Belalp.

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General Bruce, der bekannte Everestkämpfer, erklärte bei seinem Besuche der Belalp, diese sei der schönste Punkt, den er je auf Erden geschaut. Dieser Ausspruch wiegt schwer im Munde eines Mannes, der die Bergwelt Europas und Asiens in ihrer Grossartigkeit und mannigfaltigen Schönheit gesehen hat. Gewiss, man müsste schon die glühende Phantasie eines morgen-ländischen Dichters haben, um Belalp in ihrer wunderbaren Schönheitsfülle würdig schildern zu können. Man müsste seinen Pinsel hineintauchen in die klaren Fluten der Gletscherbäche, in die duftende Farbenpracht der Alpenblumen; man müsste das Blau des Himmels, das Gold der Sonne selber in die Farben mischen, um ein der Wirklichkeit entsprechendes Gemälde entwerfen zu können. Ich bin leider kein Dichter und kein Maler, und so muss ich mich mit der prosaischen Redeweise behelfen.

Die Belalp bildet den würdigen Abschluss des weitausgedehnten, an Naturschönheiten so reichen Natiserberges. Belalp ist die stolze Krone eines kleinen Fürsten, der seine Residenz im Tale, aber seinen eigentlichen Reichtum auf dem Berge in Wald und Wiese und Weide liegen hat. Die Belalp erstreckt sich vom Aletschbord mehr als eine Stunde weit nach der Alp Nessel, welche zur Gemeinde Birgisch gehört. Von Nessel steigt langsam aber stetig ein Grat aufwärts mit reicher Gliederung. Der Grat baut sich treppenartig auf, öfters unterbrochen durch weite Weideplätze. Zwischenhinein stehen wie Wachttürme das Foggenhorn und Hohfathorn. Nach Norden schützen die Belalp trotzig und kühn das Grisighorn, mit eisblitzendem Schilde das Unterbächhorn und der Hohstock. Ein wildzerklüfteter Grat mit senkrechten Felswänden läuft weiter und findet seinen Abschluss mit dem Sparrhorn. So im Osten und Norden von altersgrauen, wohl hie und da zerfallenen Festungsmauern eingeschlossen, liegt der Alpengarten Belalp. Die ewige Künstlerhand hat sich innerhalb dieser Grenzen ein Gartenbeet ums andere und übereinander angelegt. Darin blühen die Blumen sonder Zahl, in kräftigen Farben, in berauschenden Düften: der gelbe Enzian, die Violen, die Alpenveilchen, alle helläugig, frisch und munter. Gräben ziehen überall hindurch, wechseln ab mit tiefen Schluchten, mit steilen Halden, bekleidet mit dem Purpur der Alpenrosen. Dann kommen wieder weite Ebenen, beherrscht von einem Hügel, um die nächste Umgebung überschauen zu können. Der Volksmund nennt einen dieser Aussichtspunkte den schönen Biel. Die Bewässerung dieser Alpen besorgen zwei Gletscherbäche: das Unterbächwasser vom Unterbächgletscher her und das Bruchjiwasser. Es sind aber auch diesem Alpenparadiese Leid und Schmerz nicht erspart geblieben. Zeugnis hiervon legen ab die klaffenden Wunden, die Naturkatastrophen in ihrem Antlitze gegraben, die gewaltigen Steintrümmer, die ein Dämon in Freude am Ver-wüsten in ihren Schoss geschleudert.

Aussicht: Der Blick des Menschen kann nicht auf den nächstliegenden Dingen, und wären sie noch so schön, haften bleiben. Sein Sehen geht über seine Umgebung hinaus. Sein Blick durchmisst Höhen und Tiefen, trinkt in vollen Zügen der Schönheit zauberische Fülle. Die Ausschau von der Beialp befriedigt auch den verwöhntesten Schönheitsschwelger. Wendet man seinen Blick abwärts, so grüsst am Fusse der Beialp der rauschende Tannenwald empor, der allerdings in seinen letzten Vertretern durch Wind und Sturm geknickt ist, aber um so stolzer und kühner in den übrigen Riesen sein Haupt erhebt. An den Wald schliessen sich Wiesen, welche die Abhänge bis nach Blatten hinunter bedecken. In einer Bergmulde liegt idyllisch das Dörfchen Blatten, umrahmt von einer Reihe grösserer und kleinerer Höhenzüge, die hie und da romantische Formen aufweisen. Rechts von Blatten erhebt sich beispielsweise ein Felsrücken, der in seiner Gestalt drei verwitterten Burgruinen nicht unähnlich ist, welchen auch tatsächlich das Volk « zu den drei Burgen » nennt. Das Auge streift flüchtig das Blindental, aber bleibt haften auf dem lieblichen Wiesengrund von Geimen. Der Blick hastet weiter, hat im Gleitfluge die Talsohle erreicht und grüsst Brig mit seinen weissen Häusern und Türmen. Aber wie klein und unansehnlich erscheint das Städtchen! Alles, was da unten gross und mächtig auf uns wirkt, wie das Stockalperschloss mit seinem massig gegliederten Quaderbau, wie das Kollegium auf seiner stolzen Höhe, ist von dieser gewaltigen Perspektive wie ein Spielzeug anzuschauen und zeigt fast erschütternd menschliche Kleinheit und Schwäche gegenüber den Riesenwerken der Schöpfung. Das Grün der Wiesen im Tale sagt dem Auge, hier oben gewöhnt an starke Farben, nichts, und es sucht eifrig nach tiefem, sattem Farbenton und findet ihn im majestätisch gefalteten, mit Silberfäden durchwobenen Riesenmantel, der um des Simplons wuchtige Glieder wallt, dessen Schleppe hinabgleitet bis ins Tal. Links und rechts erblicken wir Könige mit altersgrauen Häuptern. Aber die eigentlichen Majestäten kommen erst weiter zurück. Diese tragen weissen Hermelin, blitzende Eiskronen: Bortelhorn, Monte Leone, Fletschhorn, weiter nach Süden die Mischabelgruppe, noch weiter das Wunder der Bergwelt, das Matterhorn, und endlich schliesst die Reihe der Fürsten der Alpen das Weisshorn in seiner jungfräulichen Schöne und Unnahbarkeit. Man steht und schaut, die Augen weiten sich, trinken all die Herrlichkeiten, und das Herz pocht in rascheren Schlägen. Ein Gefühl erfasst die Seele: das Bewusstsein der Grosse, der Allmacht, der Weisheit des Schöpfers und das Gefühl des Dankes, so in unmittelbarer Weise in das Riesenbuch der Schöpfung schauen zu dürfen.

