Aus den Kreuzbergen

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Von Paul Schafflütjel

( Von seltenen und neuen Kletterfahrten.., _. _, Mit 2 Bildern ( 57/58).Krinau ).

Aus dem Gebiet: Wie sooft bin ich in dunkler, schweigsamer Nacht auf und ab geschritten, stundenlang. Dumpf hallte der Schritt zwischen schlaftrunkenen Mauern. Einsame Schildwache!

Wie mit magischer Gewalt zog es meinen Blick dann immer wieder dorthin, wo jene schwarzsamtene, seltsam gezackte Silhouette in den stern- hellen Raum ragte... die Kreuzberge! Vertraute Bilder tauchten auf, Erinnerungen an vergangene, abenteuerliche Fahrten in diesem einzigartigen, herrlichen Felsgebiet. Zwischen Wachen und Träumen verrannen die einsamen, nächtlichen Stunden wie im Fluge.

Ja, die Kreuzberge! Eine kleine Gruppe von prachtvollen Kletterbergen. Nicht Grosse und Höhe haben ihnen den Ruf als schönstes Kalkklettergebiet der Schweiz eingetragen, wohl aber die seltene, wilde Schönheit der Formen, hervorragender Fels und erlesene Schwierigkeiten.

Wer zum erstenmal von der BoUenwies heraufsteigt zur Saxer Lücke ist überwältigt von der wilden Pracht, die ihm entgegen stürmt. Wie aus dem Boden gestampft taucht urplötzlich der schmale, zersc lartete Felskamm vor ihm auf — mit unerbittlich senkrechtem Faltenwurf —, stumme Zeugen einer gewaltigen, vorgeschichtlichen Epoche unseres Erdballs. Gleichsam aus der dunstblauen Tiefe des Rheintals wächst der « Erste » in grandioser Linienführung empor, wie ein mächtiger Pfeiler, der den zarten Skelettbau sicher über der schwindelnden Tiefe trägt.

Unter ernsten, altersgrauen Felsmauern dehnt sich auf der Nordseite das üppiggrüne Tälchen der Roslenalp. Munter plätschert der glasklare Brunnen neben dem verwetterten Hüttendach. Buntes Geläute des weidenden Viehs und das lockende Rufen der Sennen beleben dieses stille Hochtal.

Doch die scharfen Gräte und die grauen, prallen Wände haben es uns angetan. In jugendlichem Übermut stürmen wir die herrlich griffigen Gratsätze hinauf; in zähem Ringen erkämpfen wir uns Meier um Meter in jäher Wandflucht. Jedem Anspruch und jedem Können werden die Kreuzberge gerecht. Leider! Denn wer an schönen Sonntagen der Hochsaison den Rummel und den ganzen farbenprächtigen « Jahrmarkt » schon miterlebt hat, sucht vielleicht enttäuscht ruhigere Winkel im Alpstein auf. Im Spätherbst aber, wenn an den Berglehnen der Buchwald im Festkleid prangt, dann ist 's am schönsten. Feierliche Stille breitet sich über die Berge, während wir jauchzend über luftige Grate turnen.

Entwicklung: Wer unter der « alten Garde » erinnert sich noch der Tage, da sich diese stolzen Zinnen dem rastlosen Werben der Alpsteinpioniere beugen mussten. Ein halbes Jahrhundert ist seither verflossen, doch viele der klassischen Routen zählen noch heute mit zu den schönsten. ( Man lese den trefflichen Artikel von Sam. Plietz: « Die Kreuzberge », im Juniheft 1934 « Die Alpen ». ) Die Anstiege jener Zeit knüpften sich zwar fast ausschliesslich an die Rinnen und Kamine, die diese ragenden Betonmauern so kühn falten. Der Gütlerriss am sechsten Kreuzberg flösst heute noch jedem « Zünftigen » ein heimliches Schaudern ein. Lange Jahre blieb dieser dräuende Riss, zusammen mit der Nordwand des « Zweiten », das schwierigste Problem, bis Walter Risch, der tollkühne Alleingänger, den ersten Kreuzberg von Süden her bezwang. Zwar weicht diese Fahrt nicht von den klassischen ab, doch die Schwierigkeiten überboten alles Dagewesene.

