Auf klassischen Pfaden abgeblitzt

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Von Hugo Schweingruber

( Bern ) Wie war 's schon mit dem Angsttraum diese Nacht? Und sind nicht die Bergdohlen schon beim Verlassen der Fründenhütte ganz gemein um unsere Köpfe geflattert? Bedeutete denn der nächtliche Einbruch durch die trügerische Schneebrücke etwa Gutes?... Aber nicht nur der Pessimist, auch der bergkundige Meteorologe hätte unsere Niederlage vorausgeahnt. Die Temperatur war des Nachts viel zu hoch gewesen. Deshalb der trügerische Gletscher, der schlechte Zugang zum Grat und dort dann auch der schuhtiefe Nassschnee auf vereister Unterlage, der uns schon vor Beginn der eigentlichen Schwierigkeiten in die Steigeisen zwang.

Es soll keiner behaupten, das alles wäre uns nicht aufgefallen! Die Verhältnisse waren wirklich schlecht. Wir aber glaubten an jenem Julitag, der Galletgrat werde noch gerade unser. Nur an eines dachte ich nicht. Dass unser Grat aufs Doldenhorn führt, meinen ersten Hochgipfel, der mir seit meinem 16. Lebensjahr schon verschiedenes Heimtückisches angetan hatte. Aber man kann ja wirklich nicht an alles denken...

Schrumm!... päng-päng!... tack, tack, tack! Schon wieder eine Steinsalve! Wir kämpfen in der berüchtigten Eisrinne, jeder auf seine Art. Der eine mit dem Eise, der andere gegen die Kälte und der Dritte gar gegen die Nässe. Zolo hat die Hauptarbeit übernommen. Seine Axt schlägt in hartes, verwaschenes Eis. Wir andern kauern an der Couloirwand im Schmelzwasser unter der « Dachtraufe » und sind sogleich bis auf die Knochen durchnässt. Unmöglich scheint 's, einen andern Standort einzunehmen, und von oben herab tönt es verheissungsvoll: « Wir schaffen 's doch noch! »... Was können wir also anders tun als sichern und — warten? Warten — eine Ewigkeit warten, derweil sich selbst der Rucksack mit Wasser füllt und die Kälte von dreitausend Metern an zwei Fronten gleichzeitig ihre Offensive auf unsere Lebensgeister begonnen hat, von oben her auf Hals und Rücken und von unten auf die erstarrten Füsse.

Langsam, unendlich langsam verstreichen die Minuten. Achtung — Stein!... Diesmal gilt es unserm Freund am oberen Seilende. Mit einer raschen Kopfbewegung kann er dem Unheil entgehen. Wir andern beachten die fallenden Steine kaum mehr. So schlimm steht 's schon. Wir haben genug zu tun, der vor Nässe schlotternden Gelenke Herr zu werden. Bei Max scheint die Kälte schon weiter fortgeschritten zu sein. Er klagt über Gefühllosigkeit in den Füssen und vermag auch das Seil kaum mehr zu halten.

Drei Meter... zwei Meter... ein Meter... fertig! Zolo hat den jenseitigen oberen Couloirrand erreicht. Er sucht bestmöglich zu sichern und will uns nachkommen lassen. Aber o weh! Eine Bewegung ist uns kaum mehr möglich. Unendlich lange dauert es, bis ich bereit bin. Mit zwei Rucksäcken belastet, versuche ich, mich auf den « Weg » zu machen. Die vorbereiteten Die Alpen - 1945 - Les Aires21 Stufen sind schon verwaschen und nützen nicht sehr viel. Ich komme mit meiner Last nicht an den paar Felschen vorbei und muss wieder zwei Schritte zurückweichen. Kraft sammeln — unter dem verflixten Wasserstrahl! Neue Stufen hacken kann ich nicht mehr. Max aber ist ganz apathisch geworden. Wir müssen hier weg, sonst ist es zu spät. Diesmal komme ich über die Felschen hinweg. Nun soll ich die Eisrinne nach links oben überqueren. Von dort her kommt auch der Seilzug, während das Gewicht zweier Rucksäcke nach links unten zieht. Ich habe mir, wohl in verhängnisvollem Vertrauen auf die Seilsicherung, zu viel zugemutet. So gleite ich mit einem kurzen Obachtruf auch richtig aus und pendle schräg abwärts durch das Couloir, dorthin, wo die Steilheit noch grösser und das Eis noch härter wird. Zwar wird der Ruck oben aufgenommen. Aber im nächsten Augenblick schon höre ich den Schrei des Sichernden, er werde mitgerissen und könne nicht halten!...

Dauerte der Sturz Minuten oder nur eine Sekunde? Wenn ich nicht nachträglich hätte feststellen können, dass es sich nur um ungefähr fünf Meter gehandelt hat, die ich in der Fallirne geglitten bin, so könnte ich es nicht sagen. Immerhin sind meine Sinne urplötzlich wach geworden. Klar und deutlich sind die Gedanken. Ich erwarte, im nächsten Moment meinen Gefährten über mich in die Tiefe sausen zu sehen. Sein Gewicht wird meinem Körper dann eine fürchterliche Beschleunigung geben. Dort unten ist der Gletscher, dort werden wir zur Ruhe kommen. Rettung gibt es keine mehr; denn unser dritter Mann ist nur mit einer Reepschnur mit mir verbunden und wird nicht halten können. Jetzt ist es also fertig... Deutlich erinnere ich mich noch, dass Abgestürzte, die mit dem Leben davongekommen sind, über das Fehlen jeglichen Angstgefühls berichtet haben. Das stimmt also tatsächlich. Und nicht gerade sehr unangenehm ist dieses Gefühl des Verlorenseins. Vielleicht etwa so, wie ein Skifahrer empfindet, wenn er sich bewusst wird, dass er soeben zu einer allzu gewagten Schussfahrt angesetzt hat.

