Aus einem Bergbilderbuch

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Willy Zeller

( Zürich-Oerlikon ).

Hüttenweg.

Vor knappen Stunden umbrandete uns noch der tosende Taumel der Stadt. Fetzige Westwolken trieben über die lärmdurchknatterten Strassen und ertränkten jede Hoffnung in Missmut. Wir wagten es dennoch. Zittrige Lichtlein flimmern schon, da poltern unsere schweren Nagelschuhe über das Holperpflaster des Bergnestes. Und dann sind wir allein.

In den feuchten Wiesen im Grund spinnen die Nebelnixen. Perlgraue Schleier schlingen sie um die Erlenbänder am Hang, hüllen die Felsbrocken in schmeichelnde Duftgewänder und vergehen. Stahlblaue Schattentücher senken sich leise über die Wälder. Weit, weit darüber stehen Splittergrate vor dem verklingenden Abendhimmel. Ein wundersamer Duft spielt um die Höhen; er ist wie der Hauch auf reifen Heidelbeeren, bevor täppische Menschenhände darnach griffen.

Unschlüssig tastet sich unser Pfad durch zerriebenes Wildwassergeröll und verlorene Sandbahnen. Dann folgt er sittsam dem Wiesenrand, teilt sich unter den Tannen in schmale Miniaturwege und eilt stracks dem Rheingeplätscher entgegen. Schon tollt der junge Fluss neben uns, purzelt in bubenhaftem Übermut über jeden Felsbrocken im Bett, spielt mit kopfgrossen Steinen Fangball, umwirbelt jetzt den riesigen Block zur Linken, plaudert im nächsten Augenblick unbefangen mit einem überhangenden Blumenputsch und gurgelt im Handumdrehen bösartig unter dem Weide-polster, aus dem er in einer eklen Laune ganze Fetzen gezerrt hat. Hier oben ist er ungebunden. In ewigem Gleichmass schwillt und sinkt sein dröhnendes Lied, der Sang voll Herbe und Urkraft. Ist das derselbe Rhein, der in steinernen Schleusen gurgelt, dessen Stirn an bleichen Betonmauern zerschellt? Ist das derselbe Rhein, der in öliger Trägheit rauchende Schiffe trägt, der schleimiges Spülicht willig mit sich nimmt, den sie mit rührseligem Geloreleyer besingen?

Stundenrast. Aufatmend lassen wir die schweren Säcke von den Schultern gleiten. Die gepresste Brust dehnt sich breit im Wohlgefühl weit zurückliegender Kulturpflichten. Wie lächerlich dünkt uns jetzt all das Gehetze des Alltags! Es wird so sinnlos und albern vor der Hoheit der Berge.

Die warmen Abendtöne sind verblichen. Über den Himmel geistert jenes unbestimmte Blaugrün, das so seltsam müde macht. Hart stösst der Grat seine zersägte Silhouette darein. Ein Sternfünklein zittert schüchtern über ihm, ein zweites über der Silberkuppel, die das Tal schliesst.

Kalte Luft umhaucht unsere feuchten Stirnen. Fröstelnd gleiten wir vom Flechtenblock und schwingen die Säcke auf den Rücken. Die Pickel fahren klirrend zwischen ungeschlachte Brocken. Unsicher tastet sich jetzt Laternenschein durch das zernagte Altbett des Flusses, sucht verwaschene Wegmarken und ist uns treuer Helfer. Plötzlich stehen wir vor dem tosenden Rhein. Der Weg fingert hilflos ins Leere. In frevler Tollheit ist der Fluss seinem angestammten Bett entwichen und poltert vor uns an die jähen Wände. Wir suchen. Unsichere Wegspuren locken empor zur Fluh, versinken unter dem wirren Legföhrengebüsch und sind wieder da. Nun sperren wildwuchernde Farne, tropfend von Nachttau, den schmalen Pfad, doch schon zeugen Tritte im Fels von richtiger Spur, und ein schmales Moosband beginnt uns mit dem Intermezzo zu versöhnen, bis auch es sich im Nachtschatten verliert. Längst tropft es von der Stirn, hart hämmern die Pulse, hämisch drückt der Sack. Ein glucksendes Wässerlein spendet köstliche Labsal. Dann taucht die Wegspur unvermittelt in die Tiefe, zickzackt über den Plattenhang, sinkt in einen feuchten Riss, lockt uns auf bleiche Platten und gleitet wieder über sanfte Matten, als wäre nichts geschehen. Halbstundenlang noch narrt der Pfad unsere müden Glieder, bis plötzlich harte Umrisse vor uns stehen — die Alp. Sie ist totenstill. Nur der streichende Nachtwind treibt mit I einer halboffenen Türe Schabernack, bis sie gequält aufkreischt. Seltsam menschlich tönt es aus der Ferne. Mit weichem Singsang plätschert ein dünner Strahl in den Brunnentrog. Goldene Kringel wirft unsere Laterne darein, und ein geheimnisvolles Funkeln hebt im dunkeln Wasser an.

Mitternacht. Ist es nicht, als ob der gischtende Rhein seine Stimme dämpfte? Von den Flühen dort drüben flattern Wasserfahnen, die silbern schimmern, wie der schmale Mond jetzt über die Gratzacken späht. Hin und wieder durchzischt ein leuchtender Funken den samtfarbenen Himmel. Dann ist die Nacht tiefer als zuvor. Nur unsere treue Laterne zeichnet zuckende Bänder auf den steinigen Pfad. Wir sind müde, so müde! Hart pressen die Säcke die Schultern. Willenlos kettet sich Schritt an Schritt, schwer legt sich der Leib nach vorn. Die Gedanken schweifen weitab, träumen von stillen Gipfelstunden und traulichen Hüttenabenden, hangen unbewusst einer alten Weise nach, wandern nach Hause zu den Kleinen, die sich in seligem Kinderschlaf in die Kissen kuscheln. Kaum zerrt uns der Pickel, der klirrend zwischen die rauhen Trümmer fährt und stiebende Funken schlägt, für Augenblicke aus dem Halbschlummer. Da plätschert ein Brünnlein am Weg, schlicht in eine zerbeulte Röhre gefasst. In regelmässigen Räumen sind Steinplatten in den sumpfigen Grund gelegt. Vor uns ein kantiger Schattenriss — die Hütte. Unwissentlich strafft sich der müde Leib. Wäre es nicht so ewigkeitsstill, ein Jauchzer gellte durch die gottselige Einsamkeit. So aber öffnen wir sachte die schwere Tür und tasten uns in den traulichen Raum, der uns Heim sein will für Tage voll überquellender Bergfreude.

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