Badile — Kante ohne Ende

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Heinz Högger, Thun

In der Hütte Drei Minuten vor fünf Uhr. Irgendwo, zwei, drei Matratzen nebenan, geht der Wecker. Moderne Digitaluhr. . Der verschlafene Bergsteiger, dessen Arm an diesem nerventötenden Ding hängt, findet im Finstern den Knopf zum Abstellen nicht. Nach einer Minute hört die Uhr von selber auf. Jetzt sind alle wach. Aufstehen.

Ein Blick zum Fenster raus. Mist. Verhan-gen. Wieder einer dieser Tage, an denen das Wetter nicht wird, wie man den Wetterbericht vom Vorabend interpretiert hat. Mal frühstücken, dann weiterschauen. Alle frühstücken erst einmal und schauen dann weiter. Die Hüttenwartin meint auch, es könnte sein, dass sich die Wolken, die jetzt noch da oben hangen, verziehen, sobald die Sonne aufgegangen ist. Na gut, bis zum Einstieg können wir ja gehen.

Zur Kante In der Morgendämmerung schreiten wir zügig aufwärts. Dem Einstieg entgegen. Lassen die letzten Lärchen hinter uns, steigen Sasc-Furä-Hütte mit Badile ( rechts ) Badile heisst lange Kante. Heisst Klassiker. Schöne Kletterei. Badile gehört einfach einmal dazu. Dieser imposante Riese im Bergell; von weitem schon zu sehen. Mit dem Feldstecher schauen wir hinauf. Es sind welche dran. Morgen wird man uns zuschauen.

Klettern an der Badile-Kante über Platten empor. Nur nicht als letzte einsteigen. Dann musst du immer warten.

Das Firnfeld vor dem Einstieg ist hart. Hätten wir nicht doch die Steigeisen mitnehmen sollen? Unfair. Weil wir zuerst am Einstieg sein wollten und alle überholt haben, müssen wir jetzt Firn kicken, wärend die andern unsere Trittspuren benützen können.

Verdammt kalt. Bisenlage. Und dort oben immer noch Nebel. Nichts, aber auch gar nichts hat sich in der letzten Stunde dort oben getan. Wollen wir wirklich? Dort kommen schon die andern um die Ecke ange-schnauft. Wenn wir immer noch als erste einsteigen wollen, müssen wir jetzt gehen. Schnell noch einen Kraftstengel verdrücken, einen Schluck Tee schlürfen. Kletterfinken anziehen? Das friert dir doch die Zehen ab. Ich behalt die ( Beissen an. Vorläufig. Können weiter oben immer noch wechseln.

Und die Pickel? Hier deponieren? Unter einem Stein. Bist du sicher, dass wir über die Kante abseilen werden? Wollen wir uns jetzt schon festlegen? Na gut, nehmen wir sie mit. Sind ja nicht schwer.

Willst du vorangehen? Oder soll ich? Also gut, geh. Da? Meinst du nicht, mehr links?

Ich seh'nirgends einen Haken. Aber im Führer steht doch .

Was? Ich hör'nichts! Dieser verdammte Wind. Kommen? Ja, gut. Bin schon unterwegs.

Wettlauf Die andern sind auch schon da. Alle haben die erste Seillänge irgendwie anders genommen. Die einen mehr links, die zweiten mehr rechts, die dritten im Zickzack links und rechts. In der Hoffnung, die andern zu überholen. Und jetzt stehen wir alle auf dem Grat. Haben alle unsere Selbstsicherung am gleichen Haken eingehängt. Und wollen alle sofort weg. Oh, wie ich dieses Gedränge hasse. Wie an der Kasse einer Gondelbahn. Und das nennt sich Freiheit. Allein sein am Fels. Allein sein mit all den andern, die auch einmal den Badile machen wollen. Über die Kante.

Die sich zwischen Licht und Schatten emporschwingende Badilekante Willst du noch die Keile? Danke, hab'ge-nügend Material bis dort oben.

