Bergell: Ago di Sciora, Bacone-Westgrat, Fiamma

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON HENRI FURRER, BERN

Mit 10 Bildern ( 1-10 ) Seit acht Jahren ist es immer mein Wunschtraum gewesen, einmal mit Arnold, meinem Bruder, in die Bergwelt des südlichen Bergells zu fahren. Ich hatte damals die Gelegenheit, achtzehnjährig, in Gesellschaft des Frauen-Alpen-Clubs mit meiner Mutter das Gebiet ein wenig kennenzulernen; die grossen und « klassischen » Dinge jedoch sahen wir nur von weitem, und immer wenn mich dieses Kletterparadies von neuem begeisterte, sein herrlicher Granit, seine lockenden Klettergrate, seine unzähligen Gipfel und Möglichkeiten... dann musste ich an meinen Bruder denken.

Wir haben schon vieles zusammen erlebt, sind wochenlang über Berge und Pässe gewandert, haben Stürme und Gefahren gesehen, kalte Nächte durchwacht, wurden mit manchen Stunden reiner Freude beschenkt, im Sommer, im hohen Winter, wir zwei... aber eine Woche lang richtig nach Herzenslust drauflosklettern, dies ist ein Unternehmen, wie wir es bisher nur in unseren J ugendträumen kannten.

Ago di Sdora Nun ist es soweit.

21. September 1966: Seit zehn Tagen herrscht eine sichere Bisenlage, mildes Nachsommerwetter, das den frühen Neuschnee zum grossen Teil wieder wegzuschmelzen vermochte. Wir haben zu lange warten müssen, bis wir endlich herreisen konnten, so dass wir nun einen baldigen Wetterumsturz befürchten. Gestern lag von Sils bis Maloja dichter Nebel, ein kalter Westwind wehte über den Malojapass, aber in den höheren Regionen blieb der Himmel klar, und der heute strahlend anbrechende Tag verspricht zu halten.

Wir wissen, was wir wollen. « Drauf mit Grien », sagen wir, « gleich den ersten guten Tag nützen für etwas Grosses; wenn der Regen kommt, können wir uns immer noch in den Klettergärten des Albignagebietes die Zeit vertreiben. » Also « Ago di Sciora » - der Berg ist berühmt, klassisch, er verspricht uns etwas Rassiges, ohne allzu grosse Schwierigkeiten zu bieten, und zudem sollte sein Südaufstieg gänzlich ausgeapert sein.

Die Tour beginnt mit einer Verspätung. Es ist bereits 7 Uhr, als wir die Albignahütte verlassen. Unsere gestrige Ankunft um Mitternacht - fünf Minuten zu spät bei der Werkseilbahn, und man liess uns nicht mehr hinauffahren - hat uns aufstehfaul gemacht. Dies sollte eine Verspätung sein, die wir während der ganzen Woche nicht mehr aufholen würden.

Ein in den Fels gehauener Weg führt uns dem Stausee - dem Lago da l' Albigna - entlang auf den Albignagletscher. Die Frühstücksrast kostet uns, wie üblich, eine volle Stunde.

Über einen stark zerrissenen Gletscherbruch versuchen wir, das westliche « Ufer » des Gletschers zu erreichen. Jeder hackt sich durch, wo es ihm am günstigsten scheint - wir sind zu faul, die Steigeisen anzuschnallen. Die grünlichen Eistürme und Eisrücken glitzern in der Morgensonne, überall beginnt Wasser zu rieseln. Ein Auf und Ab, ein Hin und Her und wieder Zurück, stellenweise Eiskletterei, Springen über dunkle Spalten und Schlünde - bis wir einen Ausgang aus diesem Eislabyrinth finden.

Es folgen riesenhafte Moränenblöcke, wieder Turnerei, dann das steile Gletscher- und Firnfeld, das sich bis unter die Ostwand des Ago di Sciora hinaufzieht.

Der erste Anblick des Ago ist überwältigend. Wortlos bleiben wir stehen und blicken uns an: « Sind wir diesem Granitkoloss gewachsen? » Die Sonne glüht. Der Schnee spiegelt die Hitze erbarmungslos zurück.

Wir machen uns kletterfertig und hinterlassen die Säcke, als plötzlich Steinschlagsalven durch die Ostwand hinunterpeitschen. Gemsen! Wir trauen unseren Augen nicht: dicht unter dem Gipfelturm des Ago quert ein Rudel gegen Norden; in leichtem Galopp, mit eleganten Sprüngen laufen sie über Felsen - uns scheinen dort nichts als senkrechte Wände zu sein - und verschwinden in einer Gratscharte. Wenn sie nur nicht dieses Spiel treiben, während wir uns in der Wand befinden!

Der Ostabsturz zwischen Sciora Dadent und Ago, unser Aufstieg, liegt bereits im Schatten. Die Schneereste sind noch aufgeweicht, überall rinnt Wasser über die plattigen Felsen, aber keineswegs immer zu unserem Nachteil. Manchmal, unter den Überhängen, werden wir von einer angenehmen Dusche erfrischt; ich sehe, wie Arnold unter einem dicken Wasserstrahl den Schnabel aufsperrt und gierig das gurgelnde Nass einschlürft, das ihm in überreichem Schwall übers ganze Gesicht und ins Hemd hinabsprudelt.

Zwei Stunden nach dem Einstieg stehen wir auf der Bocchetta del Ago, dem südlichen Sattel am Fusse des Gipfelturmes, und können, wie durch ein Fenster, auf die Bondascaseite hinübersehen.

Auf dem Sattel liegt metertief Schnee. Der weitere Aufstieg jedoch, eine Folge von Rissen und Kaminen, sich mehr oder weniger senkrecht an der Südwand des Gipfelturmes emporziehend, ist angenehm trocken. Einige Stellen kommen uns schwieriger vor, als sie der SAC-Führer beschreibt. Zwei, drei griffarme, plattige Sachen schätzen wir auf einen vierten Grad. Abseilhaken und Schlingen deuten darauf, dass diese Wand im Abstieg in mindestens zwei Abseilstellen überwunden wird.

Dann die gefürchtete Gipfelplatte, von der im Führer jeder Schritt beschrieben ist und die Arnold zur Bemerkung veranlasst hat, die Sciora-Nadel sei nichts für uns! In heikler Reibungskletterei muss ein die oberste Gratkante sperrender Block umklettert werden. Zwischen den Beinen hindurch sehe ich, siebenhundert Meter tiefer, den Bondascagletscher.

Eine ungemein schöne, luftige Sache, jenes letzte Stück bis auf den Gipfel! Es ist eine unbeschreibliche Lust, ähnlich der des Fliegens vielleicht, dieses Klettern zwischen Himmel und Erde. Die weiten Räume, das strahlende Reich des Lichts! Alles Alltägliche ist vergessen.

Wir leben! Sind nur noch Fels, Luft und Sonne.

Um den höchsten Gipfelblock schlage ich eine Selbstsicherung. Nichts Vertrauenerweckendes, aber es bleibt mir keine andere Wahl; der ganze Gipfel zittert, wenn ich mit dem Fuss dranstosse. Auf seiner ganzen Höhe ist der Gipfelturm von einer grossen Spalte durchzogen. Mächtig neigt er sich in einem einzigen Schuss über die Nordwand hinaus, vielleicht zehn bis fünfzehn Meter überhängend.

Arnold kommt sachte nach, während ich ihn, stehend und etwas nachlässig, sichere. Ich bin schon siegesbewusst - ihm spukt noch das « Grifflos und Schwierig » im Kopf herum. Aber ohne Anstrengung, lächelnd, gelangt er zu mir hinauf. « Nasenwasser! » schreit er abschätzig, und wie er Übertreibungen liebt, wiederholt er einige Male seinen bevorzugten Ausdruck für « Leichtigkeit », « Bagatelle ».

Das Wetter hielt, was es versprach: so weit das Auge reicht, nicht das geringste Anzeichen einer Bewölkung.

Was uns an der Aussicht am meisten interessiert, ist der Piz Badile. Der Aufstieg über seine eindrucksvolle Nordkante wäre das einzige gewesen, was für uns in den nächsten Tagen einen Übergang in die Sciorahütte gerechtfertigt hätte. Wie zu erwarten war, liegt jedoch im Aufstieg schon viel Schnee, der dieses Jahr kaum mehr wegschmelzen wird; die bekannte und schwierige Nordostwand ist mit unzähligen weissen Bändern geschmückt.

Unsere Rast ist kurz. Es ist schon spät nachmittags.

Wir entschliessen uns, den Abstieg über die Nordwand zu wagen, rechnen mit irgendeiner Abseilerei und hoffen, damit weniger Zeit zu verlieren als in der Südwand und in den langen, vielleicht schon vereisten Plattenschüssen des Dadent-Ostabsturzes.

Arnold geht voraus: die Gipfelplatte im Abstieg bis zu einer Scharte, dann in einem breiten Kamin die Nordwand hinunter. Ein etwas ungewohntes Klettern für uns « Vorälpler »; bis zu den Knien, manchmal fast bis zu den Hüften versinken wir im Schnee. Kein Sonnenstrahl vermag um diese Jahreszeit die Wand zu berühren. Zum Glück; der Schnee ist trocken, er hat keine Eisschicht auf den Felsen gebildet. Mit Füssen und Händen wühlen wir uns voran, um versteckte Tritte und Griffe zu finden. Was das Abseilen anbelangt, so kommen wir bald auf unsere Rechnung. Es ist alles schon ausgedacht und eingerichtet. Aber hält die dünne Schlinge, die wir antreffen? Wir haben ein schlechtes Gewissen, die scharfen Kanten werden mit Zeitungspapier gepolstert und die Schlinge mit einigen Zugversuchen getestet.

Wir wissen nicht, wie hoch das Wandstück bis zu einem ersten Stand ist. Gottlob habe ich mir kurz vor der Abreise ein Sechzig-Meter-Seil erstanden; dies sollte hier ausreichen.