Die Beialp hat von ihrer Hochwarte noch andere Wunder zu weisen. Nach Osten wende den Blick! Da wird er ganz gefangen von den Eisfeldern des Aletsch, des grössten Gletschers Europas. Wie ein erstarrter Riesen-drache liegt er da, dehnt und reckt stundenweit seinen weissbläulichen Eispanzer, sträubt zornig seine Mähne, wohl im Grimme darüber, dass geheimnisvolle Kräfte seinen Leib in tausend Stücke zerfetzt haben, ja dass sein vernichtender Wille nun in Fels und Flühe eingeengt liegt. Wer hinab-lauscht, der hört das Murren des grimmigen Ungeheuers, der sieht den schäumenden Geifer seinem Munde entrinnen und sich tosend und brüllend durch die schaurige Massaschlucht wälzen.

Es gibt wohl kaum einen Ort unserer Alpenwelt, der so der Eigenart und den Ansprüchen des Höhenwanderers entsprechen kann wie die Beialp. Es gibt Menschen, die einmal im Jahre « Ferien vom Ich » machen wollen, die vergessen möchten, was sie draussen im Leben sind, die nur Menschen sein möchten, losgelöst von den Sorgen ihres Berufes, frei von den tausend Nichtigkeiten des modernen Lebens. Hier oben ist der Feiertag des Lebens, die grosse Ruhe, nur unterbrochen durch den Pfiff des Murmeltieres, durch den Herdenglockenklang und das Rauschen der Gletscherquellen. Auf seinen Wanderungen durch das Bereich der Alpentriften stört ihn niemand. Die Natur hat ihm überall moosige Sitze bereitet, wo er seinen Gedanken nachhängen kann. Ja, er kann sorglos einmal seinen Leib betten in Blumen und Rosen, ohne den spitzigen Dorn fürchten zu müssen. Seine Brust weitet sich, atmet aus den Staub der Strasse, den Stickstoff der Bureaux und Fabriken, atmet ein die reine, herbe Luft der Alpen, den süssen berauschenden Duft der Bergblumen. Das Auge verliert das Trübe, das Unstete des fiebrigen Lebens, wird ruhig und klar. Die Lichter, welche bei Nacht aus dem Tal herauf-blitzen, kommen ihm nur mehr wie Irrlichter vor. Ihm strahlen hier oben andere Lampen, die ihn mit ihrem beruhigenden Lichte aufwärts ziehen.

Wer ein paar Stunden Morgenruhe opfern will und den Weg aufs Sparrhorn nicht als Mühe betrachtet, der findet reichlichen Ersatz an dem überwältigenden Schauspiel des Sonnenaufganges. Die dunklen Schleier, wie ein Nachtgewand über die Berge geworfen, lichten sich. Die Spitzen der Alpen fangen an zu brennen und zu glühen, bis endlich die Sonne aus goldenem Portal strahlenden Antlitzes heraustritt und die Fürsten, Grafen und Barone der Hochwelt in purpurfarbenes Morgengewand kleidet. Wer dieses Naturwunder erlebt, dem wird die Erinnerung daran Licht noch in seine dunklen Tage giessen. Ebenso erhebend ist der Heimgang der Sonne von hoher Alp aus zu schauen. Geschäftige Abendwinde breiten im Westen die kostbaren, goldenen Teppiche aus und legen die scharlachroten Wolkenvorhänge in weiche Falten. Die Sonne kleidet sich wie die Priesterin der Natur in vollen Goldschmuck, und langsam und ehrfürchtig schreitet sie, gleichsam ihr Herzblut opfernd, durch den Vorhang ins Allerheiligste hinein. In feierlichem Schweigen stehen die Berge; Purpurwolken wallen auf gleich Weihrauchwolken. Die Sterne zünden die Lichter des hohen Domes an, das Wort der Anbetung flicht der Mensch in diese Abendandacht der Natur.

Ausflüge: Dem Belalpbesucher stehen neben der Alp selber die genussreichsten Spaziergänge zur Verfügung. Ein beliebter Ausflugspunkt für die Fremden ist die Nesselalp, drei Halbstunden vom Hotel entfernt. Der Weg ist nicht allzu beschwerlich, bietet Abwechslung in Fülle; stellenweise ist der Pfad oben und unten mit Feldern von Alpenrosen eingesäumt. Nessel selber liegt mit seinen Hütten in einer Bergmulde verborgen, umsäumt von einem herrlich duftenden Lärchenwald. Der müde Wanderer findet da nicht nur schattige Kühle, sondern auch labende Milch, von den Alpenbewohnern gerne und freundlich gereicht. Nicht weit von der Kapelle, die frommer Sinn auf der Anhöhe erbaut, ist das sogenannte « Hohgebirg », eine 800 m jäh in die Tiefe fallende Felswand. Von dieser luftigen Höhe geniesst man eine gar köstliche Aussicht. Gerade zu Füssen liegt der Weiler Geimen, greifbar nahe das behäbige Naters, das sich schutzsuchend an den Berg schmiegt. Landauf und landab gleitet der Blick über die stromdurchglänzte Au; man möchte sich Schwingen zum Fluge wünschen. Der Aletschgletscher präsentiert sich von dort aus gar stattlich. Aber alles ist doch klein und geringfügig vor dem Blick auf das Dreigestirn: Mischabel, Matterhorn und Weisshorn. So unmittelbar, so überwältigend in ihrer Grosse, so alle ihre Schönheit enthüllend werden diese Bergriesen wohl kaum an einem andern Orte geschaut. Dieser Anblick wirkt auf den erstmaligen Nesselalpbesucher wie eine blitzartige Offenbarung. Ein anderer beliebter Spaziergang führt nach dem Gletscher, eine Stunde vom Hotel entfernt. Man will sich doch den grünen Drachen selber mal ansehen und eine Stunde oder noch mehr seine blanken Glieder getreten haben. Man will in die furchtbaren gähnenden Schrunde hineinschauen und dem unheimlichen Grollen das Untieres lauschen. Die Volkssage hat den Aletsch mit Tausenden von Seelen bevölkert, die in dieser weiten Eiswüste büssen sollen, was sie im Leben an der Gottes- und Nächstenliebe verschuldet haben.

