Auf Ski durchs Hochgebirge

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Erste Besteigungen der Berner Viertausender mit Ski ( Januar 1902 ) Mit 2 Bildern ( 2, 3Von Dr. Jean Jacques David -f- Vorbemerkung der Redaktion. Das allgemeine Interesse, das die Schilderung der ersten Längstraversierung der Berner Alpen auf Schneeschuhen durch Friedrich Weber ( « Alpen » 1952, S. 1 f. ) gefunden hat, gibt uns Veranlassung, eine weitere alpine Tat zu veröffentlichen, die ebenfalls vor 50 Jahren durchgeführt wurde, nämlich die ersten Besteigungen der Berner Viertausender mit Ski.

Der Basler Naturforscher und Afrikareisende Jean Jacques David1 kam nach einer anstrengenden Afrikareise im Dezember 1901 zurück in die Schweiz zur Erholung. Einer Einladung seines Jugendfreundes Rudolf Schürch folgend, machte er mit entlehnten Ski eine Übungstour des Skiklubs Bern ins Diemtigtal mit. Wie er drauflos zog! Er machte sich an die 1 Man lese sein Lebensbild: Jahrbuch des SAC 1909, S. 153 ff., und Wadi Natron, Jahrbuch SAC 1897, S. 224 ff.

Die Alpen - 1953 - Les Alpes1 besten Fahrer heran, liess sich von ihnen anweisen, alle Kniffe und Tricke erklären, und am Schluss des Übungskurses konnte er schon ganz ordentlich, ohne zu stürzen, kleine Abfahrten machen. Sofort entschloss er sich, nach Grindelwald zu gehen und gründlich zu üben. Schon nach zehn Tagen zog er allein mit seinen Ski nach der Station Eigergletscher der damals im Bau begriffenen Jungfraubahn. Da das Wetter günstig war, bestieg er am folgenden Tag allein den Eiger und fuhr noch am gleichen Tag nach Grindelwald hinunter. Zu jener Zeit hatten G. Hasler aus Bern und eine Deutsche, Helene Kurze, Winterhochtouren auf Jungfrau, Mönch und Schreckhorn - zu Fuss, ohne Ski - unternommen. Als David von ihren mühsamen Schneestapfereien Kunde erhalten hatte, kam er auf den Gedanken, das könnte man auf bequemere Weise mit Ski auch erreichen. Er reiste nach Bern, um einen Kameraden zu finden. Der ihm empfohlene junge stud. iur. Paul Koenig war gleich begeistert und machte freudig mit. Die Beschreibung ihrer Taten, die J. J. David seinem kurz nachher auf einer Skitour über den Grenzgletscher verunglückten jungen Kameraden gewidmet hat, war nur als Manuskript für die Familie des Verstorbenen gedruckt und ist bisher nicht veröffentlicht worden. Mit deren Bewilligung halten wir nach einem halben Jahrhundert diese jugendfrischen Taten vom Januar 1902 fest.j)ie Redaktion Ein Bergsteiger, der in den sonnigen Stunden der mittleren Januarwoche an den Halden des Grindelwaldner Sonnenhalb lag und die Blicke über die klaren Hörner der Gebirgskette schweifen liess, musste es schwierig finden, seine Augen oder gar sich selbst von der verlockenden Umgebung zu trennen. J^eise Träume und Pläne umspielten die dahinten liegenden Firne, von denen hie und da glitzernde Kanten herüberlugten - die Fäuste ballten sich unwillkürlich, wenn man der lockenden Felsen da oben und der zu besiegenden Eisgräte gedachte -, die Spitzen und die Sonne lugten um die Wette verführerisch herunter. Seit Wochen mussten sich die besten " Verhältnisse droben vorbereitet haben. Zwei Eigerbestei-gungen, die eine am 13. in zwölfeinhalb Stunden, die andere am 18. in siebeneinhalb Stunden vom Eigergletscher zur Spitze ausgeführt, hatten uns von der prächtigen Gunst der Winterverhältnisse überzeugt. Aber weit entfernt, bei den -22 Grad Celsius auf dem Grat und den -19 Grad Celsius auf der Spitze unser Mütchen gekühlt zu haben, kehrten wir nur ungesättigt von all den erblickten Schönheiten zurück, nach einem Mehr und nach Höherem dürstend.

Die Sehnsucht nach den lichtumflossenen Höhen trieb mich nach Bern, einen tüchtigen Gefährten zu suchen. Welch besseren konnte ich finden, als unsern lieben Paul Koenig, dessen bergsteigerische Eigenschaften auf derselben Höhe standen wie die seines Charakters! Beide verbürgten das Gelingen der ansehnlichen Fahrt, die wir vorhatten, und boten die Gewähr höchsten Genusses während jener Stunden innigster Naturverehrung, deren besonderen Ausdruck man in den winterlichen Einöden des Hochgebirgs findet. Mit seiner gewohnten, überschäumenden Lebensfreudigkeit war Paul in einer halben Stunde bereit und gerüstet, und wir fuhren nach Grindelwald.

Am 21. Januar, 8 Uhr, verliessen wir das « Hotel Bär ». Ein Träger, der uns zur Berglihütte begleiten sollte, hatte sich fürsorglich einen Begleiter zum Rückweg über die Fiescherwand für den nächsten Tag ausbedungen. Zwei Engländer, durch unsere Sirenengesänge vom Hüttenleben und von Gletscherwanderung gewonnen, hatten sich zum Mitgehen beschlossen und sollten dann nächsten Tags die Rolle am zweiten Seilende übernehmen, wenn unser Begleiter am nächsten Morgen nach Grindelwald absteigen wollte. Wir selbst und der Träger beluden uns mit Proviant für fünf Tage, wozu an der Bäregg noch das nötige Holz kam, und vor die Skier gespannt, ging es voran.

