Bergeller Erinnerungen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON HUGO WANNER, CHUR

Mit 2 Bildern ( 22, 23 ) Verärgert ob der verlockenden, aber um zwei Tage zu spät eingetroffenen Einladung aus der Sciora-Hütte, konnte ich mich lange zu keinem Entschluss durchringen. Hiess es da u.a. auf der Postkarte doch: « Am Donnerstag kommt Erwin Loop in die Sciora. Deshalb wäre es mir recht, wenn Du auch hier hinauf kämest. Beni bleibt evtl. auch länger, so wären wir dann zwei Zweierseilschaften. » Immer wieder las ich die Karte Walters, die mich aus unabgeklärten Gründen erst Freitag abends statt am Mittwoch erreichte, und versuchte zu entziffern, was für eine Tour mir wohl entgangen sei. Wollte er mit der Postkarte, eine Prachtsaufnahme der Sciora-Gruppe, das Ziel andeuten? Dass es sich kaum um ein alltägliches Unternehmen handeln konnte, durfte ich an der Zusammensetzung der Seilschaften erraten. Am Seil Walters oder Benis, an dem man ohnehin zu Sonderleistungen angespornt wird, durfte man sich im vollsten Vertrauen an eine « bessere Sache » heranwagen.

Dem Drange nach dem Ungewissen folgend, machte ich mich also, allerdings erst am Samstag, auf gut Glück trotzdem auf den Weg.

Und wirklich, der nächtliche Aufstieg zur Sciora-Hütte hatte sich gelohnt, wenn auch meine um zwei Tage verspätete Ankunft einiges Erstaunen auslöste. Zuerst musste ich allerdings erfahren, dass Beni, nachdem ihm und Walter kurz vorher die Durchsteigung der Badile-Nordostwand gelungen war, wegen « dringender Geschäfte » bereits heimgereist sei. Ebenso schmerzlich traf mich die Nachricht von der bereits durchgeführten Traversierung der Sciora-Gruppe von der Sciora di Fuori zum Ago durch Walter und Erwin. Offengestanden, leicht ist es mir gar nicht gefallen, diese Botschaften zu verdauen.

Ausgerechnet die Traversierung der Sciora-Gruppe, ein von mir seit Jahren still gehegter Wunsch, sollte ich verpasst haben! Was nützte es schon, die schlampigen Postkartenübermittler mit allen .nur denkbaren Liebenswürdigkeiten zu verwünschen.

Glücklicherweise gab es aber auch für Walter noch Neuland im Bergen. Auf Empfehlung Ueli Gantenbeins haben wir uns bald für eine « Ersatztour » entschlossen. Ganz versteckt, wie ein feines Mauerblümchen, gibt es in der Scioretta-Gruppe einen, von Osten her kaum bemerkbaren Felsturm, nach dem italienischen Bergeller Führer « Inominato » genannt. So bescheiden und unbedeutend er sich von der Albignaseite ausnimmt, so respektabel präsentiert er sich von Westen. Ungefähr 300 m hoch erhebt sich seine Westkante, die im Jahre 1951 erstmals vom Bergführer Ueli Gantenbein begangen wurde. Und tatsächlich, diese Tour im eisenfesten Bergeller Granit - sie entspricht ungefähr dem 5. Schwierigkeitsgrad - hat gehalten, was von ihr versprochen wurde. Eine Genusskletterei im wahrsten Sinne des Wortes, diese Westkante des Inominato, der nur der Fehler anhaftet, dass sie etwas zu kurz ist. Solches Klettern über feste Platten, Kanten und durch Risse möchte man nicht nur zwei Stunden lang geniessen. Aber trotzdem, restlos zufrieden über das gute Gelingen, genossen wir vom Gipfel den « instruktiven » Einblick in die Sciora-Gruppe, die mir vor zwei Tagen entgangen war. Vorsichtshalber liess ich mir von meinen Freunden die Traversierung der Gruppe in allen Details erklären, warteten doch drei Kameraden auf der Albigna drüben auf mich, die auch noch eine stramme Tour vorhatten. Für Walter und Erwin waren mit dieser Tour die Ferien leider beendet, so dass ich mich an diesem prachtvollen Septembersonntag-Nachmittag allein der Bocchetta Cacciabella-Nord zuwandte, um dann am Abend, wie verabredet, meine drei Kameraden aus Chur zu treffen. Bald waren wir uns einig, die Sciora-Traversierung von der Fuori zum Ago « nachzuholen ».