Die entscheidende Wendung aber in der Besteigungsgeschichte der Kreuzberge fällt auf das Ende der zwanziger Jahre. Da hielt jene neue Zeit ihren Einzug, die neue Möglichkeiten entdeckte, die neue Wege bahnte und eine feinere Technik schuf. Hüteten nicht diese jäh aufstrebenden Kanten, diese plattenblanken Wände Geheimnisse, die es zu erforschen galt? Die junge Generation voll Tatendrang, voll Entdeckergeist steckte sich neue, höhere Ziele.

Ostgrat des fünften Kreuzberges! Daumen-Ostwändchen! Im selben Jahr lösten zwei der wägsten Appenzeller diese Problemeund schenkten dem kleinen Kreis der « Eingeweihten » zwei der schönsten, rassigsten Fahrten. Einen weitern Schritt bedeutete zweifellos die Nordostroute des ersten Kreuzberges. In letzter Stunde fiel diese vielumworbene Nordwand zwei deutschen Bergsteigern zu. Unter den weitvorspringenden Überhängen der mittleren Wandzone querten sie jedoch hinaus auf den Ostgrat. Der ideale Durchstieg scheint ganz unmöglich zu sein.

Die Lösung des grössten und vielerwogensten Problems aber blieb dem Jahre 1937 vorbehalten: der direkte Ostgrat des ersten Kreuzberges! Seit Jahren waren an diesem mauerglatten Aufschwung alle Versuche « abgeblitzt ». Am 29. August erkämpften sich zwei junge Einheimische einen Aufstieg über diese gewaltige Pfeilerkante. Diese Tour ist in der Folge erst einigemal wiederholt worden und hat dabei ihren Ruf als anspruchsvollste Kreuzbergfahrt bestätigt. Den Höhepunkt der Entwicklung brachte aber erst das folgende Jahr 1938. Im Frühsommer bahnten sich zwei junge St. Galler Alpinisten neue, schwierige Wege durch die Südflanke des « Ersten » und die Westwand des « Vierten ». Als eine der letzten der « direkten » Nordwände musste sich dann im August die düstere, fast senkrechte Mauer des « Dritten » der neuzeitlichen Felstechnik beugen. Und endlich wurde im Spätherbst die blanke Südwand des zweiten Kreuzberges in aller Stille durchstiegen. In siebenstündiger erfolgreicher Kletterei legten die Erstbegeher eine ideale Linie durch die mächtigen Plattenschüsse dieser grössten Kreuzbergwand.

Als dann im folgenden Sommer die Sturmglocke die Mannen zur Grenzwacht rief, da schien es, als hätten auch die Kreuzberge den Ruf verstanden. Reckten sie sich nicht noch stolzer und trutziger empor, die Jugend und die Freiheit zu beschützen?

Doch hin und wieder kehrte einer zurück ins Revier, und so sind in den letzten Jahren fast sämtliche Südwände gründlich erforscht worden. Allerdings darf nur den Kletterpfaden am dritten und siebenten Gipfel die « grosse Linie » zugebilligt werden.

Wo nun führt der Weg hin? Noch höher, noch steiler? Die Antwort muss ich dir schuldig bleiben. Nur eines weiss ich: dass zutiefst im Herzen einer bergbegeisterten und kampffrohen Jugend ein Feuer brennt, das Sehnen nach den unberührten Schönheiten unserer Heimatberge und ihrer letzten Geheimnisse!

Ostgrat des fünften Kreuzberges. Es war eine unserer ersten Kletterfahrten im Jahr. Mit schweren Säcken und klammen Fingern waren wir durch die Nordwand des vierten Kreuzberges hinaufgestiegen auf den stillen Gipfel.

