Begegnungen im Wallis

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M. Lauber.

Sommertage, blau und warm und freiheitstrunken! Ich schlendere durch das grüne Tal, ohne Plan und ohne Ziel. Ich habe mich nicht getäuscht: noch gehört das Goms den Gomsern. Durch die schwarzen Dörflein im Wiesengrund wälzt sich noch nicht der Strom der Fremden, und die Autos, die vorüberflitzen, haben 's gottlob so eilig, hinaufzukommen nach dem bekannten Gletsch oder talabwärts nach den sogenannten « Fremdenkurorten » die gerade dernier cri und Mode sind. So kann ich gemütlich im kurzen Emdgras liegen und mit den Bauern plaudern und brauche nicht zu fürchten, dass mir ein Fremder dazwischenzwitschert. Denn ich liebe wohl die Berge, die weissen, den Galenstock und das leuchtende Weisshorn, die von fernher ins Tal her-niederscheinen, aber ich liebe noch mehr das Volk, das die einsamen Täler belebt. Wohl ist so ein Landskind erst wortkarg, schier misstrauisch dem Fremden gegenüber, aber gib dir nur Mühe, recht anzubändeln, und du wirst sehen, wie es sich auftut. Dann fliesst das Brünnlein seiner Rede, froh des gesprengten Tores, und du magst sehen, wie du nachkommst mit Schöpfen. Wo der Einheimische an den Verkehr mit den Fremden gewöhnt ist, da springt dies Brünnlein dir von selbst entgegen, aber es ist nicht mehr jener befreite, lautere Urquell, es ist nur zu oft alltägliches Weltgeplätscher.

Ist da nicht Unterwasser? Ganz abseits der Strasse. Meine Karte nennt es nicht, weil seine Hütten gar so schwarz und ärmlich sind. Aber es liegt solch ein Frieden über dem Dörfchen! Und der Lärchenwald hinter ihm öffnet sich wie ein richtiger Park mit grünem Rasen, darin die grauen, sanften Rinder weiden. Was sag ich, sanftenDie Kälber zum mindesten sind es nicht. Was haben wir Mühe, die zwei kleinen, schwarzäugigen Mädelchen und ich, das Kalb auf die Weide zu bringen! Wir zerren und stossen — es leckt sich die Nase und will nicht. « Nicht schlagen, kleine Maria, lieber nicht schlagen! Es wird schon sonstwie gehen. » Wir stampfen durch den schwarzen, breiigen Kot. Das Tier legt die Ohren zurück und schlägt mit dem Schwanz. Wir stossen und ziehen. Ich verzweifle. Und als nun klein Maria sich vergisst und ingrimmig mit einem kräftigen Schlag das Kälblein zum Gehen und endlich auf die Weide bringt, da lass ich aufatmend alle tierschützlerischen und pädagogischen Grundsätze für diesmal fahren. Ja, sie hat es weniger gut als die Doktorskinder unten in Münster. Sie haben die kleinen Nachbarn zu sich gerufen und machen nun im Garten eine Prozession, eine richtige Prozession. Mitten im Garten vor dem Haus aus hellem Lärchenholz steht das runde Blumenbeet mit Rosenbäumchen und so. Da lässt sich herrlich drumherum ziehen, und man kann sich ausdenken, dass es an den zweimal sieben Stationen vorübergeht. Die Kinder tragen Kartoffelsäcke über den Kopf gestülpt, so dass es aussieht, als trügen sie die Kapuzen der Mönche. Nur das Kleinste, für das kein Sack mehr aufzutreiben war, muss sich mit dem modernen, zinnoberroten Regenmäntelchen begnügen. Und so gehen sie um die Rosenbäumchen herum und singen als Litanei ein Kinderlied, froh und fromm, wie nur Kinder können. Die Josephine geht voran. Mit beiden Händchen hält sie ihr Gewand vor der Brust in feierlichen Falten, und wo sie denkt, dass es passend sei, lässt sie sich auf die Knie niederfallen ins Gras, und gleich sinkt hinter ihr der ganze Zug am Wegrand nieder. So unermüdlich im Wechsel die eilige, flatternde Prozession und das belustigte Niedersinken. Aber was spielt denn der Anton? Statt ordentlich seine Kapuze über dem Kopf zu tragen, hat er sich den Sack bis an die Hüften heraufgezogen und, mit beiden Füssen drinstehend, versucht er hüpfend und laufend mit der Prozession Schritt zu halten. Am besten gelingt ihm das Knien. Der Narr! Aber die andern lassen sich nicht stören. Kaum dass sie einmal singend und lächelnd nach ihm über die Schulter gucken. Und dann ist da auch noch ein Hündchen, ein kleines, weisses Spitzer-chen, das, ganz toll geworden über dem Spiel, in lustigen Sprüngen mitzumachen versucht. Nur wenn die Kinder knien, steht es verdutzt und zweiflerisch da, weiss nichts anzufangen und stürzt über die Rosina her und leckt ihr ganz unpassenderweise das Gesicht.

