Auf Schneeschuhen vom Lötschental ins Haslital; eine Pionierfahrt um die Jahrhundertwende

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Friedrich Weber

Aus der Frühzeit des alpinen Skilaufs erzählt ein Ski-Veteran ( Schluss ) Mit 2 Bildern ( 18, 19 ) ( Lugano ) Am Morgen des Berchtoldstages war das Unwetter noch nicht ausgetobt. In der Ungewissheit aber, wie lange wir hier oben festgehalten werden sollten, wollten wir, um die Unsern daheim nicht durch zu langes Ausbleiben zu beunruhigen, den Weitermarsch wenigstens nicht unversucht lassen und entschlossen uns, trotz Sturm und Nebel und heftigem Schneetreiben, einen Ausbruch zu wagen. Um 9 Uhr verschlossen wir die Hüttentüre erheblich besser, als wir sie vorgefunden hatten — um sie um die Mittagszeit schutzsuchend wieder zu öffnen! Für kaum einen Kilometer Wegs hin und zurück hatten wir drei Stunden gebraucht! Kleine 100 m waren wir auf der andern Seite des Jochs abgestiegen, fanden dann aber die Situation doch allzu bedenklich. Schien es uns doch fraglich, ob wir uns auf dem ebenen Teil des Oberaargletschers selbst mit Kompasshilfe immer in der sichern Mitte halten könnten, wie es die von den beidseitigen Hängen drohende Lawinengefahr erfordert hätte, die besonders auch an der Zinkenwand bestand. Der Gedanke an die Angehörigen und die Überzeugung, dass ein Abwarten besseren Wetters doch die grössere Sicherheit gewähre, verhalfen der Vernunft zum Sieg. Während dieser Beratschlagung von wenigen Minuten war das Seil, das wir anlegen zu müssen geglaubt, schon etliche Zentimeter überschneit. Also zurück! In den Felsen am Fuss des Oberaarhorns liessen wir im Schutz einer Spalte unsere Ski zurück und kämpften uns wieder zur Hütte zurück, wo wir uns bald mit dem Gedanken vertraut machten, hier unter Umständen eine Woche oder länger festzusitzen, und uns dementsprechend « häuslich einrichteten ». Zunächst wurde Revue gehalten über unsre Proviantvorräte und wurden diese wie auch der Brennstoff für sechs Tage rationiert; bei wider Erwarten verlängertem Aufenthalt sollten die reduzierten Rationen durch längere Schlafperioden gestreckt werden. Verhungern sollten wir wohl nicht so bald, denn es war grösstenteils hochwertiges « Kalorienfutter », was da auf dem Tisch ausgebreitet und eingeteilt wurde: Speck, Butter, Zucker, Honig, Konfitüren und andere Süssigkeiten. Unsern Holzvorrat hatten wir nicht umsonst gespart und 30 km weit hierher geschleppt, hier sollte er uns sehr zustatten kommen Hatten wir doch unsre liebe Not damit, durch Verstopfen der Spalten und Risse um Türe und Fenster der eisigen Luft und dem feinen Schneestaub den Zutritt zu wehren, der mit jedem Windstoss alles im Hütteninnern überpuderte. Unter Kälte hatten wir gleichwohl nicht zu viel zu leiden, tagsüber sank die Temperatur nicht unter — 5°, und die auf zwölf Mann Die Alpen - 1952 - Les Alpes4 berechnete Deckenzahl genügte auch nachts für uns. Die drei Tage vertrieben wir uns mit Kochen, Essen, Dauerjass und Schlaf. In Ermangelung einer Hausbibliothek musste das Studium des « Hüttenbuches » als Unter-haltungslektüre dienen. Darin fanden wir auch unsere ersten winterlichen Vorgänger von 1897 ( Paulcke und Gefährten ) verewigt und deren wenige Nachfolger von 1901, wohlbekannte Namen von deutschen Skipionieren. Vor wenigen Wochen erst hatte sich als letzter Hüttengast eine weitere grosse « Skikanone » eingetragen, H. Hoek aus Freiburg i. B., der im November von hier aus mit zwei Oberländer Führern das Finsteraarhorn bestiegen. Neben meiner Tour auf denselben Berg rief mir mein eigener Eintrag vom August 1900 auch meinen vorangegangenen Abendspaziergang als Alleingänger auf das nahe Oberaarhorn ( 3642 m ) in Erinnerung, von dessen Gipfel ich einen unvergesslichen Sonnenuntergang in voller Einsamkeit genossen und bis zum letzten Schimmer des verblassenden Alpenglühens ausgekostet hatte. Die darauffolgende Nacht in der von zwanzig Touristen überfüllten Hütte, wo man nur noch « hochkant » auf dem Heulager mehr liegen als schlafen konnte, war schon ein erheblich geringerer Genuss gewesen — welch ein Kontrast hiegegen unser gegenwärtiges Nachtlager in klimatischer wie auch « menschlicher » HinsichtEine weitere beliebte Beschäftigung während unsrer Gefangenschaft war die Beobachtung des Luftdrucks, der uns mehr interessierte als die Temperatur. Stunde um Stunde konsultierten wir den mitgebrachten Aneroidbarometer. Bis zum Abend des zweiten Tages war er ständig und stark gefallen, während der orkanartige Sturm mit unverminderter Gewalt die Hütte umtobte und sie mit so furchtbaren Stossen rüttelte und erschütterte, dass wir befürchten mussten, sie werde vom Felsgrat losgerissen und in die klaffenden Schrunde am Fusse der Wand gestürzt. Am dritten Tag machte sich dann nach einigem Stillstand ein langsames Steigen des Luftdruckes bemerkbar, und jeder gewonnene Millimeter wurde mit lautem Hurrah begrüsst. In der folgenden Nacht blies auch die « Fiescher Musik » nur noch mezzoforte und flaute allmählich ab, und schon am Morgen des vierten Tages herrschte bei wolkenlosem Himmel völlige Windstille. Die Stunde der Befreiung hatte geschlagen, und schöner hätte der Tag nicht anbrechen können. Es war aber auch hohe Zeit: rascher als der Proviant war wegen des anhaltenden Sturmes unser Holzvorrat zur Neige gegangen! Wohl hatte Herr Hoek bei seiner Skitour im November hier noch Brennholz zurückgelassen mit der ausdrücklichen « Bitte um Schonung! », doch musste auch dieses noch in Flammen aufgehen, um unsere steifgefrorenen Kleider und Schuhe, Strümpfe und Wadenbinden aufzutauen! Dafür hatten wir die Genugtuung, als wenigstens teilweisen Ersatz für das fremde Holz einen Liter Spiritus in verlöteter Blechflasche für unsre unbekannten Nachfolger zurücklassen zu können.