Arnold nimmt zwei Prusik-Schlingen in die Tasche - für den Fall... und fährt im Dülfersitz hinaus ins Leere. Nach zehn Metern bleibt er stehen, blickt kritisch hinab und meldet: « Längt nid! Etwa fünfundvierzig Meter—neunzig Meter Seil sollte man haben... » Nachdenklich schaut er zu, wie die Seilenden auf der senkrechten, spiegelglatten Platte lustig umherschwänzeln. « Ich hau 's! » ruft er plötzlich und entschwindet meinen Blicken.

Wir bekommen eine gute Demonstration, was die neuen Perlonseile bedeuten, die uns der berühmte « Schmid Aschi » mit fachmännischer Beredsamkeit angehängt hat. Arnold zielt auf ein schmales Absätzchen hinab. Das Seil hört zwei Meter oberhalb auf; er will versuchen, sich am letzten Seilschwänzchen mit den Händen hinunterzulassen.

Aber die Lösung ist viel eleganter: bis Arnold in federndem Rhythmus unsere dreissig Meter abgeseilt ist, hat sich das Seil durch seine Elastizität auf zweiunddreissig Meter verlängert und, wie auf den Zentimeter berechnet, kann er mühelos den Absatz erreichen.

Vergeblich versuche ich nochmals, die Kantenpolster an der Schlinge zu richten: sobald ich einsteige, rutschen sie raschelnd auf die Seite. Ich schwöre mir, nie mehr ohne Ersatzreepschnur klettern zu gehen, und lege langsam mein Gewicht ins Seil - ein Kitzeln läuft mir über den Rücken. Das freche Grinsen Arnolds, als er meine spinnenhaften Bewegungen am Himmel über seinem Kopf sieht, lenkt mein Misstrauen ab. Eine selten schöne Abseilstelle: nichts als Luft und eine Granitmauer, eine einzige Vertikale, glatt, fugenlos, grandios in ihrer Vollendung.

Die restlichen fünfzehn Meter überwinden wir abwärts kletternd am fixen Seil.

Der untere Teil der Nordwand ist im Sommer wohl leichte Kletterei, uns jedoch zeigt er sich recht unangenehm: Eis, Schnee, Geröll, loses Gestein, nur kein richtiger Fels. Schliesslich werde ich ungeduldig - die Sonne schickt sich bereits an, hinter den Horizont zu sinken; wir opfern eine Hanfschlinge und rennen mit « Bauchbremse », waten im knietiefen Schnee bis zur Forcola di Sciora.

Durch ein steiles Firncouloir eilen und rutschen wir auf den Ago-Gletscher hinab zu unseren Säcken - und zu unserem Proviant. Aber wir gehen gleich weiter, denn jede Minute des Tageslichts ist uns wertvoll. So muss unser vor neun Stunden gehaltenes Frühstück auch als Mittag- und Nachtessen gelten, und wir nehmen dies knurrenden Magens in Kauf, als Strafe für unser spätes Aufstehen.

Auf dem Albignagletscher beschliessen wir, in der Mitte des Gletschers einer kleinen Mittelmoräne entlang abzusteigen und so dem Gletscherbruch von heute morgen auszuweichen.

Keiner befiehlt und keiner gehorcht dem anderen. Alles, was wir tun, geschieht so spontan im gegenseitigen Einverständnis,als wäre es unser gleichzeitiges Denken, Wollen, Handeln. Ein ungemein beruhigendes Gefühl. Beide verfügen über die gleiche Erfahrung, das gleiche Temperament, die gleichen Kräfte. In schwierigen Situationen, während harter Arbeit ist der eine des anderen Stütze. Man fühlt: wir sind zwei! Zehnmal sicherer, zehnmal stärker als ein einzelner - eine innere und äussere Beziehung zur Umwelt, ein Gleichgewicht, das im Gebirge von lebenswichtiger Bedeutung sein kann!

Wie oft und wie lange sind wir schon so zusammen gegangen, im Gebirge und auf anderen Abenteuern, und haben diese Entsprechung unbewusst gefühlt! Wir achten es nicht, finden es selbstverständlich, ja, manchmal bestreiten wir es sogar!

Man spricht oft von Bergkameradschaft, von der Tugend der Seilgefährten; aber was uns verbindet, ist mehr. Seit frühester Kindheit sind wir zusammen erzogen worden, sind an gemeinsamen Erlebnissen und Schwierigkeiten gewachsen, gereift. Unser grosser Lehrmeister war die Natur, in die wir mit viel Hingabe vom Vater eingeführt wurden. Ein unschätzbares Geschenk, für das kein Dank gross genug ist.

Bergsteiger zeigen nicht gern ihre Gefühle; ihre Gedanken sind derb, diesseitig, unsentimental wie ihre Welt, das Gebirge. Ihr Wortschatz für seelische Dinge ist arm: ein knappes Wort für Dankbarkeit, grober Spott für Liebe, Schweigen für Ergriffenheit.

Unsere Freundschaftszeichen sind wortlos: ein Fausthieb, ein Fusstritt - in seltenen Augenblicken der Ausgelassenheit.

Aber einstweilen sind wir ganz von der Spannung beherrscht: Wie wird unser nächtlicher Abstieg über den halb verschneiten Gletscher verlaufen? Bekanntlich sind die Gletscher in dieser Jahreszeit am gefährlichsten. Die im Sommer ausgeaperten Eisflächen sind von einer schwachen Neuschneeschicht überdeckt, die offenen Spalten unter trügerischen Schneebrücken verborgen.

Anfangs einige grosse Randspalten; dann sollte es besser werden. Doch auch auf dem flacheren Teil des Gletschers nehmen die Spalten kein Ende. Die Nacht ist erstaunlich rasch hereingebrochen; wir gehen solange wie möglich ohne Taschenlampe. Immer wieder hört der eine des anderen Kommando in der Dunkelheit: « Achtung, Spalt! » Immer wieder queren wir hin und her, Hunderte von Metern, um Übergänge zu finden. Zu Beginn sichern wir, wenn einer springt, nach allen Regeln der Kunst - an Moränenblöcken. Für die Pickel gibt es nirgends einen rechten Halt auf dem halb aperen Eis. Aber bald wird uns dieses Spiel zu dumm. Die « Sicherung » vollzieht sich immer automatischer, oft nur im Gehen.

Zuletzt täuschen wir sie einander nur noch vor: Bei Arnolds Warnruf antworte ich sofort « gut! », blicke rasch zurück und beobachte den Schatten in dreissig Meter Entfernung hinter mir -wenn er nicht schon gesprungen ist! Bleibt er nach dem Sprung sichtbar, so kann ich weitergehen.

Einmal sehe ich den Schatten verschwinden - ich stürze mich zu Boden, aber das Seil gibt keinen Ruck... und langsam krabbelt das Gespenst wieder aus dem Spalt hervor. Die Sicht ist so schlecht, dass wir immer wieder die Dinge mit dem Pickel abtasten müssen; überhaupt: jeder Schritt wird getastet. Häufig verwechseln wir einen Felsblock mit der Schwärze eines abgrundtiefen Lochs -oder umgekehrt...

Und so geht 's von Spalt zu Spalt, von Eisrücken zu Eisrücken. In dichter Folge, oft in Abständen von nur wenigen Schritten. Ein nächtlicher Hindernislauf.

Pausenlos.

« Weiter, weiter! » denke ich, « Einmal heraus aus dieser unheimlichen Gegend... ».

Der Gletscher beginnt sich wieder stärker zu neigen, einige grössere Spalten mahnen zu erhöhter Vorsicht. Einmal glauben wir uns vollends in der Falle. Ein mächtiger Abgrund, weit und breit kein Übergang. Schliesslich finden wir eine kleine Schneebrücke. Sie wird offensichtlich nicht halten. Ich denke mir, mit Geschwindigkeit müsste es gehen. Arnold sichert, ich nehme weiten Anlauf. Den jenseitigen Eisrand, zehn Meter vor mir, scharf im Auge behaltend, laufe ich mit schnellen Schritten über den weichen Schnee. Ein Gefühl etwa, wie wenn man über Eier rennen müsste. Mitten über dem Spalt sackt der rechte Fuss durch, ins Leere... aber ich bin schon weiter und stürze mich mit den Händen voran auf den festen Boden. Arnold macht es lässiger, geht ganz langsam, mit äusserst behutsamen Schritten, hält den Atem an, schaut in das Loch, das ich gestampft habe: allerdings, schwarze, gähnende Tiefe... doch bei ihm hält die Brücke. Der Schnee hat offenbar Arnolds behutsamere Art lieber als meine Theorie der Geschwindigkeit!

Ein abenteuerlicher Gang. Bis zuletzt gewöhnen wir uns so daran, dass wir « den Makabren her-auskehren ». Was uns zu Hause an der Wärme als Alptraum vorkommen würde, nehmen wir nun hin wie ein spannendes Spiel, wie ein anregendes Zwiegespräch mit der Natur. Der Geist ist gespannt, alle Sinne sind geschärft, die dummen Witze sparen wir auf den Hüttenabend... Wenn wir doch schon dort wären!

Die Neigung des Gletschers nimmt wieder ab. Links und rechts gurgeln unsichtbare Gletscherbäche. Einigen Schneerippen entlang suchen wir unseren Weg. Ich höre Arnold in einen Bach plumpsen. Nichts Schlimmes: nur ein Schuh voll Wasser. Ich lache. Hundert Meter weiter -patsch! -bin ich selber drin, bis zu den Knien. Immer noch die alles verdeckende Schneeschicht...

Wenn sich der Mond nur beeilen könnte! Jetzt scheint er auf die Firnfelder hoch über uns, die Sicht hat sich bereits merklich verbessert.

Ein schwaches Licht ist in der Ferne aufgetaucht: die Hütte. Wir zünden mit unserer « Funzel » zurück, zum Zeichen, dass wir noch am Leben sind.

Quietschlebendig sind wir, die Sache gefällt uns immer mehr, und auch der nagende Hunger vermag unsere Hochstimmung nicht zu beeinträchtigen.

