem Wetter stehe ich vor dem Berg und habe damit, wie auch Eduard Imhof fast ein Menschenalter zuvor, ein erstes wichtiges Expeditionsziel erreicht.

Eduard Imhof, Kartographieprofessor an der ETH Zürich, hat 1930, zusammen mit dem im chinesischen Canton2 Geologie lehrenden Albert Heim, von der dortigen Universität den Auftrag übernommen, den neuentdeckten Bergriesen Minya Konka im Westen der Provinz Szetschuan zu vermessen, zu kartieren und seine Umgebung vielseitig zu untersuchen. Meine Aufgabe bestand nun darin, den tibetischen Teil die- 1 Martin Ryser ist Geograph und erforscht seit etlichen Jahren in dieser Gegend die Haustypen.

2 Heute Guangzhou. Alle Ortsnamen halten sich in diesem Bericht zu Vergleichszwecken an die Schreibweise Imhofs. In China gilt heute die oft stark davon abweichende offizielle Pynin-Umschrift.

ser mit Texten, Karten, Fotos und Zeichnungen Imhofs reich dokumentierten For-schungsreise3 vergleichend zu wiederholen. Mein Auftraggeber war das Schweizerische Alpine Museum in Bern, das anlässlich des 100.Geburtstages Imhofs eine Gedenkaus-stellung zu dessen Chinareise plante und gegenwärtig zeigt.

Eine Bergstadt der vier Religionen Mehr als viereinhalb strapazenreiche Monate mit Schiff, Bahn und zu Pferd benötigte Imhof seinerzeit für die Anreise bis zu 3 Imhof, Eduard: Die Grossen Kalten Berge von Szetschuan. Orell Füssli, Zürich 1974 Klostertänze in Tatsienlu seinem eigentlichen Ausgangsort Tatsienlu, der alten Grenzstadt zwischen China und dem tibetisch besiedelten Gebiet westlich davon. Heute kann man sie in einigen wenigen Tagen per Flugzeug und Bus erreichen.

Noch immer ist die 2600 m hoch gelegene Bergstadt Handels- und Versorgungs-zentrum des tibetischen Hinterlandes und Schmelztiegel mit dominierenden Han-Chi-nesen, vielen tibetischen Händlern, aber auch Moslems. Nach den Zerstörungen und Verboten der Kulturrevolution werden in den taoistischen Heiligtümern längst wieder Räucherstäbchen angezündet, die vier lamai-stischen Klöster expandieren, und eine Moschee mit Koranschule ist eröffnet worden. Auch gibt es wieder eine kleine Kirche, nachdem das einstige, alles überragende grosse Gotteshaus einem Erdbeben zum Opfer gefallen ist. Noch lebt hier eine kleine christliche Gemeinde, während die Missionsstation, in der Imhof damals Aufnahme fand, längst verschwunden ist. Ebenfalls abgebrochen sind die Stadttore und -mau-ern sowie die meisten der damals das Stadtbild prägenden, niederen, chinesischen Holzhäuser, die in grossem Tempo durch vielge-schossige, phantasielose Backstein- und Sta h I beton kästen ersetzt werden, wie sie überall auf der Welt als modern gelten.

Wolkenloses Blau und frischverschneite Berge begrüssen mich am Morgen des 22. April 1994, als ich endlich die lärmige, stinkende Stadt und die Fahrstrasse hinter mir lasse und ins erste Seitental abbiege. Freundliche Leute fragen erstaunt nach dem Wohin; die Sorge um die erste Bachüberque-rung, die Imhof damals nur mit dem Bau eines Notsteges, am Seil und gehörig durchnässt geschafft hat, nimmt mir eine neue Holzbrücke ab, und leicht bleibt der von Tschorten und Gebetswimpeln gesäumte Weg. Vorläufig.

Das erste Lager schlage ich in heftigem Graupelschauer und Gewitter auf. Hier musste mein berühmter Vorgänger im August fast zwei Wochen im Regen warten, bis sich jeweils wieder ein Gipfel im Fernrohr des Theodoliten zeigte. Doch bald Altes wird neu aufgebaut: Tschorten bei einem Kloster schon hat sich der Grund meiner Flucht ins Zelt aufgelöst, und nur noch ein paar abendliche Wölkchen sind übriggeblieben. Imhof hatte die falschen Monate nutzen müssen, aber auch ein schlechtes Jahr erwischt, da der Monsun bis in den Oktober nicht enden wollte. Dagegen brachte mir der Frühsommer nur wenig Niederschlag aus nachmittäglichen Quellwolken.

