Baltoro-Angelus-Karakorum

Claude Stucki, Genf

Baltoro - das klingt wie Musik! Sogleich hat mir dieser Name den Kopf verdreht, mir keine Ruhe mehr gelassen.

Und eines Tages, auf einem der Pfade nach Manang, hinter den Gipfeln der Annapurna, laufe ich meinem Freund Michel Afanassieff in die Arme. Hör zu! Ich plane eine Expedition ins Baltoro-Massiv. Letztes Jahr ist mir dort ein blendendweisser Gipfel aufgefallen, eine Art Leibwächter des K2. Angelus heisst er. Es sieht so aus, als habe ihn noch niemand bestiegen. Nun, was hältst du davon?

Meine Augen leuchten auf, ein Traum nimmt Gestalt an, mit Leib und Seele bin ich dabei: der Angelus? eine Erstbegehung? Nicht schlecht für einen Pfarrherrn. Und schon sehe ich mich oben auf dem Gipfel. Michel entgehen diese Gedanken und Gefühle nicht. Er hat verstanden. Es gilt.

Eine Expedition ist Traum und Abenteuer, zugleich aber ein Berg Arbeit. Die Vorbereitungen beginnen, langsam.

16. Juli 1983. Wir fliegen über Paris, London und Karachi nach Islamabad, der Hauptstadt von Pakistan. Der Traum wird Wirklichkeit, harte Wirklichkeit sogar.

Von Rawalpindi führt uns eine 18stündige Busreise nach Gilgit, von da geht es in weiteren 10 Stunden auf einer steilen Schotterstrasse hoch über dem majestätischen Indus nach Skardu, dem Hauptort von Baltistan. Dieser sogenannte Karakorum-Highway, vor kurzem nach 15jähriger Bauzeit fertiggestellt, verbindet Rawalpindi mit China. 15000 Pakistanis und 10000 Chinesen waren am Bau beteiligt, fast 500 von ihnen verloren dabei ihr Leben durch Erdbeben, Lawinen, Erdrutsche, extreme Temperaturen und immer wieder auf-flackernde Stammesaufstände - eine lebensfeindliche Gegend. Die Bedeutung dieser Strasse ist strategischer Natur: für China ist sie die erste Verbindung mit Westasien und dem Arabischen Meer.

Um Lebensmittel einzukaufen, bleiben wir einen Tag in Skardu. Noch einmal sind wir vier Stunden mit dem Jeep unterwegs nach Dassu, einem schönen Terrassendorf. Von da führt nur noch ein Pfad weiter, weshalb wir 40 Baltis anwerben, die unsere Lasten bis ins Basislager auf 5000 Meter tragen werden.

Ein langer Marsch beginnt, der hart und entbehrungsreich sein wird. 500 Meter windet sich der Pfad bergauf, und ebensoviel führt er hinab zu den schwärzlichen Fluten des reissenden, menschenverschlingenden Braldo. So geht es tagelang weiter. Manchmal verliert sich der Pfad, auf einmal sprudelt nirgends mehr eine Quelle, und wir leiden Durst. Nur die losen, um 45° steilen Geröllhalden sind allgegenwärtig: jede Rutschpartie würde im Fluss enden. Wir steigen langsam die in der Luftlinie ungefähr 130 Kilometer messende Strecke von Dassu zum Basislager hinan; mit rund zwölf Tagen rechnet man normalerweise, doch schaffen wir den Anstieg von 2400 auf 5000 Meter in neun Tagesmärschen.

Dem 58 Kilometer langen Baltoro-Gletscher mit dem Blick zu folgen, ist ganz einfach phantastisch. Beeindruckend ist nicht so sehr der riesenhafte, graue, mit Felstrümmern gespickte Teppich; vielmehr sind es die ihn säumenden Pyramiden aus Fels, Eis und Schnee, die bis zum Himmel reichen. Gipfel mit traumhaften Namen: Payu-Peak, Trango-Turm, Thunmo-Dom, Mustagh-Turm, Masherbrum, Gasherbrum - selbst für den verwöhntesten Bergsteiger ein Eldorado.