Endlich, nach stundenlangem Stolpern, erreichen wir einen grossen Moränenblock, der mit roten Pfeilen und einem riesigen Totenkopf bemalt ist - eine zarte Mahnung an die gefährliche Nähe des Gletscherbruchs in den See.

Also, jetzt nach rechts in die Schutthänge und die sicheren Felsen hinauf!

Noch manch « gesalzenes » Wort hallt von den dunklen Wänden, bis wir schliesslich auf dem exponierten Felspfad stehen.

Nun sind wir beruhigt, wir haben es geschafft. Länger und beschwerlicher als erwartet ist die Fahrt geworden, aber auch glanzvoller und erlebnisreicher.

Als Auftakt ein ganz beachtlicher Ausflug...

Bacone -Westgrat Albignahütte. Wir sind für einen Abend umgezogen; von unserem Kellerlokal, wo wir die beiden ersten Nächte verbracht haben, in die grossen Räume der Sommerhütte im ersten Geschoss. Italiener, Österreicher, Tiroler, Bergeller Jäger, Graubündner SACler... gebräunte Gesichter. « Echte Bergfüchse », denken wir.

Die Leute wollen noch einen späten Herbstsonntag ausnützen nach dem schönen, trockenen Wetter der vergangenen Woche.Vielleicht ist es die letzte Gelegenheit in diesem Jahr. Drei Tessiner, über eine Karte gebeugt, besprechen eifrig die Route ihres nächsten Tages. Sie haben Grosses vor: Cima-di-Cantone-Nordwand, eine reine Eistour. Andere hämmern an ihren Steigeisen herum. Und wir, schweigsam an unserem Tisch unter der schwach flackernden Petrollampe sitzend, rauchen eine Pfeife, verdauen unser Nachtmahl, das erste Essen in unseren Bergeller Ferien, das den Ausdruck « Mahl » verdient, da wir bis jetzt kaum Zeit hatten, einmal abzusitzen und in Ruhe zu essen. Bald gesellen sich zwei Churer Alpinisten zu uns, starke, erfahrene Bergler mit gefurchten Gesichtern, mit denen wir uns schon zuvor unterhalten haben. Sie hätten uns heute nachmittag von weitem beobachtet, wie wir an Graten herumturnten und wie zwei Vögel auf dem nadeiförmigen Gipfel des Gallo gesessen seien.

Was wir vorhaben für den kommenden Tag? Den Bacone-Westgrat. Die Churer sind sichtlich interessiert. Sie hätten nicht gedacht, dass man um diese Jahreszeit noch in den Bacone-West einsteigen könne. Aber es wäre eine Idee nach dieser langen Schönwetterperiode. Jedenfalls eine starke Tour. Sie scheinen das Bergell wie ihren Hosensack zu kennen - natürlich, als Churer - und erklären uns den Einstieg. Dann wird zum Jass übergelenkt. Ausgezeichnet, wir sind ja unser vier. An Humor fehlt es nicht; es müssten keine Bündner sein! « Was mainsch, Hitsch? » meint der eine öfter zum anderen, « du kaiba-n Alpaschlyffar! » Die Zeit rückt vor; wir müssen morgen früh auf. Ich lasse die anderen noch eine Weile zu dritt weiterspielen und begebe mich bald in unser Kellerlokal. Eine kalte, strahlend klare Nacht ist draussen, funkelnder Himmel, im Tale rauschen die Gletscherbäche. Der Albigna-Stausee liegt reglos wie eine silberne Tafel im Mondlicht.

Ich stelle meinen « automatischen Wecker », den ich in meinem Kopf eingebaut habe, auf 5 Uhr; dieser muss funktionieren, denn das Wetter ist gut. In der Nacht wache ich zweimal auf, als ein unheimliches, lang andauerndes Getöse das Tal heraufdonnert. Ich springe ans Fenster, sehe aber nichts; es ist zu dunkel. Wohl der mächtige Gletscherbruch des Albignagletschers, der wieder eine Scholle in den Stausee geschoben hat!

5 Uhr. Richtig. Ich bin aufgewacht. « Was mainsch, Hitsch », flüstere ich Arnold ins Ohr, muss es aber einige Male wiederholen, immer lauter. Bis wann haben sie wohl weitergejasst? « Was mainsch, Hitsch, wit nit ko glettara! » rufe ich und rüttle ihn endgültig auf. Aber dann, als er die Augen gerieben und fertig nachgedacht hat, wo er sei, springt er auf; wir schmeissen unsere Sachen zusammen und schleichen uns wie Diebe in die Dunkelheit hinaus. Es ist eisig kalt, aber angenehm; wir werden ungehemmt « lossteissen » können. Meist ohne Weg tasten wir uns aufwärts. Wir sind schon hoch oben auf den Moränenkämmen, als der Tag langsam erwacht. Jetzt erst erkennen wir tatsächlich ein riesiges Feld von Eistrümmern auf dem Albignasee, das sich schwimmend gegen die Staumauer bewegt. Es füllt etwa ein Drittel der Seeoberfläche aus. Wir erinnern uns der gedankenlosen Spazierfahrer, die gestern mit einem kleinen Ruderbötchen den See hinaufgepaddelt sind, um die riesigen blauen Eiswände aus der Nähe betrachten zu können. Man beobachtete sie von der Hütte aus und sagte im Spass, als die Nussschale lange genug vor dem Eisbruch hin und her gegondelt war: « Jetzt sollte ,es'runterkommen », meinte aber: nur ein kleiner Brocken, um ihnen Angst zu machen, um sie ein wenig tanzen und eilig davonrudern zu sehen... Wir erinnern uns auch der eigenen Abenteuer: wie wir am ersten Abend in dunkler Nacht, mit einer kläglichen Taschenlampe ausgerüstet, über den Gletscher gegen den Abbruchrand hinab unseren Weg zwischen den Moränenblöcken suchten. Jedenfalls nichts, was ich bei Nebel oder Sturm machen möchte!

Bevor noch die Sonne hinter den Felsgraten heraufkommt, richten wir uns auf einem grossen Felsblock zu einem gemütlichen Frühstück ein. Wir müssen gestärkt sein, bevor wir den Kampf im Fels beginnen, denn wir wissen nicht, wie lange dieser dauern wird.

Wir werweissen lange, bis wir den Einstieg finden. Landeskarte, Führer und die Beschreibung unserer Churer Freunde scheinen sich gegenseitig zu widersprechen, und schliesslich müssen wir -mehr oder weniger der eigenen Vernunft gehorchend - uns zu einem Anfang entschliessen. Weit höher oben, als wir vorerst gedacht haben, steigen wir in die Südwand des Grates ein. Rasch gewinnen wir an Höhe. Steile Platten, ineinandergeschachtelte Blöcke, die wie riesenhafte Bleistiftbündel aus der Wand ragen, griffige Kamine. Einige Kothäufchen lassen darauf schliessen, dass die Wand auch von Gemsen begangen wird. In angenehmer Turnerei - herrlich, dieses Höherklimmen in der Morgensonne, auf diesem trockenen Granit, ungefähr der Fallirne folgend, gelangen wir schliesslich auf den Gratkamm. Wir hatten vergeblich Angst gehabt, als wir die Beschreibung des Führers, « schwierig auf den Grat », lasen. « Leicht, aber exponiert » taxieren wir die Wand und klettern sogleich weiter, indem nun Arnold die Führung übernimmt Ein Gratturm nach dem anderen wird überwunden, eine lange Reihe, wie uns scheinen will. Vielleicht klettern wir zu schnell und werden dadurch ungeduldig - oder haben zu wenig saftige Hindernisse, um uns zu bremsen. Keine Angst, sie sollten noch kommen! Die Gratschneide nimmt an Schärfe zu. Rechts, gegen die Südseite zu, fällt die Wand in glatten, haltlosen Plattenfluchten gegen Geröllfelder ab, links senkrecht auf eine steile Firnflanke. Der Grat beginnt allmählich anzusteigen. Ein gigantischer Felsblock, mitten auf die Gratkante gestellt, rückt immer näher. Wir haben ihn schon vom Frühstücksplatz aus gesehen und als ernsthaftes Hindernis gemustert. Allseitig überhängend, auf ganz kleiner Fläche « stehend », wie seitwärts angeklebt, bäumt er sich etwa zehn Meter in die Höhe und scheint schlechthin allen Gesetzen der Statik zu spotten. Je näher wir ihm kommen, desto unüberwindlicher wirkt er: rechts die vollkommen glatte, senkrechte Wand, links abschüssige, exponierte Platten, mit einer dicken, trügerischen Schneeschicht bedeckt; der Block selber unantastbar. Noch einige griffarme, plattige Aufschwünge, dann eine lange, messerscharfe Kante. Ich sehe Arnold geniesserisch an der Kante hinüberhangeln, einen Blick in den Abgrund werfen und, zu mir zurückgrinsend, in eine Scharte verschwinden. So ein richtiger Griff, der hält, macht die exponierteste Kletterei zum Genuss. Nun stehen wir vor dem Block: ein imposanter Gendarm, ein richtiger Gendarm, jedermann den Weg versperrend. Ich blicke in die Südwand, um die Nordseite mit ihrem Eis und Schnee von vornherein aus meinem Kopf zu verscheuchen. Aber da ist nichts zu wollen. « Man könnte sich höchstens hinübernageln », meint Arnold, « aber zum Klettern gibt 's da nichts mehr! » Nageln ist zeitraubend, und zudem sind wir nicht genug dafür ausgerüstet; denn wir wissen nicht, was noch kommen wird und müssen mit unseren wenigen Felshaken haushalten. So versuchen wir es wohl oder übel auf der Nordseite. Eine stark geneigte Platte zieht direkt unter dem Block nach oben, vollkommen mit Schnee bedeckt. Arnold steigt in die Flanke hinab, steigt behutsam gegen die Platte. Ich sichere ihn von der Scharte aus, d.h., was so « sichern » heisst für den Vorauskletternden. Sorgfältig kommt er höher, wühlt im Schnee, um nach Griffen zu suchen. Er bückt sich unter dem Block, der sich wie ein mächtiges Dach über die Nordflanke neigt, kommt erstaunlich rasch vorwärts und entschwindet gleich meinen Blicken. Es geht also! Woran er sich hält, ist mir rätselhaft. Kaum will ich « Seil aus » rufen, als auch schon das « Nachkommen » herabtönt. Auf der Platte entdecke ich einen nach oben führenden Längsriss unter dem Schnee, der tatsächlich gerade ausreicht, um den Füssen Halt zu geben, und in der innersten Kehle unter dem Block bietet eine schiefe Spalte einen schmalen, aber kontinuierlichen Griff. Das Dach drückt mich nieder, und wegen des Rucksacks muss ich stellenweise kriechen, komme aber trotz Schnee und Steilheit sehr leicht wieder auf den Grat, wo Arnold in einer Nische ausgestreckt, so wie man ein Sonnenbad nimmt, das Seil bedient. Wir blicken auf den abenteuerlichen Turm zurück. Er hat uns nur Angst einjagen wollen. « Jetzt dürfte er meinetwegen hinunterrutschen », meinen wir und geben ihm eine nur sehr beschränkte Lebensdauer.