Andere wollen richtige Bergfahrten machen, aber doch so, dass es nicht allzusehr anstrengt und an Leben und Gesundheit nichts zu riskieren ist. Die Beialp hat für diese Gruppe genügende Auswahl: so das Sparrhorn, welches jeden Sommer viele dutzend Male bestiegen wird, das Unterbächhorn und Grisighorn, weiter unten das Foggenhorn, das neben der herrlichen Aussicht noch einen Einblick gewährt in das enge, wilde Gredetschtal, arm an Vegetation, reich an schroffen Felsen, durchzogen von wilden Runsen. Aber über all die öden Felsentrümmer ragt licht und klar die Silberspitze des Bietschhorns empor. Jene Kraftnaturen mit Seil und Pickel, die richtigen Höhenmenschen, kommen erst recht auf ihre Rechnung im Belalpgebiet. Drei Stunden von Beialp liegt die Oberaletschhütte und eine Stunde weiter hinten am « Torberg » die neue, von einer Lawine letzten Frühling schon zerstörte Hütte. Stattlich ist die Zahl der Gipfel und Pässe, die von diesen Stützpunkten aus besucht werden können. Vor allem lockt das Nesthorn, eine von gewaltiger Eismasse belastete Pyramide. In der Überschreitung des Nesthorngrates über den Hohstock hat jeder Bergsteiger Gelegenheit, sich über die Kühnheit des Geistes und körperliche Ausdauer auszuweisen. Andere Hochfahrten führen auf Aletschhorn, 4182 m, Breithorn, 3783 m, Sattelhorn, 3745 m, Schienhorn, 3643 m. Wer am Klettern die Elastizität des Körpers erproben will, dem stehen die vielzackigen Fusshörner der Reihe nach zur Verfügung. Beichpass und Lötschenlücke weisen den Weg ins Lötschental. So wird dem Liebhaber der Gebirgswelt auf Beialp die Wahl geradezu schwer gemacht. Er wird wohl die Erledigung des reichen Programms auf mehrere Jahre verteilen müssen, um Beialp voll und ganz auskosten zu können.

Verkehr: Der zunehmende Verkehr auf der Beialp legte den Gedanken nahe, den Aufstieg zum Hotel zu erleichtern. Es wurde ernstlich beabsichtigt, von Brig auf Nessel eine Zahnradbahn zu erstellen und von Nessel auf Beialp eine Tramlinie zu bauen.

Eine Aktiengesellschaft hatte sich gefunden, die Pläne waren ausgearbeitet und die Genehmigung vom Staate erreicht. Der ausbrechende Weltkrieg hat diese Pläne endgültig erledigt. Die Kriegswirren haben das Gastgewerbe auch auf Beialp stark in Mitleidenschaft gezogen. Der Verkehr belebte sich nach Friedensschluss. Heute kann Beialp nicht mehr als eine Reservation der Engländer betrachtet werden, sondern Gäste aus allen Ländern finden sich ein.

Alpwirtschaft: Der Fremdenverkehr ist trotz allem nicht die Hauptsache auf Beialp, sondern die Alpenwirtschaft. An den sonnigen Halden und auf den Weiden tummeln sich gegen 800 Stück Kühe und Kälber, welche sich auf die zwei Alpen Lüsgen und Bei verteilen. Lüsgen erstreckt sich vom Hotel bis Sparrhorn und Hohstock, während Bei die ganze westliche Seite der Beialp einnimmt und damit unbedingt den besseren Teil erwählt hat. Immerhin wird die Grenze zwischen Lüsgen und Bei nicht so genau genommen, denn beide haben genügenden Spielraum. Die Zeit der Alpfahrt hängt ab von dem Graswuchs auf der Alp und wechselt zwischen dem 24. Juni und dem 7. Juli. Aber es ist auch schon vorgekommen, dass die Alp erst am 27. Juli bezogen werden konnte. Jeder Bürger von Naters hat das Recht, denjenigen Viehbestand aufzuführen, welchen er im Winter füttern kann. Für ein geworfenes Stück zahlt ein auswärtiger Bürger Fr. 5 und ein Nicht-bürger Fr. 10. In den älteren Zeiten war der Alpenbetrieb ein gemeinsamer. Bestellte Hirten übernahmen die Obhut über die ganze Herde. Die Milch wurde von einem oder zwei Sennen verarbeitet, und am Ende des Sommers teilte man Käse und Butter je nach dem Milchertrag auf die Eigentümer der Kühe. Man zeigt heute noch bei der « Lüsgern schönen Biel » hinauf in der « Augstkumme » die Mauerreste der alten Hütten. Diese Wirtschaftsweise war die ursprüngliche und dauerte viele Jahrhunderte. Um welche Zeit die Genossenschaftskäserei auf der Alp eingestellt wurde, ist unbekannt; aber nach dem Alter der Kapelle und Hütten auf Bei zu schliessen, mögen es um 200 Jahre sein. Heute fahren die meisten Viehbesitzer selbst und nutzen für sich. Wer nicht selbst hinaufzieht, überlässt gegen geringes Entgelt sein Vieh der Nachbarin zur Besorgung. In der Regel sind es die Hausfrauen, die samt den kleinen Kindern da droben wirtschaften, während die übrigen Familienglieder drunten im Tal und auf dem Berg die landwirtschaftlichen Arbeiten verrichten. Die Frauen mit ihren Kindern bewohnen das reizend gelegene Alpendörfchen Bei, dessen 54 Hütten sich malerisch um die auf einer Anhöhe stehende Kapelle gruppieren. In der Lüsgen liegen 20 Hütten ob und unter dem Weg verstreut. Die Hütten sind meistens unscheinbar und klein, alle sonnenverbrannt und mit Platten gedeckt. Der Innenraum ist geteilt in eine Küche und in eine Stube. Diese ist allerdings oft ureinfach eingerichtet. Das nötige Mobiliar ist vorhanden: Betten mit Wildheu gefüllt, ein Tisch und Bänke. Und dann darf ein Stein- oder Kachelofen nicht fehlen, denn es können da oben Zeiten eintreten, in welchen man gerne den warmen Ofen aufsucht. Unter der Wohnung ist der Stall. Um durch das Läuten der Glocken im Schlafe nicht gestört zu werden, zieht man einfach die Schellen ab. Neben der Hütte sind der Keller und der Schweinestall.