AUS DEN KREUZBERGEN.

Winterlicher Moderduft nistete noch in den feuchten Kaminen und Rissen, doch drüben am Roslenfirst blühten Enzianen und Anemonen. In flottem Tempo stemmten und spreizten wir in gutgestuftem Fels gipfelwärts. Ja, die alte, klassische Nordwandroute am « Vierten », sie wird selten mehr begangen, obschon sie dank ihrer prächtigen Kletterstellen das Gegenteil verdiente.

Wir hielten nur kurze Rast, denn zum Greifen nahe lockte dort drüben der luftige Grat, der sich aus gähnender Tiefe in den blauen Himmel reckt. Durch die tiefeingefressene Westwandrinne stiegen wir ab, verstauten unsere Säcke unter einem mächtigen Block und eilten auf weichen Sohlen hinauf in die Ostgratscharte. Ein eigenartiger Zauber umfängt uns stets hier oben. Zwischen turmhohen, nackten Pfeilern flutet das Licht in verschwenderischer Fülle, wie durch ein Portal. Zu Füssen dehnt sich weit die fruchtbare Ebene des Rheintals — welch ein Gegensatz.

Eine jähe Wandstufe mit prächtigen Griffen bildet den zügigen Auftakt. Eine halbe Seillänge nur und wir ducken uns unter dem überhängenden Grataufschwung. Doch dort rechts drüben an luftigem Eck flattert ein weisses Tüchlein im rostigen Ring. Dazwischen lotrechter, schwachgegliederter Fels, der Quergang! Mit weiten, sicheren Schritten spreizt der Freund hinaus in die Wand auf abschüssigen Trittchen. Die Finger tasten nach feinen Rillen. Nur ruhige Überlegung verbürgt den restlosen Genuss dieser herrlich luftigen Stelle. Ein leises Knacken, schon verschwindet er um die exponierte Ecke. Auf kaum fussbreitem Band schiebt er sich in die schauerliche Nordwand hinaus. Der Achtmeterriss, der hier an völlig senkrechter Mauer ansetzt, verlangt gleich den Einsatz der ganzen Kraft. Die Hände verkrallen sich an den eisenharten Risskanten. Ruckweise zerrt man den Körper an eingeklemmten Brocken höher, denn zum Stemmen ist es zu eng. Es muss gehen! Keuchend vor Anstrengung ruhen wir dann auf geräumiger Kanzel. Der Aufstieg zum schartigen Gipfelgrätli ist einzigartig. Steile Platten — bäumige Griffe und viel Luft, hei, ist das ein Klimmen im gewachsenen Fels! Beim äussersten Zacken gewinnen wir die leuchtende Gratschneide wieder, ungehindert schweift der Blick hinaus ins grünende Land. Wie ein silbernes Band leuchtet der Rhein aus dunstiger Tiefe. Nunmehr ins Feuer geraten, turnen und springen wir wie junge Eichkatzen über das blockige Mäuerchen zum nahen Gipfel hinüber.

Lange sitzen wir dann beim Steinmann an der Sonne, träumen von grossen Fahrten und schmieden weite Pläne. Leise knarrend dreht sich die Wetterfahne im Frühsommerwind. Fernes Glockengeläute weht aus den Dörfern herauf. Uns ist ganz sonntäglich zumute...

Daumen-Ostwändchen. Dem sechsten Kreuzberg ist auf der Ostseite ein wunderlicher, grauer Felsturm angebaut. Wie ein Drohfinger reckt er sich empor, der Daumen! Auf schmalem Postament nur liegt er auf, denn unter seinem Sockel weitet sich das grosse Wetterloch. Beängstigend baucht sich die Turmwand auf der Nordseite über jenes fürchterlich steile Plattenband, jenen lichtscheuen Spalt, durch den der klassische Weg zum Gipfel führt, der Gütlerriss.