7 In einigen Steilstufen zieht sich der Grat nun weiter in die Höhe bis zu einer Art Vorgipfel - wir nennen ihn jedenfalls vorerst so. Der SAC-Führer empfiehlt eine grosse Umgehung des Grates im Süden, beschreibt einen langen Quergang, Couloirs, diagonale Bänder und Kamine; doch wir haben keine Lust, uns mit dem abschüssigen Gelände der Südwand einzulassen. Solange es geht, bleiben wir auf dem Grat. Wir erwarten besseren Fels, bessere Sicherungsmöglichkeiten und vor allem schönere Kletterei. Aber schon der erste Aufschwung macht uns zu schaffen. Eine zwanzig Meter hohe, leicht überhängende Wand zwingt uns, auf die Südseite auszuweichen. Eine äusserst exponierte, beinahe senkrechte Platte, von einer schwach ausgebildeten Verschneidung durchzogen, oben immer steiler werdend und schliesslich in einem überhängenden Wulst endend: dies ist der einzige Weiterweg. Arnold meint, es sollte gehen, und rüstet zum erstenmal die Schlosserei. Ich verschanze mich auf der anderen Seite des Grates auf einem schmalen Band, so gut es geht. Dann folgen lange Minuten des Wartens. Ich sehe nichts von meinem Seilgefährten, lasse das Seil so locker wie möglich; es rückt nur sehr langsam, zentimeterweise, über die Gratecke. Ich bin sehr gespannt, viel zu gespannt, zucke bei jedem Geräusch zusammen; seltsam, wie einem die Phantasie Streiche spielt, sobald man nichts mehr sieht: man hat den Aufstieg gesehen, die Grifflosigkeit des Felsens, den Abgrund; man weiss, dass ein Ausrutschen zuerst zehn bis fünzehn Meter freien Fall bedeutet, bevor der Sichernde etwas tun kann! Und kann er etwas tun? Man stellt sich vor, wo der Vordermann etwa sein muss, was er denkt, was er tut, und man hofft und bangt... Die Stille ist bedrückend. Manchmal höre ich ein Kratzen, ein unheimliches Surren: ein Stein fliegt in die Tiefe. Dann wieder das Klirren der Haken - es wirkt beruhigend, ich spüre, dass Arnold immer noch über mir ist. Ab und zu ein Fluchen, dann wieder lange nichts. « Sag doch etwas! » möchte ich ihm zurufen, um meiner Spannung etwas Luft zu machen, lasse es aber sein, um ihn in seiner Konzentration nicht zu stören. Endlich beginnt er einen Haken zu schlagen. Er hat wohl einen Stand unter dem Überhang erreicht, denke ich. « Gehts ?» - « Es geht », kommt es um die Ecke zurück. Dann aber ein Kraftausdruck, er reisst den Haken heraus, schlägt ihn wieder ein, setzt einige Male an - bis endlich das erlösende « Anziehen » ertönt. Aufatmend wage ich einen Sprung zur Gratkante, um den Kopf hervorzustrecken. Etwas schräg über mir drückt sich Arnold in eine kleine Nische unter dem Überhang und gönnt sich eine kurze Arbeitspause. Es sei heikel gewesen, aber das Beste komme wohl noch, sagt er. Der stark nach aussen drückende Wulst wird gemustert, besprochen, man weiss nicht, ob es Griffe gibt auf der oben folgenden schrägen Platte. Ich verschwinde wieder hinter dem Grat und bediene mit etwas mehr Vertrauen die Sicherung. Wieder dauert es lange, so scheint es mir wenigstens. Von Zeit zu Zeit lasse ich einen kurzen Blick ins Weite schweifen. Ein prächtiger, wolkenloser Tag. Das Val Bregaglia im Dunst. Das Glitzern des Albignasees. Die breiten Granitkönige der Bondascagruppe und das sich ins Weite verlierende Gipfelmeer der Tessiner Alpen. Schade, dass man beim Klettern so wenig auf die Aussicht achten kann! Aber wir werden wohl bald zu unserer Gipfelrast kommen. « Gehts ?» -«Ich glaub ', ich hab 's! » Jetzt erst beginnt das Seil wieder normal durchzulaufen; Arnold klettert noch weiter, bis unsere dreissig Meter Seil aus sind. Endlich das « Nachkommen! » Ich kann meine steif gewordenen Glieder wieder recken, nehme den Rucksack auf. Auf schmalen Leisten quere ich zur Verschneidung hinüber. Zweihundert Meter unter mir der Moränenschutt, dazwischen nichts als Luft. Aber das straffe Seil, das durch den Haken nach oben führt, gibt mir Sicherheit. Ich arbeite mich aufwärts; die Hände drücken und klemmen an unsichtbaren Vorsprüngen, die Füsse schwindeln nach, so gut sie können. Eigentliche Griffe gibt 's hier nicht. Zum Glück ist ein feiner Riss in der Verschneidung, wo man doch manchmal einen Finger hineindrücken kann. Aber nicht alles ist zuverlässig. Einige lose Steinchen werden ausgeräumt und verschwinden in der Tiefe. Ich denke, wie man es so oft als zweiter und Rucksackträger tut: « Hier als erster hinauf? Nie im Leben würde ich 8 dies ungesichert wagen! » Der Haken ist rasch herausgeschlagen, er sass nicht sehr fest. Dann die letzten zwei Meter: der Fels drückt nach aussen, der Rucksack wirkt merklich mit; oben auf der Platte sind gerade einige Ritzen, an denen ich mich mit Fingerkraft anklammern und emporziehen kann; mit den Knien wird nachgeholfen - obschon es für gute Kletterer verboten ist -, ganz behutsam aufgestanden; die Reibung der Schuhsohlen muss halten. Noch ein kurzer Kamin - und wir sind wieder vereint.

Im Magen beginnt es zu knurren, ein Zeichen, dass die Mittagsstunde bereits vorüber ist. Wir wollen aber noch ausharren bis zum Vorgipfel. Noch ist er weit weg, ein sehr steiles Gratstück und eine Scharte trennen uns von ihm. Wir kommen wieder zügiger vorwärts, uns immer an die Gratschneide haltend. Den Führer ziehen wir längst nicht mehr zu Rate, verlassen uns nur noch auf den eigenen Verstand. Vielleicht werden wir es noch « ausfressen » müssen, dass wir die grosse Umgehung nicht gemacht haben, denn der letzte Gratkopf schaut gar verdächtig glatt und überhängend auf uns herab. Stetig rückt er näher. Wir kommen uns wie Schwerarbeiter vor, krampfen uns unermüdlich aufwärts. Manchmal sagt einer, nach einem Klimmzug absichtlich aufächzend: « So alte Mannen! Und müssen noch so schwer arbeiten! » oder: « Ich habe es ja immer gesagt, man spürt es doch, dass man nicht mehr zwanzig ist... Das leichtsinnige Leben! Das verdammte Rauchen! » - Der letzte Aufschwung ist erreicht, wir verschnaufen ein wenig, dann nimmt ihn Arnold in Angriff. Er versucht es « direkt », über eine links abfallende, grifflose Platte, kommt aber bald zurück. Die Kante selber ist senkrecht; Arnold streicht mit den Händen darüber, tastet nach allen Seiten hin, schüttelt aber den Kopf. Nichts zu machen; wir müssen also doch an der überhängenden Seite hinauf, südlich, wo es am exponiertesten ist. Ein Riss führt senkrecht nach oben, vielleicht finden sich dort einige gute Griffe. Die Wand fällt hier etwa dreihundert Meter ab, zuerst nackt und leicht überhängend, fünfzig Meter, dann in fast senkrechten Plattenschüssen. Arnold hangelt an der Risskante empor, sucht und greift einige Male, räumt Steine heraus und lässt sie ins Leere hinuntersausen, findet aber doch einen Griff und zieht sich an den überhängenden Felsbuckel hinauf. Ich sehe von ihm nicht viel mehr als den Hinterteil, der an dem warmen, rauhen Fels höher turnt und sich von dem dunklen Blau des Himmels abhebt. Der Mensch ist doch ein ungeheuer geländegängiges Wesen! Ich knipse noch ein Bild, der Kletterhammer wird herausgehängt - zum Bluff, denn hier gibt 's nichts zu nageln; dann verschwinden seine Schuhsohlen über mir. Der Fels ist hier ziemlich brüchig, aber man muss ihn nur verstehen, prüfen, wissen, was er aushält, und ihn richtig belasten.