Die Hütten auf Bei sind besser und ansehnlicher gebaut als die in der Lüsgen, was auf folgenden Umstand zurückzuführen ist: die Hütten auf Bei wurden vor mehr als 100 Jahren von einer Lawine fortgerissen und dann neu aufgebaut und dabei auch grösser und bequemer eingerichtet.

Es herrscht da droben in den Sommermonaten ein reges, munteres Alpenleben. Morgens 5 Uhr beginnt die Arbeit im Stall. Nachdem die Kühe gemolken sind, wird das Vieh auf die Weide getrieben. Das ist die Aufgabe der Kinder, vorzüglich der Knaben, welche diese Arbeit mit Freuden, ja mit einem gewissen Stolz erledigen, da ihnen reichlich Gelegenheit geboten wird, die Buben-künste und hie und da auch ihre Bubenstreiche auszuführen. Unter Johlen und Peitschenknall, unter Laufen und Rennen geht es über die Alp. Besonders sind es die Kälber, welche durch ihre Ungezogenheit den Buben viel Spass, aber bisweilen auch viel Verdruss bereiten. Auf steilen Pfaden werden die Kühe zu den grasreichen Hängen und blumenduftenden Weideplätzen hinaufgetrieben, wo sie nun während d¾s ganzen Tages bleiben. An heissen Tagen kommt es vor, dass die Kühe bei den Ställen Kühle suchen. Auch die Kälber kommen in vollem Galopp dahergesprengt, um den Stichen der Fliegen-schwärme zu entgehen. Aber dann beginnt eine wilde Jagd, denn die Buben haben für solche Kälberempfindeleien kein Verständnis. Ohne Barmherzigkeit werden die armen Viecher aus ihren Verstecken herausgeholt und mit Gewalt zu den übrigen Leidensgenossen zurückgebracht. Im Grunde genommen ist dieses scheinbar grausame Verfahren nur zum Nutzen der Tiere, die sonst keine genügende Atzung bekommen würden. Sobald der Abend heranrückt, kommen die schwarzgrauen Tiere in langen Reihen heim, ohne von den Kindern geholt werden zu müssen. Der Anblick dieser heimkehrenden Tiere ist ergötzlich. Von allen Seiten eilen sie daher; langsam, behäbig schreitend die altern Kühe, frisch und munter die Jüngern und dazwischen schäckernd und springend die Ziegen. Sie wissen ihre Unterkunftsstelle und lassen sich ohne Umschweife an die Kette legen. Nun werden sie gemolken. Im Monat August, wenn die tiefer liegenden Halden und Triften abgeweidet sind, ziehen die Kühe bis auf den Grat, wo in guten Jahren ein schöner Graswuchs zu finden ist; dann aber müssen sie abends heimgeholt werden. Bei schlechter Witterung, Hagel, Schnee oder Rauhreif, was nicht seltene Vorkommnisse sind auf Beialp, muss das Vieh eingefüttert werden. Zu diesem Zwecke hat man unterhalb Bei und Lüsgen die Alpmatten, die auf die Alpenbesitzer verteilt sind. Ende Juli und die erste Woche August herrscht in diesen Alpenwiesen reges Leben. Das Heu wird geschnitten und bei günstiger Witterung unter Dach gebracht. Nun ist für die Zeit der Not gesorgt. Unglücksfälle kommen fast alle Jahre vor, sei es, dass herabrollende Steine eine Kuh oder ein Rind töten, sei es, dass die Tiere einander die steilen Halden hinabdrängen und beim Hinunterkollern Beine und Rücken brechen, so dass sie abgetan werden müssen.

Was treiben die Frauen den langen Tag? Ja, auch in einem kleinen Alphaushalt gibt es viel zu erledigen. Vor allem wird der Stall gereinigt, die Milch übers Feuer gesetzt und nach langen Vorbereitungen der Käs herausgeholt. Nicht wenig Arbeit kostet es, die schmackhafte Butter herzustellen.