Concordia: Ein Treffpunkt wie im Aletsch, wo in einem riesigen Schulterschluss der Obere Baltoro-Gletscher und der Godwin Austen-Gletscher zusammenfliessen.

Vier Achttausender geben sich dort ein Stelldichein: der Hidden Peak, der Gasherbrum II, der Broad Peak und der alle überragende K2, Chogori mit seinem einheimischen Namen. Neben ihm, bescheiden, aber schlank und in gleissendes Licht getaucht, der Angelus. Der also ist unser Ziel.

31. Juli. Wir erreichen das Basislager des K2 auf 5020 Metern Höhe und richten uns ein. Sechs Tage lang versuchen wir nun, vom Sa-voyer-Gletscher aus über die Westflanke des Angelus aufzusteigen, und rüsten nach und nach 200, dann 400 Meter kombinierten Geländes mit fixen Seilen aus. Langsam geht uns aber das Material aus, und die höherliegenden Felsriegel scheinen schwierig zu überwinden. Die Zeit vergeht und wird knapp. Ein anderer Versuch von Michel Afanassieff und Frank Philippe in der Südwestflanke, mitten durch einen exponierten und gefährlichen Gletscherabbruch, findet auf 5850 Metern Höhe infolge schlechten Wetters und faulen Schnees ein vorzeitiges Ende. Am 7. und B. August wechseln Regenschauer mit Aufhellungen. Aber am Abend des B. August - es regnet wieder einmal - beschliessen Michel und ich den entscheidenden Angriff für den folgenden Tag.

Dienstag, 9. August. Mitternacht, der Himmel sternenübersät. Ich wecke Michel, und um 1 Uhr brechen wir auf. Wir durchsteigen das Felsband, welches das linke Ufer des Sa-voyer-Gletschers säumt; dann, nach einstündigem Marsch, erreichen wir die abschüssige Südwestflanke des Angelus. Wir kommen gleichmässig voran. Die Steigeisen greifen gut im steilen Eis, auch der Zugpickel dringt bestens ein. Nur ab und zu bremst eine fast senkrechte Stufe unseren Schwung ein wenig.

Die Route verläuft diesmal ganz anders: sie folgt einer Reihe von steilen Eisfeldern und noch steileren Fels-Eis-Couloirs rechterhand des Gletscherabbruchs ( SSW ). Bei Tagesanbruch erreichen wir eine Plattform oberhalb des Abbruchs ( 6020 m ). Unser Rhythmus ist gut, und an Schnauf mangelt es nicht.

HeisserTee und Bouillon geben uns neue Kraft. Der Gipfel umgibt sich mit einem Schleier von Hochnebel. Es ist kalt10° ), und unsere Rucksäcke sind relativ schwer ( je 14 kg ). Einen lassen wir zurück, ebenso ein Zelt, die Schlafsäcke, Schaumstoffmatten, warme Kleider, Lebensmittel und einen Teil der Kletterausrüstung.

Um 8 Uhr setzen wir den Aufstieg fort. Der Schnee trägt recht gut, und wir sinken nur wenig ein. Ein breites Couloir über uns scheint auf den Grat zu führen; in zwei Stunden sollten wir es eigentlich geschafft haben. Doch es will und will nicht enden, und wir brauchen fast doppelt so viel Zeit, wie wir gerechnet haben.

Unser Atem geht kürzer. Die Zehen verkrampfen sich, desgleichen die Wadenmuskeln. Nur noch langsam kommen wir voran.

Der Chogolisa Kangri ( 7628 m ) In der 8. Tagesetappe. In Goro am Samstagmorgen, den 30. Juli. Im Hintergrund der Mustagh-Turm ( 7273 m ) Der Masherbrum ( 7821 m ) von Goro aus Unvermittelt stehen wir auf dem Grat. Es ist 1 Uhr mittags, und die Nadel des Höhenmessers zeigt 6600 Meter an. Von Zeit zu Zeit reisst der Nebel auf, und Concordia erscheint weit unten, dort, wo der Gletscher gegen Süden hin verschwindet.

