Bergbegeisterung im 18. Jahrhundert

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Von Albert Bruckner.

Wer der Meinung ist, die Schweiz sei erst im Laufe des 19. Jahrhunderts Reiseziel par excellence geworden, irrt gewiss. Schon im 18. Jahrhundert ist die Reiseliteratur über die Schweiz so umfangreich und die Zahl der « Bädekers » so gross, dass eine solche Annahme dadurch schon widerlegt sein müsste. In der zeitgenössischen Literatur findet sich aber auch mehr als eine Stelle, an denen von der Menge interessierter Turisten die Rede ist, die jährlich die Schweiz besuchen. Schon damals galt die Schweiz als eines der « herrlichsten Länder, das die vorzüglichste Aufmerksamkeit eines Reisenden sowohl wegen seinen verschiedenen Regierungsformen als auch wegen seinen wunderbaren Schönheiten der Natur » verdient 1 ), « in jeder Rücksicht eines der interessantesten Länder, das ein Reisender besuchen kann, da sie ( die Schweiz ) in einem geringen Umfange mannigfaltige, gleich interessante Gegenstände aufweist2 ) ».

Was von der Schweiz im allgemeinen, gilt im besonderen von den Alpen, die schon zu jener Zeit der wichtigste Anziehungspunkt für die meisten Turisten bildeten, freilich in ganz anderer Art als heute: nicht die Besteigung markanter Punkte oder strapazenreiche, schwierige Hochgebirgsturen, sondern die recht gemächliche Wagen- oder Mauleselfahrt auf den Passstrassen machte das Vergnügen aus. Aber die Fahrten sind nicht mehr bloss des Transits wegen unternommen, das Geniessen steht im Vordergrund, man ergötzt sich an den Alpenszenen, eifert im Bewundern und Bestaunen der « herrlichen Werke der Natur ». Vom Grauen vor den unendlichen Eiswüsten, scharfen Zacken und Schroffen, furchtbaren Klüften und Schrunden gepackt, voll Verwunderung über die Mannigfaltigkeit und Grossartigkeit der Bergwelt, oft in bezaubernder Schlichtheit, oft in überspannter, wunderlicher Sprache geben die Reisenden ihren Gedanken Ausdruck. Schon mischt sich mit dem Frohlocken der Seufzer über die « Kapereyen der Wirte » und der Ärger über die « Beschwerlichkeit, Pferde zu bekommen und über ihren unerschwinglichen Lohn ». Im Gegensatz zu früher lernt man die Alpen betrachten, studieren und bewundern, freilich noch allzusehr als kalte, furchterregende, scheussliche Ungeheuer, die aber in ihrer Wildheit eine grenzenlose Schönheit bergen. Charakteristisch: « Was mir in der Schweiz das Merkwürdigste unter den Seltenheiten der Natur geschienen, das sind die entsetzlichen Schaugerüste, die Alpen 3 ). » 58BERGBEGEISTERUNG IM 18. JAHRHUNDERT.

Die eingehende Kenntnis der Natur und der Wille zur objektiven Berichterstattung sind bemerkenswert. Wie modern klingt die Absicht von C. C. L. Hirschfeld, das Publikum könne nicht verlangen, dass ein Reisender alles gesehen. « Was es mit Recht verlangen kann, ist dieses, dass er das, was er gesehen, recht gesehen und es berichte, wie er es gesehen. » Auch Gabriel Walser betont in seiner « Kurtz gefassten Schweitzer-Geographie » ( Zürich 1770 ), dass er das, was er geschrieben, meistens selbst gesehen und erfahren habe. « Das Raisonnieren über diese und jene Naturbegebenheit habe ich mit Fleiss unterlassen, weil vieles auf Ungewissen Gründen beruhet. » Immer reicher werden daneben die Naturschilderungen, abwechslungsvoller, farbiger, plastischer. Zur gelehrten Abhandlung über Höhenunterschiede, Meteorologisches, Gletscher, Lawinen, Rüfenen usw., die von ganz verschiedenem Wert sein können, öfter gegenseitig abgeschrieben oder von irgendeinem Modewerk wie Gruners Alpenbuch abhängig, kommen Miniaturen der Landschaftsmalerei, die uns einen Begriff geben können von dem Enthusiasmus damaliger Bergsteiger.

