Begegnung mit Stein- und Eiszeit

Eiszeit'egegnung mit Stein-und Eiszeit

Im Carstensz-Gebirge in Neuguinea1

Veronika Meyer, Uettligen ( BE )

Blick vom Aufstieg zum Neuseelandpass auf Car-stensz-Pyramide und Midden Kam 97 Eben machen wir eine kurze Pause auf dem Westgrat der Carstensz-Pyramide. Es ist erst 10 Uhr vormittags, und schon beginnt es leise zu regnen, was hier leider die Hauptbeschäftigung der Wettergötter zu sein scheint. Für eine Besteigung der Carstensz-Pyramide sollte man möglichst eine ( kurze ) Schönwetterperiode abwarten oder zumindest einen Tag wählen, an dem der Regen erst zu einem späteren Zeitpunkt einsetzt. Leider sind solche Tage hier ziemlich selten. Der Berg ist mit 4884 Metern ( früher 5030 m ) der höchste Gipfel von Neuguinea und damit auch von Ozeanien und Australien. Bedingt durch seine Lage nur wenig südlich des Äquators und durch seine Höhe sind regelmässige und ausgiebige Niederschläge ein Charakteristikum dieses Massivs. Eben noch haben wir uns eingebildet, die Sonne werde gewiss bald durch den Nebel dringen -wohl wissend, dass wir dabei selbst noch unser Wunschdenken strapazieren müssen. Doch da wir schon so hoch gestiegen sind, wollen wir die nun folgende Kletterei trotzdem in Angriff nehmen, um möglichst den Gipfel zu erreichen.

1 Kommerzielle Expedition zur Carstensz-Pyramide vom November 1993. Teilnehmer: Hans Eitel, D-Dossenheim ( Leiter ); Ripto Mulyano, Indonesien-Jakarta ( ortskundiger Leiter ); Ekkert Gundelach, D-Konstanz; Walter Treibel, D-München; Ramon Portiila, E-Madrid; Jan Kocher, CH-Baden; Veronika Meyer, CH-Uettligen Ich bin gewiss nicht zum ersten Mal in Nebel und Nieselregen in den Bergen unterwegs. Allerdings könnte ich solch zweifelhaftem Vergnügen viel billiger zu Hause frönen. Was also habe ich hier eigentlich verloren?

Die Kletterei über den erosionszerfresse-nen, festen und durch die Nässe schwarz glänzenden Kalkgrat ist nicht sehr schwierig, und bald haben wir die Abseilstelle erreicht. Ich kann meinen Gedanken nachhängen im vollen Bewusstsein, dass ich mich an einem ersehnten singulären Punkt unserer Erde befinde. Zur Rechten lässt sich die schauerliche Tiefe der steilen Südwand mit ihrem Hängegletscher erahnen. Bei klarem Wetter sähe man darunter undurchdringlichen Urwald und in der Ferne das Arafura-Meer. Und knapp tausend Kilometer weiter entfernt liegt Australien...

Neuguinea, seine Berge und seine Völker Die höchsten Gipfel von Australien und der pazifischen Inselwelt, die zusammen als Kontinent gelten, liegen nicht in Neuseeland, sondern in Neuguinea. Was wir auf einer Weltkarte als unbedeutende Landmasse nördlich von Australien ausmachen können, ist aber immerhin nach Grönland die zweitgrösste Insel der Erde und beispielsweise etwa dreieinhalbmal so gross wie die britische Hauptinsel. Im siebzehnten Jahrhundert sah der holländische Kapitän Jan Carstensz vom Arafura-Meer aus an einem klaren Tag die höchste Spitze Neuguineas. In die Heimat zurückgekehrt, berichtete er von der Existenz eines schneebedeckten Berges in unmittelbarer Nähe des Äquators, was allerdings kaum jemand glaubte. Doch der Gebirgszug, der das Rückgrat Neuguineas bildet, ist zu einem guten Teil höher als 3000 Meter, und zahlreiche Gipfel überragen die 4000-Meter-Marke. In Epochen mit kaltem Klima ( Eiszeiten ) wird dieses Massiv zum Ursprungsort mächtiger Gletscher, die bis weit in die umliegenden Gebiete vorstossen. Inzwischen sind fast alle wieder verschwunden, und aufmerksame Besucher sehen heute nur noch die sich kilometerweit erstreckenden, vegetationsbedeckten Moränen. Einzig die Carstensz-Pyramide und ihre Trabanten konnten sich ein kleines Eismän-telchen bewahren, dessen Abschmelzen aber rasch voranschreitet.