Oben am tief verschneiten Kalli erfasste uns ein Schneesturm; die Fiescherwand zierte sich gewaltig, als wir sie in Angriff nehmen wollten. In dem heftig peitschenden Unwetter, das uns scharfe Kleingeschosse ins Gesicht trieb, sahen wir uns bei der eingebrochenen Nacht kaum mehr. Die übermässig gepackten Rucksäcke entpressten uns unklassische Zitate, die allerdings meistens aus der Hörweite der Kameraden weggefegt wurden, die Skier rasselten, wenn die dünnen Brettchen rüttelnd vom Sturm über die Eisgehänge gerissen wurden... Wir erreichten die Berglihütte ( 3300 m ) erst um 7 Uhr abends in so gedrückter Stimmung, dass sogar der jüngste unter uns die Welt in hoffnungsloser Stimmung ansah und eine Flasche Champagner für unsere Chancenlosigkeit und für schlechtes Wetter ver-wettete.

Allein die Pessimisten sollten diesmal nicht recht behalten. Beim ersten Blick aus dem Fensterchen am nächsten Morgen überzeugten wir uns davon, dass der Sekt wirklich gewonnen war! Beim zweiten beschlossen wir, das Grosse Fiescherhorn zu besteigen, und schon der dritte, lange, genügte, uns in jene herrliche, unwiedergebliche Stimmung zu versetzen, die uns für mehrere Tage nicht verlassen sollte, unter jenen ästhetischen Eindruck, den die über und über weissen Bergriesen auf uns machten, in jenes Bewusstsein des einsamen, ja fast bessern Menschen, das man in fahrtenreichen Sommermonaten, wo Menschen oder Jodler allerorten Leben bringen, nicht so rasch empfindet... Zum untern Mönchsjoch ( 3605 m ) aufsteigend, verabschiedeten wir uns von unsern Gefährten, den Engländern und dem Führer. Wir sollten nun fünf Tage lang keine Menschen mehr zu Gesichte bekommen und waren auf uns selbst und auf unser beider Freundschaft und Vorsicht angewiesen.

Am Mönchsjoch empfing uns die volle Pracht der Sonne. Das Ewigschneefeld und der Kranz der Berge ringsum, für die kommenden Tage unser Schlachtfeld, lagen im gleissenden Glänze vor uns. Fürs erste konnte von Skilaufen noch keine Rede sein; wir stiegen, den Walcherenkopf und Fieschergrat zur Linken lassend, auf steil geneigtem Firnhange schräg hinan; über Eiswände ging es lavierend und mit Stufenhacken oder auch nur mit Hilfe der zackigen Steigeisen hinan. Spalten waren meist von Schnee geschlossen. Nach drei Stunden, 10 Uhr 30, sassen wir rittlings auf der Schneekante des Fieschergrates, vor dem letzten steilen Gipfelgrat und sahen nach Norden wieder nach Grindelwald und den trotz ihrer schneeigen Weisse in dunkle Schatten gehüllten Gletschern der Nordseite hinunter. Der Beleuchtungsunterschied der beiden Flanken dies- und jenseits der Wasserscheide war bei dem winterlich niedrigen Stande der Sonne und auf der weissen Schneedecke ein doppelt zum Auge und zum Gemute sprechender. Nach einem kurzen Imbiss auf roten « warmen » Felsplatten, deren Wärmeabsorptionsvermögen sich allerdings zu gering erwies, um unsern Tee in der Aluminiumflasche aufzutauen, ging 's dem Gipfel zu. Die nicht ganz unbedeutende Kletterei verlangte aber doch nur den Aufwand der gewöhnlichen, auch im Sommer nötigen bergsteigerischen Behendigkeit. Auf dem Firste von Klareis, wo wir auf der Kante hinanzusteigen hatten, so steil, dass man stets die Schuhnägel an den Sohlen des Vordermannes zählen konnte, kamen uns glücklicherweise die Staffeln einer jüngst ausgeführten und unter der Leitung eines Grindelwaldner Führers gründlich gesicherten Erklimmung zugute. Wir beschlossen, jenen First noch nicht als « exponiert » zu bezeichnen. Um 2 Uhr 10 war der Steinmann auf dem Gipfel ( 4059 m ) erreicht. Dort freuten wir uns an der prachtvoll klaren Aussicht, dem Nebelmeer im Tale, dem Jura mit Vogesen und Schwarzwald dahinter, und speisten: Foie gras. Das schwarze Foulard, das wir während des Verweilens als Flagge am Pickel hissten, wurde erst um 3 Uhr heruntergeholt und der Abstieg nach den Gendarmen des Ostgrates angetreten. Die Traversierung fand ihren schönen und echt winterlichen Abschluss mit einer behutsamen Querung von frischem Schnee und einer langen Glissade, die uns rasch über Hänge, Schrunde und wattenweiche Schneehalden auf den Schoss des Ewigschneefeldes brachte.