Nun aber hielt uns nichts mehr. Bis das wohlaufgeräumte gastliche Hüttchen verlassen und bestmöglich verschlossen war, war die Sonne schon weit herabgerückt an der Steilwand des Finsteraarhorns. 9 Uhr wurde es, bis wir aus der frisch verschneiten Felsnische am Joch unsre Ski hervorholten zur Abfahrt über den Oberaargletscher. Zunächst einige Kilometer stäubend durch lockeren Pulverschnee in sausendem Tempo — der Glanzpunkt unsrer ganzen Tour! Als die abnehmende Neigung des Gletschers die anfängliche Schussfahrt mässigte, und schon in seinem mittleren Teil bei dem geringen Gefälle von 5-6° der Schwung zu erlahmen drohte, kam uns willkommene « Hilfe von oben »: ein sachte anschwellendes Lüftchen wehte vom Joch herab und blies uns in die Segel, die weit ausgespannten Jacken; dieses neuartige Vergnügen des « Ski-Segeins » trug uns in geniesserischer Fahrt rasch bis ans Gletscherende. Dabei entging uns nicht, dass die beidseitigen Gletscherufer fast in ganzer Länge mit zahlreichen frischen Lawinenkegeln überdeckt waren, was das Aufgeben unsres vorzeitigen Fluchtversuches und das Ausharren in unsrer « Schutzhaft » zu unserer nicht geringen Genugtuung vollkommen rechtfertigte. Ganz abgesehen von der vermiedenen Gefahr wäre uns in diesen letzten Tagen jeglicher Genuss dieser Abfahrt versagt geblieben. Heute aber sahen wir uns wenigstens noch reichlich entschädigt für alles, was wir in den sieben Tagen, seit wir vor Goppenstein die Ski angeschnallt, ertragen und erlitten hatten. Diese wurden reichlich aufgewogen durch die Freuden dieser etwa halbstündigen Abfahrt um gerade 1000 m Höhe, die uns die letzten 7 von den rund 50 km unsrer Route bescherten. Hoch befriedigt schauten wir zurück auf unsere Spuren vom Oberaarjoch bis herab zum Gletscherende. Als Ausklang stand uns nun noch bevor: eine sehr romantische Fahrt durch die enge Klamm der Oberaar zum 400 m unter uns liegenden Talboden der Unteraar hinab mit der etwas heikein Partie der Zinkenwand im tiefen Lockerschnee, die Querung des ebenen Unteraarbodens, und als pikanter Abschluss die reizvolle Partie durch die Spitellamm über den unter unsern Füssen gurgelnden und glucksenden unsichtbaren Wassern der zumeist vom Lawinenschnee überdeckten Aare. Bald nach Mittag war das Ziel unsrer Tour, das alte Grimselhospiz, erreicht. Für ein paar Stunden leisteten wir den beiden einsamen Winterknechten Gesellschaft, dann ging 's auf ungebahnter Strasse durchs Haslital hinaus — nicht überall ganz ohne Schwierigkeiten, wo die prallen Granitwände steil in die Schlucht abstürzen.