Die Ureinwohner Neuguineas sind dunkle, kraushaarige, kleine Menschen, die man durchaus als bezeichnen könnte. Allerdings ist dieser Begriff zu stark negativ belastet und erweckt zudem die Assoziation, dass Afrika die Heimat dieser Menschen sei. Auf unserer Expedition nannten wir sie ( Danis ), was sehr praktisch ist, aber ihrer Identität vielleicht nicht ganz gerecht wird. Die Danis sind eine der Haupt-Volksgruppen der Insel, wobei sich diese dann noch in Untergruppen aufteilen. Zusätzlich gibt es weitere Gruppen. Laut einer erhaltenen Karte treffen sich an unserem Ausgangsort Maga die Gruppen der Western Dani und der Damai.

Im östlichen Teil der Insel sind die Ureinwohner wohl mehr oder weniger unter sich, denn dieses ehemals australische Gebiet ist jetzt als Papua Neuguinea unabhängig. Der Westen gehörte früher den Niederlanden, die die Bewohner in die Unabhängigkeit entlassen wollten. Stattdessen verleibte sich Indonesien das Gebiet mit militärischen und politischen Druckmitteln ein und nannte es fortan Irian Jaya. Besorgnis erregt dabei die Tatsache, dass Indonesier aus dem überbe-völkerten Java nach Irian Jaya umgesiedelt werden. Werden sie den Ureinwohnern, denen man schnell einmal das Etikett ( primitiv ) anhängt, mit dem nötigen Respekt begegnen und sie nicht zur Minderheit im eigenen Land verkommen lassen?

Beginn in der Steinzeit Hans hat die Abseilstelle eingerichtet und ist in die Tiefe getaucht. Jan folgt ihm nach, und Ripto lässt mir den Vortritt. Also die feuchten Seile in den Achter eingefädelt, und bald lande ich zwanzig Meter tiefer im gelben Sand. Komischer Berg: entweder klettert man über phantastischen, festen, äusserst griffigen, ja unangenehm scharfkantigen Fels oder findet sich unvermittelt in einer elenden, steilen Halde aus gelbem Schutt oder Sand. Wir befinden uns jetzt hinter dem dreieckigen Turm, der sich westlich des Gipfels erhebt. Wir müssen ihn umgehen, was sich in Gehgelände ganz bequem tun lässt, und dann in schwieriger Kletterei wieder den Grat erreichen. Vorerst kostet uns ein Verhauer wertvolle Zeit. Man sieht ja auch nicht gerade viel im Nebel. Das Gelände ist nicht besonders übersichtlich, und genaue Beschreibungen stehen uns keine zur Verfügung. Schliesslich befinden wir uns unter der Schlüsselstelle. Nachdem sich der Himmel zwischendurch etwas zurückgehalten hat, beginnt es erneut zu regnen und diesmal leider sogar stärker als vorher. Die Felsen sind kleinsplittrig, griffarm, schwarz und nass. Die Standplatz-Absicherung ist auch nicht gerade umwerfend. Hans arbeitet sich nach oben und kann einen Keil legen. Eigentlich sollte man hier Kletterfinken tragen, aber es lässt sich auch mit Trekkingschuhen machen, und ein Heim ist letztlich wichtiger als perfektes Schuhwerk. Nach zehn Metern Griffe muss sich Hans in einem athletischen Kamin engagieren. Wir sehen ihn nicht mehr, aber nach einer guten halben Seillänge hat er die Schwierigkeiten überwunden. Die Stelle ist wohl mit V/AO zu bewerten, aber im Nachstieg und dank der Verwendung des Klemmkeiles und uralter Haken - bestimmt ( Original Harren - als Fortbewegungshilfen komme ich gut oben an. Da ich mir noch Jans Seil angehängt habe, steht auch die zweite Seilschaft bald einmal neben uns.