Und dennoch ist der Lebenswille in einer derartigen Lage meist nicht erloschen. Instinktiv hat mancher schon die winzigste Rettungsmöglichkeit auszunützen gewusst, nachdem er sich scheinbar mit dem Unheil abgefunden hatte. Mein Sturz verlangsamt sich. Schliesslich werde ich aufgehalten. Ein Blick nach oben lässt mich ahnen, in welcher Lage auch mein Freund schwebt. Kurz über dem letzten Felsabsätzchen steht er, im steilen Geröll angelehnt, das Seil über die Schulter gespannt, unbeweglich und lautlos. « Festhalten! Nur noch zwei Sekunden! » schreie ich. Dann richte ich mich empor und finde die Kraft, rasch hangelnd meinen früheren Standort schräg über mir zu erreichen, wo ich mich schwer atmend über die « Sicherungsstelle » werfe. Das Seil wird dadurch frei. Zolo berichtete mir nachher, das Geröll unter seinen Füssen wäre mit ihm abwärts gerutscht, und es wäre wirklich allerhöchste Zeit gewesen. Die Schultersicherung hat er beibehalten können. Sie wäre ihm aber im nächsten Augenblick verloren gegangen, wodurch er seinen letzten Stand verloren hätte.

Wir waren gerettet — vorläufig. Ich hatte mich sogar etwas erwärmt. Mein Kamerad neben mir starrte mich ziemlich willenlos an, und erst jetzt erfasste ich die Grösse der Erfrierungsgefahr. Ein nochmaliger Versuch meiner- seits konnte zu nichts Gutem mehr führen. Mühsam und etwas hilflos verständigte ich mich nach oben. Zolo würde es nicht begreifen können, dass wir aufgeben müssten, er, der ja die Hauptarbeit geleistet hatte und relativ trocken und warm geblieben war. Aber wir taten offenbar das einzig Richtige. Ich versuchte erst jetzt mit meinen blutenden Händen, den ständigen Begleiter meiner Hochfahrten, meinen Eishaken, einzuschlagen. Es misslang. Der Haken war zu kurz und das Eis zu wässerig. Zolo hatte auch einen in seinem Rucksack, den ich noch immer auf mir trug. Im Zeitlupentempo hatte ich mit ihm Erfolg. Minutenlang suchte ich hierauf den Karabiner, derweil Max mir zuschaute und der Gesuchte schon längst am Haken selber baumelte. Auch das noch! Endlich schnappte das Seil ein, und Zolo vollbrachte — von mir mit letzter Energie gesichert — sein zweites Meisterstück, nämlich um doppelte Seillänge das ganze Couloir abzusteigen, ohne weiter meine Kräfte in Anspruch nehmen zu müssen. Wie als Abschiedsgruss donnerte ihm ein kopfgrosser Stein nach. Aber die Gefahrenzone war schon frei.

Mein bisschen Wärme war unterdessen im Tropfwasser wieder zum Teufel gegangen. Aber wenn 's bis jetzt so gut verlaufen war, durfte es nun nicht mehr schief ausgehen. Mit unendlicher Mühe machte ich mich an das weitere Seilmanöver. Die Knoten wollten und wollten sich aber auch gar nicht lösen lassen! Blutende und gefühllose Finger eignen sich bekanntlich dafür schlecht. Bis Max richtig angeseilt war, war es höchste Zeit geworden, dass wir das Schlachtfeld räumen konnten. Ich liess ihn hinunter, verband Seil mit Reepschnur und folgte am doppelten Seil nach, Haken, Karabiner und verschiedene Blutspuren der Nachwelt überlassend. Der Eisrinne waren wir mit Glück entronnen. Die Fahrt war im übrigen misslungen. Und als Ergebnis zerschundene Hände, im Oberschenkel ein tiefes Steigeisenloch, pudelnass auch der Rucksackinhalt und das Seil steif gefroren. Aber eine Stunde später suchten wir zu dritt in unserm Schlafsack Schutz vor einem krachenden Berggewitter, das zu guter Letzt in einen endlosen Landregen auszuarten schien. Jetzt oben auf dem scharfen Firngrat — oder noch im Couloir! Prosit! Dieser Gedanke half uns die Angelegenheit mit gutem Humor überwinden.

Mit dem Bewusstsein, die Hauptschwierigkeit der Fahrt nicht gerade hundertprozentig angepackt, aber doch die Haut so teuer wie möglich verkauft zu haben, zogen wir zu Tal. Noch gerade rechtzeitig hatten wir die richtige Schlussfolgerung aus dem Unfall gezogen und bedingungslos kapituliert. Wenn ich mir nachträglich vergegenwärtige, dass anderntags eine sehr gute Seilschaft auf dem Grat hatte biwakieren müssen, so kann ich mich über unseren Entschluss nur aufrichtig freuen! Aber geschlagen waren wir diesmal von Kräften des Berges, die nicht jedem Bergsteiger gegenwärtig sind, hauptsächlich aber — kaum zu glauben — von der Nässe.

Und die Moral von der Geschichte: Sieh unter keinem Wasserfall mehr zu, wie ein Eiscouloir bezwungen wird, während das Leben tropfenweise entflieht und du langsam, aber sicher vereisest!

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