. Der berühmte Turist William Coxe konnte « alle Augenblicke stillstehn, um sich der hohen Bewunderung zu überlassen », die das Glarner Land auf ihn ausübte, das « unendlich malerischer, wilder, mannigfaltiger und erhabener » als die Gegend von Matlock in Derbyshire, die er mit dem Linthtal vergleicht. Zum « Ausserordentlichsten in der ganzen Alpenkette » wird für ihn der grandiose Abschluss dieses Tales, « mit allen seinen wunderbaren Felsengestalten. Die Klaridenhörner, der Fismatt, Kammerstock, das Scherrhorn, Altenohren, Baumgartenalp, Selbsanft und in der Mitte die Gletscher des Dödi bilden einen Kolossen- und Pyramidenkranz, welcher das allerhöchste Erstaunen erregt... Mit jeder Krümmung des Weges wechselt der Anblick und das Gemälde dieser bewundernswürdigen Gebirgsnatur. Die ungeheuren nackten Pyramiden des Selbsanft und Kammerstocks, zwischen denen die Schneegipfel des Dödi noch feurig glänzen, wenn dicker Schatten schon alles deckt, sind in jedem Standpunkt immer die originellsten Teile des grossen Ganzen. » « Schauerlich » ist ihm die « Wildnis » der Pantenbrücke, bei der der « weitsichtige Blick in die grässliche Zerklüftung ungeheurer Felsenkörper entsetzt und erbebend » abirrt. « So muss der Eingang in die schwarze Unterwelt sein und neben dieser Wirklichkeit erscheinen alle Dichtungen von dem Orkus mager. » « Könige » preist der Verfasser der « Historischen, geographischen und physikalischen Beschreibung des Schweizerlandes » ( 1782 bis 1783 ) einzelne Gipfel, die « ihre beschneigten Häupter über den Pöbel der andern Berge emporstrecken », und anderwärts spricht der nämliche Schriftsteller von der « erhabenen Jungfrau », dem « prächtigen Blümlisalpberg », dem « schönsten Gletscher »: dem des hintern Rheinwaldhorns, « der noch sehr unzuverlässig beschrieben ».

Früh ist das Aufmerken vor dem grossen Schauspiel eines Sonnenuntergangs in der Bergwelt. « Niemals », schreibt Hirschfeld, « kann ein Anblick in der Natur prächtiger sein als derjenige, den die Gletscher bei dem Untergang der Sonne geben. Wenn wir die Sonne nicht mehr über unserm Horizont erblickten, so durften wir unsere Augen nur nach den Schneegebirgen wenden, wo wir die bewundernswürdigste Malerei sahen, womit sie die letzte Scene des Tages beschliesst. Zuerst erscheinen die Gebirge, so weit man ihre Höhe und Ausbreitung sieht, in einem sanften Schimmer, nach einer halben Viertelstunde in einem prächtigen hohen rosenfarbenen Glänze, bald darauf in einem rötlich vermischten Blau, welches nach und nach erbleicht und aus einer grauen Schattierung in eine völlige Dunkelheit übergeht. Man kann die malerischen Abwechslungen bei diesem Schauspiel der Natur nicht ansehen, ohne von Bewunderung und Entzücken durchdrungen zu werden. Wenn ein Fremder diesen majestätischen Auftritt das erste Mal erblickt, so ist sein Erstaunen ganz unbeschreiblich. Ich muss gestehen, dass ich dieses Schauspiel, so oft ich es gesehen, allemal mit einem ausnehmenden Vergnügen betrachtet. » Ein « grosses Welt-Meer » charakterisiert trefflich Gabriel Walser ein Nebelmeer: « die hin und her zerstreuten Berge sahen aus wie Insuln und die Sonnenstrahlen machten wunderbare Schatten und Licht. » Freilich findet man auch das Eingeständnis, dass alle Schilderungen nur « schwache Skizzen » seien, nach denen man die Schönheiten dieses Feenreiches — gemeint ist hier das Haslital — nicht beurteilen dürfe, « denn sie können Ihnen zuletzt keinen vollkommneren und richtigem Begriff von diesen wunderbaren Scenen geben als wenn ich Sie mit Rafaels und Correggios Gemälden bekannt machen wollte und Ihnen sagte, dass sie aus Farbe und Kannefas gemacht sind»1 ).