Dann muss in Haus und Keller Ordnung geschafft werden. Im « Lochwald » liegt noch das Brennholz, das man durch das Los erhalten hat. Zwar hat es der Hausvater anfangs der Alpfahrt gefällt und gespalten, aber an Ort und Stelle bringen müssen es die Kinder. Das Losholz genügt meistens nicht; dann heisst es oft stundenweit das Brennmaterial herholen. Wenn die Arbeit getan ( im Volksmund heisst das « der Gitsch » machen ), kommen die Frauen in Gruppen von 10—20 zusammen, das Strickzeug in der Hand oder eine zerrissene Hose, und halten ihr gemütliches Plauderstündchen. Sie sprechen nicht über die schöne Aussicht auf Brig und die Umgebung, über die Poesie des Alpenlebens, das sind für diese Frauen alltägliche und selbstverständliche Sachen. Sie haben viel praktischere Dinge einander mitzuteilen, z.B. dass die « Blesch»in der Milch abnimmt, dass ein Kalb oder drei Ziegen gestern abend nicht heimgekommen, dass die Butter im Preise abgeschlagen, oder sie erzählen einander Neuigkeiten, die ein Bekannter aus dem Tal heraufgebracht hat. Nebenbei nehmen sie auch einmal den Feldstecher zur Hand, um den Aufenthaltsort ihres Viehes auszukundschaften. Indessen tummeln sich die. Kinder barfuss auf dem Staffel herum, führen ihre kindlichen Spiele aus, lachen und scherzen und schreien, mit einem Worte: sie freuen sich des Lebens, von welcher Lust die strahlenden Augen und die roten Wangen lautes Zeugnis geben.

Religiosität: Bei all ihren Beschäftigungen vergisst die gesamte Alpen-gemeinde den Herrgott nicht. Es hiesse einen wesentlichen Bestandteil vergessen, wenn man von den religiösen Sitten und Gebräuchen dieser Bergbewohner nichts sagen wollte. Das ganze Leben des Berglers mit all seinen Beziehungen ist getragen und durchsetzt von der Religion. Der Gottes-begriff ist für ihn nicht etwas Abstraktes, sondern die grösste und sicherste Wirklichkeit, mit der man immer und überall zu rechnen hat. Gott ist den Bewohnern der Berge der Schöpfer und Lenker aller Dinge, der nicht ein Gott der Ferne, sondern ein Gott der Nähe ist, der höchstpersönlich in die Geschicke des einzelnen Menschen eingreift. Von seiner Vatergüte hofft er, dass alle geschaffenen Dinge ihm Glück und Segen bringen werden. In Gott sieht er die Macht, die ihn schützen kann vor den rohen, sinnlosen Mächton der Natur, welche sein Eigentum bedrohen. Diese seine Glaubensüber-zeugung will er auch durch äussere sinnenfällige Zeichen zum Ausdruck bringen. Er will an Gott erinnert sein, darum baut er an Wegen Kapellen, stellt überall das Kreuz auf. Ja, sogar auf dem Gipfel des Foggenhorns hat man das Zeichen der Erlösung aufgepflanzt, gleichsam eine feierliche Anerkennung der Hoheitsrechte Gottes über Berg und Tal und zugleich eine ergreifende Kundgebung des Willens, nur in diesem Zeichen Heil und Segen für sich und seine Güter zu empfangen. Dementsprechend fängt der Bergbewohner jedes grössere Unternehmen mit Gott an. Eine Woche vor der Alpfahrt geht eine Prozession von Naters bis auf Beiaip. Es ist das ein Weg von vier Stunden. An dieser Prozession beteiligen sich bis 200 Personen, der grössere Teil Männer und Jünglinge, die, drei Ruhepausen abgerechnet, ununterbrochen beten bis Beialp, trotz des steinigen, steilen Weges. Nach der Ankunft auf Beialp wird Gottesdienst gehalten, an dem sich alle Prozes- sionsteilnehmer beteiligen. Bei der Alpfahrt versammeln sich die Leute von ganz Beialp, Nessel und Lüsgen und wohnen der heiligen Messe bei. Gleich nachher betritt der Herr Vikar in liturgischer Kleidung den Platz vor der Kapelle, und angesichts des ganzen Volkes spricht er feierlich seinen Segen über die anwesenden Gläubigen und empfiehlt die ganze Alp dem Schütze des Allmächtigen. Der Kaplan von Naters bleibt nun die Sommermonate auf Beialp, um die religiösen Bedürfnisse ihrer Bewohner zu befriedigen. Wer von seiner Arbeit abkommen kann, besucht alle Tage die Messe; abends versammeln sich alle wieder in der Kapelle, um gemeinsam ihr Abendgebet zu verrichten. Ergreifend schön ist alsdann der Anblick, wenn sich die Gläubigen ums Kreuz vor der Kapelle sammeln, um da am Schlüsse des Tages ihrer lieben Verstorbenen zu gedenken.

Am meisten Leben bei der Kapelle ist an Sonn- und Feiertagen. Von allen Enden und Ecken kommen sie dahergezogen, die Bewohner von Nessel und Lüsgen, ja sogar aus dem Aletschi, und füllen das geräumige Gotteshaus bis auf den letzten Platz und hören Amt und Predigt. Nach beendigtem Gottesdienste begrüssen sich die gegenseitig, welche sich die ganze Woche nicht gesehen haben, und halten wohl auch ein Plauderstündchen, bis die Pflicht ruft. Herzlicher Abschied, und heimwärts geht 's. Bisweilen ist an Sonntagen auch beim Hotel Beialp Gottesdienst. Allerdings ist der Raum dazu mehr als bescheiden. So lebt im Sommer auf der Beialp ein Geschlecht, dem sein Glaube auch hieroben der höchste Reichtum ist. Ein Völklein, freundlich und entgegenkommend gegen jedermann, aber drohend und derb, sobald man seine religiöse Überzeugung angreifen will. Trotz ihrer Glaubensinnigkeit und ihrer Frömmigkeit sind diese Leute keine Kopf-hänger. Das beweisen die frohen Weisen und die Jodelklänge, die hellen Jauchzer, welche vom frühen Morgen bis zum späten Abend von allen Höhen erklingen.

