Auf Umwegen zum Bernina

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Von This Blumer

Mit 2 Bildern ( 40, 41Enncnda, Glarus ) Kein Wölklein stand am Himmel, als wir sorglos durch das frühlingshafte Fextal bummelten. Vom Oberhalbstein her waren wir mit Ski über die Cima da Flix zur Jürg-Jenatsch-Hütte gekommen und hatten anderntags über die d' Agnelli-Julier-Fuorcla Grevasalves Sils erreicht. Nun wollten wir dem königlichen Bernina einen Besuch machen. Alle Voraussetzungen zu einem glücklichen Gelingen der Tour schienen geschaffen: wir hatten genügend Zeit, das Wetter schien gut, und wir waren ausgerüstet und ausgezeichnet trainiert. Kein Wunder, dass wir deshalb die Normalroute von der Boval her meiden und statt dessen von der italienischen Seite an den Berg herantreten wollten. Dass irgend etwas nicht programmgemäss verlaufen würde, kam uns nicht im Traum in den Sinn. Doch « erstens kommt es anders und zweitens als man denkt »!

Singend und pfeifend marschierten wir auf dem bereits aperen Strässchen taleinwärts. Als wir uns dann aber später bei brütender Nachmittagshitze den Steilhang zur Fuorcla Fex-Scerscen hinaufarbeiteten, war uns die Lust zum Singen vergangen. Sie kam erst wieder, als wir in stiebender Fahrt jenseits hinunterjagten, Schwung an Schwung reihend, bis uns die Endmoräne Halt gebot. Während wir die Felle wieder aufschnallten, schweifte unser Blick hinauf zur Marinellihütte, die adlerhorstähnlich in den abend-roten Felsen hockt. Zum Glück war ihr Zugang nicht so steil und lang wie uns geschienen hatte, und bei einbrechender Dämmerung waren wir dort. Frische Fußspuren und eine Leiter, die auf dem Platz vor der Hütte lag, zeigten, dass wir nicht die ersten heutigen Besucher waren. Sonst aber war nichts, das auf die Anwesenheit eines menschlichen Wesens hätte schliessen lassen. Die Türen waren verriegelt, die Fenster bis auf eines, das man gewaltsam geöffnet hatte, mit Brettern vernagelt. Da wir nicht im Freien nächtigen wollten, blieb uns nichts anderes übrig, als die Leiter anzustellen und durch das eingeschlagene Fenster einzusteigen. Der Raum, den wir nun betraten, glich einem wüsten Gelageraum. Durch einen Pass krochen wir in die geräumige Küche. Auch hier entdeckten wir menschliche Fährten, und im Schlafraum hingen sogar Säcke, die mit Reis und Mais gefüllt waren. Von den Schmugglern aber, die dazu gehörten, war nichts zu sehen. Anscheinend waren sie ins Tal hinuntergestiegen, um eine weitere Last heraufzuschaffen. Währenddem ich mich stundenlang bemühte, im riesigen Herd aus Zeitungen, Kistendeckeln und Kohlen ein Feuer anzufachen und dabei aber mehr Rauch als Wärme hervorbrachte, erzählte mir mein Kamerad alle alten Schmugglergeschichten und jüngsten Grenzzwischenfälle, die er kannte, bis mir zuletzt jedes wirkliche und eingebildete Geräusch, das von draussen kam, Schrecken einjagte. Um 10 Uhr war meine ausdauernde Arbeit endlich so weit fortgeschritten, dass ich einen fast heissen Kaffee servieren AUF UMWEGEN ZUM BERNINA konnte. Eine halbe Stunde später folgte die Suppe. Dann stiegen wir hinauf in den Schlafraum, in dem eine unvorstellbare Unordnung herrschte. Auf einer Pritsche lag neben Steigeisen und Seilen ein lebensgrosses Kruzifix, in einer Ecke lehnten verschiedene Pickel, und in einer andern Ecke stand eine ganze Batterie leerer Flaschen. Zum Glück waren aber auch noch einige zerrissene Wolldecken vorhanden, unter die wir nun krochen und trotz Unordnung und Schmutz bald einschliefen.