Kannst du schnell deinen Fuss heben? Mein Seil... Danke, geht schon. Ist das dein Karabiner? Kann ich da einhängen? Wieso bringt der meinen Karabiner mit? Was ist mit meiner Zwischensicherung? Was? Den falschen ausgehängt? Und Chrigu soll dann deinen mitnehmen? Also gut, aber lass wenigstens meinen da. Kennt nicht mal seine eigenen Karabiner. Nimmt einfach meinen mit.

Modernes Klettern in alpinen Routen. Parallelklettern im Massentrieb. Der erste hängt den Karabiner im Haken ein. Der zweite seinen Karabiner in den Karabiner, der im Haken hängt. Der dritte den Karabiner in den Karabiner, der im Karabiner hängt, der im Haken hängt. Dann kommt der vierte, der Seilzweite des ersten, hängt alles aus, weil sein Seil unter allem durchläuft. Klinkt danach den Karabiner des zweiten, in dem der Karabiner des dritten hängt, wieder in den Haken ein.

Endlich die erste Schlüsselstelle. Alle, die bis jetzt nebeneinander geklettert sind, werden nun hintereinander weitergehen. Wie die Schafe, die sich in der Herde vor dem Tor drängen und dann doch nur einzeln durch das Gatter gelassen werden.

Gedanken Die Seilschaften haben sich verteilt. Vorne zwei, hinten zwei. Wir in der Mitte. Nur fünf Seilschaften und trotzdem vorhin dort unten ein derartiges Chaos. Ich stelle mir vor, wie das sein muss, wenn an einem Sonntag in der Hochsaison 40 Personen an diesem Grat herumturnen. Grässlich.

Hast du gesehen? Dort drüben. Eine Abseilstelle. Ja, und dort unten könnte man über das Band weiter abklettern. Aber die Abseilstelle. Alte, geschlagene Haken, morsche Schlingen. Nicht unbedingt mein Geschmack.

Der Nebel verzieht sich. Jetzt scheint hie und da sogar die Sonne etwas durch. Nur der kalte Nordwind bleibt. Verdammt, ich frier'an die Finger. Trotzdem: Jetzt wechseln wir die Schuhe. Mit den Kletterfinken haben wir doch mehr Genuss. Willst du auch etwas Schokolade?

Der Fels ist griffig. Leichtfüssig lässt sich über die flechtenbewachsenen Granitplatten hochsteigen. Schön, nicht wahr?

Siehst du dort unten die Hütte? Wie klein. Haben schon toll an Höhe gewonnen. Und dort drüben die Sciora-Hütte. Der Cengalo. Schau mal, die Wand. Niemand drin.

Die zwei Haken, die Schlinge. Wahrscheinlich auch eine Abseilstelle, wenn man über die Kante zurück will. Wenn das überall so schlecht eingerichtet ist, dann geh'ich lieber aussen rum. Hat nicht Peter erzählt, dass sie beim Abseilen über die Kante dermassen viel Zeit verloren hätten? Weil sie an jedem Stand etwas ändern, eine neue Schlinge einziehen mussten.

Gespräche Man sollte eben eine Abseilpiste einrichten, schlage ich vor. Martin, der Bündner Bergführer, ist dagegen. Nur das nicht. Stell dir vor, ich bin mit meinem Gast am Klettern und oben kommen schon die ersten wieder herunter, sagt er. Das gibt ein Durcheinander. Wer gut ist, kommt auch so hinunter. Und die andern gehen aussen herum. Das ist erst noch weniger gefährlich. Und wenn sich herumspricht, dass eine Abseilpiste einge- 162richtet ist, kommen noch mehr an die Kante. Nur ja keine Abseilpiste. Irgendwie muss ich ihm recht geben.

Aber wenn ihr über die Kante abseilen wollt, fährt Martin fort, seht dort drüben. Dort könnt ihr gut hinuntergehen. Und weiter unten müsst ihr etwas links halten. Dort ist etwas eingerichtet.

Martin ist nicht einer jener schweigsamen und zurückgezogenen Bergführer, wie man sie oft antrifft. Obwohl wir uns vorher noch ' » ' .'