Kurz über der Handeck um eine Felsecke biegend, stehen wir unvermittelt zwei Talbewohnern auf Skiern gegenüber — einer Suchpatrouille aus Guttannen auf dem Weg zum Oberaarjoch! Durch das schlechte Wetter über unser Ausbleiben beunruhigt, hatte man von Zürich aus bereits Hilfe aufgeboten — etwas verfrüht! Die beiden Bergführer Ott und Rufibach, mit dem einen von uns schon seit langen Jahren befreundet, waren ob dieser unerwartet « vorzeitigen » Begegnung mit den Gesuchten nicht weniger erstaunt als wir und waren gewiss auch nicht weniger froh als wir darüber, dass ihre « Suchaktion » so rasch beendet war. Denn schon hatte es inzwischen wieder begonnen zu schneien, als wir in gemeinsamer Talfahrt die Handeck passierten. So hatten wir also den richtigen Augenblick einer kurzfristigen Aufheiterung gerade erwischt und zu unsrer Flucht benützt, bevor eine neue Schlechtwetterperiode mit weiteren Schneefällen eintrat, die unsere Neujahrsfahrt noch unliebsam hätte verlängern und uns in eine kritische Situation versetzen können. Unser von gutem Erfolg gekröntes Unternehmen hätte dann vielleicht einen andern Verlauf und Ausgang genommen — wir hatten Glück, sehr viel Glück!

Nachschrift 50 Jahre nach Niederschrift des obigen Berichtes mag eine heutzeitige Nachbetrachtung dazu angebracht und von aktuellem Interesse erscheinen. Zunächst sei noch nachgetragen, dass als Begleiter des Erzählers zwei seiner Klubkameraden vom AACZ: O. Fischer ( t ) und P. Rühl ( Bern ), teilnahmen.

