Begegnung

CHRISTIAN CAFLISCH, ZÜRICH

In der Oktobernummer 56 « Die Alpen » weiss K. A. Meyer uns in der Begegnung mit Bergnamen viel Besinnliches zu sagen und uns Aug, Ohr und Herz für manches zu öffnen, an dem so viele von uns allen tagtäglich stumm und blind vorübergegangen sind. Und solche Begegnungen, Fragen und Antworten, warten an allen Ecken und Graten, aber auch in Dörfern und selbst in Geschlechtern.

Da begegnete ich unlängst dem Vater Hischier in Oberwald im Goms/VS und frug in die Tiefe nach der Herkunft seines Namens, dieweil ich eigentlich auf der Suche nach der Herkunft meines eigenen - mutterseits - war. Ja, die « Hischier », was sollte denn das wohl sagen? Einfach, greifbar nahe, lag die Erklärung: Die Hischer ( Häuser ) sind ja überall Wohn- und Werkgemach der Menschen. Die « zen Hischern » wandelten den Namen im Verhochdeutschen zu Zenhäusern, die Originale aber blieben beim ( zen ) Hischer - Hischier, eben der Hischier kommt aus diesem Stamme.

Die « Waiden » des Ober- und Mittelwallis formten den Namen in von Wald, Wald, Walder und die Walder - wohl infolge einer frühzeitlichen Stammestrennung - in Walder und Walther -so im bündnerischen Oberland.

Die Walliser Walser « Ruppen » wurden zu den Rupp in Bünden, die « Zen Ruffinen » -herstam-mend von den Guttannern Zer Ruffena - wurden dort wieder zu dem Stamm der Ruffner, die « Mengen » zu den Meng, die « Thenen » zu Thöni, die « Heinzen » zu Heinz, die « Burgener » zu Burger, die « Wyssen » zu Wyss, die « Helden » zu Held, die « Ehi » zu Elsa usw. ( Eisig-Wallis; Elzi-Bosco-Gurin; Elsa-Mutten z.B. ). Ja, wenn ich da wieder einmal im Oberwallis in Dörfern und auf Matten, Weiden und Bergen herumstreife oder mich gar in alte Urkunden vergrabe, da finde ich der Wunder und Wandlungen ein endlos scheinendes Bild, bis mir endlich bewusst wird, dass Stamm, Art, Brauch und Sprache im Grunde ost- und westseits des Gotthard dieselben geblieben sind. Dieses Wissen und Erleben hat in mir denn auch einen Weckruf zur Heimat - im Wallis - laut werden lassen. Nicht dass ich darob etwa mein Bünden verlöre. Aber mir ist dieser Gottesgarten Erde in den Gefilden des Rheins und des Rottens zum Himmelreich auf Erden geworden! Der Rationalist wird über solchem Eifer lachen und bisweilen sogar von Euphorie oder -pathie zu sprechen beginnen Doch was tut das!

Von Berg- und Flurnamen wäre noch so manches zu sagen, das uns erst in die Lage versetzt, in diesem Erdreich Wurzel zu fassen, zu verwurzeln, Heimat zu finden und zu erleben. Wer kennt das Kirchlein von Ziteil im Oberhalbstein nicht, diesen alten Wallfahrtsort ZentralbündensFrage ich da den wohlgeschulten Oberhalbsteiner romanischer Zunge, was denn dies « Ziteil » sinngemäss auf deutsch zu bedeuten haben könnte! Bisher hat mir noch keiner auch nur die leiseste Andeutung zu einer Erklärung geben können. Und dennoch scheint mir, ich hätte den Schlüssel zu Name und Standort der der Maria geweihten Kapelle gefunden: Ziteil dürfte meines Erachtens vom walserischen Eigenschaftswort « zitill » kommen. Es kommt mir als Romanisierung der Endsilbe ill in eil vor. Nun aber heisst « zitill » im alten Walsertütsch nichts anderes als lieblich, niedlich, herzlich-schön, in welchen Begriff auch die Eigenart der Unschuld eingeschlossen ist. So sagt der Walser ( bisweilen noch - nicht allerorts ) etwa zu einem Freund, der da sein kleines Töchterchen an der Hand führt: « Ei luag etz amai dahara, hescht du da an zitilli Techter ». ( Ei, schau jetzt einmal her, hast du da ein liebliches, herzlich-schönes Töchterchen ). So wurde aus dem Zitill eben das Ziteil. Und sinngemäss angewandt: Die älteste Kapelle in Ziteil war der hilf- und gnadenreichen Mutter Gottes hoch oben am Berg, weit ob der Waldgrenze, geweiht.

Nach der Legende soll dort die Gnadenreiche einem Saluxer Hirten erschienen sein und ihn geheissen haben, dafür zu sorgen, dass hier eine Kapelle erbaut werde. Soweit die Legende des romanischen Oberhalbsteiner Volkes1.

Nun müssen wir aber darum wissen, dass:

1. Im Oberhalbstein die hohen Hanglagen beidseits der Julia vor Jahrhunderten von Waisern besiedelt wurden. Am linksseitigen Talhang der Julia waren es von S nach N die Weiler am Stallerberg oberhalb Bivio, im Val da Faller, von Sblox, im Val Nandrò und ganz im nördlichsten Eckpunkt von Mutten. In genau dieser alpinen einstigen Siedlungslinie befindet sich nun auch die Kapelle resp. Kirche von Ziteil.