Nach kurzer Verschnaufpause wenden wir uns dem nächsten , einem Spreizschritt, zu.

Die von den übrigen indonesischen Inseln ausgehenden internationalen Fluglinien führen über Biak nach Hawaii und Los Angeles. Biak ist eine Insel unmittelbar nördlich von Neuguinea. Von dort fliegt man mit einer Twin Otter in einer Stunde nach Nabire, einer an der Küste gelegenen Kleinstadt auf Irian Jaya. Ein weiterer Flug bringt die Besucher ins Innere der Insel. Eine Strasse von Nabire nach Maga ist zwar seit fünf Jahren im Bau, aber bisher hat man erst die bedeutend einfachere Hälfte der Strecke ( in Luftlinie gemessen ) erstellt. Ob und wann man die topographisch äusserst schwierige zweite Hälfte wird vollenden können, steht höchstens in den hier allgegenwärtigen Wolken geschrieben. Maga war also der Ausgangsort unserer Expedition. Vor einer Generation lebten die Menschen tatsächlich noch in der Steinzeit. Sie brauchten Steinwerkzeuge, obschon Weisse bereits die ersten Stahläxte und -messer gebracht hatten. Sie waren in jeder Hinsicht Selbstversorger und verwendeten Kaurimuscheln als Zahlungsmittel. Entsprechend fragten wir uns gespannt, ob sie auch immer noch in ihrer traditionellen ( Bekleidung ) herumlaufen würden: die Frauen in einem Bastrock, die Männer mit einer Penishülle aus einem orangenfarbigen Kürbis. Es macht ja in der Tat nicht viel Sinn, in einem regnerischen, aber milden Klima Stoffkleider zu tragen, die kaum wieder trocknen, wenn sie einmal nass geworden sind. Es zeigte sich dann, dass etwa die Hälfte der Dorfbewohner Ilagas traditionell, die andere Hälfte westlich gekleidet ist. In entlegenen Höfen findet sich westliche Kleidung hingegen kaum.

Für unsere Expedition aus sieben Personen benötigten wir sage und schreibe 51 Träger! Die Regierung legt fest, dass ein Dani nicht mehr als 15 Kilogramm tragen soll, was uns eher wenig schien. Allerdings änderten wir unsere Meinung später, als wir die Strapazen des Anmarschweges am eigenen Leib erfuhren. Es gilt nämlich, Essen für mindestens 15 Tage sowie Biwak- und Klettermaterial mitzunehmen. Dazu kommen noch die eigenen Nahrungsmittel der Danis, einige wenige Werkzeuge, Jagdwaffen und Planen zum improvisierten Zelten. Macht wie gesagt 51 Träger, die zum erhöhten allgemeinen Vergnügen auch gleich von neun Frauen und einigen Kindern begleitet wurden. Diese Leute waren fast durchwegs westlich gekleidet, und alle hatten irgend einen Regenschutz bei sich, bestimmt eine sinnvolle ( Ausrüstung ), ging doch die letzte Etappe über den 4400 Meter hohen Neuseelandpass. Schuhe besassen allerdings nicht alle.

Aufstieg in die Eiszeit Ich habe mich nun auch über die doppelte Spreizstelle geschwindelt, nicht ohne mich etwas gequält zu verrenken. Der Gipfel kann nicht mehr weit sein, aber vorerst steht ein dreieckig-spitzer Turm aus unzuverlässigem gelbem Bröselgestein vor uns. Wir steigen auf Wegspuren im Zickzack zu ihm hoch und umgehen ihn äusserst vorsichtig, denn hier droht der 600-Meter-Abgrund der Nordwand. Nun würde man wohl den Gipfel sehen, wenn er nicht vom Nebel verhüllt wäre. Sandweglein und kleine Felsstufen führen uns höher. Da ich die einzige Frau der Expedition bin, lässt man mir für die letzten Meter den Vortritt. Da - eine Gedenkplakette, einige Flaschen mit Notizzetteln als Inhalt und ein Wimpel - das ist der Gipfel.2 Felsen, Geröll, Nieselregen und Nebel, die Carstensz-Pyramide empfängt uns nicht gerade herzlich. Trotzdem sind die vier Menschen der internationalen Seilschaft glücklich: Ripto aus Indonesien, Hans aus Deutschland, Jan und ich aus der Schweiz.3 Wir fotografieren uns 2 Routenbeschreibung Die Harrer-Route ist die Normalroute auf die Car-stensz-Pyramide ( über Nordwand und Westgrat ).