Mit uns spricht Martin mehr als mit seinen Gästen. Die gehen ihm auf die Nerven. Den ersten Schock haben sie ihm schon gestern versetzt, als sie in die Sasc-Furä-Hütte kamen. Mit Schlafsäcken. Wollten sie mitnehmen über die Kante hoch. Falls sie auf dem Gipfel biwakieren müssten. Und dann ihr Reiseprogramm. In einem Tag mit dem Auto von Norddeutschland ins Bergell und in die Hütte hinauf. Und morgen abend haben sie schon in den Dolomiten abgemacht. Ak-tivstferien.

iteht fünf umgebogen. :latzt. Hält len. Weil ihn st wie Kalk. 1er da? Tritt-le mich schon wesentlich sicherer. Noch rauf auf die Kanzel. Stand! Kannst nachkommen!

Weisst du, private Gäste kennst du wenigstens. Wenn sie dir hingegen übers Büro vermittelt werden, weisst du nie, mit wem du 's zu tun hast. Martin macht keinen Hehl aus dem Ärger mit seinen heutigen Gästen. Pfeifen sind das, fertige Pfeifen, grollt er. Er fühlt sich wohler, wenn sie ihn gar nicht erst sichern. Nur immer schön Seil nachgeben, hämmert er ihnen in jedem Stand von neuem ein. Und ja nie rupfen.

Das Schneefeld. Pass mal etwas auf. Mit den Finken da drüber. Martin meint, links um die Kante. Links? Hier? Verrückt. Geht nicht. Zurück? Nein, dort oben ist doch ein Haken. Die wir gestern mit dem Feldstecher beobachtet haben, sind hier doch auch rechts durch. Geht ganz gut. Kannst auch hier kommen. Geht prima. Links seh'ich keine Haken.

Wieviel Seil hab'ich noch? Gut, dann geh'ich noch etwas weiter. Ich glaub ', dort oben glänzt ein Haken.

Seil! Gib etwas mehr Seil. Verdammt, dieser Seilzug. Seil! Mensch, verhängt. Komm etwas nach.

Die Kante wird flacher. Weit kann 's nicht mehr sein. Die erste Seilschaft kommt uns schon wieder entgegen. Sie seilen ab. Über die Kante. Wollen heute noch ins Tal. Und wir? Willst du wirklich auch da runter? Weiss nicht recht. Mal rauf auf den Gipfel. Endlich etwas essen. Im Windschatten. Dieser Wind hier an der Kante. Bin schon ganz eingefroren.

Endlich der Gipfel. Gratuliere. Wie spät ist es jetzt? Sieben Stunden haben wir gebraucht. Das geht. Aber in drei Stunden da rauf, wie 's im Führer steht? Da musst du wetzen.

Wie warm es hier ist, im Windschatten. Diese Bisenlage. Kalt war 's. Aber trotzdem schön.

Was macht ihr jetzt? Martin geht mit seinen Gästen in die Gianettihütte. Übernachten. Morgen abend in den Dolomiten zu sein, werden sie wohl vergessen müssen. Und wir? Über die Kante runter macht mich gar nicht an. Dich auch nicht? Gehn wir also auch in die Gianetti. Der Vino soll billig sein. Hast du Lire dabei? Zuwenig. Der nimmt bestimmt auch Schweizer Franken. Und morgen gehen wir über den Porcellizo- und Trubinasca-Pass zurück.