Eine Rast mit Zwischenverpflegung ist unumgänglich: Dörrobst, Feigen, eisig kalter Tee. Noch bleiben uns 200 Höhenmeter bis zum Gipfel; etwa zwei Stunden werden wir wohl benötigen. Aber der Grat steilt sich auf und beschert uns immer fauleren Schnee. Wir staunen nicht schlecht. Wir verlassen die Gratkante und steigen in der Südwestflanke weiter, wo der Firn fester ist. Weiter oben folgen wir wieder dem endlosen Grat: Aufschwünge, Buckel und Einschnitte in bunter Folge, und dann dieser elende Schnee!

Eine überhängende Wächte, wo wir keinen festen Stand finden, erfordert doppelte Vorsicht. Jetzt vier Meter Abstieg, eine kurze Traverse, dann eine noch mächtigere Wächte und -vor uns liegt der Gipfel.

Lange schon ist die Aufhellung gewichen. Wir sind eingehüllt in grauweisse Watte, doch langsam bricht die Freude durch. Rasch ein paar Photos. Die Müdigkeit ist von uns abgefallen. Ein paar Schritte noch, mechanische Bewegungen: Pickel, Schritt, noch ein Schritt, Pickel... und endlich stehen wir oben.

Eng und abgerundet bietet der Gipfel kaum Platz für fünf bis sechs Leute. Glücklich fallen wir uns in die Arme.

Die Rundsicht müsste fabelhaft sein, jetzt am späten Nachmittag. Die eindrückliche Pyramide des K2 läge gegenüber. Aber ihn zu sehen ist uns nicht vergönnt, denn düstere Nebelschwaden umgeben uns. Einzig die nächstgelegene hoch aufgeworfene und unstabile Wächte, die wir eben überwunden haben, zeichnet sich knapp unter uns ab.

Ein starkes Glücksgefühl steigt in uns auf: wir haben es geschafft, wir haben eine neue Route eröffnet, wir stehen auf einem Fleck Erde, den noch keine Menschenseele betreten hat. Die Freude ist nicht überschäumend, angeregt durch eine strahlende Sonne und eine glitzernde Kulisse; sie ist ganz verinnerlicht, verdichtet zu stiller Besinnung. Ich habe das Verlangen zu beten, den Segen zu sprechen...

und die Worte kommen wie von selbst über meine Lippen: ...

Fünfzehn Stunden sind es her, seit wir das Basislager verlassen haben. Der Höhenmesser zeigt 6870 Meter an ( 15 mehr als auf der Karte angegeben sind ). Wir sind also rund 1850 Meter gestiegen.

Hunger und Durst machen uns zu schaffen. Ein paar Dörrfrüchte und einige Tropfen Wasser stillen beide Bedürfnisse fürs erste.

16 Uhr 12: Wir verweilen nicht länger und steigen ab. Der Gipfelaufschwung ist wirklich steil ( 55° ). Wir folgen jetzt seiner rechten Seite, eine Möglichkeit, die wir zum Teil beim Aufstieg ausgemacht haben. Ich steige talwärts blickend ab, während Michel sich lieber dem Berg zuwendet. Der blanke Eisschild drängt aber immer mehr ab, und auch ich bin schliesslich gezwungen, mich zum Berg zu drehen. Der Abstieg geht langsam vonstatten: wir beide suchen vorsichtig Tritt um Tritt, beträgt doch die Neigung weiterhin 50°. Die Nacht bricht ein. Wir queren die ganze Eis-arena, um ja die senkrecht verlaufenden Schrunde zu vermeiden. Michel ist rascher, und ich verliere ihn aus den Augen. Hätte ich jetzt nur meine Stirnlampe, doch sie ist beim Zelt zurückgeblieben! Immer wieder tauchen neue steile Eisfelder auf. Das Steigeisengehen wird zur Qual, die Bewegungen laufen nur mehr mechanisch ab. Die Müdigkeit beschleicht mich wie ein heimtückisches Fieber und plötzlich: ein Tritt ins Leere - und schon stecke ich tief in einem Schneehaufen, aber unversehrt. Dies nach einem Sprung von vier Metern, weil ich im schwindenden Licht der Dämmerung eine Kante nicht bemerkt habe.