Überblick: Die Route kann vom Midden Kam aus gut eingesehen werden. Im Westgrat befindet sich ein markanter, spitz-dreieckiger Turm. Links und rechts davon liegen hoch in der Wand je ein auffälliger gelber Schuttfächer.

Einstieg: In den westlichen Begrenzungsfelsen einer kleinen Schlucht mit grossen Blöcken in der Fallinie des rechten ( westlichen ) Schuttfächers.

Routenverlauf: Einige Seillängen über leichte Felsen ( ausgesetzt ) und Rinnen hinauf, zuerst schräg nach rechts. Dann nicht mehr der logisch scheinenden Rinne nach rechts folgen, sondern nach links über eine moosige, unattraktiv scheinende Rampe ( Stellen III ). ( Wenn man nach rechts weitergeht, erreicht man schwierigeres Gelände. ) Man gelangt in den westlichen gelben Schuttfächer und steigt mühsam nach rechts oben. In der Nähe des Westgrats müssen kurze Bollwerke aus schwarzem, kleinsplittrigem Fels überwunden werden ( III. Vom Grat hängt ein altes Seil herunter. Dem Grat in leichter Kletterei bis zur Abseilstelle vor dem Turm, den man nicht betritt, folgen. 20 Meter nach Süden auf das Geröll abseilen. Rechts imposanter Tiefblick auf den Hängegletscher der Südwand. Auf dem Geröll etwa 50 Meter den Felsen entlang gehen, aussen um ein Eck herum ( leicht ) und in Sand weiter geradeaus, bis es nicht mehr weiter geht. Nun links gerade hoch, zuerst plattig ( oder etwas rechts davon durch eine athletisch wirkende Verschneidung ?), dann einen Meter nach links und rechts durch einen kurzen, schwierigen Kamin ( V/AO, einige Haken, total ca. 25 Meter ). Man hat nun den Turm südlich umgangen. Spreizschritt zur Abstiegs-Abseilstelle. In leichter Kletterei kurz den Grat entlang, doppelter Spreizschritt ( schwarzer runder und weisser schmaler Block, evtl. eine Schlinge um den schwarzen Block legen und für den Rückweg hängen lassen ). Im Zickzack zu gelbem, dreieckigem Turm, diesen links umgehen ( Geröll, heikel ). Über Geröll und einige leichte Stufen nach links vorne zum Gipfel ( Gedenkplakette ).

Abstieg: Zurück zur Abseilstelle. Zweimal 50 Meter durch Schlucht abseilen ( offenbar ist auch zweimal 40 Meter möglich ), Steinschlag unvermeidlich. Nun nochmals 20 Meter auf den östlichen gelben Schuttfächer abseilen ( links oben grosse Höhle ). Schräg nach links ( Westen ) über Schutt und leichte Felsen absteigen, bis man die Aufstiegsrinnen erreicht, die man vorwärts abklettern kann. Am Schluss kann man zweimal 20 Meter über rutschige Stufen ins Gelbe Tal abseilen ( Haken ). Da das Abseilen durch die Schlucht unangenehm ist, ist es vielleicht besser, wieder vollständig über die Aufstiegsroute zurückzukehren.

Zeiten: Merental bis Einstieg im Gelben Tal 1 Std.; Einstieg bis Grat 2-3 Std.; Grat bis Gipfel 2-A Std.; Gipfel bis Gelbes Tal 3-4 Std.

gegenseitig; Ripto meint, die Plakette müsse unbedingt mit aufs Bild, sozusagen als Gip-felbeweis. Verschmitzt zieht er eine Büchse Coca-Cola aus seinem Rucksack und offeriert sie uns. Es ist lange her, seit wir in Nabire letztmals die amerikanische Getränke-kultur genossen.