Rückmarsch vom Badile. Ausblick beim Abstieg vom Trubinascapass auf den Badile

lückblick auf Der Montblanc-Gebiet

Willi Schmid, Zürich Im Abstieg vom Montblanc. Blick zurück auf den Gipfel Der Montblanc ist und bleibt ein Traumziel vieler Berggänger. Davon zeugen die Scharen von Touristen, die Jahr für Jahr dem ( Dach Europas ) entgegenstreben. Ich hatte das Glück, innert eines Jahres dreimal auf dem Gipfel des Montblanc zu stehen. Die folgenden Episoden mögen vielen Spitzen-gängern banal erscheinen. Anderseits ist jede Bergtour in ihrer Art einmalig und un-wiederholbar. Nicht umsonst spricht man ja von und meint damit wohl kaum die Unternehmungen im Grenzbereich der menschlichen Fähigkeiten. Ob man eine Tour wirklich ( geniessen ) kann, hängt selbstverständlich von vielen Faktoren ab. Manche ungeplanten Ereignisse können den Genuss an einer Tour behindern oder gar zunichte Mont Blanc du Tacul und Mont Maudit in der Abendsonne machen. Seltsamerweise bleiben die heiklen, unangenehmen und gefährlichen Situationen stärker im Gedächtnis des Bergsteigers haften als die problemlosen Schönwettertouren, bei denen alles wie am gelaufen ist. Auch dem Schreiber dieser Zeilen ist es nicht anders ergangen.

Mai 1979 Die Idee zur Montblanc-Besteigung entstand anlässlich einer Skitourenwoche im Banne der Haute Route. Widriges Wetter sorgte dafür, dass die Zahl der erreichten Gipfel in jener Woche bescheiden blieb. Es musste sogar ein stilloser Umweg über Sion in Kauf genommen werden. Gegen Ende der Woche aber besserten sich die Verhältnisse zusehends. Auf der Schlussabfahrt ( vom Col de Valpelline nach Zermatt ) wurde -unser stärkster Skifahrer - übermütig. Wie von Taranteln gestochen, sauste er davon. Unser Führer ( Fritz Tanner ) und die andern liessen sich anstecken und stürzten sich ihm nach. Bei einer Bodenwelle, die in eine scharfe Linkskurve überging, war Endstation - mit einem entsprechenden vollkommenen Ski- und Rucksacksalat.

Eben zu jener Zeit begann Bruderherz Res seinen Montblanc-Spleen zu entwickeln, indem er die Meinung vertrat, der Schwung der Schlussabfahrt sollte eigentlich wieder bis auf den Gipfel des Montblanc reichen. Führer Fritz war im Nu engagiert, und ich durfte gnädigst mitkommen, um als Brems-hilfe bei allfälligen Spalteneinbrüchen mitzuwirken.

So treffen wir recht spät am Vorabend des

Mitten in der Nacht beginnt es schon wieder zu rumoren. Die nervösen Franzosen treten sich auf die Bäuche. Wir sind logischerweise bei den ersten, die dieses Wespennest verlassen und in die Einsamkeit des Hochgebirges fliehen. Mondschein. Drüben an der Aiguille du Midi bildet sich ein Schleier, sonst ist der Himmel sternenklar. Fritz legt ein rasantes Tempo vor: Petit Plateau, Grand Plateau. Es tagt. Schon sind wir an der Val-lot-Hütte vorbei. Aber auf ca. 4500 m erfasst uns urplötzlich ein tosender Sturm. Graupel-teilchen knallen wie Geschosse von hinten auf unsere Rucksäcke. Weitergehen? Fritz startet eine Umfrage. Res ist dagegen, ich dafür: 1:1. Da legt sich Res unfairerweise eine weisse Nase zu, was Fritz zum Stichentscheid für einen ehrenvollen Rückzug bewegt. Im Moment, als wir uns dem Abstieg und damit dem Wind zuwenden, werden unsere Schutzbrillen eingeschneit. Praktisch blind tasten wir uns durch das heulende Unwetter in die Tiefe.

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Unterhalb 4000 m ist der Sturm vorbei. Die Sicht wird - trotz leichtem Schneefall - wieder passabel. Wo sind auch die vielen Hüttengäste geblieben? Die Schneefelder sind von Spuren durchpflügt, die reinsten Stop-peläcker! Schemenhaft tauchen im Nebel die weiss überzuckerten Felsen unterhalb der Grands-Mulets-Hütte auf. Die nächsten Montblanc-Anwärter sind bereits eingetroffen. Ob sie mehr Glück haben werden als wir?