Nur wenige Schritte nebenan, der aufgehenden Sonne zugewendet, schiesst mit jähem Satz ein schlichtes, graues Mäuerchen hinan, gar nicht sehr hoch, doch völlig senkrechter, glatter Fels. Zwei feine Risschen nur furchen den hellen Plattenschild des Daumenwändchens. Nicht rohe Kraft führt hier zum Ziel, wohl aber sauberes, entschlossenes Gehen und — eiserne Finger!

« Du willst also da hinauf, junger Kamerad! Gut, ich will dir 's zeigen. Nur eines versprich mir. Lass dein Eisenzeug drunten, denn das geziemt sich hier dem anspruchsvollen Felsgänger nicht! » Scheinbar ruhig und gefasst stehst du in der engen Scharte, in den Fingerspitzen prickelt es leise, erwartungsvoll. Der leichtgespannte Hanf führt hinauf zu deinem Gefährten, der dich hoch oben am Westgrat des fünften Kreuzberges sichert. Was zögerst du noch? Ein weiter Schritt bringt dich vom felsigen Sockel hinüber zu dürftigem Stand. Eng schmiegst du dich an die glatte Mauer. Laut, fast hörbar, pocht das Herz. Weit spreizt der Fuss hinüber zum südlichen Riss, die Linke greift nach. Aber dann hängst du nur an Finger- und Zehenspitzen wie eine Zimmermannsspinne über der Tiefe des Rheintals. An den stumpfen Risskanten schiebst du dich in raschem Wechsel höher, mit peinlich exakten Bewegungen, ohne Ruhepause. Lähmende Müdigkeit saugt die Kraft aus den Fingern, leise vibriert der ganze Körper. Nur jetzt nicht nachlassen, sonst schwingst du in tollem Pendelschlag hinaus, am Westgrat des « Fünften » vorbei ins Leere. Und der Tanz beginnt von neuem. Noch einen Meter! Fiebernd spähst du im rechten Riss nach Haltepunkten. Mit letzter Willensanspannung fingert die Linke hinüber an die Kante, erhascht den rettenden Griff und zieht den Körper vollends hinauf. Es ist geschafft. Noch ein paar Schritte in die Südseite hinaus und du kannst bei einem prächtigen Sicherungsblock die zitternden Glieder entspannen. Ein Jauchzer hallt zwischen den Wänden, während du das Seil einziehst. Ausgepumpt, doch mit strahlenden Augen taucht dein Freund nach kurzer Zeit an der Kante auf. Nun aber Seilschlingen umgehängt und rasch hinauf zum Gipfel.

Gibt es etwas Schöneres, als nach getaner Arbeit so mühelos über die Nordwand zur Tiefe zu schweben? Fast lautlos gleitet der Hanf durch den blitzenden Ring. Kaum berühren die Sohlen den Fels, und plötzlich schwebst du frei. Durch das weitoffene Felsentor grüssen grüne Matten herauf und die Dörfer des Rheintals. Mit sanftem Aufschlag geht die Fahrt zu Ende.

Erster Kreuzberg von Nordost. Nach Norden bricht der erste Kreuzberg mit schauriger, gelbgefleckter Mauer lotrecht ab. Mächtige Platten, wie aus Stahl geschmiedet, quellen aus der mittleren Wandzone heraus und vereiteln jeden Angriffsplan im Gipfellot. Doch unter diesen unnahbaren Wülsten führt eine rassige, kühne Fährte hinaus auf den Ostgrat. Das ist der « Erste Nordost ».