Gegenüber früheren Jahrhunderten hat im 18. Jahrhundert die Alpinistik einen entscheidenden Schritt vorwärts getan: die Berge werden endlich wieder gesehen, wenn meist auch nur gesehen, als prachtvolle « merkwürdige » Szenerie, mitunter als wissenschaftliches Objekt. Das erschütternd einfache Erlebnis in den Alpen suchen wir in der damaligen Literatur fast umsonst. Einer der denkwürdigsten Berichte nach dieser Richtung sei darum mitgeteilt, der verdient, der Vergessenheit enthoben zu werden. Er stammt aus der Feder eines der besten älteren Erforscher des Tessins, des Hans Rudolf Schinz, der uns eine gründliche und originelle Darstellung dieses Kantons hinterlassen hat2 ).

1777 befand sich Schinz drei Tage auf dem Gotthardhospiz « bei den E. V. V. Kapuzinern ». Damals nahm er die Gelegenheit am Schopf und stieg « so hoch an der über alle andre weit hervorragenden Bergspitze hinauf, als es nur möglich » war. Es handelt sich um den nordöstlich des Hospizes liegenden Gipfel, den eigentlichen St. Gotthardberg. « Ich stieg des Morgens bei guter Zeit an den kegelförmigen Berg hinauf. Ich fand keinen getriebenen Weg, denn es gehen nur noch Ziegen oder Schafe an demselben zu Weid. Grosses Vieh könnte sich nicht daran halten, weil es zu steil ist. Ich musste mich immer durch losgerissene kleine Felsstücke mühsam heraufschleppen, oft gerade, oft durch Umwege, wenn es unmöglich war gerade vorwärts zu dringen. Ich stieg eine Stunde lang und sah immer den Berg gleich hoch vor mir, noch eine Stunde stieg ich und der Berg schien immer höher, ward immer unwegsamer, und das Steigen selbst beschwerlicher, indem das Atemholen mir von einer Höhe zur andern schwerer zu werden schien. Nun schaute ich einmal grade herunter auf die Stiege, die ich bisher erklommen hatte, da fing mir an vor dem Rückweg zu grauen. Ich konnte wirklich nicht wissen, wie ich denselben wieder hinunter finden könne, ohne Gefahr, zugleich mit den abgebrochenen übereinandergeworfenen Steinen herabzurollen. Dennoch entschloss ich mich, noch ein paar tausend Schritte zu wagen, in Hoffnung auf dieser fürchterlichen Höhe auch einige Aussicht gegen irgend eine Landesgegend zu bekommen. Nachdem ich endlich fast ausser Atem, müde, mit schwankenden Knieen, mich auf ein Felsstück lagerte, ward mir die Beschwerlichkeit dieser Reise damit belohnt, dass ich über viele um mich her sich emporhebenden Klippen und Felsjoche heraussah, dass ich verschiedene Reihen von Bergen mit allen ihren Krümmungen, Ecken und Winkeln überblicken konnte, nach welchen sich die Richtung der von diesen Bergen eingeschlossenen Täler bestimmt, aber in die Täler hinab sah ich nicht.

Was das für ein Schauspiel war! Berge zu hunderten erschienen da auf einander getürmt, zusammengekettet, von einander auslaufend, ihre Häupter in den Wolken oder mit Schnee und Eis übersilbert, ihre Grundfesten im Abgrund der Erde, nackte vorhangende Gipfel im Lichte, tiefe Spalten, ungeheure Schlünde im Schatten: Weissgraue Wolken steigen an denselben auf und nieder, verbreiten sich, ziehen sich zusammen, locken sich in tausend Gestalten wie feine Wolle in Wellen, in Wirbel, dehnen sich in horizontale Fäden, ziehen sich durch die Einschnitte der Bergketten von einem Thal in das andre, verändern das Schauspiel zusehends dem Beobachter alle Augenblicke.