Volksfeste: Im Leben der Bevölkerung von Naters gibt es zwei wichtige Anlässe, die sich auf der Beialp abspielen: das St. Jakobsfest und der Schäfeli-tag. Das St. Jakobsfest wird gefeiert am letzten Sonntag im Juli, und da mag wohl die Freude zum Ausdruck kommen ob den glücklich beendeten Erntearbeiten in Berg und Tal. Alt und jung freut sich auf den St. Jakob. Die ganze Woche vorher werden Vorbereitungen getroffen. In den Alphütten herrscht Leben und Bewegung. Die Plauderstunden fallen aus und Keller und Stall werden einer gründlichen Reinigung unterzogen. Die halbblind gewordenen Scheiben schauen wieder hell in die Sonne und werfen ihren Glanz bis in die letzte Ecke der Hütte. Tische und Bänke werden ohne weiteres unter Wasser gesetzt. Das Vieh muss tadellos geputzt sein. Dann können die Gäste kommen; alles ist bereit, sie festlich zu empfangen. Am Vorabend stellen sich die Angehörigen der Älplerinnen ein. Die Gemeinde von Beialp wächst von Stunde zu Stunde. Die abendliche Stille wird fortwährend unterbrochen durch die lustigen Lieder der sangesfrohen Burschen und Mädchen. Maultiere keuchen heran, mit Kisten und Lägein befrachtet, und lassen die Dinge ahnen, die morgen auf den luftigen Höhen geschehen sollen.

26 Es besteht sogar ein Verein von Bergburschen, genannt der St. Jakobs-verein, der als einzigen Zweck hat, zum Feldtanz die Spielleute zu bestellen und die ganze Gesellschaft mit Wein und Lebkuchen zu versorgen. Der Verein nennt einen Keller sein Eigentum, worin die Vorräte aufbewahrt werden.

Einen kritischen Punkt bildet das Wetter. Alle Wetterpropheten werden um ihre Meinung gefragt. Der Himmel, die Wolken, der Wind werden geprüft und zuletzt alle Anzeichen als günstig erklärt.

Die Freude lässt jene Nacht viele nicht schlafen, und alle sind froh, wenn der grosse Tag anbricht. 0 Wunder! die Berge, ringsum mit Festgewändern angetan, tragen goldene Kronen, und die Freude bricht aus dem Herzen. Die Kapelle würde heute die Masse der Festpilger nicht fassen; aus diesem Grunde ist vor derselben ein Feldaltar aufgeschlagen, zu dem mehrere Stufen emporführen. Töchter von Bei haben mit viel Fleiss und Arbeit den Altar geziert mit Girlanden. Das Hochamt beginnt. In die lebendigen Fluten, die den Kapellenhügel umrauschen, kommt Ruhe. Das Thema ist hier oben gegeben: Sursum corda. In die Berge gehört eine Bergpredigt. Die Berge, die Blümlein, die Wasserquellen, die Wolken, sie erzählen alle von Gott und weisen nach oben zum Urgrund alles Seienden. Die Predigt klingt aus in ein machtvolles Benedicite omnia opera domini domino... Die Menschenwogen zerfliessen und überfluten das ganze Gelände. Jetzt machen die Lebkuchenhändler gute Geschäfte, deren Buden eng umdrängt sind. Die Kinder haben schon längst Ausschau gehalten nach dem Paten, ob er mit dem Lebkuchen komme. Es ist nämlich Sitte, dass am St. Jakobsfeste der Pate seinem Patenkinde einen Lebkuchen kauft. Das macht manchem « Getti », der viele Schutzbefohlene hat, ein ansehnlich Loch in den Geldsack. Aber an diesem Fest lässt sich keiner lumpen. Auf jeden Fall kommen alle zu ihrem Lebkuchen, auch wenn der Pate nicht da wäre.

Um 1 Uhr beginnt auf den « Kuhmatten » der eigentliche offizielle Teil, der Glanzpunkt des Tages: der Feldtanz. Klarinette und Handorgel rufen schon lange. Der Tanzboden ist mit weichen, buntfarbigen Naturteppichen belegt, die aber den Reigen doch nicht hindern. Die ersten Paare drehen sich, es folgen andere, bis der weite Platz voll besetzt ist. Die sehnigen, hoch-geschossenen Burschen schwingen mit kräftigen Armen die schlanken Töchter. Sie stampfen den Boden, schwingen die Hüte und jauchzen, dass die Berge widerhallen. Ringsum auf den Hügeln und Abhängen hat sich das Volk in Menge gelagert und schaut lachend dem muntern Treiben zu und denkt alter, vergangener Zeiten. Es tauscht Jugenderinnerungen aus. « Weisst noch, als wir noch jung waren; aber jetzt sind die Knochen steif geworden, das Feuer erloschen. » Aber so gegen 5 Uhr, wenn der Becher fleissig seine Runde gemacht, erscheint auch die alte Garde auf dem Plan und zeigt trotz der steifen Beine den Jungen, wie man 's vor zwanzig Jahren getan. Der anbrechende Abend macht dem fröhlichen Treiben ein Ende. Der Sang ist verschollen, und der Wein ist verraucht.

Ein anderes Fest, mehr mit ruhigem Charakter, ist der Schafelitag; der fällt auf den zweiten Sonntag im September. Die Natiser besitzen viele Schafe, 600—700 Stück. Es hat auch Jahre gegeben, wo der Bestand 1000 Stück ausmachte. Die Herde wird im Frühjahr in das « innere Aletschi » verbracht und während der Sommermonate dort belassen. Eigens bestellte Hüter besuchen alle 14 Tage die Schafe und geben ihnen Salz. Im Herbst werden die Schafe aus dem Aletschi geholt und nach der Lüsgenalp verbracht. Etwa fünf Minuten vom Hotel befindet sich der « Schafpferrich ». Dieser ist in viele Abteilungen geteilt, von denen mehrere Familien eine als Eigentum besitzen. Sobald die Herde anlangt, sucht jeder Schafbesitzer seine Tiere und verbringt sie in den ihm gehörenden Verschlag. Am Abend findet das « Schafelimahl » statt. Gruppen von 10—20 schlachten ein Schaf; dann fängt das Sieden und Braten an bis spät in die Nacht. Am folgenden Tage werden die Schafe gewaschen und geschoren.