Lang noch, wie ich weitergehe, tönt mir das fromme Kinderlied nach.

Bis unten in dem Dorf ein anderes Bildchen mich zum Stehen zwingt. Mitten auf dem Platz ein Trottel, gross und stark. Um ihn her im Kreis die Dorfbuben. Sie zupfen ihn am Rock und sind längst davon, wenn er sich umgedreht hat, sie stossen ihn in den Rücken, dass er sich fast überschlägt, sie werfen ihm den Hut vom Kopf und jauchzen, wenn er nach dem Falschen greift, bis er ganz hilflos mitten auf dem Platze stehen bleibt und nur noch schwache Versuche macht, sich zu wehren. Ein Mann kommt gegangen und gleichgültig, wie man ein Kinderspiel lobt oder missachtet, sagt er im Vorübergehen, sie möchten doch den Burschen in Ruhe lassen. Walliser! Habt ihr keine Ehrfurcht oder Scheu zum mindesten vor dem Unfasslichen und vor dem, welchen Gott geschlagen, wer weiss, um euretwillen? Und so sind Kinder, hier im malerischen Münster mit seinen Holunderbüschen wie anderswo: gross in ihrer Unschuld, ohne Mass in ihrer Grausamkeit.

Aber da ist der Grenzer von Ulrichen. Ein Berner eigentlich. Gross und schlank und blond inmitten der dunkeln Walliser. Wie bescheiden er lebt mit seiner Frau und wie froh er ist, einmal mit andern Leuten zu reden als mit Grenzern und Dörflern. Wohl eine Stunde lang sitzen wir beisammen über die Karte gebeugt. Er will uns den Weg über den Nufenen beschreiben. Aber immer wieder schwenkt er ab und redet und fragt vom Bernerland. Keinen Pass und hinüber ins Pomat? Das wird nicht gehen. Nein, er weiss keinen Ausweg, schade, sehr schade, aber es wird nicht gehen. « Sie sind scharf, die dort drüben. » Und er schaut uns vielsagend an. Ja, da trägt er auch seine Waffe, seine brave, gute Schweizerwaffe. « Ihr habt es schwer mit den Schmugglern? » — « Ach die, das ist eine kleine Sache. Aber die Politik! Wir müssen ihnen auf die Finger sehen, denen dort drüben. » — Auf die Finger sehen — so. Sind wir nicht Brüder, wir und die andern? Wir wohnen ja so nah. Und ich schaue den Mann an, der da vor mir sitzt, über die Karte gebeugt und mit seinem Finger langsam der Linie des Griespasses folgt. Diese Hand, wenn sie wirklich einmal müsste... Mitleid mit dem jungen Manne und Grausen fassen mich. Wir verabschieden uns. Wir wollen nicht ins Pomat.

Da denke ich doch lieber an den Lausejungen, der hoch oben am Berghang seine Grauen hütet. Die Sonne brennt glutheiss hernieder. Da spanne ich meinen Regenschirm auf, um mich zu schützen. Lange achte ich nicht auf das, was das Bürschlein dort oben brüllt. Er wird seinen Kühen rufen. Endlich dringt es unmissverständlich in mein Ohr: « Tue der Parisol zue! » Laut und herrisch. Ich lächle. « Wosch ne jitz zuetue! » — Es wird besser sein, wenn ich mich füge, denke ich. Ich schliesse also den Schirm, und der Bub ist zufrieden. Aber die Sonne sticht gar so sehr. Behutsam spanne ich das schützende Dach wieder über mich. Da tönt es auch schon wieder vom Hang: « Jitz tuescht der Parisol zue! » Ich lasse mich diesmal nicht so rasch einschüchtern und wage zu trotzen. Aber die Rufe werden so energisch, dass ich wiederum beschliesse, nachzugeben.

Sie werden wohl ähnliche Spitzbuben gewesen sein, jene zwei berühmten Walliser, der Thomas Platter und der Matthäus Schinner.