Über ein schneebedecktes Band erreichen wir die Scharte, noch einen überhängenden, aber gutgriffigen Sporn, und gleich darauf befinden wir uns auf dem Vorgipfel. Doch dahinter taucht ein hoher, markanter Turm auf und lässt uns befürchten, dass nun die Kletterei erst anfängt. Dabei beginnt sich die Sonne schon stark zu neigen; es ist nachmittags 3 Uhr. Wir haben bis jetzt den Hunger ganz vergessen vor lauter Krampfen, machen aber trotzdem nur einen kurzen Halt, denn wir wissen, dass zu dieser Jahreszeit schon vor 7 Uhr die Nacht hereinbricht, und wir haben keine Lust, hier oben zu übernachten oder uns bei dem heiklen Abstieg in der Nacht zu « verklettern ».

Wir gönnen uns einige Dörrfrüchte. Die Militärfleischbüchse lassen wir unangetastet, ich erwähne sie gar nicht mehr; Arnold hat heute morgen derart protestiert, als ich sie einpackte, dass ich befürchte, er werde das « schlechte Zeug » über die Wand werfen. Er zündet sich eine halbe Pfeife an. Wir reichen sie uns hin und her wie die Indianer ihre Friedenspfeife.

Die Sicht ist ausserordentlich klar. Wir sehen in letzter Ferne einige Walliser Berge im bläulichen Dunst - Leone, Mischabel, Monte Rosa, glauben das Finsteraarhorn und das Bietschhorn zu erkennen. Unzählige Gipfel: das Gotthardmassiv, die Tessiner Alpen, ein unübersehbares Gipfelgewirr. Im Süden ist die stolze Disgrazia aufgetaucht. Ich nenne sie das « Bergeller Bietschhorn ». Die Sonne sendet noch wärmende Strahlen. Wer möchte sich da nicht ausstrecken, faulenzen, hindösen und sich der gewaltigen Stille des Gebirges hingeben! Aber wir müssen weiter.

Gleich beginne eine Abseilstelle, glauben wir, entdecken aber weder Haken, Schlingen noch irgendeine Möglichkeit, das Seil zu befestigen. Wir steigen ein wenig zurück und finden einen etwas heiklen Abstieg durch einen Kamin und über vereiste Platten auf der Nordseite. Anschliessend queren wir auf Bändern in die Südflanke und versuchen eine Umgehung des glatten, abweisenden Turmes zu finden. Von nun an zwingt uns die Zeitnot, jede Umgehungsmöglichkeit zu benützen. Nach einigem Hin- und Hersuchen gelangen wir zu einem zwanzig Meter hohen, senkrechten Kamin, der auf den Gipfel des Turmes führt und die einzige Möglichkeit eines Weiterkommens zu bieten scheint, und zum ersten und einzigen Mal heute können wir eine gewisse Entsprechung zwischen der Realität und unserem Tourenführer feststellen: Wir befinden uns vor der « Schlüsselstelle »; ein rostiger Haken und eine Seilschlinge beweisen uns dies. Wieder lasse ich Arnold voraus, versuche mich auf einer schiefen, wackeligen Geröllstufe zu verankern und beobachte seine Kletterbewegungen. Die ersten fünf Meter werden gestemmt; eine Rippe im Innern des Kamins bietet manchmal einen Zuggrifif. Die Rippe benützt er, um eine Seilschlinge hinten durchzuziehen, wie durch eine Öse; ein Karabiner schnappt ein, und mein Bergführer kann den nächsten, etwas überhängenden Teil in halber Höhe des Kamins gesichert überwinden. Unterwegs wird die schon hangende schöne, weisse Schlinge - ein willkommenes Hilfsmittel - geprüft. Beim ersten Griff zerreisst sie jedoch aufstäubend und wird achtlos auf mich hinuntergeworfen. Es folgt ein leichteres Stück bis unter ein weit auskragendes Dach, unmittelbar unter dem Gipfel des Turmes. Nun scheint das Problem erst gekommen; bis dahin ging 's ziemlich rasch vorwärts, jetzt beginnt das Werweissen, Tasten, Versuchen; schliesslich wird ein zünftiger Haken geschlagen. Die Zeit beginnt zu drängen, aber ich bin noch guter Laune und verstecke meine Ungeduld. « Was ischt, Hitsch! Du kaiba-n Alpaschlyffar! » rufe ich zuweilen hinauf. Später wird der Slogan erweitert: « Deinetwegen, Alpaschlyffar, gibt es bald keine Berge mehr. » Der Nacken schmerzt vom senkrechten Hinaufschauen. Das singende Hämmern setzt aus: « So, der sitzt diesmal, den bringst nicht mehr heraus », tönt es. Wie ein Affe steigt Arnold aus dem Kamin in die Luft hinaus, zieht sich übers Dach empor - einige Sekunden baumeln seine Beine in der Leere -, stemmt sich hoch und verschwindet. « Nachkommen! » Der Rucksack stört mich in der Enge des Kamins, mit dem Rücken stemmen ist nicht möglich - es hat schon verdächtig geknackt im Rucksack: etwa der Photoapparat, und so klettere ich frei an der Rippe höher. Eine athletische ÜbungDer Haken steckt tatsächlich ungeheuer fest, bewegt sich beim Schlagen zwar hin und her, muss aber derart in die Ritze hineingekrümmt worden sein, dass all meine Anstrengungen vergeblich bleiben. Das Dach umklettere ich, weiter unten auf einer äusserst exponierten Platte ansetzend, und gelange so, eilig und schnaufend, zu meinem Seilgefährten. Die Sonne nähert sich dem Horizont, wird schon rötlich. Vor uns: eine Reihe von Türmen, Gendarmen, Scharten... und noch nichts vom Gipfel. Ich übernehme die Führung. Im Sturm werden die nächsten Türme « genommen ». Der Fels ist brüchiger, aber der Grat auch etwas leichter, so dass wir rasch vorwärtskommen. Ein Seilwurfmanöver kostet uns noch viel Zeit. Zwanzig-, dreissigmal muss ich das Seil werfen, schliesslich hängt es doch. Die Wandstufe ist vollständig überhängend. Glücklich da, wer von der Natur mit brauchbaren Bizeps ausgestattet worden ist: Ein Sprung an einen aufgestellten, hervorstehenden Block, und der Rest ist nur noch den Fingern und Armen überlassen.

Und einige Türme weiter: eine steile Platte, die im Abstieg überwunden werden muss und unten in einen tiefen, etwa einen Meter breiten Spalt abbricht, nötigt mich, auf dem Hosenboden zu « klettern ». Sie ist vollkommen glatt und so steil, dass die Reibung der Schuhsohlen und Handflächen nicht mehr ausreicht, mein Gewicht zu halten, so dass ich schnell entschlossen absitze, mich rück- wärts mit der grösstmöglichen Fläche an den Fels schmiege und langsam abrutsche. Dann das rasche Aufrichten, der gezielte Spreizschritt auf eine messerscharfe Kante und das blitzschnelle Weitergreifen der Hände an der Kante - ein Seiltänzer-Kunststück. Für den zweiten ist das Hindernis wegen der schlechten Sicherung weit gefährlicher, aber nach zweimaligem Leerschlucken und mit einigem Zuspruch wird die Nummer gewagt - und sie gelingt.

Wir wechseln wieder die Führung; leichte Stellen werden fast im Laufschritt überwunden, ein Gendarm nach dem andern, eine Scharte nach der anderen. Die Sonne geht unter, ihren rötlichen Schimmer auf die Berge werfend; wir achten es kaum.

Noch einmal bäumt sich der Grat mit einer mächtigen, überhängenden Kante in die Höhe. Die Südseite ist uns zu ausgesetzt und zu griff los. Kurz entschlossen steige ich unter dem Überhang in die Nordwand hinaus und gelange auf abschüssige, von Absätzen durchzogene Platten, die mit einer fünfzig Zentimeter tiefen Schneeschicht bedeckt sind. Mir graut, wenn ich an den schwerbeladenen Flächen hinaufsehe. Derartiges war nie meine Vorliebe. Kann man dem Schnee trauen? Findet man überhaupt noch Halt auf den Felsen? Gibt es Stufen? Oder liegt womöglich Eis auf der schiefen Unterlage? Und wenn plötzlich die ganze Schneeschicht ins Rutschen gerät...? Es dämmert, wir müssen hinauf! Verbissen wühle ich mit den blossen Händen im Schnee nach irgendeinem Halt, versuche an einigen Stellen, packe an, was greifbar ist. Ein mir selber unbekanntes Wüten überkommt mich, eine Schnelligkeit, mit der ich die kleinsten Möglichkeiten ausnütze, mich weitertaste, mit Fingern und Fussen kämpfe - und schliesslich stehe ich wieder auf dem Grat. Arnold ist bald nachgekommen und sagt trocken: « Starche Tubak! » Endlich ist der Gipfel sichtbar geworden. Im Sturmschritt hasten wir über das letzte Gratstück.

Flüchtig und keuchend drücken wir uns die Hände, können uns aber noch nicht richtig über unseren Sieg freuen, denn der Kampf ist nicht zu Ende; ein unbekannter Abstieg erwartet uns. Ich sollte ihn zwar kennen, diesen Abstieg - vor acht Jahren habe ich ihn einmal gemacht, bei einem Übergang von der Forno- zur Albignahütte über den Nordgrat des Piz Bacone; aber ich kann mich an keine Einzelheiten mehr erinnern.

Ans Essen denkt keiner mehr, der Magen hat längst zu knurren aufgehört. Er scheint zu wissen, dass heute kein Tag für ihn ist. Es sind jetzt mehr als elf Stunden her, seitdem wir das letztemal etwas Rechtes gegessen haben. Wir wollen gleich weiter, um so weit wie möglich zu kommen, bevor die Dunkelheit ganz hereinbricht.

Die Welt liegt in jenem wunderbaren, glasklaren Zwielicht, das sie uns wie einen fremden Planeten erscheinen lässt. Ein Gefühl vielleicht, wie es Astronauten haben müssen: diese Distanzen, diese kosmische Perspektive; wie die letzte Tageshelle hinter den westlichen Horizont hinunterreicht, das mächtige Dunkel des Erdschattens nach sich ziehend; die gewältige Wölbung unseres Erdballes dehnt sich über die Horizonte, deutlich sichtbar; man glaubt, die Drehung, die Bewegungen der Erde fühlen zu können; im Osten ist der Mond aufgestiegen, eine Kugel, ein Körper. Ein kühler Hauch streicht von Westen her. Totenstille. Ungeheure Einsamkeit, als wären wir die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten!