Der Berg ist hier weniger steil. Ich stehe auf, schüttle mich, uff! Ein Licht blinkt weiter unten: Michel hat unser Depot gefunden. Bald bin ich bei ihm, stolpernd vor Müdigkeit. Es ist 21 Uhr - seit zwanzig Stunden sind wir unterwegs.

Wir schlagen das Zelt auf. Ich setze den Kocher in Betrieb. Schon brodelt das Wasser, als Michel, mit einem unglücklichen Fusstritt, das Gefäss umstürzt. Ein Loch im Schnee ist alles, was vom heissen Wasser übrigbleibt. Nochmals von vorn! Starr vor Kälte verzieht sich Michel in seinen Schlafsack und schläft prompt ein. Ein paar Minuten später rüttle ich ihn wach:

( Michel, die Bouillon ist fertig, der Tee auch!> Völlig ausgetrocknet schlürfen wir langsam das heisse Gebräu. Die Wärme weckt unsere Lebensgeister, und unser Durst wird gelöscht. Essen? Dazu ist es morgen noch früh genug. , sagt man bei uns!

Ich schlüpfe ebenfalls in die Daunen und falle sogleich in tiefen Schlaf. Der Angelus wiegt mich in Träume. Es ist eine ausgezeichnete Nacht, die wir da im Zelt auf 6000 Meter über Meer verbringen, von Kopfweh keine Spur.

6 Uhr: Ich wage einen Blick vors Zelt. Der Himmel ist verhangen. Wir beschliessen, sofort zusammenzupacken und abzusteigen, solange der Schnee noch trittfest ist.

Einzige Wolke am Expeditionshimmel: die knappe Zeitspanne von vier Tagen und der ernsthafte Wetterumschlag lassen es nicht mehr zu, dass auch die anderen Teilnehmer den Gipfel besteigen. Gegen Abend reisst der Himmel noch einmal auf. Der Chogolisa-Kan-gri im Westen türmt seine 7628 Meter gleissend und geheimnisvoll vor einem dräuenden, blauvioletten Himmel auf - eine beeindruckende Szenerie. Wir hier unten liegen schon lange im kalten Schatten, aber der unwirkliche Anblick dieser Bergspitze bewegt mich zu tiefem Nachdenken, zu fast mystischem Meditieren. Das Gefühl der Kälte macht einem tiefen Seelenfrieden Platz.

Zurück in Carouge ist dieser Eindruck noch immer lebendig, und ich versuche, ihn in einem Gedicht zu erfassen ':

Comme une trouée irrésistible dans la grisaille des jours, étincelante émergence au milieu des velours sombres, violacés, mauves et roses, la montagne s' impose comme un espace de lumière et de liberté, comme un appel à monter vers elle plus haut, toujours plus haut à effleurer du bout des doigts, dans une tension de tout son être, cet au-delà, dilaté, chaleureux, infini et être enfin, saisi par le Tout-Autre en un souffle irradié d' une joie indicible.

Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Christoph Rohr, Bern'Wie ein unwiderstehlicher Lichtblick im Grau des Alltags, strahlende Kuppe inmitten dunklen Samts, mauve, rosa und violett, so strebt der Berg auf wie reines Licht und Freiheit; er ruft uns, ihn zu besteigen, höher, immer höher, mit Fingerspitzen zu berühren, gespannt bis zum Äussersten, dieses Jenseits, das weit offene, warme, unendliche, um endlich, ergriffen vom ganz Anderen, wie angehaucht, erfüllt zu sein von unaussprechlicher Freude.

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