Auf der Spannorthütte

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON W. MÜLLER-HILL, FREIBURG I. B.

« Die Spannorthütte wurde erneuert. Die erste war 1880 erbaut und um die Jahrhundertwende vergrössert worden, genügte aber mit der Zeit den Anforderungen nicht mehr. » Als ich diese nüchternen Zeilen las, wurde mir seltsam ums Herz. Sind doch 60 Jahre verstrichen, seit ich die Spannorthütte als erste « Clubhütte » betrat. Karl Waser war damals mein Führer. Er liegt längst unter der Erde. Unter der Erde liegen alle Bergkameraden, mit denen ich die Hütte im Laufe der Jahre besuchte. Sie war die Wiege meines Bergsteigens.

Mitte August 1901 fuhr ich mit Führer Karl Waser als Siebzehnjähriger nach einer gelungenen Titlistour mit dem Wägeli nach Herrenrüti und stieg von da zur Hütte auf, die versteckt im Felsen lag. Ältere Bergsteiger mit Führern waren schon anwesend und machten sich am Herd zu schaffen. Ich staunte sie in stiller Bewunderung an. Urchiges Schweizerdeutsch erfüllte die kleine Hütte. Eine Frage an Waser: « Was hesch do für es Büebli », konnte ich gerade verstehen; die Antwort Wasers, der in Lachen ausbrach, war unverständlich. Ich erhielt einen Platz am Tisch angewiesen. Waser schnitt in seine Erbssuppe Schweizer Käse in dünnen Scheiben. Das gebe Kraft! Ich tat es ihm selbstverständlich nach.

Alles war traumhaft: Der an die Felsen gelehnte Bau, das auf kleinstem Pfad zu erreichende kristallklare Wasser, das in Bütten geholt wurde. Die Hüttenschuhe aus Holz, mit Filzeinlagen, die so bequem zu tragen waren. Das Hüttenbuch, in das ich mich bald versenkte und in dem ich mich stolz eintragen durfte. Der abendliche Blick zum Titlis und ins Tal, von dem leichte Nebel aufstiegen und wieder zerflossen. Die Geborgenheit in der kleinen Hütte!

Unruhige Nacht, trotz Müdigkeit; ich hatte das Schlafen in einer Clubhütte natürlich noch nicht gelernt. Benommenes Frühstück bei Kerzenlicht. Hinaustreten in die dunkle Nacht und langsames Steigen zur Schlossberglücke, wo dann das Seil angelegt wurde. Besteigung des Kleinen Spannorts ( 3149 m ) mit dem « grossen Schritt », der einzigen « richtigen » Kletterstelle. Abstieg zum Spannortjoch und Aufstieg mit müden Beinen zum Grossen Spannort ( 3202 m ), das zum Programm gehörte. Abstieg über den aufgeweichten Glattenfirn nach Osten. Am Ende des Firns trennten wir uns. Waser ging zurück zur Schlossberglücke, ich stieg zur Kröntehütte hinab.

Verzauberte Heimfahrt: Ich war Bergsteiger geworden! Mein Vater, in den Bergen erfahren, dem ich dies mit der Hybris des Primaners eröffnete, meinte gelassen:

« Vielleicht wirst Du noch ein Bergsteiger werden. Auslernen wirst Du nie. » 1902.Mit Freund N. wagte ich mich, diesmal ohne Führer, wieder an das Grosse Spannort. Der alte Weg zur Hütte, die kaum belegt war. Wir wagten nicht, den Herd zu benützen, und kochten mit Spiritus ab. Wieder unruhige Nacht, diesmal aus Sorge um das Wetter, das unsicher schien. Früher Abmarsch mit den andern Partien, die zur Krönte strebten, so dass wir allein waren. Auf der Schlossberglücke böses Morgenrot hinter Wolkenfetzen, das nichts Gutes versprach. Aufstieg auf dem bekannten Weg über das Joch auf das Grosse Spannort und rascher Abstieg ins Joch, da das Wetter umschlug. Graupeln und Nebel auf dem langen Weg zur Schlossberglücke, die wir mit Kompass glücklich erreichten. Es war gut gegangen, aber wir erkannten, welche Gefahren Wetterstürze in sich bergen. Dankbarer Abstieg ins Tal.

1903. - Zum drittenmal in der Hütte. Wochenendtour im Juni. Geplant war die Besteigung der Krönte mit Abstieg nach Erstfeld.

Tiefer Schnee lag noch auf dem Weg zur Hütte. Wir waren allein. Für den Aufstieg spurten wir gewissenhaft bis zur Schlossberglücke. Früher Abmarsch bei herrlichem Wetter. Der Weitermarsch zum Spannortjoch war denkbar schlimm. Bruchharsch, der uns bei jedem Schritt tief einsinken liess. Wir brauchten bis zum Joch viele Stunden und quälten uns auf den Schneehühnerstock ( 2917 m ), wo die Verhältnisse besser wurden. Schliesslich erreichten wir den Kröntegipfel ( 3108 m ) und hielten bei Windstille und schönstem Wetter stundenlange Gipfelrast. Beim Abstieg angenehmste Überraschung: Man konnte Hunderte von Metern sitzend und später stehend abfahren. Es war herrlich!