Mai 1981 Der zweite Versuch - diesmal ohne Res, aber mit Führer Fritz - endet in Argentière. Trotz gutem Wetter müssen wir erkennen, dass in der Höhe viel Neuschnee gefallen ist, der den Montblanc im strahlenden Weiss aufleuchten lässt. Dafür gelingt uns eine schöne Skitour auf die Aiguille d' Argentière. Doch die Bedingungen während der Abfahrt sind katastrophal - Bruchharsch, der schlimmste in meiner ganzen Skitourenkar- Unterwegs zur Grands-Mulets-Hüttev riere. Mehrere Gipfelstürmer stolpern zu Fuss - die Ski auf den Schultern - talwärts. Und dies unangeseilt auf einem schlecht eingedeckten Gletscher. Schrecklich.

Ich engagiere Fritz für einen weiteren Versuch Anfang Juni.

Juni 1981 Seit zwei Wochen schiessen wir mit russischen -Raketen auf hagelträchtige Gewitterwolken. Die unregelmässigen Feld-einsätze - meist bis gegen Mitternacht dauernd - zehren an der sorgfältig aufgebauten Kondition. Freitage werden nach festem Plan vorwiegend während der Woche bezogen. Diesmal fallen sie für mich auf Montag/ Dienstag. Die Wetterlage ist stabil, und damit ist auch der vorangehende Sonntag dienstfrei. Was liegt näher als eine dreitägige Montblanc-Expedition? Wäre ich nur rechtzeitig auf diese geniale Idee gekom- Morgenstimmung am Brenva-Sporn men. Doch irgendwie war meine Motivation für Skitouren durch den Sommer dahinge-schmolzen. Die Skikanten rosten im tiefen Keller. Ich vergass - besser gesagt verdrängte - das Engagement von Fritz.

Dann, am Sonntagabend, das unvermeidliche Telefon von Fritz, der auf seinen mündlich vereinbarten Vertrag pocht. ( Hm ja doch, doch ), antworte ich, und am Montagmittag starten wir mit Vollpackung, erreichen knapp die letzte Kabine der Aiguille-du-Midi-Bahn und übernachten auf dem Betonboden der Gipfelstation, auf ca. 3900 m Höhe.

Um Mitternacht erheben wir uns, von Schlafen konnte sowieso keine Rede sein. Sternenhimmel. Der Mont Blanc du Tacul er- hebt sich als dunkle Wand vor unsern Augen. Der Anstieg beginnt. Der Schnee hat sich schlecht gesetzt. Die Ski lasten auf den Rucksäcken. Fritz leistet viel Spurarbeit. Er ist ein Konditionswunder. Mir machen die Steigeisen zu schaffen. Steigeisen an, Ski ab, Steigeisen ab, Ski an heisst es allemal. Wenn nur diese verflixte Ringbindung nicht wäre. Die Riemen lockern sich und müssen dauernd nachgezogen werden.

Mont Blanc du Tacul, Mont Maudit. Die höchsten Punkte werden links liegen gelassen. Abfahrt zum Col de la Brenva. Mur de la Côte, und es folgen die endlosen Gipfelhänge. Der Schnee ist windverblasen, brettig und hier besser zu begehen. Aber nun macht sich die Höhe bemerkbar. Der Atem hat Höchstfrequenz erreicht. Wo ist auch das Höhentraining geblieben? Oder ist es der Aussicht vom Gipfel des Montblanc sonntägliche Marsch von Wimmis auf den Niesen, der mir zu schaffen macht? Immer wieder muss ich Fritz um eine Pause bitten. Die Zweifel steigen, ob ich den Gipfel erreichen werde. Ist ja auch eine verrückte Idee, bar jeglicher Vernunft, auf 3900 m hochzu-gondeln und - nach kurzer ( Nachtruhe ) -eine Überschreitung von drei Viertausendern in Angriff zu nehmen. Aber was bleibt jetzt noch anderes übrig, als auf den Gipfel zu steigen? Der Rückzug über die Aufstiegsroute wäre sehr problematisch. Die Normalroute ist über den Gipfel selbst am einfachsten erreichbar.