Nach Norden fällt der Blick durch die Nebelfetzen jäh ins 600 Meter tiefer liegende Gelbe Tal, ein interessantes Gletschervorfeld, das seinen Namen von den zahlreichen gelben Schuttfächern bekommen hat, mit denen es beidseitig gesäumt ist. Der Midden Kam, der das Tal nördlich begrenzt, ist nur zu ahnen. Dahinter liegt das Merental mit seinen hübschen verschiedenfarbigen Seen, wo wir das Basislager aufgeschlagen haben. Diese Kulisse würde bei guter Sicht ergänzt durch die gletscherbedeckte Northwall, durch die der Neuseelandpass zum Larsonsee, zu den endlosen Sumpfebenen, den Urwäldern mit ihren Schlammwegen und schliesslich nach Maga führt. Das Vorgebirge mit den eiszeitlichen Moränenrücken bildet dabei fast den angenehmsten Teil des Anmarschweges, kann das Wasser dort doch gut versickern, so dass man ausnahmsweise einigermassen bequem vorwärts kommt. Der Basislagerplatz lag, als Heinrich Harrer 1963 mit seinen Gefährten die Carstensz-Pyra-mide erstmals bestieg, gleich am Gletscher auf etwa 4240 Meter. Heute befindet sich die Gletscherzunge bestimmt zwei Kilometer talaufwärts und auf etwa 4360 Meter. In den dreissiger Jahren war der Neuseelandpass noch völlig von Eis bedeckt. Die Täler sind demnach von den Gletschern erst in jüngster Zeit freigegeben worden. Entsprechend interessant sind Geomorphologie und Vegetation. Betrachtet man die mächtige Nordwand der Carstensz-Pyramide vom Neuseelandpass oder vom Midden Kam aus, so sieht man gut die Höhe des Gletscherstandes während der letzten Eiszeit. Das ursprüngliche Relief ist als Folge der enormen Niederschlagsmengen stark überfurcht worden, so dass es heute von unzähligen Rinnen und Schluchten durchzogen wird.

3 Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, dass unser Expeditionskamerad Ramon Portiita den Gipfel der Carstensz-Pyramide bereits 3 Stunden zuvor im ( geplanten ) Alleingang erreicht hat.

Der lange Weg zum Berg Die Carstensz-Pyramide liegt in Luftlinie nur etwa 50 Kilometer von Maga entfernt, und trotzdem benötigte unser Tross sechs Tage vom Dorf bis ins Basislager. Je nach Niederschlagsmenge der vorangegangenen Wochen und Tage hat man mit viel oder mit sehr viel Morast, Sumpf, Schlamm und Dreck zu kämpfen. Anfänglich führt der Pfad durch Urwald, und wegen der zahllosen Wurzeln, glitschigen Balancierstämme, Strünke und Schlammpfützen kann man den Zauber dieser grünen Kathedrale kaum auf sich wirken lassen. Am zweiten Tage tritt man aus dem Wald heraus und macht mit dem zähen Büschelgras Bekanntschaft. Dieses kann trockene Rasen oder endlose Sumpfebenen bilden. Man versucht, möglichst gut und unbeschadet vorwärts zu kommen, schätzt die Blick vom Midden Kam ins Merental mit seinen verschiedenfarbigen Seelein ( links Lower Muddy Lake, hinten Harrer Lake, rechts Base Camp Lake ) Belastbarkeit dieses Höckers und die Tiefe jener trüben Pfützen ab - und täuscht sich oft genug. Wir gehen mit Skistöcken, die Einheimischen natürlich ohne. Wir tragen einen doch recht angenehmen Rucksack, sie ein selbstgeknüpftes Netz, einen unserer wasserdichten Seesäcke oder sogar ein Fass. In Maga wurde kontrolliert, dass keine Last über 15 Kilogramm wiegt. Wenn es regnet, was oft genug vorkommt, packen wir einen Schirm aus; viele der Träger haben wegen ihrer sperrigen Last jedoch keine Hand für so etwas frei, und einen Schirm besitzen ohnehin nur die allerwenigsten. Auf dem ganzen Weg trifft man keine einzige Siedlung an, denn bald nach Maga wird die 2600-Meter-Grenze überschritten, oberhalb welcher die Süsskartoffel nicht mehr wächst. Dieses wichtigste Nahrungsmittel der Danis erträgt keinen Frost - und interessanterweise auch keine Staunässe, weshalb die mit einfachsten Werkzeugen bestellten gepflegten Äcker immer an einem Hang angelegt werden.