Aufs Geratewohl steigen wir in die Ostwand hinunter, um zum Ostgrat zu gelangen, der etwa hundert Meter tiefer ansetzt. Allgemeine Richtung wäre Süden, zu einem Sattel; aber dort ist alles überhängend. Den Mond haben wir bestellt, diesen unersetzlichen Lichtspender, wie wir auch das Wetter bestellt haben. Tatsächlich könnten die Verhältnisse für zwei unerfahrene nächtliche Kletterer nicht idealer sein, und wir wissen es zu schätzen. Die Taschenlampen bleiben im Rucksack. Ich steige voraus. Ein leichter Absatz, dann überall senkrechte Platten. Ich suche nicht lange, entschliesse mich für eine Verschneidung, die gleich mit einem kurzen überhängenden Kamin beginnt. Ein Manöver mit einem fixen Seil bringt uns darüber hinweg; dann die grifflose Platte, über die ich, von oben gesichert, mit Hilfe der Reibung hinunterschwindle. Im Aufstieg wäre dies wohl leichtere Kletterei, aber ich glaube, auch die besten Bergsteiger klettern nicht gerne abwärts. Erleichtert atme ich auf, als Arnold wieder bei mir steht. « Im Fluge », mit einem eleganten Sprung, hat er die letzte Stufe gemeistert, während ich vergeblich versuchte, ihm Ratschläge zu erteilen, zu helfen, Griffe zu zeigen. Wieder dreissig Meter gewonnen. Ein schmales, schneebedecktes Band führt uns auf den Ostgrat. Eine Weile folgen wir dem Grat über einige Absätze hinab. Immer wieder meinen wir, man könne nicht mehr weiter. « Jetzt kommt eben die Abseilstelle, von der wir den ganzen Tag gesprochen haben », sagen wir, finden aber stets wieder eine Lösung. Oft schiebt man sich einfach rückwärts ins Dunkle, Ungewisse hinab und kratzt so lange mit den Schuhen am Fels herum, bis man glaubt, einen Halt gefunden zu haben. Wir versuchen einige Male, nach rechts zu queren, um auf den Südgrat zu gelangen, müssen aber vorerst noch weiter absteigen. Schliesslich erreichen wir ihn über gefährliche, ausgesetzte Schuttbänder und schräge Felsplatten, die mit jener tückischen Rollschicht aus Sand und Steinchen bedeckt sind. « Das sieht aus, als wäre noch nie ein Mensch hier hindurchgegangen », denken wir. Er mag uns nicht, dieser Südgrat: Allseitig bricht er in lotrechten Wänden jäh ab. Wir queren in die Wand zurück. Weit unter uns liegt ein grosses Firnfeld; dieses sollte man irgendwie erreichen, dann wäre man draussen aus dieser rutschigen Schweinerei! Steile Couloirs, richtige Steinschlagrinnen, ziehen durch die Wand hinab, unten in einer Stufe aufs Schneefeld abbrechend. Das Mondlicht täuscht uns diese Stufe mit einer Höhe von höchstens zwei Metern vor - das kann man ja noch klettern oder notfalls springen -, aber ein seltsames Unbehagen, vielleicht eine unbewusste Erfahrung mahnt uns: «... und wenn diese Wand, in die die Rinnen immer steiler hinauslaufen, fünfzig Meter hoch und womöglich überhängend ist? » Also wieder auf den Ostgrat hinübergequert und etliche Seillängen abgestiegen, bis wir ein schräges Felsband entdecken und nach kurzer Kletterei glücklich das Firnfeld erreichen. Uns schaudert, wenn wir in die Wand hinaufsehen und auf den schwarzen, überhängenden Wandgürtel, über den wir hinunterklettern - oder springen - wollten!

Der Schnee ist hart gefroren und dem Fels entlang so steil, dass wir uns vorerst mit allen vieren ankrallen müssen. Einzelne Steine und grössere Blöcke stecken im Schnee. Sie sind offensichtlich mit grosser Wucht hineingeschleudert worden. Gut, dass jetzt nicht gerade Steinschlagzeit ist. Wir eilen aus der Gefahrenzone, rutschen ab, wo es geht. Bis dahin sind wir den Abstieg langsam und überlegt gegangen, Schritt für Schritt, auf sicher, denn wozu auch eilen? Es könnte diese Nacht ja nicht mehr dunkler werden. Jetzt aber, da wir wieder sicheren, flacheren Boden unter den Füssen spüren, schreiten wir los, hacken uns, etwas schräg ansteigend, das Firnfeld wieder hinan, das sich als viel weniger ausgedehnt erweist, als wir im fahlen Scheine geschätzt haben. Wenig später befinden wir uns auf dem Sattel, der « Forcola del Riciöl », und beglückwünschen uns zum erstenmal zu unserem prächtig gelungenen Tag.

Wir sind beruhigt, endlich, nach diesem Tag voll Spannung, voll beunruhigender Ungewissheit. Dreizehn Stunden ganzer Einsatz von Geist und Körper; aber welche Befriedigung, welches SiegesgefühlUnd sogleich meldet sich auch der Magen, bekommt aber nur faule Witze zu hören: « So wie heute habe ich mich noch selten überfressen. Mein armer Bauch! Ich habe doch abmagern wollen! » oder: « Nie mehr Büchsenfleisch. Wieso immer Büchsenfleisch? Das fettige Zeug stösst mir schon den ganzen Abend auf. » Wir setzen unseren Abstieg fort, mit langen, wuchtigen Schritten ein Firnfeld hinunter, einen Gletscher, wie wir weiter unten feststellen, als uns an einem Steilhang das blanke Eis überrascht. Wir haben keine Pickel bei uns; also geht 's auf der Seitenmoräne weiter. Ein endloses Auf und Ab, ein Torkeln, Springen von Block zu Block -, so mühen wir uns zu Tale in diesem wackeligen Gelände, bei dem täuschenden Widerscheine des hochstehenden Mondes Immer wieder blicken wir an den Wänden des Westgrates empor, zu der langen Reihe von Türmen und Scharten, glücklich, nicht mehr dort oben zu sitzen.

Die Speiseassoziationen werden sentimentaler. « Pommes frites und Côtelettes », sagt plötzlich einer. Der andere: « Ach was, immer Pommes frites, Côtelettes. Gigot fribourgeois rôti au four, Pommes mousselines, Bouchées aux morilles... » - « Crème vanille à l' anglaise, Coupe diplomate, Salade Piz Bacone aux bananes flambées. » Und ganze Schwalle von Wasser laufen uns im Mund zusammen. Aber wir sind noch nicht zu Hause. Weiter, weiter, heisst es. Schweigsam gehorchen die Beine, unermüdlich. Bei einem gurgelnden Gletscherwässerlein löschen wir den gröbsten Durst. Ein Steinmann leitet uns auf die Wegspur; endlich erreichen wir die Stelle, wo wir vor etwa fünfzehn Stunden abgezweigt sind, und beim ersten begrasten Plätzchen hält uns nichts mehr: Wir werfen uns ins kühle Gras und verzehren Brot und Käse, was uns bei diesem Heisshunger hundertmal besser schmeckt, als es alle die kulinarischen « Luftschlösser » unserer gereizten Phantasie vermöchten. Erst beim Sitzen merken wir, wie sich in unseren Gliedern eine bleierne Schwere bemerkbar macht. Man möchte hier bleiben und einschlafen, so wohltuend ist es, sich niederzulegen und zu den Sternen hinaufzuschauen; aber die nächtliche Kälte rüttelt uns bald zum Weitergehen auf. Geröllhalden, Grashänge, ab und zu eine Wegspur, und endlich die Hütte, silhouettenhaft auf ihrem Hügel stehend. Wie schwankende Schatten müssen wir aussehen; doch niemand sieht uns, die Hütte erscheint wie in einen tiefen, leblosen Schlaf versunken.

Fiamma

Der Name Fiamma war für uns seit jeher ein Begriff. Mit ihm war die Vorstellung einer abenteuerlichen flammenförmigen Felsnadel verbunden, schon in unserer Bubenzeit. Man kannte sie vom Erzählen her, aus Bildern und Beschreibungen, und nun, da wir in ihrer Nähe waren, schien sie uns legendär genug, um eine Pilgerfahrt dorthin zu rechtfertigen. Nur kuriositätshalber, dachten wir, ohne hinaufzuklettern, nur um sagen zu können, wir hätten das Ding einmal aus der Nähe gesehen. Die Routenbeschreibung im Führer hatte uns bedenklich gestimmt. Dieses « sehr exponiert und schwierig » für die ganze Besteigung schien nicht für uns Amateure bestimmt zu sein.

Vor zwei Tagen, als wir am Morgen draussen standen und den Kreis von Granitgipfeln nach lohnenden Kletterrouten absuchten, kamen wir mit dem ältesten unserer sechs österreichischen Zimmergenossen ins Gespräch. Sie seien « olles Bergführo », sagte er, « olles Bergführo », die nach einer strengen Saison in die Schweiz gekommen seien, um noch miteinander etwas ruhigere Tage zu verbringen. « Uff, alle Achtung », dachte ich, « berühmte Kletterkatzen aus den Dolomiten, solche, die den Marmolata-Südpfeiler wie ihre Hosentasche kennen! » Er erklärte uns die Umgebung, riet uns dies und jenes. Als Massstab für unser Können verwendete er unseren Bergeller Erstling: Ago di Sciora. Da gäbe es vieles, was für uns reizvoll sein könnte: Gallo, Cacciabella, Balzett-Südgrat usw. Schliesslich kommt auch die Fiamma zur Sprache: « Die Fiamma ist wohl zu schwer für Sie. » Wir spitzen die Ohren, fragen... « Das ist zu schwer für Sie.Viel schwerer als Ago di Sciora. Und viel schwerer als Punta Rasica. » - « Was für ein Schwierigkeitsgrad? » - « Sechs! Schwierigkeitsgrad sechs! »- « Aber imFührer heisst es doch nur IV+ ?» - « Naa, das stimmt nicht. Auf den Führer können S'nicht gehen. » Arnold kratzt sich hinter dem Ohr. « Nichts für uns », denkt er, « da gehen wir gar nicht erst hin. » Aber dieses Gespräch war nicht dazu angetan, uns von der Fiamma abzuhalten. Es hatte ganz im Gegenteil unsere Neugierde nur gesteigert.