Frühnebel liegt noch überm Tal, wie wir von der Hütte weg durch dichtes, taunasses Berggras zum Einstieg hinüberwechseln. Abweisend, kalt und düster reckt sich die Nordwand in den lichten Herbstmorgen. Wie schwarzer Marmor glänzen die blanken Plattentafeln nach dem nächtlichen Gewitterregen. Doch hoch über uns säumt goldener Morgenglanz den lockenden Grat. Da hilft kein langes Besinnen. Eine steile, massig schwere Stufe leitet hinauf zum ersten Überhang. Mit kältestarren Fingern hängt Die Alpen - 1943 - Les Alpes.12 ' ' .i'.yi'lit der Gefährte an dem widerspenstigen Wulst. Ein Karabiner schnappt ein, dann ist er meinen Blicken entschwunden. In einem engen Riss stehen wir wieder beisammen und mustern den Weiterweg. Über uns baucht sich die Wand in geschlossener Wucht weit nach aussen. Aussichtslos! Ein waagrechtes Bändchen sorgt jedoch dafür, dass der Faden der « einzigen Möglichkeit » nicht abreiset. Die Hände auf die schmale Felsleiste gestützt, die Füsse auf fast gleicher Höhe, queren wir hinaus ins Bodenlose. Weit hinaus drängt es den Oberkörper, begierig fassen die Hände den grünen Latschen-zweig, der hier in kümmerlicher Gesteinsfalte Wurzel geschlagen hat — ein Wunder des Lebens in dieser Einöde. Dort, wo sich das Gesims an praller Wand verliert, führt ein gestufter Felsenwinkel zu äusserst steilem Rasenfleck. Wie auf Katzenpfoten pirsche ich mich über lockere Graspolster heran zur Schlüsselstelle, den « Gelben Flecken ». Beiderseits von gelbsplittrigen Überhängen überdacht, bäumt sich die mauerglatte Platte auf. Einige Haken, bis zum Ring eingetrieben, weisen den Weg. Weich und sicher schmiegen sich die dünnen Sohlen kleinsten Rauhigkeiten an, behutsam trete ich höher.

Immer wieder ist es das beherrschte Spiel mit dem Gleichgewicht, das uns begeistert und uns tiefstes Erleben in diesen schauerlichen Plattenwänden schenkt. Der ungehinderte Tiefblick erhöht noch den Reiz dieser seltenen Fahrten.

Auf dem obersten Tritt wird der Blick frei zum sonnbeschienenen Grat. Auf allen Vieren hasten wir in schlechtgeschichteter Steilcinne empor zur legföhrenbestandenen Kanzel. Mit leichtem Übermut erwidern wir die Juchzer unzähliger « Wegelagerer » drunten in der Saxer Lücke. Was jetzt noch folgt, ist herrlich freies Klimmen im eisenfesten Kantenfels. Dichte Moospolster mit zarten Blütenkelchen dicht übersät säumen diesen Himmelspfad. Immer mehr weitet sich der Blick und auch das Herz für die Schönheiten unserer Heimatberge. Durch harziges Krummholz bahnen wir uns schlussendlich den Weg zum Gipfel.

Noch einmal streift das Auge die düstere Wandflucht, durch die wir heraufgestiegen sind, dann ziehen wir weiter in dei strahlenden Morgen hinein. Haben wir doch im Sinn, über den weiten, blinkenden Grat der Kreuzberge zu schreiten.

Erster Kreuzberg von Südosten. Fast hätte man über den « modernen » Gratwegen, den begehrten Zielen der Jugend, eine Fahrt vergessen, die mit zu den allerschwersten in den Kreuzbergen zählt. Eis ist der Südaufstieg zum « Ersten ». Nur ganz selten wird diese Tour ausgeführt. Begreiflich, denn nur mit gelindem Schaudern irrt der Blick über jene abschreckend steile Rasenplanke empor, aus der die marmorglatte Turmwand hinauf-schiesst ins Blau des Himmels. Unwirklich hoch, wo man nur ziehende Wolken vermutet, hängt fein wie Spinnweb ein zerbrechliches Gratmäuerchen. Menschlein, klein wie Ameisen, turnen darüber hinweg, dem Gipfel des Eckpfeilers zu. Der Weg, der da hinaufführt, verlangt wirklich ein grosses Mass an Ausdauer und technischem Können.