Kostbare Graswürmer Am nächsten Tag begegne ich einigen unter Felsblöcken und Behelfszelten campie-renden Familien, die auf 4000 m im Frühjahr für einige Tage hierhin kommen, um nach zu graben. Diese gelten in Ein Klosterabt der chinesischen Medizin als vielseitiges, kostbares Medikament und werden sogar nach Japan verkauft.4 Das gastfreundlich angebotene, mässig appetitliche schmeckt eher holzig und bleibt, sei es wegen der einmaligen Dosis oder infolge meiner Skepsis, ohne erkennbare Wirkung.

Am dritten Tag keuche ich mit immer noch deutlich fehlender Höhenakklimatisation, den 27-kg-Rucksack verwünschend, über den ersten Pass, den 4780 m hohen Dshe-song-la. Längst ärgert es mich, das Angebot eines wohlmeinenden Bauern im Tal unten für ein Reitpferd mit Begleitung so selbstsicher und leichtfertig als unter meiner Würde und als zu teuer ausgeschlagen zu haben. Zudem scheint es mir plötzlich, dass ich eigentlich das gleiche Fortbewegungsmittel wie Imhof benützen müsste, um authentisch zu sein. Spöttisch jedenfalls ( oder nur fröhlich ?) grüssen die wilden, stolzen Kampas, denen ich ab und zu begegne, von ihren Pferden herab.

Viele von ihnen tragen immer noch traditionelle Kleidung: Die langen Haare sind als Zopf mit roten Wollfäden und einem Elfen-beinring um den Kopf gewunden, an den Ohren und um den Hals hängt oft Schmuck aus Silber, Türkisen und Korallen, und im Gürtel über dem schweren Schaffellmantel steckt ein prächtiges Schwert. Die Tracht der Frauen gleicht derjenigen der Männer, ausser dass das Schwert durch ein kleines Messer ersetzt ist und am Gürtel zusätzlich ein verzierter Haken hängt, an dem urprüng-lich das Milchgeschirr beim Melken befestigt wurde.

Nach einem weiteren Marschtag stosse ich in 3800 m Höhe auf die ersten tibetischen Steinhäuser mit farbenprächtigen Fenstergittern, heimeligen Rauch- und Wohnkü-chen und reichen Altarräumen.

Lange schaue ich beim Bau eines neuen Hauses zu. Noch wird durchwegs in traditionellem Stil und ohne Maschinen gebaut. Die Bauarbeiter, aber auch Arbeiterinnen sind Nachbarn, und nur der Zimmermann " Die erdigen, harten mit dem seltsamen Fortsatz sind in Wirklichkeit Puppen eines Schmetterlings. Fressen dessen Raupen die Sporen eines besonderen Pilzes, beginnt sich dieser im Raupenkörper zu entwickeln, mumifiziert ihn im eingegrabenen Puppenstadium und lässt durch seinen Kopf einen neuen Sporenträger an die Erdoberfläche wachsen.

mit seinen speziellen Werkzeugen kommt aus einem andern Tal. Wo bei uns geflucht würde, hört man auf dieser Baustelle fröhliches Lachen und Singen auch bei den Frauen, die die schweren Bruchsteine in Hütten und auf Gestellen über eine steile, glitschige Holzrampe zu den Maurern hinaufschleppen. Der Mörtel besteht bloss aus gesiebter und aufgeschwemmter Erde, doch sind die Gebäude dank sorgfältigem Zuhauen und Einpassen der Steine und sehr dicken Mauern über eine längere Zeitspanne stabiler als viele unserer Betonbauten. Mit Einsatz der vereinten Kräfte dauert der Rohbau eines geräumigen, zweigeschossigen Hauses nur ein bis zwei Monate.

Über ein Pferd samt Begleiter für die nächste Etappe werde ich bald handelseinig, und tags darauf geht es einiges genussvoller vom abgeholzten, sanften und breiten Yülongshi-Tal über den 4840 m hohen Londshima ins steile und deshalb im oberen Teil unbewohnte und waldige Budshü-Tal. Von da steigen wir ins Seitental des Grossen Minya-Konka-Gletschers, wo das einsame Klösterchen auf einer alten Seitenmoräne thront.