Es mag vier Uhr morgens gewesen sein, als wir uns noch tief in der Nacht, aber bei sternenklarem Himmel, den mühsamen Weg durch die Moränentrümmer zum Fuss des Ostgrates der Ago di Fuori suchten. Sobald es zu dämmern anfing, wurde sicherheitshalber - vor dem Einstieg - unser Grat nochmals mit dem Club-Führer verglichen. Mit der zunehmenden Tageshelle begannen wir, ungefähr auf halber Höhe, immer mehr an der Richtigkeit unserer Route zu zweifeln, bis uns dann Ueli mit hieb- und stichfesten Beweisen überzeugen konnte, dass wir uns « glücklicherweise » auf dem Ostgrat zur Scioretta und nicht auf dem Weg zur Fuori befänden; glücklicherweise deshalb, weil die Traversierung der Sciora-Gruppe, angefangen bei der Scioretta an Vollkommenheit bedeutend gewinnt. Zum Einlaufen für die lange Tagesreise, die uns bevorstand, war der Scioretta-Ostgrat wie gemacht. Mit dem Eintreffen der ersten Sonnenstrahlen standen wir bereits auf dem ersten Gipfel, wo sich uns eine Felslandschaft von kaum zu überbietender Wildheit öffnete.Vorsichtig stiegen wir über die teilweise noch nassen, in diesem Zustand gar nicht beliebten Granitbänder zum Colle della Scioretta, ein mühsamer Übergang von derCabanna Sciora zur Vedretta dell'Albigna, ab. Leichter, als erwartet, vollzog sich der Aufstieg vom Colle zum Gipfel der Sciora di Fuori. Bereits fing unser lieber Fredi, wie gewohnt, an Durst zu leiden. Mit Mühe gelang es Hitsch schliesslich, Fredi von der Zweckbestimmung unseres Liters Gemeinschaftstees zu überzeugen, der nur in Notfällen oder bestenfalls auf dem letzten Gipfel angetastet werden dürfe. Der Übergang von der Fuori zur Punta Pioda ist in dieser Richtung leichter als umgekehrt, da man sich vom südlichen Vorgipfel der Fuori über die schwierigste Stelle in der Südostwand in die Scharte zur Punta Pioda abseilen kann. Der Aufstieg von hier zum Gipfel der Pioda wäre etwas leichter ausgefallen, wenn wir uns nicht durch einen direkten Anstieg über verlockende Platten und Risse hätten verleiten lassen. Anfänglich ging auch alles gut, bis wir in einem vereisten und brüchigen Kamin steckenblieben. Dank des noch frühen Morgens konnte uns dieser Verhauer, der uns immerhin eine wertvolle Stunde kostete, nicht aus dem Konzept bringen. Obwohl nun die richtige Route entdeckt war, zu der wir ca. 50 m hätten absteigen müssen, liessen wir diese rechts liegen und riskierten eine Variante über steile, aber gutgriffige Stufen und Platten, die uns direkt zum Gipfel führte. Glückstrahlend ob dem bisherigen 3Die Alpen - 1961 - Les Alpes33 guten Verlauf der Tour, durften wir uns auf dem luftigen Kirchendach der Pioda eine längere Rast erlauben.