In dieser Tourenbeschreibung liegt der wörtliche Text eines Lichtbild-vortrages vor, der vom Verfasser im Januar 1902 im engeren Kreise des AACZ gehalten wurde. Sein vergilbtes Manuskript ist vor kurzem wieder ans Tageslicht gekommen; es hätte seinerzeit in der « Alpina », dem damaligen Organ des SAC, zum Abdruck gelangen sollen, doch ist seine Veröffentlichung unterblieben. Dies hatte zur Folge, dass diese « Erste Ski-Traversierung der Berner Alpen vom Lötschental zur Grimsel » nicht in die Annalen der alpinen Skitouristik einging und der Vergessenheit anheimfiel. In keiner der diversen Chroniken des alpinen Skisportes ( C. Egger 1909; M. Kurz 1925; M. Senger 1931; J. Mercier 1928 ) findet sich unsere « Première » vermeldet. Auch geht aus keiner derselben hervor, wer unsre ersten Nachfolger auf unsern Spuren waren; die erste Beschreibung einer Skitour durchs Lötschental zur Lötschenlücke findet sich im Jahrbuch « Ski » von 1909, ausgeführt im Februar 1909 von A. Mottet und zwei Begleitern. Bis zur Wiederholung unsrer Tour scheinen also volle sieben Jahre verstrichen zu sein. Dann aber wird sie auf einmal « grosse Mode »! Schon vor 25 Jahren hat Marcel Kurz in seinem verdienstlichen Buch « Alpinisme hivernal » die Prachttour « Grimsel-Konkordia-Lötschental » « die klassische Haute Route der Berner Alpen » genannt, die « besonders im umgekehrten Sinne schon oft gemacht wurde », und nicht umsonst hat er für dieselbe geworben.

Wenn sie heute zur sehr beliebten und auch im Sommer viel befahrenen « Ski-Piste » geworden, so hat hiezu nicht nur die grosse Erleichterung dieser Tour durch die heutigen Unterkunftsverhältnisse beigetragen, sondern weit mehr noch die gewaltige Entwicklung und Ausbreitung des Skisports und der Skilauftechnik in diesen fünf Dezennien und, damit eng verbunden, die ungeheure Verschiebung und Umwertung aller Maßstäbe und Begriffe auf alpinistischem und besonders skisportlichem Gebiet seit Beginn unsres Jahrhunderts. Als wir damals dieses « neuartige » Unternehmen wagten und ausführten, waren wir zwar alle drei keine Neulinge im alpinen Skilauf mehr, ein jeder von uns hatte etwelche Erfahrungen im Gebrauch der Ski auf winterlichen Bergtouren gesammelt; wir waren keine « Stockreiter » mehr, sondern leidlich geübte Skifahrer nach damaligem Begriff — im Lichte der heutigen Skitechnik allerdings waren wir doch noch klägliche Stümper! Denn erst in den nachfolgenden Jahren ( ab 1902 ) wurden die ersten Skikurse in der Schweiz wie auch die ersten Schweizer Skirennen veranstaltet! Zuvor hatte uns noch kein Norweger einen Telemark- oder Christiania-Schwung vorgemacht; Stemmbogen- oder Slalomlauf kannte man noch kaum dem Namen nach, einen kunst- und sportgerechten Skisprung hatte in der Schweiz noch niemand gesehen; denn Sprungschanzen gab 's noch keine. Aber auch die modernen Skibindungen, Metallkanten. und andere Verbesserungen am Ski kamen erst viel später auf.

Mit der heutigen Ausrüstung und Ausbildung wird der Skitourist die zur Piste gewordene Haute Route der Berner Alpen in ganz anderer Weise und unter ganz andern Voraussetzungen zu meistern vermögen; spielen doch selbst die Schneeverhältnisse heute kaum mehr eine entscheidende Rolle, wären sie nach unsern damaligen Begriffen auch noch so ungünstig. Ausserdem aber stehen nun am Anfang wie am Ende dieser Haute Route moderne Hotels zur Verfügung ( Fafleralp und Grimsel ) und dazwischen nicht weniger als vier neue Klubhütten des SAC, ausserdem beiderseits der Mitte noch die Hotels am Eggishorn und Berghaus Jungfraujoch mit der bequemen Zufahrt per Bahn. Leichter kann es dem alpinen Skifahrer, der die Genüsse dieser herrlichen Haute Route auskosten möchte, wohl kaum mehr gemacht werden. Leistung und Wagnis in diesem Unternehmen sind also heute wesentlich anders zu bewerten als zur Zeit unsrer Neujahrsfahrt um die Jahrhundertwende! Wetterglück, Umsicht und Vorsicht erheischt dasselbe aber bei allem skisportlichen Können auch heute noch!

Feedback