Inzwischen stieg die Nacht aus den Tiefen herauf. In unnennbaren Farben glimmten die Felsspitzen und der zuckergussartige Schneebelag des Gneisufers aus nächster Nähe auf uns herab, als wir die lange Wanderung auf dem flachen Firnsee nach dem dort oben winkenden untern Mönchsjoch antraten. Jupiter begann einen leisen Schatten zu werfen, der auch dem guten Auge in vagen Lichthauch auseinander zu laufen schien. Die andern Sterne glitzerten in die arktische Nacht hinaus. Alle diese apokalyptischen Farbenharmonien begannen zur gedämpften Musik zu werden, in der die individualisierten Felsformen und Sternbilder ein freudiges Leitmotiv und der mit Glorie aufsteigende Mond ein rauschendes Gewoge von jubelnden Tönen bildete. Und dann wieder schien die Stille der kalten, klaren Winternacht so unsäglich tief, dass « man sie förmlich hörte »; ein leichter, metallener Ton schien dann die Luft zu erfüllen. Wir nahmen ihn für das Rauschen des Blutes in unsern Kopfadern. Und wir fühlten mit gebieterischer Macht dieses Schweigen über uns kommen, uns durchdringen und umfassen, also, dass wir nicht einmal den nun erfolgenden glanzvollen Aufgang des Vollmondes über dem Fiescherhorn mit einem hörbaren Ausdruck unsrer Bewunderung zu begrüssen vermochten. Wir hätten die Stille nur gestört. Ich spürte einen leichten Ruck am Seil und gewahrte, mich umdrehend, wie mein Freund die Finger auf die Lippen legte und sich stillschweigend auf die Eisaxt setzte.Voller Andacht liessen wir uns auf die Knie und schauten lange.

Dieser Aufmarsch exquisit schöner Naturvorgänge hätte uns beinahe zu Tränen gerührt. Wir taten uns aber Gewalt an; sie wären ja auch gefroren im Herunterrinnen! Als wir raschen Schrittes über den knirschenden Schnee die Schwelle der Berglihütte - das Mönchsjoch -und gleich nachher das gastliche Dach erreichten, da bewies unser Humor, dass wir nicht nur der « abgrundtiefen » lyrischen Gattung der Gefühle, sondern auch einer recht übermütigen Hüttenstimmung zugänglich waren. Mit Wonne zündeten wir unser Feuer an, in dem Bewusstsein, heute abend mit unsern Fressalien den höchstgelegenen Herd Europas zu beschicken. Während die biwakgewohnte Lunge des einen mit Aufwand aller Gebläseluft endlich auch des widerwärtig feuchten Brennholzes Herr wurde, war der andere damit beschäftigt, die gefrornen Gamaschen und Riemen aufzuschneiden oder aus einem vereisten Blechdoseninhalt die Bestandteile einer Mahlzeit herauszubrechen. Die Wartezeit bis zur Fertigstellung des Abendessens wurde mit einem lehrreichen Vortrag « Über die praktischen Handreichungen im Camp- und Hüttenleben » ausgefüllt. Dann folgten witzige und moralisierende Ergüsse; das Geräusch brodelnder Maggisuppe und wohlige Wärme, um null Grad herum, erfüllte den Raum; wir selbst hörten auf zu schlottern; dafür begannen nun unsere Kleidungsstücke dies zu tun, die über dem Ofen allmählich aus dem hartgefrorenen Zustande aufzutauen begannen. Zuletzt wurde noch eine gute Ladung flaumweichen Neuschnees als Wasservorrat hereingeholt, für die Nacht eine Limonade gebraut, auf dem Vorplatze im Angesichte des Schreckhorns eine Zigarre geraucht, und dann suchten wir uns mit sämtlichen Decken der gastlichen SAC-Hütte auf der Pritsche ein möglichst warmes Lager zu bereiten. Wir waren doch sicher, von niemand gestört zu werden; selbst die Séracs des Fieschergrates hielten mehr Ruhe als in den lauen Sommernächten.

Am nächsten Morgen brachen wir um 8 Uhr 30 auf. Beim Mönchsjoch, das für uns jetzt schon, auch ohne die sich langsam heraufarbeitende Jungfraubahn, zur Umsteigestation wurde, schnallten wir die Skier an, und auf unsern Norwegern ging 's in raschem Lauf nach dem Obern Mönchsjoch und an den Fuss des Mönch. Schon um 2 Uhr 15 erreichten wir unter starkem Sturm, aber unter völlig klarem Himmel und bei reiner Aussicht den Gipfel ( 4106 ). Die Skier wurden hinterm Joch bis an den Griff in den Schnee gerammt. Die Schneeverhältnisse waren zwar für Skilauf durchaus keine günstigen; manchmal ging 's in recht gefährlicher Unsicherheit, da der alte Schnee keine rechte Führung gab, oder in mühseligem Schlittern über die harten Schneehöcker. Immerhin sparten wir viele Mühe und Zeit; der Ski bildet die willkommenste Kompensation der im Winter kürzeren Tagesdauer und der durch die Kälte geminderten körperlichen Ausdauer. Wir haben an diesem und den folgenden Tagen in der Regel einen Vorsprung über die sommerlichen Marschzeiten erreicht.

Vom Gipfel des Mönch nahm, inmitten all der mit fast übernatürlicher Klarheit enthüllten Berglandschaft, bald die zu unsern Fussen liegende Mulde des Eigergletschers unsere gespannte Aufmerksamkeit in Anspruch. Dort lagen fast senkrecht unter uns die Baracken der Jungfraubahnunternehmung, die ich erst vor einigen Tagen verlassen hatte, nachdem sie mir bei unsern Angriffen auf den Eiger zwei Nächte lang gastfreundliche Unterkunft gewährt. Heute sahen wir mit deutlicher Klarheit vor uns das ganze Tracé der zukünftigen Hochgebirgsbahn von der Scheidegg an auf allen seinen Etappen. Vor unserm Auge tauchten die Zeiten auf, wo man am Jungfraujoch Ansichtspostkarten kaufen und einwerfen wird, wo die Grindelwaldner Führer als uniformierte Schaffner mit der Pfeife im Mund die Jungfraubahn bedienen werden und die Stationen ausrufen - und wo wir uns schon längst andre Berge und andre Gletschereinöden zum Schauplatze ausgesucht haben dürften! Aber einstweilen freuen wir uns noch der dort Schritt um Schritt siegenden Technik und der Glüh-lampe, die an der Galerie hoch oben in der Eigerwand ( 2600 m ) allabendlich wie ein Berg-feuerchen nach Grindelwald hinunter leuchtet.