1904. Wieder wie im Vorjahr mit Freund W. in der Hütte. Wir hatten den Plan, die Bärenzähne soweit wie möglich zu traversieren. Am Spannortjoch angekommen, liessen wir das Kleine Spannort links liegen und stiegen auf den ersten Bärenzähn ( 2940 m ), bekamen aber Respekt vor weiterem Traversieren und gingen, da wir frühzeitig waren, das Kleine Spannort an, dessen Aufstieg ich in genauer Erinnerung hatte. Wieder über felsdurchsetzten Firn zum « grossen Schritt », der mir gut gelang. Der Rest war kein Problem. Den Abstieg nahmen wir über die Abseilstelle. Bei der folgenden leichten Schrofenkletterei hinunter verlor mein Kamerad seinen Eispickel, und ich seilte mich los, um dem Ausreisser schneller nachzufolgen. Ich stieg einen nicht sehr ausgeprägten Riss hinab. Das Terrain war wenig schwierig, so dass ich etwas unaufmerksam kletterte und einen aus dem Riss herausragenden grossen Stein berührte. Was nun geschah, geschah schnell: Der Stein geriet in Bewegung und hob mich aus den Tritten, so sehr ich mich dagegen wehrte, und so fuhren wir in raschem Tempo in die Tiefe, viele andere Steine mit uns reissend. Mein Leben glitt während des Sturzes nicht an mir vorüber. Aber ich hatte nur einen Gedanken: nicht langsamer als die Steine zu fallen und zu rutschen. Um nicht getroffen zu werden, zog ich mich igelartig zusammen, den grossen Rucksack als Schutz. Ich hatte Glück und kam mit unbedeutenden Schürfungen mit den Steinen im Firn zur Ruhe.

Es war der erste und auch der letzte Sturz in meinem Bergsteigerleben. Er war lehrreich genug!

Vom Kleinen Spannort stiegen wir noch zum leicht begehbaren Zwächten ( 3001 m ) hinüber und schliefen dann, auf der Schlossberglücke zurück, recht lang auf den warmen Felsplatten.

In der Hütte trafen wir Bergsteiger, die von der Krönte her gekommen waren. Sie hatten meine Rutschpartie gesehen, waren sehr in Sorge um mich gewesen, konnten aber beruhigt den Weg fortsetzen, als sie uns auf dem Weg zum Zwächten sahen.

1910. In den Jahren nach 1904 wandten wir uns den Bergen des Maderanertals, des Dammagebietes und des Berner Oberlandes zu, hatten aber unsere Lehrberge nicht vergessen. Im September 1910 kam ich mit Freund B. wieder auf die Spannorthütte. Sein Name, der den Schweizer Skiläufern wohlbekannt war, möge genannt sein: Es war Dr. Rudolf Bieler, der ausgezeichnete Bergsteiger und Skiläufer, der ein makabres Ende fand. 1914 fuhr er nach Ausbruch des Weltkrieges aus den USA mit falschem Pass nach Norwegen, wurde bei militärischer Kontrolle von einem englischen Offizier an einer Skiwunde in der Wange erkannt und in den Kreuzer « Minotaur » verbracht. Einige Stunden später wurde das Kriegsschiff torpediert und ging mit Mann und Maus unter.

Wir hatten neue Kletterpläne und wollten zuerst die Adlerspitze von Westen her traversieren. Nach dem Urner Führer war ein grosses, schwieriges, meist nasses Couloir von mehreren hundert Metern Länge zu durchsteigen.

Man konnte nach Überquerung der Moränen und dem Anstieg über spaltenreichen Firn nicht fehlgehen. Es war eine nicht einfache und recht lange Kletterei auf plattigen Felsen, bei der man immer in Angst vor Steinschlag war, dem man unmöglich hätte ausweichen können. Bieler als Führender löste seine Aufgabe souverän, wir kamen höher und höher. Das Ende der Kletterei war allerdings einmalig: Der Kamin Schloss sich vollkommen und glich einem Schornstein. Die Aussenwand war glatt und nicht zu ersteigen. Man konnte aber unten hineinschlüpfen und befand sich dann im Schornstein, durch den man sich recht mühsam bis zum oberen Ende durchzwang. Die Rucksäcke hisste Bieler über die Aussenwand hinauf. Ich hatte es beim Einschlüpfen und Hinauf-zwängen viel leichter als der sehr breitschultrige Kamerad. An diesen Kamin Schloss sich eine Geröllhalde an, über die wir bald den Gipfel der Adlerspitze ( 3102 m ) erreichten.

Nach dem Urner Führer sollte ein Couloir auf ein Band nach Westen führen, von wo man über einen Überhang auf das Grosse Spannort gelangen konnte. Wir fanden das Couloir, das aber spät im Jahr - aus blauem Eis bestand und Stufenarbeit mit Abseilen verlangt hätte. So entschlossen wir uns zum Abstieg über die völlig vereiste Ostflanke. Wie hatten wir gut getan, Steigeisen mitzunehmen! Sie erlaubten uns, ohne Stufenschlagen hinabzukommen.

Es war eine herrliche Tour gewesen, und wir feierten sie in der Hütte gebührend. Aber das Wetter schlug um, es fing an zu schneien, und die Schlossbergsüdwand, auf die wir uns so sehr gefreut hatten, sah uns nicht mehr.

Nach dem Weltkrieg kamen meine Kameraden und ich noch oft nach Engelberg. Unsere Besuche galten aber meistens dem Titlis, den wir mit Ski wiederholt bestiegen. Immer aber wandten sich unsere Blicke zu den Spannörtern hinüber, an deren Fuss die Spannorthütte auf den Bergsteiger wartet.

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