Immer wieder galt es, Bäche zu durchwaten. Sumpf und Schlamm wechselten mit Schlamm und Sumpf, bis wir am fünften Tag endlich das Hochgebirge vor uns sahen. Das erste Juwel in einer geradezu lieblichen Landschaft war der Discoverysee, doch vor dem Eintritt ins wirkliche Heiligtum mussten wir eine steile Waldstufe voller Schlammbäder überwinden. Keine Beschreibung kommt an die Wirklichkeit heran. Der Lohn dieser Strapaze war überwältigend, selbst bei trübem Wetter: Die Szenerie rund um den Larsonsee ist von grossartiger Wildheit und Einsamkeit. Wie ein Amphitheater steht tausend Meter hoch die firngekrönte Northwall über dem stillen See. Man kann kaum glauben, dass ein durchaus angenehmer Pfad über den Neuseelandpass durch diese Nordwand führt. Am sechsten Tag schliesslich erreicht man den Pass, kann bei passablem Wetter die Carstensz-Pyramide in ihrer ganzen gewaltigen Breite und Höhe bewundern ( wer hat da etwas von überdimensioniertem Bockmattli gesagt ?) und steigt dann steil ins strenge, karge, durch seine Seelein aber herrlich geschmückte Merental ab. Ich war sofort überwältigt von der Ausstrahlung des Ortes, den jedoch einige Teilnehmer unserer Expedition als trostlos empfanden.

Wir packen unsere Rucksäcke und verabschieden uns vom Gipfel. Es regnet immer stärker. Der gelbe Turm verlangt unsere ganze Aufmerksamkeit, dann krabbeln wir wieder über den doppelten Abgrund. Bald erreichen wir die Abseilstelle. Wir haben alle Respekt vor dieser Rinne oder kleinen Schlucht, die sich hier durch die Nordwand zieht. Sie soll uns einen schnellen Abstieg vermitteln. Ripto geht als erster. Bald sehen wir ihn nicht mehr, teils wegen des Geländes, teils wegen des Nebels. Offenbar muss er die Seile entwirren, fünfzig Meter sind lang!

Blick vom Aufstieg zum Neuseelandpass auf Car-stensz-Pyramide, Midden Kam und Lake Co-prosma im Merental Das Merental und seine Berge Eigentlich gäbe es einen viel kürzeren Weg ins Basislager. Etwa fünf Kilometer entfernt liegt talauswärts die gewaltige, lärmige und unermüdlich weiter in den Berg vorangetriebene Freeport-Mine. Am Ertsberg wird Kupfererz abgegraben. Für Unbefugte ist das Betreten des Geländes strikt verboten, und wer es trotzdem versucht, muss mit einer sehr empfindlichen Busse rechnen. Eine Strasse und eine Luftseilbahn führen von der Südküste her zur Mine, und von dort könnte man dann gemütlich ins Basislager wandern. Aber eben, auch als Rückweg darf diese Variante nicht benützt werden. Wir kommen trotzdem in den Genuss des hier betriebenen technischen Gigantismus, hört man doch selbst im Lager je nach Wind deutlich den Lärm, und nachts ist der Himmel im Westen erhellt.

Um im Merental schöne Gipfeltage zu erleben, benötigt man entweder eine gehörige Portion Glück oder viel Zeit. Auf der Car-stensz-Pyramide mussten wir wie erwähnt auf Aussicht weitgehend verzichten. Einen Tag später hatten Ekke und Walter etwas bessere Bedingungen, indem sie während ihrer Besteigung zumindest zeitweise den Urwald im Süden und die Northwallgletscher in Norden sahen. Zwei Tage später stand ich im dicken Nebel und allein ( eines Missverständnisses wegen ) auf dem Puncak Sumantri, während Ekke und Walter zur gleichen Zeit auf dem Nnga Pulu über ebensowenig Fernsicht verfügten. Beide Gipfel sind über 4800 Meter hoch. Am letzten Tag unseres Aufenthalts im Merental stellte ich für die Quartär-geologen zuhause die momentane Lage der Zunge des Merengletschers fest.