Klosterleben Erst bei genauerem Hinschauen sieht man, dass es sich nicht um den gleichen Bau handelt wie zu Imhofs Zeit. 1984 ist das Kloster nach der Zerstörung während der Kulturrevolution wieder aufgebaut worden, und immer noch ist die Ausschmückung im Innern unvollendet.

Fast eine Woche bleibe ich an diesem Ort, nehme an den täglichen Zeremonien des Mönchs teil, helfe beim Brennholzsammeln, zeichne Pläne der Anlage, mache Ausflüge auf dem moränenüberdeckten Gletscher, zu den hochgelegenen Weiden der Yaks und wilden Blauschafe und versuche, den sich in Licht und Wolken ständig wandelnden Minya Konka auch zeichnend in mich aufzunehmen.

Hier könnte man wirklich bleiben, aber ich muss nun weiter und steige nach einem herzlichen Abschied wieder ins Tal. Bei der Bauernfamilie, die mich dort beherbergt, miete ich ein Pferd über den Tsümila. Klein sind sie, die Pferdchen, mit 1,5 m Widerist-höhe, aber zäh und trittsicher wie Maultiere. Mit dem Bauern, einem weiteren Nachbarn und einigen Packpferden, die ebenfalls mitkommen, um im nächsten Dorf Felle zu ver- er Minya Konka on Nordwesten kaufen und Reis und anderes einzukaufen, komme ich mir schon beinahe wie in Imhofs Karawane vor.

Im Tal trennen wir uns, und ich marschiere nochmals zurück zu den obersten Häusern, um nach dem Verbleib meiner Apotheke zu fragen. Man zeigt grosses Verständnis und Freundlichkeit, aber der Führer ist natürlich nicht da. Sei's drum, mehr war wohl nicht zu erwarten. Für den Weg weiter nach Liuba bekomme ich am nächsten Tag überraschenderweise eine junge Amazone in schöner Tracht als Begleiterin, die, obschon ich es eigentlich nicht so eilig hätte, die Pferde am liebsten galoppieren lässt. Nur um die zahlreichen Manihaufen herum verlangsamen wir auf Schrittempo. Dass diese immer linksherum umgangen werden, ist den Pferden längst in Fleisch und Blut übergegangen. Und selbst das Wasser treibt die wasserradgetriebenen Gebetsmühlen am Weg nur im Uhrzeigersinn an.

In der Umgebung des Dorfes besuche ich einige Klöster und wandere schliesslich durch schönen Zedernwald weiter talabwärts bis zur ersten grösseren Strasse, wo mich am nächsten Tag ein Bus ins Lidshu-Tal mitnimmt.

Beim Haus mit dem achteckigen Turm Kopien von Imhofs Fotos und Zeichnungen in der Hand steige ich beim ersten Haus mit Wehrturm aus. Es ist tatsächlich dasselbe Haus, dessen Aquarell mir immer so gefallen hat. Ohne Veränderung steht der alte Wehrturm mit dem Grundriss eines achtstrahligen Sterns da. Er stammt wie 165 seine zahlreichen Gegenstücke in der Umgebung aus den Kriegen der tibetischen Fürstentümer mit den Chinesen im 18. Jahrhundert. In seinem Innern brüten nun Alpenkrähen, Tauben und Schwalben. Bei genauerem Hinschauen und späterem Nachfragen zeigt sich, dass ein Teil des Hauses abgerissen und neu mit grösseren Fenstern und etwas weniger hoch wieder aufgebaut worden ist. Etwas ernüchternd wirken bloss die Fahrstrasse gleich neben dem Haus und die Stromleitung. Bald bin ich von Kindern und Erwachsenen umringt und zu Tee und Tsampa hereingebeten. Imhofs Bild des Hauses wird feierlich, wie auch meine gezeichneten Porträts der Kinder, auf den Hausaltar gestellt. Schliesslich ich die Familie und Nachbarn auf der Dachterrasse fotografieren, nachdem sie sich in die prächtigsten Festtagsgewänder gestürzt und den Fami-lienschmuck hervorgeholt haben.

Auf der Hochebene Weiter geht es das breite Tal aufwärts, meist zu Fuss, ab und zu auf einem Klein-traktor. Diese grässlich qualmenden und kühlwasserspritzenden Ungetüme sind der Stolz der reichsten Bauern, die sie aber nicht auf den Feldern, sondern ausschliesslich für Transporte nutzen.