Als wir anderntags erwachten, war es schon ziemlich spät. Wir beeilten uns, aus der ungastlichen Hütte wegzukommen. Der Himmel war bedeckt, um die Gipfel krochen graue Nebelschwaden. Trotzdem wollten wir versuchen, über die Fuorcla Crast'aguzza auf die Schweizerseite hinüberzuwechseln. Vorerst kamen wir gut vorwärts, in kurzer Zeit waren wir fast senkrecht unter der Marco e Rosa-Hütte. Dann aber begannen die Schwierigkeiten. Wir banden die Ski auf die Rucksäcke, schnallten die Steigeisen an die Füsse und versuchten, durch das vereiste Couloir direkt zum Sattel hinaufzukommen. Allmählich wurde es steiler und steiler, ohne Stufenhacken ging es nicht mehr; die schweren Säcke mit den langen Ski waren unliebsame Hemmnisse. Wie der Übergang zur Furkel oben im Couloir sein würde, konnte man von unten aus nicht beurteilen, man sah nur eine blauschimmernde Kante, die sich im Nebel verlor; ein Ausstieg in die seitlichen Felsen kam mit unserm Ballast auch nicht in Frage... Wir rieten und planten, was zu tun sei, und schliesslich kehrten wir resigniert um. Geschlagen sassen wir dann unten beim Bergschrund, würgten ein paar Brocken hinunter, schauten noch einmal hinauf zur stolzen Hütte und zu den Wolken, in denen sich irgendwo der Bernina verbarg, und fuhren dann vorsichtig über den Gletscher hinunter. ( Viel später habe ich dann einmal in einem Führer gelesen, dass weiter links ein mit Drahtseilen gesicherter Weg über die Felsen zur Hütte hinaufführt. ) Mittlerweile war das Wetter ganz schlecht geworden. Von der italienischen Seite des Bernina hatten wir so genug, dass wir versuchen wollten, über den nächstbesten Pass in die Schweiz hinüberzukommen. Unsere Wahl fiel auf die Abfahrt über den Fellariagletscher zur Station Alp Grüm der Berninabahn. Den Hängen des Zupo entlang spurten wir langsam aufwärts. Dank einiger Aufhellungen erreichten wir glücklich die Furkel. Vergeblich warteten wir dann aber dort auf eine weitere Besserung, der Nebel blieb endgültig. So blieb uns denn nichts anderes übrig, als weiterzufahren, vorsichtig nach dem Kompass, geradeaus. Bald wurden wir aber durch Spalten nach rechts abgedrängt. Und mit der Zeit waren wir so beschäftigt, den Klüften und Schrunden auszuweichen, dass wir gar nicht mehr auf die Richtung achten konnten. Manchmal kamen leichte, spaltenlose Hänge, dann aber wieder richtiggehende Abbruche, bei denen es schwierig war, einen Durchschlupf zu finden. Als wir dann nach langer Zeit endlich unter die Wolkendecke kamen, entdeckten wir zu unserer Freude, dass wir durch ein Tal hinausfuhren, das allmählich flacher zu werden schien. Erleichtert zogen wir unsere Schwünge in führigem Sulz und glaubten nun aller Gefahren entronnen zu sein.

Plötzlich, wie abgeschnitten, hörte der Gletscher auf. Über glatte, ausgelaugte Platten floss ein munteres Wässerlein und verschwand über eine senkrechte Felswand. Etwa dreihundert Meter tiefer lag ein flaches Tal, das gegen Süden hinauszeigte.Vergeblich suchten wir die Kehren der Berninabahn; wir sahen wohl Alphütten und kleinere Gebäude, aber nichts, das aussah wie die Alp Grüm. Verzweifelt kramten wir unsere Karte hervor, orientierten sie nach dem Kompass und stellten nun fest, dass wir uns im Valle Campo Moro befanden, einem italienischen Tal, das nach Lanzado hinausführt.

Da hockten wir nun wie zwei arme Sünder, schauten uns an und sagten kein Wort. Bis auf einmal einer zu lachen anfing, und damit war die Situation gerettet, wir fassten wieder Mut und begannen zu überlegen, wie wir am besten aus diesem Dilemma herauskommen würden. Und es ging viel besser, als wir geglaubt hatten; zwei Stunden später standen wir wieder an der Schweizergrenze, auf dem Passo di Confinale, den wir durch eine Querung über horizontale Grasbänder erreicht hatten. Bis nach Poschiavo hinaus würde es allerdings noch sehr weit sein, aber wenigstens war es möglich, vor Einbruch der Dunkelheit den apern Alpweg zu erreichen, den wir weiter unten sahen.

Die paar Hänge, die dort hinabführten, kosteten wir nun voll aus; in weiten Schleifen fuhren wir durch einen Engpass zwischen zwei Felsen hinunter und dann in langgezogenen Schwüngen über den Talboden hinaus. Auf einmal ertönte ein messerscharfer Ruf: « Halt! » Vor uns stand ein biederer Schweizer Soldat, die Maschinenpistole im Anschlag. Er war sehr enttäuscht, als wir uns statt der erhofften Schmuggler als ebenso gute Schweizer entpuppten. Der Grenzwächter, welcher neben ihm stand, registrierte unsere vollständigen Personalien und befahl uns einen Besuch beim Zollamt in Poschiavo. Dann liess er uns gehen, und wir marschierten talwärts. Links, rechts, links... der Weg wollte kein Ende nehmen. Und dazu war er von einer erstaunlichen Steilheit. Endlich blinkten unter uns die ersehnten Lichter des Puschlavs auf, und Schlag 9 Uhr waren wir im Dorf, wo wir im ersten Gasthaus gute Aufnahme fanden.