Hans ist nun ebenfalls in der Tiefe verschwunden. Während ich darauf warte, dass das Seil frei wird, fällt mir ein, einen Stein von hier oben mitzunehmen. Zuhause entpuppt er sich als zerknautschtes, zerknitter-tes Stück, ein hässliches Entlein, das doch die ganze Schönheit der Carstensz-Pyramide enthält. Beim Abseilen wird man gehörig geduscht, und das Auslösen von Steinen lässt sich nicht ganz vermeiden. Der Stand in der engen Schlucht ist mehr schlecht als recht, nass und eng. Es folgt dasselbe Manöver nochmals, man wartet oben und unten wieder, es regnet immer noch, wir beginnen langsam zu frieren - und jetzt lassen sich die Seile nicht abziehen! Wir schütteln und zerren lange, aber schliesslich müssen wir sie abschneiden. Immerhin können wir nun etwas abklettern, dann nach links in die Aufstiegsroute queren und schliesslich überraschend angenehm durch das Rinnensystem absteigen, das uns heute morgen den Weg zum Grat vermittelt hat. Am Schluss seilen wir die steilsten 30 Meter an unseren zusammengeknüpften, einfach eingehängten Stricken ab und erreichen wohlbehalten das Gelbe Tal. Wir müssen nur noch zum kleinen Pass im Midden Kam hochsteigen, wo uns Walter mit heissem Tee entgegenkommt, um bald darauf das Lager zu erreichen. In dieser Nacht ist das Prasseln des Regens auf das Zelt die schönste Musik.

Mit dem Berg im Rücken unterwegs Der Morgen unseres Aufbruchs ist wolkenlos, klar und kalt. Endlich sehen wir die wirkliche Schönheit des Merentals. Die Träger sind bald zur Stelle, sie haben etwas talauswärts unter einer Felswand campiert. Während wir zum Neuseelandpass hochsteigen, blicken wir immer wieder zurück ins Tal, dessen Seelein grün und türkis blinken, und zur Carstensz-Pyramide, die sich höher und höher hinter dem Midden Kam erhebt. Solche Schönheit kann nicht von Dauer sein schon nisten sich die ersten Wolken in den Gipfelbereichen ein. Als wir den Larsonsee erreichen, ist es bereits zu spät für ein Panoramabild der Northwall, bloss eine schneebedeckte Spitze schaut zwischen den Nebelfetzen heraus; ist das nun der Puncak Sumantri?

Nun sind wir ja an Schlamm und Sumpf gewöhnt, und der Rückweg dauert bloss fünf Tage. Unterwegs treffen wir auf eine Gruppe Leute aus Maga mit einem todkranken Jüngling. Walter, unser Arzt, stellt fest, dass er an einem Lungenödem leidet. Obwohl er seinen Medikamentenkoffer plündert, starke Arzneien spritzt und mehrere Infusionen steckt, ist Aguslima Alom nicht mehr zu retten. Er war schon vier Tage bewusstlos, und am Abend unseres Zusammentreffens stirbt er. Am nächsten Morgen wird er am Platz des Lagers, es war in Mapala Puroum, in einem mächtigen Holzstoss verbrannt, nachdem Epinggen Wonda, einer unserer Träger, aus dem Neuen Testament vorgelesen und eine Predigt gehalten hat.

Wir haben also genügend nachzudenken, während wir wieder mit den Tücken einer endlosen Sumpfhochebene kämpfen. Leider sehen wir das Gebirge durch die dichten Wolken nie mehr. Durch Bäche, Wasserlöcher und den schuhtiefen Morast im Urwald tragen wir kostbare Erinnerungen an Berge, Landschaften, eigenartige Pflanzen und aussergewöhnliche Menschen nach llaga.

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