Gegen Süden konnte ich ziemlich deutlich einige Gipfel des Liviner-, Lavizarer- und des Fusier-Tales unterscheiden. Gegen Süd und West bot mir der Berg Pettina seine eiskalte Stime trotzend und stolz entgegen und schien alle andre zu verachten. An den Thronen dieses stolzen Königs dehnte sich weiter gegen West der erstarrte Orcino mit seinen Schneehaufen an. Weiterhin glaubt'ich die Furka zu entdecken. Gegen West zeigten sich die Spitzen der zwischen dem Urseren- und Maiental stehenden Berge, die obersten Stöcke der Surenen-Alpen und des wilden wüsten Tals hinter Suren. Gegen Norden zeigten sich so viele von den Gipfeln der zu beiden Seiten des Reusstales gegen Steg sich herunterziehenden Gebirge, dass man daraus richtig diese Gegenden erkennen konnte. Hinter mir gegen Osten standen die Gletscher der Rätischen Alpen hintereinanderaufgetürmt, deren ungeheure Eisklötze und stundenweite Eisfelder, die die Abgründe zwischen denselben füllen, nie von einem menschlichen Fuss betreten worden sind. Überhaupt was ich auch für einen Gesichtspunkt nahm, so entdeckte ich die Gipfel der höchsten Berge Europens und unterschied ohne Mühe soweit das Auge reichte die in unzähligen Verschiedenheiten zusammenlaufenden Winkel so vieler Bergketten. Sie schienen alle sich aneinander anzulehnen, sich aufeinander zu stützen, aber die viel Stundenlangen angenehmen, an den fettesten Weiden fruchtbaren Täler, die sie einschliessen, konnte man nicht einmal vermuten, viel weniger sehen. Die Aussicht auf dieser Berghöhe und auf allen andern höchsten Bergen ist also vielmehr fürchterlich als angenehm, vielmehr verwirrend als deutlich. Man sieht nur von Gebirg zu Gebirg, von Gipfel zu Gipfel.

Ringsherum stehen näher und entfernter hintereinander hervorragende Schroffen, davon die einen von kahlen rohen Felsen, die anderen ganz mit Schnee bedeckt sind. Nur zwischen heraus entdeckt das Auge entferntere Gegenstände, die man aber nicht genau erkennen kann. Diese höchsten Gebirge haben eine ganz andere Gestalt, wenn man sich so ganz in ihrer Nähe befindet als wenn man sie perspektivisch in der Ferne bewundert. Es kamen ganze Strecken von Felsen, ganze weite Alpen zum Vorschein, die man in der Ferne ganz übersieht und ihr Dasein nicht einmal vermuten kann. Es verlieren sich auch, wenn man so in der Nähe steht, die Merkzeichen, an denen ein Kenner der Gebirge sie schon von Ferne nach ihrer Lage und Namen zu unterscheiden weiss. Sie haben von der südlichen Seite gemeiniglich eine ganz andre Figur als von der nördlichen.

Ich befand mich also auf dieser schwindlichten Höhe wie in einer andern Welt, in der sich alle Vorstellung und Eindrücke des gesellschaftlichen Lebens, der menschlichen Künsteleien und der Annehmlichkeit des häuslichen Glücks verlieren und dagegen die kahle, rohe, aber erhabene und grosse Natur vorher nie empfundene Gefühle von der Grosse und Erhabenheit des Schöpfers, zugleich mit einer angenehmen Schwermut jedem denkenden Menschen einflössen. Da verschwinden alle Begriffe von Macht und Grosse, die man sich von menschlichen Anstalten gemacht hat, wenn man das Menschliche mit diesen Wirkungen der Gottheit vergleicht. Von den grossen Anstalten der Natur, die man auf diesem Felsenthron von Europa fühlt, bekommt man ganz andre Begriffe und Einsichten als durch noch so langes Forschen und Studieren im dumpfen Kabinett. Wer nie eine Reise durch die Alpen gemacht hat, wer nie in solchen Gebirgen gewesen ist, dergleichen der Gotthard in sich fasst, der hat das Grösste, das Merkwürdigste und Wunderbarste in der Natur zu sehen versäumt. Und wer nur bloss der gebahnten Strasse nach durch die Gebirge und über die hohen Alpen reiset, der bekommt zwar die Natur in aller ihrer verschiedenen Erhabenheit zu sehen, aber nur stufenweise. Er wird weniger in Erstaunen gesetzt; denn wie er nach und nach das ebenere Land und die kleinen Werke menschlicher Kunst aus den Augen verliert, so gewöhnt er sich an die grossen Gegenstände, deren Bewunderung durch die gewöhnlich aufstossenden Zufälle des Weges und der Unbequemlichkeit der Reise unterbrochen und gestört wird. Aber wenn man sich so Zeit und Musse gönnt, wenn man die harte Mühe, einige Stunden zu steigen, nicht achtet und sich dann so ganz seiner Laune zum Überschauen und Nachdenken überlassen kann, dann wird man durch die plötzliche Uberschauung dieser Erdgipfel, höher in merklich reinerm Dunstkreis sitzend, in eine Art süssen Tiefsinns eingewiegt, dem man unter andern Umständen vergeblich nachhängt. »

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