Zu lange durfte unseres Bleibens auf dem Gipfel des Mönch nicht sein. Ein kalter Wind schnitt uns bis auf die Knochen. Die Handschuhe waren beim Aufstieg über das übergwäch-tete Dach, wo wir stets mit den Händen in den überhängenden Schneefirst hatten hineingreifen müssen, hart gefroren. Zwar versuchten wir es mit den Reservefäustlingen, die wir stets in der Tasche mittrugen: auch legten wir uns auf der windgeschützten Flanke des Berges in die Sonne und schmiegten uns auf dem Schnee eng aneinander. Doch es fruchtete nicht viel; die Kälte betrug etwa -15 Grad Celsius, und wir mussten bald der unbeschreiblich klaren Aussicht, die man vom Gipfel genoss, den Abschiedsblick zuwerfen.

Nach vorsichtigem Absteigen auf dem Dachfirst schwenkten wir nach rechts von unsrer Aufstiegsroute ab, vertrauten uns trotz der äusserst steilen Halde erst den Felsen, dann dem festen Winterschnee an und erreichten sehr rasch - in etwa anderthalb Stunden - auf dem Rücken abrutschend den Randschrund und mit einem grossen Sprunge den Firn am Mönchsjoch. Unsere Schneeschuhe standen dort, wie gewöhnlich bis an den Griff in den Firn eingerammt und mit Riemen zusammengebunden, um sie vor dem Peitschen des Sturmes zu schützen. Die Fussbekleidung wurde gewechselt, der letzte Proviant aus dem Rucksack verzehrt, und dann ging 's auf unsern langen Brettern über das Obere Mönchsjoch und das Ewigschneefeld nach dem Untern. Diese Fahrt über die sanftgeneigten, reinen Schneeflächen war so genussreich, dass nur der eine von uns, den heute der Dienst des Anheizens und Kochens in der Hütte traf, es über sich brachte, nach unserm Quartier zurückzukehren, der andere aber vertrieb sich noch lange die Zeit mit jenem Dahingleiten in leichten Bögen, das mehr als jede andere Bewegungsart einen Vorgeschmack des Fliegenkönnens gibt. Und auch heute abend brachten wir es nicht über uns, nach der Erledigung unseres Erbsbreies und des abendlichen Speckes die wohlverdiente Ruhe zu suchen, sondern lagen noch lange plaudernd, rauchend und träumend auf den spärlichen anstehenden Felsen vor der Hütte. Silbern glänzten die Séracs der Fiescherwand wieder im Mondlicht. Endlich schlössen eie- mentare Hochrufe, die wir auf alle möglichen uns am Herzen liegenden Objekte ausbrach-ten, als ein aus vollster Seele kommendes Finale den Abend.

Am nächsten Morgen wurden in aller Eile unsere diversen Frühstücksbissen verzehrt, das Gepäck bis zum letzten Stück Zucker und zur letzten Lederstrippe aufgepackt, die Hütte gereinigt und fort ging 's. Die gastliche und trotz ihrer 2999 Meter über Meereshöhe warme Hütte war uns lieb geworden. Die Skier brachten uns mit nennenswerter Zeitersparnis auf den Jungfraufirn. Wir verliessen das Bergli um 6 Uhr 40 und rammten die Brettchen um 10 Uhr oben am Jungfraufirn, westlich vom Jungfraujoch, ein. Wir konnten stets, insbesondere später bei der Abfahrt über den Aletschgletscher, Vorsprünge über die sommerlichen Marschzeiten erzielen. Zwar waren die Schneeverhältnisse wegen der Spärlichkeit der Niederschläge seit Dezember und wegen der Ausaperung der harten Schneebretter und der Höcker die denkbar schlechtesten. Deshalb konstatierten wir um so mehr den Vorzug, den die kurzen Skier ( 1 m 80 ) für den Hochgebirgsmarsch vor den langen norwegischen Schneeschuhen besitzen, die 2 Meter 20 - je nach der Höhe des Fahrers - messen. Wir führten auf unsrer Unternehmung ein langes und ein kurzes Paar mit, die sich vortrefflich zum Vergleiche eigneten. Von viel geringerer Bedeutung ist die Befestigungsart. Über Risse und verschneite Spalten gelangten wir mit grosser Leichtigkeit hinweg. Auch für Bergauf-Laufen ergaben unsere Skier bei dieser Fahrt Vorteile. Natürlich eignen sich die Oberländer Vorberge, wenn nur genug Schnee liegt, viel besser zum Kunstfahren. Allein wir hatten unsere Brettchen ja nur als Mittel zum Zwecke des Bergsteigens mitgenommen, und da haben sich die kürzeren Skier viel besser als die längeren bewährt. Unser Körpergewicht war ziemlich bedeutend, 90 bis 100 kg mit Gepäck. Da die Frage noch offen ist, ob die Anwendung des Seiles, bei der labilen Standfestigkeit des Skiläufers, nicht die Gefahr eines Sturzes vermehren würde, haben wir es stets für gut gefunden, frei, aber mit Aufwendung aller Vorsicht zu fahren. Auf alle Fälle hat stets der letzte das Seil mit sich zu führen, also umgekehrt wie beim Felsklettern.