Bei Yin-kwan-tschai mündet die asphaltierte Strasse, die von Tatsienlu nach Lhasa führt, ins Lidshu-Tal. Sie wird hauptsächlich von Lastwagen befahren, die Zedernholz-stämme der letzten grossen Urwälder ins Tiefland bringen. Als ich auf dem unge- Der Dshara von Togonse aus gesehen. Das Brennholzsammeln ist eine der Frauenarbeiten.

Eine Gebetsmühle mit Wasserradantrieb auf einem Feld wohnten Hartbelag nur eine halbe Stunde zu einem grossen Stupa eile, um ihn noch im letzten Abendlicht mit der Kamera zu erwischen, handle ich mir für die nächsten vier Tage die ersten, dafür flächendeckenden Blasen ein. Offenbar errät dies ein mitfühlender Radfahrer trotz fortgeschrittener Dämmerung aus meinem Gang und begleitet mich ungeachtet meiner anfänglich ernsten Abwehr, das Fahrrad mit meinem Rucksack schiebend, über eine Stunde zum sechs Kilometer entfernten nächsten grösseren Dorf.

Die folgende Strecke geniesse ich in einem Bus, der mich in bloss einer Stunde auf die wellige, baumlose Hochebene nach Tagonse auf 3800 m bringt. Das Kloster ist auf den bereits 80 km fernen, heiligen Minya Konka ausgerichtet und, obschon es die Kulturrevolution überlebt hat, in den letzten Jahren gänzlich erneuert worden. Aus der Handvoll Wohnhäuser auf Imhofs Fotos ist ein stattliches Dorf mit über hundert Gebäuden geworden, die im Wohnteil oft prächtig ausgemalt sind. Noch hat es als eine der wenigen Siedlungen keine Stromversorgung, doch sind die Leitungsmasten bereits erstellt. Verstreut in der Umgebung sind schwarzbraune Zelte, bewacht von aggressiven Tibetdoggen, die, falls nicht angekettet, eine wirkliche Gefahr für Fremde bedeuten. Hier wohnt ein Teil der Familie, um die Yakherden zu betreuen, während die andern Familienmitglieder in den festen Häusern bleiben, um Handel oder etwas Gartenbau zu betreiben. An kleineren Bächen wird von Chinesen, aber auch Tibetern Gold gewaschen, obschon die Ausbeutung von Bodenschätzen nach tibetischer Auffassung als Störung der Erdgott-heiten gilt.

Lager 3 im Yülongshi-Tal Im Osten steigt der isolierte Dshara aus der Ebene, dessen scheinbar fantastische Höhe von Imhof auf 5900 m bestimmt wurde. Ihn zu umrunden ist nun mein nächstes Ziel. Im Dorf aber spricht man bloss noch vom bevorstehenden grossen Fest in Tatsienlu zu Ehren Buddhas. Mit einem gewissen Bedauern, die Rundreise zu unterbrechen, fahre ich mit und bereue es nicht: Im grössten lamaistischen Kloster ausserhalb der Stadt werden die farbenprächtigen, tierdarstellenden oder totenkopfbehan-genen Dämonen-Masken durch die Mönche während zweier Tage in immer neuen, abwechslungsreichen Tänzen zu Trommeln, Zimbeln und Hornklang lebendig.

Dann geht es zurück über Tagonse weiter nach Bamei, wo ich den bequemen Bus verlasse und die Ausrüstung wieder selber schultern muss. Ein kurzer Besuch bei einer Bauernfamilie, die ich vor zwei Jahren kennengelernt habe, bringt gegenseitig freudige Abwechslung.

Nach zwei weiteren Marschstunden ist Tailing erreicht, der nördlichste Punkt der Reise. Das Kloster ist gefüllt mit Pilgern, die heute den ganzen Tag schweigen müssen. Um so red- und leutseliger sind die Mönche und der Maler, der mir im neugebauten Klo-stertrakt seine eben entstehenden, leucht- kräftigen, feinen Werke auf den Säulen und Deckenbalken zeigt. Gut bezahlt, zieht er mit seinem Gesellen von Kloster zu Kloster, um die vielen Neubauten zu bemalen. Was für ein beneidenswerter Lebensunterhalt!