Irgendwann kommt Fritz auf den Gedanken, dass ich einen Hungerast eingefangen habe. Der Gute. Als ob ich auch nur einen Funken Hunger verspüren würde. Ich muss mich regelrecht zwingen, etwas zu essen. Es fehlen jetzt noch etwa 100 Höhenmeter. Fritz ist vorausgegangen und kommt nun zurück, um mir Gepäck abzunehmen. Ein letzter Kraftakt, und wir stehen zuoberst. Es ist halb zwei, sonnig und mild. Händedruck und kurzer Blick auf die dunstverschleierte Umgebung. Fritz drängt auf baldigen Aufbruch. Unser ursprüngliches Projekt, mit den Ski vom Gipfel abzufahren, lassen wir fallen. Schön brav steigen wir zu Fuss zur Vallot-Hütte. Die folgende Abfahrt kennen wir bereits. Der Schnee ist aufgeweicht, und - wie könnte es anders sein - komplett verfahren. Weiter unten seilen wir an. Um Viertel vor sechs erreichen wir den Plan de l' Aiguille, gerade rechtzeitig, um mit der letzten Gondel in die Tiefe zu schweben.

Zu Hause Bettruhe gegen Mitternacht, Aufstehen um sechs. Natürlich gibt es tolle Gewitter und damit einen Raketeneinsatz, der wiederum bis gegen Mitternacht dauert. Der Kopf brummt den ganzen Tag und auch noch am nächsten Morgen.

August 1981 Endlich hat sich das Azorenhoch durchgesetzt. Bei stahlblauem Himmel wandern wir -eine Gruppe von fünf Bergsteigern - durch das wunderbar grüne und blumenreiche Val d' Arpette aufwärts. Unser Tagesziel ist die schöne Trient-Hütte. Die Zeit reicht, um den ersten Felsaufschwung der Ecandies bei bissiger Kälte zu erklettern.

Bei besten Verhältnissen steigen wir am nächsten Morgen über den Nordost-Pfeiler auf die Aiguille du Chardonnet. Welche Photos: Willi Sohmu Tiefblick auf den Nordostpfeiler der Aiguille du Chardonnet Prachtstour! Recht verzwickt sind dann am folgenden Tag einige Kletterstellen bei der Ost-West-Überschreitung der Aiguilles Dorées. In der Kaminverschneidung der Javelle mühen wir uns unverdrossen empor. Der Kamin ist zu breit, um die Körperreibung auszunützen, aber zu schmal, um mit den Fussen irgendwie sinnvollen Gegendruck geben zu können. Die restlichen Türme bieten dann weniger Schwierigkeiten und werden mit Hochgenuss überstiegen. Die Stimmung ist einmalig. Im Lauf des Tages bilden sich linsenförmige Föhnfische, die im hellen Sonnenlicht in allen Regenbogenfarben glitzern. Der Montblanc legt sich eine ufo-artige Mütze zu. Ob wohl ein Wetterumschlag bevorsteht? Hüttenwechsel. Wir fahren mit der Gondelbahn in Dreierpaketen über die Mer de Glace in Richtung Pointe Helbronner. Gleissendes Sonnenlicht empfängt uns beim Verlassen der Bahnstation. Die gestrigen Wolkenfische sind wieder verschwunden. Die Verhältnisse sind phantastisch. Wir traversieren den Gletscher in Richtung der Ghi-glione-Hütte. Die Granitwände schiessen unvermittelt aus dem Gletscherbecken in die Höhe. Gran Capucin, Aiguilles du Diable. Ein Kletterparadies auf 4000 Meter.

Der kurze, aber steile Anstieg zur Ghi-glione-Hütte liegt bereits im Schatten. Ein gemütlicher Abend steht uns bevor, sogar ein Hüttenwart ist da. Mehrere Gruppen interessieren sich für eine Route in der be-rühmt-berüchtigten Brenva-Flanke. Wer erinnert sich hier nicht an die Schilderungen von Bonatti? Unser Ziel ist der Brenva-Sporn, der die Flanke auf der rechten Seite begrenzt: eine klassisch gewordene Hochtour und einer der schönsten Anstiege der Alpen.