Der heutige Tag, ein Ruhetag nach der strengen Baconetour, scheint uns für derartige Experimente gerade geeignet. Ein Nordwind stösst einige Wolkenbänke ins Bergell hinüber; vielleicht bringt er uns Regen oder gar einen richtigen Wetterumsturz.

Etwa um die Mittagszeit stehen wir auf dem Gipfel der Spazzacaldeira, den wir in leichter Kletterei - mit klirrender Schlosserei und umgehängtem Seilbündel - erreicht haben. Auf dem gegen das Val Bregaglia abfallenden Nordgrat erblicken wir zum erstenmal die Fiamma: eine zwanzig Meter hohe, kühne Granitnadel, tatsächlich nicht viel weniger scharf als ein Messer, wie ein letztes Hochschnellen aus den jähen Plattenfluchten, in einem neckischen Züngeln endend.

Auf der schmalen Scharte am Fuss der Fiamma treffen wir die Vorbereitungen, rüsten uns zum « äusserst Schwierigen ». Wir sind gefasst auf eine « Taufe des sechsten Grades ».

Arnold ist es nicht geheuer, wenn er an der Felsnadel emporschaut: alles senkrecht, fast keine Gliederung, und dazu exponiert wie der Teufel, in überhängender, glatter Wand stürzt der Grat von der Scharte aus noch dreissig Meter gegen die steil weiterfallende Ostwand hinunter. « Ich lasse dich jedenfalls voraus », sagt er, « wenn du zwei Schritte weit kommst, bin ich zufrieden. » Ich habe im unteren Teil des Aufstiegs einen Haken entdeckt, dies beruhigt mich. Wenn's schlimm wird, werde ich selber nageln, und für das Unmögliche habe ich mir als letztes Hilfsmittel eine geborgte Strickleiter angehängt.

Sorgfältig mache ich mich an die Arbeit. Ich habe mir vorgenommen, nichts zu überstürzen, Kräfte zu sparen, um an entscheidender Stelle mein Ganzes einsetzen zu können. Der erste Karabiner klinkt ein. Ohne Hast, Schritt für Schritt, gleichsam in Millimeterarbeit, benütze ich eine schwache Verschneidung und erreiche, auf einer abgespaltenen, verdächtig wackelnden Platte stehend, einen Hangelgriff, der auf die Kante hinüberführt. Hier kommt die erste Kraftanstrengung: ohne zünftiges Stemmen rutschen die Füsse ab, und auf der Kante hört jeglicher Griff auf. Nur ein kleiner Stand, den man seitwärts aus dem Hangeln erreichen sollte. « Ha, Reckturnen », denke ich. « Aufstemmen in den ,Streckstütz'und... ja, irgendwie hinaufstrampeln. » Dies hat mich schon zum Keuchen gebracht. Aber wir haben ja Zeit, und hier stehe ich bequem: fünf Quadratzentimeter für die Füsse, links und rechts gähnende Tiefe, vor mir die glatte Kante, an der ich mit der Handfläche das Gleichgewicht halten kann.

Was weiter kommt, scheint unmöglich. Ein mannshoher Absatz, rechts in einen überhängenden Felskragen übergehend, riegelt die Kante ab. Nicht die geringste Ausweichmöglichkeit. Alles, was meine Hände abtasten, ist glatt, vollkommen griff los, und alles, was ich höher oben zu erblicken vermag, bedeutet mir dasselbe: abweisenden, haltlosen Granit, so ungegliedert, wie eben nur Granit sein kann. In greifbarer Höhe steckt ein Haken mit eingehängter Trittschlinge, der ich jedoch nichts zutraue.

Da gibt 's wohl nur noch eins: die Strickleiter.

Ich versuche alles Mögliche, einmal links, einmal rechts einsteigend, indem ich auf meinem Trittchen « umspringe », um Fuss zu wechseln. Aber alle Tricks bleiben vergeblich: die Leiter weicht jedesmal augenblicklich ins Leere aus. Nicht die leiseste Möglichkeit, mit den Händen entgegenzu-stützen und mich hochzuziehen. « Ich Dummkopf, einen Steigbügel auf einer scharfen Kante machen zu wollen », denke ich und nehme die Leiter wieder ab, « das blöde Ding wird mir wohl eher lästig fallen als nützen », und werfe die Leiter kurzerhand in die Scharte hinunter, wo sie klirrend aufschlägt.

Rébuffat sagt, man solle « mit dem Kopf klettern ». Vielleicht habe ich dies noch gar nicht getan. Schliesslich sind schon andere hinauf, und dass es beim Klettern Zauberei gibt, kann mir niemand weismachen. Und siehe: mit Hilfe des Mittels « Köpfchen » wird das Unmögliche möglich. Ich entdecke eine winzige Kerbe, die ein Ungeduldiger mit dem Hammer herausgeschlagen haben muss, kaum fünf Millimeter tief - und nun gelingt es mir, die Stelle in freier Kletterei zu übersteigen. Die Kerbe ist der einzige Tritt, welcher mir den ersten halben Meter höher hilft, alles andere geschieht mit « Reibungskunst ». Vibramsohlen und Handflächen müssen ihr Letztes hergeben, der Gleichgewichtssinn höchste Zuverlässigkeit beweisen.

Ohne brüske Bewegungen, schmiegsam wie die Katze, schleiche ich in die Ostwand hinüber, mich an kleinsten Vorsprüngen und Unebenheiten haltend. Die Platte, auf der ich quere, ist äusserst steil, so steil, dass sie von weitem senkrecht wirkt und sich erst jetzt als etwas zurückgeneigt erweist. Eine Fliege sollte man sein; mit klebenden Fussen an glatten, senkrechten Wänden umherzugehen, das müsste ein herrliches Gefühl seinErleichtert lasse ich wieder einen Karabinerhaken einklinken. « Rot anziehen, blau ganz locker! » kommandiere ich. Wir klettern versuchshalber am Doppelseil, wie die Grossen, obschon dies nur beim künstlichen Klettern wirklich einen Sinn hat. Wir haben jetzt vier der steckenden Haken benützt; dies ist der letzte, wie ich von hier aus feststellen kann. Ich befinde mich in der Fallinie unter dem Gipfel, noch etwa sieben Meter von ihm entfernt. Mit den Fussspitzen auf kleinen Unebenheiten stehend, gleichsam an der Platte klebend, versuche ich ein wenig auszuruhen... aber ich spüre, dass ich es nicht lange aushalten werde. Ich muss weiter, bevor das « Nähmaschinelen » einsetzt, das gefürchtete Fussgelenkzittem der Kletterer. « Beide Seile ganz locker! » - Ich will mich weiterschieben. Aber das eine Seil hält mich zurück. « Blau loslassen! » -«'S ist ja locker, es klemmt in den Karabinern! » höre ich Arnold ungeduldig. Ich glaube, jeden Augenblick rutschen zu müssen, nehme einen Schritt zurück und zerre an dem verklemmten Seil. Ruckweise kann ich es nachziehen, aber nicht, ohne meine labile Stellung aufs heikelste zu gefährden. « Dieses Verklemmen des Seils, das durch einige Haken und über Felskanten führt, es belästigt uns immer ausgerechnet dort, wo wir es am wenigsten schätzen », denke ich aufgeregt.

Das letzte Stück, das mir noch bevorsteht, ist zweifellos die schwierigste und exponierteste Stelle des ganzen Aufstiegs: fast senkrecht zieht sich die Platte etwas nach links gegen einen Gratzacken hinauf. Bei anderem Gestein, dem spiegelglatten Kalk zum Beispiel, wäre an solcher Steilheit und Grifflosigkeit jedes freie Klettern unmöglich. Die Kleinstruktur des Granits jedoch, die Gliederung seiner Oberfläche in feine Kristalle, ermöglicht ein « Adhäsionsklettern », wie wir es aus unseren Kalkbergen nicht gewohnt sind. Einige Feldspatkristalle für den Fuss - gottlob habe ich neue Schuhe mit scharfkantigen Sohlen; manchmal reicht ein grösserer Feldspat gerade aus, um die Fingernägel einzuhängen... kurz: in delikater Präzisionsarbeit, an der Grenze des Möglichen, gelange ich unter den Gratzacken, den ich mit einem letzten Ausstrecken gerade erwischen kann. Endlich wieder etwas Rechtes in den Händen. Verflogen ist das prickelnde Gefühl, die atemraubende Nervenanspannung. Mit einem Ruck schwinge ich mich auf die Gratschneide. « So, es ist geschafft », melde ich hinunter. Eine kurze, messerscharfe Kante trennt mich noch vom Gipfel, ohne Griff, ohne Tritt; aber die einzige Schneide ermöglicht es mir, mit einem Sprung in die Ostseite hinauszupendeln und das letzte Stück emporzuhangeln.

