Berg und Maler

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Hans Hirsch.

In seinem Buch « Leidweg der Liebe » erzählt Sinclair von einem jungen Manne, der im inneren Ringen um das Gute erkennt, dass die Berge die Eigenschaft haben, die moralische Festigkeit des Menschen zu stärken.

Es ist eine grosse Behauptung, die hier aufgestellt wird, doch für uns Bergfreunde bedarf sie keines Beweises. Wir haben es tausendmal erfahren und erleben es bei jeder Begegnung mit dem Berg wieder und wieder. Vielleicht ist gerade diese bewusste oder unbewusste Erkenntnis der tiefste Grund unserer Liebe zu den Bergen, denn durch sie empfangen wir in dieser Zeit mehr denn je die Kraft und den Mut, unser Leben zu meistern. Diese Zeit, die wie nie zuvor zwangsläufig und fast unentrinnbar den Menschen nach ihrem Geiste formen will und die mit ihrem nervenzermürbenden Tempo alles im Menschen unterordnen will, was sich ihr widerstandslos hingibt. Und diese Zeit braucht Nerven, um mit diesem Wort die innere Widerstandskraft und Ruhe zu kennzeichnen, die uns davor bewahrt, ihrem sinnbetörenden Lauf zu erliegen. Diese Kraft aber können uns die Berge geben.

Auf der Grundlage dieser Erkenntnis wollen wir versuchen, etwas über die Beziehung des Malers zum Berg zu sagen. Dabei denke ich vor allem an den Bergmaler, der aus innerer Berufung vorwiegend in dieser Richtung arbeitet. Wenn wir diesen Maler fragen würden, warum er sich fast ausschliesslich der Bergmalerei zugewandt habe, so sähe er sich wohl vor eine schwer zu beantwortende Frage gestellt. Eine Frage, die sicher in seinem Innern längst stillschweigend abgeklärt ist und über die sich jedes Wort erübrigt. Wenn ich selbst meine alten Zeichnungen und Bilder durchgehe, dann kann ich eine Entwicklung vom herkömmlichen Stilleben über das Figürliche — den Menschen — bis zur Landschaft und endlich dem Berg klar erkennen und verfolgen. Für den bergsteigenden Maler liegt eine natürliche Gesetzmässigkeit in dieser Entwicklung. Keine « Flucht in die Natur », wie sie so oft genannt wird, sondern ein bewusstes Zurückfinden zum Primären, zum Beständigen in der Natur, dessen vollkommenster Ausdruck der Berg ist.

Ich habe schon den Ausspruch gehört: « Er malt nur noch Berge. » Und dies mit einem gewissen, mitleidigen Bedauern. Es ist wohl eine Bemerkung, die mancher Bergmaler schon gehört hat, die ihn aber nie wird davon abhalten können, gerade in der Bergmalerei seine höchste Aufgabe zu sehen. Es geht eben hier vielleicht nicht nur um l' art pour l' art, nein, sogar voll und ganz nicht I Es geht um das Höchste für den Bergfreund, nämlich seine Liebe zu den Bergen in eine lebendige Form zu kleiden, ihr einen Ausdruck zu geben. Dies ist vielleicht seine Religion, und sein Kunstschaffen wird Ausdruck seiner Beziehung zu Gott. So ist der Bergmaler nicht bloss Künstler. Hinter seiner Kunst steht die Idee, die Sendung als Verkünder der eingangs erwähnten Erkenntnis.

Wenn ich meine Bergbilder im Geiste an mir vorüberziehen lasse und wenn ich die besten heraussuche, so sind es die Berge, die ich auch selbst Die Alpen — 1939 — Les Alpes.25 bestiegen habe. Durch die Besteigung wurde die innere Beziehung zum Berg fester und auf eine ganz persönliche Grundlage gestellt. Dadurch, dass der Maler den Berg selbst erlebt, wird die Grundlage geschaffen, den Berg nicht nur zu malen, sondern auch zu erleben. Durch diese Beziehung: Mensch — Berg — Bild, entsteht ein harmonischer Dreiklang, der sich in so manchen Werken unserer Bergmaler auf den Beschauer auswirkt und ihm etwas von der geistigen Beziehung des Künstlers zur Natur vermittelt, denn dies scheint mir neben dem rein künstlerischen Moment der Endzweck der Bergmalerei, ohne welchen jenes zur leeren Technik herabsinkt. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass nur der bergsteigende Maler die höchste geistige Bereitschaft, den Berg zu malen, erreicht, doch dadurch, dass der Maler den Berg selbst erlebt, seinen Fels unter seinen Händen spürt und sich vielleicht vor seinem Steinschlag ducken muss, wird diese Bereitschaft gefördert und erleichtert.

Ein Berg, der mir seiner stolzen Form und seines schönen Aufbaus wegen sehr lieb wurde, ist das Lenzerhorn. Diesen Berg habe ich länger als zwei Jahre täglich vor Augen gehabt und oft lange die Struktur seines Aufbaues und die Linien seiner Gräte studiert. Unzählige Skizzen und Zeichnungen entstanden, bevor ich zum Pinsel griff. Erst nach zwei Jahren geistiger Vorarbeit stellte ich meine Staffelei auf, im klaren Bewusstsein: Jetzt ist die innere Bereitschaft, diesen Berg zu malen, vollendet. Und das Warten und die Geduld hatten sich gelohnt: frei und unbeschwert um technische Schwierigkeiten konnte ich malen.

Mögen nun diese wenigen Gedanken über die Bergmalerei dazu verhelfen, das Einfühlungsvermögen der Bergfreunde in das Schaffen des Bergmalers anzuregen und zu vertiefen. Die alpine Kunst wird immer ihre beste Grundlage in tiefer Achtung und Ehrfurcht vor dem Berg und seinem Schöpfer finden. Darum wendet sich auch der Bergmaler mit wehem Herzen von jedem Alpinismus ab, der dieses Gefühl verletzt.

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