Die Anwärter für die Brenva-Flanke erheben sich um Mitternacht, während wir noch drei Stunden Schlaf geniessen. Bei Sonnenaufgang sind wir auf dem Grat. Der felsige Pfeiler des Grand Pilier d' Angle schillert in purpurfarbenen Tönen, bevor ihn die ersten Sonnenstrahlen treffen. Wir kommen flott voran, und am späten Vormittag stehen wir zuoberst. Gratulationen, die obligaten Fotos werden geschossen und die Aussicht wird erklärt. Mehrere Montblanc-Neulinge sind zu Recht stolz auf ihre Leistung. Die Sicht ist überwältigend, kaum eine Wolke trübt den Himmel.

Der Abstieg auf dem Normalweg geht problemlos vor sich. Wie schreibt doch Bonatti:

Mai 1982 Diesmal geht es um eine Montblanc-Ski-tourenwoche. Die Planung wirkt beeindruckend: Die markantesten Viertausender im Grenzgebiet Italien—Frankreich—Schweiz werden ins Programm aufgenommen, wobei zur Erhaltung der vollkommenen Symmetrie der Dreiländergipfel des Mont Dolent die erste Stelle einnimmt.

Dank der klingenden Gipfelnamen findet sich eine grössere Gruppe zusammen. Fritz ist wiederum unser bewährter Führer. Der Grand Capucin ( links ) und Aiguille Verte ( im Hintergrund ) Aufstieg im Val d' Arpette Auf dem Weg zum Gipfel der L' Aouillie Mont Dolent wird bei idealen Verhältnissen bestiegen. Etwas heikler ist der Anstieg auf den Gran Paradiso. Das Wetter hat umgeschlagen, und wir tasten uns im Nebel empor. Die Gipfelmadonna hat sich einen Rauh-reifschleier zugelegt, wird aber trotzdem mit Inbrunst geküsst. Bei miesestem Wetter versuchen wir am nächsten Morgen, ein steiles, mit Nassschnee gefülltes Couloir hinabzufahren. Unser schwächster Skifahrer, der die Ski längst abgezogen hat, erreicht den Talboden mit grossem Vorsprung als erster.

Was nun? Die Aussichten für eine Mont-blanc-Besteigung erscheinen gleich Null. In Villeneuve, einem kleinen Dorf am Eingang des Val Savarenche, finden wir ein einfaches Restaurant. Wie staunen wir, als wir in einen riesigen Esssaal geführt werden! Nicht nur das Essen ist exzellent, sondern wir erhalten vom Kellner auch den Tip, das benachbarte Val de Rhêmes aufzusuchen. Etwas zweifelnd beschliessen wir, seinen Rat zu befolgen. Bereits bei der Fahrt talaufwärts staunen wir über die diesem Tal eigene Wildheit.

Mit Urgewalt müssen die an den Hängen losgebrochenen Schneemassen gewütet haben. Kilometerlange Waldschneisen mit geknickten Baumstämmen links und rechts der Strasse. Zuhinterst im Tal liegt Rhêmes-Notre-Dame. Wir beziehen eine günstige Pension und werden dafür mit Zweierzim-mern inkl. Bad verwöhnt. Das Essen ist wiederum ausgezeichnet, insgesamt ein einmaliges Preis-Leistungs-Verhältnis für sonst weniger verwöhnte Schweizer Alpenclübler!

Auf dem Programm für den nächsten Tag steht L' Aouillie, ein Dreieinhalbtausender mit schöner Gipfelkuppe. In kristallklarer Luft steigen wir in der Morgendämmerung durch den lichten Lärchenwald empor. Die Bergspitzen färben sich rosa. Einsam ziehen wir unsere Spur durch den knietiefen Neuschnee, der Sonne entgegen. Deren Licht überwältigt uns. Kann man sich als Skitourenfahrer einen schöneren Tag wünschen? Der Gipfelhang wird zweimal bestiegen, um die Abfahrt im Pulverschnee doppelt zu geniessen.