Mit den Schafen beginnt die zweite Alpbesetzung auf Bei und Lüsgen. Mitte August sind die ersten Alpbewohner mit ihren Kühen nach dem Aletschi und Galen abgefahren. Galen nennt man die grasreichen Halden, die sich bis auf die Moräne des Oberaletschgletschers erstrecken. Die Kühe finden dort reiche Nahrung. Die übrigen Alpenleute verlassen die Alp von der ersten Woche September bis zum Schäfelitag, dann werden die tiefer liegenden Weideplätze befahren, und so geht es immer weiter hinunter bis zu den Wiesen von Naters. Die weit auseinander liegenden Güter von Naters bedingen ein beständiges Auf- und Abfahren.

Die Schafe werden im Herbst sich selber überlassen. Menschen kommen selten mehr auf die Alp. Das Hotel ist zwar noch offen, um Durchreisende zu beherbergen. Aber das Personal ist schon verringert, und der Rest hat die Aufräumungsarbeiten angefangen. Der Aufenthalt auf Beialp ist an den Spätherbsttagen gar schön. Die Ruhe ist ehrwürdiger geworden, die Luft ungemein klar, der Himmel leuchtender, und dann das wunderbare Farbenspiel, welches der Herbst über die Alp hingezaubert hat. Am Morgen glaubt man sich in ein Märchenland versetzt, wenn die Berge über Nacht ein weisses Kleid bekommen und der Rauhreif wie Millionen hingestreuter Perlen und Diamanten im Sonnenschein blitzt und funkelt.

Sage: Wer Zeit und Musse hätte, die Herbsttage auf Beialp zu verleben, würde Wunder eigener Art erfahren, vielleicht auch noch das Gruseln erlernen. Ist es nicht merkwürdig, dass abends spät aus jener schon längst verlassenen Hütte Rauch aufwirbelt? Ist Geisterspuk dort am Werke? Nein, es ist ein Jäger, der sich sein Abendmahl bereitet. Wir setzen uns vor die Türe und schauen in die feierliche Stille. Die Täler sind schon verdunkelt. Ich störe endlich das ernste Schweigen und spreche begeistert von Beialp und ihrer Fruchtbarkeit. Der Jäger sagt ruhig: « Ja, sie ist herrlich, hat aber einen Feind, und dieser Feind ist menschlicher Unverstand und Eigennutz. Unser gegenwärtiges Nutzungssystem ist Raubwirtschaft. Jeder nimmt, was der Boden gibt, ohne an Aufbesserung zu denken. Man sieht noch die Wasserleitungen, die früher Dünger und Wasser auf die Weideplätze führten. Das Geschlecht von heute und gestern hat sogar die Arbeit der Ahnen dem Ruin überlassen. » Der Jäger hat diese Vorwürfe an die Adresse der Gegenwartmenschen hart und zornig gesprochen. Ich stelle die Frage, wem einst wohl die Alp gehört habe. « Die Sage erzählt, » so beginnt er, « dass die Alpen Bei und Nessel zwei Brüdern eigen gewesen. Bei der Teilung gab es harte Worte und Schlägereien, dass beide tot auf dem Platze blieben. Geschichtlich steht fest, dass die Grenzen zwischen Nessel und Bei am 6. August 1475 festgesetzt wurden. » Die Nacht ist inzwischen heraufgestiegen. Das Herdfeuer brennt noch. Der Mond ist aufgegangen und wirft längs den Hütten gespenstische Schatten und blitzt geisterhaft in den kleinen Fenstern, und unwillkürlich kommen mir die Gespenstergeschichten in den Sinn, welche man sich von Alpendörfern erzählt. Ob es auch solchen Spuk auf Beialp geben mag? Ich frage den Jäger nach seiner Meinung. Langsam, bedächtig fängt er an:

« Vor Jahren hatten mein Kamerad und ich in jener Hütte da drüben eine Zusammenkunft verabredet, um morgens früh auf die Jagd zu gehen. Ich langte zuerst an und wartete. Als der Kamerad nicht kam, legte ich mich zum Schlafe nieder. Plötzlich ging die Türe auf, und ich wollte schon meinen Freund begrüssen. Wer beschreibt aber mein Entsetzen, als ein grosses schwarzes Schwein mit glühenden Augen hereinkam und sich am Boden ausstreckte! Mir war aller Schlaf vergangen. Die ganze Nacht lag das schwarze Ungetüm da, bisweilen ein schauderhaftes Röcheln ausstossend, dass mir die Haare zu Berge standen. Endlich ertönte von Blatten herauf die Angelusglocke. Sofort stand das Schwein auf und trollte sich davon. Die Jagd war mir für den Tag verleidet. » — Bei der Erzählung ergriff mich ein leiser Schauer, und unwillkürlich musterte ich meine Umgebung. Trotzdem wollte ich wissen, ob denn solch geisterhafter Geschichten von Beialp mehr erzählt würden. Der Jäger spendete nun eine Sage nach der andern, wie sie seit Jahrhunderten durch die Überlieferung auf uns gekommen. Unter anderm berichtete er folgendes:

« Vor vielen hundert Jahren hauste auf der Lüsgenalp ein Senne, der nach Gott und seinen Geboten nichts fragte. Ein junger Hirt, welcher das Vieh beaufsichtigen sollte, war ihm beigegeben. Der Senne konnte den jungen Gehilfen nicht leiden, denn er war ihm zu fromm und zu gewissenhaft. Darum gab der Senn dem Hirten kein gutes Wort, und wo sich Gelegenheit bot, ihn zu quälen, wurde sie auch getreulich ausgeübt. Jeden Abend nach der Arbeit stellte sich ein Weibsbild ein, welches der Senn seine Liebste nannte. Dem Hirten fiel auf, dass sie so merkwürdig feurige Augen hatte, ihre Züge verzerrten sich oft zu höhnisch-teuflischer Fratze. Ihm fürchtete ordentlich vor der Person, und es machte ihm auch gar nichts, dass er die Nacht über von den beiden in der Hütte nicht geduldet wurde. Bei den Kühen hätte er wohl gut geschlafen, wenn er nicht während der Nacht aufgeschreckt worden wäre durch gellendes Jauchzen, welches aus der Hütte drang. Am Morgen sah das Gesicht des Sennen immer schrecklich aus. Er war missgelaunt, fluchte bei jeder Gelegenheit, stiess Lästerungen über Gott und heilige Dinge aus, dass den Hirten kalter Schauer erfasste. Eine schwarze Katze in der Hütte wollte nicht mehr weichen. Nur wenn der Hirt das Kreuzzeichen machte, fing sie an zu fauchen, schreckliche Laute auszustossen und erst durch die Lästerungen des Sennen sich zu beruhigen. So ging der Sommer dahin. Der Senn wurde von Tag zu Tag gedrückter. Der Nacht sah er mit Zittern entgegen, und ein Schrecken erfasste ihn, wenn fein Liebchen sich einstellte; aber die Orgien dauerten doch weiter die ganze Nacht. Es kam der Tag der Abfahrt von der Alp. Die Leute nahmen ihr Vieh, den Käse und die Butter, aber zufrieden waren sie nicht. Seit Jahren wurde von keinem Sennen so schlecht gewirtschaftet wie von diesem. Sie sagten ihm ihre Meinung auch ins Gesicht, doch das schien ihn wenig zu kümmern. Andere Sorgen mussten ihn plagen. Er schaute ängstlich nach der Hütte, wurde auf einmal gegen den Hirten, der im Begriffe war, sein Bündel zu schnüren, freundlich und bat ihn dringend, ihm zu warten, bis er seine Sachen in der Hütte geholt habe. Als er in die Hütte trat, vernahm der draussen wartende Hirte einen Schreckensruf, der überging in ein klägliches Gewinsel, dann in ein furchtbares Geheul, dass es dem Hirten durch Mark und Beine fuhr. Er lief was er konnte den Staffel abwärts, und als er einmal zurückschaute, sah er mit Entsetzen den Teufel aus der Hütte treten, in der Hand trug er die Haut des Sennen und breitete sie auf dem Hüttendache aus. Es wurde auf einmal dem Hirten klar, was der Senn den Sommer über für ein Liebchen beherbergt hatte und welch furchtbaren Preis der Unselige zahlen musste für seine Leidenschaft: Seele und Leben. » Weniger schaurig ist folgende Sage: « In der Alp heisst es an einem Orte ,zu den Tischen ', wohl weil da grosse tischartige Felsblöcke herumliegen. Einmal sah ein Mädchen, welches an jenem Orte vorbeikam, eine wunderschöne Frau mit schimmernden Gewändern dasitzen. Auf den Steintischen hatte sie einen Haufen Goldstücke, Silbergefässe und andere Kostbarkeiten ausgebreitet. Die Frau winkte dem Mädchen freundlich, näherzutreten, und sagte zu ihm: ,Komm morgen wieder und führe genau aus, was ich dir sage. Du wirst neben all dem Reichtum eine Schlange erblicken, welche bei deinem Nahen mit geöffnetem Rachen dich bedrohen wird. Aber fürchte dich nicht. Trete mutig an das Gold heran und berühre es mit deiner Hand. Wenn es dir gelingt, so ist alles Gold und aller Schmuck dein, und ich werde von meiner Pein erlöst sein. ' Das Kind lief nach Hause und berichtete der staunenden Mutter die Wunderdinge, welche es gesehen und gehört hatte. Die Mutter sann die ganze Nacht der Sache nach und beschloss, das Kind an Ort und Stelle zu schicken. Sie wusch und kämmte das Kind sorgfältig, legte ihm die besten Kleider an und schärfte ihm ein, genau nach den Weisungen der schönen Frau zu handeln. Sie zeichnete das Kreuz auf seine Stirn, empfahl es dem Schutzengel und hiess es in Gottes Namen gehen. Das Mädchen sah die schöne Frau wieder bei den Tischen, worauf die Kostbarkeiten in der Sonne gleissten, aber daneben bewegte sich eine grosse Schlange. Die Frau ermunterte das erschreckte Kind, ohne Sorge und Angst heranzutreten und mit der Hand das Gold zu erfassen. Das Kind näherte sich langsam und voll Furcht; die Gräfin lächelte gütig und hold, so dass das Kind die Furcht verlor. Jetzt streckte es die Hand aus, um rasch das Gold zu berühren. Im gleichen Augenblicke schnellte die Schlange empor, sperrte den Rachen weit auf, zeigte zischend ihre Zunge und schien das Kind verschlingen zu wollen. Da erfasste Grausen und Schrecken des Kindes Herz. Vergebens war alles Zureden und Locken der schönen Frau. Das Kind lief, was es konnte, und kam halb ohnmächtig bei der Mutter an. Zu spät erkannte es, welch ein Glück es verscherzt. Die Frau mit den Kostbarkeiten wurde seither bei den Tischen nimmer gesehen. » Über all den Erzählungen des Jägers ist es spät geworden, das Feuer ist erloschen, der Mond hinter die Berge gesunken, nur die Sterne flimmern geheimnisvoll am Himmelsbogen. Wir legen uns zur Ruhe, aber zum Schlafen kann ich nicht kommen. All die sagenhaften Schatten haben meine Phantasie in ihren Bannkreis gezogen und beleben noch meine Träume. Am folgenden Morgen nehme ich dankend Abschied von meinem lieben Freunde.

Ich überschaue noch einmal die morgenliche sonnenüberstrahlte Pracht der Beialp, bin auch jetzt überwältigt vom einzigartigen Blick auf Berg und Tal.

Bergab führt mein Schritt, staubige Strassen muss ich wieder gehen, nichtige Dinge muss ich sehen und hören, mit kleinlichen Menschen muss ich über kleine Sorgen reden. Aber ein Gedanke steht wie ein leuchtender Stern über alle meine Tage: Beialp, auf Wiedersehenjj Zenhäusern Anmerkung: Eine französische Übertragung dieses Aufsatzes findet man im « Bulletin annuel » N° 34 der Section Chaux-de-Fonds.

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