2. Im Oberhalbstein waren die eingewanderten Walser, vermutlich mindestens zum Teil aus dem Avers, zur eigenen Gemeindebildung nicht zugelassen, und zwar im Surgod so wenig wie im Sut God.

Unter Voranstellung dieser beiden Tatsachen erklärt sich mir denn auch die Romanisierung des Zitill in Ziteil und die Verdrängung der wahrscheinlichen Tatsache der Erstellung der primären Kapelle dortselbst, zu Ehren der zitillen Maria der walserischen Siedler durch die Legende der Erscheinung, die der romanische Hirte von Salux dort oben hatte; eine andere Form der Verdrängung walserischen Elementes, die im Sinne der damaligen Zeit und Abwehrnot verständlich erscheint.

Wann diese hochalpine Besiedlung stattfand und wie lange sie angehalten hat, kann bis heute nicht dokumentarisch belegt werden. Auch die Tatsache, dass die « Muttner » Walser weit mehr an den Stamm der Oberländereinwanderung anklingen, denn an solche aus dem rheinwaldne-rischen Stamm, spricht nicht gegen diese These. Wir wissen ja auch nicht, ob die Muttner nicht als eventuell zweiter Siedlungsschub aus dem Oberland an den Standort Mutten gekommen sind, weil ein erster ohne weiteren Nachschub aus dem Oberhalbstein sich erschöpft haben könnte.

Berge, Täler, Flurbezirke jedweder Art, Siedlungen, Bäche, Brunnen usw. haben nicht nur vom Menschen her den Namen bekommen, sondern tragen ihn - wenn kartographisch durch den Menschen festgelegt - gar oft noch weit über die Siedlungszeiträume hinaus.

Da haben die Davoser nun ihre bekannte Bräma-Büel-Bahn. Der Name hat mit « Bräma » ( den lästigen Fliegen ) wohl nichts zu tun. Aber das Walser Geschlecht der Brehm hatte hier wohl einst seinen Weidbüel, seinen Weidhubel.

Der Zipperspitz ist auf der Karte als Ciprianspitz eingetragen, und doch hat dieser Heilige hier nur auf der Karte etwas zu suchen. Er trägt den Namen des einstigen Geschlechtes der Zipper auch in der Gegenwart. Das Zipperhus liegt ja auch gar nicht so weit von dieser Weide entfernt. Und so könnte man Dutzende analoger Fälle aufzählen.

Ich kenne einen Flurnamen, der « Waldarigaden » heisst. Was ein Gaden ist, ist wohl allgemein bekannt. Was ein Waldari ist, das weiss aber nur der, der die einstige Besiedlung kennt. Und hier, ausgerechnet in diesem genau umgrenzten Räume, wohnte das einst zahlreiche, heute hier schon vor 100 Jahren ausgestorbene Geschlecht der « von Wald », von welchen der Christian von Wald 1 Die Vision Maria Ziteil wird auf das Jahr 1580 datiert. 140 den Übernamen « dr Waldari » trug. Das Waldari kommt nicht etwa vom Romanischen « Val da ri » = Bachtälchen her, denn von einem Bach oder gar einem Tälchen ist keine Spur.

Im gleichen Räume aber haben wir auch eine Letzi. « Uff dr Letzi », « Letziboda » und « Letzi-halda » heisst es da. Es mag sein, dass hier einst eine Letzi war. Vielmehr vermute ich aber zwei Möglichkeiten:

Einmal: Es könnte hier vielleicht eine Letzi im Sinne eines technischen Abwehrwalles einst bestanden haben. Eventuelle Ausgrabungen könnten dies bestätigen.

Dann aber war hier dazu: die andere Art und Form der Letzi: Ein Friedhof, ein « Heilig Garta », wie die Walser mancherorts auch sagen. Was das aber mit Letzi sprachlich zu tun haben könnte? Viel: Heute noch sagen die Leute daselbst dem Abschiednehmen « letzena », sei es nun Abschied für eine Reise ins ferne, fremde Land, sei es auch für die Gefilde jenseits des irdischen Lebens, für den Tod. Ja, wenn einer « letzenat », so ist er in Sterbensnöten. Und die Letzi als solche ist die letzte Ruhestätte derer, die eben « g]etzened händ ».

Der « Letzigrund » zu Zürich kann seinen Namen auch nicht von einem Letziwall her haben. Denn von einem solchen war und ist dorten keine Spur. Wohl aber war auf dem Letzigrund die alte Richtstätte, der Galgen der Zürcher. Und der Letzibach in Zürich ist urkundlich nachgewiesen der Bach, der am Friedhof vorbeifliesst. Also auch hier wieder die Möglichkeit, dass Letzi identisch Friedhof bedeutet.

Im zuerst genannten Fall ist denn auch ein Friedhof nachweisbar. Ja, selbst ein « Lichwäg » führt zur Letzi, der beim « Lichgatter » den Durchgang von der « Teufgassa » her eben zur Letzi hin hat.

Diese Ausführungen sollen zeigen, wie so oft uns Namen der Landschaft von der Geschichte derselben und deren Besiedlung zu berichten wissen, wenn wir Aug, Ohr und Herz dafür offenhalten. Diese Art Erlebnis wird aber nur dem zuteil, der noch auf Schusters Rappen Berge und Täler durchwandert. Wer so Heimat sucht, wird sie bestimmt immer wieder finden, diese religio prima, wie ich sie nenne. Wer mit dem Motorfahrzeug durch die Täler rast, der fährt nur allzu oft an solchen Dingen vorbei.

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