Der Gipfel ist nicht gerade das, was man unter « geräumig » versteht, aber auf einem frischen Abbruch kann ich mich bequem rittlings niederlassen. Es sei zuwenig Platz für zwei, behaupte ich, Arnold solle warten, bis ich wieder unten sei. Dies will ihm aber gar nicht in den Kopf; für ihn werde immer Platz sein, beteuert er, ohne den Gipfel gesehen zu haben. « Nun gut ,'s ist deine Sache, wenn du dir den Hintern zerschneiden lassen willst. » Gut gesichert lasse ich ihn nachkommen. Ich sehe und höre nichts von ihm, warte geduldig, bis ich wieder ein kleines Stück Seil nachziehen kann. Ein metallenes Klingen verrät mir, dass er wieder einen Haken ausgehängt hat. Er kommt - begreiflicherweise - rascher vorwärts als ich, dann aber stockt das Seil. Nach einer längeren Pause höre ich wieder etwas. Aha, jetzt zappelt er! Ein Ächzen und Stöhnen, unartikulierte Töne, Scharren und Kratzen dringen an mein Ohr, dann eine Reihe Kraftausdrücke... aber das Seil gibt nicht nach. « Was gibt 's ?» frage ich etwas schadenfreudig. Er befindet sich an der Querung zum ersten Stand auf der Kante und hat offenbar die « Reckturnübung » im ersten Anlauf nicht richtig angepackt. Es dauert noch eine Weile - man hört ihn verzweifelt raufen -, bis ich nachziehen kann und ihn in Sicherheit auf der Fünf-Quadratzentimeter-Standfläche weiss. Nachdem ich ihm das weitere Vorgehen genau erklärt habe, sehe ich vorerst nur eine Hand über den runden, abschüssigen Fels hin und her tasten, eine Zeitlang einen krausen Haarschopf - und langsam, aber sicher kommt er höher. Er macht das sehr gut, mit einem Gesicht, etwa wie wenn er durch die Kramgasse schlenderte. Beim letzten Haken angelangt, ergeht er sich in wüsten Erinnerungen an seinen Kampf um die Gratecke. Ich tröste ihn damit, dass ihm die härteste Nuss erst noch bevorstehe. Hier kann ich ihn nur auf den allgemeinen Stil des Weiterkletterns aufmerksam machen, nicht aber auf Einzelheiten. Damit weiss er schon genug und blickt misstrauisch auf seine abgeschabten Schuhe, jene vielgepriesenen und weitbewährten Militärschuhe.

Aber trotzdem gelingt es auch ihm, diese heikelste Platte frei zu erklettern, ohne Seilhilfe. Minutenlang kämpft er gegen das Gleiten, wagt keine Bewegung zu tun, verkrallt sich in ausweglose Stellungen, aus denen er kein Vorwärts und kein Zurück mehr zu finden glaubt. Die Fiamma ist wohl im Laufe der Zeit schwieriger geworden: die rauhe Oberfläche des Gesteins scheint durch die relativ häufigen Besteigungen schon stark abgenützt worden zu sein. Arnold beisst auf die Zähne; ich sehe, wie seine Schuhe langsam abgleiten, aber in letzter Sekunde vermag er die Gratkante zu ergreifen. Er reisst sich hinauf, streckt die Zunge heraus und keucht wie ein erschöpfter Hund, indem er loslässt: « Aber nie ist das ein sechster Grad! Ich will jetzt nicht sagen ,Nasenwasser ', aber ein sechster Grad ist dies nicht sonst wäre ich nicht hinaufgekommen !» Ich versuche ihn zu besänftigen und nach etwas kühleren Abwägungen einigen wir uns auf einen guten Fünfer.

Doch Arnold ist noch nicht auf dem Gipfel; nun kommt das Problem der Gipfelrast. Ich warne ihn nochmals, aber er entschliesst sich heraufzukommen und sich auf das Messer, die höchste Kante, zu setzen.

Dicht nebeneinander, Gesicht gegen Gesicht, rittlings auf der Schneide hockend, machen wir es uns « gemütlich ». Zuerst die Gipfelpfeife. Arnold hat unseren ehrwürdigen alten « Ofen », die grosse Sennenpfeife - ein Erbstück -, in der Scharte deponiert. So müssen uns mein kleines Epa-Pfeifchen, das ich zufälligerweise bei mir trage, und ein kleiner Rest ausgetrockneten Amsterdamers aus Arnolds Hintertasche für die ehrenvolle Aufgabe genügen. Bei der Pfeifensuche fällt mir ein Berner Trambillett in die Hände; verständnislos staunend betrachten wir es. « Weisst du noch, was das ist ?» frage ich. « Ach ja, gut, dass du mich daran erinnerst: für den Rückweg werden wir natürlich das Tram nehmen », gibt Arnold zurück. Wir lachen über allerlei seltsame Gedanken, die uns im Kontrast zu unserer ausgefallenen Situation aufsteigen, denken an unsere ahnungslosen Angehörigen, indem wir vergnügt unsere Beine hin und her baumeln lassen und von der luftigen Warte aus - höher und spitzer als mancher Kirchturm - in die Runde blicken.

Die Wolkendecke hat sich verdichtet; wir glauben, es werde jeden Augenblick zu regnen beginnen; der Nordwind hat aufgefrischt und lässt uns eine ungemütliche Kälte spüren. Das Geläute einer Kirche dringt aus der Tiefe des Tales zu uns herauf; winzig, wie ein Spielzeug, liegt die dichte Häusergruppe von Vicosoprano im Talgrund. Die Autos auf der Hauptstrasse: langsam vorwärtskriechende Punkte.

Unruhig rutscht Arnold auf seinem « Stuhl » hin und her, beginnt mit den Knien zu klemmen wie ein schlechter Reiter, um sein Gesäss zu entlasten. Er sagt, er müsse seinen Hosenboden schonen und macht sich zum Aufbruch bereit. Unser « Tram » ist rasch eingerichtet, eine bestehende Kerbe wird zur Sicherheit noch etwas ausgemeisselt und das Seil hineingelegt, die doppelte Reepschnur dient als Sicherung - dann schwebt Arnold « wollüstig » zur Tiefe. Er sagt, es gebe keinen höheren Genuss auf der Welt als das Abseilen und lässt einen Jodel ins Weite schallen. Die zwanzig Meter Reepschnur reichen nicht aus, um ihn bis auf einen ersten Stand zu sichern; es fehlen noch zehn Meter. So muss er mitten im Abseilen das heikle Manöver des Losseilens ausführen. Er hat nicht lange mit seinen Seilen herumhantiert - ich hatte den Blick und die Gedanken anderswo -, als plötzlich ein lautes Gerassel losgeht. Die gesamte Schlosserei, die Arnold um den Bauch gehängt hat, nimmt jetzt klirrend ihren Weg die Westwand hinunter; in allen Tonarten losschimpfend, schaut ihr Arnold nach. Der Hauptteil bleibt jedoch bald stecken und verschwindet zwischen grossen Felsblöcken; einzig ein schwerer Karabinerhaken hat die Flucht in die Freiheit gewählt: in grossen Sätzen sehen wir ihn zu Tale hüpfen, lustig klingend, wie um uns auszuspotten — ping... ping... ping... immer weiter, bis wir ihn aus den Augen verlieren. Noch lange hören wir ihn weiterspringen, immer leiser, immer ferner... « Hoffentlich wird im Dorf unten niemand von unserem daherkommenden Haken getroffen », denken wir.

Das Missgeschick erweist sich jedoch als nicht allzu folgenschwer; bis ich mich meinerseits abgeseilt habe, hat Arnold bereits den Rest der Haken ausfindig gemacht, und es handelt sich nur noch darum, sie mit Hilfe verschiedener Tricks herauszufischen.

Inzwischen hat der Magen beharrlich auf sein Recht zu pochen begonnen: der Nachhunger von gestern. Dies treibt uns wieder zur Hütte zurück - wir haben absichtlich keine grossen Mahlzeiten mitgenommen -, und so nehmen wir denn Abschied von « unserer » Fiamma, indem wir noch einmal ihre freche, herausfordernde Gestalt bewundern und über unsere nicht mindere Frechheit lächelnd den Kopf schütteln.

« Zu Hause » angelangt, wird der grosse Tisch ins Freie gestellt, denn mittlerweile hat sich die Sonne wieder schüchtern zu zeigen begonnen. Arnold, in Küchendingen immer unser Spezialist, bereitet den grossen Schmaus vor. Ich bin sein Handlanger und nehme willig seine Weisungen entgegen, die er mir mit geradezu fachmännischem Ernst erteilt. Ich bekomme eine Zwiebel, ein grosses Fleischmesser und darf mir damit an der Sonne die Zeit vertreiben. Es ist noch nicht 4 Uhr.

Da - wer kommt schweren Schrittes um die Hausecke und begrüsst uns mit erstauntem Gesicht? Unsere zwei Churer Freunde! Wir haben uns vieles zu erzählen. Sie glaubten uns längst in einer anderen Hütte, da sie gestern nichts mehr von uns gehört haben. Und als sie behaupten, heute den Bacone-West bestiegen zu haben, machen wir grosse Augen, fragen ungläubig, staunen. Sie seien natürlich viel früher abgehuscht als wir. Der Ältere habe ihn den ganzen Tag gehetzt, weil das Wetter in ihnen ernste Befürchtungen aufkommen liess, klagt der Jüngere; aber er habe dann gesehen warum: der Grat sei « verrückt lang ». Auch hätten sie die Erleichterung gehabt, immer unsere « Täppe » im Schnee zu finden und nicht lange herumsuchen zu müssen. Dann ergehen sich beide in Verwünschungen gegen den Bergeller Führer, und wir stimmen kräftig in den Chor ein. Einzelheiten werden in Erinnerung gerufen, schwierige Stellen nacherzählt. Wir erfahren, dass wir eine Abseilstelle « übersehen » haben: jene in einem Spalt endende Platte, wo wir auf dem Hosenboden « geklettert » sind.

Die Churer hatten es nicht für möglich gehalten, dass die Stelle frei zu erklettern sei. Wir seien halt noch jung, bei uns komme es weniger drauf an, meint der eine lachend.

Wir aber haben eine geheime Achtung vor der Leistung dieser zwei Männer. Beide in den Vierzigern, haben sie in elf Stunden das geleistet, wofür wir, ohne irgendwo faul herumgesessen zu sein, mehr als fünfzehn Stunden benötigt hatten.

Wir haben noch viel zu lernen...

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