Ja, da sehe ich sie auch wieder vor mir, die Dörflein, in denen die beiden Grossen geboren. Hier Mühlebach, Schinners Heimat: Am rauschenden Wasser die braunen Hütten mit säubern Fensterrahmen eng aneinandergeschmiegt. Über den grauen Dächern stehen Kirschbäume schwer von roten und schwarzen Früchten. Oben im Dörflein ist das Haus kaum zu finden, denn es ist wie Dutzend andere, in dem der Kardinal geboren. Und über diese Holper-gassen klopften vor so viel Jahrhunderten auch des kleinen Matthäus Holz-schühlein. Wie klein solch Grosse geboren werden! Doch schau! Da ich weiter wandere am grünen Wiesenhang, seh ich, rückwärts gewendet, im Abendschein ein Fensterscheiblein leuchten am Schinnerhaus. Wie heimatlich sich doch das Dörflein an die grüne Halde schmiegt!

Aber hoch oben auf sonniger Bergterrasse liegt Grächen. Wie viel Weite und Freiheit ist da oben! Nicht an engen, schmutzigen Gassen stehen die Hütten, furchtsam zusammengedrängt wie Schafe vor dem Wolfe — in grüne Wiesenweite zerstreut baute sich Haus an Haus, und selbst die Berge stehen nicht bedrohlich nah, sondern von fernher legt sich ihr weisser Schein wie eine Verheissung über die hohe Altane. Uralte Lärchen und Arven hüten ihren Frieden. Dort, wo sie 's « auf den Blatten » nennen, steht Thomas Platters Heimathaus. Eine geringe Hütte, verwahrlost und halb vergessen; denn auch in Grächen will niemand mehr gern so abseits wohnen. Es ist kein Mensch zu sehen in der Nähe; nur in den Blättern des Kirschbaums nebenan fingert der Wind. Wir klettern auf das niedrige Mäuerchen und stellen uns auf die Zehen, so dass wir zum Fenster hineinsehen können. Zwei ärmliche Betten, ein schmutziger Fussboden. Von der Wand her tickt die alte Uhr langsam, langsam... ein halber Laib Roggenbrot liegt auf dem Tisch, ein Messer daneben, ein Stuhl steht mitten in der Stube — Ist soeben Thomas Platter, der Schütz 1 ), fortgegangen in die Fremde?

Wie klein die Grossen oft geboren werden!

Unten im Tale, vor Grächen, war es auch, dass wir den jungen Basler einholten. Er war schon recht müde.Von Basel her, soviel sich nur immer tun liess, zu Fuss gewandert. Blutjung, wohl kaum seine achtzehn. Er errötet, wenn man ihn neckt seiner Haare wegen, die nach hinten zurück-gestrichen sind und doch immer wieder über die Stirne schlagen. Er wird verlegen, wenn man ihn fragt, ob er die Milchzähne auch alle richtig draussen habe. Und so etwas will aufs Matterhorn. Aber warum nicht? Vielleicht sind eben das die rechten. Er hat in den schwarzen Augen jenen Blick, der sich auf hohe Ziele richtet, und wenn er aufschaut zu den Bergen, ist mir 's, als sähe ich auf dem zarten Gesicht das Leuchten des Weisshorns, dem wir entgegengehen. Er wird nicht mit der Bahn nach Zermatt fahren. Er wird, wie müde er auch ist, heute noch ein tüchtig Wegstück marschieren. Er nächtigt im Freien, in der Höhlung unter einer Tanne, in einer Wiesenmulde hinter dem schützenden Hag. Er wird sich trainieren und abhärten, und er wird das Matterhorn besteigen, nicht morgen schon, vielleicht auch nicht übermorgen — er hat Zeit, zu warten —, aber hinaufkommen wird er. Er ist ganz zuversichtlich. Sind es die ganz Grossen vielleicht, die so anfangen? die es müssen: durch zähen Willen den Körper stählen, das weiche Gemüt zu schützen? Wie dem auch sei, wir wünschen dir Glück, du junger Knabe! Wir wenden uns links einem bescheideneren Ziele zu.

... Und dann denke ich an Raron, das abseits liegt und vergessen. Grau verhängt der Himmel. Auf ihrem Felskopfe, das Dorf hoch überragend, steht dunkel die Kirche vor den weissen Nebeln der Berge. Es tröpfelt leis. Es ist so, wie wenn jemand in Trauer stünde, in schweres Nachdenken versunken, und über seiner Trauer und seinem Sinnen fielen hier und dort still die Tränen zur Erde. Wir sitzen auf einem Mäuerchen an der Strasse, und ich grüble nach, was der Spruch sagen will, der oben hinter der Kirche auf der Tafel über Rilkes Grab steht:

« Rose, o reiner Widerspruch, niemandes Schlaf zu sein unter so viel Lidern. » Und kann es nicht finden. Ich kann auch nicht wissen, warum das Grab so vornehm allein diesseits ist, während drüben die Raroner liegen, eng aufgeschlossen in vielen Reihen.