Was unsre übrige Ausrüstung betrifft, so unterschied sie sich von der sommerlichen nur durch das Hinzutreten von Schneekappe und warmen Lappen um die Schuhe sowie Re-serveschuhen aus weichem Fettleder. Unsere Filz-Wärme-Dosen, in denen man durch Davis-sche Gitter geschützte Kohlenstifte anzündet, die für einige Stunden eine gelinde Wärme ausstrahlen, versagten. Als wir sie in beissendster Kälte auf dem Jungfraujoch in Gebrauch setzen wollten, um Tee aufzutauen, war ihr einziger Effekt, dass uns bei den vergeblichen Manipulationen die Handschuhe und Hände steif gefroren. Die feuchten Kohlen liessen sich nicht in genügende Glut setzen.

Inzwischen hatte sich unsere Konstitution schon derartig an die Kälte gewöhnt, dass wir diese nie ernstlich genug empfanden, um irgend Aufhebens davon zu machen. Wir erreichten, vorsichtig um die gigantisch verschneiten Séracs herumlavierend, in raschem Aufstieg den Rottalsattel. An zwei oder drei schwierigen Stellen genügte die gewöhnliche Bergsteigertechnik, uns glücklich hinüberzubringen. Um 12 Uhr standen wir im Sattel und schauten in das gänzlich weisse Rottal hinunter, in dem nur wie eine riesige dunkle Raupe die Moräne dahinkroch und sich abhob. Dann ging es an harte Arbeit. Wir hatten etwa zwei Stunden lang, 300 bis 400 Meter hoch, über steiles Eis von härtester Beschaffenheit hinaufzuhacken, was mein robuster Freund mit bewundernswerter Wucht und Ruhe besorgte. Hei! Das war der wahre Jakob, als auf dem steilgeneigten Eiswändchen die Splitter sprangen und klirrend über Klareis hintersausten! Mein lieber Gefährte war der Situation so sehr gewachsen, dass er ruhig sein Klinometer hervorzog und sich voller Stolz an dem stets wachsenden Grade der Steilheit - 65 Grad - erfreute. Er liebte die Erfolge, die er sich selbst ohne fremde Beihilfe und Unterstützung errungen, am meisten. Er wüsste sich dieselben auch zu erkämpfen. Das Hochgebirge hatte eine eigene Anziehungskraft für ihn und lud zum Wettstreite mit sich förmlich ein. Man brauchte ihn nur da droben stehen zu sehen. Endlich leitete uns ein Querriss in schräger Richtung aufwärts an einen blanken Eisfirst; dieser fiel nach rechts wie eine Mauer zu einem steilen Schneehang ab, der leichteres Fortkommen zu versprechen schien. Wir probierten es, uns demselben anzuvertrauen. Sehen konnten wir uns, da wir zu beiden Seiten des giebelartigen Grates standen, eine Zeitlang nicht mehr. Endlich musste auch der am Seile folgende zweite nach. In diesem Moment schien der Schnee zu weichen und uns in den Abgrund mitnehmen zu wollen. Es galt, die Eismauer wieder zu erklettern, um die Sicherheit des Haltes nicht zu verlieren. Denn auf Zufall und Glück durften wir nicht bauen, sondern wir mussten unsrer Sache sicher sein. Im Gebirge befriedigen die Siege, die das Auge davonträgt, mehr als die Folgen blinder Gunst der Verhältnisse. Mit einem Turnerkunstgriff mussten wir uns wieder auf die sechs Fuss hohe Mauer schwingen. Es gelang, doch war die nötige turnerische Bewegung so krampfhaft, dass eine Zacke des Steigeisens beim Drehen brach und das Klareis an der Stelle, wo wir mit den Händen gegriffen hatten, gerötete Spuren zeigte.

Eine halbe Stunde nachher, um 2 Uhr 10, standen wir auf dem Gipfel der Jungfrau ( 4168 m ) bei unbeschreiblicher Klarheit des Wetters und der Aussicht. Man erblickte die beschneiten Höhen der Vogesen bis zur Hohneck, den Schwarzwald und das Höhgau; das Mittelland war völlig klar, der Mont Blanc schimmerte in grünlichem Lichte, deutliche Details enthüllend, herüber und sah aus wie eines jener merkwürdigen Gebirgsbilder des Salvator Rosa oder des Pinturicchio. Nach dem Österreichischen und ins Italienische hinein schweifte der Blick ins Endlose. Fast greifbar nah aber standen die Riesenzähne der Walliser Alpen, jene, die wir erstiegen hatten und durch persönliche Erlebnisse kannten. Da sahen wir vor allem nach diesen Bekannten; gerade wie es etwa dem Bauern geht, der von einer Bergspitze aus eben hauptsächlich die Kirchturmspitze seiner Heimatdörfer sieht und beachtet.