Nochmals übernachten wir in unserer Pension, aber dann zieht es uns Richtung Montblanc. Trotz der unsicheren Wetterlage und der recht grossen Neuschneemenge wollen wir einen Versuch wagen. Sicher ein risiko-behafteter Entscheid. Wir sollten die Antwort der Berge hautnah erleben. Beim Verlassen der Aiguille-du-Midi-Bahn auf dem Plan de l' Aiguille machen wir grosse Augen. Eine sonnenüberflutete Arena umgibt uns.. Schon lockt eine schön hoch angelegte Spur 173 Aufstieg durch das Vallone di Entrelor, ein Seitental des Val de Rhêmes Der Gran Paradiso vom Gipfel der L' Aouillie Richtung Grands-Mulets-Hütte. Unser Führer Fritz mustert sie mit kritischen Augen. Kurz entschlossen tritt er eine neue Spur über den weiten Kessel, in gebührender Distanz von den Steilhängen der Aiguille du Midi. Gerade als die letzten die Randmoräne des Kessels hochsteigen, kracht es. Die weit oben losgebrochenen Eismassen donnern als riesige Staublawine herab. Mit urgewaltiger Kraft wälzen sich die Schnee- und Eismassen über die Spur unserer Vorgänger, und selbst die unsere bleibt nicht verschont. Schliesslich werden wir vom Nebel der auslaufenden Lawine eingehüllt. Schneefall aus blauem Himmel. Wo wären wir gewesen, wenn wir der bogenförmigen Spur unserer Vorgänger gefolgt wären? Hab Dank, Fritz, du hast uns vor einem sichern Unglück bewahrt.

Die folgenden Steilhänge queren wir mit kritischen Blicken hangaufwärts. Die Angst begleitet uns - ein beklemmendes Gefühl, das sich bei mir in den Bergen von Zeit zu Zeit einstellt. Zu Beginn einer Bergsteigerlaufbahn tappt man ja praktisch blind und voller Vertrauen irgend einem nach.

Das Urteilsvermögen für mögliche Gefahren fehlt - und damit auch ein wichtiger Ansatzpunkt für Angstgefühle. Erst nach kritischen Erlebnissen erhebt sich jene Stimme, die sagt:

Am nächsten Morgen sind die Sterne verschleiert. Trotzdem ziehen wir los und überqueren, vorbei an den bunten Zelten unserer Vorgänger, das Petit Plateau. Wir steigen weiter. Da löst sich rechts im Eisbruch erneut ein Eisturm. Lautlos fegt eine Schnee-front gegen die Zelte. Diese verschwinden. Uns bleibt der Mund offen. Zum zweiten Mal innert 24 Stunden sind wir knapp einer Lawine entgangen. Allmählich verzieht sich die Schneewolke, die Zelte tauchen wieder auf und mit ihnen - Gott sei Dank - auch die verschlafenen Köpfe der - wie wir - Gott ver-trauenden Alpinisten.

Grosse Rast bei der schnee- und dreckge-füllten Vallot-Hütte. Wir ziehen die Steigeisen an. Schritt für Schritt geht es dem höch- Auslaufende Eis- und Staublawine auf dem Plateau des Glacier des Pèlerins, am Fusse der Aiguille du Midi sten Punkt entgegen. Um die Mittagszeit sind wir oben. Wir finden eine flache Mulde und picknicken ausgiebig. Der Himmel ist grau, die Sonne milchig und die Sicht nicht besonders überwältigend. Was macht das schon aus? Es ist windstill, und die Luft ist mild, wie auf dem Turnen oder der Galmschibe an einem schönen Tag im Februar. Alle geniessen Montblanc-Gipfel. Auch die bevorstehende Abfahrt ( holprig und gefährlich wie eh und je ) kann unsere Freude nicht trüben. Dies tut schon eher die Fahrt in später Nacht zurück in die Schweiz. Doch auch dieser letzte Teil unserer Mont-blanc-Abenteuer wird glücklich überstanden.

Verschneite Gletscherlandschaft auf dem Glacier des Bossons, im Aufstieg zur Grands-Mulets-Hütte

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