Am Morgen, es war Karfreitag, fanden wir uns auf dem Zollamt ein, wo wir einem hochnotpeinlichen Verhör unterzogen wurden. Aber auch das ging vorüber, und als wir entlassen wurden, waren die Beamten von unserer Harmlosigkeit überzeugt. Dann bummelten wir durch die Strassen Poschiavos und hinaus zu den Wiesen. Gestern waren wir allein im Nebel herumgeirrt, heute wanderten wir zwischen blühenden Bäumen in den lachenden Frühlingstag hinein, grüssten sonntägliche Leute, die zur Kirche gingen. Wir waren glücklich, und doch blieben irgendwo in unserm Innern ein ungestilltes Sehnen und das Locken der Berge.

Schon am Nachmittag führte uns die Berninabahn wieder aufwärts. Vom Hospiz aus stiegen wir gemächlich zur Diavolezzahütte. Zeitig legten wir uns schlafen.

Die Alpen - 1947 - Us Alpes12 AUF UMWEGEN ZUM BERNINA Noch halb im Schlaf stolperten wir am andern Morgen bei Tagesanbruch zum Gletscher hinunter. Noch kein Mensch war unterwegs. Rüstig schritten wir dann auf dem ebenen Firn aus. Als wir aus der wilden Gegend der Cambrenabrüche in offene Hänge hinüberwechselten, ging die Sonne auf. Blutrot, in unwahrscheinlicher Pracht, standen Palü und Bernina vor uns. Und dahinter klarblauer Himmel! Im Tal unten wogte ein Nebelmeer. Staunend schritten wir weiter. Noch ein letzter Aufschwung, und dann standen wir auf dem Grat. Der Wind, der uns hier oben empfing, glich einem Orkan. Kaum wagten wir aufrecht zu stehen. Mit steifen Händen zogen wir unsere Zehnzacker an und stiegen zum Piz Palü hinauf. Punkt 8 Uhr standen wir auf seinem Ostgipfel. Etwas tiefer fanden wir eine windgeschützte Nische und liessen uns auf angenehm warmen Steinplatten zur ersten Rast nieder. Kritisch glitt unser Blick hinüber zum messerscharfen Grat, der sich steil zum zweiten Gipfel emporschwingt. Die Unsicherheit, was für Überraschungen er uns wohl bieten werde, liess uns nicht lange ruhen. Bald war der Sattel erreicht, und dann begann aber eine wunderbare Wanderung über die Kante. Prächtig griffen die Eisen im harten Firn und gaben trotz der Ausgesetztheit des Weges ein Gefühl grosser Sicherheit. Schritt für Schritt ging 's über die einzigartige Himmelsleiter. Die andern Skifahrer waren noch weit unten im schattigen Gewirr der Cambrenabrüche und auf der grossen Ebene des Vadret da Palü. Wie klein sie von hier aus aussahen!

Ohne Hindernisse stiegen wir ab zum Bellavistasattel, wo wir die Steigeisen wiederum mit den Ski vertauschten. Mühelos querten wir auf der Nordseite der Bellavista gegen die Marco e Rosa-Hütte hinüber. Eine kurze Abfahrt brachte uns zur Normalroute von Boval. Die Sonne brannte schon heiss auf uns nieder, als wir wieder aufwärtsstiegen. Bald wurde die Steigung so gross, dass wir ein letztes Mal die Steigeisen anschnallten und die Bretter zurückliessen. Lockend nahe stach der Spallagrat des Bernina in den blauen Himmel An absteigenden Partien, die den jungen Stürmern verdutzt nachschauten, vorbei stiegen wir den Hang hinauf, dann über die trockenen Felsen zum Grat und über die Firnkante hinab zur Schulter. Links und rechts schössen die Flanken hinunter in bodenlose Tiefe. Traumhaft schön war das Schreiten über jenen königlichen Grat.

Am Mittag reichten wir uns die Hand auf dem Gipfel. Worte brauchten wir nicht viel. Lange sassen wir dann und schauten in die Runde und genossen unsere Abgeschiedenheit. Überall tauchten bekannte Berge auf, sahen wir Wege, die wir gegangen, und solche, die wir später einmal gehen wollen. Nichts störte die Seligkeit dieser Gipfelstunde auf dem Bernina.

Was nachher folgte, war der schöne Abschluss eines schönen Tages: zuerst der Abstieg zu den Ski, dann eine vorsichtige Abfahrt über die Steilhänge des Bruches, ein paar Schwünge und ein letzter Schuss hinunter zum flachen Morteratschgletscher und dann eine beschwingte Fahrt über die Allerweltspiste, von der Diavolezza her, hinaus zur Station der Berninabahn. Genau zwölf Stunden waren verflossen seit unserm Weggang in der Hütte, zwölf Stunden, die uns um ein wertvolles Erlebnis reicher gemacht hatten.

Zwei Tage später kehrte ich von Madulein aus über den Kesch ins Tiefland zurück. Der Himmel war bedeckt, die Gipfel wolkenverhängt. Als ich mich aber auf dem Sattel zur Abfahrt bereit machte, wurden die Nebel für ein paar Minuten auseinandergerissen und ganz verschwommen, unwirklich, tauchte daraus weit im Süden der Bernina auf. Ein letztes Mal schaute ich hinüber zum Berg, nahm sein Bild in mich auf. Dann fuhr ich zufrieden in langen Bögen hinunter, dem Tale entgegen.

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