Unteralp! Wie zwei helle Sterne leuchtet das getünchte Gemäuer hinaus ins weite Land. Saftiges Grün sprosst neben dem niedern Stall, denn längst weidet das Vieh oben auf der Roslen. Ganz allein hausen wir für kurze Nachtstunden in der verlassenen Hütte, träumen von Gipfelglück nach schwerer Fahrt.

Kurze, trockene Windstösse fauchen um das graue Giebeldach, wie wir in aller Frühe den Riegel schieben. Schwer und drückend lastet es auf uns. Grau verhangen der Himmel. Mit schweren Säcken stolpern wir gleich hinter der Hütte die bleiche Schutthalde hinan, stapfen durch knietiefes Gras hinauf gegen den Fuss des Ostgrates. Regenschwere Wolken ziehen schon über den fahlen Zackenkamm, während wir unseren « Kriegsschmuck » umhängen. Wohl ahnen wir beide, was uns heute bevorsteht, doch eine trutzige Zuversicht und Kampflust füllt unsere Herzen. Auf trügerischen Rasenbändern queren wir dann in die jähe Flanke hinaus. Knirschend verbeisst sich der harte Stahl unserer Sohlen an griffkargen Platten. Keuchend raufen wir uns durch unwegsames Latschengestrüpp und grasige Steilrinnen. Ringsum blüht es in glühenden Farben wie in einem Wundergarten. Wir achten 's kaum, denn am Alvier steht dick und gelb eine Regenmauer, die unaufhaltsam näherrückt. Bei der obersten Tannengruppe wechseln wir die Schuhe. Hier beginnt erst die Felsfahrt in ihrem ganzen Ernst. Abweisend ragt die graue Flucht in drohendes Gewölk. Doch rechts drüben durchreisst ein dunkler, von unten nicht sichtbarer Kamin das Gemäuer, spaltet eine hundert Meter hohe Riesenplatte vom Bergkern ab. Mit dreifachem Überhang bricht der weite Schacht hernieder.

Wir dürfen keine Minute verlieren. Schon ringt mein Freund hoch oben im schwersten Fels. Weit verspreizt steigt er zäh aber stetig höher, denn nass und schlüpfrig sickert es über den plattigen Abbruch. Harte Hammerschläge fallen. Wie ein Maulwurf wühlt er sich über den abschliessenden Grasbalkon, mit wilden Schwimmbewegungen verschwinden zwei Beine langsam über mir. Nachkommen I Jetzt aber beginnt das Rennen mit dem Wetter. Ohne Rast klettern wir weiter, stemmend, spreizend im steilgebäumten Grund der Verschneidung. Ein Regenschauer rauscht über die Wand, Nebel fällt ein, fast dämmert es. Weit oben rücken die schwarzen Wände eng zusammen. Es scheint keinen Ausweg aus dieser Mäusefalle zu geben. In der Tat, es gibt in den Kreuzbergen wenige Stellen, die derart schwierig sind wie der berüchtigte dritte Absatz im « Ersten Südost ». Eine einzige volle Seillänge führt aus dem finstern Schlund auf den hellen Plattenschild. Wie eine Herausforderung baumelt auf halber Höhe ein rostiger Ring — der Rischhaken. Wer wollte da nicht an jenen kühnen Mann denken, der diesen Weg zum erstenmal und allein gegangen ist.

