Berge zum Anschauen - Südspanien (Alicante)

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VON F. D. FISCHER, BADEN

Mit 2 Bildern ( 4 und 5 ) Gewiss, sie wären alle zu besteigen. Wer aber nicht nach Südspanien reist, um dort ausgerechnet Bergbesteigungen zu unternehmen, der wird kaum genügend ausgerüstet sein, um dennoch einem aufsteigenden Verlangen erfolgreich nachgeben zu können. Denn Hitze und Durst und die beklemmende Einsamkeit eines spanischen Sommertages müsste er ertragen. Und der Mangel an günstig gelegenen Unterkünften, die empfindliche Abkühlung nach Einbruch der Dämmerung, das kann bei luftiger Kleidung und leichtem Gepäck sogar gesundheitlichen Schaden zur Folge haben. Auch täuschen im prallen, überscharfe Schatten werfenden Sonnenglast die Distanzen. So nahe scheint jede Bodenerhebung. Und dann zieht sich der steinige, fusstief mit Staub bedeckte Pfad unerwartet verschlungen in die Länge. Möchtest du ihn aber abkürzen, so strengst du dich auf den löcherigen, nur armselig überwachsenen Felsbrockenhängen unnötig an. Höher als vorhin erscheint endlich der erste Sattel, ist aber wahrhaftig gar noch nicht der, von dem aus die äusserste Felsenspitze jedenfalls leicht zu ersteigen wäre. Schon seit Tagen hat diese gelockt; hat freilich beim Schwimmen in den sanften Wellen der Meeresbucht auch schon das hemmende Vorgefühl von Hitze und entsetzlichem Durst geweckt. Wieviel angenehmer wären jetzt statt der soliden, aber bereits zerkratzten und staubgrauen Halbschuhe leichte Espadrilles an den Füssen, wie sie Einheimische und Feriengäste tagaus, tagein zu tragen pflegen. Doch nein: nur allzuschnell hättest du wunde Fersen und Zehen von eingedrungenen Sandkörnchen!