War das schön dort oben im Licht der Herbstsonne in die Runde der Bergeller Berge, die sich aus den rauhen Nebelwogen des Tales herausschälten, zu schauen! Wurden Hans Rütter, dem Verfasser des Bergeller Führers, die folgenden Gedanken für sein Vorwort wohl dort oben eingegeben: « Südliche Bergeller Berge. Eine zauberhafte Welt, voll einzigartiger Schönheit! Wie die Türme von Kathedralen recken sich schlanke Nadeln in die Lüfte empor, daneben himmelanstrebende Zyklopenmauern, Plattenschüsse, Eiscouloirs von unerhörter Steilheit, sturzbereite Hängegletscher. » Mit Ehrfurcht denken wir an die Leistungen und Pionierarbeit eines Christian Klucker, der, ohne irgendwelche technische Hilfsmittel, in Nagelschuhen, als erster im Bergell Grate, Wände und Eiscouloirs bestiegen hat, Besteigungen, die heute noch uns in Erstaunen versetzen, da sie äussertes Können verlangen. Mit nicht weniger Respekt erinnern wir uns auch an Alfred Zürcher und Walter Risch, die am 2. August 1923 erstmals die Sciora-Gruppe von der Sciora di Dentro zur Sciora di Fuori überschritten. Sie haben damit, zwei Tage vor ihrer Erstbegehung der Badile-Nordkante, eine der grosszügigsten Fahrten im Bergell eröffnet.

Die fortgeschrittene Zeit ermahnte zum Aufbruch, wartete doch noch ein harter und langer Weg bis zum Ago. Der Abstieg zur Forcola di Sciora bringt zwar keine besonderen Schwierigkeiten, erforderte aber zufolge der Steinschlaggefahr in der Nachmittagssonne gebührende Vorsicht. In der Forcola begann das Rätselraten um den zweckmässigsten Nordaufstieg zur kühnen Felsnadel des Ago di Sci ora. War bis jetzt alles programmgemäss verlaufen, so wollten wir nicht ausgerechnet den letzten Gipfelaufstieg der Unachtsamkeit opfern. Nachdem sich Fredi so heldenhaft mit seinem « höllischen Durst » abgefunden hatte, überliessen wir ihm dafür als Anerkennung die Führung über die fast senkrechte Nordwand des Ago. Nach gut einer Stunde war auch dieses Schlußstück herrlichster Kletterei überwunden. Nochmals durften wir das Gipfelglück auf einer der schönsten Bergeller Spitzen auskosten, wobei unsere Blicke immer wieder an den mächtigen Nordost- und Nordwänden des Badile und Cengalo haften blieben. Wild zerrissen und damals kaum mehr begehbar lag uns gegenüber der steile Bondascagletscher. Langsam kam uns zum Bewusstsein, dass uns heute bei strahlendem Wetter eine Bergfahrt geschenkt wurde, die es verdiente, mit goldenen Buchstaben ins Gipfelbuch, das nur vereinzelte Sciora-Traversierungen verzeichnete, eingetragen zu werden.

Nicht ganz programmgemäss verlief eines der Abseilmanöver zur Bochetta del Ago als in einem Kamin das Seil hängen blieb. Alle « Liebkosungen », aber auch alle « Verwünschungen » nützten nichts; das Seil rückte um keinen Zentimeter von seinem Fleck. Nochmals versuchte Ueli Frey das Glück. Mit Leibeskräften zog er am Seil, bis schliesslich das eingetreten ist, was wir längst befürchtet hatten: Mitten in der nahezu senkrechten Südwand, gar nicht an einem ausgesprochenen Ruheplatz, renkte er sich bei dieser « Übung » wieder einmal seine Schulter aus. Wer das Meisterstück fertigbrachte, diese wieder kunstgerecht zu placieren, weiss ich nicht mehr. Aufgeatmet haben wir alle, als diese Operation, wenn auch unter heftigen Schmerzen, zur Zufriedenheit des Patienten ausfiel. Als sich endlich noch das hängengebliebene Seil unserem Willen fügte, war ein recht ungemütliches Intermezzo überwunden, das uns nicht nur eine Stunde zurückhielt, sondern beinahe ein unfreiwilliges Biwak in kalter Herbstnacht gekostet hätte. Früher als gewünscht, überraschte uns der dichte Nebel, ausgerechnet dort, wo der Übergang aus der Moräne zum Weg nach der Albigna-Hütte gar nicht leicht zu finden ist. Jeder suchte auf gut Glück nach dem ersehnten Hüttenweg, bis wir uns schliesslich kurz vor der kleinen Albigna-Hütte, die inzwischen dem Kraftwerkbau geopfert werden musste, wieder zusammenfanden, um gemeinsam und überglücklich eine selten schöne Fahrt im wilden Bergell zu beenden.

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