Jede Faser ist zum Zerreissen gespannt, leise beben die überlasteten Fußspitzen. Unerbittlich tut der Hammer seine Pflicht und zwängt das blanke Eisen ins Gestein. Schutzlos sind wir den stürzenden Wassermassen preisgegeben. Wie ein toller Kettenhund zerre ich am Seil, das sich kaum mehr durch die Karabiner ziehen lässt. Eine Grasleiter schlimmster Sorte führt endlich in das winzige Schärtchen. Wesenlos, wie aus weiter Ferne, dringt der Ruf meines Freundes aus grauer Tiefe. Gespannt horche ich hinaus, und unmerklich mehren sich die Seilschlingen neben mir. Vollständig durchnässt taucht der Gefährte auf, wie ein Erdarbeiter sieht er aus. Doch die folgende, plattige Stufe wäscht uns wieder sauber. Ein Sturzbach sprüht über die Wand. Was ficht es uns, dass flinke Wässer ein den Weg in unsere Schuhe finden. In einer überdachten Nische finden wir notdürftigen Schutz. Das Schwerste liegt nun hinter uns, fast übermütig brüllen wir unser Berglied in den wachsenden Sturm. Pfeifend fällt uns der Gratwind an, zerrt wütend an unseren schlotternden Gliedern. Er hält uns nicht mehr zurück. Auf einsamer, regengepeitschter Hochwarte finden sich unsere Hände zu wortlosem Druck.

In den kurzen Pausen, wo der Sturm seinen Atem anhält, schleichen wir geduckt über das scharfe Gratmäuerchen nach Westen. Manchmal, wenn die graue, brodelnde Masse zerreisst, sehen wir hinunter in dunkle Weidgründe. Hurrah, sie kommen uns entgegen mit Mänteln und mit Schirmen! Über die Scharte setzen wir noch wie üblich mit kräftigem Sprung — beinahe hätte es mich hinausgeweht. Es waren bange Minuten, bis wir drüben im tropfenden Nordkamin steckten. Ah gekämpft, mit staifen Seilen, erreichten wir den sichern Grund. Erst später, am knisternden Herdfeuer bei den Sennen wich die Spannung harter Stunden von uns. Eintönig trommelte der Regen aufs Hüttendach, und unser Berg versank in grauen Wogen.

Direkte Nordwand des dritten Krtiizberges. Schon oft hatten wir von der Roslen aus jene unheimliche, nahezu senkrechte Mauer gemustert, deren blanke Riesenplatte wie vom Schwerthieb eines Zyklopen von oben bis « fast » unten gespalten ist. Ja, wenn sich ein Zugar.g in diese nassdunkle Klamm erzwingen Hesse... Gar übermächtig lockte uns das Geheimnis dieser abweisenden Wand.

Schon die untersten, herausdrängenden Felsriegel, die uns den Zutritt zum dräuenden Nordwandriss versperrten, sie gaben uns schwer zu schaffen. Ein gewagter Quergang an griffloser Mauer leitete hinüber zum Beginn der Schlucht. Doch unsere Hoffnung, leichtern Fels zu finden, ward bald jäh zunichte. Zwei Seillängen kämpfte ich mich verbissen höher, stemmend und spreizend in der wasserüberronnenen Verschneidung. Längst hing die Sicherung « in der Luft », keine Ritze zeigte sich für unsere fügsamen Haken. Hoch oben in einer Nische ging es nicht mehr wei er. Unmöglich, diese triefenden Überhänge anzugehen. Zudem verhüllte engmaschiger Nebel jede Sicht. Einzig links drüben schien ein Ausweg möglich zu sein. Entschlossen querte Paul hinaus ins Haltlose. Dann in dünnen Rill;;n gerade hinauf. Wie ein Specht klopfte er an der Nebelwand. In kurzen Spannen heftete sich das Seil an die lotrechte Mauer. Kurz angebunden hockte ich im feuchten Schlupf und gab das Seil aus. Unaufhörlich tropfte mir das Wasser in den Nacken.

Endlich klang sein Zuruf zuversichtlicher. Durch einen engen Klemmkamin gewannen wir einen abgesprengten schlanken Plattenpfeiler. Wir witterten Gipfelluft. In anregender Kletterei war cer begraste Vorgipfel bald erreicht. Ein paar lila Bergasterchen steckten wir uns auf den Hut und trollten uns zum höchsten Punkt hinüber.Schluss folgt. )

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