Ein Bad in den heissen Quellen Hinter dem nächsten Pass führt der Weg gegen Nordosten in eine tiefe Schlucht, an deren Anfang ich bei Thermalquellen mein nächstes Lager aufschlage. An mehreren Stellen tritt heisses Wasser aus dem Boden, das man sich über kleine Rinnen in Erdgruben leiten und auf die gewünschte Temperatur abkühlen lassen kann. So muss es bei uns auch mal angefangen haben. Ob da in zehn Jahren eine kommerzielle Badeanstalt steht? Nur eine einzige Familie aus der nächsten Kreisstadt ist zum Baden hier und hat mit Ästen und Tüchern ein Zelt improvisiert.

Gegen Süden folge ich nun dem dichtbewaldeten Tal, das zum quer dahinterstehenden majestätischen Dshara führt. Auch hier brauche ich den Bach, in dem bei Imhof ein Pferd samt Traglast abgetrieben worden ist, nicht zu durchwaten und kann über einen gefällten Baumstamm balancieren. Von den Wölfen, die ihm nachts ein Pferd gerissen haben, ist nichts zu merken. Dafür leistet mir eine Zeitlang ein Eisvogel Gesellschaft. Gestern habe ich über die Warnung der andern vor Räubern und wilden Tieren in diesen höheren Regionen noch gelacht. Nachts, an einem heiligen, mit Manisteinen und Gebetsfahnen umkränzten See campierend, geht mir aber doch die Frage durch den Kopf, ob ich die Lebensmittel wegen hungriger Bären nach alter Trap-perregel nicht besser ausserhalb des Zeltes hätte aufhängen sollen. Mein Adrenalinspiegel schnellt dann wirklich in die Höhe, als mich am nächsten Morgen Stimmen wecken, zwei mit einem Gewehr bewaffnete Männer draussen stehen und mich fragen, ob ich eine Pistole zu verkaufen habe. Der Puls beruhigt sich aber bald, als sie auch freundlich um eine Foto als Jäger vor dem See bitten.

Den letzten Pass, den 4300 m hohen Haidse-shan, überschreite ich schon fast routinemässig, ja er wäre mit den kleinen Seen sicher der schönste und einfachste, wäre da nicht der Nebel mit dem einsetzenden eiskal- ten Regen. Dieser hört den ganzen Tag nicht mehr auf und kündet vom kommenden Monsun. Ein kleines Zwischenhoch lässt aber Kleider und Moral tags darauf wieder trocknen, so dass ich frohgemut noch einmal in ein Seitental abzweige, um zwei wunderschöne Seen, umgeben von blühenden Rho-dodendrenwäldem, zu besuchen. Hier steht sogar ein neues kleines Hotel aus Holz, das allerdings noch leer ist. Der Abwart ( oder der zukünftige Direktor ?) bietet mir im einzigen möblierten Raum sein Bett an, während er sich mit einem Kollegen in das zweite teilt. An einem der nächsten Tage stapfe ich durch etlichen Neuschnee talwärts und schliesse die Rundreise am Abend des 28. Mai in Tatsienlu ziemlich wehmütig ab.

Altes und Neues Vieles ist unverändert geblieben: die wunderschönen, wilden, abgeschiedenen Berglandschaften, die Gastfreundschaft und Religiosität der Einwohner und ein Grossteil ihrer bäuerlichen und nomadischen Lebensweise.

Vieles hat sich aber auch gewandelt seither: Motorenlärm prägt die Strassen, Indu-strieprodukte finden den Weg auch in die hintersten Dörfer. Allgemein ist der Lebens- Nomadenzelt bei Tagonse standard stark gestiegen, die Versorgungslage hat sich wesentlich verbessert, und mancherorts beginnt in der weiteren Region die touristische Erschliessung.

Die Gegend ist seit Imhofs Zeiten wissenschaftlich vor allem von chinesischer Seite gut erforscht worden, auch wenn diese Erkenntnisse wegen der sprachlichen Hindernisse im Westen kaum bekannt sind. So existiert für den Minya Konka eine hervorragende, nach trigonometrischen und photogrammetrischen Auswertungen sehr plastisch gezeichnete Karte im Massstab 1:50000. Nach diesen Vermessungen, die nicht mehr auf den unsicheren Barometermessungen beruhen, wird der Gipfel nun mit 7556 m angegeben, also etwa 40 m weniger als bei Imhof. Für die weitere Umgebung sind die chinesischen Karten, die auch das Relief zeigen würden, für die Öffentlichkeit aber nicht freigegeben, so dass mir Imhofs hervorragende Routenkarten immer noch unentbehrliche Orientierungshilfen waren und die Resultate seiner Expedition auch weiterhin aktuell bleiben werden.

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