Ein Erdrutsch, der den schmalen Weg glattgescheuert hat und bei jedem weiteren Schritt ins Gleiten kommt, setzt deinem Gipfeldrang bald ein Ende. Und dort unten, unweit einer zwischen gelben und roten Klippen ultramarin und smaragden funkelnden Bucht steht, trotz Rissen und verblichenen Plakaten schneeweiss zu schauen, ein Hausklotz, dessen Bambuspergola eine Wirtschaft erraten lässt. Vorher aber geht 's an einer stilvollen Villa mit Laubenbögen, Rundziegeln und einem schmiedeeisern verzierten Sodbrunnen vorbei. Abseits, an einem paradiesisch schönen Aussichtspunkt steht sie. Da müssen die Familien der Guardia civil mit einem weniger schöngelegenen Wohnort vorlieb nehmen: mitten in einer heissen, steinigen Steppe. Eben hält ein Eselskarren mit einem Weinfass vor den niedrigen, aneinandergebauten Häuschen, und mit grünlichen Tonkrügen eilen die Frauen herbei. Landeinwärts, wie schön und abwechslungsreich im hurtig wechselnden Schattenwurf der Wolken, schaut sich von hier oben die jenseits einer breiten Talmulde wellig ansteigende Landschaft an. Wohin ich blicke: das Silbergrau der Ölbäume, die Kugelreihen von Orangen-, Zitronen- und Mandelplantagen, dahinter grüneres Hügelland, begrenzt von Bergketten, die im mittäglichen Dunst verblauen und das Relief ihrer parallel abwärtsgerichteten kahlen Wülste und Runsen jetzt nicht, darüber aber die Steilwände der Gratfelsen um so deutlicher hervortreten lassen. Als Ganzes gesehen, hat diese südostspanische Landschaft zwar nichts, rein nichts mit dem Anblick unserer heimatlichen Berggegenden zu tun. Doch in einzelnen ihrer Formationen, welch erstaunliche Ähnlichkeiten sind da zu entdecken! Gerade der Berg, unter dessen östlichem Ausläufer ich stehe, erinnert - von den steil ins Mittelländische Meer abfallenden, gischtbespülten Klippen abgesehen - auffallend an den Rigi, allerdings nur, wenn Gegenlicht die Einzelheiten verdeckt. Auch darf man nicht an die geringe Höhe dieser Gipfel denken, die aber trotzdem imposant erscheinen, weil das Höhenniveau zu ihren Füssen sozusagen gleich null ist. Die Ortschaften aber versetzen uns nicht selten geradezu in den Nahen Orient. Z.B. Altea, das « kleine Fischerdorf » östlich von Alicante, reckt sich vom Hafen und vom Marktplatz aus, wo sich die Gässlein mit der Durchfahrtsstrasse kreuzen und die Cafés das einheimische und das fremde Publikum anlocken, steil gestuft empor und kann mit den weissen Mauerkuben, mit seinem hochragenden Kirchturm und der blauglasierten Kuppel als « Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein ». Die Gebirgskette dahinter mit ihren senkrechten Felswänden im oberen Teil und ihrem bald scharfgezackten, bald weicher geschwungenen Grat gemahnt stark an Partien im welschen Jura. Dort westwärts jedoch, ist das nicht eine Bergform fast wie der Piz Julier, vom Hahnensee aus gesehen? Und daneben, jenes wie von Menschenhand ausgehauene Felsentor am Person de Aitana, das ruft ja wahrhaftig die Gratlücke am Grossen Kärpfstock in Erinnerung oder den Durchschlupf am Col de Breya, zwischen der Pointe d' Orny und dem Val d' Arpette oberhalb Champex. ( Allerdings, wer steigt noch zu Fuss von der Trienthütte zu Tal, an einen Aufstieg schon gar nicht zu denken, seit der grösste Teil des Höhenunterschiedes durch eine Luftseilbahn so leicht zu überwinden ist? Dabei gibt es nichts Schöneres, als nach dem Ab und Auf bis zum erwähnten Pass und dem Steilabstieg durch mühsame Blockfelder sich endlich unter Lärchen beglückt ins weiche Grün zu werfen. So schweifen meine Gedanken in die heimatlichen Berge ab. ) Doch neben den erwähnten Gründen, die eine Bergtour in den spanischen Provinzen Alicante und Murcia erschweren, tritt neuestens noch ein weiterer, militärpolitischer, hinzu: Dieses gebirgige Hinterland ist wegen der amerikanischen Radarstützpunkte zum Sperrgebiet geworden. Aber so etwas, wie da im Osten die gleichsam aus dem Meer aufsteigende Felsennase, das gibt es bei uns in der Schweiz freilich nicht. Ganz aus Muschelkalk besteht dieser, von der hintern Seite her völlig harmlos zu besteigende Person de Ifach beim Badeort Calpe.Von nahem sieht die Wand allerdings niedriger aus als von weitem, wo der Auslauf nicht als Geröllhalde in Erscheinung tritt.