Aber da eilen Frauen rasch an uns vorüber, schwarz gekleidet, den Rosenkranz zwischen den Fingern. Ist jemand gestorben«Ignaz Imsengs Tochter », sagt ein Mädchen, das vorbeikommt. Mehr weiss es nicht. Aber da ist auch gleich eine Alte da, mit welker Haut und dürren Fingern: « Hä, hä, sie hat sich zu sehr geschnürt. Vor drei Monaten die Hochzeit, vor zweien das Kind und jetzt schon auf dem Friedhof. So geht 's. » Da fällt eine unsägliche Traurigkeit über uns, die wir noch jung sind. Sünde und Tod! und welche Unsumme von Seligkeit und Qual mag dazwischen liegen. Die ganze Tiefe eines Menschenlebens zusammengedrängt in wenig Monate! Da kommt der Zug. Voran das Kreuz, dann Frauen in weissen Schleiern, dann im Sarg Maria Imseng, 21 jährig. Dahinter, niedergedonnert von der Wucht eines Schicksals, ein ganz junger Mann. Dann Frauen, emsig den Rosenkranz betend, Frauen. Kläglich vom hohen Turme herab wimmert das Glöcklein —.

Unten im Dorfe haben sie es uns erzählt: Sie war so lebensfroh und in treuer Liebe ihm zugetan, dem seine Eltern erst erlaubten, sie zu ehelichen, als sie wussten, dass die Imseng mit einem Kinde ging. Denn dieses wollten auch sie nicht, dass er sie im Stiche liess. Dann kam die Geburt, kam wochenlanges Siechtum im Spital zu Brig. Vergiftung. Die Ärzte wussten gleich, dass es nichts mehr war. Dann starb das Büblein, weil das Gift auch in der Milch der Mutter wirkte. Und nun steht der junge Mann da mit leeren Händen.

Maria Imseng! Dies erfüllt all unser Denken, wie wir nun, unfroh und schier müde, obwohl es erst Morgen ist, aus dem Dorflein wandern. Aber dann, dort, wo die Pappeln unsere Strasse säumen, steigtauf einemal eine Lerche auf. Da werfen wir den Kopf in den Nacken, und meine Kameradin sagt laut vor sich hin den Spruch, den wir oben auf dem Raronerfriedhof gelesen, auf dem einfachen Grabkreuz einer Sechzehnjährigen:

« Du bist des Lebens Quelle, und in Deinem Lichte schauen wir das Licht. » Dann holen wir weitausschreitend nach, was wir versäumt...

Nun sind Wochen darüber hingegangen. Längst hat wieder die Stube ihr Recht auf uns geltend gemacht. Aber an den langen Winterabenden, in den zehn Minuten zwischen Dämmerung und Nacht, die ganz mein eigen sind, ist es, dass ich euch wiedersehe, euch alle, die ihr am hellen Sommertage mir begegnet seid. Und auch ihn seh ich wieder, den tapferen Fünfziger, der nur vierzehn Tage Ferien hat und dann wie ein Lechzender nach der Quelle hinaufeilt in seine Berge, über Gipfel und Grat wandert und Steine sucht, Steine. Der nachts noch im Bette Geologie studiert, um ja nicht eine Spanne der köstlichen Ferienzeit zu verlieren. Mit Entsetzen und Abscheu sieht er uns zu, wie wir Tee kochen aus Feldthymian, indes er, ein echter Luzerner, seinen Schwarzen mit Kirschgeist würzt. « Muttechölm! » hör'ich ihn jetzt noch voller Verachtung hinaufrufen an die Bergwände des Binntales, und höhnisch hallt es wieder. Muttechölm! Dein auch denk ich, kleine Seraphine in Kippel, die vom Spiel am Brunnen wegläuft, uns das Händchen zu geben und uns ihren schönen Namen nennt ( ein Jahrzehnt früher, und auch das frechste Lötscherkind wäre bei unserm Kommen scheu kichernd hinter der nächsten Hauswand verschwunden ), und auch an dich, du altes Mädchen von Grengiols, das nicht daran denkt, vor uns sein Pfeiflein zu verbergen, weil es sonst nichts habe zum Zeitvertreib, keinen Mann zum Herzen und keine Kindlein zum Wiegen, und der Mensch doch etwas haben müsse. Dein auch, der du auf dem Mäuerlein sassest im Priestergewand, so sündhaft jung, und in die Ferne sahest.Warum muss es sein, dass wir so viele Menschen, die uns einmal begegneten und deren Bild unsere Seele, ihresgleichen froh erkennend und liebevoll umfangend, in sich aufnimmt, niemals im Leben wiedersehen? Warum muss es so sein, wie die Aargauerin klagt:

« Hei mer is i d' Ouge gseh, müesse mer wieder Abschied neh! »

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