In diesem Milieu schneeweisser Reinheit, in dieser Sonne und Luft modifizieren sich die Nerven zur Empfänglichkeit für intensivsten Genuss und zu höchstgesteigerter Eindrucks-fähigkeit. Und demgemäss war unser Entzücken und - unser Gebaren in den fünf Viertelstunden, die wir auf dem First dort oben sassen. Wir hatten uns soeben erst da unten an dem Eismäuerchen zugeraunt: « Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein! » Jenes Leben, das sich in einer Stunde in seinen glänzendsten Brennpunkten konzentriert, hatten wir in der Tat gewonnen. Und dabei würde doch schon der Selbstzweck des Kletterns und die Befriedigung, die im Bemeistern und Besiegen einer Aufgabe liegt, allein zur vollen Befriedigung genügen und es rechtfertigen, wenn man dafür die ganze Kraft und das ganze Ich daransetzt! Denn der Sport repräsentiert für den modernen Menschen einen Ersatz für den Krieg. Dass er - ungleich diesem - keine materiellen Beweggründe und Objekte kennt, hebt ihn nur eine Stufe höher. Er zeigt uns, was jahrhundertelange Überkultur an Gutem in uns gelassen, und gelegentlich lässt er uns unser Leben doppelt leben.

Hier war es, wo die lebensfreudige Natur meines Gefährten so ganz zu ihrem Ausdrucke kam. Wir küssten uns im Hochgefühle all dieser Schönheit, unter deren Banne wir standen, als ob wir noch nie den Fuss einem Hochgipfel auf den Nacken gesetzt hätten. Hier war es auch, wo mein Freund den kühnen Vorsatz fasste, sich im Laufe des Sommers an dem un-bestiegnen Ostgrate der Jungfrau zu versuchen... Wer hätte uns damals gesagt, dass es die letzte Hochgebirgszinne, auf der er stehen sollte, war !!

Es war weit über 3 Uhr nachmittags, als wir uns von dem aufgerollten Seil und den Handschuhen, mit denen wir uns einen warmen Sitz aufgebaut hatten, erhoben und den Abstieg antraten. Wir entdeckten in der Nähe des im Sommer apern westlichen Felsgrates die Spuren eines Berner Klubisten und seines Führers, die eine Woche vorher eine Jungfraubesteigung ausgeführt hatten. Dieses Tracé und seine stellenweise sehr bequemen Stufen, die wir erst jetzt entdeckten, erleichterten und beschleunigten dermassen den Abstieg, dass wir noch vor Einbruch der frühen Dunkelheit wieder auf dem Jungfraufirn bei den Skiern standen. Dort verzehrten wir den letzten Rest unseres Proviants und waren nun für das Kommende auf die etwas unsichere Erwartung, in der Konkordiahütte etwas Essbares aufzufinden, angewiesen. Es war aber eine Nachwirkung der schönen verlebten Stunden, dass wir uns in eine anhaltende fröhliche und zuversichtliche Stimmung versetzt fühlten, die durch lustige Intermezzi, wie das Auffinden einer am Morgen vom Sturm weggeblasenen Schneekappe, nur noch gewann, und sich in fidelen Gesprächen dokumentierte. In Bögen fuhren wir sanft schwebend über die Steilpartien des Aletschfirns hinunter, dann ging 's langsamer und mühseliger am Grüneck und Faulbergeck vorbei. Endlich fanden wir zu vorgeschrittener Nachtstunde trotz einbrechenden Nebels die oben am Faulberg gelegene Konkordia, ein wahrer Triumph des Pfadfindertalentes, den wir durch das Anzünden einiger bengalischer Streichhölzer feierten.

Die Klubhütte, auf welche wir unsre Hoffnung am vierten Abend unserer Tour gesetzt hatten, bot aber leider nichts, womit wir unsere Kräfte wieder hätten instand setzen können. Da hiess es: « Not kennt kein Gebot. » Wir erstiegen die schwierige, griff lose Wand der im Sommer betriebenen Kathreinschen Bergwirtschaft und brachen durch ein Mansarden-fensterchen in das obere Stockwerk ein. Vorsichtiges Palpieren an den Wänden entlang, währenddem wir einem Beobachter wie gelernte Einbrecher hätten vorkommen müssen, brachte uns richtig auf die Fährte der Wandkästen. Die Werkzeuge des Skireparaturbeutels taten das übrige, und bald sahen wir uns, da wir über ein so handgreifliches « Sesam, tue dich auf! » verfügten, im Besitze des Inhaltes der Schatzhöhle.

Vorerst wurden wir - beim Schein der zusammenlegbaren Laterne - mit einigen Büchsen konservierter halbgefrorener Bohnen und Früchte handgemein, indem wir deren Saft tranken. Hatten wir doch seit heute früh keinen Tropfen Flüssigkeit zu uns genommen, da der Tee in der Flasche gefroren war. Dann entnahmen wir dem Schranke so viel, als wir für zwei Tage brauchten, legten eine genaue, mit unsern Namen versehene Liste ins Depot und verschlossen alles sorgfältig. Wie wir sodann aus einer vielversprechenden Flasche eine rote Flüssigkeit kosteten, die sich als Tinte dokumentierte; wie wir mehrere Gläser Essig tranken, bevor unsere paralysierten Geschmackspapillen uns die Natur des flockig gefrorenen Getränkes erkennen liessen, wie wir voller Galgenhumor mit der Kreide an der Schranktüre die Formeln der uns fehlenden oder der verdorbnen Nährstoffe konstruierten - das sei lieber nicht näher geschildert! Einige Eier waren so steinhart gefroren, dass man Wände damit hätte einwerfen können. Da verging uns denn bald die Lust, unser Glück an den Schätzen dieses verwunschenen Schlosses weiter zu versuchen. Auch ein einladendes Spiel Karten, Kreide und Schiefertafel besassen keinen verführerischen Reiz, sondern herzlich müde sanken wir bald in die Decken.