Noch ein Wort zu jener Gegend am Meer östlich der eleganten Hafenstadt Alicante in volkswirtschaftlicher Sicht. Sie nimmt seit acht bis zehn Jahren einen ungeahnten Aufschwung und 2Die Alpen - 1962 - Les Alpes17 erinnert mit ihren von Tag zu Tag steigenden Bodenpreisen stark an den « Ausverkauf unserer Schweizerheimat ». Vor einem Jahrzehnt noch war dort überall der Quadratmeter Boden für 7 bis 9 Peseten zu haben. Heute werden je nach Lage 2000 bis 3000 Peseten bezahlt! Und dies gilt nicht nur für die Ortschaften mit Badestrand, sondern auch weiter innen im Land werden gerne Liegenschaften erworben, da das Meeresklima nicht für jedermann zuträglich ist. Das bis vor wenigen Jahren noch unbekannt gebliebene Fischerdörfchen Benidorm, das jetzt etwa 6000 Einwohner zählt, beherbergt während der Sommersaison gegen 80 000 Badegäste! 40 Hotels aller Preiskate-gorien wurden in wenigen Jahren hingestellt, und weitere sind bereits im Bau oder projektiert. Auch Ferienhäuser, arabisch, mexikanisch, südamerikanisch anmutend und dicht daneben in ultramodernem Baustil, bieten dem Auge eine allerdings nicht immer erfreuliche Abwechslung. Aber in einer Nebenstrasse stehen ganze Reihen haargenau gleicher, zusammengebauter Häuschen mit kleinen Vorgärten: Es handelt sich um Ferienwohnungen für Arbeiterfamilien. Denn im Franco-spanien wird der Sozialtourismus wider Erwarten stark begünstigt, und auch der Wohnungsnot wird gesteuert: Schiessen doch an den Rändern der grossen Städte mächtige Wohnblöcke empor, die den ärmlichen, unhygienischen Behausungen der von Abfallverwertung lebenden Bevölkerung ein Ende machen sollen. Ob die in ihrem pittoresken Elend bisher ungeschoren lebenden Menschen sich in der ihnen aufgezwungenen neuen Umgebung zwar wohler fühlen werden? Aber das alles ist nur die Frage einer Generation...

Unvergleichlich schön ist allerdings die Lage dieses Badeortes Benidorm: Schlanke Dattelpalmen geben einen Durchblick auf das tiefblaue Meer, von dem sich unfern eine Felseninsel hell und malerisch abhebt. Ein hochgelegener Aussichtspunkt mit einem Terrassenrestaurant à la Monte Brè trennt die Ortschaft in zwei Teile. Leider ist der Burghügel im Westen durch geschmacklose Bauten verunstaltet. Seit den ältesten Zeiten war Spaniens Mittelmeerküste der Schauplatz von ewigen Angriffen und häufigem Wechsel der Besitzer gewesen. In Namen wie Altea z.B. stecken greco-romanische Wortwurzeln, die erste Hälfte des Ortsnamens Benidorm ist arabischen Ursprungs. Alicante selbst geht auf eine Gründung Hannibals im zweiten Jahrhundert vor Christus zurück. Zerfallene Festungen und fast auf jeder Bodenerhebung bis weit ins Land hinein ein Rundturm erinnern an eine kriegerisch bewegte Vergangenheit.

Wir sind von unsern « Bergen zum Anschauen » abgekommen Aber war es nicht auch so in unserm Ferienort Altea gewesen? Was für Menschenschicksale vernahmen wir da: Von vornehmen Einheimischen, die im spanischen Bürgerkrieg Hab und Gut verloren haben, aber noch immer ihre hohe Bildung und eine selbst in einem weniger gehobenen Amt gediegen gebliebene Geisteshaltung offenbaren. Von ausländischen Gutsbesitzern, die nach dem Gehetztsein entbeh-rungsvoller Kriegs- und Flüchtlingsjahre hier ihr Alter in Geborgenheit verbringen dürfen. Aber das Glück selbstgenügsamer Zufriedenheit entdecken wir auch in den ärmlichsten Dorf behausungen, wenn wir etwa in einen von Glasperlenschnüren verdeckten, dunkeln Patio hineinschauen. Den vorerst ängstlich erstaunten Müttern helfen wir über ihre Scheu hinweg, indem wir ihren Kleinen Bonbons hinhalten. Wie schön sind diese Kinder, ob auch fast nackt, mit ihren schwarzen Haaren und Augen und ihren weissen Zähnchen, ihren zierlichen braunen Gliedmassen!

Mag es bei uns daheim die überwältigende Wucht des Hochgebirges sein, hier im Süden eine üppigere Vegetation oder das ewig wechselnde Wunder der Brandung - immer werden Geltung haben die Worte, die der norddeutsche Dichter Klopstock während seines Aufenthaltes in der Schweiz an den Anfang seines Gedichts « Der Zürichsee » gesetzt hat: « Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht... Schöner ein froh Gesicht... »

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