Am nächsten Morgen herrschte ein wütender Nordsturm mit Schneetreiben, so dass vorläufig an Aufbruch, der dem Finsteraarhorn und nachherigen Abstiege nach der Grimsel gelten sollte, nicht gedacht werden konnte. Die Temperatur in der SAC-Hütte, unter deren Schlafpritsche wir einen Prachtsgletscher entdeckten, sank auf -15 Grad Celsius. Im Freien markierte das Thermometer -19 Grad im Windschutze der Mauer. Darauf massen wir die

Das CC-Glarus 1950-1952

Caspar Spälti-Dürst, Kassier. Hermann Brunner-Hösli, I. O. Daniel Aebli, Hütten. Hans Stüssi, Führerwesen. Dr. Ernst Heer, Versicherungswesen. Dr. J. Brauchli, Rettungswesen. MATHIAS JENN1-ZÜBLIN, Zentralpräsident. Hans Zopfi, Wintertätigkeit. Dr. Alfred Heer, Vizepräsident und Sekretär. Dir. Jakob Zingg, Sommertätigkeit.Carl Baer-Müller, Beisitzer.Es fehlt der im Sommer 19S2 gestorbene Chef der Publikationen: Jacques Baeschlin. ) 1 - Aufnahme H. Schönwetter, Glarus Art. Institut Orell Füssli AG, Zürich Die Alpen - 19S3 - Les Alpes Temperatur in den Rucksäcken, um unsre Füsse gelegentlich in diesen zu wärmen zu versuchen: minus 6 Grad. Ein kleiner Holzvorrat des Bergwirtshauses setzte uns aber in den Stand, die Klubhütte zu heizen, zu kochen und Schnee, Konservenbüchsen und Kleidungsstücke in buntem Mischmasch aufzutauen. Um unsere geistigen Betätigungen nicht gänzlich zu kurz kommen zu lassen, vertrieben wir uns die Zeit mit der Erzählung erinnerungsreicher Fahrten und Wanderjahre, die sich endlich sogar im Konzepte zu einem Vortrage, welchen der eine von uns in drei Tagen über - Zentralafrika halten sollte, verdichtete. Aber die steif-werdenden Finger und die Schriftseiten bedeckten sich fortwährend mit Treibschnee, der durch die Ritzen hineingeblasen wurde. Draussen peitschte der Sturm, zu der in der Hütte nicht unterzukriegenden lustigen Gemütlichkeit pfiff der Wind durch alle Ritzen in Obertönen die Begleitung, und es bedurfte eine Zeitlang unserer ganzen Siegesfreude, um uns warm und fidel zu erhalten.

In solchen Stunden knüpft sich das bunte Band eines lustigen unvergesslichen Humors, und das seltene Pflänzchen einer reinen, weil auf gleichen sympathischen Zuckungen des Herzens beruhenden Freundschaft schlägt seine Wurzeln. Bei solchen Gelegenheiten offenbarte sich das ganze weiche Gemüt meines Genossen, dessen drollige Fröhlichkeit nicht zum mindesten dazu beitrug, die mit ihm unternommenen Fahrten zu wahren Hochzeiten des Lebens zu gestalten.

Auch am nächsten Tage konnte von der Überschreitung der Grünhornlücke und dem Angriff auf einen neuen Feind - das Finsteraarhorn - noch keine Rede sein. Wohl aber galt es, nicht zu lange zu säumen, wenn wir den Abstieg über den sicher tief verschneiten und gewiss immer wegeloser werdenden Märjelensee nach dem Wallis unternehmen mussten. Trotz oder wegen des immer noch anhaltenden Schneetreibens brachen wir daher frühe auf, dem Süden zu. Auf den Schneeschuhen erreichten wir die Lücke beim Eggishorn. Dort galt es, harte Arbeit zu tun, die sich eine Zeitlang zu stundenlangem, bangem Ringen mit den sich anhäufenden Schneemassen steigerte. Wir waren häufig genötigt, die Skier abzuschnallen, und konnten uns nur auf wenige Meter Distanz sehen, wenn die Schnee-trift schussweise mit stärkerer Gewalt einsetzte. Horizontal pfiffen ganze Wogen von Schnee durch die Luft. Es kostete uns Mühe, aus den Löchern, in die der Körper bis über die Hüften hineinsank, herauszustampfen. Einige Stunden mehr dieses tollen Schneetreibens hätten das Durchkommen zur Sache der Unmöglichkeit gemacht. Mühsam wateten wir einher, die am Bandelier getragenen Schneeschuhe des Vordermannes, die wir um keinen Preis aus den Augen verlieren durften, zum Richtungspunkte nehmend. Da war es uns, als ob die sich immer mehr häufenden Hemmnisse uns Zauderern drohend, dumpf vorwürfen: « Cur cunctavistis? » - Zerrissen die weissen sprühenden Schneegarben, dann blickten die blauen Pilonen der Eisbrüche, die das Ufer des Märjelensees umgeben und so charakteristisch kennzeichnen, in nächster Nähe auf uns herab. Drei Stunden stummen Kampfes kostete uns jene Strecke, bis wir die Höhe des Tälli-grates an der gewünschten Stelle erreichten. Die Skier leisteten uns im weit über metertiefen Schnee gute Dienste, bis derselbe begann, flaumweiche Beschaffenheit anzunehmen. Es begann bereits der Dunkelheit entgegenzugehen, als wir uns unter Beobachtung höchster Vorsicht und mit Ausnutzung aller unserer Brems- und Sicherungsmittel daran machten, in dem verschneiten, schnurstracks hinunterführenden Graben des Bruchi-bachbettes zu Tale zu fahren. In raschem Tempo, auf den Skiern sitzend, kauernd oder liegend, gelangten wir schnell an die Waldgrenze hinunter. Die Wasserfuhren wurden überschritten. Eine fette Gemse sprang in unserer nächsten Nähe davon und setzte schnell, dann wieder mühsam arbeitend, durch den Schnee. Die Böschung, die Be- schaffenheit der Schneehalde und die äusserste Vorsicht verhinderten bei dieser eigenartigen Abfahrt das Loslösen von Lawinen.

Es ist kein Zweifel, dass eine Winterfahrt ins Hochgebirge grössere Gefahr mit sich bringt als eine im Sommer unternommene. Man kann daher ihre Zulässigkeit in Zweifel ziehen. Allein einesteils ist eigene Technik des Skilaufs im Hochgebirge im Begriffe, sich auszubilden, die der vorsichtige Bergsteiger befolgen wird. Erfahrungen werden gesammelt; oft genug gewähren überdies die Winterverhältnisse, die ja auch zur Bedachtsamkeit förmlich auffordern, grössere Sicherheit als die sommerlichen. Andernteils belohnen die Einsamkeit und die Ursprünglichkeit der arktischen Winterlandschaft dort droben mit unsäglich grösserem Genüsse, als die Berggipfel dies im Sommer tun. Besonders, wenn dieselben, wie die Titanen des Modesports, Matterhorn und andere, mit Hilfsseilen aufgeputzt, von Fussspuren und Schuhnägeln verunziert und durch allzuviele Partien entweiht sind.

Um 7 Uhr hatten wir den Boden des Fieschertales bei Wichel erreicht. Die Natur schien hier in ungewohnter Ruhe zu feiern. Der Wind ruhte. Der Bach rauschte ein leises Solo zwischen den beschneiten Felsblöcken. Einige Gestirne lugten still hernieder. Das Geäste von Laubbäumen, von Hecken, von Hainen ragte aus der weissen Schneedecke hervor. Laue Luft umgab uns, während wir durch die Matten zwischen Zäunen dahinschritten. Beim ersten grössern Walliser Haus liessen wir uns in die sonntäglich heimelige Wohnstube führen und stellten, während draussen eine Kuh für uns gemolken wurde, den Kontakt mit der Zivilisation und den Menschen wieder her. Wir müssen zwar den gemütlichen Leuten nicht gerade einen vornehmen Eindruck vom fashionablen Grindelwaldner Wintersport gemacht haben. Allein sie sahen unsern sieges- und erfolgfreudigen Gesichtern schon an, dass wir nicht nur zerrissene Hosen und einen Ungeheuern Appetit auf Milch aus jener Welt der verschneiten Firne zurückgebracht hatten.

Um 8 Uhr herum langten wir frisch und fröhlich in Fiesch an, wo wir Quartier bezogen und telegraphisch unsere Lieben davon in Kenntnis setzten, dass wir in einen andern Hafen, als ursprünglich beabsichtigt war, eingelaufen waren.

Jene Nacht und der folgende Tag brachten dem Rhonetal 60 Centimeter Schnee. Wir fuhren frühmorgens bei sich hebender Dunkelheit in zweispännigem Schlitten nach Brig hinunter und hatten von dort an nur noch das Problem zu lösen, wie wir trotz der bedenklich ungenügenden Ausstattung unsrer Börsen, welche nur für die Rückkehr ins Oberland berechnet gewesen waren, ohne Zeitverlust und Warten nach Bern und in die Ostschweiz gelangen könnten, wohin eine in erschreckende Nähe herangerückte festgesetzte Stunde den einen von uns unumgänglich zur Pflichterfüllung rief. Doch auch über diese letzte « klaffende Spalte » gelang es uns mit der Behendigkeit von Schneeschuhleuten und mit dem Aufwände der Ressourcen des « Studio auf einer Reis ', der immer sich zu helfen weiss » glücklich und glatt hinwegzukommen. Unsere ereignisreiche Fahrt Schloss daher in der Art eines Heine-schen Gedichtes mit der Wirkung eines urfidelen satirischen Schlusseffektes, indem wir von einem Bahnhofvorstand Fahrgeld und am Buffet in Lausanne unser Mittagessen aufkreiden liessen!

Wohl war unsre damalige siegreiche Heimfahrt aus dem Wallis ein Überschäumen von Lebensfreude! Mein Genosse segnete seine Eltern und seine Gesundheit, die ihm eine derartige Vervielfachung des Genusses am Dasein erlaubten. Wer hätte daran gedacht, dass er einen kurzen Monat nachher als Opfer eines blinden Zufalls im Morgengrauen vor dem Monte Rosa fallen sollte. Das Erinnerungsbild, das uns, seinen Freunden, von Paul Koenig bleibt, ist dasjenige eines ganzen Menschen, ohne Fehler und voller Freude am Leben, das er in seltenem Ausmasse zu geniessen verstanden hat, eines zukünftigen Helden der Berge. In Gedanken drücken wir diese treue Hand noch einmal, blicken noch einmal in sein Auge, das so viel von Herzenswärme und Gemütlichkeit zu erzählen wusste. Und in den Bergen werden wir in seinem Sinne seiner gedenken, wenn uns dort droben dann und wann seine lieben, drolligen Aussprüche einfallen, mit denen er Schönes und Heiteres, Schwieriges und Unerwartetes voll Dankbarkeit und in natürlicher Ursprünglichkeit zu begrüssen pflegte. Er wird in Gedanken noch oft vor unsern Augen stehen, auf jenen Zinnen im Sonnenglanze des « Königwetters », auf das er manchmal so stolz war!

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